Prolog

Viele Jahre waren vergangen, seit Gundur zu Drinh, allein mit der Macht des Wortes, die drei Nordlande vereinigt hatte. Die Wanderpriester des Wissens, aus der Mitte des Kontinents, durchstreiften auf ihrer Suche nach einzigartigen Naturschätzen die gesamte bekannte Welt. Einer von ihnen, Qaromar, drang bis in die nördlichen Ausläufer des gewaltigen Aralt-Gebirges vor, das sich Hunderte von Meilen zwischen Mithrien und Zogh erstreckte. Schließlich entdeckte Qaromar die Höhlen von Zogh, in denen es ungewöhnliche Kristallvorkommen gab.
Danach benötigten die Priester des Wissens nur zehn Jahre, um am Fuß des Aralt-Gebirges eine befestigte Forschungsanlage zu errichten, die sie „Monasterium von Sylabit“ nannten. Die Zogh, kriegerische Menschen mit einer grauen Hautfarbe, die während Jahrtausenden des Lebens in Höhlen entstanden war, duldeten die Anlage, weil die Priester des Wissens den Einheimischen bei der Bekämpfung von Krankheiten halfen und ihnen wichtige Erkenntnisse für die Nahrungsbeschaffung vermittelten.
Knapp einhundert Jahre währte das friedliche Zusammenleben. Dann stahl einer der Priester des Wissens dem Herzog der Höhlen-Zogh einen grünen Kristall, dem man geheimnisvolle Kräfte nachsagte. Die Höhlen-Zogh riefen daraufhin Königin Usuldura zu Hilfe, die Herrscherin der wilden Zogh der Hochebenen, die das Kind des Herzogs trug. Usuldura eroberte Sylabit in einem blutigen Kampf, in dem fast alle Bewohner des Monasteriums getötet wurden. Nur dem Leiter der Forschungsanlage und seiner kleinen Tochter gelang die Flucht mit dem grünen Kristall durch einen unterirdischen Tunnel. Das geschah vor genau einhundertundfünfzig Jahren. Ihre Gestalten verschwanden in den Nebeln des Vergessens.
Als sich die Nebel lichteten, hatte bereits ein Spiel begonnen, bei dem es um keinen geringeren Einsatz als um das Schicksal einer ganzen Welt ging.
*
Nachdenklich musterte der alte Mann das versiegelte Schriftstück, das vor ihm auf der Platte seines Arbeitstisches lag. Die Taube, die es gebracht hatte, saß noch auf dem Fenstersims. Offenbar ruhte sie sich für ihren langen Rückflug in das ferne Land aus.
Die Gedanken des Mannes schweiften ab. Er sah die schreckgeweiteten blauen Augen vor sich, als der Eisgraf bemerkt hatte, dass er in eine Falle getappt war. Er hatte den weißen Kreis gesehen, aber offenkundig nicht gewusst, was dieses uralte Symbol bedeutete. Diese Unwissenheit hatte den Hüter des Größten aller Eisbäume das Leben gekostet.
Der Brief wies keinen Absender und keine Anrede auf und war auch nicht unterzeichnet. Wenn er in falsche Hände gelangt wäre, hätte sich das Fehlen dieser Angaben als wichtig erweisen können. Der alte Mann wusste ohnehin, wer das Schreiben verfasst hatte. Erneut las er die beiden Zeilen, die über das Schicksal eines Menschen entscheiden sollten:
„Die Vögel haben mir berichtet, dass der Größte aller Eisbäume einen neuen Hüter erwählt hat. Du weißt, was zu tun ist.“
Eine verschnörkelte Schrift auf braunem Pergament, versehen mit einem weißen Kreis, dem archaischen Symbol der Vergeltung. Für die Opfer sollte dieses Symbol eine Warnung darstellen. Aber der letzte Unitor hatte es in seiner Unwissenheit nicht beachtet und dem Neuen war es sicherlich ebenfalls nicht geläufig. Umständlich und voller Zweifel erhob sich der alte Mann. Anscheinend ging es längst nicht mehr um ehrenvolle Vergeltungsakte, die von ihm verlangt wurden. Die Zeremonie war inhaltsleer geworden. Er hasste dieses seelenlose Morden. 



Kapitel 1 – Die Todesloge

Als Tritor zum Hinrichtungsplatz hinunterschaute, wurde ihm klar, dass ihn heute der kleinste Fehler ins Verderben führen würde. Seine Hände krallten sich so angespannt an die Balkonbrüstung, dass die blauen Adern aus seiner grauen Haut hervortraten. Selbst für einen Mann, der die Nähe des Todes gewohnt war, stellte dieser Auftrag ein außerordentliches Wagnis dar.
Stämmige Soldaten der Schildwache, mit breiten Schultern und grimmigen Gesichtern, hatten bereits mit ihren aufgepflanzten Lanzen vor der großen Holztribüne auf der rückwärtigen Seite des runden Platzes Aufstellung bezogen. Sie hatten die Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf des Hinrichtungsrituals zu sorgen. In ihren schweren Rüstungen hinter den rautenförmigen Eisenschilden wirkten sie wie eine undurchdringliche Mauer. Das Wappentier der Schildwache, ein Panzerkrokodil mit dolchartigen Zähnen im aufgerissenen Maul, unterstrich zusätzlich die Kampfbereitschaft und Entschlossenheit dieser Phalanx.
Kein Lufthauch regte sich innerhalb der rötlichen Dunstglocke, die über dem Platz die Strahlen der sengenden Sommersonne eingefangen zu haben schien. Die flirrende Hitze und die atemlose Stille, die auf dem Forum lasteten, waren nahezu greifbar. Die obesischen Flaggen rundherum und zu beiden Seiten des Holzpodests mit dem Richtblock hingen schlaff und unbewegt an den Masten herab. Nur der blutrote Untergrund war zu erkennen, nicht aber das schwarze Schwert. Tritor stand auf einem kleinen Balkon im sechsten Stockwerk des wuchtigen, aus braunen Quadern errichteten Bauwerks. Ein unbefangener Reisender hätte es eher für eine Kaserne als für eine Herberge gehalten. Aber hier in Modonos, der Hauptstadt Obesiens, waren fast alle Gebäude wuchtig und aus braunem Stein. Für Fremde hatte die ganze Atmosphäre in dieser Stadt etwas Bedrohliches, und dieser Eindruck hatte durchaus seine Berechtigung. Die Obesier galten von jeher als kämpferische Rasse. Aber seit Beginn der neuen Ära schien das Verhalten jedes Einzelnen, wie auch das des gesamten Volkes einem gleichförmigen Muster zu folgen. Alle Bestrebungen waren letztlich nur noch auf die Erweiterung des eigenen Lebensraums ausgerichtet. Immer wieder hatte der „Berater“ betont, dass insgeheim ein Krieg vorbereitet wurde, der epische Ausmaße anzunehmen drohte. Möglicherweise würde er nicht nur über das Schicksal der Vereinten Nordlande, sondern vielleicht sogar über das Schicksal des gesamten Kontinents entscheiden.
Der Mann unterbrach seine Betrachtungen. Er musste jetzt die notwendigen Vorbereitungen treffen. Tritor war ein Eisgraf und gehörte damit zu den Hauptakteuren jenes geheimen Krieges. Alle neun Eisgrafen sahen es als ihre Aufgabe an, zu verhindern, dass die freien Menschen der Nordlande von der drohenden Flut hinweggespült würden.
Langsam griff Tritor nach seiner dunkelroten Samtkappe, einer Kopfbedeckung, die ihn als akkreditierten ausländischen Kaufmann auswies. In diese Mütze hatten die unvergleichlich geschickten Schneider des Hüters der Flammen ein feines Gespinst aus silbernen und rotgoldenen Fäden eingewoben, welche die verstärkten Ausstrahlungen seiner Gehirnwellen vor der geheimnisvollen Wahrnehmungsgabe der Obesier verbargen. Eine Tarnkappe im doppelten Sinne, die den Feind über seine wahre Mission ebenso täuschte wie über seine besondere Gabe, den „vernichtenden Blick“. So bezeichneten die Völker des Kontinents die Fähigkeit der Eisgrafen, allein mit Hilfe ihrer Gedanken Menschen und Gegenstände zu zerstören.
Für einen Augenblick erschien Octoras Bild ganz deutlich vor Tritors innerem Auge, ihre ebenmäßigen, strengen Züge mit der Andeutung eines spöttischen Lächelns in ihren Mundwinkeln. Ihre strahlenden, grauen Augen bildeten eine perfekte Einheit mit der grauen Haut, wie sie für die Menschen in Zogh typisch war. Die Liebe seines Lebens, jetzt so weit entfernt wie die Sterne.
Tritors Blick fiel zufällig auf einen weißen Kreis. Jemand hatte ihn oberhalb der schmutzigen Abflussrinne auf die Stirnwand des Balkons gemalt, anscheinend ohne jeden Sinn. Der weiße Kreis erinnerte den Eisgrafen unwillkürlich an eine Zielscheibe. So fasste er den Entschluss, ein letztes Mal vor dem entscheidenden Einsatz seine zerstörerische Gabe genau auszurichten. Auf die beträchtliche Entfernung von dem hochgelegenen Balkon bis zum Schafott im hinteren Bereich des großen Platzes war es selbst für einen erfahrenen Eisgrafen äußerst schwierig, ein Objekt genau zu erfassen. Aber heute hing das Leben eines anderen Eisgrafen davon ab, dass ihm dies gelingen würde.
Während er seinen Blick auf der Suche nach einem geeigneten Gegenstand über das Forum schweifen ließ, entdeckte er aus den Augenwinkeln, an der Steinwand neben der Türöffnung, einen schwarzen Mon´ghal, der ihn mit seinen stumpfen Augen anzustarren schien. In den Nordlanden gab es keine Mon´ghale, vermutlich weil während der meisten Zeit des Jahres eine klirrende Kälte herrschte. Hier in Obesien jedoch, waren diese handspannengroßen, raupenähnlichen Tiere überall verbreitet. Einer ersten Eingebung folgend hatte Tritor schon mit dem Gedanken gespielt, den Mon´ghal zu erschlagen. Dann sah er eine fette Spinne mit roten Bändern an den Gelenken ihrer fast fingerdicken Beine, die stockend in Richtung des Raupenwesens kroch. Mit hämischem Grinsen beschloss Tritor, der Spinne die Mahlzeit nicht zu verderben.
Die auch im Umgang mit Tieren zur Brutalität neigenden Obesier töteten Lebewesen häufig ohne ersichtlichen Grund, insbesondere wenn es sich um natürliche Feinde der Mon´ghale handelte. Die schwarzen Raupen dagegen blieben unangetastet, obgleich deren hässliche Präsenz allgegenwärtig schien. Jedenfalls hatte Tritor noch nie gesehen, dass ein Obesier einen Mon´ghal getötet hätte. Stattdessen war ihm wiederholt aufgefallen, dass die offenbar nutzlosen Raupenwesen sogar gefüttert wurden. Allein dieses Verhalten der verhassten Obesier hatte für Tritor ausgereicht, eine ansonsten nicht erklärbare Abneigung gegen die scheinbar harmlosen Mon´ghale zu entwickeln.
Als der blecherne Klang der Fanfaren ertönte, wurde Tritor bewusst, dass der entscheidende Augenblick bevorstand. Er durfte sich jetzt nicht mehr ablenken lassen.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit setzte er seine Suche nach einem geeigneten, unauffälligen Zielobjekt fort. Endlich wurde er fündig. Neben der Holzbühne, die eigens für das makabre Schauspiel aufgeschlagen worden war, lag ein unscheinbares Stück Stoff, womöglich ein Tuch, das einer der Zimmerleute beim Aufbau verloren oder weggeworfen hatte. Rasch zog Tritor die rote Samtkappe vom Kopf und konzentrierte sich auf den Stofflappen. Unsichtbare Schwingungen strömten von dem Eisgrafen aus. Sie hüllten das Tuch in ein waberndes Feld, das einer schillernden Luftblase im Wasser glich. Als die Blase einen Augenblick später erlosch, war von dem Gewebe nur noch ein wenig Staub übriggeblieben. Niemand hatte den Vorgang bemerkt.
 Sie sind so versessen darauf, sich am Tod anderer Menschen zu berauschen, dass sie selbst ihren eigenen Tod zu spät bemerken würden, dachte Tritor in einem Anflug von Zynismus. Hastig stülpte er sich die Tarnkappe wieder über und wandte sich der Hinrichtungszeremonie zu. Er konnte nicht ahnen, dass sein eigentlich aus kühler Überlegung entsprungenes Handeln eine für ihn verhängnisvolle Wendung des Schicksals ausgelöst hatte.
Inzwischen hatte auch das dumpfe Läuten der Totenglocken eingesetzt und bildete einen atonalen Kontrast zu den blechernen Fanfaren, der jedes unverbildete Gehör beleidigte. Eine durchaus passende Klangkulisse für einen öffentlichen Mord, dachte Tritor.
*
Arakhad schwitzte unter dem ungewohnten Kettenhemd in dem kleinen Zimmer, das ihm von der Geheimen Schar im fünften Stockwerk der „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“ zugewiesen worden war. Mitglieder der Geheimen Schar trugen normalerweise bei ihren Einsätzen nur leichte Panzerhemden aus mehrfach verleimten Leinenschichten. Heute galt eine geänderte Anweisung, weil ausnahmsweise die „Viper“ das „Krokodil“ bei der Absicherung des Hinrichtungsrituals unterstützen musste. Bei der Obesischen Viper handelte es sich um eine kleine, aber hochgiftige Schlange, die die Färbung ihrer Haut der Umgebung anpassen konnte. Wegen ihrer todbringenden Unauffälligkeit hatte die Geheime Schar sie als Wappentier auserkoren. Arakhad war als einem von vierzig in den umliegenden Gebäuden verteilten Soldaten dieser Eliteeinheit die Aufgabe zugewiesen worden, bei etwaigen Unregelmäßigkeiten während der Hinrichtungszeremonie sofort einzuschreiten. Das Kollektiv war nervös und hatte Sicherheitsvorkehrungen auf höchstem Niveau angeordnet. Es durfte kaum davon ausgegangen werden, dass die Exekution eines Eisgrafen ohne Zwischenfälle verlaufen würde.
Arakhad spielte an seinem Jadering mit dem Relief der Wappenviper herum, ohne ihn aber wirklich zu beachten. Gerade wollte er aufstehen, um auf den Balkon hinauszutreten, als er einen kurzen Impuls wahrnahm. In seinem Kopf spürte er feine Schwingungen, die sofort wieder abbrachen. Es war genau der Augenblick, in dem sich der Stofflappen neben dem Schafott unter dem „vernichtenden Blick“ Tritors auflöste. Ungestüm sprang Arakhad auf, riss sein Schwert aus der Scheide und stürzte aus dem Zimmer. Seine Schritte hallten durch den spärlich beleuchteten Steinflur, als er zu dem gegenüberliegenden Treppenaufgang hetzte. Dabei bemerkte er, wie eine schlanke Gestalt katzengleich aus dem weiter rechts gelegenen Treppenabgang zur darunter befindlichen Etage auftauchte und sich auf ihn zu bewegte. Zwei rötliche Augen hefteten sich auf ihn. Für einen Moment hielt Arakhad inne. Irgendetwas schien mit dem jungen Mann nicht zu stimmen. Einem inneren Zwang folgend ignorierte der Obesier aber dieses Gefühl und stürmte weiter die Treppe hinauf zum sechsten Stockwerk. Er hatte seine Pflicht zu erfüllen und keine Zeit, sich um einen Priester des Wissens zu kümmern, auch wenn ihm dessen Verhalten merkwürdig vorkam. Arakhad hielt sich nicht nur hier auf, um eine Hinrichtung zu überwachen. Seinen eigentlichen Auftrag hatte er vom Höchsten Priester persönlich erhalten. Und das war ein Mordauftrag.
*
Das Kollektiv, der aus sieben Mitgliedern bestehende Herrscherrat Obesiens, hatte Telimur ausgewählt, um den todgeweihten Häftling zu befragen und die „Worte des Letzten Trostes“ zu ihm zu sprechen. Dadurch wurde dem jungen Priester eine große Ehre zuteil, weil er eigentlich noch viel zu unerfahren für eine solche Aufgabe erschien. Dass er dennoch ausgewählt worden war, hatte er nicht nur einer Empfehlung aus dem „Inneren Zirkel“ des Priesterordens zu verdanken. Der eigentliche Grund bestand darin, dass die anderen Priester des Wissens wenig Interesse an derart profanen Themen wie der sogenannten „Gesprächsforschung“ hatten, die die Bezeichnung „Wissenschaft“ eigentlich gar nicht verdienten.
Telimur hatte nach anfänglichen Schwierigkeiten viele wichtige Informationen aus dem gefangenen Eisgrafen herausgepresst, ohne die ultimative Folter anwenden zu müssen. Zumindest glaubte dies das Kollektiv, nachdem es die Dokumente erhalten hatte. Der junge Priester wusste es besser.
Er ahnte, dass er die zentrale Figur eines Komplotts gegen die obesische Obrigkeit war. Aber er hatte diese Rolle bereitwillig übernommen. Tief in seinem Inneren missbilligte er schon immer die starre, einseitig auf Kriegführung ausgerichtete Ordnung in seinem Land.
Als Telimur den Delinquenten verließ, zweifelte er nicht daran, dass es zu einer Katastrophe kommen würde. Auch davon ahnte das Kollektiv nichts, weil es von dem jungen Priester im Auftrag seines höchsten Ordensherrns getäuscht worden war.
Telimur betrat die „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“. Sein Ziel, ein unscheinbarer Balkon, befand sich im sechsten Stockwerk. Als er völlig außer Atem den Treppenabsatz des fünften Stockwerks erreicht hatte, kam ihm ein großer, breitschultriger Obesier mit gezogenem Schwert entgegen gepoltert.
„Zu spät“, zuckte es Telimur durch den Kopf. Der Mann hatte kurz innegehalten und ihn angestarrt, rannte dann aber sofort weiter auf die Treppe zu, die zum sechsten Stockwerk führte. Telimur beeilte sich, ihm unbemerkt zu folgen. Dabei glitt der Cirrha-Dolch mit der rötlich schimmernden Klinge aus den Ärmelfalten seines olivgrünen Gewands in seine Hand. Er hielt den Griff bereits fest umklammert als er den Treppenabsatz des sechsten Stockwerks erreicht hatte. Gegenüber lag die Türöffnung eines logenartigen Balkons, der vom Gemeinschaftsflur der Herberge den Blick auf den Richtplatz ermöglichte. Der Türrahmen wurde fast ausgefüllt von dem Rücken des Mannes, der vor Telimur die Treppe hochgeeilt war.
*
Ein ohrenbetäubendes Geschrei brandete auf, als die Gardisten von Modonos mit ihrem Gefangenen im Zugangstor zum „Platz der Einkehr“ erschienen. „Ein seltsamer Name für eine Hinrichtungsstätte“, dachte Tritor. Der plötzliche Lärm schien sogar die Spinne irritiert zu haben, die knapp eine halbe Armlänge vor dem Mon‘ghal wie erstarrt innehielt und ihren Weg nicht mehr fortsetzte.
Tritors Augen suchten die Menge vergeblich nach dem anderen Eisgrafen ab, der sich durch das Tragen eines olivgrünen Gewands als Priester des Wissens tarnen sollte. Tritor beneidete ihn nicht um die Aufgabe, die er freiwillig übernommen hatte. Aber da gab es noch einen dritten Eisgrafen. Der war am allerwenigsten beneidenswert.
Vier Gardisten begleiteten den Gefangenen auf seinem letzten Gang, jeweils einer vorne, hinten und zu beiden Seiten. Sie trugen über ihren schimmernden Paraderüstungen mit dem Symbol des Schwarzen Panthers dunkelbraune Umhänge, die Tritor an die Reitermäntel seiner Zogh-Krieger erinnerten. Stiftschützen der Schildwache bildeten eine breite Gasse bis zum Aufgang der aus rohen Holzbohlen für die Hinrichtung zusammengezimmerten Bühne. Die runden Mündungsrohre der Stiftlader mit den pfeilartigen Stahlbolzen, schienen die Bewegungen der kleinen Prozession mitzumachen.
Tritor konnte den Delinquenten nur von hinten sehen. Das eiserne Augenband, das die Gardisten dem Gefangenen übergezogen hatten, war jedoch unverkennbar. Es sollte ihn an der Anwendung des „vernichtenden Blicks“ hindern.
Tritor wusste, dass die Stiftschützen das größte Problem darstellten. Langsam fasste er nach seiner Tarnkappe. Er würde sie erst im allerletzten Moment vom Kopf nehmen. Ab diesem Zeitpunkt konnten in der Nähe befindliche Obesier die Verstärkung seiner Gehirnwellen spüren und ihn als Eisgrafen erkennen.
                                                                                                     
Plötzlich vernahm Tritor ein dumpfes Geräusch in seinem Rücken. Als er herumfuhr, sah er die zerschlagene Spinne, noch bevor ihn das Schwert des Obesiers durchbohrte. Um nicht aufzufallen, hatte Tritor seinen schweren Harnisch in seinem Kaufmannswagen außerhalb der Stadt zurückgelassen. Allein die metallenen Schienen an seinen Armen und Schenkeln hatten ihn gegen den Stoß in seine Brust nicht schützen können. Während der Eisgraf zurücktaumelte und langsam hinterrücks über die Brüstung kippte, schoss ihm ein letzter Gedanke durch den Kopf: „Warum hat der Obesier zuerst die Spinne getötet und dadurch wertvolle Zeit verschwendet, die ihm hätte fehlen können?“
Arakhad griff nach Tritors Bein, um den Sturz der Leiche vom Balkon zu verhindern aber dazu war es bereits zu spät. Der Obesier verfehlte das Bein des Eisgrafen und spürte gleichzeitig einen jähen Schmerz an seiner eigenen Kehle. Der Leichnam Tritors segelte an fünf Stockwerken vorbei, bevor das Schwert in seiner Brust und die stählernen Arm- und Beinschienen mit lautem Getöse auf dem Boden hinter den Zuschauerrängen auftrafen.
Da sich der Lärm zwischenzeitlich gelegt hatte, hallte das scheppernde Geräusch weit über den „Platz der Einkehr“. Unmittelbar darauf krachte es zum zweiten Mal, als ein weiterer Körper noch lauter als der erste auf das Pflaster aufschlug.
*
Telimur wusste sofort, dass er zu spät gekommen war, um die ihm vom Höchsten Priester aufgetragene Anweisung zu erledigen. Der Soldat, der ihm den Rücken zukehrte, hatte einen Schritt nach vorn gemacht und rammte gerade sein Schwert in Tritors Körper. Mit einem weiten Satz sprang Telimur von hinten an Arakhad heran und fuhr ihm mit dem Cirrha-Dolch in einer blitzschnellen Bewegung quer über die Kehle. Blut spritzte aus dem Hals des massigen Obesiers. Gurgelnd sank er auf die Knie und kippte zur Seite. Telimur fing den Körper auf, riss ihn hoch und stieß ihn über die Balkonbrüstung hinweg. Dabei fiel der wertvolle Dolch aus seiner Hand. Schnell tauchte der junge Priester weg und nahm die Waffe wieder an sich. Er würde sie benötigen, falls jemand versuchen sollte, ihn an der Flucht zu hindern.
Auf dem Richtplatz brach eine sich ständig steigernde Unruhe aus. Wenig später mischten sich Schreie in das laute Krachen einer zusammenbrechenden Holzkonstruktion. Telimur entzog sich der Versuchung, einen Blick über die Balkonbrüstung zu werfen und dabei entdeckt zu werden. Wenn er entkommen wollte, musste er so schnell wie möglich zum Platz hinuntergelangen. Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne. Sein Blick war auf die Überreste der zerquetschten Spinne und den Mon’ghal gefallen. Das schwarze Raupenwesen an der Wand schien ihn unentwegt anzuglotzen. Da erinnerte sich Telimur an die Worte des Höchsten Priesters. Mit der blutigen Klinge seines Cirrha-Dolches spießte er den Mon‘ghal auf. Danach rannte er durch die Türöffnung zur Treppe.
*
Wegen des Augenbandes konnte Unitor nichts sehen. Die beiden Gardisten an seinen Seiten ergriffen rüde seine Arme und zwangen ihn, stehen zu bleiben. Er war am Fuß des Hinrichtungspodests angekommen. Mitten in der Schwärze, die in diesem Augenblick seinen Geist umfing, leuchtete plötzlich eine helle Flamme auf, die aber sofort wieder verglomm. Da wusste Unitor, dass es nur noch acht Eisgrafen gab.
Sekunden später spürte er, wie sich eine allgemeine Unruhe auf der Zuschauertribüne ausbreitete. Nach und nach erfasste diese Unruhe den gesamten Platz. Vereinzelte Schreie waren zu hören.
Unitor selbst empfand nichts als die innere Leere vor der langen Nacht des Todes. Dann plötzlich durchdrang ein Bild in seinem Geist die Schwärze vor seinen Augen, das Bild einer Frau, die ihn mit stahlgrauen Augen traurig ansah. Unitors Lippen formten nur ein Wort, einen Hilferuf: „Octora!“
Wieso hatte er gerade in diesem Augenblick an die große Kriegerin aus Zogh gedacht? Lag der Grund wirklich darin, dass sie vielleicht die Einzige gewesen wäre, die ihn jetzt noch hätte retten können? Oder war es die Sehnsucht, wenigstens noch ein einziges Mal in ihre leuchtenden Augen schauen zu dürfen?
Die Frau, der die Gedanken zweier Männer unmittelbar vor ihrem bevorstehenden Tod gegolten hatten, befand sich an einem weit entfernten Ort, während auf dem „Platz der Einkehr“ ein Tumult losbrach.


Kapitel 2 – Pandor Sanhs Reise zum Aralt-Gebirge

(D r e i   M o n a t e   z u v o r . . .)


Einsam stand der Größte aller Eisbäume in der öden Steinwüste, die ihr weißes Wintergewand erst kürzlich abgestreift hatte. Das fahle Blau des Himmels wurde von grauen Schleiern in allen Schattierungen durchzogen, und nur ein dunstig goldener Schimmer am fernen Horizont ließ das Vorhandensein der Sonne erahnen. So sah das Dach des Nordens im Frühling aus. Die Kälte hatte sich mit letzter Anstrengung immer noch in der Luft festgeklammert und schien nicht weichen zu wollen.

Der Eisbaum reckte aber trotz der bitteren Kälte seine Äste behaglich in den trüben Himmel. Fast zweihundert Tage und Nächte war er scheinbar tot gewesen, eisverkrustet wie ein im Schnee verendetes Tier. Erst vor wenigen Tagen hatte sich seine Wesenheit zu regen begonnen und erwachte nun für eine kurze Zeitspanne zu prallem Leben. Die Äste glänzten fast schwarz, und bald würden gelbe Knospen aus ihnen hervorsprießen.

Pandor Sanh liebte diesen seltenen Baum, von dessen Art es nur neun Exemplare gab. Ihre Standorte waren über alle drei Nordlande verteilt. Der Eisbaum diente als Flaggensymbol der Vereinten Nordlande, gemeinsam mit den Flammen, die den Menschen in der Kälte das Leben erhielten. Tatsächlich bestanden die Nordlande aus drei geographisch getrennten Teilen. Der größte davon, Mithrien, war Pandor Sanhs Geburtsland. Früher hatten die meisten Bewohner Mithriens in den großen Befestigungsanlagen der alten Geschlechter auf engem Raum zusammengelebt. Obwohl diese dunklen Burgen, über alle fünf Fürstentümer Mithriens verteilt, trotzig und furchteinflößend aus einer kargen und lebensfeindlichen Landschaft emporragten, hatten sie lange Zeit keinen kriegerischen Zwecken mehr gedient. Sie boten den freien Menschen des Nordens Schutz vor Kälte und wilden Tieren. Aber irgendwann waren selbst die größten Festungen wie Tredon, Drinh und Sokut zu klein geworden, und die Mithrier mussten wie ihre Nachbarn in Gatya beginnen, Dörfer und Städte zu bauen. Später empfanden die Menschen eine derart starke Verbundenheit mit den von ihnen errichteten Ansiedlungen, dass sie ihrem eigenen Namen den Namen ihres Geburtsorts hinzufügten. Diese Verbundenheit beruhte nicht zuletzt auch darauf, dass die Bewegungsfreiheit der einfachen Landbevölkerung durch lange, kalte Winter, felsige Einöden und bittere Armut meist auf die Umgebung ihres Geburtsorts beschränkt blieb.

Auch Pandor Sanh hatte von der Welt außerhalb seines Dorfes kaum etwas gesehen, obwohl er der Sohn eines Tuchhändlers war. Daher genügte bereits der erstmalige Anblick der von Sanh nur vierzig Meilen entfernten Burg Drinh, um bei ihm einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Diese gewaltige Festungsanlage war der Stammsitz des altehrwürdigen Geschlechts der Fürsten zu Drinh, das auch Gundur, den ersten Hüter der Flammen, hervorgebracht hatte.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern nahm Pandor Sanh seit seiner Jugend häufig den Weg von der Siedlung zum Standort des Eisbaums auf sich, um für kurze Zeit unter der mächtigen Krone dieses majestätischen Baumes Geborgenheit und Trost zu finden. Selbst an den dunkelsten Tagen in den langen Wintern des Nordens hatte er immer das Gefühl gehabt, dass der Baum vor Leben überquoll.

Die Menschen des Nordens glaubten, dass die großen Eisbäume die Seelen der Verstorbenen beherbergten. Wenn ein Mensch starb, entfloh seine Seele aus dem Körper und wurde wie ein Blitz von dem nächstgelegenen der neun Bäume angezogen. Dort wartete sie bis ein neuer Mensch geboren wurde, der bereit war, sie aufzunehmen. Jeder Eisbaum galt als Heimstatt vieler Seelen.

Zum allerersten Mal hatte Pandor Sanh an jenem Tag einen ganz bestimmten Grund gehabt, den Baum aufzusuchen. Und es war ein schrecklicher Grund, der sein bisher im Schoß des Dorfes behütetes Leben völlig verändern sollte. Am Morgen war er mit seinem selbstgeschnitzten Bogen und einem Köcher voller Pfeile losgezogen, um etwas Abwechslung auf seinen Speiseplan zu bringen. Aber an diesem Tag gelang es ihm nicht, einen Schneehasen zu erlegen. Während er verdrießlich zu seinem Dorf zurücktrottete, sah er schon von Weitem eine Gruppe Reiter, die sich von der Siedlung entfernten. Diese Beobachtung erschien ihm äußerst ungewöhnlich, weil im hohen Norden außer den Boten des Hüters der Flammen nur wenige Menschen Reittiere besaßen. Selten traf man solche Menschen gemeinsam und eigentlich nie in großen Gruppen an. In seiner lebhaften Fantasie hatte sich Pandor Sanh immer ausgemalt, dass der Hüter der Flammen eigentlich sogar über eine berittene Armee verfügen müsste. Als er dies einmal gegenüber dem Dorfältesten erwähnte, hatte der laut gelacht, den Kopf geschüttelt und gesagt: „Mein Junge, wozu sollte der Hüter der Flammen eine Armee brauchen? Im Norden gibt es keinen Krieg. Und wie sollte man so viele Männer und Pferde hier ernähren?“ Das hatte Pandor Sanh eingeleuchtet.

Aus den Erzählungen der Alten wusste er, dass es im viel weiter südlich gelegenen Obesien Reitersoldaten gab. Die Nordgrenze Obesiens war aber von der Siedlung so weit entfernt, dass man auch mit Reittieren mindestens zehn Tage benötigt hätte, um von der Grenze aus, das kleine Dorf zu erreichen. Weshalb um alles in der Welt sollte irgendjemand eine derart lange, strapaziöse Reise durch eine öde, menschenfeindliche Wildnis zu einem armseligen Ort unternehmen, dessen Bewohner nur das Allernötigste besaßen und sich mehr schlecht als recht am Leben halten konnten?

Während Pandor Sanh diesen Gedanken nachhing, hatte er sich den äußeren Hütten bis auf ein paar hundert Meter genähert. Erstaunlicherweise konnte er aber nicht das geringste Lebenszeichen erkennen, keine lärmenden Kinder und keine Geräusche aus den kleinen Handwerksbetrieben. Da waren auch nicht die vertrauten Gestalten, die sich in ihren winzigen Gärten abmühten, um dem steinigen Boden die in ihrem ständigen Kampf gegen den Hunger dringend benötigte Nahrung abzuringen.

Es herrschte völlige Stille. Die verwaschene Sonnenscheibe stand tief am Himmel. Die Hütten warfen lange Schatten auf die kargen Beete und die dazwischen verlaufenden Wege. Der gesamte Ort wirkte ausgestorben, gespenstisch leer.

Pandor Sanh betrat den östlichen Hauptweg der Siedlung. Dieser begann am Dorfrand bei Wargars Hütte. Wegen seiner zunehmenden Gebrechlichkeit hatte sich ihr Besitzer in den letzten Jahren kaum noch mehr als ein paar Meter von seiner Behausung entfernt. Die äußere Tür war nur angelehnt und klapperte in einer leichten Brise gegen den Türpfosten. Dies kam dem jungen Mithrier merkwürdig vor. Halbwegs beruhigt stellte er fest, dass keinerlei Spuren von Gewaltanwendung zu erkennen waren. Er schob die Tür auf und trat vorsichtig ein.

Niemand befand sich im Hauptraum. Die Türen zum Flammenraum und zum Wasserraum standen offen. Das Gebäude war augenscheinlich verlassen. Auf dem Tisch in einer Ecke des Wohnraums lagen noch die Reste einer Zwergmelone auf einem Teller, so als sei der Bewohner während seiner Mahlzeit aufgestanden und weggegangen. Im Übrigen wirkte aber alles unangetastet und ordentlich.

Pandor Sanh ging wieder nach draußen. Langsam bewegte er sich auf dem breiten Weg in Richtung des zentralen Dorfplatzes. Die knorrigen Felsbeersträucher, die den Weg säumten, hatten gerade ihre ersten, hellgrünen Triebe angesetzt. Sie zitterten leicht im böigen Ostwind. Vom fernen Aralt-Gebirge kommend blies er über die schier endlosen, nur von einigen Flusstälern durchzogenen Felsplateaus der mittleren Hochebene.

Auch auf dem Dorfplatz war keine Menschenseele zu sehen. Pandor Sanh hielt einen Moment inne. Mitten auf das Pflaster des Platzes hatte jemand einen großen, weißen Kreis gezeichnet. Dann wurde seine Aufmerksamkeit aber von einer anderen Veränderung angezogen. Zuerst glaubte Pandor Sanh, nur das schemenhafte Wogen des Gelben Steingrases wahrgenommen zu haben, das zwischen den Säulenkiefern ein karges Dasein fristete. Aber unwillkürlich erfasste er, dass die ruckhafte Bewegung eines flüchtigen Schattens nicht zu dem gleichförmigen Wogen der Bäume und Gräser passen wollte. Dass er sich leicht duckte als er herumfuhr, rettete ihm das Leben. Nur zwei Fingerbreit zischte ein schlanker Metallpfeil an seinem Kopf vorbei und prallte scheppernd gegen die Wand eines Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Weges.

Einige Schritte von Pandor Sanh entfernt stand ein breitschultriger Mann mit einem braunen Wollmantel unter einer Türöffnung. Auf dem Kopf trug er einen Halbhelm mit dem Emblem eines Raubvogels. In der Hand hielt er die Waffe, mit der er den Metallpfeil auf Pandor Sanh abgeschossen hatte. Sie war bronzefarben und hatte über dem mehr als zwei Hände breiten Pfeilspeicher eine schmale, runde Auslassöffnung, die sich gerade anschickte, den nächsten Metallpfeil auszuspucken.

Pandor Sanhs Gehirn benötigte zwei Sekunden, um dieses Szenario zu ordnen. Sein Verstand meldete ihm, dass er eigentlich schon tot sein müsste und wohl nur das Umfallen vergessen hatte. Aber da war noch etwas, das viel schneller arbeitete.

Er fühlte ein leichtes Kribbeln im Nacken, das sein Verstand für den zweiten Pfeil halten wollte, der gerade aus seinem Genick austrat. In diesem Augenblick bemerkte er zum ersten Mal diese seltsamen Schwingungen. Er sah, wie sich das Gesicht des Schützen verzerrte. Plötzlich befand es sich innerhalb einer zähen, in zarten Regenbogenfarben schimmernden Blase. Und zum ersten Mal sah Pandor Sanh, wie die Konturen eines Lebewesens schlagartig verschwammen, als die Blase sich flimmernd auflöste. Von dem eben noch vorhandenen Angreifer war praktisch nichts übriggeblieben. Eine angespannte Stille legte sich über das verlassene Dorf. Noch einige Minuten verharrte der junge Mithrier innerlich aufgerüttelt, aber bewegungslos an Ort und Stelle, festgewurzelt wie der große Eisbaum.

Und nun stand Pandor Sanh vor eben diesem Eisbaum, immer noch völlig ratlos. Wie konnte es möglich sein, dass sämtliche Bewohner einer Siedlung spurlos verschwunden waren, ohne die geringsten Anzeichen eines Kampfes? Natürlich hatte er nicht erwartet, dass der Eisbaum ihm die Lösung dieses Rätsels verraten würde. Während er noch darüber nachdachte, was er sich durch die Nähe des Baumes wirklich erhofft hatte, klärten sich langsam seine Gedanken.

Die Bewohner der Nordlande waren stets frei gewesen wie ihr offenes, raues Land. An kriegerische Auseinandersetzungen konnte sich in Pandor Sanhs Dorf kein lebender Mensch erinnern. Dennoch wussten die Völker des Nordens auch heute noch, warum die Wahl eines Hüters der Flammen unumgänglich geworden war. Vor mehr als drei Jahrhunderten hatten schwerbewaffnete Armeen der Surdyrier mehrfach die Grenzgebiete Gatyas, des westlichen Nordlandes, überfallen. Die Gatyer wurden von diesen Angriffen völlig überrascht und hatten ihnen nichts entgegenzusetzen. Viele Bewohner dieser Gegend wurden nach Surdyrien verschleppt. Deshalb gaben die Gatyer ihre Siedlungen im Grenzgebiet auf und zogen sich tiefer in die unwegsamen Gletscherlandschaften zurück.

Jahrhundertelang waren die riesigen Eis- und Felswüsten der Hochplateaus ein natürlicher Schutzschild der nordischen Völker. Nun aber folgten die Surdyrier den Gatyern auch in den Südosten ihres Landes. Surdyrien befand sich zu jener Zeit in einem verzweifelten Überlebenskampf. Das Land hatte reiche Bodenschätze und seit Menschengedenken galten die Surdyrier als Lieferanten der wichtigsten Rohstoffe für Metallerzeugnisse in der gesamten bekannten Welt. Innerhalb weniger Jahre war plötzlich ein Mangel an Minenarbeitern aufgetreten, der von einem geheimnisvollen, unerklärlichen Massensterben der Arbeiter ausgelöst worden war. Um die für Surdyrien lebenswichtige Erzförderung aufrechterhalten zu können, mussten Fremdarbeiter beschafft werden. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Menschen aus dem Norden der tödlichen Epidemie nicht zum Opfer fielen, war das benachbarte Gatya zum Ziel der Surdyrier für die Beschaffung der dringend benötigten Arbeitskräfte geworden.

Als die Surdyrier in den Südosten Gatyas einfielen, fühlten sich auch die benachbarten Mithrier bedroht. Da sie schon von jeher ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren grünäugigen Vettern im Westen gepflegt hatten, empfanden sie es überdies als ihre Pflicht, den Nachbarn zu Hilfe zu eilen. Trotz einer weitgehend fehlenden kriegerischen Organisation der Nordländer mussten sich die Surdyrier nach einigen kleineren Scharmützeln schließlich aus den zerklüfteten Bergregionen zurückziehen. Es war abzusehen, dass sie ihren Beutezug nicht vor Einbruch des harten, nordischen Winters beenden konnten.

Gundur zu Drinh, ein weitsichtiger Fürst der Mithrier, erkannte, dass ein neues Zeitalter angebrochen war. Allein die Wildnis und die eisigen Winter reichten nicht mehr aus, um den Menschen der Nordlande auf Dauer Schutz bieten und die Freiheit erhalten zu können.

In einem großartigen Lebenswerk von mehr als fünfzig Jahren schuf er in den dünn besiedelten Weiten der Nordlande organisatorische Strukturen, die sich bis zu den Tagen Pandor Sanhs erhalten und als Bollwerk gegen äußere Feinde bewährt hatten. So wurde Gundur zu Drinh der erste Hüter der Flammen. Fürderhin nannten sich die drei vormals eigenständigen Landesteile „Vereinte Nordlande“.

Überfälle durch Surdyrier hatten seither nicht mehr stattgefunden. Gerüchten zufolge war während der wirtschaftlichen Wirren eine Armee aus dem kriegerischen Obesien in Surdyrien eingefallen. Was genau sich seither dort abspielte, wussten die einfachen Menschen des Nordens nicht.

Obwohl Pandor Sanh die Berittenen gesehen hatte, glaubte er keinen Augenblick, dass Surdyrier oder Obesier sich die Mühe machen würden, tief nach Mithrien einzudringen, um ausgerechnet seine Mitbürger aus ihrem ärmlichen Dorf zu verschleppen. Die ganze Sache war ihm ein Rätsel. Einer Eingebung folgend entschloss er sich, zum Quaralpalast zu reisen. Er ahnte, dass er – wenn überhaupt – nur dort eine Antwort auf seine Fragen und vielleicht sogar Hilfe finden konnte.

Auch der Quaralpalast gehörte zum Lebenswerk des Fürsten Gundur zu Drinh. Die gewaltige, aus Basalt und kristallinem Quaral bestehende Festungsanlage überstrahlte die Düsternis des äußersten Nordens wie ein Leuchtfeuer. Das jedenfalls hatten die Alten berichtet, die sich aber selbst nur auf Erzählungen berufen konnten. Der Quaralpalast befand sich im äußersten Nordostzipfel Mithriens, dort wo das Aralt-Gebirge zum Meer hin schroff abfällt. Er war der Sitz des jeweiligen Hüters der Flammen und seines geheimnisvollen Hofstaats. Pandor Sanh verabschiedete sich mit einem letzten Blick und Tränen in den Augen vom Größten aller Eisbäume. Dann wandte er sich nach Nordosten.

Zurück blieben die leeren Gebäude einer verlassenen Ansiedlung. In der beschaulichen Stille der kargen Gesteinsebenen Mithriens hatten die Bewohner eines abgeschiedenen Dorfes jahrhundertelang ein entbehrungsreiches aber friedliches Leben geführt. Sie wussten wenig über die Vorgänge, die sich außerhalb ihrer Dorfgrenzen abspielten und gar nichts über die Mächte, die in Verstecken und hinter Tarnungen eine Welt im Gleichgewicht zu halten suchten. Unversehens waren die Menschen von Sanh in den Brennpunkt von Ereignissen geraten, die eine Lawine auslösten und dazu führten, dass dieses sorgsam gehütete Gleichgewicht gestört wurde und eine ganze Welt im Begriff stand, aus den Fugen zu geraten.

*

Über zwei Wochen hatte es gedauert, bis Pandor Sanh Tharis erreichte. Tharis war die erste größere Stadt auf seinem Weg durch Mithrien. Unterwegs dachte er viel über den Attentäter und dessen unerklärliches Verschwinden nach. Stets überfiel ihn dabei eine Ahnung, als ob er selbst etwas damit zu tun gehabt hätte. Aber immer wieder wehrte sein nüchterner nordländischer Verstand dieses Gefühl ab und verdrängte es genauso schnell wie es gekommen war.

An diesem Tag hatte Pandor Sanh wieder einmal einen mehr als zehnstündigen Fußmarsch hinter sich. Etwa zweihundert Meter von den ersten Wohnhäusern der kleinen Stadt entfernt befand sich auf der rechten Straßenseite eines der schmucklosen, graubraunen Steingebäude, die hier im Norden das Bild der wenigen größeren Ansiedlungen prägten. Von den anderen unterschied es sich nur durch ein großes Metallschild mit einem aufgemalten Bierkrug, das leise ächzend im lauen Wind hin und her schwankte. Dieses Schild wies das Anwesen als Gasthaus aus.

Pandor Sanh betrat die Schänke durch eine schwere, aus dicken Eichenbohlen gezimmerte Tür. Als sie quietschend aufschwang, verebbten die meisten Gespräche und viele Gesichter wandten sich neugierig dem Ankömmling zu.

Pandor Sanh schritt freundlich lächelnd zu einem kleinen Stehpult, das offenbar die Empfangstheke darstellen sollte. Erst als er auf eine kupferne Schelle schlug, kam aus dem Nebenraum ein alter, gebeugter Mann herangeschlurft.

Unbewusst hatte Pandor Sanh aus den Augenwinkeln die Menschen im Gastraum beobachtet. Zwischenzeitlich hatten sie wieder ihre Gespräche aufgenommen. Die Ankunft eines freundlichen, jungen Mannes war kein Ereignis, das in einem Wirtshaus besonderes und dauerhaftes Aufsehen erregte. Nur der Mann, der ihm am nächsten saß, allein an einem kleinen, runden Tisch, musterte ihn unablässig mit seinen stahlblauen Augen. Obgleich er den Kopf gesenkt hatte und ihm seine schwarzen Haare tief ins Gesicht hingen, fiel Pandor Sanh dieser Blick auf. Seine Müdigkeit besiegte jedoch sein Interesse. Er hatte nur noch das Bedürfnis, möglichst schnell auf eine Liegestatt zu sinken und die Augen zu schließen. Da noch Zimmer frei waren, bestellte Pandor Sanh eine Karaffe Wasser und eine kleine Mahlzeit, die er dann schnell im Stehen einnahm. Er entrichtete den Preis für das Zimmer und nahm den Schlüssel entgegen. Anschließend ging er die Holztreppe hoch, wobei ihm auffiel, dass der Mann vom vordersten Tisch verschwunden war. Pandor Sanh wunderte sich, dass er ihn nicht hatte weggehen sehen, obwohl er in unmittelbarer Nähe gesessen hatte.

Mühsam stieg der junge Mithrier die steile, knarrende Treppe hoch. An der Tür des ihm zugewiesenen Zimmers angekommen, steckte er den schweren Schlüssel in das Kastenschloss und versuchte, ihn zu drehen. Nach zwei Versuchen gewann Pandor Sanh den Eindruck, dass er sich verklemmt hatte. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Tür nach außen auf. Dabei öffnete sie sich so leicht, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und gestrauchelt wäre. Sie war unverschlossen gewesen, und Pandor Sanh lächelte im ersten Moment über seine eigene Ungeschicklichkeit. Aber dann stand er wie vom Blitz getroffen da.

Auf dem einzigen Stuhl neben dem Bett saß der Mann, der ihn in der Gaststube die ganze Zeit beobachtet hatte. Aus den Falten seines Gewandes ragte ein Schwertgriff. Pandor Sanh wurde schmerzlich bewusst, dass er selbst keine Waffe besaß. Da verspürte er ein leises Kribbeln in seinem Nacken.

Als hätte der Mann Pandor Sanhs Gedanken erraten, sagte er lächelnd: „Es wird nicht nötig sein, mich zu töten. Ich bin nur ein Bote, der eine Nachricht überbringt. Gute Nachrichten sind selten in diesen Zeiten.“

 „Wer sollte mir einen Boten schicken? Ich bin viel zu unbedeutend“, entfuhr es Pandor Sanh. Dabei fiel ihm auf, dass der Mann nicht die blaue Schärpe trug, das Kennzeichen der Boten, die im Namen des Hüters der Flammen unterwegs waren. Andererseits konnte Pandor Sanh natürlich auch nicht erwarten, dass der Hüter der Flammen ihm einen Boten schickte.

 „Du wirst dich damit abfinden müssen, dass du viel wichtiger bist als du gerne sein würdest“, sagte der Mann freundlich. „Was uns zu wichtigen Menschen macht, ist die Tatsache, dass wir unsere Bedeutung für die Welt letztlich völlig frei selbst bestimmen können.“

Obwohl diese Worte für Pandor Sanh ein Rätsel darstellten, überzeugten sie ihn, dass sein Besucher keine bösen Absichten hegte. Er schloss die Zimmertür und setzte sich auf das Bett: „Und welche Nachricht sollen Sie mir überbringen?“

„Mir wurde aufgetragen, dir ein Treffen mit einem Eisgrafen zu vermitteln“, offenbarte ihm der Besucher.

Pandor Sanh war zunächst völlig sprachlos. Die Legenden der Eisgrafen. Die Alten hatten sie hinter vorgehaltener Hand flüsternd mit Ehrfurcht und Schaudern erzählt. Diese Menschen mit besonderen Fähigkeiten galten als die eigentlichen Bewahrer des Nordens, die ganz auf sich allein gestellt mit bösen Mächten kämpften, um ihre Heimat zu schützen. Niemand schien zu wissen, ob es sie wirklich gab und wer sie waren.

„Gibt es wirklich Eisgrafen?“, platzte Pandor Sanh heraus, der nun keine Scheu mehr vor seinem ungebetenen Besucher empfand.

„Das wirst du schon in Kürze selbst herausfinden“, orakelte der Bote. „Du musst von hier aus nach Nordosten gehen, nach Tanaria. Am schnellsten kommst du dorthin, wenn du einen der Kaufmannskähne auf dem Tanar nimmst. In Tanaria erwartet dich ein Eisgraf, der dich durch das Vorgebirge zum Quaralpalast führen wird. Wenn er verhindert ist, wird er jemand anderen schicken, dem du auch vertrauen kannst. Du musst dich in Tanaria zum Haus der Boten begeben. Der Gesandte wird dich daran erkennen.“ Der Schwarzhaarige übergab Pandor Sanh eine Kette mit einem Amulett. Es war ein Kreis aus Metall, das einen stilisierten Würfel umschloss. „Wir werden uns sicher wiedersehen. Menschen, die sich für das Gute einsetzen, werden sich immer wiedersehen; wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.“

Pandor Sanh bezweifelte, dass er die Macht hatte, sich wirkungsvoll für das Gute einzusetzen. Noch eine Woche zuvor wäre er sogar völlig sicher gewesen, dass er nicht über diese Macht verfügte. Bevor er weiter nachdenken oder eine Frage stellen konnte, verließ der Fremde das Zimmer.

Erst nachdem der Bote gegangen war, erfasste Pandor Sanh die offensichtliche Ungereimtheit. Wieso konnte jemand wissen, dass er sich zum Quaralpalast begeben wollte? Der junge Mithrier sah aus dem Fenster hinunter auf die Straße, von der er gekommen war. Die Sonne schickte sich bereits an, hinter dem westlichen Horizont zu versinken. Kurze Zeit später galoppierte ein einzelner Reiter auf einem kleinen Bergpferd von der Herberge weg in westliche Richtung. Schwarze Haare flatterten im Wind. Pandor Sanh war sicher, dass es sich um seinen Besucher handelte. Er schien dorthin zu reiten, wo Pandor Sanh hergekommen war. Er musste es sehr eilig haben, denn er ritt in die Nacht.

*

Wenn auf den Flüssen Mithriens mit dem erwachenden Sommer das Eis zu schmelzen begann, wurden sie zu den wichtigsten Transportwegen im östlichen Landesteil hinter Tharis. Pandor Sanh hatte nach zwei weiteren Tagen Fußmarsch auf dem alten Kahn eines freundlichen Händlers angeheuert und war auf diese Weise wesentlich schneller vorangekommen. Bereits drei Tage nachdem er Tharis verlassen hatte, konnte er deutlich die Ausläufer des Aralt-Gebirges sehen, hinter denen das östliche Nordland lag, wo die Zogh lebten. Die großen, kriegerischen Zogh mit ihrer grauen Haut waren den anderen Nordländern von jeher unheimlich. Erstaunlicherweise hatten sie sich an der von Gundur zu Drinh ins Leben gerufenen Allianz beteiligt, obwohl ihr eigenes Land nicht angreifbar schien. Es war durch das mächtige Araltgebirge nach Westen und die gefährlichen Sümpfe von Lokhrit nach Süden geschützt. Im Norden und Osten endete es an den Gestaden der großen Meere. Die Erinnerung an die Beweggründe jener historischen Entscheidung hatte sich im Strudel der Zeit verloren.

Alles was Pandor Sanh jemals über dieses Volk gehört hatte, erschien ihm äußerst fremdartig. Die wilden Zogh der Hochebenen, die als die gefürchtetsten Krieger des gesamten Kontinents galten, wurden traditionell von einer Königin angeführt. Nach ihrer Wahl durch die Versammlung der Zehn Getreuen, Dryden genannt, wurde sie auf den Schild von Knoist gehoben. Meist handelte es sich um eine Tochter der bisherigen Königin. Der Königin ebenbürtig waren nur der Herzog der Aralt-Höhlen, der einer uralten Dynastie entstammte, und der Marschall von Sandammon und Sokul, der mit einer eigenen Heerschar den Süden des Landes beherrschte.

Wohl der einzige Grund, warum die anderen Nordländer die Zogh als so etwas wie ihresgleichen ansahen, bestand in der Tatsache, dass es auch in Zogh Eisbäume, die altehrwürdigen Symbole des Nordens, gab. Die graue Haut dieser Menschen war angeblich auf ihre Abstammung zurückzuführen. Ursprünglich hatten sie nämlich in den großen Höhlen des Aralt-Gebirges gelebt, ehe ein Teil des Volkes die Höhlen verließ und sich auf den östlichen Gebirgsebenen und im Süden bis zu den Sümpfen ausbreitete.

Pandor Sanh war im frühen Morgengrauen in Tanaria angekommen. Bevor die ersten Häuser am linken Ufer auftauchten, erhob sich rechts auf einem üppig bewachsenen Bergsattel das beeindruckende Kastell von Tanaria mit seinen vielen Rundtürmen und den hohen, zinnenbewehrten Mauern, an denen sich dunkelgrünes Efeu emporrankte. Die schiefergedeckten Dächer, die bunten Butzenscheiben und die mit dem Wappen der Fürsten von Tanaria bemalten Fensterläden verliehen dem Kastell ein geradezu fröhliches Aussehen.

Der Hafen von Tanaria wirkte dagegen düster und schmutzig. Niedrige, schäbige Häuser und Lagerhallen glitten an dem kleinen Flussschiff vorüber, während es träge auf dem Tanar dahindümpelte.

Die Anlegestelle befand sich am westlichen Flussufer, wo Pandor Sanh ein für ihn ungewohnter Geruch nach totem Fisch in die Nase stach. Nachdem der Kahn an einer der Molen festgemacht worden war, verabschiedete sich der junge Mithrier hastig von dem alten Kapitän und beeilte sich, das Hafenviertel zu verlassen. Das Botenhaus, wo er mit dem Eisgrafen zusammentreffen sollte, befand sich im nördlichen Bezirk der Stadt Tanaria.

Für Pandor Sanh hatten die Botenhäuser inmitten ihrer idyllischen Gärten immer etwas Faszinierendes gehabt. In kleineren Städten überragten sie oft die einfachen Gebäude. Sie durften nur von den Boten selbst sowie von hochgestellten Personen betreten werden. Hier in Tanaria war das Botenhaus aber etwas kleiner als die umliegenden Gebäude, bei denen es sich offenbar um die Häuser wohlhabender Kaufleute handelte. Allerdings stand das zweistöckige Bauwerk in einem weitläufigen Park, was den äußeren Eindruck trotz seiner Schmucklosigkeit aufwertete.

Obwohl Pandor Sanh wusste, dass ihm der Zutritt zum Haus der Boten nicht gestattet war, öffnete er die Tür und wagte einen Blick ins Innere. Er hoffte, dass der Eisgraf vielleicht hier auf ihn warten würde. In dem weitläufigen Raum verloren sich etwa fünfzehn Tische und ungefähr dreimal so viele Stühle. Pandor Sanh konnte jedoch nur vier Personen erkennen, die paarweise in Gespräche vertieft waren. Alle trugen die blauen Schärpen, die zur Arbeitskleidung der Boten gehörten. Also befand sich kein Eisgraf unter ihnen. Pandor Sanh schloss schnell wieder die Tür und sah sich außerhalb des Gebäudes um. Er fand auf der Ostseite, wenige Meter vom Haus entfernt, eine Steinbank, auf der er sich niederließ. Als er sich zurücklehnte, blinzelten seine Augen in die Sonne. Anscheinend hielt sich niemand in dem Park auf. Offenbar war der Eisgraf noch nicht eingetroffen. Pandor Sanh entspannte sich und schloss kurz die Lider. Schon Sekunden später entglitt seinem Bewusstsein die Realität. Er fand sich plötzlich auf dem Kahn des Kaufmanns wieder, den die Wellen in einem beruhigenden Rhythmus hoben und senkten. Die milde Frühlingssonne erzeugte eine behagliche Wärme auf seinem Gesicht bis sie nach einigen Minuten von einer grauen Wolke verdeckt wurde. Tatsächlich handelte es sich aber nicht um den Schatten einer Wolke, sondern um den Schatten einer hochaufragenden Gestalt, der auf Pandor Sanhs Gesicht fiel. Aber Pandor Sanh glitt in seinem Traum immer noch auf dem Schiff dahin, auf dem Weg hierher. HIERHER! Da erfasste der Mithrier auch im Unterbewusstsein, dass etwas nicht stimmte. Aber er war so schnell so tief eingeschlafen, dass er jede Orientierung verloren hatte. Beim Aufwachen wusste er nicht sogleich, wo er sich befand und wo „hierher“ war.

„Der gnädige Herr geruhen, den Hüter der Flammen warten zu lassen.“

Pandor Sanh blinzelte, und es kostete ihn viel Kraft, die schweren Augenlider zu öffnen. Zuerst sah er nur eine hellgraue Hand vor dunkelgrauen Stofffalten. Eine feingliedrige Hand, die aber keineswegs zerbrechlich wirkte. Er lehnte den Kopf zurück, um an der Gestalt hochzublicken, die bis in den Himmel zu ragen schien. Pandor Sanh war enttäuscht. Der vermeintliche Eisgraf erwies sich als eine einfache Frau, und noch dazu eine Zogh. Die für diese Rasse typisch hohen Wangenknochen verliehen ihren feinen und ebenmäßigen Gesichtszügen eine herbe Schönheit, strahlten zugleich aber auch eine gewisse Strenge und Unnahbarkeit aus. Aber er hatte ja schließlich auch nicht die Absicht, ihr zu nahe zu kommen.

Ihre grauen Augen musterten ihn abschätzig. Während er sich langsam erhob, stellte er fest, dass sie ein wenig größer war als er und vermutlich auch ein wenig älter.

Angesichts der Erwähnung des Hüters der Flammen dämmerte Pandor Sanh, dass sie wohl seine Begleiterin für den Rest der Reise sein sollte. Trotzig murrte er: „Ich hatte eigentlich einen Eisgrafen erwartet.“

„Du wirst wohl mit mir vorliebnehmen müssen. Ich bin Octora“, entgegnete die Zogh leicht verärgert.

„Wieso werde ich erwartet? Und wieso hast du mich erkannt?“, wollte Pandor Sanh wissen.

Octora zeigte auf das Amulett, das zwischen zwei Knöpfen seines Hemdes herausbaumelte.

„Viele Fragen“, brummte sie. „Es ist Sache des Beraters, deine Fragen zu beantworten.“

„Wer ist der Berater?“, fragte der junge Mithrier unbeirrt.

„Wiederum eine Frage, die dir der Berater beantworten wird“, antwortete Octora launig.

Pandor Sanh sah ein, dass er so nicht weiterkam. Die Zogh schien ihn nicht sonderlich zu mögen. Das war eigentlich nicht verwunderlich, da Mithrier ja auch die Zogh nicht mochten. Dennoch blieb er beharrlich: „Eine Frage wirst aber vielleicht selbst du mir beantworten können: Wann reisen wir ab?“

„Das liegt allein an dir“, antwortete sie ungnädig. „Sobald du ausgeschlafen hast. Wir müssen nur noch Proviant beschaffen, weil wir auf dem Weg durch das Vorgebirge kaum Nahrung finden werden.“

*

Über Jahrmillionen hatte das vom Aralt-Gebirge abfließende Wasser die Ebene von Tanaria in fruchtbares Land verwandelt, durchzogen von Flüssen. Ausgedehnte Wälder fanden hier akzeptable Lebensbedingungen, bis die Mithrier des Ostens unter Anleitung der Fürsten von Sokut dem Waldland ausgedehnte Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung entrissen hatten. Aber zwischenzeitlich lebten die Menschen wieder mit der Natur in Einklang. Es gab immer noch genügend größere Waldflächen, welche die Kulturlandschaften vor den trockenen, oft eiskalten Winden des Nordostens schützten.

Von Tanaria aus verlief eine breite Straße bis zum Fuß des Vorgebirges. Ihre Anfänge reichten bis in die Zeit Gundur zu Drinhs zurück. Inzwischen war sie jedoch längst fertiggestellt. Einen Tagesmarsch wanderten Pandor Sanh und Octora fast die ganze Zeit schweigend auf dieser Straße nach Osten. Wenn ihnen unterwegs gelegentlich Menschen begegneten, glaubte Pandor Sanh oft, eine gewisse Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern ablesen zu können. Dass ein Mithrier mit einer Zogh reiste, war sicherlich kein alltäglicher Anblick. Aber bestimmt hätte Octora mit ihrer auffälligen und dennoch so fraulichen Erscheinung und ihrem schlohweißen, im Wind flatternden Haar auch in ihrer Heimat einige Aufmerksamkeit erregt. Pandor Sanh war über sich selbst verärgert als er sich bei diesen Gedanken erwischte, denen mancher Seitenblick auf seine Begleiterin vorausgegangen war.

Am späten Nachmittag waren sie an einem Flussufer angelangt, wo ein flaches Gebäude und mehrere am Ufer vertäute Boote auf einen Fährbetrieb schließen ließen. Octora erklärte Pandor Sanh, dass sie eine riesige Windung des Talawi-Flusses ausnutzen würden, um möglichst schnell zum Fuß des Vorgebirges zu gelangen. Der Talawi hatte sich, aus dem Aralt kommend, den leichten Weg nach Westen gesucht. Dann war er an harten Gesteinsformationen gescheitert und floss in einer nahezu sechzig Meilen langen Schleife in Richtung des Aralt zurück, bevor er sich schließlich mit dem Tanar vereinigte und nach Norden dem großen Ozean, seinem Bestimmungsort, entgegen strömte.

Nach einer kurzen Besprechung im Fährhaus kam Octora mit zwei kräftigen Männern zurück, die ein Boot für die Fahrt bereitmachten und dann auch selbst steuerten.

Der Talawi floss wesentlich schneller, als dies vom Ufer aus den Anschein gehabt hatte. Bereits vor Einbruch der Nacht hatten sie ein weiteres Fährhaus am Fuß des Vorgebirges erreicht. Hier konnten sie letztmals vor Erreichen ihres Zieles die Nacht in einem Gebäude verbringen.

Die trotz der Dämmerung noch gut erkennbaren Vorgebirgszüge schienen Pandor Sanh höchst beeindruckend. Drei Tage sollte der restliche Marsch zum Quaralpalast dauern. Das war eine der wenigen Informationen, die er Octora hatte entlocken können. Nachdem er sich aber in dem kleinen Zimmer auf die einfache Schlafstatt gelegt hatte, hielten ihn die Bilder der unmittelbaren Vergangenheit noch stundenlang wach: das menschenleere Dorf, der Angreifer, der sich anscheinend in Luft aufgelöst hatte, der große Eisbaum, die endlosen Fußmärsche, der schwarzhaarige Mann in Tharis, die Flussfahrten und – ja, auch Octora. Schwer wog die Enttäuschung, dass er nicht mit einem Eisgrafen zusammengetroffen war. Aber die alles überstrahlende Erwartung, dem Hüter der Flammen im berühmtesten Bauwerk des Nordens zu begegnen, würden ihn wohl dafür entschädigen. Und wieder schweiften seine Gedanken zu Octora ab. Wieso gelang es ihm nicht, mit ihr ein normales Gespräch zu führen? In Sanh war er sehr beliebt gewesen und hatte oft Missstimmungen ausgleichen können. Je länger er darüber nachgrübelte, desto mehr verdichtete sich sein Verdacht, dass diese Frau nicht nur eine Aura der Selbstsicherheit und Unnahbarkeit umgab, sondern auch ein Geheimnis.

*

Der erste Tag ihres Aufstiegs verlief ereignislos. Octora und Pandor Sanh hatten einen breiten Pfad benutzt, der durch die bewaldeten Hügel des Vorgebirges stetig auf und ab führte. Dennoch hatten sie am Abend bereits eine beträchtliche Höhe erreicht. Der Wald hatte hier ein anderes Gepräge. Er war lichter geworden, und es gab nur noch vereinzelt hohe Tannen. Knorrige Krüppelbäume und dornige Sträucher bestimmten von nun an das Landschaftbild. An vielen Stellen trat auch zwischen flachen Stauden, kleinen Gräsern, Moos und Flechten schon der nackte, graue Basalt zutage. Er war das beherrschende Gestein im nordwestlichen Aralt, dessen gigantische Höhenzüge im Hintergrund das Vorgebirge weit überragten.

Die Temperatur war für die eher kühlen Sommer im Norden außergewöhnlich mild. Octora und Pandor Sanh verzichteten darauf, ihre kleinen Zelte aufzuschlagen. Sie wickelten sich in Decken und schliefen erschöpft auf einem weichen Moospolster schnell ein.

Am nächsten Morgen brachen der Mithrier und seine Führerin in aller Frühe auf. Er konnte es kaum noch erwarten, endlich vor dem sagenhaften Quaralpalast zu stehen.

Gegen Mittag erreichten sie ein kleines Felsplateau, wo es kaum noch Vegetation gab. Pandor Sanh war froh, als Octora vorschlug, dort eine kurze Rast einzulegen. Er setzte sich mit gebührendem Abstand neben sie und lehnte sich gegen eine rückwärtige Felsstufe. Beide begannen, in ihren Proviantsäcken nach einem der aus Flussalgen und Korn zubereiteten Fladen zu kramen, die im Flussland und im Vorgebirge zum klassischen Reiseproviant gehörten.

Als Pandor Sanh wenig später zu Octora hinüberblickte, lag der Rest ihres Fladens auf dem Boden. Trotz der langen, weißen Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing, konnte der Mithrier sehen, dass der Blick der Zogh starr auf den hinteren Teil des Plateaus gerichtet war. Pandor Sanh folgte diesem Blick und erstarrte ebenfalls. Nicht einmal zwanzig Meter entfernt stand ein nordischer Schneetiger und sah zu ihnen herüber. In diesem Augenblick kam ihm einmal mehr schmerzlich zu Bewusstsein, dass er unbewaffnet war. Das majestätische Tier, das mindestens zweieinhalb Meter maß, bewegte sich mit zwei langsamen, geschmeidigen Schritten auf das ungleiche Paar zu. Jäh verspürte Pandor Sanh ein Kribbeln im Genick.

Fast im gleichen Augenblick fühlte er den sanften Druck von Octoras Hand an seinem Oberschenkel.

 „Lass´es!“ Das unwirsche Zischen ihrer Stimme stand im krassen Gegensatz zu der Berührung, die Pandor Sanh unter anderen Umständen als äußerst angenehm empfunden hätte. Die Hand, die eben noch auf seinem Oberschenkel geruht hatte, umfasste plötzlich den Griff eines langen Schwertes mit einer schmalen Klinge, die in der Mittagssonne gefährlich funkelte. Genauso geschmeidig wie der Tiger hatte Octora sich erhoben und war zwei Schritte auf ihn zugegangen. Mensch und Tier standen sich nun bedrohlich gegenüber: Octora, zu ihrer vollen Größe aufgerichtet, völlig ruhig, mit einem Gesicht wie aus Stein gemeißelt, und auf der anderen Seite, zähnefletschend, in geduckter und sprungbereiter Haltung, der Tiger. Pandor Sanh starrte wie gebannt auf das Geschehen. Obwohl er Octora gern geholfen hätte, wusste er nicht, auf welche Weise er dies ohne Waffe bewerkstelligen sollte. Er hatte überdies den Eindruck, dass sie seine Hilfe auch nicht benötigte. Wenige Sekunden später begann der Schneetiger unvermittelt, sich rückwärts zu bewegen, immer noch in geduckter Haltung. Sobald aber der ursprüngliche Abstand wiederhergestellt war, nahm auch er eine entspannte Haltung ein. Wie ein Gast, dem das Speiseangebot nicht zusagt, drehte er sich um und trottete gemächlich davon.

Octora sah Pandor Sanh nachdenklich an: „Man tötet keine Tiere des Nordens ohne Not. Du musst noch viel lernen.“

Pandor Sanh wirkte nicht minder nachdenklich. Er ahnte, dass ihre Reaktion auf das Kribbeln in seinem Nacken kein Zufall war.

„Woher weißt du, dass ich wohl eine seltsame Fähigkeit besitze, von der ich selbst eigentlich nichts weiß?“, fragte er verunsichert.

Er befürchtete schon, dass jetzt wieder die leidige Aufforderung käme, sich an diesen ominösen Berater zu wenden. Aber stattdessen drehte sich Octora wortlos zur Seite und fixierte einen etwa kopfgroßen Stein, der einsam am Rand des Plateaus lag. Bevor Pandor Sanh die nächste Frage stellen konnte, fühlte er plötzlich eine leichte Vibration in seiner Stirnhöhle.

Dann geschah – nichts.

Und dennoch wurde ihm schlagartig klar, womit er es zu tun hatte: Sie verfügte über die gleiche, geheimnisvolle Begabung wie er. Das konnte er durch die Schwingungen in seinem Kopf spüren, wenn sie sich anschickte, davon Gebrauch zu machen. Aber offenbar konnte sie diese Fähigkeit gezielt einsetzen, was ihm nicht möglich war.

Vielleicht musste er wirklich noch viel lernen.

*

Gegen Abend des dritten Tages hatten der Mithrier und seine Begleiterin aus Zogh die Vegetationsgrenze längst hinter sich gelassen. Der schmale Weg führte Octora und Pandor Sanh zu einem Gebirgsbach, der in mehreren Kaskaden eine tiefe Schlucht in das Gestein geschnitten hatte. Der Abgrund wurde von grob behauenen Baumstämmen überspannt, auf denen höchstens zwei Personen nebeneinander Platz fanden. Auf der anderen Seite öffnete sich der Weg zu einer ovalen Fläche, die Pandor Sanh an eine Arena erinnerte.

Im Hintergrund türmten sich versetzt hohe Felsquader auf. Obwohl militärisches Denken Pandor Sanh völlig fremd war, erkannte er sofort, dass dieser Ort unter strategischen Gesichtspunkten perfekt anmutete. Der Passweg ließ sich mit einer begrenzten Anzahl von Schwertkämpfern am Boden und Bogenschützen auf den Felsbrocken gegen jede feindliche Übermacht halten. Wegen der Felswand zur Rechten und des Abgrundes zur Linken konnten etwaige Angreifer nur paarweise den steilen Pfad erklimmen und die schmale Baumbrücke überschreiten.

Octora ging sicheren Fußes und ohne zu zögern über die Stämme. Pandor Sanh brachte dem Übergang weniger Vertrauen entgegen und folgte seiner Führerin mit langsamen, vorsichtigen Schritten in großem Abstand. Als er endlich das gegenüberliegende Felsplateau erreicht hatte, erklärte Octora, dass sie die Nacht im Schutze der großen Quader verbringen würden.

Hier oben in den Bergen kühlte es in den Nächten stark ab. Deshalb waren Octora und Pandor Sanh gezwungen, ihre Zelte aufzubauen. Auf dem felsigen Untergrund erwies sich dies aber als äußerst schwieriges Unterfangen und harte Arbeit. Die Metallhaken für die Spannseile mussten mühsam in schmalen Felsrissen verankert werden. Bis jeder von ihnen einen geeigneten Platz gefunden hatte, standen die Zelte fast einhundert Meter voneinander entfernt. Pandor Sanh sah zu Octora hinüber, die gerade die letzten Handgriffe verrichtete. Dann schlüpfte sie in ihr Zelt, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.

Pandor Sanh war enttäuscht. Als Frau interessierte ihn Octora natürlich nicht, auch wenn er zugeben musste, dass sie eine beeindruckende Erscheinung darstellte. Er hatte jedoch gehofft, noch einige Zeit mit ihr zusammensitzen zu können und etwas über den Quaralpalast, die Eisgrafen und den Hüter der Flammen zu erfahren. Am folgenden Tag würden sie den Palast voraussichtlich um die Mittagszeit erreichen, und eigentlich war er auf nichts vorbereitet. Unzufrieden begab auch er sich in sein Zelt, wickelte sich in seine Decke und schlief bereits nach einer kurzen Weile ein.

Am nächsten Morgen wurde Pandor Sanh durch einen gellenden Pfiff aus dem Schlaf gerissen. Vor dem dünnen Leinenstoff des Zeltes zeichnete sich in der gerade aufgehenden Morgensonne die Silhouette der hohen Gestalt Octoras ab.

Er beeilte sich, das Zelt zu verlassen, obwohl er diese Art von Weckruf eigentlich als ungehörig empfand. Als er hinaustrat erkannte er, dass Octora ihr Zelt bereits abgeschlagen hatte und abreisebereit war für den letzten Teil ihrer Wegstrecke. Wortlos baute nun auch er schnell das mühsam errichtete Zelt ab und verstaute es in seinem Sack. Dann folgte er Octora, die unterdessen schon die großen Quader im hinteren Teil der Felsarena erreicht hatte.

Nachdem Pandor Sanh ebenfalls am Rand des Plateaus angekommen war, bot sich ihm ein atemberaubender Ausblick. Zu seinen Füßen lagen die nördlichen Ausläufer des Vorgebirges, die sich wie ein Arm und eine Hand bis zum fernen Ozean erstreckten. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Pandor Sanh das riesige, blaue Nordmeer. Zu seiner Rechten fiel das Vorgebirge sanft ab. In der Ferne ging es in die schroffen Gebirgszüge des Aralt-Massivs über, dessen glitzernd weiße Gipfel in den Wolken verschwanden. Und ganz weit draußen, fast am Meer, zwischen dem letzten „Finger“ des Vorgebirges und dem steil aufragenden Aralt, konnte Pandor Sanh eine Hochebene ausmachen. Auf ihr befand sich eine offensichtlich von Menschenhand errichtete Anlage, die aus dieser Entfernung winzig klein wirkte, in Wirklichkeit aber gewaltig groß sein musste… der Quaralpalast.

Octora war längst weiter marschiert ohne im Geringsten auf die Schönheiten der Natur zu achten. Vielleicht hatte sie sie aber auch schon oft genug gesehen.

Der Weg wurde nun plötzlich wesentlich breiter und verlief auf der, zum fernen Ozean hin, leicht abfallenden Kammlinie der Vorgebirgsauen. Es war nur zu erahnen, dass er zu der einsamen Festung führte, die das Ende der Welt zu markieren schien. Pandor Sanh verfiel in einen schnelleren Schritt, um Octora einzuholen.

Als die milde Sonne des Frühsommers ihren niedrigen Zenit bereits überschritten hatte, kamen Octora und Pandor Sanh endlich am Quaralpalast an. Schon von weitem hatte der Mithrier erkannt, dass die hohe Außenmauer und die noch höhere, innere Ringmauer aus dem gleichen grauen Basalt bestanden, der die ganze Umgebung beherrschte. Die Gebäude dagegen, eine Unzahl verschachtelter Langhäuser und Türme in allen Größen und Formen, wiesen umlaufende Bänder aus dem seltenen Quaral-Kristall auf. Reines Quaral hatte die Eigenschaft, Wärme und Licht viel schneller zu speichern, als abzugeben. Je mehr sich die Steine aufheizten, desto stärker leuchteten sie von innen heraus. Auch beim Näherkommen konnte Pandor Sanh keine Fugen in den Mauern erkennen. Da diese Mauern aber nicht natürlichen Ursprungs waren, bewunderte er die Präzision, mit der die Erbauer die mächtigen Quader ineinandergefügt hatten. Octora schritt auf die Mauer zu, obwohl Pandor Sanh nirgendwo ein Tor oder einen Eingang erkennen konnte. Plötzlich öffnete sich ein dunkler Spalt am Boden der Außenmauer. Ein mindestens fünf Meter breiter und zehn Meter hoher Quader klappte langsam nach oben. Auf diese Weise entstand ein Durchgang, der es den beiden Reisenden ermöglichte, den Quaralpalast zu betreten.

Pandor Sanh sah mit Erstaunen, dass der Steinkoloss mit Hilfe von Seilzügen bewegt wurde, die ihn nun auch wieder verschlossen. Aus einem niedrigen Gebäude in der Nähe der Öffnung trat ein kleiner, älterer Mann heraus, der zuerst Octora und dann auch Pandor Sanh freundlich begrüßte.

Er begleitete sie zur inneren Ringmauer, wo etliche der riesigen Steinquader hochgezogen waren. Sie boten jetzt große Durchgänge, konnten aber im Falle eines Angriffs blitzschnell geschlossen werden. Der Fuß der inneren Mauer lag mehrere Meter höher als die äußere Mauer. Dieser Höhenunterschied wurde überbrückt durch eine breite Felsrampe, in deren Brüstungen kunstvolle Steinfiguren eingearbeitet waren. Die Gesichtszüge der Statuen wirkten nachgerade lebensecht. Pandor Sanh hatte dennoch keine Vorstellung davon, wen sie darstellten. Ihm fiel allerdings auf, dass jede der Figuren eine Kette mit einem außergewöhnlich klobigen Stein um den Hals trug.

Nach wenigen Minuten erreichten sie ein auffällig großes Gebäude hinter der inneren Mauer. Aus der Mitte des Gebäudes erhob sich ein kreisrunder Turm mit einem Spitzdach. Octora erklärte Pandor Sanh in einem nunmehr etwas freundlicheren Ton, dass in diesem Gebäude der Sitz des Verwalters sei, der sie auch in Empfang nehmen würde.

Pandor Sanh war es anfangs ziemlich unangenehm gewesen, mit einer Zogh reisen zu müssen. Dazu musste er erst einmal die Vorurteile überwinden, die er als Mithrier gegen ihr Volk hegte. Später hatte er sich mit dieser Situation abgefunden. Octora war ihm mehr oder weniger gleichgültig gewesen, wenn man einmal davon absah, dass ihre gelegentliche Überheblichkeit ihn ziemlich gestört hatte. Aber nun berührte es ihn doch einigermaßen schmerzlich, als ihm klar wurde, dass ihr plötzlich etwas freundlicherer Ton offenbar aus der Erleichterung herrührte, ihn endlich loszuwerden. In diesen Gedanken befangen betrat er den Sitz des Verwalters und verpasste dabei den Blick auf die wuchtige Zitadelle. In einiger Entfernung ragte sie hinter dem Verwaltungsgebäude wie ein Fels in der Brandung empor, mit all ihren Kuppeln und Zinnen und den großen Langhäusern mit schmalen, bogenförmigen Fenstern.

Octora geleitete Pandor Sanh durch einen großen Vorraum über eine Treppe in ein Besprechungszimmer wo sie von zwei Personen erwartet wurden. Der ältere der beiden Männer hatte auffallend strahlende, blaue Augen in einem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht. Er strahlte eine Tatkraft und Entschlossenheit aus, zu der das schranzige, blaue Ornat mit den goldenen Besätzen an den Ärmeln und die auffällige Kette mit dem protzigen Bergkristall nicht so recht passen wollten. Auch wenn das Blau seiner Augen ungewöhnlich war, verriet es seine mithrische Herkunft. Der jüngere Mann war schlicht gekleidet, von schmaler Statur und wirkte derart unauffällig, dass er wohl eher übersehen, als bemerkt wurde. Bei genauer Betrachtung lag in den grünen Augen des Gatyers aber eine für sein noch relativ jugendliches Alter erstaunliche Härte und Unbeugsamkeit. Dennoch hatte es den Anschein, dass das breite Lächeln und die Freude, mit der er die beiden Neuankömmlinge begrüßte, uneingeschränkt ehrlich waren. Als Octora ihn herzlich umarmte, musste Pandor Sanh feststellen, dass dies bei ihm ein unangenehmes Gefühl auslöste, das er sich lieber nicht eingestehen wollte.

Der ältere Mann übernahm die Vorstellung: „Ich bin der Verwalter. In dieser Position legt man seinen Namen ab. Der junge Mann hier ist Novotor. Er wird Ihnen die Burg zeigen und ein paar Dinge erklären. Ich freue mich außerordentlich, dass Sie gekommen sind.“

Daraufhin wandte sich der Verwalter Octora zu und begrüßte sie mit einem herzlichen Händedruck sowie der üblichen Frage nach dem Befinden.

„Komm mit!“ Novotor fasste Pandor Sanh freundschaftlich am Arm und führte ihn mit sanftem Druck zur Tür. „Ich bringe dich zu deinen Aufenthaltsräumen, damit du dich von den Strapazen der langen Reise erholen kannst.“

Die Pandor Sanh zugedachten Aufenthaltsräume befanden sich im westlichen Teil der Zitadelle. Als Zugang, zu dem mit einem breiten Wassergraben umschlossenen Kern der Festung diente eine heruntergelassene Zugbrücke, deren schwere Ketten an wuchtigen Granitsäulen befestigt waren. Auf dem dunklen Wasser tummelten sich Enten, Schwäne und ein paar nordische Wasservögel in friedvoller Eintracht.

Nachdem Novotor und Pandor Sanh die Zugbrücke überschritten hatten, befanden sie sich auf einer breiten Pflasterstraße. Treppen führten zu einem Rundgang im oberen Teil der Zitadelle hinauf. Novotor geleitete Pandor Sanh zu einem einladend wirkenden, flachen Gebäude, das von einem kleinen Garten umgeben war. Einem Gästehaus, wie Novotor bemerkte.

Den großzügigen Eingangsbereich des Hauses zierten üppige Pflanzen, was hier im öden und kalten Norden eine besondere Seltenheit darstellte. Die Steinplatten der Flure waren mit schweren Teppichen ausgelegt, und die Quaralbänder in den Wänden verströmten auch in der dunklen Jahreszeit ein mildes, warmes Licht.

Hinter einer roten Holztür befand sich eine anspruchsvoll ausgestattete Wohnung, die Pandor Sanh während seines Aufenthalts im Quaralpalast zur Verfügung stehen sollte. Während er noch über diesen Luxus staunte, klopfte ihm der Gatyer grinsend auf den Rücken und erklärte, dass er ihn jetzt verlassen werde. Er versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen und den Mithrier für eine Besichtigung der Festung abzuholen. Dann beschrieb er Pandor Sanh noch den Weg zum Verköstigungsraum, der den Gästen des Quaralpalasts unentgeltlich zur freien Verfügung stand.



Kapitel 3 – Die Zusammenkunft der Eisgrafen


Novotor erschien zur angekündigten Stunde, um Pandor Sanh für den Rundgang durch die Festungsanlage abzuholen. Nachdem sie ein gemeinsames Frühstück im Verköstigungsraum eingenommen hatten, führte der Gatyer seinen Gast zur Allee der Berater, die in einem gewaltigen Oval um die gesamte Zitadelle verlief. Auf der rechten Seite der Straße befanden sich überlebensgroße Statuen, die die Berater vergangener Zeiten in sitzender Haltung darstellten. Pandor Sanh fiel auf, dass sie allesamt Kapuzenmäntel trugen, sodass die Gesichter nur teilweise erkennbar waren. Anders als bei den Standbildern der Verwalter auf der Rampe zur inneren Mauer konnte er keine nennenswerten Unterschiede in den Gesichtszügen erkennen.
Novotor schien Pandor Sanhs Gedanken zu erraten.
„Der Berater ist der Schutzpatron des Nordens“, erklärte er. „Die Feinde der Nordlande sollen ihn nicht erkennen. Während der Hüter der Flammen die Freunde willkommen heißt, hat der Berater die Aufgabe, Bedrohungen zu bekämpfen. Beides ist für den Erhalt unseres Landes und unserer Freiheit gleich wichtig. Aber es braucht auch den Zusammenhalt und die Koordinierung aller Kräfte. Das ist die Aufgabe des Verwalters.“
Pandor Sanh glaubte, dass er durch diese einfache und dennoch einleuchtende Erklärung Novotors die großen Zusammenhänge verstanden hatte. Aber die drängenden Fragen, die ihn persönlich beschäftigten, waren damit noch nicht beantwortet. Deshalb nutzte er jetzt die günstige Gelegenheit und stellte Novotor all die Fragen, die er zuvor Octora nicht zu stellen gewagt hatte. Währenddessen schlenderten sie weiterhin gemächlich die breite, von Bäumen und Statuen gesäumte Allee entlang.
Novotor runzelte zunächst bei den Fragen Pandor Sanhs die Stirn. Dann legte er ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und ging mit ihm zur Brüstung an der rechten Seite der Allee. Von dort aus hatte man eine wunderbare Aussicht auf die tiefer gelegenen Gebäude der Festung im Osten und den endlosen Ozean im Norden. Auf den kristallinen Mauerteilen glitzerte noch die Feuchtigkeit, die der Morgennebel dort hinterlassen hatte. Die kolossale Zitadelle wirkte wie das unerschütterliche Sinnbild ewigen Friedens und immerwährender Pracht. Inzwischen erahnte aber auch Pandor Sanh die Vergänglichkeit eines solch trügerischen Scheins.
Novotor bemühte sich, dem Ankömmling wenigstens den Ansatz einer Erklärung auf dessen Fragen zu liefern.
„Die Eisgrafen sind Auserwählte, aber sie sind dennoch Menschen wie alle anderen auch. Bisher war es fast immer so, dass sie den alten Geschlechtern angehörten, deren Burgen sich in der Nähe der Eisbäume befinden. In Mithrien sind das Drinh, Kerdaris, Marandia, Sokut und Tanaria. Sobald ein Eisgraf berufen wird, ändert sich sein Name, und sein Leben ist nur noch einer Aufgabe gewidmet: In der uns bekannten Welt werden im Verborgenen Kriege ausgetragen, von denen wir oft nichts bemerken, die sich aber höchst bedrohlich auf uns auswirken. Den Eisgrafen kommt dabei die Aufgabe zu, die Menschen des Nordens und die Eisbäume zu beschützen. Es gibt immer höchstens neun Eisgrafen, weil es auch nur neun Eisbäume gibt. Der Berater glaubt, dass jeder Eisbaum die Fähigkeit hat, den von ihm ausgewählten Eisgraf mit einer besonderen Gabe auszustatten, die man als den „vernichtenden Blick“ bezeichnet. Das ist eine schreckliche Waffe, nämlich die Fähigkeit, allein mit Hilfe geistiger Kräfte das Gefüge von Dingen oder auch von Lebewesen völlig aufzulösen. Die Eisgrafen handeln selbständig, aber der Berater koordiniert ihre Missionen, die sie zumeist in ferne Länder führen. Das ist auch der Grund, warum du dich noch einige Tage gedulden musst. Du sollst in der Versammlung der Eisgrafen angehört werden, aber noch sind nicht alle von ihren Missionen zurück. Im Kuppelbau des Schlosses gibt es einen Saal, den nach alter Tradition nur die Eisgrafen und der Berater betreten dürfen. Nur wenn die Eisgrafen dies einstimmig beschließen, darf auch anderen Personen der Zutritt gewährt werden. Dies gilt selbst für den Hüter der Flammen und den Verwalter. Mehr kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Der Berater wird dir alles Weitere erklären.“
Novotor schwieg einen Moment. Dann fügte er hinzu: „Aber ich möchte dir noch einen gut gemeinten, freundschaftlichen Rat in einer ganz anderen Sache geben. Hier weiß jeder, dass Tritor ein Auge auf Octora geworfen hat. Tritor ist der Sohn des Herzogs der Höhlen. Er gilt als der gefährlichste und unberechenbarste aller Eisgrafen. Du solltest also die Finger von ihr lassen“.
„Ich habe sie überhaupt nicht angerührt!“, protestierte Pandor Sanh. „Sie ist eine Zogh. Auch du solltest eigentlich wissen, wie wir Mithrier zu den Zogh stehen.“
„Ich habe deinen Blick gesehen“, sagte Novotor mit breitem, entwaffnendem Grinsen.
„Dann weißt du mehr als ich“, brummelte Pandor Sanh missmutig zurück.
Nach einer kurzen Zeit des Schweigens, in der Pandor Sanh versuchte, die von Novotor erhaltenen Informationen zu ordnen, nahmen beide ihren Rundgang wieder auf und spazierten die breite Allee hoch bis zum nördlichsten Zipfel der Festungsanlage. Von dort bot sich erneut ein grandioser Ausblick. Die äußere Mauer reichte bis an die Kante des Felsens heran, auf dem der Quaralpalast errichtet war. Darunter gähnte ein schwindelerregender Abgrund. Der Fels fiel in einer nahezu lotrechten Wand mehrere hundert Meter tief bis zu einem schmalen Geröllband ab, hinter dem sich der endlose Ozean ausbreitete.
Novotor beugte sich über die Balustrade. Dabei glitt eine Kette aus der Halsöffnung seines Wollhemdes. Für einen kurzen Moment konnte Pandor Sanh den Anhänger sehen. Es war ein Metallring, der einen Kubus umschloss. Blitzschnell schob der Gatyer das Amulett unter das Hemd zurück.
*
Auch die beiden folgenden Tage verbrachte Pandor Sanh damit, gemeinsam mit Novotor die weitläufige Festungsanlage zu erkunden.
Der junge Mithrier erinnerte sich an die Statuen der Verwalter und Berater. Nirgendwo hatte er aber irgendwelche Darstellungen von Hütern der Flammen gesehen. Als er Novotor darauf ansprach, erklärte dieser, dass es vergleichbare Statuen nicht gebe. Nach einer kleinen Weile fragte der Gatyer geheimnisvoll: „Willst du die Hüter selbst sehen?“
Die Frage kam für Pandor Sanh derart überraschend, dass er sie bejahte, obgleich er ihren Sinn nicht begriff. Novotor führte ihn daraufhin zu einer kleinen, unscheinbaren Metalltür am äußeren Rand der Festung. Dort endete die mittlere Mauer am gewachsenen Felsen. Der Gatyer griff in die Tasche seiner Wolljacke, zog einen Schlüsselbund hervor und öffnete die Tür. In den dahinter befindlichen Raum fiel das Tageslicht durch eine Wandöffnung ein, welche die Erbauer der Anlage in die Felswand geschlagen und mit einem schweren Eisengitter gesichert hatten. Eine schmale Treppe führte in die Tiefe. Novotor verschloss die Tür von innen und ging voran. Da die Stufen in der Mitte stark ausgetreten und rutschig waren, mussten sich die beiden Männer beim Abstieg an einem Schiffstau festhalten, das als Handlauf seitlich in der Wand durch Stahlösen gesichert war. Gelegentlich tropfte Wasser von der Decke herab. Schweigend tasteten sich Novotor und Pandor Sanh in die Tiefe des mächtigen Berges vor, auf dem der Quaralpalast errichtet war. Die Treppe schien kein Ende nehmen zu wollen. Pandor Sanh gewann den Eindruck, dass sie sich schon tief unterhalb der Fundamente des Quaralpalasts befinden müssten. Schließlich endeten die Stufen abrupt vor einer vergitterten Tür. Durch diese betraten die beiden Männer eine stählerne Galerie in halber Höhe eines riesigen Felsendoms, dessen hintere Wände im trüben Zwielicht verschwammen.
Pandor Sanh stockte der Atem. Auf dem Boden des Gewölbes waren gläserne Särge spiralförmig angeordnet. Auch aus dieser Höhe konnte man sehen, dass in den Särgen Tote mit elfenbeinfarbenen Hosen und Hemden sowie roten Mänteln lagen. Pandor Sanh zählte achtundzwanzig Särge.
„Wir können hinunter gehen“, flüsterte Novotor und ging zum Ende der Galerie, wo eine leicht angerostete Eisenleiter mit schmalen Trittstufen hinab zum Fuß des Felsendoms führte.
Pandor Sanh fröstelte. Je tiefer sie kamen, desto kälter wurde es. Wie im eisigen Winter der Hochebenen gefror der Atem. Nachdem sie auf dem Boden der Kuppel angelangt waren, betrachtete Pandor Sanh mit andächtiger Scheu die Leichname in ihren gläsernen Sarkophagen. Es hatte den Anschein, als ob sie noch am Leben wären und nur schliefen. Jetzt erkannte der junge Mithrier auch, dass bei allen Verstorbenen in Brusthöhe das Symbol der Flammen auf die, in einem leichten Seidenglanz schimmernden, Hemden aufgenäht war. Langsam durchschritten Novotor und Pandor Sanh den Spiralkorridor zwischen den Särgen bis sie schließlich den Mittelpunkt erreichten, wo ein einzelner Sarg auf einem kleinen, erhöhten Podest stand.
„Das ist Gundur zu Drinh“, sagte Novotor leise. Seine Worte verloren sich mit einem wispernden Echo in der riesigen Halle. Pandor Sanh schaute auf das Gesicht mit den geschlossenen Augen unter den weißen Brauen. Dieses Gesicht strahlte noch im Tod Ruhe und Zufriedenheit aus.
In seine Gedanken vertieft, bemerkte Pandor Sanh nicht Novotors entsetzten Blick, der vom ersten Hüter der Flammen zu ihm und wieder zurück wanderte. Einige Augenblicke rang der Gatyer um seine Fassung. Hatte er doch gleich gewusst, dass ihn der Anblick Pandor Sanhs an irgendein Bild aus der Vergangenheit erinnerte! Aber er hatte einfach nicht vermocht, sich dieses Bild ins Gedächtnis zu rufen. Jetzt stand er direkt davor: es war diese verblüffende Ähnlichkeit mit einem Toten!
*
Am vierten Tag nach Pandor Sanhs Ankunft im Quaralpalast erklärte Novotor seinem Schützling, dass es nun endlich soweit sei. Zuerst stünde ein Besuch beim Hüter der Flammen persönlich und danach ein Treffen im Saal der Eisgrafen an.
Der Mithrier versuchte erst gar nicht, seine Aufregung zu verbergen. Ungestüm umarmte er seinen neuen Freund. Anschließend folgte er Novotor mit wachsender Ungeduld. Ihr Weg führte sie über eine geschwungene Treppenbrücke hinauf zum Portal des Hauptpalasts, wo sechs verwegen aussehende Zogh in schweren Rüstungen Wache hielten. Sie wurden teilweise verdeckt von ihren riesigen Schilden, die der Form von Pferdeköpfen nachempfunden und mit dem Emblem der Flammen versehen waren.
Die aufwändig gearbeitete Eichenholzpforte mit den silbernen Beschlägen und dem Wappen des Nordens öffnete sich wie von Geisterhand. Die Wache gab den beiden Besuchern sogleich den Weg frei.
Vor Pandor Sanh erstreckte sich eine riesige Halle. Durch Rundbogenfenster mit geschliffenen Scheiben fiel das Licht des jungen Tages ein und tanzte bunte Reigen. Novotor durchquerte mit zielsicherem Schritt die Halle und geleitete Pandor Sanh zu dem rückwärtigen Säulengang. Dort begann der Treppenaufgang zum Flammensaal. Dicke Teppiche in den Farben rot und blau verschlangen die Geräusche der Schritte. Von seinem Vater wusste Pandor Sanh, dass die althergebrachten Muster dieser Teppiche in den Familien der Weber und Knüpfer aus den Tälern des Vorgebirges über Generationen hinweg vererbt wurden.
Im Obergeschoß gelangten sie zu einer drei Meter breiten und nahezu vier Meter hohen, zweiflügeligen Rundbogentür aus geschwärzten Eichenbohlen mit bronzenen Beschlägen. Auf beiden Türflügeln loderte in einem mit Bergkristallen umrahmten Oval die Darstellung eines aus unzähligen kleinen Rubinen zusammengesetzten Feuers. Auch die vier schwerbewaffneten Posten vor der Saaltür ließen Novotor und Pandor Sanh wortlos passieren. Zögernd und unsicher betrat der Dorfjunge aus Sanh das Zentrum der Macht.
An der Stirnseite des Flammensaals befanden sich in beiden Ecken riesige Kamine aus Granit. Dazwischen prangte das in einer saalhohen Einlegearbeit gefertigte Symbol der Flammen, das auch die Flaggen der Vereinten Nordlande zierte. An den Seitenwänden flackerten Fackeln in farbenprächtigen Glashalterungen. Der aus Ornamenten unterschiedlicher Gesteinsarten zusammengesetzte Bodenbelag bildete einen beeindruckenden Kontrast zu den schlichten, weißen Wänden.
In der Mitte des Raumes stand ein großer Mann mit einem stattlichen grauen Bart und einer grauen Haarmähne. Die blauen Augen verrieten die mithrische Herkunft. Da Mithrien das mit Abstand größte und bevölkerungsreichste Nordland war, stellte es in der Regel den Hüter der Flammen. Wie die Toten in den Glassarkophagen trug der Grauhaarige einen langen, feuerroten Umhang und darunter eine elfenbeinfarbene Hose und ein gleichfarbenes Hemd. An seiner Seite hing ein breites Schwert. Der Hüter der Flammen besaß nach den geltenden Regeln als einziger Mensch die Erlaubnis, innerhalb des Flammensaals Waffen zu tragen.
Im Hintergrund kauerte die seltsamste Gestalt, der Pandor Sanh jemals begegnet war. Sie wurde von einer Aura der Bedrohlichkeit umgeben, obgleich nichts außer den rotglühenden Augen von ihr zu sehen war. Der Rest wurde von einem schwarzen Kapuzenmantel vollständig verhüllt.
Pandor Sanh hatte nicht die geringste Ahnung, wie man sich in Anwesenheit des Hüters der Flammen verhielt. Innerlich verfluchte er Octora und auch Novotor, die ihn hierauf nicht ausreichend vorbereitet hatten; aber bevor Pandor Sanh einen Entschluss fassen konnte, löste der Hüter der Flammen das Problem auf seine eigene Weise. Mit schnellen Schritten und einem breiten Lächeln im Gesicht eilte er auf den Ankömmling zu und umarmte ihn wie einen alten Freund.
„Ich freue mich, dass Ihr endlich gekommen seid, Unitor!“ Pandor Sanh erstarrte mitten in der Bewegung. Also doch eine fatale Verwechslung!
„Ich – ich – bin Pandor Sanh“, brachte er stammelnd hervor. Der Hüter der Flammen trat einen Schritt zurück, aber an seiner guten Laune schien sich nicht das Geringste geändert zu haben.
„Wer diesen Raum betritt, hat seinen Geburtsnamen längst abgelegt. Manchmal weiß er es nur noch nicht. Du bist Unitor“, verkündete er.
Pandor Sanh warf Novotor einen verzweifelten Seitenblick zu und erkannte überrascht, dass der Gatyer nicht den Hauch eines Erstaunens zeigte. Mittlerweile war die schwarze Gestalt mit den glühenden Augen unbemerkt im Hintergrund aufgestanden und ebenfalls herangekommen.
„Ja, du bist Unitor“, bestätigte eine hohle Stimme, die aus einer Gruft zu kommen schien. Die Gestalt ergriff Pandor Sanhs beide Hände und drückte sie kräftig. „Mich nennt man den „Berater“. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du gekommen bist.“
„Du wirst schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Hüter der Flammen. „Wir beide können uns später noch etwas länger unterhalten. Ich war begierig darauf, dich wenigstens kurz zu sehen. Bisher sollte dir aber erst einmal die Zeit gegeben werden, dich hier zurechtzufinden.“
Die Augen des Beraters schienen plötzlich noch intensiver zu glühen. „Gehen wir endlich!“ verlangte er ungeduldig.
Eingerahmt von Novotor und dem Mann im schwarzen Kapuzenmantel verließ Unitor den Flammensaal.
Der Saal der Eisgrafen befand sich in einem großen Kuppelbau neben dem Hauptpalast. Unitors Spannung stieg fast ins Unerträgliche, bis der Berater endlich die Tür öffnete. Es handelte sich um einen kreisrunden Raum von etwa dreißig Metern Durchmesser, in dessen Mitte ein runder Tisch und zehn Stühle standen. Der aus durchsichtigen Kristallbrocken zusammengesetzte Tisch wirkte wie ein Eisblock. Die mit blauen Polstern bezogenen Stühle erinnerten an die Farbe des nördlichen Ozeans.
Die anwesenden Personen standen in zwei Gruppen beisammen und waren in Gespräche vertieft. Als die Tür aufging, verstummten die Gespräche. Alle Augen richteten sich auf Unitor, der sich dadurch etwas gehemmt fühlte. Er zählte sieben Personen, von denen eine sofort seinen Blick bannte: zwei graue Augen fixierten ihn und in den Mundwinkeln der Frau lag ein spöttisches Lächeln – Octora! Sie stand bei einem anderen Zogh, der selbst ihre große Gestalt noch um fast einen Kopf überragte. Sein kantiges, hartes Gesicht mutete furchteinflößend an – wohl der berüchtigte Tritor, denn sonst war kein weiterer Zogh im Raum.
Außer Octora und ihrem Gesprächspartner befanden sich zwei weitere Frauen und drei Männer im Saal. Als die Tür ins Schloss fiel, blickte sich Unitor kurz um. Überrascht stellte er fest, dass Novotor immer noch hinter dem Berater stand. In dem Saal, den eigentlich nur Eisgrafen betreten durften! Oder war er als sein Begleiter zugelassen worden?
Unitor hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn nun ergriff der Berater mit seiner Grabesstimme das Wort:
„Der Krieg hat eine neue Dimension erreicht. Die Bewohner eines ganzen Dorfes sind spurlos verschwunden. Niemand Geringeres als der Hüter des Größten aller Eisbäume wird uns davon Bericht erstatten. Heißen wir ihn in unserem Kreis herzlich willkommen. Bitte, Unitor!“
Die Geste des Beraters ließ keinen Zweifel daran, dass die Aufforderung tatsächlich Pandor Sanh galt. Der Mithrier war angesichts dieser bemerkenswerten Vorstellung völlig verwirrt. Seine Verlegenheit wuchs noch, als die Anwesenden, jene sagenumwobenen Eisgrafen und Verteidiger der Nordlande, freundlichen Beifall spendeten. Selbst die beiden Zogh klatschten. Und schließlich glaubte Pandor Sanh sogar, in den Augen Octoras so etwas wie Sympathie zu erkennen.
Die gelöste Stimmung bestärkte den Mut des Mannes, der nun den Namen Unitor tragen sollte. Und so begann er seinen Bericht. Er erzählte in allen Einzelheiten seine Wahrnehmungen, wie er von der erfolglosen Jagd zurückgekehrt war und das verlassene Dorf vorgefunden hatte. Er sparte auch das Vorkommnis mit dem Attentäter nicht aus, der sich unerklärlicherweise in Luft aufgelöst hatte.
„In Staub“, warf einer der Eisgrafen an dieser Stelle ein und hob den Kopf, sodass Unitor sein Gesicht unter den langen, schwarzen Haaren sehen konnte. Und jetzt erkannte er auch ihn wieder. Es war der Mann aus der Taverne von Tharis, der ihm das Treffen mit Octora angekündigt hatte. Unitor nickte ihm ebenso aufgeregt wie freundlich zu, machte eine zustimmende Handbewegung und fuhr dann in seinem Bericht fort.
Nachdem er geendet hatte, herrschte erst einmal betretenes Schweigen. Schließlich ergriff der Berater das Wort. Unitor erwartete, dass er und Novotor jetzt verabschiedet würden.
„Hüter der großen Bäume und Wächter des Nordens! Eine unbekannte Macht bereitet einen Krieg gegen die Vereinten Nordlande vor“, verkündete der Mann mit der schwarzen Kapuze. „Es ist ein gutes Omen, dass wir in dieser schwierigen Lage endlich wieder vollzählig sind. Also lasst uns keine Zeit verlieren und die Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen. Unitor wird unsere Gemeinschaft stärken!“ Die Stimmung im Saal schien plötzlich von einer Entschlossenheit geprägt, die man nahezu körperlich fühlen konnte. Novotor legte Unitor den Arm um die Schulter. Der konnte immer noch nicht glauben, dass sein Freund aus Gatya gerade einen Eisgrafen umarmte. Schließlich gehörte er keinem der alten Geschlechter an, und der Fürst zu Drinh hatte einen Sohn.
*
Nach der Vorstellung Unitors saßen die neun Eisgrafen noch lange zusammen um den außergewöhnlichen Kristalltisch. Unitor erfuhr, dass sich jeder der Eisbäume in den Nordlanden einen Menschen erwählte, der dazu ausersehen war, ihn zu beschützen. Ein innerer Drang veranlasste den Auserwählten, seinen Baum so oft wie möglich aufzusuchen. In Mithrien standen fünf dieser majestätischen Bäume, in Gatya und Zogh jeweils zwei. Dies erklärte auch die Herkunft der Eisgrafen. Der Hüter des Größten aller Eisbäume war seit geraumer Zeit verschollen. Unitor war nun der neue Hüter, den sich der Baum ausgesucht hatte. Aber er konnte immer noch nicht begreifen, wieso der Baum entgegen der uralten Tradition nicht den Fürstensohn von Drinh erwählt hatte.
Nun erfuhr er auch zu seinem Leidwesen, dass es bis jetzt keinem der anderen Eisgrafen gelungen war, etwas über den Verbleib der verschwundenen Bewohner von Sanh in Erfahrung zu bringen. Sestor hatte nach dem Zusammentreffen in Tharis die Siedlung aufgesucht, in der Unitor als Pandor Sanh gelebte hatte. Aber auch er konnte dort keinerlei Spuren finden, die ihm irgendwelche Anhaltspunkte für den Verbleib der Bewohner hätten geben können.
Daraufhin kehrte er mit seinem schnellen Bergpferd zum Quaralpalast zurück, wo er nur zwei Tage nach Unitor eintraf. Als Unitor seine Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, erklärte ihm Sestor, was es mit den Bergpferden auf sich hatte. Abstammend von den Steppenpferden des Südens war ihre Zucht im Norden über mehrere Jahrhunderte an die speziellen Erfordernisse der kalten Gebirgsregionen angepasst worden. In der mehrere Quadratmeilen großen „Senke von Svoraven“ lebten sie frei in Herden am Fuß des Vorgebirges. Sie waren schnell und wendig, ausdauernd und schwindelfrei. Wegen der besonderen Form ihrer Hufe kamen sie auch auf felsigem Untergrund gut zurecht. Sie wurden vor allem von den Boten des Hüters der Flammen benutzt. Insgeheim standen sie aber auch für etwa notwendige Feldzüge der Vereinten Nordlande zur Verfügung. In jüngster Zeit wurden diese Pferde mit einem Material beschlagen, das der Berater durch geheime Kanäle aus Surdyrien beschafft hatte. Dieses Material verbesserte nochmals zusätzlich die Haftung der Hufe auf Felsen und nutzte sich auch bei längeren Ritten kaum ab.
Bei der Erwähnung der Minen von Surdyrien kam das Gespräch auf Senesia Sida, die Besitzerin der meisten Bergwerke. Selbst im Norden hatte jedermann von ihr gehört. Sie galt als die vermutlich schönste, auf jeden Fall aber als die reichste Frau der bekannten Welt, jedoch auch als die skrupelloseste. Sie lebte in Lumbur-Seyth, einem selbständigen Stadtstaat und größten Handelszentrum des gesamten Kontinents. Ihren außerordentlichen Wohlstand führten dessen Einwohner auf die günstige Verkehrslage am Mündungstrichter des Lumbur-Stroms zurück. Die Eisgrafen vertraten dagegen eher die Meinung, dass Gewissenlosigkeit und das Fehlen jeglicher moralischer Werte bei der Abwicklung von Geschäften diesen Wohlstand maßgeblich begünstigt hatten. Und mitten in diesem Netz aus Handel und Intrigen saß wie eine Spinne Senesia Sida, die heimliche Königin von Lumbur-Seyth. Der Berater meinte, dass sie die größte Nutznießerin eines etwaigen Krieges sein würde. Aber der wirkliche Feind verbarg sich seiner Meinung nach in Obesien.
Am frühen Abend verabschiedeten sich die Eisgrafen voneinander, weil einige von ihnen bereits am nächsten Morgen in aller Frühe wieder aufbrechen mussten. Auch Novotor hatte eine Mission zu erfüllen. Unitor ahnte nicht, dass er soeben seinen neuen Freund zum letzten Mal lebend gesehen hatte.
*
Während sich die Eisgrafen wieder in alle Winde zerstreuten, begab sich Unitor am folgenden Vormittag zu einer Unterredung beim Hüter der Flammen. Er bemerkte bald, dass das Gespräch nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen sollte und keine neuen Informationen für ihn brachte. Am Ende teilte der Hüter Unitor mit, dass er vom Berater im Saal der Eisgrafen erwartet würde.
Als sich Unitor dort einfand, saß der geheimnisvolle Mann in seinem schwarzen Mantel an dem runden Kristalltisch vor einem Stapel von Aufzeichnungen. Es handelte sich um die letzten Berichte der Eisgrafen, wie er bemerkte.
Der Berater hob den Kopf und schob den Papierstapel zur Seite. Lange ruhten seine rotglühenden Augen auf dem neuen Eisgrafen. Dann begann er zu erzählen: „Unitor, es geschehen Dinge, die den Norden bedrohen. Aber es geht nicht nur um den Norden, sondern um den gesamten Kontinent. Surdyrien ist nur noch ein Schattenstaat, der – wenn ich die Anzeichen richtig deute – von Obesien aus gelenkt wird. Früher oder später werden die Obesier auch versuchen, sich nach Süden auszubreiten. Die Länder dort sind zu schwach. Was momentan da unten geschieht, wissen wir nicht genau. Ich habe Duotora und Novotor gebeten, nach Borthul und Sindra zu reisen und sich dort umzusehen. Tritor und Sestor sind als Kaufleute getarnt in Obesien unterwegs, und Quintora konnte ich durch einen Freund in die Akademie von Modonos einschleusen. Wie ich bereits sagte: Ich bin sicher, dass in Obesien die Wurzel des Übels sitzt. Die Obesier sind Menschen wie wir, handeln jedoch ganz anders. Sie sind nicht nur außergewöhnlich kriegerisch. Geradezu unheimlich ist mir ihr gleichförmiges Massenverhalten, das mit einem Insektenstaat oder einem Fischschwarm vergleichbar ist. Ich bin ziemlich sicher, dass in Obesien eine geheimnisvolle Macht waltet, die die Menschen beeinflusst.“
Der Berater räusperte sich und schwieg einige Zeit. Auch Unitor sagte nichts. Dann fuhr die hohle Stimme fort: „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie eine solche Beeinflussung ausgeübt werden kann. Aber du musst wissen, dass es auch in Obesien Menschen gibt, die diesem Zwang nicht unterliegen. Sie werden die Priester des Wissens genannt. Man kann sie an der rötlichen Färbung ihrer Augen erkennen. Diese Priester verfügen über eine ausgeprägte Wissbegierigkeit und sind unberechenbar. Ich halte sie deshalb für noch wesentlich gefährlicher als den Machtapparat Obesiens.“
Er machte erneut eine kurze Pause, um Unitor Gelegenheit für Fragen zu geben. Aber der traf stattdessen eine Feststellung: „SIE haben rote Augen.“
„Ja, das gehört zu meiner Tarnung“, überging der Berater etwas unwirsch diesen Einwand und fuhr dann in seinen Überlegungen fort:
„Es ist doch mehr als außergewöhnlich, wenn eine unbekannte Macht eine ganze Bevölkerung zu einem bestimmten Verhalten zwingen kann und dennoch zulässt, dass sich ihr eine kleine Gruppe von Menschen widersetzt. Entweder duldet sie es bewusst, weil sie Vorteile davon hat, oder es gibt da eine Schwäche, die man vielleicht ausnutzen könnte. Du solltest es als deine Aufgabe betrachten, das herauszufinden. Es steht dir völlig frei, diese Aufgabe anzunehmen oder abzulehnen. Der Schlüssel zur Lösung – und damit meine ich auch die verschwundenen Bewohner von Sanh – liegt meines Erachtens aber nicht in Obesien, sondern in Surdyrien.“
Der Berater bemerkte Unitors verunsicherten Blick und machte ihm deshalb klar:
„Wenn du nach Surdyrien gehen willst, musst du aber vorher zumindest noch drei Dinge lernen: Den „vernichtenden Blick“ zu beherrschen, Waffen zu führen und ein Bergpferd zu reiten.“
Dieses Vorhaben erschien Unitor ziemlich anstrengend, aber zumindest überschaubarer als Octoras Aussage, dass er noch „viel“ lernen müsse.
„Ich werde nach Surdyrien gehen“, bekräftigte Unitor.
Der Berater ergriff die Karaffe, die neben dem Papierstapel auf dem Tisch stand und goss dem neuen Eisgraf ein Glas mit einer grünlichen Flüssigkeit ein.
„Kalter Limonentee des südlichen Vorgebirges“, murmelte er beiläufig.
Unitor leerte das Glas in einem Zug. Bereits einen Augenblick später schien die Welt vor seinen Augen zu verschwimmen. Er bemerkte nicht mehr, dass er seitlich vom Stuhl kippte. Währenddessen war der Berater bereits zu seinem Platz geeilt. Er fing den Körper des Eisgrafen auf bevor er auf den Boden aufschlagen konnte.
Als Unitor wieder erwachte, befand er sich in einem düsteren Gewölbe.



Kapitel 4 - Die „Gütige Frau von Oot“


Das Gebiet Obesiens beanspruchte einen großen Teil der Landfläche im Zentrum des Kontinents, hatte aber keinen Zugang zum Meer. Das Staatsgefüge des ehemals zweigeteilten Landes wurde weitgehend von militärischen Strukturen geprägt. Die Leitung des Staates oblag einem aus sieben Obesiern bestehenden „Kollektiv“.

Das zweithöchste Gremium des Landes stellte der aus elf Mitgliedern bestehende Kriegsrat dar, dem die ranghöchsten Befehlshaber der elf Heere angehörten. Obesien verfügte über sechs Landheere, die Garde von Modonos, die Schildwache, die Geheime Schar, die Äußere Armee und die Flotte. Von den sechs Landheeren befanden sich vier in Feldlagern in Nord-Obesien nahe den Städten Modonos, Tirestunom, Dunculbur und Bogogrant und zwei in Süd-Obesien in der Nähe der Städte Gladunos und Xotos.

Die Garde von Modonos bestand aus kleineren Einheiten, die für spezielle Aufträge eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu ihrem Namen waren sie in Garnisonen über das ganze Land verteilt. Die Schildwache hatte als reine Verteidigungseinheit ausschließlich Bewachungsaufgaben zu erledigen.

Die restlichen drei Armeeteile gab es offiziell überhaupt nicht. Bei der „Geheimen Schar“ war dies noch am ehesten verständlich, wie bereits der Name verriet. Sie bestand aus speziell ausgebildeten Elitekämpfern, die schwerpunktmäßig für geheime Missionen eingesetzt wurden. Der „Äußeren Armee“ gehörten alle Besatzungstruppen in fremden Ländern an, vor allem in Surdyrien. Da es aber nach der Außendarstellung Obesiens keine Unterwanderung anderer Länder gab, nur freundschaftliche Kooperation, konnte es auch keine „Äußere Armee“ geben. Den größten Anachronismus verkörperte indes die Flotte. Obesien hatte zwar einen Admiral, aber keine Schiffe. Der Admiral befand sich als Berater an Bord des Flaggschiffs der surdyrischen Seestreitkräfte. Diese aus Kriegskoggen bestehende Flotte war mit surdyrischen Matrosen bemannt und segelte unter surdyrischer Flagge; allerdings wurden die surdyrischen Mannschaften „unterstützt“ von obesischen Offizieren, und bei den Kampfverbänden an Bord handelte es sich fast ausschließlich um Obesier.

Aber es gab in Obesien auch eine Organisation, die völlig außerhalb dieser militärischen Strukturen stand. Und diese beeinflusste das Geschehen auf dem Kontinent bisweilen weitaus mehr.

*

So lange er denken konnte, war es für Telimur ein zwiespältiges Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Von Geburt an hatte er diese rötlichen Augen, das untrügliche Zeichen dafür, dass ihm die Begeisterung für Massenbewegungen und die Bereitschaft zur unterwürfigen Selbstaufopferung für das „Große Ganze“ fehlten. Menschen wie er verabscheuten sogar diese für die Masse der Obesier typischen „Tugenden“ und spielten dennoch eine Sonderrolle. Den Grund hierfür begann er erst viel später zu ahnen.

Telimur stammte aus einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt Modonos. In Obesien wurden die Kinder mit fünf Jahren den Eltern weggenommen und in öffentlichen Einrichtungen untergebracht. Dort bereitete man sie auf ihre späteren Aufgaben für das Gemeinwesen vor. Diese Grundausbildung fand für Telimur in einem kasernenartigen Gebäude in Modonos statt. Während der Grundausbildung, die bis zum dreizehnten Lebensjahr dauerte, lebte Telimur noch mit anderen „normalen“ Obesiern zusammen.

Nach dem letzten Jahr in der gemeinsamen Ausbildungsanstalt kam Telimur in die Akademie der Priester des Wissens in der Hauptstadt. Wie er schnell herausfand, hatten alle Priester des Wissens und ihre Schüler die gleiche rötliche Augenfarbe wie er, während die der anderen Obesier eher braun waren. Sodann fiel ihm auf, dass sich die Rotfärbung mit zunehmendem Alter verdunkelte. Jusmet, der alte Rektor der Akademie, besaß Augäpfel, die wie Rubine funkelten.

Die Jahre in der Akademie der Priester empfand Telimur als die schönsten in seinem bisherigen Leben. Er fühlte sich befreit von den Zwängen, die ansonsten in Obesien herrschten. Gleichzeitig konnte er sich nach Lust und Laune auf alle Wissensgebiete stürzen, deren Studium er für erstrebenswert hielt.

Mit zweiundzwanzig Jahren hatte Telimur eine so große Fertigkeit auf dem Gebiet der Pflanzenkunde entwickelt, dass das Leitungsgremium der Akademie beschloss, ihn in das Monasterium von Porigunom zu schicken. Es handelte sich dabei um das bedeutendste Forschungszentrum außerhalb von Modonos.

Porigunom lag nicht weit entfernt vom Südlichen Gürtel, einer ausgedehnten Steppenlandschaft, innerhalb der die Grenze zwischen Süd-Obesien und Oot verlief. Der Standort des Monasteriums war mit Bedacht gewählt. In einem Umkreis von einigen hundert Meilen gab es die größte Artenvielfalt des Kontinents, ferner auch zahlreiche seltene Mineralien und Erden.

Telimur stürzte sich auf seine Studien und galt bald als einer der fähigsten Pflanzenforscher. Eines Tages bekam er Besuch von Saradur, dem Sprecher der Priester des Wissens. Saradur war der Stellvertreter des sagenumwobenen Berion, des Ordensoberhaupts und angeblich größten Erfinders aller Zeiten. Kaum einer der einfachen Priester hatte Berion je gesehen. Es ging das Gerücht um, dass er sich seit langer Zeit im Norden aufhielt und nur gelegentlich nach Modonos kam, wenn äußerst wichtige Angelegenheiten einer Regelung bedurften.

Saradur trug ein Gewand in der schwarzen, dem Sprecher des Ordens vorbehaltenen, Farbe mit einem roten Kreis auf der Brust. Der Kreis symbolisierte die Zugehörigkeit zum „Inneren Zirkel“, der Elite der Priesterschaft. Saradur hatte ein strenges, scharf geschnittenes Gesicht mit schmalen Lippen, einer großen, geraden Nase und tiefen Falten, die genau wie die dunkelroten Augen auf ein hohes Alter hindeuteten. Aber in diesen Augen strahlte ein fanatischer Glanz, der auf eine außerordentliche Tatkraft schließen ließ. Seine, teilweise noch sehr dunklen Haare, durchzogen von grauen und weißen Strähnen, unterstrichen diesen zwiespältigen Eindruck, den der Ordenssprecher zwangsläufig auf andere Menschen machte.

Saradur begrüßte Telimur wie einen alten Freund. Obwohl Telimur noch nicht über eine sonderlich reichhaltige Lebenserfahrung verfügte, wusste er, dass derlei Überschwänglichkeit fast immer ihren Preis hatte.

„Mein lieber Telimur. Sie wurden mir als das größte Talent auf dem Gebiet der Pflanzenforschung beschrieben.“

„Lügner“, dachte Telimur.

„Ich bin hier, um Ihnen ein Angebot zu machen, das Sie unmöglich ausschlagen können.“

Erpresser.“

„Es wäre eine widersinnige Verschwendung, wenn ein derart talentierter junger Mensch wie Sie seine Fähigkeiten auf ein einziges Wissensgebiet beschränken würde.“

„Heuchler.“ Damit war das Bild komplett, das der junge Priester des Wissens vom Sprecher seines Ordens innerhalb von nur drei Sätzen gewonnen hatte.

Saradur sah Telimur Zustimmung heischend an. Der junge Mann aus Modonos blickte unsicher zurück und ließ die wohl selbst vom Sprecher nicht erwartete Begeisterung vermissen.

„Woran haben Sie dabei gedacht?“, fragte Telimur pflichtschuldig.

„Es gibt ein praktisches Anwendungsgebiet, das sich mit Pflanzenkunde zumindest in einem Teilbereich überschneidet, wenn nämlich pflanzliche Essenzen dazu verwendet werden, bestimmte Ziele zu erreichen.“ Saradur legte eine kurze, gewichtige Kunstpause ein. Anscheinend wollte er Telimur Gelegenheit geben, das Ergebnis zu erraten. Oder musste er erst selbst seinen ganzen Mut zusammennehmen, um es auszusprechen? Für Telimur war jedenfalls völlig rätselhaft, wovon der Sprecher sprach, bis dieser schließlich selbst bekanntgab:

„Gesprächsforschung.“ Telimurs Kinnlade klappte wie eine zu weit herausgezogene Schublade herunter. Hinter diesem ominösen Begriff verbarg sich alles, was dazu gehörte, einem anderen Menschen Geheimnisse zu entreißen, von gezielten Schmeicheleien bis zur ultimativen Folter.

Der Sprecher erkannte, dass er sofort die Gelegenheit nutzen musste, um den aufziehenden Proteststurm zu unterdrücken: „Warten Sie! Sie wissen, dass wir für die Finanzierung unserer Einrichtungen auf die Hilfe der Staatsorgane Obesiens angewiesen sind. Auch Freiheit hat ihren Preis. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als in gewissen Dingen den Wünschen des Kollektivs Rechnung zu tragen. Aber Sie sollten die Sache auch einmal von einer ganz anderen Warte betrachten, nämlich von Ihrer eigenen. Ein Priester des Wissens wird nicht damit behelligt, einfache Gesetzesbrecher zu verhören, die aus den Strukturen des Gemeinwesens ausgebrochen sind. Es geht nur um Dinge von höchster Wichtigkeit, die vielleicht alle paar Jahre einmal vorkommen. Und dann werden Sie als Erster Geheimnisse von vielleicht unschätzbarer Tragweite erfahren – möglicherweise noch vor dem Kollektiv. Sie haben damit einen Zugriff auf die Schalthebel der Macht. Ich darf Ihnen versichern, dass auch unser höchst geschätzter Ordensherr, Berion persönlich, mir aufgetragen hat, dafür zu sorgen, dass Sie diese wichtige Berufung annehmen.“ Und so wurde aus dem Pflanzenforscher Telimur gezwungenermaßen auch ein Student der Gesprächsforschung. Aber Saradur, der sich selbst für einen großartigen Strategen hielt, hatte einen schicksalhaften Fehler begangen. Er war zu sehr davon überzeugt, dass der junge Priester den Verlockungen der Macht erliegen würde.

 

*

 

Manchmal saß Telimur an den warmen Sommerabenden im südlichen Obesien auf der großen Terrasse des Monasteriums bis tief in die lauen Nächte mit Conumun zusammen, wenn Letzterer nicht gerade „wichtige Angelegenheiten“ zu erledigen hatte. Diese „wichtigen Angelegenheiten“ waren dann stets weiblicher Natur, und Conumun erledigte sie sehr gründlich. Er war ein äußerst gutaussehender Mann im besten Alter, gut zehn Jahre älter als Telimur, mit langen, dunkelblonden Haaren. Seine Haut hatte im Lauf der vielen Jahre seines Aufenthalts in Süd-Obesien eine satte Bronzetönung angenommen. Anders als die übrigen Priester, eher wie die Krieger der obesischen Armee, gefiel sich Conumun darin, seinen Körper zu stählen. Dies hatte bei den anderen Männern in Porigunom zunächst Unverständnis ausgelöst. Irgendwann fiel dann aber auch dem Letzten auf, dass Conumun ständig mit neuen Begleiterinnen aufkreuzte. In der Folge wurde es für Conumun immer schwieriger, noch einen Platz an den Gerätschaften in der Halle für körperliche Ertüchtigung zu ergattern.

Auf diese Schwierigkeiten bei der Freizeitgestaltung führte Telimur die Bitte seines Freundes zurück, ihn zu später Stunde noch in einem der Balustradenzimmer zu treffen. Diese in der zweiten Etage des Wohntrakts gelegenen Räumlichkeiten ermöglichten ungestörte Gespräche mit einem herrlichen Blick über den botanischen Park des Forschungszentrums. Auch wenn Conumuns Bitte auffallend dringlich geäußert und der Ort eher ungewöhnlich gewählt schien, befürchtete Telimur eines dieser schier endlosen Gespräche über neue Methoden zur Gewinnung von Pflanzensäften oder ähnlichem. Conumun war nämlich auch ein besessener und genialer Pflanzenforscher, was ihm bei seinem Aussehen und Lebenswandel niemand zugetraut hätte, der es nicht besser wusste.

An diesem Abend hatte Telimur aber einen völlig anderen, geradezu verstörten Conumun vor sich, in dessen Stimme sich im Laufe der Unterredung sogar eine gewisse Panik einschlich.

„Du siehst aus, als hättest du ein Treffen mit den Sieben Dämonen gehabt, Conu“, sagte Telimur besorgt, wobei er die unter sehr guten Freunden übliche Namensverkürzung verwendete.

„Teli, ich bitte dich, mir zu vergeben, weil ich dich um dieses Gespräch nicht als Freund, sondern aus Berechnung gebeten habe. Weil du der führende Gesprächsforscher des Ordens bist.“

Telimur grinste schief: „Du willst mir jetzt aber bestimmt nicht sagen, dass du die Tochter Tokons mit Semprilkraut gefügig gemacht hast. Dafür wäre ich nicht zuständig.“

Die Tochter des Rektors war ziemlich hässlich und fiel schon deshalb nicht in Conumuns Beuteschema. Vor allem aber hätte er kein Semprilkraut benötigt, wenn er dennoch die Absicht gehabt hätte, sich näher mit ihr zu beschäftigen.

Conumun, der sonst durchaus jede Art von Humor zu schätzen wusste, zeigte nicht den Anflug eines Lächelns:

„Teli, ich habe eine Entdeckung gemacht. Ich bitte dich auch um Entschuldigung dafür, dass ich dir erst jetzt davon erzähle. Aber es handelt sich um eine sehr brisante Entdeckung. Sie könnte eine weltweite Katastrophe auslösen, wenn sie in falsche Hände gelangt. Außerdem war Milomag an dieser Forschung beteiligt. Deshalb konnte ich auch nicht allein darüber entscheiden. Wir wären verpflichtet gewesen, schon die Zwischenergebnisse dem Rektor zu melden. Aber Milomag hatte Angst, dass diese Ergebnisse missbraucht werden könnten, vor allem wenn sie an das Kollektiv weitergegeben werden. Er wollte mit jemand über die Sache sprechen, der ihm vertrauenswürdig erschien. Er hat deshalb den Kontakt zu einer kleinen Gruppe von Priestern des Wissens hergestellt, die zurückgezogen in Oot leben und dort versuchen, die Lebensbedingungen der Einheimischen zu verbessern.“

„Es ist natürlich heikel, dass ihr die Ergebnisse nicht gemeldet habt. Aber ihr könntet das ja nachholen. Ich verstehe deine Aufregung immer noch nicht ganz“, versuchte Telimur, den Freund zu beschwichtigen. Dadurch wurde Conumuns Nervosität aber noch gesteigert:

„Diese Gruppe aus Oot hat zwei Abgesandte geschickt, die vor vier Tagen hier angekommen sind. Seit vorgestern habe ich Milomag nicht mehr gesehen, obwohl wir für gestern eine Verabredung mit den Abgesandten und heute noch einige Abschlussversuche für unsere Entwicklung geplant hatten. Außerdem sind alle unsere schriftlichen Aufzeichnungen verschwunden.“

Telimur schaute nachdenklich über den stillen, friedvollen Park hinter dem kleinen Gästehaus. Schließlich schlug er vor:

„Könnten wir diese Abgesandten aus Oot treffen? Wer sind sie?“

„Der Mann heißt Telodon und ist der offizielle Rektor des Monasteriums von Oot, welches dort als das „Paradies der Küste“ bezeichnet wird“, erläuterte Conumun. „Der Name der Frau ist Baradia. Sie wird die „Gütige Frau von Oot“ genannt. Sie gilt als eine Art Heilige, die in selbstlosem und unermüdlichem Einsatz den Menschen von Oot zu einem besseren Leben verhelfen will.“

Telimur hatte in der Akademie von Modonos erfahren, dass Oot nur dünn besiedelt war. Im südlichen Steppengürtel lebten die Reiterhorden der wieselflinken Mivv, in den zentralen Urwäldern die riesenhaften, schwarzen Shondo. Beide Volksgruppen standen sich einander an Wildheit in nichts nach und bekämpften sich gegenseitig. Am östlichen Küstenstreifen wohnten einige friedliebende Einwanderer aus Lokhrit, und große Teile des Landes waren gänzlich unbesiedelt.

„Ich wollte schon immer eine Heilige kennenlernen“, spottete Telimur und fing sich einen ärgerlichen Blick seines Freundes ein.

„Milomag meint, dass im Äußeren Stützpunkt von Oot überhaupt keine Forschungen mehr betrieben werden. Das scheint so eine Art Altersruhesitz zu sein“, erklärte Conumun.

„Äußere Stützpunkte“ lautete die obesische Bezeichnung für Monasterien, die die Priester des Wissens mit Billigung der Ordensleitung und des Kollektivs in fremden Ländern unterhielten. In ihrem eigenen Heimatland waren die Forschungsmöglichkeiten der Priester des Wissens schon wegen der geophysikalischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Priester als geistige Elite des Landes und Garanten des Fortschritts gingen in ihrer Selbsteinschätzung davon aus, dass sie für Obesien eine unverzichtbare Überlebensgarantie darstellten. Darin lag vermutlich der Grund, dass Ihnen nicht nur die bloße Existenz zugebilligt wurde, sondern ein für obesische Verhältnisse außergewöhnliches Maß an Freizügigkeit. Solange ihre Interessen denen der Masse nicht offensichtlich zuwiderliefen, hatte es nie Widerstände gegen ihre Projekte gegeben. Daher fühlten sich die Priester trotz ihrer in fremden Ländern unerlaubten Tätigkeiten relativ sicher. Sie wussten, dass sie notfalls durch die brachiale Militärmacht des obesischen Staatsverbundes geschützt wurden.

„Ich werde ein Treffen arrangieren“, beschloss Conumun. „Seit dem Verschwinden Milomags habe ich den Verdacht, dass wir entdeckt wurden und ich jetzt beobachtet werde. Falls mir etwas zustößt, wirst du eine Notiz an dem Ort finden, wo wir unser erstes Gespräch geführt haben. Sie wird dir den Weg zu meiner Entdeckung weisen. Andernfalls treffen wir uns morgen Abend an der kahlen Eiche hinter dem Park.“

„Wir werden uns da sehen“, versicherte Telimur dem Freund, obwohl er ein äußerst ungutes Gefühl hatte. Und das trog ihn selten.

*

Milomag lag auf dem Bett und dachte nach. Vor zwei Tagen hatte er das lange Gespräch mit Baradia und Telodon gehabt. Am Ende hatte er ihnen die schriftlichen Aufzeichnungen des Forschungsprojekts übergeben. Jetzt wusste er nicht mehr, ob seine Handlungsweise richtig war und ob sie wirklich nur auf überzeugende Argumente zurückging. Hatte nicht vielleicht doch diese Erregung maßgeblich mitgespielt, die ihn in Gegenwart Baradias immer beschlich? Das Haus befand sich in einem Außenbezirk von Xotos, einer der größten Städte Süd-Obesiens. Es kam Milomag merkwürdig vor, dass die Priester von Oot hier in unmittelbarer Nähe, gewissermaßen vor der Haustür von Porigunom, ein Anwesen besaßen. Eigentlich erschien das völlig unnötig, weil das Monasterium von Porigunom wie alle anderen großen Forschungseinrichtungen über ein schönes und geräumiges Gästehaus verfügte.

Am zweiten Tag seines Aufenthalts in Xotos waren Milomag Zweifel gekommen. Er hatte dies Baradia offen gesagt, vielleicht auch nur, weil er sie sehen wollte. Mit ihrer beruhigenden Stimme, ihrer exotisch-freundlichen Art, vielleicht aber auch mit dem tiefen Ausschnitt in ihrem gelben Gewand, der etwas mehr als nur den Ansatz ihrer üppigen weiblichen Formen erkennen ließ, hatte sie seine Zweifel beseitigt. Letztendlich hatte ihn das dann doch nicht davon abgehalten, erneut über die ganze Angelegenheit nachzudenken.

Als Milomag an diesem frühen Vormittag im Erdgeschoss des Hauses das Klirren von Gläsern hörte, schien ihm das eine willkommene Abwechslung, um seine düsteren Gedanken einige Zeit beiseite zu schieben. Er beschloss, nochmals mit Baradia und Telodon zu reden. Der Priester ging die Treppe hinunter. Die Tür zum Esszimmer war angelehnt. Drinnen unterhielten sich mehrere Personen mit gedämpften, seltsam heiseren Stimmen. Obwohl in Milomag jäh eine unerklärbare Furcht aufstieg, siegte letztlich die Neugier. Er tastete sich leise durch den finsteren Flur. In diesem Augenblick sprang die Tür zum Esszimmer auf und warf einen grellen Lichtkegel in den Korridor.

Der Priester des Wissens sah sich einem riesigen Mann mit zotteligen, schwarzen Haaren und einem schwarzen Gesicht gegenüber. Weiter hinten im Essraum standen noch zwei solcher Männer. Alle drei hielten große, silbrig schimmernde Äxte in ihren Händen.

Der Mann im Türrahmen zeigte auf Milomag und schrie etwas mit seiner heiseren Stimme, was der Priester nicht verstand. Milomag zweifelte jedoch keine Sekunde, dass etwas höchst Bedrohliches im Gange war.

Abrupt wandte er sich um und rannte zur Treppe zurück. Bei nüchterner Betrachtung hätte er erkannt, dass sie kaum als geeigneter Fluchtweg in Betracht kam. Panische Todesangst hatte jedoch sein klares Denken umnebelt. Bereits nach wenigen Stufen spürte er einen heftigen Schlag in seinem Rücken.

Mit lautem Krachen zersplitterten einige Holme des Treppengeländers. Milomag stürzte. Sein rechter Unterschenkel rumpelte mitsamt dem Fuß die Treppe hinunter, auf die sich nun ein Schwall von Blut ergoss. Schwere Äxte droschen auf den wehrlosen Priester des Wissens ein.

In einer Kakophonie des Schmerzes flüchtete das Leben aus seinem zerhackten Körper.

*

Tokon sah den Besucher nachdenklich an. Die hakenförmige Nase des Rektors von Porigunom und der widerspenstig abstehende, weiße Haarschopf erinnerten seinen Gast unwillkürlich an einen Geier. Beide Männer trugen die dunkelblauen Amtsroben mit dem roten Kreis. Dieses Symbol wies sie als Rektoren eines Monasteriums der Priester des Wissens und damit zugleich als Mitglieder des „Inneren Zirkels“ des Ordens aus.

„Wir nehmen die Charta sehr ernst“, erklärte der Besucher. „Aber ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten, ehe ich mir nicht völlig sicher war, Bruder Tokon. Wir wissen jetzt zweifelsfrei, dass Milomag und Conumun verbotene Forschungen betrieben und auch deren Ergebnisse nicht gemeldet haben. Zu Milomag ist unser Kontakt völlig abgerissen. Aber heute Abend werden wir mit Conumun zusammentreffen. Vielleicht kann er Sie zu Milomag führen.“

Tokon erhob sich und ging leicht vornübergebeugt mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zum Fenster und wieder zurück. Schließlich blieb er vor Telodon stehen.

„Ich werde ihn verhaften lassen. Haben Sie etwas dagegen, wenn dies in Ihrer Anwesenheit geschieht?“

Telodon zuckte die Schultern.

„Sie sind der Rektor dieses Monasteriums. Es ist Ihre Entscheidung, Bruder Tokon.“ Dann beschrieb er dem Rektor von Porigunom den vereinbarten Treffpunkt.

*

Telimur war ziemlich beunruhigt, nachdem er einige Minuten an der kahlen Eiche gewartet hatte. Die Dämmerung senkte sich schnell über den Park und seine Ausläufer. Langsam gewann das helle, kalte Mondlicht die Oberhand über die rötlichen Schatten und Schemen. Die verschwommenen Konturen der Bäume und Sträucher büßten ihre Farben ein, schienen aber gleichzeitig klarer und kontrastreicher zu werden. Der Weg vor Telimurs Füßen mit seinem Belag aus zerstoßenen Steinen glitzerte wie ein kleiner Bachlauf. Als Conumun endlich erschien, befand er sich in Begleitung eines Mannes, der um die fünfzig Jahre alt sein mochte und einer deutlich jüngeren, ausgesprochen hübschen Frau. Sie trug ein schlichtes, blassgelbes Gewand mit einer großen, vielfarbigen Blume auf der linken Seite ihres tiefen Ausschnitts und eine ebensolche Blume in ihrem Haar. Telimur erinnerte sich, dass es sich um eine spezielle Orchideenart, die Regenbogenorchidee, handelte. Sie gedieh in den feuchtwarmen Dschungelgebieten von Oot. Wenn sie vom Stängel getrennt wurde, verwelkte sie innerhalb kürzester Zeit, fast so schnell wie die sagenhafte Rote Mondorchidee. Dass sie konserviert werden konnte, war Telimur bisher nicht bekannt gewesen.

Das gelbe Gewand umspielte die ausgeprägt weiblichen Formen der Frau und betonte die exotische Bräune ihrer Haut. Obwohl Telimur winzige Fältchen um ihre Augen bemerkte, schätzte er sie auf höchstens vierzig Jahre. Allerdings fiel ihm auf, dass sowohl die Augen der Frau als auch die des Mannes viel zu dunkel für ihr Alter zu sein schienen.

„Das sind Baradia, die von den Menschen in Oot die „Gütige Frau“ genannt wird und Telodon, der Rektor des Monasteriums von Oot“, stellte Conumun die beiden vor. „Und das ist mein Freund Telimur.“

„Der berühmte Pflanzenexperte und Gesprächsforscher“, nickte Baradia. Als sie bei der Erwähnung des „Gesprächsforschers“ ein kurzes, verärgertes Zucken um Telimurs Mundwinkel gewahrte, sagte sie schnell: „Aber ich bin auch nicht immer nur eine gütige Frau. Wir alle müssen manchmal Härte zeigen, wenn die Verteidigung des Ordens es erfordert.“

Telimur wollte gerade etwas entgegen, als sich plötzlich aus der dunklen Silhouette eines großen Strauchs zwei Gestalten lösten und mit schnellen Schritten auf sie zu traten.

„Conumun, ich nehme Sie im Namen des Kollektivs von Obesien fest“, tönte einer der beiden Männer. Ausweislich der Krokodilembleme auf den Halbhelmen handelte es sich um Mitglieder der Schildwache von Xotos. Conumun blickte sich gehetzt um. Dabei musste er feststellen, dass auch auf der anderen Seite des Weges zwei Schildwächter hinzugetreten waren, so dass es keinen Fluchtweg gab. Der größere der beiden Männer, die sich vor Conumun aufgebaut hatten, zog umständlich ein Handeisen hervor. In Obesien wurde es dazu verwendet, Gefangenen die Bewegungsfreiheit ihrer Arme zu nehmen. Während der Schildwächter noch an dem Verschluss hantierte, ertönte von der kahlen Eiche her ein kurzes, knackendes Geräusch. Im nächsten Moment schienen die Sieben Dämonen über die Gruppe hereinzubrechen. Obwohl es sich nur um fünf Gestalten handelte, die aus dem Unterholz hervorsprangen, hatten die obesischen Schildwachen nicht den Hauch einer Möglichkeit zur Gegenwehr. Nur einem von ihnen gelang es überhaupt, sein Schwert ganz aus der Scheide zu ziehen. Bevor er es auch nur anheben konnte, war mit ungeheurer Behändigkeit ein kleiner, kahlköpfiger Mann zur Stelle, der ihm mit einem stark gekrümmten Säbel den Schwertarm glatt durchtrennte. Eine riesige Gestalt stürzte sich auf den Größten der Schildwächter und ließ den breiten, stumpfen Teil einer silbrigen Axt herabsausen. Mit einem hässlichen Geräusch wurden Helm und Kopf des Obesiers zermalmt.

Schemenhaft sah Telimur zwei kleine Männer mit Krummsäbeln umherwirbeln, während drei riesige, schwarze Kerle mit ihren Äxten die restlichen Schildwächter regelrecht zerlegten. Unterdessen packte Conumun geistesgegenwärtig die Priesterin aus Oot am Arm und verschwand mit ihr im dunklen Dickicht hinter der kahlen Eiche. Telodon rannte mit beachtlicher Geschwindigkeit den Weg, den er mit Baradia gekommen war, allein zurück. Und Telimur flüchtete in die Sträucher des Parks, nicht ohne sich nochmals umzusehen. Er zweifelte nicht daran, dass ihn die beiden kleinen Männer mit ihrer unglaublichen Schnelligkeit leicht hätten einholen können, wenn sie ihm gefolgt wären. Aber das schien ihnen die Mühe nicht wert zu sein. Einer von ihnen stand da und sah Telimur nach. Sein fransiger, feuerroter Bart hing ihm bis auf die Brust, und die dünnen Lippen in seinem bronzefarbenen Gesicht schienen vergnügt zu grinsen. Dann wandte er sich wortlos ab.

Telimur fand sich in dem ihm genauestens bekannten Gelände auch in der Düsternis gut zurecht. Er verbarg sich in einer mit Büschen bestandenen Mulde nahe einem riesigen Parkbaum. Dort wartete er still und zusammengekauert etwa zwanzig Minuten. Dann schlich er unter Aufbietung seines gesamten Mutes und aller ihm möglichen Vorsicht zurück an den Ort des Überfalls. Das Gelände war weit und breit menschenleer. Der helle Mond beleuchtete eine jetzt völlig friedliche Szenerie. Ein zertretener Mon´ghal und teilweise bereits versickerte Blutlachen waren alles, was noch an den Kampf – oder das Abschlachten, verbesserte sich Telimur in Gedanken – erinnerten.

*

Nachdem Conumun Baradia eine halbe Meile durch den Wald gezerrt hatte, widersetzte sie sich schließlich und klammerte sich mit einer Hand am Ast eines Baumes fest, sodass auch der Priester des Wissens abrupt anhalten musste.

„Wovor fliehen wir eigentlich?“ fragte sie mit einem leicht belustigten Gesichtsausdruck.

Conumun sah sie verständnislos an, offenbar unfähig auf die völlig absurde Frage eine Antwort zu geben. Hatte der Überfall sie so durcheinandergebracht, dass sie den Verstand verloren hatte? Er verstärkte den Druck auf ihren Arm und wandte sich um, entschlossen, sie von dem Ast loszureißen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Nicht einmal drei Meter entfernt stand, wie aus dem Nichts aufgetaucht, einer der kleinen, kahlköpfigen Männer mit seinem Krummsäbel. Als sich Conumun entsetzt umwandte, um in die andere Richtung zu fliehen, versperrte ihm einer der schwarzen Riesen mit seinem bluttriefenden Beil den Weg. Der Priester erstarrte. Die Welt schien vor seinen Augen zu verschwimmen und sein Herz wollte zerbersten.

„Steck’ das Ding weg, Agur! Du weißt doch, dass ich das nicht leiden kann.“ Baradias Stimme klang wie ein Messer an einem Wetzstein. Conumun fand schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Er starrte Baradia von der Seite an, während der Schwarze eilig das Beil unter seinen braunen Umhang schob.

„Entschuldigung“, murmelte er heiser. Zwischen den Büschen trat unterdessen der zweite kleine Mann hervor. Offenbar gut gelaunt stieß er mit einigen schrill gesprochenen Worten, die Conumun nicht verstand, den schwarzen Riesen zur Seite. Kurz darauf waren sie von allen Fünfen dieser fürchterlichen Bande umstellt, die die obesischen Schildwachen im Handumdrehen massakriert hatte.

„Wir können jetzt nach Xotos gehen“, sagte Baradia in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ, jedoch nach Auffassung Conumuns der Situation nicht ganz angemessen zu sein schien. Aber als sie sich umwandte und nunmehr ihn am Arm mit sich zog, folgten ihr die fünf fürchterlichen Schlächter wie brave Lämmchen.

*

Auch nach zwei Tagen in dem abgeschiedenen Haus nahe Xotos hatte Conumun die Ereignisse noch nicht vollständig verarbeitet.

Telodon war mitten in der Nacht nach dem schrecklichen Vorfall in das Haus gekommen, das die Priester von Oot vor der Nase Porigunoms besaßen. Conumun dämmerte langsam, warum Telodon und Baradia mit ihrem Gefolge nicht im Gästehaus des Monasteriums wohnten.

Ihm fiel auf, dass Baradia in den vergangenen beiden Tagen stets fröhlich war, während Telodon eher mürrisch und einsilbig wirkte. Baradia beantwortete bereitwillig viele Fragen, beispielsweise nach der Herkunft der fünf wilden Männer. Wie Conumun bereits vermutet hatte, handelte es sich bei den beiden Kleinen um Steppenmenschen und bei den drei Riesen um Dschungelmenschen aus Oot. In ihrer Heimat mussten sie unter Schwierigkeiten, die sich ein Priester des Wissens nur schwer vorstellen konnte, um das nackte Überleben kämpfen. Alle fünf waren als kleine Kinder zum Orden gekommen. Priester des Wissens hatten sie allein in der Wildnis aufgefunden und im „Paradies der Küste“ aufgenommen. Wegen ihrer besonderen Kampffertigkeiten begleiteten sie später Telodon und Baradia auf deren Reisen. Conumun sah schließlich auch allzu bereitwillig ein, dass er ohne das Einschreiten der Leibwächter aus Oot von den Schildwachen festgenommen und voraussichtlich in den Mühlen der obesischen Ignoranz zerquetscht worden wäre.

Als der gutaussehende Priester des Wissens am Morgen des dritten Tages in Xotos aufwachte, stand Baradia in einem elfenbeinfarbenen Gewand vor seinem Bett. Das Kleid war bis zum Gürtel aufgeknöpft. Sie beugte sich zu ihm hinunter. Dabei glitten ihre Finger unter seine Hose. Er glaubte zu wissen, dass sie es wollte. Dennoch zögerte er. Die Priesterin aus dem „Paradies der Küste“ umgab eine Aura, die ihm Angst einflößte. Ihr entrückter Gesichtsausdruck stärkte jedoch seinen Mut, und dann fiel ihr Kleid zu Boden. Conumun umfasste ihre Taille und zog sie zu sich ins Bett. Danach liebten sie sich stundenlang ohne Hemmungen. Wann immer er ermüdete, gelang es Baradia, ihn erneut in eine Ekstase zu versetzen, die jede körperliche Grenze zu überwinden schien.

In diesem Fieberwahn vergingen mehrere Tage. Conumun vergaß Porigunom, Telimur und das entsetzliche Gemetzel.

Eines Abends verkündete Telodon beim Essen missgelaunt, dass er nach Oot zurückkehren werde. Daraufhin entwich aus Baradias Gesicht jede Spur von Sanftmütigkeit. „Wir haben eine Aufgabe und die werden wir auch ausführen.“ Ihre Worte tönten wie das Geräusch einer Eisplatte, die der Frost über einen Felsen schiebt.

Aber Telodon war wütend und unbeeindruckt. In seiner Stimme schwang eine Drohung: „Niemand hindert dich daran, die Aufgabe allein auszuführen.“

Der Pflanzenforscher hatte nicht die geringste Vorstellung, worum es ging.

„Wie du meinst“, gab Baradia anscheinend nach. Aber als Conumun in ihre Augen sah, war er verwirrt. Stets hatte er Rot für eine warme Farbe gehalten, die Farbe des Feuers und des heißen Wüstensandes in Süd-Obesien. Aber aus den Augen Baradias war für einen Augenblick jegliche Wärme gewichen; sie funkelten kalt wie gefrorenes Wasser in der untergehenden Wintersonne.

*

Die Leibwächter waren im Untergeschoß des Hauses untergebracht, das die Priester von Oot in Xotos besaßen. Agur liebte die feuchte Dunkelheit, die ihn an den Dschungel erinnerte.

Die Steppenmenschen fühlten sich in einer solchen Umgebung weniger wohl. Über viele Jahrtausende hatten beide Rassen in Oot kaum Berührungspunkte gehabt. Dann war es in den Grenzgebieten ihrer heimatlichen Gefilde immer häufiger zu Konflikten gekommen, und es hatte sich schließlich eine dauerhafte Feindschaft entwickelt. Agur hatte man als Kind nach einem blutigen Überfall auf sein Dorf in das „Paradies der Küste“ gebracht. Dort hatte er die beiden Steppenmenschen, die ihn nun ständig begleiteten, kennen und schätzen gelernt. Nachdem ihnen die Sprache der obesischen Priester beigebracht worden war, konnten sie sich miteinander unterhalten. Dabei hatten sie nicht nur viele Gemeinsamkeiten entdeckt, sondern auch die Tatsache, dass sie als Gruppe von Kämpfern anscheinend unschlagbar waren. Nach ihrer Rekrutierung als Leibgarde Telodons wurden sie unzertrennlich.

Agur sah hinüber zu den Pritschen der beiden Mivv, die tief zu schlafen schienen. Aber er wusste, dass sie bei dem geringsten fremdartigen Geräusch hellwach sein würden. Deshalb wunderte er sich auch nicht, dass beide weiterschliefen als Telodons vertraute Stimme erklang:

„Agur, es ist soweit, wir müssen aufbrechen.“

Telodon hatte heimlich entschieden, allein mit dem Shondo nach Oot zurückzukehren. Die Aufzeichnungen Milomags und die Möglichkeiten, die sie boten, waren einfach zu verlockend. Der Zeitverlust durch die geplante Reise nach Lumbur-Seyth erschien ihm nicht gerechtfertigt, auch wenn das dringend benötigte Ilumit beschafft werden musste.

Obwohl er einen unbändigen Groll auf Baradia hegte, hatte er beschlossen, ihr eingedenk der Vergangenheit die vier anderen Leibwächter zurückzulassen. Immerhin stand ihr ein langer und gefährlicher Weg bevor, von Süd-Obesien nach Lumbur-Seyth und wieder zurück nach Oot.

Agur stand langsam auf und bemühte sich, seine Gefährten nicht aufzuwecken. Trotz seiner Körpermasse glitt der Shondo geräuschlos hinter Telodon her und verschloss die Tür des Schlafraums. Dann folgte er Telodon zu der Treppe, die ins Kellergeschoß führte. Von dort aus konnte man in den nahegelegenen Wald von Xotos gelangen. Aber das hatte Agur nicht vor.

Telodon blieb auf der obersten Treppenstufe stehen als er bemerkte, dass Agur ihm nicht folgte. Noch bevor er sich umdrehen konnte, spürte er ein kurzes, schmerzhaftes Ziehen im Nacken. Unmittelbar darauf rumpelte sein Kopf die Treppe hinunter. Agur senkte sein blutiges Beil, während der kopflose Rumpf des Rektors auf die oberste Treppenstufe sackte. Dann ergriff selbst den abgebrühten Mörder ein unheimliches Grauen. Das abgetrennte Haupt Telodons war auf dem untersten Treppenabsatz angekommen und starrte ihn aus glanzlosen Augen vorwurfsvoll an. In den fünf Sekunden jedoch, die der Kopf bis zum Ende der Treppe benötigt hatte, schien das Gesicht des Priesters um hundert Jahre gealtert zu sein. Es wirkte wie das einer Mumie aus einer längst vergangenen Zeit.

*

Am Morgen saßen Baradia und Conumun allein bei einem späten Frühstück zusammen. Der Priester des Wissens hatte all seinen Charme und die erprobte Ausdauer seines für die Tröstung untröstlicher Frauen wichtigsten Körperteils aufgeboten, um die offensichtlich verärgerte Baradia die Auseinandersetzung mit Telodon vergessen zu machen. Ihr Ärger saß aber so tief, dass es Conumun erst in den frühen Morgenstunden gelang, ihn zu überwinden. Danach waren beide glücklich eingeschlummert. Dem Priester erschien nach dieser harten Schlacht gegen die Unbilden menschlicher Gefühle selbst ein spätes Frühstück zu früh. Dennoch kämpfte er tapfer gegen die Schwerkraft seiner Augenlider an, zumal er es genoss, ohne die störende Anwesenheit Telodons allein mit Baradia zu tafeln.

„Wo ist Telodon?“, erkundigte er sich beiläufig nach der zweiten Scheibe eines aus Tarsmehl gebackenen, mit Lintholfett bestrichenen Brotes.

„Nach Oot abgereist“, grummelte Baradia, während sie genussvoll auf einer der reifen, dunkelblauen Zontfrüchte herumkaute, die hier in Süd-Obesien besonders schmackhaft waren. „Aber er hatte wohl recht. Sicherlich ist es besser, wenn ich den Auftrag allein ausführe. Vielleicht hilfst du mir ja dabei.“

„Was hast du mir zu bieten, wenn ich mit dir mitkomme?“, fragte Conumun scherzhaft.

Baradia musterte ihn abschätzend mit ihren dunkelroten Augen: „Die Erfahrung eines wilden Lebens. Hast du es nicht bemerkt?“

„Wie alt bist du eigentlich?“ Es sollte nur eine kleine Stichelei sein, über die sich jede Frau ärgert. Conumun erwartete keine Antwort.

Baradia lehnte sich in ihrem Sessel zurück und sah ihn eine Zeitlang schweigend an.

„Einhundertundzweiundsechzig Jahre, wenn ich mich recht erinnere.“ Dabei lächelte sie. Aber das war n