Prolog

Viele Jahre waren vergangen, seit Gundur zu Drinh, allein mit der Macht des Wortes, die drei Nordlande vereinigt hatte. Die Wanderpriester des Wissens, aus der Mitte des Kontinents, durchstreiften auf ihrer Suche nach einzigartigen Naturschätzen die gesamte bekannte Welt. Einer von ihnen, Qaromar, drang bis in die nördlichen Ausläufer des gewaltigen Aralt-Gebirges vor, das sich Hunderte von Meilen zwischen Mithrien und Zogh erstreckte. Schließlich entdeckte Qaromar die Höhlen von Zogh, in denen es ungewöhnliche Kristallvorkommen gab.
Danach benötigten die Priester des Wissens nur zehn Jahre, um am Fuß des Aralt-Gebirges eine befestigte Forschungsanlage zu errichten, die sie „Monasterium von Sylabit“ nannten. Die Zogh, kriegerische Menschen mit einer grauen Hautfarbe, die während Jahrtausenden des Lebens in Höhlen entstanden war, duldeten die Anlage, weil die Priester des Wissens den Einheimischen bei der Bekämpfung von Krankheiten halfen und ihnen wichtige Erkenntnisse für die Nahrungsbeschaffung vermittelten.
Knapp einhundert Jahre währte das friedliche Zusammenleben. Dann stahl einer der Priester des Wissens dem Herzog der Höhlen-Zogh einen grünen Kristall, dem man geheimnisvolle Kräfte nachsagte. Die Höhlen-Zogh riefen daraufhin Königin Usuldura zu Hilfe, die Herrscherin der wilden Zogh der Hochebenen, die das Kind des Herzogs trug. Usuldura eroberte Sylabit in einem blutigen Kampf, in dem fast alle Bewohner des Monasteriums getötet wurden. Nur dem Leiter der Forschungsanlage und seiner kleinen Tochter gelang die Flucht mit dem grünen Kristall durch einen unterirdischen Tunnel. Das geschah vor genau einhundertundfünfzig Jahren. Ihre Gestalten verschwanden in den Nebeln des Vergessens.
Als sich die Nebel lichteten, hatte bereits ein Spiel begonnen, bei dem es um keinen geringeren Einsatz als um das Schicksal einer ganzen Welt ging.
*
Nachdenklich musterte der alte Mann das versiegelte Schriftstück, das vor ihm auf der Platte seines Arbeitstisches lag. Die Taube, die es gebracht hatte, saß noch auf dem Fenstersims. Offenbar ruhte sie sich für ihren langen Rückflug in das ferne Land aus.
Die Gedanken des Mannes schweiften ab. Er sah die schreckgeweiteten blauen Augen vor sich, als der Eisgraf bemerkt hatte, dass er in eine Falle getappt war. Er hatte den weißen Kreis gesehen, aber offenkundig nicht gewusst, was dieses uralte Symbol bedeutete. Diese Unwissenheit hatte den Hüter des Größten aller Eisbäume das Leben gekostet.
Der Brief wies keinen Absender und keine Anrede auf und war auch nicht unterzeichnet. Wenn er in falsche Hände gelangt wäre, hätte sich das Fehlen dieser Angaben als wichtig erweisen können. Der alte Mann wusste ohnehin, wer das Schreiben verfasst hatte. Erneut las er die beiden Zeilen, die über das Schicksal eines Menschen entscheiden sollten:
„Die Vögel haben mir berichtet, dass der Größte aller Eisbäume einen neuen Hüter erwählt hat. Du weißt, was zu tun ist.“
Eine verschnörkelte Schrift auf braunem Pergament, versehen mit einem weißen Kreis, dem archaischen Symbol der Vergeltung. Für die Opfer sollte dieses Symbol eine Warnung darstellen. Aber der letzte Unitor hatte es in seiner Unwissenheit nicht beachtet und dem Neuen war es sicherlich ebenfalls nicht geläufig. Umständlich und voller Zweifel erhob sich der alte Mann. Anscheinend ging es längst nicht mehr um ehrenvolle Vergeltungsakte, die von ihm verlangt wurden. Die Zeremonie war inhaltsleer geworden. Er hasste dieses seelenlose Morden. 



Kapitel 1 – Die Todesloge

Als Tritor zum Hinrichtungsplatz hinunterschaute, wurde ihm klar, dass ihn heute der kleinste Fehler ins Verderben führen würde. Seine Hände krallten sich so angespannt an die Balkonbrüstung, dass die blauen Adern aus seiner grauen Haut hervortraten. Selbst für einen Mann, der die Nähe des Todes gewohnt war, stellte dieser Auftrag ein außerordentliches Wagnis dar.
Stämmige Soldaten der Schildwache, mit breiten Schultern und grimmigen Gesichtern, hatten bereits mit ihren aufgepflanzten Lanzen vor der großen Holztribüne auf der rückwärtigen Seite des runden Platzes Aufstellung bezogen. Sie hatten die Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf des Hinrichtungsrituals zu sorgen. In ihren schweren Rüstungen hinter den rautenförmigen Eisenschilden wirkten sie wie eine undurchdringliche Mauer. Das Wappentier der Schildwache, ein Panzerkrokodil mit dolchartigen Zähnen im aufgerissenen Maul, unterstrich zusätzlich die Kampfbereitschaft und Entschlossenheit dieser Phalanx.
Kein Lufthauch regte sich innerhalb der rötlichen Dunstglocke, die über dem Platz die Strahlen der sengenden Sommersonne eingefangen zu haben schien. Die flirrende Hitze und die atemlose Stille, die auf dem Forum lasteten, waren nahezu greifbar. Die obesischen Flaggen rundherum und zu beiden Seiten des Holzpodests mit dem Richtblock hingen schlaff und unbewegt an den Masten herab. Nur der blutrote Untergrund war zu erkennen, nicht aber das schwarze Schwert. Tritor stand auf einem kleinen Balkon im sechsten Stockwerk des wuchtigen, aus braunen Quadern errichteten Bauwerks. Ein unbefangener Reisender hätte es eher für eine Kaserne als für eine Herberge gehalten. Aber hier in Modonos, der Hauptstadt Obesiens, waren fast alle Gebäude wuchtig und aus braunem Stein. Für Fremde hatte die ganze Atmosphäre in dieser Stadt etwas Bedrohliches, und dieser Eindruck hatte durchaus seine Berechtigung. Die Obesier galten von jeher als kämpferische Rasse. Aber seit Beginn der neuen Ära schien das Verhalten jedes Einzelnen, wie auch das des gesamten Volkes einem gleichförmigen Muster zu folgen. Alle Bestrebungen waren letztlich nur noch auf die Erweiterung des eigenen Lebensraums ausgerichtet. Immer wieder hatte der „Berater“ betont, dass insgeheim ein Krieg vorbereitet wurde, der epische Ausmaße anzunehmen drohte. Möglicherweise würde er nicht nur über das Schicksal der Vereinten Nordlande, sondern vielleicht sogar über das Schicksal des gesamten Kontinents entscheiden.
Der Mann unterbrach seine Betrachtungen. Er musste jetzt die notwendigen Vorbereitungen treffen. Tritor war ein Eisgraf und gehörte damit zu den Hauptakteuren jenes geheimen Krieges. Alle neun Eisgrafen sahen es als ihre Aufgabe an, zu verhindern, dass die freien Menschen der Nordlande von der drohenden Flut hinweggespült würden.
Langsam griff Tritor nach seiner dunkelroten Samtkappe, einer Kopfbedeckung, die ihn als akkreditierten ausländischen Kaufmann auswies. In diese Mütze hatten die unvergleichlich geschickten Schneider des Hüters der Flammen ein feines Gespinst aus silbernen und rotgoldenen Fäden eingewoben, welche die verstärkten Ausstrahlungen seiner Gehirnwellen vor der geheimnisvollen Wahrnehmungsgabe der Obesier verbargen. Eine Tarnkappe im doppelten Sinne, die den Feind über seine wahre Mission ebenso täuschte wie über seine besondere Gabe, den „vernichtenden Blick“. So bezeichneten die Völker des Kontinents die Fähigkeit der Eisgrafen, allein mit Hilfe ihrer Gedanken Menschen und Gegenstände zu zerstören.
Für einen Augenblick erschien Octoras Bild ganz deutlich vor Tritors innerem Auge, ihre ebenmäßigen, strengen Züge mit der Andeutung eines spöttischen Lächelns in ihren Mundwinkeln. Ihre strahlenden, grauen Augen bildeten eine perfekte Einheit mit der grauen Haut, wie sie für die Menschen in Zogh typisch war. Die Liebe seines Lebens, jetzt so weit entfernt wie die Sterne.
Tritors Blick fiel zufällig auf einen weißen Kreis. Jemand hatte ihn oberhalb der schmutzigen Abflussrinne auf die Stirnwand des Balkons gemalt, anscheinend ohne jeden Sinn. Der weiße Kreis erinnerte den Eisgrafen unwillkürlich an eine Zielscheibe. So fasste er den Entschluss, ein letztes Mal vor dem entscheidenden Einsatz seine zerstörerische Gabe genau auszurichten. Auf die beträchtliche Entfernung von dem hochgelegenen Balkon bis zum Schafott im hinteren Bereich des großen Platzes war es selbst für einen erfahrenen Eisgrafen äußerst schwierig, ein Objekt genau zu erfassen. Aber heute hing das Leben eines anderen Eisgrafen davon ab, dass ihm dies gelingen würde.
Während er seinen Blick auf der Suche nach einem geeigneten Gegenstand über das Forum schweifen ließ, entdeckte er aus den Augenwinkeln, an der Steinwand neben der Türöffnung, einen schwarzen Mon´ghal, der ihn mit seinen stumpfen Augen anzustarren schien. In den Nordlanden gab es keine Mon´ghale, vermutlich weil während der meisten Zeit des Jahres eine klirrende Kälte herrschte. Hier in Obesien jedoch, waren diese handspannengroßen, raupenähnlichen Tiere überall verbreitet. Einer ersten Eingebung folgend hatte Tritor schon mit dem Gedanken gespielt, den Mon´ghal zu erschlagen. Dann sah er eine fette Spinne mit roten Bändern an den Gelenken ihrer fast fingerdicken Beine, die stockend in Richtung des Raupenwesens kroch. Mit hämischem Grinsen beschloss Tritor, der Spinne die Mahlzeit nicht zu verderben.
Die auch im Umgang mit Tieren zur Brutalität neigenden Obesier töteten Lebewesen häufig ohne ersichtlichen Grund, insbesondere wenn es sich um natürliche Feinde der Mon´ghale handelte. Die schwarzen Raupen dagegen blieben unangetastet, obgleich deren hässliche Präsenz allgegenwärtig schien. Jedenfalls hatte Tritor noch nie gesehen, dass ein Obesier einen Mon´ghal getötet hätte. Stattdessen war ihm wiederholt aufgefallen, dass die offenbar nutzlosen Raupenwesen sogar gefüttert wurden. Allein dieses Verhalten der verhassten Obesier hatte für Tritor ausgereicht, eine ansonsten nicht erklärbare Abneigung gegen die scheinbar harmlosen Mon´ghale zu entwickeln.
Als der blecherne Klang der Fanfaren ertönte, wurde Tritor bewusst, dass der entscheidende Augenblick bevorstand. Er durfte sich jetzt nicht mehr ablenken lassen.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit setzte er seine Suche nach einem geeigneten, unauffälligen Zielobjekt fort. Endlich wurde er fündig. Neben der Holzbühne, die eigens für das makabre Schauspiel aufgeschlagen worden war, lag ein unscheinbares Stück Stoff, womöglich ein Tuch, das einer der Zimmerleute beim Aufbau verloren oder weggeworfen hatte. Rasch zog Tritor die rote Samtkappe vom Kopf und konzentrierte sich auf den Stofflappen. Unsichtbare Schwingungen strömten von dem Eisgrafen aus. Sie hüllten das Tuch in ein waberndes Feld, das einer schillernden Luftblase im Wasser glich. Als die Blase einen Augenblick später erlosch, war von dem Gewebe nur noch ein wenig Staub übriggeblieben. Niemand hatte den Vorgang bemerkt.
 Sie sind so versessen darauf, sich am Tod anderer Menschen zu berauschen, dass sie selbst ihren eigenen Tod zu spät bemerken würden, dachte Tritor in einem Anflug von Zynismus. Hastig stülpte er sich die Tarnkappe wieder über und wandte sich der Hinrichtungszeremonie zu. Er konnte nicht ahnen, dass sein eigentlich aus kühler Überlegung entsprungenes Handeln eine für ihn verhängnisvolle Wendung des Schicksals ausgelöst hatte.
Inzwischen hatte auch das dumpfe Läuten der Totenglocken eingesetzt und bildete einen atonalen Kontrast zu den blechernen Fanfaren, der jedes unverbildete Gehör beleidigte. Eine durchaus passende Klangkulisse für einen öffentlichen Mord, dachte Tritor.
*
Arakhad schwitzte unter dem ungewohnten Kettenhemd in dem kleinen Zimmer, das ihm von der Geheimen Schar im fünften Stockwerk der „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“ zugewiesen worden war. Mitglieder der Geheimen Schar trugen normalerweise bei ihren Einsätzen nur leichte Panzerhemden aus mehrfach verleimten Leinenschichten. Heute galt eine geänderte Anweisung, weil ausnahmsweise die „Viper“ das „Krokodil“ bei der Absicherung des Hinrichtungsrituals unterstützen musste. Bei der Obesischen Viper handelte es sich um eine kleine, aber hochgiftige Schlange, die die Färbung ihrer Haut der Umgebung anpassen konnte. Wegen ihrer todbringenden Unauffälligkeit hatte die Geheime Schar sie als Wappentier auserkoren. Arakhad war als einem von vierzig in den umliegenden Gebäuden verteilten Soldaten dieser Eliteeinheit die Aufgabe zugewiesen worden, bei etwaigen Unregelmäßigkeiten während der Hinrichtungszeremonie sofort einzuschreiten. Das Kollektiv war nervös und hatte Sicherheitsvorkehrungen auf höchstem Niveau angeordnet. Es durfte kaum davon ausgegangen werden, dass die Exekution eines Eisgrafen ohne Zwischenfälle verlaufen würde.
Arakhad spielte an seinem Jadering mit dem Relief der Wappenviper herum, ohne ihn aber wirklich zu beachten. Gerade wollte er aufstehen, um auf den Balkon hinauszutreten, als er einen kurzen Impuls wahrnahm. In seinem Kopf spürte er feine Schwingungen, die sofort wieder abbrachen. Es war genau der Augenblick, in dem sich der Stofflappen neben dem Schafott unter dem „vernichtenden Blick“ Tritors auflöste. Ungestüm sprang Arakhad auf, riss sein Schwert aus der Scheide und stürzte aus dem Zimmer. Seine Schritte hallten durch den spärlich beleuchteten Steinflur, als er zu dem gegenüberliegenden Treppenaufgang hetzte. Dabei bemerkte er, wie eine schlanke Gestalt katzengleich aus dem weiter rechts gelegenen Treppenabgang zur darunter befindlichen Etage auftauchte und sich auf ihn zu bewegte. Zwei rötliche Augen hefteten sich auf ihn. Für einen Moment hielt Arakhad inne. Irgendetwas schien mit dem jungen Mann nicht zu stimmen. Einem inneren Zwang folgend ignorierte der Obesier aber dieses Gefühl und stürmte weiter die Treppe hinauf zum sechsten Stockwerk. Er hatte seine Pflicht zu erfüllen und keine Zeit, sich um einen Priester des Wissens zu kümmern, auch wenn ihm dessen Verhalten merkwürdig vorkam. Arakhad hielt sich nicht nur hier auf, um eine Hinrichtung zu überwachen. Seinen eigentlichen Auftrag hatte er vom Höchsten Priester persönlich erhalten. Und das war ein Mordauftrag.
*
Das Kollektiv, der aus sieben Mitgliedern bestehende Herrscherrat Obesiens, hatte Telimur ausgewählt, um den todgeweihten Häftling zu befragen und die „Worte des Letzten Trostes“ zu ihm zu sprechen. Dadurch wurde dem jungen Priester eine große Ehre zuteil, weil er eigentlich noch viel zu unerfahren für eine solche Aufgabe erschien. Dass er dennoch ausgewählt worden war, hatte er nicht nur einer Empfehlung aus dem „Inneren Zirkel“ des Priesterordens zu verdanken. Der eigentliche Grund bestand darin, dass die anderen Priester des Wissens wenig Interesse an derart profanen Themen wie der sogenannten „Gesprächsforschung“ hatten, die die Bezeichnung „Wissenschaft“ eigentlich gar nicht verdienten.
Telimur hatte nach anfänglichen Schwierigkeiten viele wichtige Informationen aus dem gefangenen Eisgrafen herausgepresst, ohne die ultimative Folter anwenden zu müssen. Zumindest glaubte dies das Kollektiv, nachdem es die Dokumente erhalten hatte. Der junge Priester wusste es besser.
Er ahnte, dass er die zentrale Figur eines Komplotts gegen die obesische Obrigkeit war. Aber er hatte diese Rolle bereitwillig übernommen. Tief in seinem Inneren missbilligte er schon immer die starre, einseitig auf Kriegführung ausgerichtete Ordnung in seinem Land.
Als Telimur den Delinquenten verließ, zweifelte er nicht daran, dass es zu einer Katastrophe kommen würde. Auch davon ahnte das Kollektiv nichts, weil es von dem jungen Priester im Auftrag seines höchsten Ordensherrns getäuscht worden war.
Telimur betrat die „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“. Sein Ziel, ein unscheinbarer Balkon, befand sich im sechsten Stockwerk. Als er völlig außer Atem den Treppenabsatz des fünften Stockwerks erreicht hatte, kam ihm ein großer, breitschultriger Obesier mit gezogenem Schwert entgegen gepoltert.
„Zu spät“, zuckte es Telimur durch den Kopf. Der Mann hatte kurz innegehalten und ihn angestarrt, rannte dann aber sofort weiter auf die Treppe zu, die zum sechsten Stockwerk führte. Telimur beeilte sich, ihm unbemerkt zu folgen. Dabei glitt der Cirrha-Dolch mit der rötlich schimmernden Klinge aus den Ärmelfalten seines olivgrünen Gewands in seine Hand. Er hielt den Griff bereits fest umklammert als er den Treppenabsatz des sechsten Stockwerks erreicht hatte. Gegenüber lag die Türöffnung eines logenartigen Balkons, der vom Gemeinschaftsflur der Herberge den Blick auf den Richtplatz ermöglichte. Der Türrahmen wurde fast ausgefüllt von dem Rücken des Mannes, der vor Telimur die Treppe hochgeeilt war.
*
Ein ohrenbetäubendes Geschrei brandete auf, als die Gardisten von Modonos mit ihrem Gefangenen im Zugangstor zum „Platz der Einkehr“ erschienen. „Ein seltsamer Name für eine Hinrichtungsstätte“, dachte Tritor. Der plötzliche Lärm schien sogar die Spinne irritiert zu haben, die knapp eine halbe Armlänge vor dem Mon‘ghal wie erstarrt innehielt und ihren Weg nicht mehr fortsetzte.
Tritors Augen suchten die Menge vergeblich nach dem anderen Eisgrafen ab, der sich durch das Tragen eines olivgrünen Gewands als Priester des Wissens tarnen sollte. Tritor beneidete ihn nicht um die Aufgabe, die er freiwillig übernommen hatte. Aber da gab es noch einen dritten Eisgrafen. Der war am allerwenigsten beneidenswert.
Vier Gardisten begleiteten den Gefangenen auf seinem letzten Gang, jeweils einer vorne, hinten und zu beiden Seiten. Sie trugen über ihren schimmernden Paraderüstungen mit dem Symbol des Schwarzen Panthers dunkelbraune Umhänge, die Tritor an die Reitermäntel seiner Zogh-Krieger erinnerten. Stiftschützen der Schildwache bildeten eine breite Gasse bis zum Aufgang der aus rohen Holzbohlen für die Hinrichtung zusammengezimmerten Bühne. Die runden Mündungsrohre der Stiftlader mit den pfeilartigen Stahlbolzen, schienen die Bewegungen der kleinen Prozession mitzumachen.
Tritor konnte den Delinquenten nur von hinten sehen. Das eiserne Augenband, das die Gardisten dem Gefangenen übergezogen hatten, war jedoch unverkennbar. Es sollte ihn an der Anwendung des „vernichtenden Blicks“ hindern.
Tritor wusste, dass die Stiftschützen das größte Problem darstellten. Langsam fasste er nach seiner Tarnkappe. Er würde sie erst im allerletzten Moment vom Kopf nehmen. Ab diesem Zeitpunkt konnten in der Nähe befindliche Obesier die Verstärkung seiner Gehirnwellen spüren und ihn als Eisgrafen erkennen.
                                                                                                     
Plötzlich vernahm Tritor ein dumpfes Geräusch in seinem Rücken. Als er herumfuhr, sah er die zerschlagene Spinne, noch bevor ihn das Schwert des Obesiers durchbohrte. Um nicht aufzufallen, hatte Tritor seinen schweren Harnisch in seinem Kaufmannswagen außerhalb der Stadt zurückgelassen. Allein die metallenen Schienen an seinen Armen und Schenkeln hatten ihn gegen den Stoß in seine Brust nicht schützen können. Während der Eisgraf zurücktaumelte und langsam hinterrücks über die Brüstung kippte, schoss ihm ein letzter Gedanke durch den Kopf: „Warum hat der Obesier zuerst die Spinne getötet und dadurch wertvolle Zeit verschwendet, die ihm hätte fehlen können?“
Arakhad griff nach Tritors Bein, um den Sturz der Leiche vom Balkon zu verhindern aber dazu war es bereits zu spät. Der Obesier verfehlte das Bein des Eisgrafen und spürte gleichzeitig einen jähen Schmerz an seiner eigenen Kehle. Der Leichnam Tritors segelte an fünf Stockwerken vorbei, bevor das Schwert in seiner Brust und die stählernen Arm- und Beinschienen mit lautem Getöse auf dem Boden hinter den Zuschauerrängen auftrafen.
Da sich der Lärm zwischenzeitlich gelegt hatte, hallte das scheppernde Geräusch weit über den „Platz der Einkehr“. Unmittelbar darauf krachte es zum zweiten Mal, als ein weiterer Körper noch lauter als der erste auf das Pflaster aufschlug.
*
Telimur wusste sofort, dass er zu spät gekommen war, um die ihm vom Höchsten Priester aufgetragene Anweisung zu erledigen. Der Soldat, der ihm den Rücken zukehrte, hatte einen Schritt nach vorn gemacht und rammte gerade sein Schwert in Tritors Körper. Mit einem weiten Satz sprang Telimur von hinten an Arakhad heran und fuhr ihm mit dem Cirrha-Dolch in einer blitzschnellen Bewegung quer über die Kehle. Blut spritzte aus dem Hals des massigen Obesiers. Gurgelnd sank er auf die Knie und kippte zur Seite. Telimur fing den Körper auf, riss ihn hoch und stieß ihn über die Balkonbrüstung hinweg. Dabei fiel der wertvolle Dolch aus seiner Hand. Schnell tauchte der junge Priester weg und nahm die Waffe wieder an sich. Er würde sie benötigen, falls jemand versuchen sollte, ihn an der Flucht zu hindern.
Auf dem Richtplatz brach eine sich ständig steigernde Unruhe aus. Wenig später mischten sich Schreie in das laute Krachen einer zusammenbrechenden Holzkonstruktion. Telimur entzog sich der Versuchung, einen Blick über die Balkonbrüstung zu werfen und dabei entdeckt zu werden. Wenn er entkommen wollte, musste er so schnell wie möglich zum Platz hinuntergelangen. Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne. Sein Blick war auf die Überreste der zerquetschten Spinne und den Mon’ghal gefallen. Das schwarze Raupenwesen an der Wand schien ihn unentwegt anzuglotzen. Da erinnerte sich Telimur an die Worte des Höchsten Priesters. Mit der blutigen Klinge seines Cirrha-Dolches spießte er den Mon‘ghal auf. Danach rannte er durch die Türöffnung zur Treppe.
*
Wegen des Augenbandes konnte Unitor nichts sehen. Die beiden Gardisten an seinen Seiten ergriffen rüde seine Arme und zwangen ihn, stehen zu bleiben. Er war am Fuß des Hinrichtungspodests angekommen. Mitten in der Schwärze, die in diesem Augenblick seinen Geist umfing, leuchtete plötzlich eine helle Flamme auf, die aber sofort wieder verglomm. Da wusste Unitor, dass es nur noch acht Eisgrafen gab.
Sekunden später spürte er, wie sich eine allgemeine Unruhe auf der Zuschauertribüne ausbreitete. Nach und nach erfasste diese Unruhe den gesamten Platz. Vereinzelte Schreie waren zu hören.
Unitor selbst empfand nichts als die innere Leere vor der langen Nacht des Todes. Dann plötzlich durchdrang ein Bild in seinem Geist die Schwärze vor seinen Augen, das Bild einer Frau, die ihn mit stahlgrauen Augen traurig ansah. Unitors Lippen formten nur ein Wort, einen Hilferuf: „Octora!“
Wieso hatte er gerade in diesem Augenblick an die große Kriegerin aus Zogh gedacht? Lag der Grund wirklich darin, dass sie vielleicht die Einzige gewesen wäre, die ihn jetzt noch hätte retten können? Oder war es die Sehnsucht, wenigstens noch ein einziges Mal in ihre leuchtenden Augen schauen zu dürfen?
Die Frau, der die Gedanken zweier Männer unmittelbar vor ihrem bevorstehenden Tod gegolten hatten, befand sich an einem weit entfernten Ort, während auf dem „Platz der Einkehr“ ein Tumult losbrach.


Kapitel 2 – Pandor Sanhs Reise zum Aralt-Gebirge

(D r e i   M o n a t e   z u v o r . . .)


Einsam stand der Größte aller Eisbäume in der öden Steinwüste, die ihr weißes Wintergewand erst kürzlich abgestreift hatte. Das fahle Blau des Himmels wurde von grauen Schleiern in allen Schattierungen durchzogen, und nur ein dunstig goldener Schimmer am fernen Horizont ließ das Vorhandensein der Sonne erahnen. So sah das Dach des Nordens im Frühling aus. Die Kälte hatte sich mit letzter Anstrengung immer noch in der Luft festgeklammert und schien nicht weichen zu wollen.

Der Eisbaum reckte aber trotz der bitteren Kälte seine Äste behaglich in den trüben Himmel. Fast zweihundert Tage und Nächte war er scheinbar tot gewesen, eisverkrustet wie ein im Schnee verendetes Tier. Erst vor wenigen Tagen hatte sich seine Wesenheit zu regen begonnen und erwachte nun für eine kurze Zeitspanne zu prallem Leben. Die Äste glänzten fast schwarz, und bald würden gelbe Knospen aus ihnen hervorsprießen.

Pandor Sanh liebte diesen seltenen Baum, von dessen Art es nur neun Exemplare gab. Ihre Standorte waren über alle drei Nordlande verteilt. Der Eisbaum diente als Flaggensymbol der Vereinten Nordlande, gemeinsam mit den Flammen, die den Menschen in der Kälte das Leben erhielten. Tatsächlich bestanden die Nordlande aus drei geographisch getrennten Teilen. Der größte davon, Mithrien, war Pandor Sanhs Geburtsland. Früher hatten die meisten Bewohner Mithriens in den großen Befestigungsanlagen der alten Geschlechter auf engem Raum zusammengelebt. Obwohl diese dunklen Burgen, über alle fünf Fürstentümer Mithriens verteilt, trotzig und furchteinflößend aus einer kargen und lebensfeindlichen Landschaft emporragten, hatten sie lange Zeit keinen kriegerischen Zwecken mehr gedient. Sie boten den freien Menschen des Nordens Schutz vor Kälte und wilden Tieren. Aber irgendwann waren selbst die größten Festungen wie Tredon, Drinh und Sokut zu klein geworden, und die Mithrier mussten wie ihre Nachbarn in Gatya beginnen, Dörfer und Städte zu bauen. Später empfanden die Menschen eine derart starke Verbundenheit mit den von ihnen errichteten Ansiedlungen, dass sie ihrem eigenen Namen den Namen ihres Geburtsorts hinzufügten. Diese Verbundenheit beruhte nicht zuletzt auch darauf, dass die Bewegungsfreiheit der einfachen Landbevölkerung durch lange, kalte Winter, felsige Einöden und bittere Armut meist auf die Umgebung ihres Geburtsorts beschränkt blieb.

Auch Pandor Sanh hatte von der Welt außerhalb seines Dorfes kaum etwas gesehen, obwohl er der Sohn eines Tuchhändlers war. Daher genügte bereits der erstmalige Anblick der von Sanh nur vierzig Meilen entfernten Burg Drinh, um bei ihm einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Diese gewaltige Festungsanlage war der Stammsitz des altehrwürdigen Geschlechts der Fürsten zu Drinh, das auch Gundur, den ersten Hüter der Flammen, hervorgebracht hatte.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern nahm Pandor Sanh seit seiner Jugend häufig den Weg von der Siedlung zum Standort des Eisbaums auf sich, um für kurze Zeit unter der mächtigen Krone dieses majestätischen Baumes Geborgenheit und Trost zu finden. Selbst an den dunkelsten Tagen in den langen Wintern des Nordens hatte er immer das Gefühl gehabt, dass der Baum vor Leben überquoll.

Die Menschen des Nordens glaubten, dass die großen Eisbäume die Seelen der Verstorbenen beherbergten. Wenn ein Mensch starb, entfloh seine Seele aus dem Körper und wurde wie ein Blitz von dem nächstgelegenen der neun Bäume angezogen. Dort wartete sie bis ein neuer Mensch geboren wurde, der bereit war, sie aufzunehmen. Jeder Eisbaum galt als Heimstatt vieler Seelen.

Zum allerersten Mal hatte Pandor Sanh an jenem Tag einen ganz bestimmten Grund gehabt, den Baum aufzusuchen. Und es war ein schrecklicher Grund, der sein bisher im Schoß des Dorfes behütetes Leben völlig verändern sollte. Am Morgen war er mit seinem selbstgeschnitzten Bogen und einem Köcher voller Pfeile losgezogen, um etwas Abwechslung auf seinen Speiseplan zu bringen. Aber an diesem Tag gelang es ihm nicht, einen Schneehasen zu erlegen. Während er verdrießlich zu seinem Dorf zurücktrottete, sah er schon von Weitem eine Gruppe Reiter, die sich von der Siedlung entfernten. Diese Beobachtung erschien ihm äußerst ungewöhnlich, weil im hohen Norden außer den Boten des Hüters der Flammen nur wenige Menschen Reittiere besaßen. Selten traf man solche Menschen gemeinsam und eigentlich nie in großen Gruppen an. In seiner lebhaften Fantasie hatte sich Pandor Sanh immer ausgemalt, dass der Hüter der Flammen eigentlich sogar über eine berittene Armee verfügen müsste. Als er dies einmal gegenüber dem Dorfältesten erwähnte, hatte der laut gelacht, den Kopf geschüttelt und gesagt: „Mein Junge, wozu sollte der Hüter der Flammen eine Armee brauchen? Im Norden gibt es keinen Krieg. Und wie sollte man so viele Männer und Pferde hier ernähren?“ Das hatte Pandor Sanh eingeleuchtet.

Aus den Erzählungen der Alten wusste er, dass es im viel weiter südlich gelegenen Obesien Reitersoldaten gab. Die Nordgrenze Obesiens war aber von der Siedlung so weit entfernt, dass man auch mit Reittieren mindestens zehn Tage benötigt hätte, um von der Grenze aus, das kleine Dorf zu erreichen. Weshalb um alles in der Welt sollte irgendjemand eine derart lange, strapaziöse Reise durch eine öde, menschenfeindliche Wildnis zu einem armseligen Ort unternehmen, dessen Bewohner nur das Allernötigste besaßen und sich mehr schlecht als recht am Leben halten konnten?

Während Pandor Sanh diesen Gedanken nachhing, hatte er sich den äußeren Hütten bis auf ein paar hundert Meter genähert. Erstaunlicherweise konnte er aber nicht das geringste Lebenszeichen erkennen, keine lärmenden Kinder und keine Geräusche aus den kleinen Handwerksbetrieben. Da waren auch nicht die vertrauten Gestalten, die sich in ihren winzigen Gärten abmühten, um dem steinigen Boden die in ihrem ständigen Kampf gegen den Hunger dringend benötigte Nahrung abzuringen.

Es herrschte völlige Stille. Die verwaschene Sonnenscheibe stand tief am Himmel. Die Hütten warfen lange Schatten auf die kargen Beete und die dazwischen verlaufenden Wege. Der gesamte Ort wirkte ausgestorben, gespenstisch leer.

Pandor Sanh betrat den östlichen Hauptweg der Siedlung. Dieser begann am Dorfrand bei Wargars Hütte. Wegen seiner zunehmenden Gebrechlichkeit hatte sich ihr Besitzer in den letzten Jahren kaum noch mehr als ein paar Meter von seiner Behausung entfernt. Die äußere Tür war nur angelehnt und klapperte in einer leichten Brise gegen den Türpfosten. Dies kam dem jungen Mithrier merkwürdig vor. Halbwegs beruhigt stellte er fest, dass keinerlei Spuren von Gewaltanwendung zu erkennen waren. Er schob die Tür auf und trat vorsichtig ein.

Niemand befand sich im Hauptraum. Die Türen zum Flammenraum und zum Wasserraum standen offen. Das Gebäude war augenscheinlich verlassen. Auf dem Tisch in einer Ecke des Wohnraums lagen noch die Reste einer Zwergmelone auf einem Teller, so als sei der Bewohner während seiner Mahlzeit aufgestanden und weggegangen. Im Übrigen wirkte aber alles unangetastet und ordentlich.

Pandor Sanh ging wieder nach draußen. Langsam bewegte er sich auf dem breiten Weg in Richtung des zentralen Dorfplatzes. Die knorrigen Felsbeersträucher, die den Weg säumten, hatten gerade ihre ersten, hellgrünen Triebe angesetzt. Sie zitterten leicht im böigen Ostwind. Vom fernen Aralt-Gebirge kommend blies er über die schier endlosen, nur von einigen Flusstälern durchzogenen Felsplateaus der mittleren Hochebene.

Auch auf dem Dorfplatz war keine Menschenseele zu sehen. Pandor Sanh hielt einen Moment inne. Mitten auf das Pflaster des Platzes hatte jemand einen großen, weißen Kreis gezeichnet. Dann wurde seine Aufmerksamkeit aber von einer anderen Veränderung angezogen. Zuerst glaubte Pandor Sanh, nur das schemenhafte Wogen des Gelben Steingrases wahrgenommen zu haben, das zwischen den Säulenkiefern ein karges Dasein fristete. Aber unwillkürlich erfasste er, dass die ruckhafte Bewegung eines flüchtigen Schattens nicht zu dem gleichförmigen Wogen der Bäume und Gräser passen wollte. Dass er sich leicht duckte als er herumfuhr, rettete ihm das Leben. Nur zwei Fingerbreit zischte ein schlanker Metallpfeil an seinem Kopf vorbei und prallte scheppernd gegen die Wand eines Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Weges.

Einige Schritte von Pandor Sanh entfernt stand ein breitschultriger Mann mit einem braunen Wollmantel unter einer Türöffnung. Auf dem Kopf trug er einen Halbhelm mit dem Emblem eines Raubvogels. In der Hand hielt er die Waffe, mit der er den Metallpfeil auf Pandor Sanh abgeschossen hatte. Sie war bronzefarben und hatte über dem mehr als zwei Hände breiten Pfeilspeicher eine schmale, runde Auslassöffnung, die sich gerade anschickte, den nächsten Metallpfeil auszuspucken.

Pandor Sanhs Gehirn benötigte zwei Sekunden, um dieses Szenario zu ordnen. Sein Verstand meldete ihm, dass er eigentlich schon tot sein müsste und wohl nur das Umfallen vergessen hatte. Aber da war noch etwas, das viel schneller arbeitete.

Er fühlte ein leichtes Kribbeln im Nacken, das sein Verstand für den zweiten Pfeil halten wollte, der gerade aus seinem Genick austrat. In diesem Augenblick bemerkte er zum ersten Mal diese seltsamen Schwingungen. Er sah, wie sich das Gesicht des Schützen verzerrte. Plötzlich befand es sich innerhalb einer zähen, in zarten Regenbogenfarben schimmernden Blase. Und zum ersten Mal sah Pandor Sanh, wie die Konturen eines Lebewesens schlagartig verschwammen, als die Blase sich flimmernd auflöste. Von dem eben noch vorhandenen Angreifer war praktisch nichts übriggeblieben. Eine angespannte Stille legte sich über das verlassene Dorf. Noch einige Minuten verharrte der junge Mithrier innerlich aufgerüttelt, aber bewegungslos an Ort und Stelle, festgewurzelt wie der große Eisbaum.

Und nun stand Pandor Sanh vor eben diesem Eisbaum, immer noch völlig ratlos. Wie konnte es möglich sein, dass sämtliche Bewohner einer Siedlung spurlos verschwunden waren, ohne die geringsten Anzeichen eines Kampfes? Natürlich hatte er nicht erwartet, dass der Eisbaum ihm die Lösung dieses Rätsels verraten würde. Während er noch darüber nachdachte, was er sich durch die Nähe des Baumes wirklich erhofft hatte, klärten sich langsam seine Gedanken.

Die Bewohner der Nordlande waren stets frei gewesen wie ihr offenes, raues Land. An kriegerische Auseinandersetzungen konnte sich in Pandor Sanhs Dorf kein lebender Mensch erinnern. Dennoch wussten die Völker des Nordens auch heute noch, warum die Wahl eines Hüters der Flammen unumgänglich geworden war. Vor mehr als drei Jahrhunderten hatten schwerbewaffnete Armeen der Surdyrier mehrfach die Grenzgebiete Gatyas, des westlichen Nordlandes, überfallen. Die Gatyer wurden von diesen Angriffen völlig überrascht und hatten ihnen nichts entgegenzusetzen. Viele Bewohner dieser Gegend wurden nach Surdyrien verschleppt. Deshalb gaben die Gatyer ihre Siedlungen im Grenzgebiet auf und zogen sich tiefer in die unwegsamen Gletscherlandschaften zurück.

Jahrhundertelang waren die riesigen Eis- und Felswüsten der Hochplateaus ein natürlicher Schutzschild der nordischen Völker. Nun aber folgten die Surdyrier den Gatyern auch in den Südosten ihres Landes. Surdyrien befand sich zu jener Zeit in einem verzweifelten Überlebenskampf. Das Land hatte reiche Bodenschätze und seit Menschengedenken galten die Surdyrier als Lieferanten der wichtigsten Rohstoffe für Metallerzeugnisse in der gesamten bekannten Welt. Innerhalb weniger Jahre war plötzlich ein Mangel an Minenarbeitern aufgetreten, der von einem geheimnisvollen, unerklärlichen Massensterben der Arbeiter ausgelöst worden war. Um die für Surdyrien lebenswichtige Erzförderung aufrechterhalten zu können, mussten Fremdarbeiter beschafft werden. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Menschen aus dem Norden der tödlichen Epidemie nicht zum Opfer fielen, war das benachbarte Gatya zum Ziel der Surdyrier für die Beschaffung der dringend benötigten Arbeitskräfte geworden.

Als die Surdyrier in den Südosten Gatyas einfielen, fühlten sich auch die benachbarten Mithrier bedroht. Da sie schon von jeher ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren grünäugigen Vettern im Westen gepflegt hatten, empfanden sie es überdies als ihre Pflicht, den Nachbarn zu Hilfe zu eilen. Trotz einer weitgehend fehlenden kriegerischen Organisation der Nordländer mussten sich die Surdyrier nach einigen kleineren Scharmützeln schließlich aus den zerklüfteten Bergregionen zurückziehen. Es war abzusehen, dass sie ihren Beutezug nicht vor Einbruch des harten, nordischen Winters beenden konnten.

Gundur zu Drinh, ein weitsichtiger Fürst der Mithrier, erkannte, dass ein neues Zeitalter angebrochen war. Allein die Wildnis und die eisigen Winter reichten nicht mehr aus, um den Menschen der Nordlande auf Dauer Schutz bieten und die Freiheit erhalten zu können.

In einem großartigen Lebenswerk von mehr als fünfzig Jahren schuf er in den dünn besiedelten Weiten der Nordlande organisatorische Strukturen, die sich bis zu den Tagen Pandor Sanhs erhalten und als Bollwerk gegen äußere Feinde bewährt hatten. So wurde Gundur zu Drinh der erste Hüter der Flammen. Fürderhin nannten sich die drei vormals eigenständigen Landesteile „Vereinte Nordlande“.

Überfälle durch Surdyrier hatten seither nicht mehr stattgefunden. Gerüchten zufolge war während der wirtschaftlichen Wirren eine Armee aus dem kriegerischen Obesien in Surdyrien eingefallen. Was genau sich seither dort abspielte, wussten die einfachen Menschen des Nordens nicht.

Obwohl Pandor Sanh die Berittenen gesehen hatte, glaubte er keinen Augenblick, dass Surdyrier oder Obesier sich die Mühe machen würden, tief nach Mithrien einzudringen, um ausgerechnet seine Mitbürger aus ihrem ärmlichen Dorf zu verschleppen. Die ganze Sache war ihm ein Rätsel. Einer Eingebung folgend entschloss er sich, zum Quaralpalast zu reisen. Er ahnte, dass er – wenn überhaupt – nur dort eine Antwort auf seine Fragen und vielleicht sogar Hilfe finden konnte.

Auch der Quaralpalast gehörte zum Lebenswerk des Fürsten Gundur zu Drinh. Die gewaltige, aus Basalt und kristallinem Quaral bestehende Festungsanlage überstrahlte die Düsternis des äußersten Nordens wie ein Leuchtfeuer. Das jedenfalls hatten die Alten berichtet, die sich aber selbst nur auf Erzählungen berufen konnten. Der Quaralpalast befand sich im äußersten Nordostzipfel Mithriens, dort wo das Aralt-Gebirge zum Meer hin schroff abfällt. Er war der Sitz des jeweiligen Hüters der Flammen und seines geheimnisvollen Hofstaats. Pandor Sanh verabschiedete sich mit einem letzten Blick und Tränen in den Augen vom Größten aller Eisbäume. Dann wandte er sich nach Nordosten.

Zurück blieben die leeren Gebäude einer verlassenen Ansiedlung. In der beschaulichen Stille der kargen Gesteinsebenen Mithriens hatten die Bewohner eines abgeschiedenen Dorfes jahrhundertelang ein entbehrungsreiches aber friedliches Leben geführt. Sie wussten wenig über die Vorgänge, die sich außerhalb ihrer Dorfgrenzen abspielten und gar nichts über die Mächte, die in Verstecken und hinter Tarnungen eine Welt im Gleichgewicht zu halten suchten. Unversehens waren die Menschen von Sanh in den Brennpunkt von Ereignissen geraten, die eine Lawine auslösten und dazu führten, dass dieses sorgsam gehütete Gleichgewicht gestört wurde und eine ganze Welt im Begriff stand, aus den Fugen zu geraten.

*

Über zwei Wochen hatte es gedauert, bis Pandor Sanh Tharis erreichte. Tharis war die erste größere Stadt auf seinem Weg durch Mithrien. Unterwegs dachte er viel über den Attentäter und dessen unerklärliches Verschwinden nach. Stets überfiel ihn dabei eine Ahnung, als ob er selbst etwas damit zu tun gehabt hätte. Aber immer wieder wehrte sein nüchterner nordländischer Verstand dieses Gefühl ab und verdrängte es genauso schnell wie es gekommen war.

An diesem Tag hatte Pandor Sanh wieder einmal einen mehr als zehnstündigen Fußmarsch hinter sich. Etwa zweihundert Meter von den ersten Wohnhäusern der kleinen Stadt entfernt befand sich auf der rechten Straßenseite eines der schmucklosen, graubraunen Steingebäude, die hier im Norden das Bild der wenigen größeren Ansiedlungen prägten. Von den anderen unterschied es sich nur durch ein großes Metallschild mit einem aufgemalten Bierkrug, das leise ächzend im lauen Wind hin und her schwankte. Dieses Schild wies das Anwesen als Gasthaus aus.

Pandor Sanh betrat die Schänke durch eine schwere, aus dicken Eichenbohlen gezimmerte Tür. Als sie quietschend aufschwang, verebbten die meisten Gespräche und viele Gesichter wandten sich neugierig dem Ankömmling zu.

Pandor Sanh schritt freundlich lächelnd zu einem kleinen Stehpult, das offenbar die Empfangstheke darstellen sollte. Erst als er auf eine kupferne Schelle schlug, kam aus dem Nebenraum ein alter, gebeugter Mann herangeschlurft.

Unbewusst hatte Pandor Sanh aus den Augenwinkeln die Menschen im Gastraum beobachtet. Zwischenzeitlich hatten sie wieder ihre Gespräche aufgenommen. Die Ankunft eines freundlichen, jungen Mannes war kein Ereignis, das in einem Wirtshaus besonderes und dauerhaftes Aufsehen erregte. Nur der Mann, der ihm am nächsten saß, allein an einem kleinen, runden Tisch, musterte ihn unablässig mit seinen stahlblauen Augen. Obgleich er den Kopf gesenkt hatte und ihm seine schwarzen Haare tief ins Gesicht hingen, fiel Pandor Sanh dieser Blick auf. Seine Müdigkeit besiegte jedoch sein Interesse. Er hatte nur noch das Bedürfnis, möglichst schnell auf eine Liegestatt zu sinken und die Augen zu schließen. Da noch Zimmer frei waren, bestellte Pandor Sanh eine Karaffe Wasser und eine kleine Mahlzeit, die er dann schnell im Stehen einnahm. Er entrichtete den Preis für das Zimmer und nahm den Schlüssel entgegen. Anschließend ging er die Holztreppe hoch, wobei ihm auffiel, dass der Mann vom vordersten Tisch verschwunden war. Pandor Sanh wunderte sich, dass er ihn nicht hatte weggehen sehen, obwohl er in unmittelbarer Nähe gesessen hatte.

Mühsam stieg der junge Mithrier die steile, knarrende Treppe hoch. An der Tür des ihm zugewiesenen Zimmers angekommen, steckte er den schweren Schlüssel in das Kastenschloss und versuchte, ihn zu drehen. Nach zwei Versuchen gewann Pandor Sanh den Eindruck, dass er sich verklemmt hatte. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Tür nach außen auf. Dabei öffnete sie sich so leicht, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und gestrauchelt wäre. Sie war unverschlossen gewesen, und Pandor Sanh lächelte im ersten Moment über seine eigene Ungeschicklichkeit. Aber dann stand er wie vom Blitz getroffen da.

Auf dem einzigen Stuhl neben dem Bett saß der Mann, der ihn in der Gaststube die ganze Zeit beobachtet hatte. Aus den Falten seines Gewandes ragte ein Schwertgriff. Pandor Sanh wurde schmerzlich bewusst, dass er selbst keine Waffe besaß. Da verspürte er ein leises Kribbeln in seinem Nacken.

Als hätte der Mann Pandor Sanhs Gedanken erraten, sagte er lächelnd: „Es wird nicht nötig sein, mich zu töten. Ich bin nur ein Bote, der eine Nachricht überbringt. Gute Nachrichten sind selten in diesen Zeiten.“

 „Wer sollte mir einen Boten schicken? Ich bin viel zu unbedeutend“, entfuhr es Pandor Sanh. Dabei fiel ihm auf, dass der Mann nicht die blaue Schärpe trug, das Kennzeichen der Boten, die im Namen des Hüters der Flammen unterwegs waren. Andererseits konnte Pandor Sanh natürlich auch nicht erwarten, dass der Hüter der Flammen ihm einen Boten schickte.

 „Du wirst dich damit abfinden müssen, dass du viel wichtiger bist als du gerne sein würdest“, sagte der Mann freundlich. „Was uns zu wichtigen Menschen macht, ist die Tatsache, dass wir unsere Bedeutung für die Welt letztlich völlig frei selbst bestimmen können.“

Obwohl diese Worte für Pandor Sanh ein Rätsel darstellten, überzeugten sie ihn, dass sein Besucher keine bösen Absichten hegte. Er schloss die Zimmertür und setzte sich auf das Bett: „Und welche Nachricht sollen Sie mir überbringen?“

„Mir wurde aufgetragen, dir ein Treffen mit einem Eisgrafen zu vermitteln“, offenbarte ihm der Besucher.

Pandor Sanh war zunächst völlig sprachlos. Die Legenden der Eisgrafen. Die Alten hatten sie hinter vorgehaltener Hand flüsternd mit Ehrfurcht und Schaudern erzählt. Diese Menschen mit besonderen Fähigkeiten galten als die eigentlichen Bewahrer des Nordens, die ganz auf sich allein gestellt mit bösen Mächten kämpften, um ihre Heimat zu schützen. Niemand schien zu wissen, ob es sie wirklich gab und wer sie waren.

„Gibt es wirklich Eisgrafen?“, platzte Pandor Sanh heraus, der nun keine Scheu mehr vor seinem ungebetenen Besucher empfand.

„Das wirst du schon in Kürze selbst herausfinden“, orakelte der Bote. „Du musst von hier aus nach Nordosten gehen, nach Tanaria. Am schnellsten kommst du dorthin, wenn du einen der Kaufmannskähne auf dem Tanar nimmst. In Tanaria erwartet dich ein Eisgraf, der dich durch das Vorgebirge zum Quaralpalast führen wird. Wenn er verhindert ist, wird er jemand anderen schicken, dem du auch vertrauen kannst. Du musst dich in Tanaria zum Haus der Boten begeben. Der Gesandte wird dich daran erkennen.“ Der Schwarzhaarige übergab Pandor Sanh eine Kette mit einem Amulett. Es war ein Kreis aus Metall, das einen stilisierten Würfel umschloss. „Wir werden uns sicher wiedersehen. Menschen, die sich für das Gute einsetzen, werden sich immer wiedersehen; wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.“

Pandor Sanh bezweifelte, dass er die Macht hatte, sich wirkungsvoll für das Gute einzusetzen. Noch eine Woche zuvor wäre er sogar völlig sicher gewesen, dass er nicht über diese Macht verfügte. Bevor er weiter nachdenken oder eine Frage stellen konnte, verließ der Fremde das Zimmer.

Erst nachdem der Bote gegangen war, erfasste Pandor Sanh die offensichtliche Ungereimtheit. Wieso konnte jemand wissen, dass er sich zum Quaralpalast begeben wollte? Der junge Mithrier sah aus dem Fenster hinunter auf die Straße, von der er gekommen war. Die Sonne schickte sich bereits an, hinter dem westlichen Horizont zu versinken. Kurze Zeit später galoppierte ein einzelner Reiter auf einem kleinen Bergpferd von der Herberge weg in westliche Richtung. Schwarze Haare flatterten im Wind. Pandor Sanh war sicher, dass es sich um seinen Besucher handelte. Er schien dorthin zu reiten, wo Pandor Sanh hergekommen war. Er musste es sehr eilig haben, denn er ritt in die Nacht.

*

Wenn auf den Flüssen Mithriens mit dem erwachenden Sommer das Eis zu schmelzen begann, wurden sie zu den wichtigsten Transportwegen im östlichen Landesteil hinter Tharis. Pandor Sanh hatte nach zwei weiteren Tagen Fußmarsch auf dem alten Kahn eines freundlichen Händlers angeheuert und war auf diese Weise wesentlich schneller vorangekommen. Bereits drei Tage nachdem er Tharis verlassen hatte, konnte er deutlich die Ausläufer des Aralt-Gebirges sehen, hinter denen das östliche Nordland lag, wo die Zogh lebten. Die großen, kriegerischen Zogh mit ihrer grauen Haut waren den anderen Nordländern von jeher unheimlich. Erstaunlicherweise hatten sie sich an der von Gundur zu Drinh ins Leben gerufenen Allianz beteiligt, obwohl ihr eigenes Land nicht angreifbar schien. Es war durch das mächtige Araltgebirge nach Westen und die gefährlichen Sümpfe von Lokhrit nach Süden geschützt. Im Norden und Osten endete es an den Gestaden der großen Meere. Die Erinnerung an die Beweggründe jener historischen Entscheidung hatte sich im Strudel der Zeit verloren.

Alles was Pandor Sanh jemals über dieses Volk gehört hatte, erschien ihm äußerst fremdartig. Die wilden Zogh der Hochebenen, die als die gefürchtetsten Krieger des gesamten Kontinents galten, wurden traditionell von einer Königin angeführt. Nach ihrer Wahl durch die Versammlung der Zehn Getreuen, Dryden genannt, wurde sie auf den Schild von Knoist gehoben. Meist handelte es sich um eine Tochter der bisherigen Königin. Der Königin ebenbürtig waren nur der Herzog der Aralt-Höhlen, der einer uralten Dynastie entstammte, und der Marschall von Sandammon und Sokul, der mit einer eigenen Heerschar den Süden des Landes beherrschte.

Wohl der einzige Grund, warum die anderen Nordländer die Zogh als so etwas wie ihresgleichen ansahen, bestand in der Tatsache, dass es auch in Zogh Eisbäume, die altehrwürdigen Symbole des Nordens, gab. Die graue Haut dieser Menschen war angeblich auf ihre Abstammung zurückzuführen. Ursprünglich hatten sie nämlich in den großen Höhlen des Aralt-Gebirges gelebt, ehe ein Teil des Volkes die Höhlen verließ und sich auf den östlichen Gebirgsebenen und im Süden bis zu den Sümpfen ausbreitete.

Pandor Sanh war im frühen Morgengrauen in Tanaria angekommen. Bevor die ersten Häuser am linken Ufer auftauchten, erhob sich rechts auf einem üppig bewachsenen Bergsattel das beeindruckende Kastell von Tanaria mit seinen vielen Rundtürmen und den hohen, zinnenbewehrten Mauern, an denen sich dunkelgrünes Efeu emporrankte. Die schiefergedeckten Dächer, die bunten Butzenscheiben und die mit dem Wappen der Fürsten von Tanaria bemalten Fensterläden verliehen dem Kastell ein geradezu fröhliches Aussehen.

Der Hafen von Tanaria wirkte dagegen düster und schmutzig. Niedrige, schäbige Häuser und Lagerhallen glitten an dem kleinen Flussschiff vorüber, während es träge auf dem Tanar dahindümpelte.

Die Anlegestelle befand sich am westlichen Flussufer, wo Pandor Sanh ein für ihn ungewohnter Geruch nach totem Fisch in die Nase stach. Nachdem der Kahn an einer der Molen festgemacht worden war, verabschiedete sich der junge Mithrier hastig von dem alten Kapitän und beeilte sich, das Hafenviertel zu verlassen. Das Botenhaus, wo er mit dem Eisgrafen zusammentreffen sollte, befand sich im nördlichen Bezirk der Stadt Tanaria.

Für Pandor Sanh hatten die Botenhäuser inmitten ihrer idyllischen Gärten immer etwas Faszinierendes gehabt. In kleineren Städten überragten sie oft die einfachen Gebäude. Sie durften nur von den Boten selbst sowie von hochgestellten Personen betreten werden. Hier in Tanaria war das Botenhaus aber etwas kleiner als die umliegenden Gebäude, bei denen es sich offenbar um die Häuser wohlhabender Kaufleute handelte. Allerdings stand das zweistöckige Bauwerk in einem weitläufigen Park, was den äußeren Eindruck trotz seiner Schmucklosigkeit aufwertete.

Obwohl Pandor Sanh wusste, dass ihm der Zutritt zum Haus der Boten nicht gestattet war, öffnete er die Tür und wagte einen Blick ins Innere. Er hoffte, dass der Eisgraf vielleicht hier auf ihn warten würde. In dem weitläufigen Raum verloren sich etwa fünfzehn Tische und ungefähr dreimal so viele Stühle. Pandor Sanh konnte jedoch nur vier Personen erkennen, die paarweise in Gespräche vertieft waren. Alle trugen die blauen Schärpen, die zur Arbeitskleidung der Boten gehörten. Also befand sich kein Eisgraf unter ihnen. Pandor Sanh schloss schnell wieder die Tür und sah sich außerhalb des Gebäudes um. Er fand auf der Ostseite, wenige Meter vom Haus entfernt, eine Steinbank, auf der er sich niederließ. Als er sich zurücklehnte, blinzelten seine Augen in die Sonne. Anscheinend hielt sich niemand in dem Park auf. Offenbar war der Eisgraf noch nicht eingetroffen. Pandor Sanh entspannte sich und schloss kurz die Lider. Schon Sekunden später entglitt seinem Bewusstsein die Realität. Er fand sich plötzlich auf dem Kahn des Kaufmanns wieder, den die Wellen in einem beruhigenden Rhythmus hoben und senkten. Die milde Frühlingssonne erzeugte eine behagliche Wärme auf seinem Gesicht bis sie nach einigen Minuten von einer grauen Wolke verdeckt wurde. Tatsächlich handelte es sich aber nicht um den Schatten einer Wolke, sondern um den Schatten einer hochaufragenden Gestalt, der auf Pandor Sanhs Gesicht fiel. Aber Pandor Sanh glitt in seinem Traum immer noch auf dem Schiff dahin, auf dem Weg hierher. HIERHER! Da erfasste der Mithrier auch im Unterbewusstsein, dass etwas nicht stimmte. Aber er war so schnell so tief eingeschlafen, dass er jede Orientierung verloren hatte. Beim Aufwachen wusste er nicht sogleich, wo er sich befand und wo „hierher“ war.

„Der gnädige Herr geruhen, den Hüter der Flammen warten zu lassen.“

Pandor Sanh blinzelte, und es kostete ihn viel Kraft, die schweren Augenlider zu öffnen. Zuerst sah er nur eine hellgraue Hand vor dunkelgrauen Stofffalten. Eine feingliedrige Hand, die aber keineswegs zerbrechlich wirkte. Er lehnte den Kopf zurück, um an der Gestalt hochzublicken, die bis in den Himmel zu ragen schien. Pandor Sanh war enttäuscht. Der vermeintliche Eisgraf erwies sich als eine einfache Frau, und noch dazu eine Zogh. Die für diese Rasse typisch hohen Wangenknochen verliehen ihren feinen und ebenmäßigen Gesichtszügen eine herbe Schönheit, strahlten zugleich aber auch eine gewisse Strenge und Unnahbarkeit aus. Aber er hatte ja schließlich auch nicht die Absicht, ihr zu nahe zu kommen.

Ihre grauen Augen musterten ihn abschätzig. Während er sich langsam erhob, stellte er fest, dass sie ein wenig größer war als er und vermutlich auch ein wenig älter.

Angesichts der Erwähnung des Hüters der Flammen dämmerte Pandor Sanh, dass sie wohl seine Begleiterin für den Rest der Reise sein sollte. Trotzig murrte er: „Ich hatte eigentlich einen Eisgrafen erwartet.“

„Du wirst wohl mit mir vorliebnehmen müssen. Ich bin Octora“, entgegnete die Zogh leicht verärgert.

„Wieso werde ich erwartet? Und wieso hast du mich erkannt?“, wollte Pandor Sanh wissen.

Octora zeigte auf das Amulett, das zwischen zwei Knöpfen seines Hemdes herausbaumelte.

„Viele Fragen“, brummte sie. „Es ist Sache des Beraters, deine Fragen zu beantworten.“

„Wer ist der Berater?“, fragte der junge Mithrier unbeirrt.

„Wiederum eine Frage, die dir der Berater beantworten wird“, antwortete Octora launig.

Pandor Sanh sah ein, dass er so nicht weiterkam. Die Zogh schien ihn nicht sonderlich zu mögen. Das war eigentlich nicht verwunderlich, da Mithrier ja auch die Zogh nicht mochten. Dennoch blieb er beharrlich: „Eine Frage wirst aber vielleicht selbst du mir beantworten können: Wann reisen wir ab?“

„Das liegt allein an dir“, antwortete sie ungnädig. „Sobald du ausgeschlafen hast. Wir müssen nur noch Proviant beschaffen, weil wir auf dem Weg durch das Vorgebirge kaum Nahrung finden werden.“

*

Über Jahrmillionen hatte das vom Aralt-Gebirge abfließende Wasser die Ebene von Tanaria in fruchtbares Land verwandelt, durchzogen von Flüssen. Ausgedehnte Wälder fanden hier akzeptable Lebensbedingungen, bis die Mithrier des Ostens unter Anleitung der Fürsten von Sokut dem Waldland ausgedehnte Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung entrissen hatten. Aber zwischenzeitlich lebten die Menschen wieder mit der Natur in Einklang. Es gab immer noch genügend größere Waldflächen, welche die Kulturlandschaften vor den trockenen, oft eiskalten Winden des Nordostens schützten.

Von Tanaria aus verlief eine breite Straße bis zum Fuß des Vorgebirges. Ihre Anfänge reichten bis in die Zeit Gundur zu Drinhs zurück. Inzwischen war sie jedoch längst fertiggestellt. Einen Tagesmarsch wanderten Pandor Sanh und Octora fast die ganze Zeit schweigend auf dieser Straße nach Osten. Wenn ihnen unterwegs gelegentlich Menschen begegneten, glaubte Pandor Sanh oft, eine gewisse Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern ablesen zu können. Dass ein Mithrier mit einer Zogh reiste, war sicherlich kein alltäglicher Anblick. Aber bestimmt hätte Octora mit ihrer auffälligen und dennoch so fraulichen Erscheinung und ihrem schlohweißen, im Wind flatternden Haar auch in ihrer Heimat einige Aufmerksamkeit erregt. Pandor Sanh war über sich selbst verärgert als er sich bei diesen Gedanken erwischte, denen mancher Seitenblick auf seine Begleiterin vorausgegangen war.

Am späten Nachmittag waren sie an einem Flussufer angelangt, wo ein flaches Gebäude und mehrere am Ufer vertäute Boote auf einen Fährbetrieb schließen ließen. Octora erklärte Pandor Sanh, dass sie eine riesige Windung des Talawi-Flusses ausnutzen würden, um möglichst schnell zum Fuß des Vorgebirges zu gelangen. Der Talawi hatte sich, aus dem Aralt kommend, den leichten Weg nach Westen gesucht. Dann war er an harten Gesteinsformationen gescheitert und floss in einer nahezu sechzig Meilen langen Schleife in Richtung des Aralt zurück, bevor er sich schließlich mit dem Tanar vereinigte und nach Norden dem großen Ozean, seinem Bestimmungsort, entgegen strömte.

Nach einer kurzen Besprechung im Fährhaus kam Octora mit zwei kräftigen Männern zurück, die ein Boot für die Fahrt bereitmachten und dann auch selbst steuerten.

Der Talawi floss wesentlich schneller, als dies vom Ufer aus den Anschein gehabt hatte. Bereits vor Einbruch der Nacht hatten sie ein weiteres Fährhaus am Fuß des Vorgebirges erreicht. Hier konnten sie letztmals vor Erreichen ihres Zieles die Nacht in einem Gebäude verbringen.

Die trotz der Dämmerung noch gut erkennbaren Vorgebirgszüge schienen Pandor Sanh höchst beeindruckend. Drei Tage sollte der restliche Marsch zum Quaralpalast dauern. Das war eine der wenigen Informationen, die er Octora hatte entlocken können. Nachdem er sich aber in dem kleinen Zimmer auf die einfache Schlafstatt gelegt hatte, hielten ihn die Bilder der unmittelbaren Vergangenheit noch stundenlang wach: das menschenleere Dorf, der Angreifer, der sich anscheinend in Luft aufgelöst hatte, der große Eisbaum, die endlosen Fußmärsche, der schwarzhaarige Mann in Tharis, die Flussfahrten und – ja, auch Octora. Schwer wog die Enttäuschung, dass er nicht mit einem Eisgrafen zusammengetroffen war. Aber die alles überstrahlende Erwartung, dem Hüter der Flammen im berühmtesten Bauwerk des Nordens zu begegnen, würden ihn wohl dafür entschädigen. Und wieder schweiften seine Gedanken zu Octora ab. Wieso gelang es ihm nicht, mit ihr ein normales Gespräch zu führen? In Sanh war er sehr beliebt gewesen und hatte oft Missstimmungen ausgleichen können. Je länger er darüber nachgrübelte, desto mehr verdichtete sich sein Verdacht, dass diese Frau nicht nur eine Aura der Selbstsicherheit und Unnahbarkeit umgab, sondern auch ein Geheimnis.

*

Der erste Tag ihres Aufstiegs verlief ereignislos. Octora und Pandor Sanh hatten einen breiten Pfad benutzt, der durch die bewaldeten Hügel des Vorgebirges stetig auf und ab führte. Dennoch hatten sie am Abend bereits eine beträchtliche Höhe erreicht. Der Wald hatte hier ein anderes Gepräge. Er war lichter geworden, und es gab nur noch vereinzelt hohe Tannen. Knorrige Krüppelbäume und dornige Sträucher bestimmten von nun an das Landschaftbild. An vielen Stellen trat auch zwischen flachen Stauden, kleinen Gräsern, Moos und Flechten schon der nackte, graue Basalt zutage. Er war das beherrschende Gestein im nordwestlichen Aralt, dessen gigantische Höhenzüge im Hintergrund das Vorgebirge weit überragten.

Die Temperatur war für die eher kühlen Sommer im Norden außergewöhnlich mild. Octora und Pandor Sanh verzichteten darauf, ihre kleinen Zelte aufzuschlagen. Sie wickelten sich in Decken und schliefen erschöpft auf einem weichen Moospolster schnell ein.

Am nächsten Morgen brachen der Mithrier und seine Führerin in aller Frühe auf. Er konnte es kaum noch erwarten, endlich vor dem sagenhaften Quaralpalast zu stehen.

Gegen Mittag erreichten sie ein kleines Felsplateau, wo es kaum noch Vegetation gab. Pandor Sanh war froh, als Octora vorschlug, dort eine kurze Rast einzulegen. Er setzte sich mit gebührendem Abstand neben sie und lehnte sich gegen eine rückwärtige Felsstufe. Beide begannen, in ihren Proviantsäcken nach einem der aus Flussalgen und Korn zubereiteten Fladen zu kramen, die im Flussland und im Vorgebirge zum klassischen Reiseproviant gehörten.

Als Pandor Sanh wenig später zu Octora hinüberblickte, lag der Rest ihres Fladens auf dem Boden. Trotz der langen, weißen Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing, konnte der Mithrier sehen, dass der Blick der Zogh starr auf den hinteren Teil des Plateaus gerichtet war. Pandor Sanh folgte diesem Blick und erstarrte ebenfalls. Nicht einmal zwanzig Meter entfernt stand ein nordischer Schneetiger und sah zu ihnen herüber. In diesem Augenblick kam ihm einmal mehr schmerzlich zu Bewusstsein, dass er unbewaffnet war. Das majestätische Tier, das mindestens zweieinhalb Meter maß, bewegte sich mit zwei langsamen, geschmeidigen Schritten auf das ungleiche Paar zu. Jäh verspürte Pandor Sanh ein Kribbeln im Genick.

Fast im gleichen Augenblick fühlte er den sanften Druck von Octoras Hand an seinem Oberschenkel.

 „Lass´es!“ Das unwirsche Zischen ihrer Stimme stand im krassen Gegensatz zu der Berührung, die Pandor Sanh unter anderen Umständen als äußerst angenehm empfunden hätte. Die Hand, die eben noch auf seinem Oberschenkel geruht hatte, umfasste plötzlich den Griff eines langen Schwertes mit einer schmalen Klinge, die in der Mittagssonne gefährlich funkelte. Genauso geschmeidig wie der Tiger hatte Octora sich erhoben und war zwei Schritte auf ihn zugegangen. Mensch und Tier standen sich nun bedrohlich gegenüber: Octora, zu ihrer vollen Größe aufgerichtet, völlig ruhig, mit einem Gesicht wie aus Stein gemeißelt, und auf der anderen Seite, zähnefletschend, in geduckter und sprungbereiter Haltung, der Tiger. Pandor Sanh starrte wie gebannt auf das Geschehen. Obwohl er Octora gern geholfen hätte, wusste er nicht, auf welche Weise er dies ohne Waffe bewerkstelligen sollte. Er hatte überdies den Eindruck, dass sie seine Hilfe auch nicht benötigte. Wenige Sekunden später begann der Schneetiger unvermittelt, sich rückwärts zu bewegen, immer noch in geduckter Haltung. Sobald aber der ursprüngliche Abstand wiederhergestellt war, nahm auch er eine entspannte Haltung ein. Wie ein Gast, dem das Speiseangebot nicht zusagt, drehte er sich um und trottete gemächlich davon.

Octora sah Pandor Sanh nachdenklich an: „Man tötet keine Tiere des Nordens ohne Not. Du musst noch viel lernen.“

Pandor Sanh wirkte nicht minder nachdenklich. Er ahnte, dass ihre Reaktion auf das Kribbeln in seinem Nacken kein Zufall war.

„Woher weißt du, dass ich wohl eine seltsame Fähigkeit besitze, von der ich selbst eigentlich nichts weiß?“, fragte er verunsichert.

Er befürchtete schon, dass jetzt wieder die leidige Aufforderung käme, sich an diesen ominösen Berater zu wenden. Aber stattdessen drehte sich Octora wortlos zur Seite und fixierte einen etwa kopfgroßen Stein, der einsam am Rand des Plateaus lag. Bevor Pandor Sanh die nächste Frage stellen konnte, fühlte er plötzlich eine leichte Vibration in seiner Stirnhöhle.

Dann geschah – nichts.

Und dennoch wurde ihm schlagartig klar, womit er es zu tun hatte: Sie verfügte über die gleiche, geheimnisvolle Begabung wie er. Das konnte er durch die Schwingungen in seinem Kopf spüren, wenn sie sich anschickte, davon Gebrauch zu machen. Aber offenbar konnte sie diese Fähigkeit gezielt einsetzen, was ihm nicht möglich war.

Vielleicht musste er wirklich noch viel lernen.

*

Gegen Abend des dritten Tages hatten der Mithrier und seine Begleiterin aus Zogh die Vegetationsgrenze längst hinter sich gelassen. Der schmale Weg führte Octora und Pandor Sanh zu einem Gebirgsbach, der in mehreren Kaskaden eine tiefe Schlucht in das Gestein geschnitten hatte. Der Abgrund wurde von grob behauenen Baumstämmen überspannt, auf denen höchstens zwei Personen nebeneinander Platz fanden. Auf der anderen Seite öffnete sich der Weg zu einer ovalen Fläche, die Pandor Sanh an eine Arena erinnerte.

Im Hintergrund türmten sich versetzt hohe Felsquader auf. Obwohl militärisches Denken Pandor Sanh völlig fremd war, erkannte er sofort, dass dieser Ort unter strategischen Gesichtspunkten perfekt anmutete. Der Passweg ließ sich mit einer begrenzten Anzahl von Schwertkämpfern am Boden und Bogenschützen auf den Felsbrocken gegen jede feindliche Übermacht halten. Wegen der Felswand zur Rechten und des Abgrundes zur Linken konnten etwaige Angreifer nur paarweise den steilen Pfad erklimmen und die schmale Baumbrücke überschreiten.

Octora ging sicheren Fußes und ohne zu zögern über die Stämme. Pandor Sanh brachte dem Übergang weniger Vertrauen entgegen und folgte seiner Führerin mit langsamen, vorsichtigen Schritten in großem Abstand. Als er endlich das gegenüberliegende Felsplateau erreicht hatte, erklärte Octora, dass sie die Nacht im Schutze der großen Quader verbringen würden.

Hier oben in den Bergen kühlte es in den Nächten stark ab. Deshalb waren Octora und Pandor Sanh gezwungen, ihre Zelte aufzubauen. Auf dem felsigen Untergrund erwies sich dies aber als äußerst schwieriges Unterfangen und harte Arbeit. Die Metallhaken für die Spannseile mussten mühsam in schmalen Felsrissen verankert werden. Bis jeder von ihnen einen geeigneten Platz gefunden hatte, standen die Zelte fast einhundert Meter voneinander entfernt. Pandor Sanh sah zu Octora hinüber, die gerade die letzten Handgriffe verrichtete. Dann schlüpfte sie in ihr Zelt, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.

Pandor Sanh war enttäuscht. Als Frau interessierte ihn Octora natürlich nicht, auch wenn er zugeben musste, dass sie eine beeindruckende Erscheinung darstellte. Er hatte jedoch gehofft, noch einige Zeit mit ihr zusammensitzen zu können und etwas über den Quaralpalast, die Eisgrafen und den Hüter der Flammen zu erfahren. Am folgenden Tag würden sie den Palast voraussichtlich um die Mittagszeit erreichen, und eigentlich war er auf nichts vorbereitet. Unzufrieden begab auch er sich in sein Zelt, wickelte sich in seine Decke und schlief bereits nach einer kurzen Weile ein.

Am nächsten Morgen wurde Pandor Sanh durch einen gellenden Pfiff aus dem Schlaf gerissen. Vor dem dünnen Leinenstoff des Zeltes zeichnete sich in der gerade aufgehenden Morgensonne die Silhouette der hohen Gestalt Octoras ab.

Er beeilte sich, das Zelt zu verlassen, obwohl er diese Art von Weckruf eigentlich als ungehörig empfand. Als er hinaustrat erkannte er, dass Octora ihr Zelt bereits abgeschlagen hatte und abreisebereit war für den letzten Teil ihrer Wegstrecke. Wortlos baute nun auch er schnell das mühsam errichtete Zelt ab und verstaute es in seinem Sack. Dann folgte er Octora, die unterdessen schon die großen Quader im hinteren Teil der Felsarena erreicht hatte.

Nachdem Pandor Sanh ebenfalls am Rand des Plateaus angekommen war, bot sich ihm ein atemberaubender Ausblick. Zu seinen Füßen lagen die nördlichen Ausläufer des Vorgebirges, die sich wie ein Arm und eine Hand bis zum fernen Ozean erstreckten. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Pandor Sanh das riesige, blaue Nordmeer. Zu seiner Rechten fiel das Vorgebirge sanft ab. In der Ferne ging es in die schroffen Gebirgszüge des Aralt-Massivs über, dessen glitzernd weiße Gipfel in den Wolken verschwanden. Und ganz weit draußen, fast am Meer, zwischen dem letzten „Finger“ des Vorgebirges und dem steil aufragenden Aralt, konnte Pandor Sanh eine Hochebene ausmachen. Auf ihr befand sich eine offensichtlich von Menschenhand errichtete Anlage, die aus dieser Entfernung winzig klein wirkte, in Wirklichkeit aber gewaltig groß sein musste… der Quaralpalast.

Octora war längst weiter marschiert ohne im Geringsten auf die Schönheiten der Natur zu achten. Vielleicht hatte sie sie aber auch schon oft genug gesehen.

Der Weg wurde nun plötzlich wesentlich breiter und verlief auf der, zum fernen Ozean hin, leicht abfallenden Kammlinie der Vorgebirgsauen. Es war nur zu erahnen, dass er zu der einsamen Festung führte, die das Ende der Welt zu markieren schien. Pandor Sanh verfiel in einen schnelleren Schritt, um Octora einzuholen.

Als die milde Sonne des Frühsommers ihren niedrigen Zenit bereits überschritten hatte, kamen Octora und Pandor Sanh endlich am Quaralpalast an. Schon von weitem hatte der Mithrier erkannt, dass die hohe Außenmauer und die noch höhere, innere Ringmauer aus dem gleichen grauen Basalt bestanden, der die ganze Umgebung beherrschte. Die Gebäude dagegen, eine Unzahl verschachtelter Langhäuser und Türme in allen Größen und Formen, wiesen umlaufende Bänder aus dem seltenen Quaral-Kristall auf. Reines Quaral hatte die Eigenschaft, Wärme und Licht viel schneller zu speichern, als abzugeben. Je mehr sich die Steine aufheizten, desto stärker leuchteten sie von innen heraus. Auch beim Näherkommen konnte Pandor Sanh keine Fugen in den Mauern erkennen. Da diese Mauern aber nicht natürlichen Ursprungs waren, bewunderte er die Präzision, mit der die Erbauer die mächtigen Quader ineinandergefügt hatten. Octora schritt auf die Mauer zu, obwohl Pandor Sanh nirgendwo ein Tor oder einen Eingang erkennen konnte. Plötzlich öffnete sich ein dunkler Spalt am Boden der Außenmauer. Ein mindestens fünf Meter breiter und zehn Meter hoher Quader klappte langsam nach oben. Auf diese Weise entstand ein Durchgang, der es den beiden Reisenden ermöglichte, den Quaralpalast zu betreten.

Pandor Sanh sah mit Erstaunen, dass der Steinkoloss mit Hilfe von Seilzügen bewegt wurde, die ihn nun auch wieder verschlossen. Aus einem niedrigen Gebäude in der Nähe der Öffnung trat ein kleiner, älterer Mann heraus, der zuerst Octora und dann auch Pandor Sanh freundlich begrüßte.

Er begleitete sie zur inneren Ringmauer, wo etliche der riesigen Steinquader hochgezogen waren. Sie boten jetzt große Durchgänge, konnten aber im Falle eines Angriffs blitzschnell geschlossen werden. Der Fuß der inneren Mauer lag mehrere Meter höher als die äußere Mauer. Dieser Höhenunterschied wurde überbrückt durch eine breite Felsrampe, in deren Brüstungen kunstvolle Steinfiguren eingearbeitet waren. Die Gesichtszüge der Statuen wirkten nachgerade lebensecht. Pandor Sanh hatte dennoch keine Vorstellung davon, wen sie darstellten. Ihm fiel allerdings auf, dass jede der Figuren eine Kette mit einem außergewöhnlich klobigen Stein um den Hals trug.

Nach wenigen Minuten erreichten sie ein auffällig großes Gebäude hinter der inneren Mauer. Aus der Mitte des Gebäudes erhob sich ein kreisrunder Turm mit einem Spitzdach. Octora erklärte Pandor Sanh in einem nunmehr etwas freundlicheren Ton, dass in diesem Gebäude der Sitz des Verwalters sei, der sie auch in Empfang nehmen würde.

Pandor Sanh war es anfangs ziemlich unangenehm gewesen, mit einer Zogh reisen zu müssen. Dazu musste er erst einmal die Vorurteile überwinden, die er als Mithrier gegen ihr Volk hegte. Später hatte er sich mit dieser Situation abgefunden. Octora war ihm mehr oder weniger gleichgültig gewesen, wenn man einmal davon absah, dass ihre gelegentliche Überheblichkeit ihn ziemlich gestört hatte. Aber nun berührte es ihn doch einigermaßen schmerzlich, als ihm klar wurde, dass ihr plötzlich etwas freundlicherer Ton offenbar aus der Erleichterung herrührte, ihn endlich loszuwerden. In diesen Gedanken befangen betrat er den Sitz des Verwalters und verpasste dabei den Blick auf die wuchtige Zitadelle. In einiger Entfernung ragte sie hinter dem Verwaltungsgebäude wie ein Fels in der Brandung empor, mit all ihren Kuppeln und Zinnen und den großen Langhäusern mit schmalen, bogenförmigen Fenstern.

Octora geleitete Pandor Sanh durch einen großen Vorraum über eine Treppe in ein Besprechungszimmer wo sie von zwei Personen erwartet wurden. Der ältere der beiden Männer hatte auffallend strahlende, blaue Augen in einem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht. Er strahlte eine Tatkraft und Entschlossenheit aus, zu der das schranzige, blaue Ornat mit den goldenen Besätzen an den Ärmeln und die auffällige Kette mit dem protzigen Bergkristall nicht so recht passen wollten. Auch wenn das Blau seiner Augen ungewöhnlich war, verriet es seine mithrische Herkunft. Der jüngere Mann war schlicht gekleidet, von schmaler Statur und wirkte derart unauffällig, dass er wohl eher übersehen, als bemerkt wurde. Bei genauer Betrachtung lag in den grünen Augen des Gatyers aber eine für sein noch relativ jugendliches Alter erstaunliche Härte und Unbeugsamkeit. Dennoch hatte es den Anschein, dass das breite Lächeln und die Freude, mit der er die beiden Neuankömmlinge begrüßte, uneingeschränkt ehrlich waren. Als Octora ihn herzlich umarmte, musste Pandor Sanh feststellen, dass dies bei ihm ein unangenehmes Gefühl auslöste, das er sich lieber nicht eingestehen wollte.

Der ältere Mann übernahm die Vorstellung: „Ich bin der Verwalter. In dieser Position legt man seinen Namen ab. Der junge Mann hier ist Novotor. Er wird Ihnen die Burg zeigen und ein paar Dinge erklären. Ich freue mich außerordentlich, dass Sie gekommen sind.“

Daraufhin wandte sich der Verwalter Octora zu und begrüßte sie mit einem herzlichen Händedruck sowie der üblichen Frage nach dem Befinden.

„Komm mit!“ Novotor fasste Pandor Sanh freundschaftlich am Arm und führte ihn mit sanftem Druck zur Tür. „Ich bringe dich zu deinen Aufenthaltsräumen, damit du dich von den Strapazen der langen Reise erholen kannst.“

Die Pandor Sanh zugedachten Aufenthaltsräume befanden sich im westlichen Teil der Zitadelle. Als Zugang, zu dem mit einem breiten Wassergraben umschlossenen Kern der Festung diente eine heruntergelassene Zugbrücke, deren schwere Ketten an wuchtigen Granitsäulen befestigt waren. Auf dem dunklen Wasser tummelten sich Enten, Schwäne und ein paar nordische Wasservögel in friedvoller Eintracht.

Nachdem Novotor und Pandor Sanh die Zugbrücke überschritten hatten, befanden sie sich auf einer breiten Pflasterstraße. Treppen führten zu einem Rundgang im oberen Teil der Zitadelle hinauf. Novotor geleitete Pandor Sanh zu einem einladend wirkenden, flachen Gebäude, das von einem kleinen Garten umgeben war. Einem Gästehaus, wie Novotor bemerkte.

Den großzügigen Eingangsbereich des Hauses zierten üppige Pflanzen, was hier im öden und kalten Norden eine besondere Seltenheit darstellte. Die Steinplatten der Flure waren mit schweren Teppichen ausgelegt, und die Quaralbänder in den Wänden verströmten auch in der dunklen Jahreszeit ein mildes, warmes Licht.

Hinter einer roten Holztür befand sich eine anspruchsvoll ausgestattete Wohnung, die Pandor Sanh während seines Aufenthalts im Quaralpalast zur Verfügung stehen sollte. Während er noch über diesen Luxus staunte, klopfte ihm der Gatyer grinsend auf den Rücken und erklärte, dass er ihn jetzt verlassen werde. Er versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen und den Mithrier für eine Besichtigung der Festung abzuholen. Dann beschrieb er Pandor Sanh noch den Weg zum Verköstigungsraum, der den Gästen des Quaralpalasts unentgeltlich zur freien Verfügung stand.



Kapitel 3 – Die Zusammenkunft der Eisgrafen


Novotor erschien zur angekündigten Stunde, um Pandor Sanh für den Rundgang durch die Festungsanlage abzuholen. Nachdem sie ein gemeinsames Frühstück im Verköstigungsraum eingenommen hatten, führte der Gatyer seinen Gast zur Allee der Berater, die in einem gewaltigen Oval um die gesamte Zitadelle verlief. Auf der rechten Seite der Straße befanden sich überlebensgroße Statuen, die die Berater vergangener Zeiten in sitzender Haltung darstellten. Pandor Sanh fiel auf, dass sie allesamt Kapuzenmäntel trugen, sodass die Gesichter nur teilweise erkennbar waren. Anders als bei den Standbildern der Verwalter auf der Rampe zur inneren Mauer konnte er keine nennenswerten Unterschiede in den Gesichtszügen erkennen.
Novotor schien Pandor Sanhs Gedanken zu erraten.
„Der Berater ist der Schutzpatron des Nordens“, erklärte er. „Die Feinde der Nordlande sollen ihn nicht erkennen. Während der Hüter der Flammen die Freunde willkommen heißt, hat der Berater die Aufgabe, Bedrohungen zu bekämpfen. Beides ist für den Erhalt unseres Landes und unserer Freiheit gleich wichtig. Aber es braucht auch den Zusammenhalt und die Koordinierung aller Kräfte. Das ist die Aufgabe des Verwalters.“
Pandor Sanh glaubte, dass er durch diese einfache und dennoch einleuchtende Erklärung Novotors die großen Zusammenhänge verstanden hatte. Aber die drängenden Fragen, die ihn persönlich beschäftigten, waren damit noch nicht beantwortet. Deshalb nutzte er jetzt die günstige Gelegenheit und stellte Novotor all die Fragen, die er zuvor Octora nicht zu stellen gewagt hatte. Währenddessen schlenderten sie weiterhin gemächlich die breite, von Bäumen und Statuen gesäumte Allee entlang.
Novotor runzelte zunächst bei den Fragen Pandor Sanhs die Stirn. Dann legte er ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und ging mit ihm zur Brüstung an der rechten Seite der Allee. Von dort aus hatte man eine wunderbare Aussicht auf die tiefer gelegenen Gebäude der Festung im Osten und den endlosen Ozean im Norden. Auf den kristallinen Mauerteilen glitzerte noch die Feuchtigkeit, die der Morgennebel dort hinterlassen hatte. Die kolossale Zitadelle wirkte wie das unerschütterliche Sinnbild ewigen Friedens und immerwährender Pracht. Inzwischen erahnte aber auch Pandor Sanh die Vergänglichkeit eines solch trügerischen Scheins.
Novotor bemühte sich, dem Ankömmling wenigstens den Ansatz einer Erklärung auf dessen Fragen zu liefern.
„Die Eisgrafen sind Auserwählte, aber sie sind dennoch Menschen wie alle anderen auch. Bisher war es fast immer so, dass sie den alten Geschlechtern angehörten, deren Burgen sich in der Nähe der Eisbäume befinden. In Mithrien sind das Drinh, Kerdaris, Marandia, Sokut und Tanaria. Sobald ein Eisgraf berufen wird, ändert sich sein Name, und sein Leben ist nur noch einer Aufgabe gewidmet: In der uns bekannten Welt werden im Verborgenen Kriege ausgetragen, von denen wir oft nichts bemerken, die sich aber höchst bedrohlich auf uns auswirken. Den Eisgrafen kommt dabei die Aufgabe zu, die Menschen des Nordens und die Eisbäume zu beschützen. Es gibt immer höchstens neun Eisgrafen, weil es auch nur neun Eisbäume gibt. Der Berater glaubt, dass jeder Eisbaum die Fähigkeit hat, den von ihm ausgewählten Eisgraf mit einer besonderen Gabe auszustatten, die man als den „vernichtenden Blick“ bezeichnet. Das ist eine schreckliche Waffe, nämlich die Fähigkeit, allein mit Hilfe geistiger Kräfte das Gefüge von Dingen oder auch von Lebewesen völlig aufzulösen. Die Eisgrafen handeln selbständig, aber der Berater koordiniert ihre Missionen, die sie zumeist in ferne Länder führen. Das ist auch der Grund, warum du dich noch einige Tage gedulden musst. Du sollst in der Versammlung der Eisgrafen angehört werden, aber noch sind nicht alle von ihren Missionen zurück. Im Kuppelbau des Schlosses gibt es einen Saal, den nach alter Tradition nur die Eisgrafen und der Berater betreten dürfen. Nur wenn die Eisgrafen dies einstimmig beschließen, darf auch anderen Personen der Zutritt gewährt werden. Dies gilt selbst für den Hüter der Flammen und den Verwalter. Mehr kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Der Berater wird dir alles Weitere erklären.“
Novotor schwieg einen Moment. Dann fügte er hinzu: „Aber ich möchte dir noch einen gut gemeinten, freundschaftlichen Rat in einer ganz anderen Sache geben. Hier weiß jeder, dass Tritor ein Auge auf Octora geworfen hat. Tritor ist der Sohn des Herzogs der Höhlen. Er gilt als der gefährlichste und unberechenbarste aller Eisgrafen. Du solltest also die Finger von ihr lassen“.
„Ich habe sie überhaupt nicht angerührt!“, protestierte Pandor Sanh. „Sie ist eine Zogh. Auch du solltest eigentlich wissen, wie wir Mithrier zu den Zogh stehen.“
„Ich habe deinen Blick gesehen“, sagte Novotor mit breitem, entwaffnendem Grinsen.
„Dann weißt du mehr als ich“, brummelte Pandor Sanh missmutig zurück.
Nach einer kurzen Zeit des Schweigens, in der Pandor Sanh versuchte, die von Novotor erhaltenen Informationen zu ordnen, nahmen beide ihren Rundgang wieder auf und spazierten die breite Allee hoch bis zum nördlichsten Zipfel der Festungsanlage. Von dort bot sich erneut ein grandioser Ausblick. Die äußere Mauer reichte bis an die Kante des Felsens heran, auf dem der Quaralpalast errichtet war. Darunter gähnte ein schwindelerregender Abgrund. Der Fels fiel in einer nahezu lotrechten Wand mehrere hundert Meter tief bis zu einem schmalen Geröllband ab, hinter dem sich der endlose Ozean ausbreitete.
Novotor beugte sich über die Balustrade. Dabei glitt eine Kette aus der Halsöffnung seines Wollhemdes. Für einen kurzen Moment konnte Pandor Sanh den Anhänger sehen. Es war ein Metallring, der einen Kubus umschloss. Blitzschnell schob der Gatyer das Amulett unter das Hemd zurück.
*
Auch die beiden folgenden Tage verbrachte Pandor Sanh damit, gemeinsam mit Novotor die weitläufige Festungsanlage zu erkunden.
Der junge Mithrier erinnerte sich an die Statuen der Verwalter und Berater. Nirgendwo hatte er aber irgendwelche Darstellungen von Hütern der Flammen gesehen. Als er Novotor darauf ansprach, erklärte dieser, dass es vergleichbare Statuen nicht gebe. Nach einer kleinen Weile fragte der Gatyer geheimnisvoll: „Willst du die Hüter selbst sehen?“
Die Frage kam für Pandor Sanh derart überraschend, dass er sie bejahte, obgleich er ihren Sinn nicht begriff. Novotor führte ihn daraufhin zu einer kleinen, unscheinbaren Metalltür am äußeren Rand der Festung. Dort endete die mittlere Mauer am gewachsenen Felsen. Der Gatyer griff in die Tasche seiner Wolljacke, zog einen Schlüsselbund hervor und öffnete die Tür. In den dahinter befindlichen Raum fiel das Tageslicht durch eine Wandöffnung ein, welche die Erbauer der Anlage in die Felswand geschlagen und mit einem schweren Eisengitter gesichert hatten. Eine schmale Treppe führte in die Tiefe. Novotor verschloss die Tür von innen und ging voran. Da die Stufen in der Mitte stark ausgetreten und rutschig waren, mussten sich die beiden Männer beim Abstieg an einem Schiffstau festhalten, das als Handlauf seitlich in der Wand durch Stahlösen gesichert war. Gelegentlich tropfte Wasser von der Decke herab. Schweigend tasteten sich Novotor und Pandor Sanh in die Tiefe des mächtigen Berges vor, auf dem der Quaralpalast errichtet war. Die Treppe schien kein Ende nehmen zu wollen. Pandor Sanh gewann den Eindruck, dass sie sich schon tief unterhalb der Fundamente des Quaralpalasts befinden müssten. Schließlich endeten die Stufen abrupt vor einer vergitterten Tür. Durch diese betraten die beiden Männer eine stählerne Galerie in halber Höhe eines riesigen Felsendoms, dessen hintere Wände im trüben Zwielicht verschwammen.
Pandor Sanh stockte der Atem. Auf dem Boden des Gewölbes waren gläserne Särge spiralförmig angeordnet. Auch aus dieser Höhe konnte man sehen, dass in den Särgen Tote mit elfenbeinfarbenen Hosen und Hemden sowie roten Mänteln lagen. Pandor Sanh zählte achtundzwanzig Särge.
„Wir können hinunter gehen“, flüsterte Novotor und ging zum Ende der Galerie, wo eine leicht angerostete Eisenleiter mit schmalen Trittstufen hinab zum Fuß des Felsendoms führte.
Pandor Sanh fröstelte. Je tiefer sie kamen, desto kälter wurde es. Wie im eisigen Winter der Hochebenen gefror der Atem. Nachdem sie auf dem Boden der Kuppel angelangt waren, betrachtete Pandor Sanh mit andächtiger Scheu die Leichname in ihren gläsernen Sarkophagen. Es hatte den Anschein, als ob sie noch am Leben wären und nur schliefen. Jetzt erkannte der junge Mithrier auch, dass bei allen Verstorbenen in Brusthöhe das Symbol der Flammen auf die, in einem leichten Seidenglanz schimmernden, Hemden aufgenäht war. Langsam durchschritten Novotor und Pandor Sanh den Spiralkorridor zwischen den Särgen bis sie schließlich den Mittelpunkt erreichten, wo ein einzelner Sarg auf einem kleinen, erhöhten Podest stand.
„Das ist Gundur zu Drinh“, sagte Novotor leise. Seine Worte verloren sich mit einem wispernden Echo in der riesigen Halle. Pandor Sanh schaute auf das Gesicht mit den geschlossenen Augen unter den weißen Brauen. Dieses Gesicht strahlte noch im Tod Ruhe und Zufriedenheit aus.
In seine Gedanken vertieft, bemerkte Pandor Sanh nicht Novotors entsetzten Blick, der vom ersten Hüter der Flammen zu ihm und wieder zurück wanderte. Einige Augenblicke rang der Gatyer um seine Fassung. Hatte er doch gleich gewusst, dass ihn der Anblick Pandor Sanhs an irgendein Bild aus der Vergangenheit erinnerte! Aber er hatte einfach nicht vermocht, sich dieses Bild ins Gedächtnis zu rufen. Jetzt stand er direkt davor: es war diese verblüffende Ähnlichkeit mit einem Toten!
*
Am vierten Tag nach Pandor Sanhs Ankunft im Quaralpalast erklärte Novotor seinem Schützling, dass es nun endlich soweit sei. Zuerst stünde ein Besuch beim Hüter der Flammen persönlich und danach ein Treffen im Saal der Eisgrafen an.
Der Mithrier versuchte erst gar nicht, seine Aufregung zu verbergen. Ungestüm umarmte er seinen neuen Freund. Anschließend folgte er Novotor mit wachsender Ungeduld. Ihr Weg führte sie über eine geschwungene Treppenbrücke hinauf zum Portal des Hauptpalasts, wo sechs verwegen aussehende Zogh in schweren Rüstungen Wache hielten. Sie wurden teilweise verdeckt von ihren riesigen Schilden, die der Form von Pferdeköpfen nachempfunden und mit dem Emblem der Flammen versehen waren.
Die aufwändig gearbeitete Eichenholzpforte mit den silbernen Beschlägen und dem Wappen des Nordens öffnete sich wie von Geisterhand. Die Wache gab den beiden Besuchern sogleich den Weg frei.
Vor Pandor Sanh erstreckte sich eine riesige Halle. Durch Rundbogenfenster mit geschliffenen Scheiben fiel das Licht des jungen Tages ein und tanzte bunte Reigen. Novotor durchquerte mit zielsicherem Schritt die Halle und geleitete Pandor Sanh zu dem rückwärtigen Säulengang. Dort begann der Treppenaufgang zum Flammensaal. Dicke Teppiche in den Farben rot und blau verschlangen die Geräusche der Schritte. Von seinem Vater wusste Pandor Sanh, dass die althergebrachten Muster dieser Teppiche in den Familien der Weber und Knüpfer aus den Tälern des Vorgebirges über Generationen hinweg vererbt wurden.
Im Obergeschoß gelangten sie zu einer drei Meter breiten und nahezu vier Meter hohen, zweiflügeligen Rundbogentür aus geschwärzten Eichenbohlen mit bronzenen Beschlägen. Auf beiden Türflügeln loderte in einem mit Bergkristallen umrahmten Oval die Darstellung eines aus unzähligen kleinen Rubinen zusammengesetzten Feuers. Auch die vier schwerbewaffneten Posten vor der Saaltür ließen Novotor und Pandor Sanh wortlos passieren. Zögernd und unsicher betrat der Dorfjunge aus Sanh das Zentrum der Macht.
An der Stirnseite des Flammensaals befanden sich in beiden Ecken riesige Kamine aus Granit. Dazwischen prangte das in einer saalhohen Einlegearbeit gefertigte Symbol der Flammen, das auch die Flaggen der Vereinten Nordlande zierte. An den Seitenwänden flackerten Fackeln in farbenprächtigen Glashalterungen. Der aus Ornamenten unterschiedlicher Gesteinsarten zusammengesetzte Bodenbelag bildete einen beeindruckenden Kontrast zu den schlichten, weißen Wänden.
In der Mitte des Raumes stand ein großer Mann mit einem stattlichen grauen Bart und einer grauen Haarmähne. Die blauen Augen verrieten die mithrische Herkunft. Da Mithrien das mit Abstand größte und bevölkerungsreichste Nordland war, stellte es in der Regel den Hüter der Flammen. Wie die Toten in den Glassarkophagen trug der Grauhaarige einen langen, feuerroten Umhang und darunter eine elfenbeinfarbene Hose und ein gleichfarbenes Hemd. An seiner Seite hing ein breites Schwert. Der Hüter der Flammen besaß nach den geltenden Regeln als einziger Mensch die Erlaubnis, innerhalb des Flammensaals Waffen zu tragen.
Im Hintergrund kauerte die seltsamste Gestalt, der Pandor Sanh jemals begegnet war. Sie wurde von einer Aura der Bedrohlichkeit umgeben, obgleich nichts außer den rotglühenden Augen von ihr zu sehen war. Der Rest wurde von einem schwarzen Kapuzenmantel vollständig verhüllt.
Pandor Sanh hatte nicht die geringste Ahnung, wie man sich in Anwesenheit des Hüters der Flammen verhielt. Innerlich verfluchte er Octora und auch Novotor, die ihn hierauf nicht ausreichend vorbereitet hatten; aber bevor Pandor Sanh einen Entschluss fassen konnte, löste der Hüter der Flammen das Problem auf seine eigene Weise. Mit schnellen Schritten und einem breiten Lächeln im Gesicht eilte er auf den Ankömmling zu und umarmte ihn wie einen alten Freund.
„Ich freue mich, dass Ihr endlich gekommen seid, Unitor!“ Pandor Sanh erstarrte mitten in der Bewegung. Also doch eine fatale Verwechslung!
„Ich – ich – bin Pandor Sanh“, brachte er stammelnd hervor. Der Hüter der Flammen trat einen Schritt zurück, aber an seiner guten Laune schien sich nicht das Geringste geändert zu haben.
„Wer diesen Raum betritt, hat seinen Geburtsnamen längst abgelegt. Manchmal weiß er es nur noch nicht. Du bist Unitor“, verkündete er.
Pandor Sanh warf Novotor einen verzweifelten Seitenblick zu und erkannte überrascht, dass der Gatyer nicht den Hauch eines Erstaunens zeigte. Mittlerweile war die schwarze Gestalt mit den glühenden Augen unbemerkt im Hintergrund aufgestanden und ebenfalls herangekommen.
„Ja, du bist Unitor“, bestätigte eine hohle Stimme, die aus einer Gruft zu kommen schien. Die Gestalt ergriff Pandor Sanhs beide Hände und drückte sie kräftig. „Mich nennt man den „Berater“. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du gekommen bist.“
„Du wirst schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Hüter der Flammen. „Wir beide können uns später noch etwas länger unterhalten. Ich war begierig darauf, dich wenigstens kurz zu sehen. Bisher sollte dir aber erst einmal die Zeit gegeben werden, dich hier zurechtzufinden.“
Die Augen des Beraters schienen plötzlich noch intensiver zu glühen. „Gehen wir endlich!“ verlangte er ungeduldig.
Eingerahmt von Novotor und dem Mann im schwarzen Kapuzenmantel verließ Unitor den Flammensaal.
Der Saal der Eisgrafen befand sich in einem großen Kuppelbau neben dem Hauptpalast. Unitors Spannung stieg fast ins Unerträgliche, bis der Berater endlich die Tür öffnete. Es handelte sich um einen kreisrunden Raum von etwa dreißig Metern Durchmesser, in dessen Mitte ein runder Tisch und zehn Stühle standen. Der aus durchsichtigen Kristallbrocken zusammengesetzte Tisch wirkte wie ein Eisblock. Die mit blauen Polstern bezogenen Stühle erinnerten an die Farbe des nördlichen Ozeans.
Die anwesenden Personen standen in zwei Gruppen beisammen und waren in Gespräche vertieft. Als die Tür aufging, verstummten die Gespräche. Alle Augen richteten sich auf Unitor, der sich dadurch etwas gehemmt fühlte. Er zählte sieben Personen, von denen eine sofort seinen Blick bannte: zwei graue Augen fixierten ihn und in den Mundwinkeln der Frau lag ein spöttisches Lächeln – Octora! Sie stand bei einem anderen Zogh, der selbst ihre große Gestalt noch um fast einen Kopf überragte. Sein kantiges, hartes Gesicht mutete furchteinflößend an – wohl der berüchtigte Tritor, denn sonst war kein weiterer Zogh im Raum.
Außer Octora und ihrem Gesprächspartner befanden sich zwei weitere Frauen und drei Männer im Saal. Als die Tür ins Schloss fiel, blickte sich Unitor kurz um. Überrascht stellte er fest, dass Novotor immer noch hinter dem Berater stand. In dem Saal, den eigentlich nur Eisgrafen betreten durften! Oder war er als sein Begleiter zugelassen worden?
Unitor hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn nun ergriff der Berater mit seiner Grabesstimme das Wort:
„Der Krieg hat eine neue Dimension erreicht. Die Bewohner eines ganzen Dorfes sind spurlos verschwunden. Niemand Geringeres als der Hüter des Größten aller Eisbäume wird uns davon Bericht erstatten. Heißen wir ihn in unserem Kreis herzlich willkommen. Bitte, Unitor!“
Die Geste des Beraters ließ keinen Zweifel daran, dass die Aufforderung tatsächlich Pandor Sanh galt. Der Mithrier war angesichts dieser bemerkenswerten Vorstellung völlig verwirrt. Seine Verlegenheit wuchs noch, als die Anwesenden, jene sagenumwobenen Eisgrafen und Verteidiger der Nordlande, freundlichen Beifall spendeten. Selbst die beiden Zogh klatschten. Und schließlich glaubte Pandor Sanh sogar, in den Augen Octoras so etwas wie Sympathie zu erkennen.
Die gelöste Stimmung bestärkte den Mut des Mannes, der nun den Namen Unitor tragen sollte. Und so begann er seinen Bericht. Er erzählte in allen Einzelheiten seine Wahrnehmungen, wie er von der erfolglosen Jagd zurückgekehrt war und das verlassene Dorf vorgefunden hatte. Er sparte auch das Vorkommnis mit dem Attentäter nicht aus, der sich unerklärlicherweise in Luft aufgelöst hatte.
„In Staub“, warf einer der Eisgrafen an dieser Stelle ein und hob den Kopf, sodass Unitor sein Gesicht unter den langen, schwarzen Haaren sehen konnte. Und jetzt erkannte er auch ihn wieder. Es war der Mann aus der Taverne von Tharis, der ihm das Treffen mit Octora angekündigt hatte. Unitor nickte ihm ebenso aufgeregt wie freundlich zu, machte eine zustimmende Handbewegung und fuhr dann in seinem Bericht fort.
Nachdem er geendet hatte, herrschte erst einmal betretenes Schweigen. Schließlich ergriff der Berater das Wort. Unitor erwartete, dass er und Novotor jetzt verabschiedet würden.
„Hüter der großen Bäume und Wächter des Nordens! Eine unbekannte Macht bereitet einen Krieg gegen die Vereinten Nordlande vor“, verkündete der Mann mit der schwarzen Kapuze. „Es ist ein gutes Omen, dass wir in dieser schwierigen Lage endlich wieder vollzählig sind. Also lasst uns keine Zeit verlieren und die Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen. Unitor wird unsere Gemeinschaft stärken!“ Die Stimmung im Saal schien plötzlich von einer Entschlossenheit geprägt, die man nahezu körperlich fühlen konnte. Novotor legte Unitor den Arm um die Schulter. Der konnte immer noch nicht glauben, dass sein Freund aus Gatya gerade einen Eisgrafen umarmte. Schließlich gehörte er keinem der alten Geschlechter an, und der Fürst zu Drinh hatte einen Sohn.
*
Nach der Vorstellung Unitors saßen die neun Eisgrafen noch lange zusammen um den außergewöhnlichen Kristalltisch. Unitor erfuhr, dass sich jeder der Eisbäume in den Nordlanden einen Menschen erwählte, der dazu ausersehen war, ihn zu beschützen. Ein innerer Drang veranlasste den Auserwählten, seinen Baum so oft wie möglich aufzusuchen. In Mithrien standen fünf dieser majestätischen Bäume, in Gatya und Zogh jeweils zwei. Dies erklärte auch die Herkunft der Eisgrafen. Der Hüter des Größten aller Eisbäume war seit geraumer Zeit verschollen. Unitor war nun der neue Hüter, den sich der Baum ausgesucht hatte. Aber er konnte immer noch nicht begreifen, wieso der Baum entgegen der uralten Tradition nicht den Fürstensohn von Drinh erwählt hatte.
Nun erfuhr er auch zu seinem Leidwesen, dass es bis jetzt keinem der anderen Eisgrafen gelungen war, etwas über den Verbleib der verschwundenen Bewohner von Sanh in Erfahrung zu bringen. Sestor hatte nach dem Zusammentreffen in Tharis die Siedlung aufgesucht, in der Unitor als Pandor Sanh gelebte hatte. Aber auch er konnte dort keinerlei Spuren finden, die ihm irgendwelche Anhaltspunkte für den Verbleib der Bewohner hätten geben können.
Daraufhin kehrte er mit seinem schnellen Bergpferd zum Quaralpalast zurück, wo er nur zwei Tage nach Unitor eintraf. Als Unitor seine Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, erklärte ihm Sestor, was es mit den Bergpferden auf sich hatte. Abstammend von den Steppenpferden des Südens war ihre Zucht im Norden über mehrere Jahrhunderte an die speziellen Erfordernisse der kalten Gebirgsregionen angepasst worden. In der mehrere Quadratmeilen großen „Senke von Svoraven“ lebten sie frei in Herden am Fuß des Vorgebirges. Sie waren schnell und wendig, ausdauernd und schwindelfrei. Wegen der besonderen Form ihrer Hufe kamen sie auch auf felsigem Untergrund gut zurecht. Sie wurden vor allem von den Boten des Hüters der Flammen benutzt. Insgeheim standen sie aber auch für etwa notwendige Feldzüge der Vereinten Nordlande zur Verfügung. In jüngster Zeit wurden diese Pferde mit einem Material beschlagen, das der Berater durch geheime Kanäle aus Surdyrien beschafft hatte. Dieses Material verbesserte nochmals zusätzlich die Haftung der Hufe auf Felsen und nutzte sich auch bei längeren Ritten kaum ab.
Bei der Erwähnung der Minen von Surdyrien kam das Gespräch auf Senesia Sida, die Besitzerin der meisten Bergwerke. Selbst im Norden hatte jedermann von ihr gehört. Sie galt als die vermutlich schönste, auf jeden Fall aber als die reichste Frau der bekannten Welt, jedoch auch als die skrupelloseste. Sie lebte in Lumbur-Seyth, einem selbständigen Stadtstaat und größten Handelszentrum des gesamten Kontinents. Ihren außerordentlichen Wohlstand führten dessen Einwohner auf die günstige Verkehrslage am Mündungstrichter des Lumbur-Stroms zurück. Die Eisgrafen vertraten dagegen eher die Meinung, dass Gewissenlosigkeit und das Fehlen jeglicher moralischer Werte bei der Abwicklung von Geschäften diesen Wohlstand maßgeblich begünstigt hatten. Und mitten in diesem Netz aus Handel und Intrigen saß wie eine Spinne Senesia Sida, die heimliche Königin von Lumbur-Seyth. Der Berater meinte, dass sie die größte Nutznießerin eines etwaigen Krieges sein würde. Aber der wirkliche Feind verbarg sich seiner Meinung nach in Obesien.
Am frühen Abend verabschiedeten sich die Eisgrafen voneinander, weil einige von ihnen bereits am nächsten Morgen in aller Frühe wieder aufbrechen mussten. Auch Novotor hatte eine Mission zu erfüllen. Unitor ahnte nicht, dass er soeben seinen neuen Freund zum letzten Mal lebend gesehen hatte.
*
Während sich die Eisgrafen wieder in alle Winde zerstreuten, begab sich Unitor am folgenden Vormittag zu einer Unterredung beim Hüter der Flammen. Er bemerkte bald, dass das Gespräch nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen sollte und keine neuen Informationen für ihn brachte. Am Ende teilte der Hüter Unitor mit, dass er vom Berater im Saal der Eisgrafen erwartet würde.
Als sich Unitor dort einfand, saß der geheimnisvolle Mann in seinem schwarzen Mantel an dem runden Kristalltisch vor einem Stapel von Aufzeichnungen. Es handelte sich um die letzten Berichte der Eisgrafen, wie er bemerkte.
Der Berater hob den Kopf und schob den Papierstapel zur Seite. Lange ruhten seine rotglühenden Augen auf dem neuen Eisgrafen. Dann begann er zu erzählen: „Unitor, es geschehen Dinge, die den Norden bedrohen. Aber es geht nicht nur um den Norden, sondern um den gesamten Kontinent. Surdyrien ist nur noch ein Schattenstaat, der – wenn ich die Anzeichen richtig deute – von Obesien aus gelenkt wird. Früher oder später werden die Obesier auch versuchen, sich nach Süden auszubreiten. Die Länder dort sind zu schwach. Was momentan da unten geschieht, wissen wir nicht genau. Ich habe Duotora und Novotor gebeten, nach Borthul und Sindra zu reisen und sich dort umzusehen. Tritor und Sestor sind als Kaufleute getarnt in Obesien unterwegs, und Quintora konnte ich durch einen Freund in die Akademie von Modonos einschleusen. Wie ich bereits sagte: Ich bin sicher, dass in Obesien die Wurzel des Übels sitzt. Die Obesier sind Menschen wie wir, handeln jedoch ganz anders. Sie sind nicht nur außergewöhnlich kriegerisch. Geradezu unheimlich ist mir ihr gleichförmiges Massenverhalten, das mit einem Insektenstaat oder einem Fischschwarm vergleichbar ist. Ich bin ziemlich sicher, dass in Obesien eine geheimnisvolle Macht waltet, die die Menschen beeinflusst.“
Der Berater räusperte sich und schwieg einige Zeit. Auch Unitor sagte nichts. Dann fuhr die hohle Stimme fort: „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie eine solche Beeinflussung ausgeübt werden kann. Aber du musst wissen, dass es auch in Obesien Menschen gibt, die diesem Zwang nicht unterliegen. Sie werden die Priester des Wissens genannt. Man kann sie an der rötlichen Färbung ihrer Augen erkennen. Diese Priester verfügen über eine ausgeprägte Wissbegierigkeit und sind unberechenbar. Ich halte sie deshalb für noch wesentlich gefährlicher als den Machtapparat Obesiens.“
Er machte erneut eine kurze Pause, um Unitor Gelegenheit für Fragen zu geben. Aber der traf stattdessen eine Feststellung: „SIE haben rote Augen.“
„Ja, das gehört zu meiner Tarnung“, überging der Berater etwas unwirsch diesen Einwand und fuhr dann in seinen Überlegungen fort:
„Es ist doch mehr als außergewöhnlich, wenn eine unbekannte Macht eine ganze Bevölkerung zu einem bestimmten Verhalten zwingen kann und dennoch zulässt, dass sich ihr eine kleine Gruppe von Menschen widersetzt. Entweder duldet sie es bewusst, weil sie Vorteile davon hat, oder es gibt da eine Schwäche, die man vielleicht ausnutzen könnte. Du solltest es als deine Aufgabe betrachten, das herauszufinden. Es steht dir völlig frei, diese Aufgabe anzunehmen oder abzulehnen. Der Schlüssel zur Lösung – und damit meine ich auch die verschwundenen Bewohner von Sanh – liegt meines Erachtens aber nicht in Obesien, sondern in Surdyrien.“
Der Berater bemerkte Unitors verunsicherten Blick und machte ihm deshalb klar:
„Wenn du nach Surdyrien gehen willst, musst du aber vorher zumindest noch drei Dinge lernen: Den „vernichtenden Blick“ zu beherrschen, Waffen zu führen und ein Bergpferd zu reiten.“
Dieses Vorhaben erschien Unitor ziemlich anstrengend, aber zumindest überschaubarer als Octoras Aussage, dass er noch „viel“ lernen müsse.
„Ich werde nach Surdyrien gehen“, bekräftigte Unitor.
Der Berater ergriff die Karaffe, die neben dem Papierstapel auf dem Tisch stand und goss dem neuen Eisgraf ein Glas mit einer grünlichen Flüssigkeit ein.
„Kalter Limonentee des südlichen Vorgebirges“, murmelte er beiläufig.
Unitor leerte das Glas in einem Zug. Bereits einen Augenblick später schien die Welt vor seinen Augen zu verschwimmen. Er bemerkte nicht mehr, dass er seitlich vom Stuhl kippte. Währenddessen war der Berater bereits zu seinem Platz geeilt. Er fing den Körper des Eisgrafen auf bevor er auf den Boden aufschlagen konnte.
Als Unitor wieder erwachte, befand er sich in einem düsteren Gewölbe.



Kapitel 4 - Die „Gütige Frau von Oot“


Das Gebiet Obesiens beanspruchte einen großen Teil der Landfläche im Zentrum des Kontinents, hatte aber keinen Zugang zum Meer. Das Staatsgefüge des ehemals zweigeteilten Landes wurde weitgehend von militärischen Strukturen geprägt. Die Leitung des Staates oblag einem aus sieben Obesiern bestehenden „Kollektiv“.

Das zweithöchste Gremium des Landes stellte der aus elf Mitgliedern bestehende Kriegsrat dar, dem die ranghöchsten Befehlshaber der elf Heere angehörten. Obesien verfügte über sechs Landheere, die Garde von Modonos, die Schildwache, die Geheime Schar, die Äußere Armee und die Flotte. Von den sechs Landheeren befanden sich vier in Feldlagern in Nord-Obesien nahe den Städten Modonos, Tirestunom, Dunculbur und Bogogrant und zwei in Süd-Obesien in der Nähe der Städte Gladunos und Xotos.

Die Garde von Modonos bestand aus kleineren Einheiten, die für spezielle Aufträge eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu ihrem Namen waren sie in Garnisonen über das ganze Land verteilt. Die Schildwache hatte als reine Verteidigungseinheit ausschließlich Bewachungsaufgaben zu erledigen.

Die restlichen drei Armeeteile gab es offiziell überhaupt nicht. Bei der „Geheimen Schar“ war dies noch am ehesten verständlich, wie bereits der Name verriet. Sie bestand aus speziell ausgebildeten Elitekämpfern, die schwerpunktmäßig für geheime Missionen eingesetzt wurden. Der „Äußeren Armee“ gehörten alle Besatzungstruppen in fremden Ländern an, vor allem in Surdyrien. Da es aber nach der Außendarstellung Obesiens keine Unterwanderung anderer Länder gab, nur freundschaftliche Kooperation, konnte es auch keine „Äußere Armee“ geben. Den größten Anachronismus verkörperte indes die Flotte. Obesien hatte zwar einen Admiral, aber keine Schiffe. Der Admiral befand sich als Berater an Bord des Flaggschiffs der surdyrischen Seestreitkräfte. Diese aus Kriegskoggen bestehende Flotte war mit surdyrischen Matrosen bemannt und segelte unter surdyrischer Flagge; allerdings wurden die surdyrischen Mannschaften „unterstützt“ von obesischen Offizieren, und bei den Kampfverbänden an Bord handelte es sich fast ausschließlich um Obesier.

Aber es gab in Obesien auch eine Organisation, die völlig außerhalb dieser militärischen Strukturen stand. Und diese beeinflusste das Geschehen auf dem Kontinent bisweilen weitaus mehr.

*

So lange er denken konnte, war es für Telimur ein zwiespältiges Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Von Geburt an hatte er diese rötlichen Augen, das untrügliche Zeichen dafür, dass ihm die Begeisterung für Massenbewegungen und die Bereitschaft zur unterwürfigen Selbstaufopferung für das „Große Ganze“ fehlten. Menschen wie er verabscheuten sogar diese für die Masse der Obesier typischen „Tugenden“ und spielten dennoch eine Sonderrolle. Den Grund hierfür begann er erst viel später zu ahnen.

Telimur stammte aus einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt Modonos. In Obesien wurden die Kinder mit fünf Jahren den Eltern weggenommen und in öffentlichen Einrichtungen untergebracht. Dort bereitete man sie auf ihre späteren Aufgaben für das Gemeinwesen vor. Diese Grundausbildung fand für Telimur in einem kasernenartigen Gebäude in Modonos statt. Während der Grundausbildung, die bis zum dreizehnten Lebensjahr dauerte, lebte Telimur noch mit anderen „normalen“ Obesiern zusammen.

Nach dem letzten Jahr in der gemeinsamen Ausbildungsanstalt kam Telimur in die Akademie der Priester des Wissens in der Hauptstadt. Wie er schnell herausfand, hatten alle Priester des Wissens und ihre Schüler die gleiche rötliche Augenfarbe wie er, während die der anderen Obesier eher braun waren. Sodann fiel ihm auf, dass sich die Rotfärbung mit zunehmendem Alter verdunkelte. Jusmet, der alte Rektor der Akademie, besaß Augäpfel, die wie Rubine funkelten.

Die Jahre in der Akademie der Priester empfand Telimur als die schönsten in seinem bisherigen Leben. Er fühlte sich befreit von den Zwängen, die ansonsten in Obesien herrschten. Gleichzeitig konnte er sich nach Lust und Laune auf alle Wissensgebiete stürzen, deren Studium er für erstrebenswert hielt.

Mit zweiundzwanzig Jahren hatte Telimur eine so große Fertigkeit auf dem Gebiet der Pflanzenkunde entwickelt, dass das Leitungsgremium der Akademie beschloss, ihn in das Monasterium von Porigunom zu schicken. Es handelte sich dabei um das bedeutendste Forschungszentrum außerhalb von Modonos.

Porigunom lag nicht weit entfernt vom Südlichen Gürtel, einer ausgedehnten Steppenlandschaft, innerhalb der die Grenze zwischen Süd-Obesien und Oot verlief. Der Standort des Monasteriums war mit Bedacht gewählt. In einem Umkreis von einigen hundert Meilen gab es die größte Artenvielfalt des Kontinents, ferner auch zahlreiche seltene Mineralien und Erden.

Telimur stürzte sich auf seine Studien und galt bald als einer der fähigsten Pflanzenforscher. Eines Tages bekam er Besuch von Saradur, dem Sprecher der Priester des Wissens. Saradur war der Stellvertreter des sagenumwobenen Berion, des Ordensoberhaupts und angeblich größten Erfinders aller Zeiten. Kaum einer der einfachen Priester hatte Berion je gesehen. Es ging das Gerücht um, dass er sich seit langer Zeit im Norden aufhielt und nur gelegentlich nach Modonos kam, wenn äußerst wichtige Angelegenheiten einer Regelung bedurften.

Saradur trug ein Gewand in der schwarzen, dem Sprecher des Ordens vorbehaltenen, Farbe mit einem roten Kreis auf der Brust. Der Kreis symbolisierte die Zugehörigkeit zum „Inneren Zirkel“, der Elite der Priesterschaft. Saradur hatte ein strenges, scharf geschnittenes Gesicht mit schmalen Lippen, einer großen, geraden Nase und tiefen Falten, die genau wie die dunkelroten Augen auf ein hohes Alter hindeuteten. Aber in diesen Augen strahlte ein fanatischer Glanz, der auf eine außerordentliche Tatkraft schließen ließ. Seine, teilweise noch sehr dunklen Haare, durchzogen von grauen und weißen Strähnen, unterstrichen diesen zwiespältigen Eindruck, den der Ordenssprecher zwangsläufig auf andere Menschen machte.

Saradur begrüßte Telimur wie einen alten Freund. Obwohl Telimur noch nicht über eine sonderlich reichhaltige Lebenserfahrung verfügte, wusste er, dass derlei Überschwänglichkeit fast immer ihren Preis hatte.

„Mein lieber Telimur. Sie wurden mir als das größte Talent auf dem Gebiet der Pflanzenforschung beschrieben.“

„Lügner“, dachte Telimur.

„Ich bin hier, um Ihnen ein Angebot zu machen, das Sie unmöglich ausschlagen können.“

Erpresser.“

„Es wäre eine widersinnige Verschwendung, wenn ein derart talentierter junger Mensch wie Sie seine Fähigkeiten auf ein einziges Wissensgebiet beschränken würde.“

„Heuchler.“ Damit war das Bild komplett, das der junge Priester des Wissens vom Sprecher seines Ordens innerhalb von nur drei Sätzen gewonnen hatte.

Saradur sah Telimur Zustimmung heischend an. Der junge Mann aus Modonos blickte unsicher zurück und ließ die wohl selbst vom Sprecher nicht erwartete Begeisterung vermissen.

„Woran haben Sie dabei gedacht?“, fragte Telimur pflichtschuldig.

„Es gibt ein praktisches Anwendungsgebiet, das sich mit Pflanzenkunde zumindest in einem Teilbereich überschneidet, wenn nämlich pflanzliche Essenzen dazu verwendet werden, bestimmte Ziele zu erreichen.“ Saradur legte eine kurze, gewichtige Kunstpause ein. Anscheinend wollte er Telimur Gelegenheit geben, das Ergebnis zu erraten. Oder musste er erst selbst seinen ganzen Mut zusammennehmen, um es auszusprechen? Für Telimur war jedenfalls völlig rätselhaft, wovon der Sprecher sprach, bis dieser schließlich selbst bekanntgab:

„Gesprächsforschung.“ Telimurs Kinnlade klappte wie eine zu weit herausgezogene Schublade herunter. Hinter diesem ominösen Begriff verbarg sich alles, was dazu gehörte, einem anderen Menschen Geheimnisse zu entreißen, von gezielten Schmeicheleien bis zur ultimativen Folter.

Der Sprecher erkannte, dass er sofort die Gelegenheit nutzen musste, um den aufziehenden Proteststurm zu unterdrücken: „Warten Sie! Sie wissen, dass wir für die Finanzierung unserer Einrichtungen auf die Hilfe der Staatsorgane Obesiens angewiesen sind. Auch Freiheit hat ihren Preis. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als in gewissen Dingen den Wünschen des Kollektivs Rechnung zu tragen. Aber Sie sollten die Sache auch einmal von einer ganz anderen Warte betrachten, nämlich von Ihrer eigenen. Ein Priester des Wissens wird nicht damit behelligt, einfache Gesetzesbrecher zu verhören, die aus den Strukturen des Gemeinwesens ausgebrochen sind. Es geht nur um Dinge von höchster Wichtigkeit, die vielleicht alle paar Jahre einmal vorkommen. Und dann werden Sie als Erster Geheimnisse von vielleicht unschätzbarer Tragweite erfahren – möglicherweise noch vor dem Kollektiv. Sie haben damit einen Zugriff auf die Schalthebel der Macht. Ich darf Ihnen versichern, dass auch unser höchst geschätzter Ordensherr, Berion persönlich, mir aufgetragen hat, dafür zu sorgen, dass Sie diese wichtige Berufung annehmen.“ Und so wurde aus dem Pflanzenforscher Telimur gezwungenermaßen auch ein Student der Gesprächsforschung. Aber Saradur, der sich selbst für einen großartigen Strategen hielt, hatte einen schicksalhaften Fehler begangen. Er war zu sehr davon überzeugt, dass der junge Priester den Verlockungen der Macht erliegen würde.

 

*

 

Manchmal saß Telimur an den warmen Sommerabenden im südlichen Obesien auf der großen Terrasse des Monasteriums bis tief in die lauen Nächte mit Conumun zusammen, wenn Letzterer nicht gerade „wichtige Angelegenheiten“ zu erledigen hatte. Diese „wichtigen Angelegenheiten“ waren dann stets weiblicher Natur, und Conumun erledigte sie sehr gründlich. Er war ein äußerst gutaussehender Mann im besten Alter, gut zehn Jahre älter als Telimur, mit langen, dunkelblonden Haaren. Seine Haut hatte im Lauf der vielen Jahre seines Aufenthalts in Süd-Obesien eine satte Bronzetönung angenommen. Anders als die übrigen Priester, eher wie die Krieger der obesischen Armee, gefiel sich Conumun darin, seinen Körper zu stählen. Dies hatte bei den anderen Männern in Porigunom zunächst Unverständnis ausgelöst. Irgendwann fiel dann aber auch dem Letzten auf, dass Conumun ständig mit neuen Begleiterinnen aufkreuzte. In der Folge wurde es für Conumun immer schwieriger, noch einen Platz an den Gerätschaften in der Halle für körperliche Ertüchtigung zu ergattern.

Auf diese Schwierigkeiten bei der Freizeitgestaltung führte Telimur die Bitte seines Freundes zurück, ihn zu später Stunde noch in einem der Balustradenzimmer zu treffen. Diese in der zweiten Etage des Wohntrakts gelegenen Räumlichkeiten ermöglichten ungestörte Gespräche mit einem herrlichen Blick über den botanischen Park des Forschungszentrums. Auch wenn Conumuns Bitte auffallend dringlich geäußert und der Ort eher ungewöhnlich gewählt schien, befürchtete Telimur eines dieser schier endlosen Gespräche über neue Methoden zur Gewinnung von Pflanzensäften oder ähnlichem. Conumun war nämlich auch ein besessener und genialer Pflanzenforscher, was ihm bei seinem Aussehen und Lebenswandel niemand zugetraut hätte, der es nicht besser wusste.

An diesem Abend hatte Telimur aber einen völlig anderen, geradezu verstörten Conumun vor sich, in dessen Stimme sich im Laufe der Unterredung sogar eine gewisse Panik einschlich.

„Du siehst aus, als hättest du ein Treffen mit den Sieben Dämonen gehabt, Conu“, sagte Telimur besorgt, wobei er die unter sehr guten Freunden übliche Namensverkürzung verwendete.

„Teli, ich bitte dich, mir zu vergeben, weil ich dich um dieses Gespräch nicht als Freund, sondern aus Berechnung gebeten habe. Weil du der führende Gesprächsforscher des Ordens bist.“

Telimur grinste schief: „Du willst mir jetzt aber bestimmt nicht sagen, dass du die Tochter Tokons mit Semprilkraut gefügig gemacht hast. Dafür wäre ich nicht zuständig.“

Die Tochter des Rektors war ziemlich hässlich und fiel schon deshalb nicht in Conumuns Beuteschema. Vor allem aber hätte er kein Semprilkraut benötigt, wenn er dennoch die Absicht gehabt hätte, sich näher mit ihr zu beschäftigen.

Conumun, der sonst durchaus jede Art von Humor zu schätzen wusste, zeigte nicht den Anflug eines Lächelns:

„Teli, ich habe eine Entdeckung gemacht. Ich bitte dich auch um Entschuldigung dafür, dass ich dir erst jetzt davon erzähle. Aber es handelt sich um eine sehr brisante Entdeckung. Sie könnte eine weltweite Katastrophe auslösen, wenn sie in falsche Hände gelangt. Außerdem war Milomag an dieser Forschung beteiligt. Deshalb konnte ich auch nicht allein darüber entscheiden. Wir wären verpflichtet gewesen, schon die Zwischenergebnisse dem Rektor zu melden. Aber Milomag hatte Angst, dass diese Ergebnisse missbraucht werden könnten, vor allem wenn sie an das Kollektiv weitergegeben werden. Er wollte mit jemand über die Sache sprechen, der ihm vertrauenswürdig erschien. Er hat deshalb den Kontakt zu einer kleinen Gruppe von Priestern des Wissens hergestellt, die zurückgezogen in Oot leben und dort versuchen, die Lebensbedingungen der Einheimischen zu verbessern.“

„Es ist natürlich heikel, dass ihr die Ergebnisse nicht gemeldet habt. Aber ihr könntet das ja nachholen. Ich verstehe deine Aufregung immer noch nicht ganz“, versuchte Telimur, den Freund zu beschwichtigen. Dadurch wurde Conumuns Nervosität aber noch gesteigert:

„Diese Gruppe aus Oot hat zwei Abgesandte geschickt, die vor vier Tagen hier angekommen sind. Seit vorgestern habe ich Milomag nicht mehr gesehen, obwohl wir für gestern eine Verabredung mit den Abgesandten und heute noch einige Abschlussversuche für unsere Entwicklung geplant hatten. Außerdem sind alle unsere schriftlichen Aufzeichnungen verschwunden.“

Telimur schaute nachdenklich über den stillen, friedvollen Park hinter dem kleinen Gästehaus. Schließlich schlug er vor:

„Könnten wir diese Abgesandten aus Oot treffen? Wer sind sie?“

„Der Mann heißt Telodon und ist der offizielle Rektor des Monasteriums von Oot, welches dort als das „Paradies der Küste“ bezeichnet wird“, erläuterte Conumun. „Der Name der Frau ist Baradia. Sie wird die „Gütige Frau von Oot“ genannt. Sie gilt als eine Art Heilige, die in selbstlosem und unermüdlichem Einsatz den Menschen von Oot zu einem besseren Leben verhelfen will.“

Telimur hatte in der Akademie von Modonos erfahren, dass Oot nur dünn besiedelt war. Im südlichen Steppengürtel lebten die Reiterhorden der wieselflinken Mivv, in den zentralen Urwäldern die riesenhaften, schwarzen Shondo. Beide Volksgruppen standen sich einander an Wildheit in nichts nach und bekämpften sich gegenseitig. Am östlichen Küstenstreifen wohnten einige friedliebende Einwanderer aus Lokhrit, und große Teile des Landes waren gänzlich unbesiedelt.

„Ich wollte schon immer eine Heilige kennenlernen“, spottete Telimur und fing sich einen ärgerlichen Blick seines Freundes ein.

„Milomag meint, dass im Äußeren Stützpunkt von Oot überhaupt keine Forschungen mehr betrieben werden. Das scheint so eine Art Altersruhesitz zu sein“, erklärte Conumun.

„Äußere Stützpunkte“ lautete die obesische Bezeichnung für Monasterien, die die Priester des Wissens mit Billigung der Ordensleitung und des Kollektivs in fremden Ländern unterhielten. In ihrem eigenen Heimatland waren die Forschungsmöglichkeiten der Priester des Wissens schon wegen der geophysikalischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Priester als geistige Elite des Landes und Garanten des Fortschritts gingen in ihrer Selbsteinschätzung davon aus, dass sie für Obesien eine unverzichtbare Überlebensgarantie darstellten. Darin lag vermutlich der Grund, dass Ihnen nicht nur die bloße Existenz zugebilligt wurde, sondern ein für obesische Verhältnisse außergewöhnliches Maß an Freizügigkeit. Solange ihre Interessen denen der Masse nicht offensichtlich zuwiderliefen, hatte es nie Widerstände gegen ihre Projekte gegeben. Daher fühlten sich die Priester trotz ihrer in fremden Ländern unerlaubten Tätigkeiten relativ sicher. Sie wussten, dass sie notfalls durch die brachiale Militärmacht des obesischen Staatsverbundes geschützt wurden.

„Ich werde ein Treffen arrangieren“, beschloss Conumun. „Seit dem Verschwinden Milomags habe ich den Verdacht, dass wir entdeckt wurden und ich jetzt beobachtet werde. Falls mir etwas zustößt, wirst du eine Notiz an dem Ort finden, wo wir unser erstes Gespräch geführt haben. Sie wird dir den Weg zu meiner Entdeckung weisen. Andernfalls treffen wir uns morgen Abend an der kahlen Eiche hinter dem Park.“

„Wir werden uns da sehen“, versicherte Telimur dem Freund, obwohl er ein äußerst ungutes Gefühl hatte. Und das trog ihn selten.

*

Milomag lag auf dem Bett und dachte nach. Vor zwei Tagen hatte er das lange Gespräch mit Baradia und Telodon gehabt. Am Ende hatte er ihnen die schriftlichen Aufzeichnungen des Forschungsprojekts übergeben. Jetzt wusste er nicht mehr, ob seine Handlungsweise richtig war und ob sie wirklich nur auf überzeugende Argumente zurückging. Hatte nicht vielleicht doch diese Erregung maßgeblich mitgespielt, die ihn in Gegenwart Baradias immer beschlich? Das Haus befand sich in einem Außenbezirk von Xotos, einer der größten Städte Süd-Obesiens. Es kam Milomag merkwürdig vor, dass die Priester von Oot hier in unmittelbarer Nähe, gewissermaßen vor der Haustür von Porigunom, ein Anwesen besaßen. Eigentlich erschien das völlig unnötig, weil das Monasterium von Porigunom wie alle anderen großen Forschungseinrichtungen über ein schönes und geräumiges Gästehaus verfügte.

Am zweiten Tag seines Aufenthalts in Xotos waren Milomag Zweifel gekommen. Er hatte dies Baradia offen gesagt, vielleicht auch nur, weil er sie sehen wollte. Mit ihrer beruhigenden Stimme, ihrer exotisch-freundlichen Art, vielleicht aber auch mit dem tiefen Ausschnitt in ihrem gelben Gewand, der etwas mehr als nur den Ansatz ihrer üppigen weiblichen Formen erkennen ließ, hatte sie seine Zweifel beseitigt. Letztendlich hatte ihn das dann doch nicht davon abgehalten, erneut über die ganze Angelegenheit nachzudenken.

Als Milomag an diesem frühen Vormittag im Erdgeschoss des Hauses das Klirren von Gläsern hörte, schien ihm das eine willkommene Abwechslung, um seine düsteren Gedanken einige Zeit beiseite zu schieben. Er beschloss, nochmals mit Baradia und Telodon zu reden. Der Priester ging die Treppe hinunter. Die Tür zum Esszimmer war angelehnt. Drinnen unterhielten sich mehrere Personen mit gedämpften, seltsam heiseren Stimmen. Obwohl in Milomag jäh eine unerklärbare Furcht aufstieg, siegte letztlich die Neugier. Er tastete sich leise durch den finsteren Flur. In diesem Augenblick sprang die Tür zum Esszimmer auf und warf einen grellen Lichtkegel in den Korridor.

Der Priester des Wissens sah sich einem riesigen Mann mit zotteligen, schwarzen Haaren und einem schwarzen Gesicht gegenüber. Weiter hinten im Essraum standen noch zwei solcher Männer. Alle drei hielten große, silbrig schimmernde Äxte in ihren Händen.

Der Mann im Türrahmen zeigte auf Milomag und schrie etwas mit seiner heiseren Stimme, was der Priester nicht verstand. Milomag zweifelte jedoch keine Sekunde, dass etwas höchst Bedrohliches im Gange war.

Abrupt wandte er sich um und rannte zur Treppe zurück. Bei nüchterner Betrachtung hätte er erkannt, dass sie kaum als geeigneter Fluchtweg in Betracht kam. Panische Todesangst hatte jedoch sein klares Denken umnebelt. Bereits nach wenigen Stufen spürte er einen heftigen Schlag in seinem Rücken.

Mit lautem Krachen zersplitterten einige Holme des Treppengeländers. Milomag stürzte. Sein rechter Unterschenkel rumpelte mitsamt dem Fuß die Treppe hinunter, auf die sich nun ein Schwall von Blut ergoss. Schwere Äxte droschen auf den wehrlosen Priester des Wissens ein.

In einer Kakophonie des Schmerzes flüchtete das Leben aus seinem zerhackten Körper.

*

Tokon sah den Besucher nachdenklich an. Die hakenförmige Nase des Rektors von Porigunom und der widerspenstig abstehende, weiße Haarschopf erinnerten seinen Gast unwillkürlich an einen Geier. Beide Männer trugen die dunkelblauen Amtsroben mit dem roten Kreis. Dieses Symbol wies sie als Rektoren eines Monasteriums der Priester des Wissens und damit zugleich als Mitglieder des „Inneren Zirkels“ des Ordens aus.

„Wir nehmen die Charta sehr ernst“, erklärte der Besucher. „Aber ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten, ehe ich mir nicht völlig sicher war, Bruder Tokon. Wir wissen jetzt zweifelsfrei, dass Milomag und Conumun verbotene Forschungen betrieben und auch deren Ergebnisse nicht gemeldet haben. Zu Milomag ist unser Kontakt völlig abgerissen. Aber heute Abend werden wir mit Conumun zusammentreffen. Vielleicht kann er Sie zu Milomag führen.“

Tokon erhob sich und ging leicht vornübergebeugt mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zum Fenster und wieder zurück. Schließlich blieb er vor Telodon stehen.

„Ich werde ihn verhaften lassen. Haben Sie etwas dagegen, wenn dies in Ihrer Anwesenheit geschieht?“

Telodon zuckte die Schultern.

„Sie sind der Rektor dieses Monasteriums. Es ist Ihre Entscheidung, Bruder Tokon.“ Dann beschrieb er dem Rektor von Porigunom den vereinbarten Treffpunkt.

*

Telimur war ziemlich beunruhigt, nachdem er einige Minuten an der kahlen Eiche gewartet hatte. Die Dämmerung senkte sich schnell über den Park und seine Ausläufer. Langsam gewann das helle, kalte Mondlicht die Oberhand über die rötlichen Schatten und Schemen. Die verschwommenen Konturen der Bäume und Sträucher büßten ihre Farben ein, schienen aber gleichzeitig klarer und kontrastreicher zu werden. Der Weg vor Telimurs Füßen mit seinem Belag aus zerstoßenen Steinen glitzerte wie ein kleiner Bachlauf. Als Conumun endlich erschien, befand er sich in Begleitung eines Mannes, der um die fünfzig Jahre alt sein mochte und einer deutlich jüngeren, ausgesprochen hübschen Frau. Sie trug ein schlichtes, blassgelbes Gewand mit einer großen, vielfarbigen Blume auf der linken Seite ihres tiefen Ausschnitts und eine ebensolche Blume in ihrem Haar. Telimur erinnerte sich, dass es sich um eine spezielle Orchideenart, die Regenbogenorchidee, handelte. Sie gedieh in den feuchtwarmen Dschungelgebieten von Oot. Wenn sie vom Stängel getrennt wurde, verwelkte sie innerhalb kürzester Zeit, fast so schnell wie die sagenhafte Rote Mondorchidee. Dass sie konserviert werden konnte, war Telimur bisher nicht bekannt gewesen.

Das gelbe Gewand umspielte die ausgeprägt weiblichen Formen der Frau und betonte die exotische Bräune ihrer Haut. Obwohl Telimur winzige Fältchen um ihre Augen bemerkte, schätzte er sie auf höchstens vierzig Jahre. Allerdings fiel ihm auf, dass sowohl die Augen der Frau als auch die des Mannes viel zu dunkel für ihr Alter zu sein schienen.

„Das sind Baradia, die von den Menschen in Oot die „Gütige Frau“ genannt wird und Telodon, der Rektor des Monasteriums von Oot“, stellte Conumun die beiden vor. „Und das ist mein Freund Telimur.“

„Der berühmte Pflanzenexperte und Gesprächsforscher“, nickte Baradia. Als sie bei der Erwähnung des „Gesprächsforschers“ ein kurzes, verärgertes Zucken um Telimurs Mundwinkel gewahrte, sagte sie schnell: „Aber ich bin auch nicht immer nur eine gütige Frau. Wir alle müssen manchmal Härte zeigen, wenn die Verteidigung des Ordens es erfordert.“

Telimur wollte gerade etwas entgegen, als sich plötzlich aus der dunklen Silhouette eines großen Strauchs zwei Gestalten lösten und mit schnellen Schritten auf sie zu traten.

„Conumun, ich nehme Sie im Namen des Kollektivs von Obesien fest“, tönte einer der beiden Männer. Ausweislich der Krokodilembleme auf den Halbhelmen handelte es sich um Mitglieder der Schildwache von Xotos. Conumun blickte sich gehetzt um. Dabei musste er feststellen, dass auch auf der anderen Seite des Weges zwei Schildwächter hinzugetreten waren, so dass es keinen Fluchtweg gab. Der größere der beiden Männer, die sich vor Conumun aufgebaut hatten, zog umständlich ein Handeisen hervor. In Obesien wurde es dazu verwendet, Gefangenen die Bewegungsfreiheit ihrer Arme zu nehmen. Während der Schildwächter noch an dem Verschluss hantierte, ertönte von der kahlen Eiche her ein kurzes, knackendes Geräusch. Im nächsten Moment schienen die Sieben Dämonen über die Gruppe hereinzubrechen. Obwohl es sich nur um fünf Gestalten handelte, die aus dem Unterholz hervorsprangen, hatten die obesischen Schildwachen nicht den Hauch einer Möglichkeit zur Gegenwehr. Nur einem von ihnen gelang es überhaupt, sein Schwert ganz aus der Scheide zu ziehen. Bevor er es auch nur anheben konnte, war mit ungeheurer Behändigkeit ein kleiner, kahlköpfiger Mann zur Stelle, der ihm mit einem stark gekrümmten Säbel den Schwertarm glatt durchtrennte. Eine riesige Gestalt stürzte sich auf den Größten der Schildwächter und ließ den breiten, stumpfen Teil einer silbrigen Axt herabsausen. Mit einem hässlichen Geräusch wurden Helm und Kopf des Obesiers zermalmt.

Schemenhaft sah Telimur zwei kleine Männer mit Krummsäbeln umherwirbeln, während drei riesige, schwarze Kerle mit ihren Äxten die restlichen Schildwächter regelrecht zerlegten. Unterdessen packte Conumun geistesgegenwärtig die Priesterin aus Oot am Arm und verschwand mit ihr im dunklen Dickicht hinter der kahlen Eiche. Telodon rannte mit beachtlicher Geschwindigkeit den Weg, den er mit Baradia gekommen war, allein zurück. Und Telimur flüchtete in die Sträucher des Parks, nicht ohne sich nochmals umzusehen. Er zweifelte nicht daran, dass ihn die beiden kleinen Männer mit ihrer unglaublichen Schnelligkeit leicht hätten einholen können, wenn sie ihm gefolgt wären. Aber das schien ihnen die Mühe nicht wert zu sein. Einer von ihnen stand da und sah Telimur nach. Sein fransiger, feuerroter Bart hing ihm bis auf die Brust, und die dünnen Lippen in seinem bronzefarbenen Gesicht schienen vergnügt zu grinsen. Dann wandte er sich wortlos ab.

Telimur fand sich in dem ihm genauestens bekannten Gelände auch in der Düsternis gut zurecht. Er verbarg sich in einer mit Büschen bestandenen Mulde nahe einem riesigen Parkbaum. Dort wartete er still und zusammengekauert etwa zwanzig Minuten. Dann schlich er unter Aufbietung seines gesamten Mutes und aller ihm möglichen Vorsicht zurück an den Ort des Überfalls. Das Gelände war weit und breit menschenleer. Der helle Mond beleuchtete eine jetzt völlig friedliche Szenerie. Ein zertretener Mon´ghal und teilweise bereits versickerte Blutlachen waren alles, was noch an den Kampf – oder das Abschlachten, verbesserte sich Telimur in Gedanken – erinnerten.

*

Nachdem Conumun Baradia eine halbe Meile durch den Wald gezerrt hatte, widersetzte sie sich schließlich und klammerte sich mit einer Hand am Ast eines Baumes fest, sodass auch der Priester des Wissens abrupt anhalten musste.

„Wovor fliehen wir eigentlich?“ fragte sie mit einem leicht belustigten Gesichtsausdruck.

Conumun sah sie verständnislos an, offenbar unfähig auf die völlig absurde Frage eine Antwort zu geben. Hatte der Überfall sie so durcheinandergebracht, dass sie den Verstand verloren hatte? Er verstärkte den Druck auf ihren Arm und wandte sich um, entschlossen, sie von dem Ast loszureißen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Nicht einmal drei Meter entfernt stand, wie aus dem Nichts aufgetaucht, einer der kleinen, kahlköpfigen Männer mit seinem Krummsäbel. Als sich Conumun entsetzt umwandte, um in die andere Richtung zu fliehen, versperrte ihm einer der schwarzen Riesen mit seinem bluttriefenden Beil den Weg. Der Priester erstarrte. Die Welt schien vor seinen Augen zu verschwimmen und sein Herz wollte zerbersten.

„Steck’ das Ding weg, Agur! Du weißt doch, dass ich das nicht leiden kann.“ Baradias Stimme klang wie ein Messer an einem Wetzstein. Conumun fand schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Er starrte Baradia von der Seite an, während der Schwarze eilig das Beil unter seinen braunen Umhang schob.

„Entschuldigung“, murmelte er heiser. Zwischen den Büschen trat unterdessen der zweite kleine Mann hervor. Offenbar gut gelaunt stieß er mit einigen schrill gesprochenen Worten, die Conumun nicht verstand, den schwarzen Riesen zur Seite. Kurz darauf waren sie von allen Fünfen dieser fürchterlichen Bande umstellt, die die obesischen Schildwachen im Handumdrehen massakriert hatte.

„Wir können jetzt nach Xotos gehen“, sagte Baradia in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ, jedoch nach Auffassung Conumuns der Situation nicht ganz angemessen zu sein schien. Aber als sie sich umwandte und nunmehr ihn am Arm mit sich zog, folgten ihr die fünf fürchterlichen Schlächter wie brave Lämmchen.

*

Auch nach zwei Tagen in dem abgeschiedenen Haus nahe Xotos hatte Conumun die Ereignisse noch nicht vollständig verarbeitet.

Telodon war mitten in der Nacht nach dem schrecklichen Vorfall in das Haus gekommen, das die Priester von Oot vor der Nase Porigunoms besaßen. Conumun dämmerte langsam, warum Telodon und Baradia mit ihrem Gefolge nicht im Gästehaus des Monasteriums wohnten.

Ihm fiel auf, dass Baradia in den vergangenen beiden Tagen stets fröhlich war, während Telodon eher mürrisch und einsilbig wirkte. Baradia beantwortete bereitwillig viele Fragen, beispielsweise nach der Herkunft der fünf wilden Männer. Wie Conumun bereits vermutet hatte, handelte es sich bei den beiden Kleinen um Steppenmenschen und bei den drei Riesen um Dschungelmenschen aus Oot. In ihrer Heimat mussten sie unter Schwierigkeiten, die sich ein Priester des Wissens nur schwer vorstellen konnte, um das nackte Überleben kämpfen. Alle fünf waren als kleine Kinder zum Orden gekommen. Priester des Wissens hatten sie allein in der Wildnis aufgefunden und im „Paradies der Küste“ aufgenommen. Wegen ihrer besonderen Kampffertigkeiten begleiteten sie später Telodon und Baradia auf deren Reisen. Conumun sah schließlich auch allzu bereitwillig ein, dass er ohne das Einschreiten der Leibwächter aus Oot von den Schildwachen festgenommen und voraussichtlich in den Mühlen der obesischen Ignoranz zerquetscht worden wäre.

Als der gutaussehende Priester des Wissens am Morgen des dritten Tages in Xotos aufwachte, stand Baradia in einem elfenbeinfarbenen Gewand vor seinem Bett. Das Kleid war bis zum Gürtel aufgeknöpft. Sie beugte sich zu ihm hinunter. Dabei glitten ihre Finger unter seine Hose. Er glaubte zu wissen, dass sie es wollte. Dennoch zögerte er. Die Priesterin aus dem „Paradies der Küste“ umgab eine Aura, die ihm Angst einflößte. Ihr entrückter Gesichtsausdruck stärkte jedoch seinen Mut, und dann fiel ihr Kleid zu Boden. Conumun umfasste ihre Taille und zog sie zu sich ins Bett. Danach liebten sie sich stundenlang ohne Hemmungen. Wann immer er ermüdete, gelang es Baradia, ihn erneut in eine Ekstase zu versetzen, die jede körperliche Grenze zu überwinden schien.

In diesem Fieberwahn vergingen mehrere Tage. Conumun vergaß Porigunom, Telimur und das entsetzliche Gemetzel.

Eines Abends verkündete Telodon beim Essen missgelaunt, dass er nach Oot zurückkehren werde. Daraufhin entwich aus Baradias Gesicht jede Spur von Sanftmütigkeit. „Wir haben eine Aufgabe und die werden wir auch ausführen.“ Ihre Worte tönten wie das Geräusch einer Eisplatte, die der Frost über einen Felsen schiebt.

Aber Telodon war wütend und unbeeindruckt. In seiner Stimme schwang eine Drohung: „Niemand hindert dich daran, die Aufgabe allein auszuführen.“

Der Pflanzenforscher hatte nicht die geringste Vorstellung, worum es ging.

„Wie du meinst“, gab Baradia anscheinend nach. Aber als Conumun in ihre Augen sah, war er verwirrt. Stets hatte er Rot für eine warme Farbe gehalten, die Farbe des Feuers und des heißen Wüstensandes in Süd-Obesien. Aber aus den Augen Baradias war für einen Augenblick jegliche Wärme gewichen; sie funkelten kalt wie gefrorenes Wasser in der untergehenden Wintersonne.

*

Die Leibwächter waren im Untergeschoß des Hauses untergebracht, das die Priester von Oot in Xotos besaßen. Agur liebte die feuchte Dunkelheit, die ihn an den Dschungel erinnerte.

Die Steppenmenschen fühlten sich in einer solchen Umgebung weniger wohl. Über viele Jahrtausende hatten beide Rassen in Oot kaum Berührungspunkte gehabt. Dann war es in den Grenzgebieten ihrer heimatlichen Gefilde immer häufiger zu Konflikten gekommen, und es hatte sich schließlich eine dauerhafte Feindschaft entwickelt. Agur hatte man als Kind nach einem blutigen Überfall auf sein Dorf in das „Paradies der Küste“ gebracht. Dort hatte er die beiden Steppenmenschen, die ihn nun ständig begleiteten, kennen und schätzen gelernt. Nachdem ihnen die Sprache der obesischen Priester beigebracht worden war, konnten sie sich miteinander unterhalten. Dabei hatten sie nicht nur viele Gemeinsamkeiten entdeckt, sondern auch die Tatsache, dass sie als Gruppe von Kämpfern anscheinend unschlagbar waren. Nach ihrer Rekrutierung als Leibgarde Telodons wurden sie unzertrennlich.

Agur sah hinüber zu den Pritschen der beiden Mivv, die tief zu schlafen schienen. Aber er wusste, dass sie bei dem geringsten fremdartigen Geräusch hellwach sein würden. Deshalb wunderte er sich auch nicht, dass beide weiterschliefen als Telodons vertraute Stimme erklang:

„Agur, es ist soweit, wir müssen aufbrechen.“

Telodon hatte heimlich entschieden, allein mit dem Shondo nach Oot zurückzukehren. Die Aufzeichnungen Milomags und die Möglichkeiten, die sie boten, waren einfach zu verlockend. Der Zeitverlust durch die geplante Reise nach Lumbur-Seyth erschien ihm nicht gerechtfertigt, auch wenn das dringend benötigte Ilumit beschafft werden musste.

Obwohl er einen unbändigen Groll auf Baradia hegte, hatte er beschlossen, ihr eingedenk der Vergangenheit die vier anderen Leibwächter zurückzulassen. Immerhin stand ihr ein langer und gefährlicher Weg bevor, von Süd-Obesien nach Lumbur-Seyth und wieder zurück nach Oot.

Agur stand langsam auf und bemühte sich, seine Gefährten nicht aufzuwecken. Trotz seiner Körpermasse glitt der Shondo geräuschlos hinter Telodon her und verschloss die Tür des Schlafraums. Dann folgte er Telodon zu der Treppe, die ins Kellergeschoß führte. Von dort aus konnte man in den nahegelegenen Wald von Xotos gelangen. Aber das hatte Agur nicht vor.

Telodon blieb auf der obersten Treppenstufe stehen als er bemerkte, dass Agur ihm nicht folgte. Noch bevor er sich umdrehen konnte, spürte er ein kurzes, schmerzhaftes Ziehen im Nacken. Unmittelbar darauf rumpelte sein Kopf die Treppe hinunter. Agur senkte sein blutiges Beil, während der kopflose Rumpf des Rektors auf die oberste Treppenstufe sackte. Dann ergriff selbst den abgebrühten Mörder ein unheimliches Grauen. Das abgetrennte Haupt Telodons war auf dem untersten Treppenabsatz angekommen und starrte ihn aus glanzlosen Augen vorwurfsvoll an. In den fünf Sekunden jedoch, die der Kopf bis zum Ende der Treppe benötigt hatte, schien das Gesicht des Priesters um hundert Jahre gealtert zu sein. Es wirkte wie das einer Mumie aus einer längst vergangenen Zeit.

*

Am Morgen saßen Baradia und Conumun allein bei einem späten Frühstück zusammen. Der Priester des Wissens hatte all seinen Charme und die erprobte Ausdauer seines für die Tröstung untröstlicher Frauen wichtigsten Körperteils aufgeboten, um die offensichtlich verärgerte Baradia die Auseinandersetzung mit Telodon vergessen zu machen. Ihr Ärger saß aber so tief, dass es Conumun erst in den frühen Morgenstunden gelang, ihn zu überwinden. Danach waren beide glücklich eingeschlummert. Dem Priester erschien nach dieser harten Schlacht gegen die Unbilden menschlicher Gefühle selbst ein spätes Frühstück zu früh. Dennoch kämpfte er tapfer gegen die Schwerkraft seiner Augenlider an, zumal er es genoss, ohne die störende Anwesenheit Telodons allein mit Baradia zu tafeln.

„Wo ist Telodon?“, erkundigte er sich beiläufig nach der zweiten Scheibe eines aus Tarsmehl gebackenen, mit Lintholfett bestrichenen Brotes.

„Nach Oot abgereist“, grummelte Baradia, während sie genussvoll auf einer der reifen, dunkelblauen Zontfrüchte herumkaute, die hier in Süd-Obesien besonders schmackhaft waren. „Aber er hatte wohl recht. Sicherlich ist es besser, wenn ich den Auftrag allein ausführe. Vielleicht hilfst du mir ja dabei.“

„Was hast du mir zu bieten, wenn ich mit dir mitkomme?“, fragte Conumun scherzhaft.

Baradia musterte ihn abschätzend mit ihren dunkelroten Augen: „Die Erfahrung eines wilden Lebens. Hast du es nicht bemerkt?“

„Wie alt bist du eigentlich?“ Es sollte nur eine kleine Stichelei sein, über die sich jede Frau ärgert. Conumun erwartete keine Antwort.

Baradia lehnte sich in ihrem Sessel zurück und sah ihn eine Zeitlang schweigend an.

„Einhundertundzweiundsechzig Jahre, wenn ich mich recht erinnere.“ Dabei lächelte sie. Aber das war nicht das Lächeln einer Frau, die gerade einen Scherz gemacht hat.

Conumuns Mund stand offen und der Rest des Tarsbrots in seiner Hand blieb auf halbem Weg zu seinem Bestimmungsort in der Luft hängen. Er hatte ihren Gesichtsausdruck richtig gedeutet, während er in ihre eigentlich viel zu dunklen Augen schaute. Und sie fügte hinzu: „Das war jetzt auch die passende Antwort auf die Frage, welchen Nutzen es für dich hätte, wenn du mit mir mitkommst. Das könnte auch für dich eine lebensverlängernde Wirkung haben.“

 


Kapitel 5 – Der Weg durch die Höhlen


Nie zuvor hatte Octora den Berater in einer derartigen Gemütsverfassung gesehen. Er wand sich unter ihrem zornigen Blick wie eine Schlange, rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und spielte sinnlos mit verschiedenen Utensilien, die auf der Arbeitsplatte seines Schreibtischs lagen.

„Das war ein Angriff auf einen Eisgrafen“, wiederholte sie wütend.

„Ich weiß“, versuchte der Berater, sie zu beruhigen. „Und wir werden ihn auch noch belügen müssen. Es gibt einen dunklen Punkt in Unitors Herkunft. Wenn er das herausfindet, wird er sich möglicherweise gegen uns wenden. Und er wird es früher oder später herausfinden. Mehr darf ich dazu nicht sagen.“

Octora blieb jedoch hartnäckig: „Ich habe ihn einigermaßen kennengelernt. Er ist vielleicht tapsig und seinen Aufgaben längst noch nicht gewachsen. Aber er ist kein schlechter Mensch und er wird sich nicht gegen uns stellen.“

„Octora“, beschwor sie der Mann mit den glühenden Augen eindringlich und breitete in einer beschwörenden Geste seine Arme aus. „Der Norden ist der Fels in der Brandung. Bisher haben wir unseren Feinden standhalten können. Ich weiß nicht, wie lange das noch der Fall sein wird. Aber gegen einen Feind von innen, der zudem auch noch alle unsere Geheimnisse kennt, wären wir schutzlos. Er könnte uns alle vernichten. Wir dürfen nicht das geringste Risiko eingehen. Auch du könntest das nicht verantworten.“

Octora verzog das Gesicht. Sie war nicht überzeugt.

 „Was ist das für ein dunkler Punkt?“, wollte sie wissen.

Der Berater wand sich erneut vor Verlegenheit. Dann richtete er sich schließlich auf und erklärte mit seiner dumpfen Stimme: „Nennen wir es eine Manipulation, die von einer gefährlichen Macht verübt wurde. Ich habe dabei geholfen, sie zu vertuschen. Es schien mir damals im Interesse des Nordens zu sein. Bitte begnüge dich vorläufig mit dieser Auskunft. Du wirst irgendwann die ganze Wahrheit erfahren. Und dann können wir nur hoffen, dass es nicht zu einer schrecklichen und folgenschweren Auseinandersetzung kommt.“

Wortlos drehte sich Octora um und ging. Die Art und Weise wie sie die Tür zuschlug, zeigte dem Berater, dass sie mit seiner Handhabung und auch mit seinen Erklärungen nicht zufrieden war. Wenngleich er es nicht zugeben konnte, hegte er selbst Zweifel ob er den richtigen Weg beschritt.

Die Fehler der Vergangenheit hatten ihn endgültig eingeholt, und jetzt begannen sie, sich zu rächen. Die „gefährliche Macht“, die dafür die Verantwortung trug, war er selbst.

 

*

 

Unitors Augen benötigten eine Weile, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen, das in dem Gewölbe herrschte. Er fühlte sich schwach und schwindlig. Vor der Liegestatt, auf der er aufgewacht war, standen ein lederbezogener Stuhl und ein kleiner Tisch. Sonst befanden sich keinerlei Einrichtungsgegenstände in dem Raum.

Noch bevor er sich von seinem Bett erheben konnte, betrat ein untersetzter, älterer Mann mit freundlichem Gesicht den Raum durch die einzige Tür. Ein schütterer, grauer Haarkranz umrahmte den kahlen Teil seines Kopfes, und die grünen Augen verrieten, dass er aus Gatya stammte.

„Es ist doch nicht zu glauben, dass die Menschen immer dann aufwachen, wenn ich mal kurz weg bin“, sagte der Mann gutmütig während er sich Unitor näherte. Nur die besorgt klingende Stimme hielt Unitor davon ab, sich gleich auf ihn zu stürzen.

„Wo bin ich hier?“ In Unitors Stimme schwang eine nicht zu überhörende Drohung mit. Erst jetzt bemerkte er, dass der Mann ein Glas mit einer Flüssigkeit in der Hand hielt.

„Ich werde das nicht trinken!“ erklärte Unitor kategorisch.

„Dies ist ein Kellerraum im Quaralpalast“, sagte der Mann und ignorierte die Weigerung. „Wenn Sie das getrunken haben, werde ich Sie zum Berater bringen. Der Weg zu diesem Gewölbe, in dem wir uns nun befinden, führt durch einen gesicherten Geheimgang. Da es dem Erbauer dieses Ganges offenbar nicht ausgeschlossen erschien, dass auch ein Eisgraf Verrat begehen könnte, gibt es eine Vorrichtung, die auf Gehirnschwingungen reagiert. Deshalb musste der Berater Sie betäuben, um Sie hierher zu bringen. Wenn Sie das hier trinken, werden Sie sich gleich besser fühlen. Es ist ein milder Aufbautee mit Fruchtzusatz, der belebende Wirkung hat.“ Der freundliche Mann nahm nun selbst einen Schluck aus dem Glas und hielt es Unitor erneut hin. Als der Eisgraf aufstehen wollte, wurde ihm so schwindlig, dass er sich gegen die Wand lehnen musste. In seinem Kopf schwirrte es wie in einem Bienenstock. Unentschlossen nahm er das Glas entgegen und schwenkte es. Schließlich gab er seinen Widerstand auf und trank. Tatsächlich fühlte er sich wesentlich besser, nachdem er das Getränk zu sich genommen hatte.

Die einzige Tür des Raums führte auf einen schmalen, mit Fackeln spärlich beleuchteten Gang, von dem einige weitere Türen abzweigten. Der ältere Mann öffnete eine davon, und Unitor betrat ein schmuckloses Besprechungszimmer, wo der Berater hinter einem einfachen Schreibtisch saß.

„Wieso haben Sie mich betäubt, ohne mich vorher zu fragen?“, polterte Unitor los.

Der Mann mit dem Kapuzenmantel deutete jedoch in aller Ruhe auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

„Kein Grund zur Aufregung, Unitor. Ich werde jetzt alle deine Fragen beantworten. Aber vorher will ich dir erklären, warum du überhaupt hier bist.“

Nachdem sich Unitor widerwillig gesetzt hatte, fuhr der Berater fort: „Gedanken kann man nicht sehen, aber es gibt sie trotzdem. Wenn man eine Kerze entzündet, spendet sie uns Licht und Wärme. Die Wärme kann man auch nicht sehen, ebensowenig das Licht. Sehen können wir nur die Dinge, die uns das Licht offenbart. Aber dennoch haben Licht und Wärme einen Einfluss auf das Gefüge der Welt. Du merkst das, wenn du deinen Finger in die Nähe der Flamme hältst. Gedanken funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie Licht und Wärme; es sind unsichtbare Schwingungen, die das Gehirn aussendet. Für Licht und Wärme und auch für Worte besitzen wir bestimmte Sinnesorgane, um sie wahrzunehmen. Für die Wahrnehmung von Gedanken anderer Menschen fehlt uns aber ein solches Sinnesorgan. Deshalb bleiben sie uns verborgen. Das ändert aber nichts daran, dass auch Gedanken auf das Gefüge der Welt einwirken. Eisgrafen haben die Fähigkeit, in bedrohlichen Situationen die Kraft ihres Geistes ungemein steigern zu können. Diese Kraft hat dann Auswirkungen auf Materie und kann diese zerstören, so wie man beispielsweise auch mit Hitze oder außergewöhnlichen Tönen bestimmte Dinge zerstören kann. Die Menschen nennen diese Gabe der Eisgrafen bekanntlich den „vernichtenden Blick“. Wir nehmen an, dass der häufige Aufenthalt eines Menschen in der Nähe eines Eisbaums diese Fähigkeit auslöst. Vielleicht werden ja die Eisbäume wirklich von den Seelen Verstorbener bewohnt, und der „vernichtende Blick“ ist ihr Geschenk an den Eisgrafen, der sie beschützen soll. Aber merkwürdigerweise haben außer den Eisgrafen auch Menschen aus Obesien die Fähigkeit, verstärkte Schwingungen zu spüren.“

Der Berater goss sich eine Tasse Tee ein, trank davon, lächelte, goss Unitor eine zweite Tasse ein und schob sie ihm hin. Dann fuhr er fort:

„Der Kodex der Eisgrafen schreibt vor, dass die zerstörerische Wirkung der Schwingungen auf Lebewesen nur angewendet werden darf, wenn Lebensgefahr für einen Menschen besteht. Deshalb ist es enorm wichtig, dass du als Erstes lernst, diese Fähigkeit zu beherrschen. Dafür gibt es keine Anleitung. Du musst das selbst so lange üben, bis du den „vernichtenden Blick“ zu jeder beliebigen Zeit kraft deines Willens einsetzen kannst. Das mildere, aber eigentlich viel öfter benötigte Mittel zur Verteidigung sind Waffen. Da du in unübersichtlichen Situationen den „vernichtenden Blick“ nicht einsetzen kannst, solltest du auch mit den wichtigsten Waffenarten umgehen können. Da bekommst du den besten Lehrmeister, den der Norden zu bieten hat. Leider haben wir nur sehr wenig Zeit. Deshalb müssen wir außer der Selbstverteidigung und dem Reitunterricht alle anderen Dinge, wie beispielsweise eine Grundausbildung in den Wissenschaften, bedauerlicherweise aufschieben bis du von deinem ersten Einsatz zurück bist.“

Unitor hatte aufmerksam zugehört. Nachdem der Berater geendet hatte, erinnerte er, ohne den Tee angerührt zu haben: „Eine Frage ist noch nicht beantwortet.“

„Ich weiß“, gab der schwarz gekleidete Mann zu. „Ich hatte gehofft, du würdest mir einfach vertrauen.“

„Das war vor dem Betäubungstrank“, stellte Unitor klar.

„Manden-Gatas hat dir sicherlich erklärt, warum du überhaupt betäubt wurdest“, vermutete der Berater. „Wenn du das vorher gewusst hättest, hätte sich dein Unterbewusstsein gegen die Betäubung aufgelehnt. Dann wären wahrscheinlich deine Gehirnströme so stark gewesen, dass du trotzdem von den Abwehrvorrichtungen erkannt worden wärst. Dieses Risiko konnte ich in deinem eigenen Interesse nicht eingehen.“ Diese Erklärung leuchtete Unitor halbwegs ein. Er trank seinen Tee, obwohl der inzwischen nur noch lauwarm war. Und dieses Mal kippte er tatsächlich nicht vom Stuhl.

Der Berater stand auf und bat ihn mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.

Am gegenüberliegenden Ende des Korridors befand sich eine schwere Eichentür mit Eisenbeschlägen. Nachdem der Berater sie geöffnet hatte, gab sie den Blick in einen hallenartigen Gewölberaum frei. Ringsum standen Rüstungen, und an den Wänden hingen überall Waffen, wohl Hunderte. Unitor sah sich fasziniert um und ging langsam in Richtung der Mitte des Gewölbes. Plötzlich schrillte ein gellender Pfiff wie ein Peitschenknall durch den Raum.

Während der Mithrier herumfuhr, ertönte eine volle, ihm nur allzu bekannte, weibliche Stimme: „Erste Lektion: Immer hinter der geöffneten Tür nachsehen!“

Während sie noch sprach, warf Octora ihm schon ein langes Schwert zu. Unitor war zu überrascht, um es noch rechtzeitig auffangen zu können. Laut scheppernd schlug es auf den Boden auf.

„Zweite Lektion: Immer wach sein. Eisgrafen sind keine Schlafwandler!“ Als ihre klare Stimme durch das weite Gewölbe hallte, klang dies wie ein Weckruf.

Aber Unitor hatte seine Verwunderung immer noch nicht überwunden: „Octora?“

„Ja, das ist mein Name“, höhnte sie. „Wenigstens ist dein Gedächtnis nicht ganz so schlecht wie deine Reaktionen.“

Dann wandte sie sich an den Berater: „Den werde ich wohl einfach nicht los, oder?“

Mit seiner dumpfen Stimme, die in diesem Fall etwas milder klang und wohl eine Art von Entschuldigung ausdrücken sollte, sagte er zu Unitor:

„Es war ein glücklicher Zufall, dass Octora zurzeit keinen Auftrag hat. Sie ist das Allerbeste, was wir in punkto Kampftechnik zu bieten haben“. Und murmelnd fügte er nur für sich selbst hinzu: „Ein glücklicher Zufall für die ganze Welt solange sie keinen Auftrag bekommt.“

Der junge Mithrier hatte seine erste Überraschung überwunden und hob verlegen das Schwert vom Boden auf. Er hasste es, ausgerechnet in Octoras Gegenwart immer wie ein Versager zu erscheinen.

*

Während Unitor mit seinen persönlichen Übungen den „vernichtenden Blick“ in kürzester Zeit außergewöhnlich gut zu beherrschen gelernt hatte, waren die Trainingseinheiten mit Octora im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternd. Nach vielen Zweikämpfen mit dem Schwert kam er zu der Einsicht, dass er selbst bei dauernder Übung wohl auch in den nächsten hundert Jahren noch nicht in der Lage sein würde, einen Kampf gegen sie zu bestehen.

In ihrer direkten und schonungslosen Art bestätigte sie seine Vermutung: „Du lernst das nie! Wir müssen etwas anderes versuchen.“

Wenngleich sich diese Einschätzung in der Sache mit seiner eigenen deckte, fühlte er sich gekränkt. Die Zogh waren eben doch ein grobschlächtiges Volk, das die mangelnde Feinfühligkeit des Geistes mit Waffen aus Stahl ausgleichen musste.

Unitor hatte sich zu früh gefreut, dass die Übungen mit dem Schwert vorerst beendet waren. Der Krummsäbel, den Octora ihm anschließend gab, lag angenehm leicht in seiner Hand. Dennoch wusste er nicht so recht, weshalb er sich damit abplagen sollte. Octora erklärte ihm, dass diese leichte Waffe in einem engen Kampfgetümmel weniger hinderlich sein konnte als ein Langschwert. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, dass die Waffengänge mit Octora stets auf deprimierende Weise endeten. Sogar die klobige Axt, wie sie bei den Dschungelmenschen von Oot gebräuchlich war, führte Octora mit einer Leichtigkeit und Geschicklichkeit, die Unitor selbst bei einer derart stattlichen Frau nicht vermutet hätte. Er selbst hatte dagegen die größten Schwierigkeiten, den handlichen Säbel und erst recht das schwere Beil zu führen.

 

Nach zwei Wochen erklärte Octora mit einem falschen Strahlen, dass sie nun endlich die richtige Waffe für ihren Schüler gefunden hätte. Als sie sie hinter ihrem Rücken hervorholte, erschrak Unitor. Es schien das gleiche Gerät zu sein, mit dem ihm der Angreifer in Sanh aufgelauert hatte, wenn auch etwas größer. Als er Octora darauf hinwies, entgegnete sie:

„Du hattest das im Saal der Eisgrafen erwähnt. Aber das hier ist eine Weiterentwicklung, die der Berater für ein Vermögen von dieser Schlange aus Lumbur-Seyth beschafft hat.“

„Von der Spinne?“, vergewisserte sich Unitor.

„Auch gut“, bestätigte sie. „Jetzt pass mal auf!“

Die Eisgräfin aus Zogh hob das Gerät, betätigte den Abzug und führte eine kreisende Bewegung mit dem Arm aus. Der Stiftlader ratterte los, während fast gleichzeitig auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes Metallpfeile in rasender Folge kreisförmig in eine Zieltafel aus Holz einschlugen. Unitor war fasziniert. Als Octora ihm die Waffe aushändigte, schaffte sie es nicht, ein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken.

Unitor hatte es bemerkt: „Was ist? Hast du irgendeine Teufelei angestellt?“ Wieder grinste sie unverschämt: „Das ist ja wohl bei dir nicht nötig.“

Er bedachte sie mit einem giftigen Blick, riss ihr den Stiftlader aus der Hand, richtete ihn auf die Zielwand und betätigte den Abzug. Als der Rückstoß die Waffe hochriss, konnte Unitor sie nur noch mit Mühe festhalten. Aber er konnte nicht verhindern, dass die Metallpfeile in die Steinwand weit oberhalb der Zieltafel einschlugen und dann auf den Boden prasselten, so dass der ganze Raum in ein metallisches Gelächter auszubrechen schien.

„Habe ich es doch gewusst“, bestätigte sich Octora mit etwas übertriebener Heiterkeit.

Zornig warf Unitor das Gerät auf den Steinboden und stapfte wortlos aus dem Gewölberaum.

*

In dieser Nacht konnte Unitor nicht schlafen. Es machte ihn regelrecht krank, dass er sich immer wieder vor Octora blamierte, obwohl sie ihm ja eigentlich völlig gleichgültig war. Kurz überlegte er sogar, ob er sie hasste. Aber nein, das wäre ja ungerecht. Im Grunde genommen handelte es sich bei den Zogh um bedauernswert unzivilisierte Geschöpfe, die allenfalls Mitleid erregen konnten. Aber hassen konnte man sie nicht.

Nachdem er ohnehin nicht einschlief, beschloss der Mithrier, sich noch ein wenig in den tiefen Kellern des Quaralpalasts umzusehen. Das Rätsel der geheimen Kontrollvorrichtungen hatte ihn seit der Erwähnung durch den alten Gatyer bei seinem Aufwachen nicht mehr losgelassen. Wehmütig dachte er an Novotor. Es wäre jetzt gut, einen Freund zu haben, mit dem man eine solche Anlage erkunden und auch die eigenen Probleme besprechen könnte. Aber leider war ihm das nicht vergönnt.

Unitor bewohnte eines der Zimmer auf der linken Seite des Ganges. Es entsprach offenbar einem gewissen Muster, dass die Unterkünfte links und die Arbeitsräume rechts untergebracht waren. Nach kurzer Überlegung entschied er sich dafür, die Türen auf der rechten Seite auszukundschaften. Bei den Türen auf der linken Seite hätte er womöglich riskiert, die Schlafgemächer Octoras oder des Beraters zu öffnen.

Nachdem er vier ebenso unverschlossene wie langweilige Arbeits- und Besprechungszimmer geöffnet hatte, wollte er bereits aufgeben und wieder zu Bett gehen. Dann aber kam er an eine Tür, die sich nicht öffnen ließ. Den Gedanken, Brachialgewalt anzuwenden, verwarf er sofort wieder. Es erschien immerhin denkbar, dass es doch kein bestimmtes Muster für die Raumverteilung gab, und irgendjemand in diesem Zimmer wohnte. Unitor wollte sich gar nicht ausmalen, was alles geschehen könnte, wenn er mitten in der Nacht mit gewaltigem Lärm Octoras Schlafzimmertür aufbrechen würde.

Dann kam ihm ein Gedanke, den er jederzeit würde rechtfertigen können. Er befand sich immer noch in der Ausbildung, und das absolut Wichtigste dabei war, die vollständige Kontrolle über den „vernichtenden Blick“ zu erlangen. Unitor fixierte das Türschloss und grenzte die Einwirkung der Schwingungen auf wenige Zentimeter ein. Kurz waberte eine kleine Blase unterhalb des Türgriffs, dann gähnte dort ein Loch. Als Unitor erneut die Tür berührte, öffnete sie sich, ohne dass er den Griff betätigen musste. Hinter der Tür lag kein Raum, sondern der Beginn eines schmalen Ganges, der sich in der Dunkelheit verlor. Unitor betrat ihn ohne zu zögern. Er tastete sich einige Zeit an den Wänden entlang. Nach einer geraumen Weile fielen durch kleine Risse und Löcher in der Felsdecke gelegentlich Lichtreflexe ein, die den schmalen Stollen in gespenstische Nebel tauchten. Sie ermöglichten Unitor wenigstens ansatzweise eine Orientierung. Da der Gang schnurgerade verlief, kam er recht schnell voran, marschierte aber dennoch weit mehr als eine Stunde. Schließlich erreichte er eine Stelle, wo sich der enge Tunnel in einem leichten Anstieg fortsetzte. Nach wenigen Schritten ging die Rampe in eine kurze, steile Treppe über, die an einer Tür aus dicken Holzbohlen endete. Die Tür verfügte zwar nicht über ein Schloss, war aber mit einem Riegel gesichert. Da dieser starke Verrostungen aufwies, konnte Unitor ihn nicht einmal um Haaresbreite bewegen. Er zog jedoch keine Sekunde in Erwägung, an dieser Stelle aufzugeben. Also richtete er den „vernichtenden Blick“ gegen den Riegel. Das Metall löste sich in einer flimmernden Blase auf. Krachend schlug die Tür zu Boden. Die so entstandene Öffnung gab den Zugang zu einem kleinen, dunklen Raum frei. Unitor konnte erkennen, dass er auf der gegenüberliegenden Seite mit einer Felsplatte verschlossen war. Durch schmale seitliche Spalten drang diffuses Licht ein.

In einer Ecke des Raumes entdeckte der Eisgraf eine dicke Metallstange, die offenbar als Hebel zum Verschieben der Platte dienen sollte. Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihm, die Felsplatte zur Seite zu schieben und einen Durchgang zu schaffen. Dieser erlaubt es ihm, den unterirdischen Gang zu verlassen.

Als Unitor ins Freie hinaustrat, umgab ihn das milde Leuchten einer nördlichen Sommernacht. Während dieser Jahreszeit versank im hohen Norden die Sonne immer nur für kurze Zeit hinter dem Horizont. In den meisten Stunden der Nacht herrschte ein bleiches, verschwommenes Zwielicht, das die Landschaft mit geisterhaften Schatten erfüllte.

Der Mithrier stand auf einer Bergkuppe. Dabei handelte es sich um die einzige Erhebung weit und breit in einer nach drei Seiten nahezu brettebenen Felslandschaft. Dann erspähte er im Norden eine weitere Anhöhe, die jedoch nicht natürlichen Ursprungs war: eine flache Befestigungsanlage, bei der die Außenwände der Gebäude gleichzeitig eine durchgängige Schutzmauer bildeten. Aufgrund der Entfernung der Anlage und der Richtung des Gangverlaufs erfasste Unitor sofort, dass er von dort gekommen sein musste.

Aber das war nicht der Quaralpalast!

Der wolkenverhangene Himmel hielt das dunstige, rötliche Licht der nördlichen Mitternachtssonne nicht vollständig zurück. Deshalb erkannte Unitor riesige, zerklüftete Gebirgszüge, die die Ebene von Norden nach Süden begrenzten: das Aralt-Gebirge.

Dann aber traf ihn die plötzliche Erkenntnis wie ein Schlag. Unter Berücksichtigung des Sonnenstandes befand sich das Aralt-Gebirge von seinem Standort aus im Westen. Es hätte aber im Osten sein müssen! Wenn das Aralt-Gebirge im Westen aufragte, konnte er sich nicht mehr in Mithrien befinden. Stattdessen war er irgendwo in Zogh! Unitor ließ sich auf den Boden sinken und sah resigniert hinüber zu den majestätischen Bergen. Was hatte das alles zu bedeuten? Er versuchte, einen Sinn in das Durcheinander seiner Gedanken zu bringen, aber das gelang ihm nicht. Und so saß er den Rest der Nacht auf dem Hügel und überlegte, was er nun tun sollte.

Das Morgengrauen enthüllte eine ausgedehnte, nur hie und da von spärlichem Bewuchs unterbrochene Granitebene, die rundum bis an den Horizont reichte und nur im Westen von den nahen Bergen begrenzt wurde. Nun konnte Unitor auch die festungsartige Anlage besser erkennen, die aus dem gleichen dunkelgrauen Gestein bestand und mit ihrer Umgebung zu verschmelzen schien. 

Der verwirrte Mithrier beschloss, dass er genug gesehen hatte. Er erhob sich und trat den Rückweg an. In seine Verunsicherung mischte sich der Zorn darüber, dass er erneut belogen worden war. Er würde sich Klarheit verschaffen! Noch hatte er keine Entscheidung darüber getroffen, ob er sofort den Berater zur Rede stellen oder erst einmal Octora befragen sollte. Schließlich rang er sich dazu durch, zuerst die Eisgräfin aufzusuchen.

 

Obwohl der Rückweg fast zwei Stunden dauerte, war es noch sehr früh am Morgen als Unitor endlich an Octoras Tür anlangte. Seine Erregung hatte einen Punkt erreicht, der ihn seinen ursprünglichen Vorsatz angemessener Zurückhaltung vergessen ließ. Das Klopfen geriet eher zu einem Hämmern. Octora riss sichtlich ungehalten die Tür auf. Sie war nur mit einem leichten Schlafgewand bekleidet und holte tief Luft, um Unitor anzublaffen. Dann aber bemerkte sie seinen Gesichtsausdruck.

„Bei den Sieben Dämonen, hast du ein Gespenst gesehen oder was?“ fragte sie. 

„Darf ich reinkommen?“, bat er.

Zögernd trat Octora zurück, gab ihm den Weg frei und schloss die Tür hinter ihm.

„Wo sind wir hier?“, wollte Unitor wissen.

Octora sah ihn verständnislos an: „In meinem Zimmer, soweit ich das beurteilen kann.“

Unitor winkte ungeduldig ab: „Nein, das meine ich nicht. Das hier ist nicht der Quaralpalast.“

Octora setzte sich und warf ihm einen prüfenden Blick zu: „Wie kommst du denn darauf?“

„Ich kann es dir beweisen“, beharrte er.

„Es genügt, wenn du es mir erzählst“, gab sie etwas mürrisch zurück. Und so berichtete Unitor Octora von seinen Entdeckungen der letzten Nacht. Als er geendet hatte, sah er sie erwartungsvoll an. Aber Octora wäre nicht Octora gewesen, wenn sie auch nur ein einziges Mal seinen Erwartungen entsprechend reagiert hätte. Sie schaute ihm lange in die Augen, schüttelte schließlich den Kopf und murmelte verdrießlich:

„Du machst immer nur Schwierigkeiten.“

Unitor starrte fassungslos zurück: „Ich – mache – Schwierigkeiten?“ Er sprang hoch. „Ich werde jetzt zum Berater gehen und ihn zur Rede stellen.“

Octora ergriff ihn am Handgelenk und zog ihn sanft auf seinen Stuhl zurück. 

„Bitte, warte!“ Zuerst widersetzte er sich dieser Aufforderung. Aber der zarte Druck von Octoras Hand übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Vielleicht war es wirklich besser, wenn er sich entspannte, anstatt wie eine Furie in das Arbeitszimmer des Beraters zu platzen. Und einmal mehr hielt Octora eine Überraschung für ihn bereit:

„Ich weiß, wo wir hier sind. Ich bin die Einzige außer Manden-Gatas und dem Berater, die diesen Ort wirklich kennt. Es ist ein ehemaliges Monasterium obesischer Priester des Wissens, das vor einhundertundfünfzig Jahren von Königin Usuldura erobert wurde. Als wir festgestellt haben, dass hier Fäden des Schicksals aus vergangener Zeit erneut zusammengelaufen sind, haben wir diese vergessene Festung mit der Erlaubnis Königin Arthanias wieder hergerichtet. Dass du nicht wissen solltest, wo du bist, hat vor allem einen Grund: Dieses Wissen kann tödlich sein, nicht nur für dich, sondern auch für die Nordlande. Eisgrafen sind oft in fremden Ländern mit gefährlichen Aufträgen unterwegs. Dort gibt es allerlei Möglichkeiten, um selbst ihnen geheimes Wissen zu entlocken. In Obesien gibt es beispielsweise Priester, die auf solche Verhöre spezialisiert sind.“

Als Octora eine kurze Pause einlegte, nutzte Unitor dies sofort zu einer Frage: „Wieso durftest du es dann wissen?“

„Ich führe keine Missionen aus wie die anderen Eisgrafen“, vertraute ihm Octora an. „Wenn ich mit einem meiner Aufträge scheitern würde, wären die Nordlande sowieso verloren. Ich erhalte nämlich nur dann Aufträge, wenn sich der Norden in höchster Gefahr befindet. Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen. Jedenfalls ist es in unserem Kreis überlebensnotwendig, dass wir auch untereinander von unseren Missionen möglichst wenig wissen.“ Unitor erkannte, dass er auf diese Weise nicht weiterkommen würde. Deshalb wechselte er das Thema, zumal ihn eine andere Frage noch wesentlich mehr beschäftigte: „Wie bin ich hierhergekommen? Die Überquerung des Aralt-Gebirges dauert viele Tage. Ich war doch nicht viele Tage bewusstlos?“

Octora zögerte: „Um dir das zu erklären, müsste ich dir ein noch weit gefährlicheres Geheimnis verraten. Das kann und will ich nicht allein entscheiden. Aber ich werde mit dem Berater reden. Und ich werde dafür eintreten, dass er dir die volle Wahrheit sagt. Aber denke immer daran, Unitor, dass du verpflichtet bist, die Menschen des Nordens zu beschützen.“

*

Schon eine Stunde nachdem Unitor Octoras Zimmer verlassen hatte, klopfte sie an seine Tür. Zunächst glaubte er, dass sie ihn zu einer Besprechung abholen wollte. Dann fiel sein Blick jedoch auf ihre Stiefel. So wusste er, dass die Besprechung entweder verschoben oder beschlossen worden war, ihm keine weiteren Erklärungen zu geben.

„Wir werden heute unseren Reitunterricht fortsetzen. Ich erwarte dich in zehn Minuten in den Stallungen“, bestimmte Octora in ihrem üblichen, befehlsgewohnten Ton. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und ging zur Treppe, die in das Untergeschoß führte.

Unitor beeilte sich. Das Reiten hatte ihm bei seiner bisherigen Ausbildung am meisten Spaß gemacht. In einer noch unterhalb der Gewölbe liegenden Ebene der Festung war eine großzügige Reithalle eingerichtet worden. Daneben befanden sich Stallungen für acht Bergpferde. 

Dort traf er sich zehn Minuten später mit Octora. „Nachdem du jetzt ohnehin weißt, wo wir sind, werden wir heute einen Ausflug ins Freie machen“, empfing sie ihn. „Dann sehen wir auch, ob du schon so weit bist für deine erste Mission.“

Sie begab sich zur rückwärtigen Wand der Stallungen und öffnete eine große Pforte, der Unitor zuvor nie Beachtung geschenkt hatte. Dort begann eine Rampe, über die Octora die Pferde bis zu einem in die Außenwand des Gebäudes eingelassenen Tor führte. Nachdem sie das Tor entriegelt hatte, schwangen die hohen Flügel langsam auf. Unitor spürte die frische Brise des Nordens auf seinem Gesicht. Octora ging mit ihrem Pferd voraus. Ihre weißen Haare flatterten im Wind. Sie schwang sich in den Sattel und drehte sich zu Unitor um. Einen Augenblick zu lange war er stehen geblieben und hatte nicht den Blick von ihr abwenden können. Sofort kam ihre bissige Reaktion:

„Möchte der Herr lieber laufen? Ich könnte dann ja wieder absteigen und die Pferde tragen.“

Wütend schwang er sich in den Sattel und galoppierte sofort los. Als er pfeilschnell über die Ebene flog, vergaß er die Welt um sich herum, auch seinen Ärger auf Octora. Die gigantischen Bergwände des Aralt rückten schnell näher.

Bereits nach wenigen Minuten hatte Octora ihn auf ihrem schneeweißen Schimmel eingeholt. Sie sah jetzt aus wie eine Geisterreiterin aus den Legenden von Zogh. Als der Fuß des Gebirges nur noch wenige hundert Meter entfernt war, parierte sie ihr Pferd durch und näherte sich der ersten Felswand in leichtem Trab. Unitor wusste nicht, was sie vorhatte. Er konnte auch keinen Weg entdecken, der in das Gebirge führte. Dennoch ritt sie unbeirrt auf die Felswand zu. Bei der weiteren Annäherung erkannte Unitor, dass sich hinter einer vorgelagerten Wand ein schmaler Einschnitt befand, gerade so als ob eine breite Straße in das Gebirge hineinführen würde. Die Kluft endete wenig später abrupt, jedoch öffnete sich zur Linken der bogenförmige Eingang zu einer Höhle. Der Torbogen war derart groß, dass zwanzig Reiter bequem nebeneinander in die Höhle hätten reiten können.

„Jetzt wirst du sogleich sehen, wie du hierhergekommen bist.“ Octoras Stimme wurde von einem dumpfen Echo begleitet.

Das einfallende Tageslicht, aber auch lumineszierende Quaralbänder erhellten die Höhle. Sie hatte eine annähernd rechteckige Form bei einer Seitenlänge von mindestens hundert Metern. Im hinteren Bereich konnte Unitor einen Durchgang erkennen. Dort standen zwei Personen. Octora stieg von ihrem Pferd ab und bedeutete ihm, das Gleiche zu tun. Die beiden Gestalten lösten sich aus dem Hintergrund der Höhle und kamen auf sie zu. Es handelte sich um zwei Zogh in leichten Rüstungen. Darüber trugen sie dunkelrote Mäntel, die ihnen bis zu den Knöcheln reichten. Unitor erkannte das Wappen des Hüters der Flammen auf ihrem Brustharnisch, was ihn beruhigte.

Octora nickte den beiden Männern zu und übergab ihnen die Zügel der Pferde. Dann ergriff sie Unitor am Oberarm und dirigierte ihn zu der hinteren Öffnung der Höhle. Dort angelangt war Unitor nicht mehr sicher, ob er wachte oder träumte. Sie betraten eine weitere Höhle, von der man trotz heller Beleuchtung durch unzählige Kristallbänder und Fackeln weder die Decke noch die Wände sehen konnte. Dieser Raum musste unvorstellbare Ausmaße haben. In der Nähe des Durchgangs befand sich ein gigantisches Metallrad, von dem mehrere armdicke Stahlseile zu Umlenkrollen führten. Diese hatten eindeutig die Aufgabe, große Kabinen, in denen jeweils mindestens dreißig Menschen Platz finden konnten, in eine mit bloßem Auge nicht mehr erkennbare Höhe zu ziehen.

Unitor konnte nicht sehen wie die Radnabe, die im Boden verschwand, angetrieben wurde. Später erfuhr er, dass dies durch die Gewalt eines großen, unterirdischen Flusses geschah.

Octora lächelte über sein kindliches Staunen. Dabei erinnerte sie sich daran, dass es ihr genauso ergangen war, als sie diese Anlage zum ersten Mal gesehen hatte.

„Das Innere des Araltgebirges ist von riesigen, natürlichen Höhlen durchzogen“, berichtete sie. „Meine Vorfahren haben sie schon vor Tausenden von Jahren bewohnt. Der Teil meines Volkes, der hiergeblieben ist und mehr Lebensraum benötigte, hat neue Höhlen erschlossen und sie nach und nach untereinander verbunden. Sie mussten dies auch tun, weil sie auf Nahrung von außerhalb angewiesen waren. Wo das Licht der Kristalle stark genug ist, gedeihen auch hier drinnen einige Pflanzen. Diese reichten aber bei Weitem nicht mehr, nachdem das Volk stark angewachsen und tiefer in den Aralt eingedrungen ist. Bereits vor der Vereinigung der Nordlande hatten die Höhlen-Zogh im Laufe der Jahrtausende einen Durchgang im Inneren des Gebirges bis zum Fuß des Bergmassivs hergestellt, auf dem der Quaralpalast errichtet ist. Schon der erste Hüter der Flammen hat erkannt, dass eine schnelle Verbindung zwischen Mithrien und Zogh für das Überleben der Nordlande von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Man hat dann auf beiden Seiten des Gebirges den höchsten Punkt gesucht und einen Weg, von dem aus man den tiefsten Punkt auf der Gegenseite einfach unter Ausnutzung der Schwerkraft erreichen kann. Und jetzt stehst du am tiefsten Punkt der Höhle von Sylabit. Über dir ist der höchste Punkt. Man braucht nur wenige Stunden, um von hier aus den höchsten Punkt und anschließend Mithrien durch die Höhlen zu erreichen. Dabei dauert das Hochziehen sogar länger als die anschließende Fahrt nach Mithrien.“

Unitor war sprachlos. Und es war dieser Moment, in dem er alle Vorurteile, die er je hinsichtlich der Zogh gehabt hatte, von Grund auf revidierte.

In der großen Höhle wimmelte es von Zogh-Kriegern. Sie trugen indessen nicht das Emblem des Hüters, sondern ein Wappen mit einer Krone aus Eiszapfen. Als Unitor Octora danach fragte, erklärte sie, das sei das Wappen der Königin von Zogh. Sie konnte nicht widerstehen, hinzuzufügen: „Ich bin mit Königin Arthania verwandt, wenn auch nur ziemlich weitläufig.“

Unitor verkniff sich einen Kommentar.

Wenn Octora in die Nähe von Zogh-Kriegern kam, legten diese respektvoll die rechte Hand auf den Griff ihrer Schwerter und nahmen Haltung an.

„Als Eisgraf hat man bei den Zogh automatisch einen hohen Rang inne. Tritor ist formell sogar der Oberbefehlshaber der Höhlen-Zogh“, erklärte Octora, während sie Unitor zu einem flachen Bauwerk in der Nähe einer großen Umlenkrolle geleitete.

Vor der Tür blieb sie stehen und sagte: „Du wirst da drin erwartet. Wir werden uns jetzt trennen müssen. Ich wünsche dir alles Gute für deinen Auftrag.“

Unitor war viel zu überrascht, um angemessen reagieren zu können. Dieses Mal vermittelte Octora ihm nicht den Eindruck, hellauf begeistert zu sein, ihn endlich loszuwerden. Als ob sie dies unterstreichen wollte, umarmte sie ihn kurz und küsste ihn auf die Wange. Dann ließ sie ihn schnell wieder los und eilte davon. Ihr langes, weißes Haar flatterte hinter ihr her wie ein Schleier.

Unitor brauchte einige Sekunden, um seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Dann wandte er sich entschlossen um und betrat das flache Gebäude.

Am Kopfende eines kleinen Tisches saß der Gatyer mit dem schütteren Haarkranz, den Unitor beim Aufwachen im ehemaligen Stützpunkt der Priester des Wissens gesehen hatte. Neben ihm stand ein riesiger Kerl, dessen Gesicht tiefschwarz war. Seine schwarzen, zerzausten Haare hingen in einer wilden Mähne bis auf die Schultern. Er trug die schlichte Leinenkleidung der Surdyrier, allerdings mit zwei auffallend breiten, nietenbeschlagenen Ledermanschetten an den Armen. Sie reichten von den Handgelenken bis zu den Ellbogen. In seinem Gürtel steckte ein Beil so groß, dass man damit hätte Bäume fällen können.

„Ich habe mich beim letzten Mal noch nicht vorgestellt“, begann der Gatyer. „Das wäre auch unter den Ihnen jetzt bekannten Umständen schlecht möglich gewesen. Mein Name ist Manden-Gatas. Ich bin der Verwalter von Sylabit. So heißt die Anlage, in der Sie aufgewacht sind. Und das ist Uggx.“ Er deutete mit einer Handbewegung auf den riesigen Schwarzen. „Er stammt aus den Dschungeln von Oot und kam als relativ junger Mann nach Surdyrien. Er wird Sie dorthin begleiten. In den letzten hundert Jahren sind viele Menschen aus Oot nach Surdyrien gelangt, wo sie vor allem in den Minen, aber auch bei reichen Leuten als Leibwächter arbeiten. Uggx wird daher nicht auffallen und kann Ihnen alles zeigen, was wichtig ist.“

Manden-Gatas holte einen Lederbeutel aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tisch.

„Senesia Sida, die wir die Spinne von Lumbur-Seyth nennen, handelt nicht nur mit allen erdenklichen Gütern, sondern auch mit Informationen“, fuhr er fort. „Wenn es jemanden gibt, der etwas über das Schicksal der Bewohner von Sanh weiß und auch bereit ist, dieses Wissen zu verkaufen, dann ist sie es. Aber sie wird dafür einen hohen Preis verlangen.“

Er deutete auf den Beutel: „Das ist der größte Zenesith, den es in der uns bekannten Welt gibt.“

Er öffnete den Beutel und brachte einen dunkelgrünen Kristall zum Vorschein, der noch größer war als die Faust des Dschungelmenschen. Die völlig ebenmäßigen und polierten Schnittflächen des Steines warfen ein gleißend grünes Licht an die Wände ringsum. Unitor hatte einen Atemzug lang den Eindruck, mitten in einem Tropenwald zu stehen.

„Zenesithe gehören zu den seltensten Gesteinen überhaupt, und man fand sie bisher nur im Bereich des Araltgebirges zwischen hier und der Küste“, erläuterte der Gatyer. „Es soll einst noch einen Kristall gegeben haben, der etwa die gleiche Größe hatte wie dieser hier. Er gehörte einem ehemaligen Herzog der Höhlen-Zogh, ist aber seit etwa einhundertundfünfzig Jahren verschollen. Wenn Senesia Sida Ihnen wahre und brauchbare Informationen über die verschwundenen Mithrier liefert, dürfen Sie ihr dafür den Kristall geben. Er ist übrigens ein Geschenk der Königin von Zogh.“

Manden-Gatas führte Unitor und Uggx in einen gewaltigen Seitentrakt der Höhle, wo die Kabinen beladen werden konnten. Sie wurden durch Weichen und Umlenkrollen vom Hauptseil weggeführt und mit Hilfe eines Hebelwerks angehalten. Die Kabinen bestanden aus einem Stahlskelett, das innen und außen mit dem eisenharten Holz des Schwarzen Moorbaums verkleidet war. Neben den Sitzreihen ermöglichten schmale Fenster den Blick nach draußen, wobei „draußen“ genau genommen „drinnen“ bedeutete, nämlich innerhalb des Gebirges.

Manden-Gatas sagte Unitor noch, dass er im Quaralpalast sogleich den Verwalter aufsuchen solle, da dieser ihm eine Schiffspassage nach Lumbur-Seyth beschaffen würde. Er empfahl Unitor aber dringend, sich nicht in Lumbur-Seyth aufzuhalten, sondern gleich nach Surdyrien weiter zu reisen:

„Der Reichtum von Lumbur-Seyth zieht außer Handelsleuten und Glücksrittern auch die Verbrecher des ganzen Kontinents an, wie das Licht die Motten. Dort sitzt vermutlich auch ein äußerst gefährlicher Mann namens Schaddoch, der die Verbrecher wie ein König beherrscht. Seine Verbindungen reichen bis nach Surdyrien. Es heißt, dass dieser Mann seine gesamte Familie ermordet hat. Hüten Sie sich vor ihm! Es ist äußerst wichtig, dass niemand etwas von dem Kristall erfährt, solange er sich noch in Ihrem Besitz befindet. Uggx hat vorgeschlagen, dass er Senesia Sida erst aufsucht, wenn Sie bereits in Surdyrien sind. Ich halte das für eine gute Idee. Uggx kennt Lumbur-Seyth, weil er seit langem dort wohnt. Er wird Ihnen auch eine Kutsche für die Weiterreise nach Surdyrien beschaffen.“

*

Nachdem Unitor sich von Manden-Gatas verabschiedet hatte, betrat er die Aufzugkabine mit sehr gemischten Gefühlen. Der Dschungelmensch zeigte dagegen nicht die geringsten Anzeichen von Unsicherheit. Wie ein knorriger Baum, der zum Leben erwacht ist, stapfte er durch die Gittertür am hinteren Ende des Abteils und ließ sich gleich danach auf eine Sitzbank fallen. Unitor setzte sich neben ihn in der Hoffnung, Uggx würde ihn ein wenig auf das vorbereiten, was ihnen nun bevorstand. Aber der Dschungelmensch war noch einsilbiger als Octora. Wortlos zwängte er die eiserne Haltestange vor seinen tonnenförmigen Oberkörper und starrte danach einfach nur aus dem Fenster. Unitor tat es ihm schließlich gleich und legte die Haltevorrichtung um. Wenig später begann die Fahrt.

Das Hochziehen verlief ziemlich eintönig. Durch die Fenster war nur ein diffuser Schimmer zu erkennen, der häufig in völlige Dunkelheit überging. Nach etwa vier Stunden hatten die beiden Männer den Scheitelpunkt erreicht. An dieser Stelle begann das für Unitor unvergessliche Erlebnis. Zuerst glitt die Kabine längere Zeit in gemächlicher Fahrt durch eine dunkle Höhle, dann nahm sie allmählich Geschwindigkeit auf und sauste schließlich mit atemberaubender Schnelligkeit wie ein Pfeil dahin, wobei sie bisweilen auch abrupt die Richtung änderte.

Kristallformationen huschten wie farbige Schlieren blitzartig vorbei. Felswände schienen manchmal Unitor anspringen zu wollen, bevor die Kabine plötzlich im letzten Moment zur Seite abdrehte. Einige Male hatte er das Gefühl, hinaus in die Dunkelheit der Höhlenwelt geschleudert zu werden. Während der Fahrt wechselten schmale Röhren mit gigantischen Grotten. Einmal sah Unitor in der Ferne das Glitzern eines großen, unterirdischen Wasserfalls. Gelegentlich wurde die Geschwindigkeit durch Steigungen gedrosselt und ging in ein sanftes Schweben über, bevor dann wieder eine irrwitzige Beschleunigung einsetzte, und vorbeifliegende Lichter nur noch kurz aufblinkten wie Sternschnuppen.

Gegen Ende wurde die Fahrt immer langsamer. Behutsam glitt die Kabine durch einen langen Tunnel, ehe sie den tiefsten Punkt erreichte und zum Stillstand kam. Unitor war nicht sicher, ob er sich darüber freuen oder traurig sein sollte.

Sein Begleiter hatte während der gesamten Fahrt kein einziges Wort gesprochen.




Kapitel 6 – Die Spinne und der grüne Kristall


Nach einem kurzen Besuch beim Verwalter begaben sich Unitor und Uggx zu dem Schiff, welches für die Passage nach Lumbur-Seyth schon an der Anlegestelle am Fuß des Palastberges vor Anker lag. Es handelte sich um eine Dreimast-Karavelle für schnelle Fahrten in Küstennähe. Das Großsegel trug das Emblem des Hüters der Flammen.

Da Unitor noch nie zur See gefahren war, freute er sich auf die Reise. Als er später neben Uggx an der Reling stand und ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf, bemerkte er, dass dem Dschungelmenschen das Beförderungsmittel offenbar nicht sonderlich behagte. So änderte sich auch während der folgenden Tage nichts an der Verschlossenheit des Shondo. Wortkarg starrte er die meiste Zeit hinaus aufs Meer und konnte von Unitor nur mit Mühe gelegentlich zu einem kurzen Gespräch bewegt werden. Glücklicherweise herrschte nur mäßiger Seegang, und ein leichter Nordostwind trug den Segler recht flott seinem fernen Ziel im Westen entgegen.

Auf der ersten Etappe der Reise war fast während der gesamten Zeit hinter der Backbordseite des Schiffes die dunkle Küstenlinie Mithriens in der Ferne zu sehen. Die Karavelle nahm Kurs auf Marandia, die größte Küstenstadt des Nordens. Dort sollten die Vorräte für den Rest der Fahrt ergänzt werden. Erstmals sah Unitor nun auch fremdartige Schiffe mit unbekannten Flaggen, die den Hafen verlassen hatten.

Beim Einlaufen des Seglers gewann der Eisgraf einen ersten Eindruck davon, was die Alten seines Dorfes als die „weite Welt“ bezeichnet hatten, ohne sie jemals selbst gesehen zu haben. An Kaimauern, die ihm riesig erschienen, lagen Schiffe, deren Größe sein bisheriges Vorstellungsvermögen weit überstieg. In den gepflasterten Straßen des Hafenviertels herrschte ein geschäftiges und lautes Treiben, das mit dem verschlafenen Flusshafen von Tanaria nichts gemein hatte. Wie in einem Ameisenhaufen wuselten Menschen in bunten Gewändern kreuz und quer durcheinander. Für einen Bewohner der einsamen Steinwüsten Mithriens hatten diese Eindrücke durchaus etwas Beängstigendes. Unitor verspürte ein Gefühl der Verlorenheit, nachdem er das Schiff verlassen hatte und sich nun mitten in diesem Trubel befand. Auf die Lagerhallen und die dahinter aufragenden Befestigungsanlagen konnte er kaum einen Blick verwenden. Seine gesamte Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, den zwischen verstreuten Marktständen umher hastenden Personen auszuweichen, um nicht ständig angestoßen und beschimpft zu werden. Sehr schnell entschloss er sich, dem ungewohnten Getümmel zu entfliehen. Aus einem Gefühl heraus hatte er ohnehin die Absicht gehabt, den kurzen Aufenthalt zu einem Besuch des Eisbaums von Marandia, Sestors Baum, zu nutzen. Er lenkte seine Schritte nach Süden, wo sich außerhalb der Stadt die Umrisse eines einsamen Hügels abzeichneten, den die Einheimischen „Vismarand“ nannten.

Von Marandia aus führte eine breite Straße in das Hinterland des Fürstentums. Um den Eisbaum zu erreichen, musste Unitor die Straße verlassen und auf schmalen Pfaden zu einem Bergrücken wandern. Von dieser Anhöhe aus hatte man einen wunderschönen Panoramablick auf die große Küstenstadt und ihren Hafen. Gewissermaßen aus der Vogelperspektive konnte Unitor nun die vielen großen Schiffe sehen, die dort vor Anker lagen, nachdem sie Güter aus allen Teilen des Kontinents in den Norden gebracht hatten. Die meisten warteten darauf, Erzeugnisse des Nordens an Bord zu nehmen und in ihre jeweilige Heimat zurückzukehren. Außer Jakodan in Gatya und Sandammon in Zogh war Marandia der einzige Hafen in den Vereinten Nordlanden, wo ein solcher Güterumschlag stattfand.

Auf der anderen Seite, im Landesinneren, thronte inmitten einer erhöhten Ebene die berühmte schwarze Burg von Marandia mit ihren wuchtigen Wehrtürmen an den sechs Ecken. Dort residierte der für seine Klugheit im ganzen Land berühmte Fürst Taldin zu Marandia, Eisgraf Sestors ältester Bruder. Als einziger Fürst in Mithrien unterhielt er ein kleines stehendes Heer, um die Sicherheit des Handels in der großen Hafenstadt zu gewährleisten. Diese Schutztruppen befanden sich nicht in der Burg, sondern in zahlreichen kleineren Befestigungsanlagen, die über den gesamten Hafenbereich verteilt lagen. Unitor war aber nicht nur von der außergewöhnlichen Schönheit und Ruhe dieses weitläufigen Panoramas fasziniert. Ihn überkam auch ein besonderes Gefühl als er unter dem mächtigen Eisbaum saß, der nun in seiner vollen Schönheit von glänzend dunkelgrünen, lanzettlichen Blättern bedeckt war. Lange Zeit konnte der Mithrier sich nicht von diesem Ort losreißen. Erst als ihn wieder die drängende Besorgnis um das Schicksal der Bevölkerung von Sanh überfiel, überwand er sich. Nachdenklich verließ er den Standort des Eisbaums, um zu dem Schiff zurückzukehren, das ihn nach Lumbur-Seyth bringen sollte.

Während er den Berg Vismarand hinunterstieg, hatte er den Eindruck, dass sich sein geistiger Horizont erweitert hatte. Irgendwie wurde ihm plötzlich klar, warum der Eisbaum von Marandia als Symbol von Weisheit und Ausgeglichenheit galt. Und zugleich traf ihn die Erkenntnis, dass die ihm vom Schicksal zugedachten Aufgaben nur zu bewältigen waren, wenn er alle Eisbäume besuchen würde.

Zwei Stunden später legte die Karavelle ab. Unitor erschien es selbstverständlich, dass er sich an Bord befand. Er bedachte nicht, dass er stattdessen auch die Möglichkeit gehabt hätte, über den Landweg nach Lauros in Surdyrien weiterzureisen. In diesem Falle wäre er am Eisbaum von Kerdaris in der Senke von Tarrda vorbeigekommen. Dies war der Eisbaum Septimors, den unter allen anderen Eisgrafen seine vorausschauende Sorgfalt und Wachsamkeit am meisten auszeichnete. Unitor ahnte nicht, dass der längere Weg unter bestimmten Voraussetzungen der kürzere sein konnte. Dafür reichte selbst die Weisheit Vismarands nicht. Ironischerweise hätte er zur Erlangung dieser Erkenntnis zuerst die Senke von Tarrda besuchen müssen.

Sechs Tage waren seit der Abreise aus dem Quaralpalast vergangen, als das Schiff am Nachmittag die Mündung des Garth erreichte. Der Garth war der größte Fluss in den Nordlanden und bildete die Grenze zwischen Mithrien und Gatya. Von da an segelte die Karavelle ein Stück weiter auf das offene Meer hinaus, sodass die Küstenlinie an den folgenden Tagen nur noch selten gesichtet wurde. Der Wind frischte auf und trieb das Schiff trotz des stärkeren Wellengangs noch mehr an, sodass am dreizehnten Tag nach der Abreise das Gatysche Kap umsegelt werden konnte. Dabei handelte es sich um den nordwestlichsten Punkt des Kontinents, wo ein kleiner, unwirtlicher Landzipfel mit einer hohen, felsigen Steilküste und einigen vorgelagerten Inseln die Grenze zwischen dem nördlichen und dem westlichen Ozean markierte. Von diesem Wendepunkt an erfolgte die Weiterreise in Richtung Süden, entlang der westlichen Landmasse Gatyas.

Während des Sommers verhielt sich das Meer im Nordwesten die meiste Zeit über ruhig und friedlich. Leichte Winde kräuselten die Wellen, die sich irgendwo am Horizont verloren. Eingebettet in diesen Hauch von Unendlichkeit trieb das kleine Schiff einsam dahin. Vielleicht war es diese sanft plätschernde Eintönigkeit, vielleicht auch das ebenso beharrliche wie freundliche Bemühen Unitors und dessen großes Interesse an den Verhältnissen im Geburtsland des Shondo, die Uggx dann doch noch ein wenig die Zunge lösten.

Zwar lehnte er es ab, über sich selbst und seinen eigenen Lebensweg zu sprechen; er berichtete aber schließlich freimütig über seine Heimat Oot, die für die meisten Bewohner des Kontinents immer noch als gefährlich und weitgehend unerforscht galt. Mehr als zwei Drittel des Landes waren vom Großen Dschungel, dem Südlichen Steppengürtel und unbewohntem Buschland bedeckt. Straffe organisatorische Strukturen gab es nicht. Die Hochkönige von Sindra hatten zwar vor langer Zeit das Steppenland teilweise erobert und dort einen einheimischen König, den Mipf der Steppe, eingesetzt, jedoch später diese Gebiete wieder aufgegeben. Das Königtum hatte mit Unterstützung Sindras in lockerer Form die Jahrhunderte überdauert, obwohl die Steppenmenschen in eigenständigen Horden lebten. Die andere Bevölkerungsgruppe von Eingeborenen, der Uggx angehörte, lebte in noch wesentlich kleineren Gemeinschaften in den überwiegend unwegsamen Dschungelgebieten. Dennoch hatte sich in den letzten einhundertunddreißig Jahren, seit es in den Grenzgebieten immer wieder zu Konflikten mit den Mivv kam, eine gewisse Vernetzung unter den kleinen Shondo-Gruppen gebildet. Das hatte schließlich auch dazu geführt, dass vor rund einhundertundzwanzig Jahren ein sagenumwitterter Shondo zum Anführer in Kriegszeiten erhoben worden war. Seine Stammesbrüder hatten ihm den Titel „Schnorst von Oot“ verliehen. Angeblich lebte er immer noch, wenngleich er auch seit vielen Jahren als verschollen galt. Das Gleiche traf auf den letzten Mipf der Steppe zu. Seit die Priester des Wissens eine Niederlassung an der Küste eingerichtet hatten, versuchten sie, auftretende Streitigkeiten zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zu schlichten. Dadurch waren der Schnorst von Oot und der Mipf der Steppe überflüssig geworden und verschwunden. In ihrem „Paradies der Küste“ nahmen die Priester des Wissens elternlose Kinder auf, vor allem Waisen aus den immer wieder aufflammenden Grenzkonflikten zwischen den Shondo und Mivv. Sie bildeten sie ihren Neigungen entsprechend aus und vermittelten sie in fremde Länder, vor allem nach Surdyrien.

Das Monasterium wurde geleitet von einem Mann namens Telodon, aber der eigentliche gute Geist war eine Frau namens Baradia, die als „Gütige Frau von Oot“ bezeichnet wurde. Bei dieser Gelegenheit erwähnte Uggx auch, dass er einen grünen Kristall von der Art, wie Unitor ihn mit sich führte, im Paradies der Küste gesehen hätte. Baradia, die dort eine Orchideenzucht betrieb, habe den Kristall in einer Glasvitrine zwischen Roten Mondorchideen, der heiligen Blume der Shondo, aufgehängt.

Für Unitor klang das alles äußerst befremdlich. Er nahm sich aber vor, dieses außergewöhnliche Land, in dem es das ganze Jahr über warm oder sogar heiß war, später einmal zu besuchen. Zunächst musste er jedoch alles tun, was in seiner Macht stand, um die verschollenen Bewohner seines eigenen Heimatdorfes zu finden.

Als das Schiff schließlich nach fast drei Wochen in den gewaltigen Mündungstrichter des Lumbur einlief, bot sich den beiden Männern ein beeindruckendes Bild. Entlang der rechten Seite des Flussufers, in Richtung des Ozeans, erstreckte sich ein Gewirr von flachen Lagerhallen, hinter denen Handelskontore und andere Arten von Zweckbauten in unterschiedlichsten Formen aus den morgendlichen Nebelschwaden aufragten. Diese Bauten wiesen überwiegend helle, verwaschene Farben auf, die sich kaum voneinander unterschieden. Auch die flachen Metalldächer zeigten nur geringfügige Unterschiede in ihren schmutzig grauen Schattierungen.

Auf der linken Seite des Flussufers bot sich den Reisenden ein völlig anderes Bild. Hinter einer endlos erscheinenden Uferpromenade, die mit Steinsäulen, Skulpturen und sorgsam zurechtgestutzten Bäumen gesäumt war, erhoben sich sanfte Hügel. Protzige Villen in den unterschiedlichsten Formen und Farben wetteiferten um die Bewunderung des Betrachters. Sie ragten zunächst wie trotzige Inseln aus einem Meer tropischer Vegetation heraus, traten dann aber immer dichter zusammen je länger das Schiff den Lumbur hinauf glitt. Während sich der Segler des Hüters dem Zentrum der Stadt näherte, wurden die Villen zunehmend verdrängt von öffentlichen Palästen, die allesamt aus roten und gelblichen Steinquadern in unterschiedlichsten Anordnungen zusammengefügt waren. Nachdem die Karavelle das Stadtzentrum hinter sich gelassen hatte, verloren sich diese Paläste allmählich wieder und machten Wohngebäuden Platz. Diese wirkten allerdings nicht mehr so pompös wie diejenigen in den nördlichen Ausläufern der Stadt.

Zwischenzeitlich hatten sich die Morgennebel gelichtet, sodass Unitor in weiter Ferne die Konturen der Berge von Surdyrien erkennen konnte. Die Anlegestelle lag tief im Süden von Lumbur-Seyth. Die Ankömmlinge konnten ungehindert das Schiff verlassen. Eine Kontrolle wie an manchen Grenzen, vor allem in Obesien, gab es hier nicht. Uggx begleitete Unitor zu dem großen Umschlagplatz hinter dem Hafengebäude. Dort half er ihm, inmitten des marktschreierischen Durcheinanders einen Platz in einer Kutsche für die Weiterreise nach Surdyrien zu ergattern. Er beschrieb Unitor nochmals den Weg von der Endstation der Kutsche in Lauros bis zu dem unauffälligen, kleinen Anwesen, das der Verwalter für solche Zwecke in einem Randbezirk der Stadt erworben hatte. Dann trennten sich zunächst die Wege der beiden ungleichen Männer. Nach einem kurzen Händedruck machte sich Uggx zum Stadtzentrum auf, während der Eisgraf aus dem Norden die Weiterreise nach Surdyrien antrat.

*

Baradia hatte mit untrüglichem Blick sofort die mit Abstand hässlichste Kutsche auf dem weiten Platz erkannt. Sie hatte dem zahnlosen Eigentümer zwei Drittel des geforderten Preises angeboten, woraufhin dieser mürrisch das Geschäft einging. Conumun nahm an, dass diese Entscheidung maßgeblich auch durch Baradias ungewöhnlichen Aufzug begünstigt wurde, der wohl erwarten ließ, dass sie eigentlich gar nichts zahlen konnte. Die Priesterin hatte sogar darauf verzichtet, ihre Orchideen anzulegen. Sie trug ein graues, sackartiges Gewand, das auch für eine Bettlerin nicht ungewöhnlich gewesen wäre. Conumun hatte inzwischen die olivgrüne Robe der Priester des Wissens gegen eine leichte Leinenkombination getauscht, wie sie im Sommer von den meisten Menschen in Surdyrien und Lumbur-Seyth getragen wurde. Nachdem der missmutige Kutscher auch noch Agur gesehen hatte, dessen schwarze Pranke den Stiel seiner Streitaxt umklammerte, war er wohl endgültig davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Wider Erwarten erreichten sie mit dem abenteuerlichen Gefährt ihr Ziel, eine Prunkvilla in den nördlichen Parks von Lumbur-Seyth. Das Getöse des klapprigen Gespanns, vor allem aber das laute Ächzen und Quietschen der schlecht geschmierten Radnaben störte äußerst unangenehm die nur gelegentlich von einem kurzen Zwitschern exotischer Vögel durchbrochene Stille des ausgedehnten Grundstücks. Diese nervtötenden Geräusche verdarben auch nachhaltig den idyllischen Eindruck der malerischen Palmenallee, die aus dem Bild eines Märchenbuchs zu entstammen schien. Sie verlief sanft aufsteigend zu einem aus blassgelbem Gestein mit roten Fensteröffnungen bestehenden Palast, der der Sitz eines Königs hätte sein können.

Baradia war klar, dass sie längst beobachtet wurden. Sie genoss mit innerlicher Genugtuung das Schneckentempo des Fuhrwerks, weil sie wusste, dass sie sehnsüchtig erwartet wurde.

Das kreischende Gespann rumpelte auf einen großen, mit weißem Kies bedeckten Platz vor einem monumentalen Eingangsportal. Dort stand Senesia Sida, die Spinne, flankiert von ihrem Leibwächter, bereits auf der obersten Stufe der in einem eleganten Schwung verlaufenden Marmortreppe.

Erst längere Zeit nachdem die Kutsche bereits angehalten hatte, kletterte Baradia umständlich hinaus. Conumun wusste inzwischen, dass sie sich wie ein Wiesel bewegen konnte, wenn die Situation es erforderte. Falls die heimliche Königin von Lumbur-Seyth das auch wusste, musste sie Baradias Verhalten als Demütigung empfinden.

Als Baradia endlich auf dem Boden angelangt war, kam Senesia Sida mit ausgebreiteten Armen die Treppe herabgestürmt und flötete mit zuckersüßer Stimme:

„Meine liebe Schwester, ich habe dich sehnsüchtig erwartet!“

„Nenn‘ mich nicht so, alte Lügnerin!“ Baradias Stimme klang kalt wie brechendes Eis. „Nicht mich hast du sehnsüchtig erwartet, sondern das, was ich dir mitgebracht habe.“

„Das auch“. Senesia Sidas gute Laune schien durch den rüden Affront nicht im Geringsten gelitten zu haben.

Inzwischen war auch Conumun aus der Kutsche ausgestiegen. Der Anblick der Frau, die als die schönste der Welt galt, musste in der Tat faszinierend auf Männer wirken. Senesia Sida hatte kastanienfarbenes Haar, das ihr in glänzenden Kaskaden bis über die Schultern fiel. In ihren grünen Augen lag die mystische Tiefe eines Bergsees, und ihre sinnlichen Lippen hätten vom größten Meister der Malkunst nicht vollkommener dargestellt werden können. Die ausgeprägt weiblichen Proportionen ihres Körpers glichen in geradezu auffälliger Weise denen Baradias.

Baradia war Conumuns interessierter Blick nicht entgangen. „Das ist Conumun“, stellte sie ihn kurz vor, um dann sofort in einem lauteren, galligen Ton hinzuzufügen: „Und er ist nicht für dich als Spielzeug geeignet.“

Senesia Sida tat völlig überrascht: „Aber meine Liebe, du weißt doch, dass wir Kaufleute vor nichts größeren Respekt haben als vor fremdem Eigentum.“

Diese Spitze hatte ins Schwarze getroffen. Während Conumun leicht irritiert eine Braue hochzog, fauchte Baradia ärgerlich:

„Er ist nicht mein Eigentum.“ Senesia Sidas hintergründiges Lächeln veranlasste die Frau aus Oot zu der Klarstellung: „Du wirst ihn dennoch in Ruhe lassen.“

Der Priester des Wissens hatte auf der ganzen Reise nicht ein einziges Mal erlebt, dass Baradia derart die Fassung verloren hatte. Er ging inzwischen davon aus, dass sie ihn liebte; aber dieses Gespräch mit der reichsten Frau des Kontinents schien weniger von Eifersucht als von blankem Hass bestimmt zu sein.

Die beiden Frauen gingen nun in scheinbarer Eintracht auf die Villa Senesia Sidas zu. Die beiden Leibwächter folgten, wobei Conumun den Eindruck hatte, dass auch zwischen ihnen eine gefährliche Abneigung schwelte. Obgleich es sich bei beiden um Shondo handelte, sprachen sie kein Wort miteinander und würdigten sich keines Blickes.

Im Salon, der eher die Ausmaße eines Ballsaals hatte, bot Senesia Sida ihren Gästen eine Erfrischung an. Baradia hatte beschlossen, den Bogen nicht zu überspannen. Außerdem wollte sie nicht länger an diesem Ort bleiben als unbedingt nötig.

„Wir sollten gleich das Geschäftliche abwickeln“, schlug sie daher vor. „Hinterher können wir uns dann ungezwungener unterhalten.“

Als Conumun Senesia Sida verstohlen anblickte, hatte er das Gefühl, dass ihre Augen zum ersten Mal seit der Begegnung mit Baradia echte Freude ausstrahlten.

„Wir wollen uns aber dennoch nicht völlig über die Gebote der Höflichkeit hinwegsetzen“, erklärte die Kauffrau lächelnd und wandte sich Conumun zu. „Bei uns in Lumbur-Seyth ist es Sitte, den männlichen Gästen Zerstreuung anzubieten, wenn wir sie warten lassen müssen. Ekog kann Sie zum Badehaus führen, wo sich auch einige meiner Haushälterinnen befinden. Sie können sich dort allein oder in Gesellschaft vergnügen.“

Conumun vermied es, Baradia anzusehen.

„Ich warte hier, wenn es erlaubt ist“, entgegnete er gepresst.

„Selbstverständlich“, stimmte Senesia Sida zu. „Wie Sie wollen.“

Die beiden Damen verschwanden durch eine hohe Tür mit bunten Glaseinsätzen. Sie begaben sich zu einem Raum, den die schöne Kauffrau üblicherweise für Besprechungen unter vier Augen nutzte.

Das ovale Zimmer war äußerst stilvoll eingerichtet, jedoch wirkte es angesichts der äußeren Dimensionen des Anwesens winzig. Senesia Sida und Baradia ließen sich auf gepolsterten Sesseln mit hohen, runden Lehnen nieder, in denen sie fast versanken. Auf den kleinen, mit goldenen Intarsien verzierten Sumpfholztisch stellte Baradia einen silbernen, handtellergroßen Behälter. Sie öffnete ihn nicht, da beide sowieso wussten, was er enthielt.

„Du müsstest diese lange, beschwerliche Reise nicht so oft unternehmen, wenn du größere Mengen mitbringen würdest“, säuselte Senesia Sida in mitfühlendem Tonfall.

„Aber ich reise doch gerne“, gab Baradia ebenso heuchlerisch zurück. „Wie man sieht, lernt man auf solchen Reisen interessante Leute kennen.“

„Was ist eigentlich mit Telodon?“, fragte die „Spinne“ scheinheilig.

„Der ist in Obesien umgekehrt, weil es in Oot wichtige Dinge zu erledigen gibt“, antwortete Baradia mit einem gekünstelten Augenzwinkern. „Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen im Hinterland nehmen zu. Aber das ist ja wohl in deinem Sinne. Dennoch können wir nicht zulassen, dass sie sich gegenseitig ausrotten.“

„Ich bin überzeugt davon, dass ihr die Situation im Griff habt.“ Diese Äußerung Senesia Sidas war keineswegs als Lob gedacht und wurde auch nicht so aufgefasst. Sie erleichterte ihr aber, gleich noch eine Bemerkung nachzuschieben, von der sie wusste, dass sie ebenfalls den Nerv Baradias treffen würde: „Es geht das Gerücht um, dass ihr die Kinder inzwischen auch an andere Besitzer von Ilumit-Minen vermittelt.“

„Das ist Unsinn, meine Liebe!“, widersprach Baradia sofort mit unverblümter Verärgerung. „Wir haben einen Exklusivvertrag, der mir sehr zu meinem Leidwesen aufgezwungen wurde. Aber selbst, wenn ich wollte: Ich könnte nicht genug Extrakt erzeugen, um noch jemanden damit zu versorgen.“

„Wenn nun aber einem der Versorgten etwas zustoßen würde, Telodon zum Beispiel…“, sinnierte Senesia Sida und warf Baradia einen lauernden Blick zu.

„Dann träte ein anderer an seine Stelle, Conumun zum Beispiel“, ergänzte Baradia humorlos mit einem tückischen Funkeln in den Augen. „Glaubst du wirklich, ich würde den Odem des Lebens mit noch einer derart nichtswürdigen Existenz wie dir teilen? Wir brauchen dein Ilumit. Du hast die größten Vorkommen. Ansonsten wärst du schon lange tot und vergessen. Da könnte dir nicht einmal unser übermächtiger Vater helfen.“ Ein hämischer Zug spielte um die Mundwinkel der „Gütigen Frau von Oot“.

Sie ist die gefährlichste Frau der Welt“, dachte Senesia Sida und lag damit fast richtig. An sich selbst hatte sie dabei nicht gedacht. Aber auch damit hätte sie nur fast richtig gelegen.

„Was sollte euch davon abhalten, meine Minen zu übernehmen und selbst zu betreiben?“ fragte Senesia Sida.

„Hast du mir nicht zugehört?“, empörte sich Baradia, und nun verflog auch schlagartig die gespielte Freundlichkeit. „Niemand von uns will eine solche Drecksarbeit machen. Dazu braucht man Abschaum wie dich.“

Ihr macht eine viel schlimmere Drecksarbeit in Oot“, dachte die Frau aus Lumbur-Seyth. 

Jede der beiden Damen hätte die andere an Ort und Stelle umgebracht ohne mit der Wimper zu zucken. Aber dies wäre wegen der wechselseitigen Abhängigkeit einem Selbstmord gleichgekommen. Und so suchten beide weiterhin verbissen nach einem Weg, dies ohne eigene Gefährdung bewerkstelligen zu können. Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Beide wussten das. Sie standen sich viel zu nahe, um dies voreinander verbergen zu können.

*

Ekog musste zweimal hin und her laufen, bevor sich die Hausherrin endlich bequemte, den ungewöhnlichen Besucher zu empfangen. Obgleich sie als die am besten unterrichtete Frau des Kontinents galt, war der Ankömmling einer der ganz wenigen Menschen, die ihr nicht geheuer erschienen. Und das nicht nur, weil sie ihn überhaupt nicht einschätzen konnte. Sie ahnte, dass er ein sorgsam gehütetes Geheimnis mit sich herumtrug. Bisher war es ihr aber noch nicht gelungen, hinter dieses Geheimnis zu kommen.

„Also was ist das für ein unwiderstehliches Angebot?“ wollte die Kauffrau wissen. „Ich hoffe in deinem eigenen Interesse, dass es für mich interessant ist.“ Aus ihrem Munde klang das nicht wie eine leere Drohung. Aber Uggx blieb völlig ungerührt und siegesgewiss.

„Sie nennen es den Grünen Kristall. Zenesith“, antwortete er leidenschaftslos. Senesia Sida fuhr wie von einer Schlange gebissen von ihrem Sofa hoch. Dann sah sie sich gehetzt um, um sicherzugehen, dass nirgendwo eine Tür oder ein Fenster einen Spalt offenstand. Mit leiser Stimme fragte sie:

„Wo ist er?“ An ihren Augen erkannte Uggx, dass sie für diesen Stein barfuß auf glühenden Kohlen bis zur anderen Seite des Kontinents laufen würde. Senesia Sida hatte sofort erfasst, dass dies der Schlüssel für die lange ersehnte Lösung war: der Schlüssel, der es ihr erlaubte, dem verhassten Zweckbündnis mit Baradia ein Ende zu bereiten.

„In Surdyrien“, erwiderte der Shondo bereitwillig. „Ein Eisgraf hat ihn. Aber er wäre bereit, ihn dir für eine Information zu überlassen.“

„Nur für eine Information?“ fragte sie verblüfft. „Worum geht es?“

„Das weiß ich nicht. Da wirst du ihn schon selbst aufsuchen müssen. Denn Unitor, so heißt der Eisgraf, wird nicht hierherkommen. Wenn du willst, werde ich dich aber nach Lauros begleiten“, bot Uggx an.

Senesia Sida sah ihn misstrauisch an. Dann entschied die ebenso kühl wie kühn kalkulierende Geschäftsfrau, ihm zu vertrauen. Dschungelmenschen hatten kein Interesse an Frauen anderer Rassen. Ihre Gefährlichkeit lag auf einem ganz anderen Gebiet. Aber wenn er sie hätte töten wollen, hätte er das längst tun können.

Für die „Spinne“ kam es überhaupt nicht in Frage, noch jemand anderen einzuweihen, wenn es tatsächlich um DEN Grünen Kristall ging. Ekog war nicht entbehrlich, solange diese scheußliche Baradia und ihr lächerlicher Schönling im Hause weilten. Allein zu reisen wäre nicht ungefährlich. Also entschloss sie sich, das Angebot des Shondo anzunehmen.

Eine grenzenlose Gier stand in ihren Augen, als sie sagte: „Wir werden sofort aufbrechen, aber zuvor muss ich mich noch von einer guten Freundin verabschieden.“

Die Besucher saßen in einem der drei Aufenthaltsräume des Gästetrakts, wo Ekog und zwei Dienerinnen ihnen eine leichte Mahlzeit serviert hatten. Als Senesia Sida eintrat, sah Baradia nur kurz auf und aß dann ungeniert weiter. Conumun sah sie etwas länger an und legte höflich das Besteck zur Seite.

„Es tut mir leid, euch verlassen zu müssen“, erklärte Senesia Sida mit gespieltem Bedauern. „Dringende Geschäfte rufen mich nach Surdyrien. Ein Vorarbeiter hat mich informiert, dass in einer meiner Minen bei Lauros eine Revolte ausgebrochen ist. Ich muss mit diesen obesischen Idioten reden, bevor sie alle meine Arbeiter massakrieren.“ Revolten fanden in surdyrischen Minen nicht gerade selten statt. Oft wurden sie von ausländischen Arbeitern angezettelt, die dort als Sklaven für einen Hungerlohn Schulden abarbeiten mussten. In den meisten Fällen war an den Aufständen nur ein kleiner Teil der Belegschaft beteiligt. Wenn die surdyrischen Minenbesitzer dann aber ihre im Land befindlichen obesischen „Freunde“ um Hilfe baten, gingen diese oft dermaßen brutal und ungeschickt vor, dass der Schaden ihrer Einsätze größer als der Nutzen ausfiel. Auch wenn anschließend für eine gewisse Zeit Angst und Schrecken einen reibungslosen Betriebsablauf garantiert hätten, fehlten zumeist die Arbeiter.

„Ich nehme an, dass ich nur ein oder zwei Tage benötige und würde mich freuen, euch bei meiner Rückkehr wieder begrüßen zu können“, behauptete die heimliche Herrscherin von Lumbur-Seyth.

Das Gegenteil war natürlich der Fall. Sobald Baradia den Extrakt abgeliefert hatte, sah Senesia Sida sie lieber von hinten als von vorn.

„Wir würden gerne deine Gastfreundschaft noch länger genießen, aber es wird auch für mich Zeit, dass ich nach Oot zurückkehre. Hast du das Ilumit bereitstellen lassen?“ fragte Baradia mit vollem Mund ohne aufzusehen. Es war eine eher rhetorische Frage.

„Selbstverständlich“, bestätigte die Hausherrin. „Du kannst es wie immer am Pier 17 abholen“.

Nach einer knappen Verabschiedung verließ Senesia Sida ihre Gäste und begab sich mit Uggx zum Stall, wo sie zwei Pferde für die Reise nach Surdyrien auswählte.

Baradia sah ihr aus dem Fenster nach wie sie mit Uggx die Palmenallee hinunterritt. Die Begleitung durch einen Shondo schien zu bestätigen, dass Senesia Sida ausnahmsweise einmal nicht gelogen hatte. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Körperkräfte und gesundheitlichen Widerstandsfähigkeit waren Dschungelmenschen als Arbeiter in surdyrischen Minen äußerst beliebt und inzwischen auch häufig dort anzutreffen. Die Ursache hierfür lag jedoch auch zu einem nicht geringen Teil im Wirken der „Gütigen Frau von Oot“.

*

Die Besucherin war schön, ohne Zweifel, sicherlich auch schöner als Octora. „Um nur irgendein völlig willkürliches Beispiel zu gebrauchen“, fügte Unitor in seinen Gedanken schnell hinzu. Aber es war zugleich auch diese maskenhafte Schönheit, die ihn irgendwie störte. Und ihre ganze Ausstrahlung hatte etwas, das Unitor zur Vorsicht mahnte.

„Würden Sie mir den Kristall zeigen?“ fragte Senesia Sida. Unitor zögerte.

„Sie sind ein Eisgraf. Haben Sie Angst vor einer unbewaffneten Frau?“ hakte sie nach.

„Sie haben die Waffen einer Frau, und zwar die gefährlichsten, die ich je gesehen habe.“ Unitors Worte stellten einen missglückten Scherz dar, den Senesia Sida aber als Kompliment auffasste. Eigentlich schade, dass sie sich nicht mit einem Eisgrafen einlassen konnte, aber ein solches Risiko verbot sich von selbst. Dieser Unitor hatte etwas Erfrischendes. Als Geschäftsfrau war sie jedoch gewohnt, in Kategorien zu denken. Und danach war jeder Eisgraf ein Feind, auch wenn dieser hier ihr vielleicht das Mittel bieten konnte, Baradia endlich zu vernichten.

Unitor holte den Lederbeutel aus einer Schublade hervor, öffnete ihn und legte den Grünen Kristall auf den Tisch.

Als Senesia Sida sich dem Stein mit begehrlich leuchtenden Augen näherte, erinnerte sie Unitor tatsächlich an eine Spinne, die sich auf ihre Beute zubewegt. Dann aber riss sich die Kauffrau abrupt von dem Anblick los und sah Unitor in die Augen.

„Was wollen Sie dafür?“ fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

„Nur Informationen“, erwiderte Unitor erwartungsgemäß.

„Das hat Uggx gesagt“, bemerkte sie ungeduldig. „Aber welche Informationen, um alles in der Welt, könnten einen solchen Stein wert sein?“

„Keine falschen“, stellte Unitor die Grundlage des Geschäfts klar. Senesia Sida hatte verstanden, dass sie sich zunächst das Vertrauen des Eisgrafen erwerben musste.

„Sie fragen und ich sage Ihnen, was ich weiß“, bot sie deshalb an. „Danach entscheiden Sie, ob die Informationen glaubhaft und den Stein wert sind. Ist das ein fairer Handel?“

Mit diesem Angebot hatte sie Unitor überzeugt. Sein einziges Risiko bestand wohl darin, dass sie nichts wusste. Daher kam er sofort zur Sache:

„Vor einigen Monaten sind in Mithrien alle Bewohner eines Dorfes in der Nähe von Drinh spurlos verschwunden. Was wissen Sie darüber?“

Senesia Sida dachte kurz nach.

„Nichts.“ Unitor war die Enttäuschung anzusehen. Deshalb fügte sie schnell hinzu:

„Aber ich glaube, Sie werden mir den Kristall trotzdem geben.“

„Warum sollte ich das tun?“, erkundigte er sich argwöhnisch, aber auch mit einem leisen Hoffnungsschimmer.

„Weil ich Ihnen jetzt eine interessante Geschichte erzählen werde, die mich das Leben kosten kann“, kündigte sie an. „Sicherlich ist es für Sie keine Neuigkeit, dass die Priester des Wissens geheime Stützpunkte außerhalb Obesiens unterhalten. Dabei handelt es sich letztlich immer um Forschungsprojekte, die nach Auffassung der Priester an dem jeweiligen Standort am besten zu verwirklichen sind. Das heißt, es geht nicht darum, den betreffenden Ländern Schaden zuzufügen. Könnten Sie sich vorstellen, dass das Kollektiv eine solche Station betreibt?“

Unitor zuckte unbeholfen die Achseln. Er hatte keine Ahnung, worauf Senesia Sida hinauswollte. Sie schüttelte zur Beantwortung ihrer eigenen Frage den Kopf:

„Eigentlich ist das schon deshalb nicht vorstellbar, weil die normalen Obesier viel zu dumm für wissenschaftliche Forschungen sind. Aus diesem Grund gibt es auch eine uralte Konvention, wonach Äußere Stützpunkte nur unter der Leitung der Priester betrieben werden dürfen. Aber dennoch existiert seit etwa drei Jahren eine geheime Forschungsstation außerhalb Obesiens, die vom Kollektiv und dem obesischen Kriegsrat eingerichtet wurde, und von der nicht einmal der Höchste Priester etwas weiß. Es wäre zwar nicht möglich, eine Forschungsstation mit engstirnigen Kämpfern zu betreiben; was sollten die dort auch machen? Aber die Priester des Wissens sind Freigeister. Und manche scheren sich einen feuchten Kehricht um Konventionen, wenn sie nur gut genug bezahlt werden.“

Sie machte eine kurze, bedeutsame Pause, schielte hinüber zu dem Grünen Kristall und fügte erklärend hinzu:

„Also hat das Kollektiv genügend Priester gefunden, um sein unzulässiges Projekt zu verwirklichen.“

„Und worum geht es bei diesem Projekt?“ Unitor wusste nicht, was der ganze Bericht mit seiner Frage zu tun haben sollte. Der Berater hatte ihm jedoch eingeschärft, dass jegliche Informationen, die mit den Priestern des Wissens und Obesien zu tun hatten, nützlich für die Vereinten Nordlande sein konnten.

„Das weiß ich nicht.“ Ein breites Grinsen breitete sich auf Senesia Sidas Gesicht aus. „Weil nicht einmal der Leiter des Stützpunkts selbst genau weiß, was der Zweck dieser Anlage ist. Aber da die Äußere Armee beteiligt ist, geht es wohl kaum um friedliche Forschungen. Das ist nicht nur eine verbotene, sondern auch eine höchst geheime, unterirdische Station, und sie befindet sich in Mithrien.“ Unitors volles Interesse war schlagartig erwacht.

„Wo genau?“ wollte er wissen.

„In der Nähe einer Ortschaft namens Doront“, antwortete sie und blickte ihn erwartungsvoll an.

Doront lag nur wenig mehr als zehn Meilen von Sanh entfernt. Unitor schwieg eine Weile. Dann fiel ihm plötzlich siedend heiß eine völlig unbedeutend erscheinende Kleinigkeit ein, die er törichterweise beim Zusammentreffen der Eisgrafen zu erwähnen vergessen hatte:

„Was wissen Sie über das Emblem eines schwarzen Raubvogels auf einem Helm?“

„Ein Adler?“ überlegte Senesia Sida laut. „Das Wappentier der Äußeren Armee von Obesien.“

Das war es! Der Mann, den er in Sanh mit dem „vernichtenden Blick“ getötet hatte, musste ein Soldat der Äußeren Armee gewesen sein. Vermutlich ein Soldat aus dem obesischen Stützpunkt bei Doront! Wortlos schob er den grünen Kristall über den Tisch. Senesia Sida ließ ihn sofort unter ihrem teuren Brokatumhang verschwinden.

„Sie werden unser Gespräch für sich behalten?“ vergewisserte sich Unitor.

„Selbstverständlich“, versicherte sie auf der Türschwelle. „Andernfalls würde ich mich ja selbst in Gefahr bringen.“ Als sie das unscheinbare Haus verließ, dachte sie triumphierend: „Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, die roten Orchideen zu beschaffen. Dann ist Baradia erledigt.“ Noch bevor sie ihr Pferd bestieg, hatte ihr Plan bereits Gestalt angenommen. Statt zurück nach Lumbur-Seyth zu reiten, lenkte sie ihren Hengst in die surdyrischen Berge hinter Lauros. Nahe der kleinen Ortschaft Duntes befand sich der größte Äußere Stützpunkt der Priester des Wissens in Surdyrien. In diesem Land brauchte er nicht geheim gehalten zu werden. Das Präfektorium von Dirtos, die Schattenregierung Surdyriens, stand unter dem Einfluss der Obesier und vermied tunlichst jedwede Auseinandersetzungen mit dem kriegerischen Nachbarn.

Senesia Sida lächelte als das schwere Holztor der ehemaligen Bergfeste bereits geöffnet wurde noch bevor sie es erreicht hatte. Sie besaß die meisten Minen in Surdyrien und war deswegen für die Obesier ungleich bedeutsamer als jedes der beliebig austauschbaren Mitglieder des Präfektoriums von Dirtos. In diesen Bergwerken wurden auch die Rohstoffe für die obesischen Waffen gefördert. Senesia Sida stand in dem Ruf, den Betrieb ihrer Minen vorzüglich organisiert zu haben, sodass es bei der Rohstoffversorgung nie Probleme gegeben hatte. Den Obesiern fehlten die Voraussetzungen, um selbst eine derart reibungslose Versorgung gewährleisten zu können. Das wussten sie und deswegen waren sie von Senesia Sida abhängig. Und die Priester wiederum waren von ihren obesischen Landsleuten abhängig, weil ihre Einrichtungen unter deren Schutz standen.

Die schöne Minenbesitzerin wurde auf direktem Weg zum Rektor des Monasteriums geführt, einem älteren Mann mit kurzen, grauen Haaren und gepflegtem grauen Bart. Er mochte Senesia Sida wegen ihres überheblichen Auftretens nicht besonders, zumal er Handelsleute ohnehin eher als notwendiges Übel betrachtete.

„Was verschafft mir die Ehre Eures ungewöhnlichen Besuchs?“ Damit ließ er anklingen, dass Senesia Sida die wichtige Forschungseinrichtung nur aufsuchte, wenn sie irgendein Anliegen hatte.

Auch wenn er ihr Verhalten nicht mochte, war ihm der Anblick einer schönen Frau durchaus nicht unwillkommen.

Senesia Sida kam ohne Umschweife zur Sache:

„Meine Zeit ist knapp bemessen. Ich brauche einen Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der Pflanzenkunde über hervorragende Kenntnisse verfügt.“

„Sie wissen, dass wir uns hier mit dieser Thematik nur am Rande befassen. In Porigunom ist man darauf spezialisiert“, überlegte der Rektor. „Ich könnte den Sprecher des Ordens fragen, ob er jemanden empfehlen kann. Er hält sich zufällig gerade in Lauros auf.“

„Dann tun Sie das und sorgen Sie dafür, dass er mir so schnell wie möglich einen geeigneten Mann nach Lumbur-Seyth schickt“, verlangte Senesia Sida. „Und wenn wir schon bei Gefälligkeiten sind: Ich hätte da eine äußerst wichtige Nachricht für Ihre Freunde in Obesien. In Lauros hält sich ein Mann auf, der für sie sehr gefährlich werden könnte. Es ist ein Eisgraf namens Unitor. Ich war leider gezwungen, ihm eine höchst brisante Information zu verraten. Es liegt nun ganz allein bei Ihnen, zu verhindern, dass diese Information in die falschen Hände gelangt.“

*

Unitor hatte bereits alles für seine Abreise vorbereitet, weil er ahnte, dass er der „Spinne“ nicht vertrauen durfte. Aber dann konnte er Uggx nirgends auffinden.

Er begab sich in den kleinen Stall, wo die beiden Pferde bereits gesattelt zur Abreise bereitstanden. Uggx hatte sie sofort nach dem Gespräch mit Senesia Sida besorgt. Unitor rief mehrfach nach dem Shondo, erhielt aber keine Antwort.

Deshalb ging er zurück ins Haus und wartete fast zwei Stunden. Als der Shondo dann immer noch nicht auftauchte, entschloss sich Unitor schweren Herzens, allein nach Lumbur-Seyth zu reiten. Er musste schnellstmöglich mit dem Schiff des Hüters zum Quaralpalast zurückkehren. Seine Mission duldete keinen weiteren Aufschub. Die wichtige Nachricht, die Senesia Sida ihm verraten hatte, musste unverzüglich dem Berater überbracht werden. Unitor war fest davon überzeugt, dass die geheime Station der Obesier bei Doront etwas mit dem Verschwinden der Bewohner des nahe gelegenen Dorfes Sanh zu tun hatte. Möglicherweise wurden sie sogar in der unterirdischen Festung gefangen gehalten.

Als er erneut zum Stall lief, um trotz der einsetzenden Dunkelheit aufzubrechen, bekam er einen heftigen Schreck. Der Stall war leer, die Pferde verschwunden. Keine Menschenseele war zu sehen. Verwirrt stürmte Unitor zurück ins Haus und ließ dabei jede Vorsicht außer Acht, die Octora ihm so mühsam beizubringen versucht hatte.

Beim Betreten des Hauses erkannte er die Umrisse eines großen, schwarzen Mannes. Erleichtert atmete er auf, weil er annahm, dass Uggx endlich zurückgekehrt sei. Dann bemerkte er jedoch im Hintergrund die Bewegungen zweier schattenhafter Schemen. Bevor er darauf reagieren konnte, krachte bereits die breite Seite einer Axt von Oot mit voller Wucht auf seinen Schädel. Einem Augenblick gleißender Helligkeit folgte bodenlose Schwärze.

Das Schicksal hatte Unitors unaufmerksames Verhalten bestraft. Es war ein Fehler gewesen, den Seeweg über Lumbur-Seyth zu benutzen statt den Landweg über Kerdaris. In der Senke von Tarrda wartete ein Eisbaum, dessen Wesen stellvertretend für vorausschauende Sorgfalt stand. Die Ausbildung durch Menschen, die Unitor genossen hatte, war eben flüchtiger als die Verankerung von Eigenschaften durch uralte Mächte, die er in der Senke von Tarrda hätte erwerben können.

*

Für Iddss hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Als das kleine Zeltdorf am Rande der Steppe von einer Übermacht feindlicher Shondo überfallen wurde, kroch er in panischer Angst unter eine Schlafmatte seines Sippen-Tipis. In Todesangst biss er die Zähne zusammen, während draußen die markerschütternden Schreie der Sterbenden sogar das wilde Kriegsgeheul der Shondo übertönten.

Am Ende hatten sie ihn aber doch unter seiner Matte herausgezerrt. Sein Leben lang würde er nie die gebleckten Zähne in der grinsenden Fratze des Dschungelmenschen vergessen, der ihn am Genick gepackt hatte und wegschleppte. Mit einem Triumphschrei schwenkte der schwarze Riese den kleinen Mivv vor dem schmächtigen Mann mit den roten Augen wie eine Trophäe hin und her. Iddss hatte in diesem Moment mit seinem Leben abgeschlossen. Aber der schmächtige Mann mit den roten Augen schrie ein paar zornige Worte, holte aus und schlug dem schwarzen Riesen mitten ins Gesicht. Iddss hatte zuerst geglaubt, dass der Dschungelmensch mit seinem großen Beil nun dem viel schwächeren Mann den Schädel spalten würde. Stattdessen warf der Shondo den kleinen Mivv auf den Boden und stapfte wütend davon. Bevor der dünne Mann Iddss unter seinen olivgrünen Umhang zog, sah der Kleine noch die vielen Leichen seiner Sippenangehörigen herumliegen. In einer Sprache, die Iddss nicht verstand, redete der Priester des Wissens beruhigend auf ihn ein. In einiger Entfernung schrieen und weinten viele andere Kinder.

Der Mann mit dem olivgrünen Umhang brachte ihn zuerst in sein Zelt und später in das Paradies der Küste. Dort hatte Iddss ein paar schöne Monate mit anderen Kindern verlebt, seltsamerweise nicht nur mit Mivv sondern auch mit kleinen Shondo. Später wurde er mit vielen Kindern auf ein Schiff verladen, das ihn nach Surdyrien brachte. Es war ebenfalls eine gemischte Gruppe von beiden Volksangehörigen, die an der Überfahrt teilnahm.

Die Kinder wurden allesamt in ein großes Bergwerk in den Hügeln von Albiros geschafft, das einer Frau namens Senesia Sida gehörte. Dort mussten sie in der Erzförderung hart arbeiten. Da er selbst das Glück hatte, besonders aufgeweckt und flink zu sein, wurde Iddss schon nach kurzer Zeit in den geheimen Trakt der Anlage überstellt. Dort machten Männer mit rötlichen Augen seltsame Experimente mit Materialien und Waffen. Zusammen mit einem anderen Mivv und zwei Shondo hatte er die Aufgabe erhalten, ihnen dabei zu helfen.

Vor vier Jahren war Senesia Sida mit dem Höchsten Priester, Berion, in den geheimen Trakt gekommen. Sie hatte Berion einige der neuen Errungenschaften gezeigt, die die Priester des Wissens dort entwickelt hatten. Der Höchste Priester interessierte sich besonders für die Rezeptur zur Herstellung eines Hufbelags und den Schnelllader, die er beide dann auch für viel Geld kaufte. Iddss hatte mit seinen geschickten Fingern beim Zusammenbau des Schnellladers geholfen und dadurch dessen Funktionsweise kennengelernt. Deshalb hatte Berion darauf bestanden, dass er mit ihm mitkam. Senesia Sida fügte sich dem Willen des Höchsten Priesters.

So landete Iddss in dem unscheinbaren Haus im Zentrum von Lauros, für das er fortan die Verantwortung trug. Eigentlich hatte er jetzt sogar ein sehr schönes Leben. Der Besitzer des Hauses kam nur äußerst selten, und die Pflege des Anwesens stellte keine großen Anforderungen. Allerdings war dies auch nicht seine einzige Aufgabe. Iddss hatte es innerhalb kurzer Zeit geschafft, zu einem der besten Kenner von Lauros aufzusteigen und Kontakte in alle Gesellschaftsschichten zu knüpfen. Und das galt auch für die geheime und verrufene Seite der Stadt.

An diesem Nachmittag erschien sein Arbeitgeber jedoch in einer höchst offiziellen Mission. Wie immer trug er diesen blütenweißen Ornat mit dem roten Kreis und dem blauen, stilisierten Würfel, den Rangabzeichen des Höchsten Priesters. Berion war ziemlich schlecht gelaunt, eigentlich wie immer, wenn ein Treffen mit seinem Stellvertreter Saradur bevorstand. Die dunkelroten Augen unter der weißen Kapuze schienen noch mehr zu glühen als sonst. Berion war es mehr als nur lästig, Entscheidungen mit dem Ordenssprecher abstimmen zu müssen. Aber so lauteten die Regeln der Charta, die er nur allzu gern geändert hätte. Andererseits musste sich der Höchste Priester selbst eingestehen, dass er die vielfältigen Aufgaben, die mit der Leitung des Ordens zusammenhingen, gar nicht allein hätte bewältigen können.

Iddss fühlte sich dann noch unbehaglicher, als er in diese schlechte Stimmung des Hausherrn hinein schon kurz nach dessen Ankunft einen weiteren Besucher anmelden musste. Er hatte erwartet, dass dadurch die Verdrießlichkeit Berions noch zunehmen würde, aber erfreulicherweise war das Gegenteil der Fall.

Nur einige wenige Vertraute des Höchsten Priesters kannten dessen Haus in Lauros. Berion ging also davon aus, dass es sich bei dem angemeldeten Besucher um einen Freund handeln musste. Dies war der Grund für seine verbesserte Laune. Als sich der vierschrötige Shondo durch die Türöffnung schob, kippte Berions Stimmung vollends.

„Uggx, endlich ein Lichtblick auf dieser nutzlosen Reise!“ Berion hätte dem Dschungelmenschen gern den Arm um die Schulter gelegt, aber dafür reichte seine Größe nicht ganz, so dass er ihn stattdessen um die Hüfte fasste und ins Zimmer zog.

„Wie sind die Dinge gelaufen? Setz‘ dich!“, lud er den Shondo ein.

Uggx ließ sich schwerfällig in einen Sessel plumpsen.

„Ich fürchte, es gibt schlechte Nachrichten. Senesia hat Unitor erzählt, dass die Obesier einen Stützpunkt in Mithrien betreiben.“

Berion hielt mitten in der Bewegung inne.

„Unmöglich! Davon wüsste ich!“

Uggx ließ sich nicht beirren: „Ich habe gesagt: die Obesier. Nicht die Priester. Und ich bin sicher, dass das stimmt.“

Berion erstarrte als wäre er zu Eis gefroren. Dann schien er förmlich zu explodieren, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte: „Diese verfluchten Hohlköpfe! Seit Bestehen der Konvention wurde sie nicht gebrochen. Niemand hat das Recht, ohne meine Zustimmung einen Stützpunkt zu errichten. Diese Wahnsinnigen riskieren einen offenen Krieg mit dem Norden!“

Uggx hatte noch nie einen Wutanfall des Höchsten Priesters erlebt. Dennoch zuckte nicht der kleinste Muskel in seinem Gesicht und er ließ den Vulkanausbruch mit stoischer Ruhe über sich ergehen, wissend dass er ohnehin nicht ihm galt.

„Was wirst du tun?“ fragte er schließlich.

Berion hatte sich halbwegs beruhigt, durchschritt das Zimmer aber immer noch wie ein gereizter Tiger seinen Käfig und geiferte:

„Ich werde mir zuerst diese unerlaubte Station ansehen, damit ich weiß, was die vorhaben. Dann werde ich mir das Kollektiv vorknöpfen und dafür sorgen, dass dieser Standort sofort aufgegeben wird und nie wieder irgendjemand auf die Idee kommt, gegen die Konvention zu verstoßen!“

„Ich werde dich begleiten“, bekräftigte Uggx mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Was ist mit dem Eisgraf? Senesia hat ihn sicherlich verraten.“

„Darum kümmern wir uns später“, vertröstete ihn Berion.




Kapitel 7 – Die unterirdische Festung


Berion wählte für seine Reise nach Mithrien den Landweg über Gatya. Um nicht gleich erkannt zu werden, tauschte er seine auffällige weiße Ordenstracht gegen eine schlichte khakifarbene Reisekombination.

In Doront, der einzigen größeren Ansiedlung nahe dem nunmehr verlassenen Dorf Sanh, quartierten er und Uggx sich in einem Gasthof ein. Tagsüber streiften sie auf getrennten Wegen im Ort und in der Umgebung umher und kehrten regelmäßig in den drei Wirtshäusern ein, um nach auffälligen Personen Ausschau zu halten. Am Abend des zweiten Tages hatte der Shondo an einem kleinen Tisch unweit der Eingangstür in der größten Schänke des Ortes Platz genommen. Während er auf die von ihm bestellte Mahlzeit wartete, musterte er unauffällig jeden Gast, der die Wirtsstube betrat. Kurz nachdem ihm das Essen gereicht worden war, wurde die Eingangstür von einem schlanken, jüngeren Mann geöffnet. Uggx fielen sofort die Augen des Neuankömmlings auf, die im Kerzenlicht rötlich schimmerten. Es bestand kein Zweifel, dass es sich um einen Priester des Wissens handelte, obwohl er statt des Priesterornats die in Mithrien übliche Wollkleidung trug. Der Mann begab sich zur Theke des Wirtshauses und bestellte ein Getränk. Uggx beendete in aller Ruhe seine Mahlzeit. Danach starrte er unverwandt den Priester des Wissens an. Nur wenig später bemerkte der Fremde, dass er beobachtet wurde. Wie der Shondo vorausgesehen hatte, war dem Priester des Wissens dieses merkwürdige Verhalten äußerst unangenehm. Er wagte jedoch nicht, den körperlich weit überlegenen Dschungelmenschen zur Rede zu stellen. Stattdessen verließ er abrupt die Schänke, nachdem er dem Wirt eine Münze für das Getränk über die Theke geschoben hatte. Uggx folgte dem Priester des Wissens in bewusst auffälliger Weise. Die hallenden Schritte seiner mit Eisenbeschlägen verstärkten Stiefelsohlen waren nicht zu überhören. Der Fremde hastete in eine unbeleuchtete Seitengasse, um sich der Verfolgung zu entziehen. Im Gegensatz zu Obesiern konnten Dschungelmenschen aber auch in völliger Dunkelheit Dinge noch schattenhaft erkennen. Das bessere Sehvermögen und die außergewöhnliche Schnelligkeit des Shondo gaben den Ausschlag, dass der Priester nicht entkommen konnte. Uggx holte ihn mit ein paar mächtigen Sprüngen ein und stieß ihn zu Boden. Dann knebelte er den zappelnden Mann, warf ihn sich wie einen Sack über die Schulter und ging zu dem Gasthof, in dem er und Berion Zimmer gemietet hatten.

Der Höchste Priester erspähte schon vom Fenster aus im unsteten Licht der vor dem Wirtshaus flackernden Lampe den Shondo mit seiner menschlichen Last. Daraufhin streifte er sich rasch die Ordenstracht über. Währenddessen trug Uggx den wütend um sich schlagenden Priester die Treppe hoch und stellte ihn im Zimmer Berions wie eine Puppe auf die Füße. Der völlig verdutzte Mann erkannte sofort seinen obersten Ordensherrn.

„Eminenz“, stammelte der Priester verwundert, nachdem Uggx ihm den Knebel abgenommen hatte. Sofort stellte er seine Gegenwehr ein.

„Ihren Namen!“, verlangte Berion.

„Ronhil“, kam es verängstigt zurück.

„Sie kennen die Charta, Ronhil?“ fragte der Höchste Priester streng.

Der junge Priester sah verlegen zu Boden und gab keine Antwort. Das bestätigte Berions Verdacht, dass Ronhil in dem geheimen Stützpunkt der Obesier arbeitete und natürlich auch wusste, dass er damit gegen fundamentale Regeln des Ordens verstieß.

„Ich kann Sie kraft einfachen Dekrets aus dem Orden ausschließen“, hielt Berion ihm vor.

Ausgeschlossene Priester waren praktisch vogelfrei. Sie wurden durch ein Brandmal am Hals gekennzeichnet und verloren damit jeglichen Schutz der Gemeinschaft und ihren gesamten Besitz. Wegen des Misstrauens, das den Ausgestoßenen naturgemäß entgegengebracht wurde, hatten sie überdies kaum die Möglichkeit, überhaupt noch eine Arbeit zu finden.

„Und Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Ihnen gegen mich auch die ganze Armee Obesiens nicht helfen kann und schon gar nicht dieses nur aus Schwachköpfen bestehende Kollektiv“, betonte der Höchste Priester selbstbewusst.

Ronhil wusste um die Macht und das Ansehen Berions. Sich mit ihm anzulegen würde sicherlich noch gefährlicher sein als einen Streit mit der Heeresführung zu riskieren. Er schwieg weiterhin betreten wie ein bei einem Diebstahl erwischtes Kind.

„Sie werden jetzt zu der Festung zurückkehren und dort niemandem von unserem Gespräch berichten“, wies Berion ihn an. „Morgen früh werden Sie uns hier abholen und zu der Festung bringen.“

Nur allzu gerne hätte Berion dem Priester die Frage gestellt, was in dem Stützpunkt vor sich ging. Aber sicher wäre es nicht vorteilhaft gewesen, wenn ein einfacher Priester erkannt hätte, dass er mehr wusste als die oberste Autorität des Ordens. Auch Ronhil stellte die eine Frage nicht, die ihn am meisten beschäftigte. Und so schlich er gesenkten Hauptes von dannen.

Wie befohlen kehrte er am nächsten Morgen zurück, um den Höchsten Priester zu dem Stützpunkt zu bringen, der ihm nach der Charta und der Konvention schon vor seiner Errichtung hätte bekannt sein müssen.

 

Nach einem zweistündigen Marsch erreichten die drei Männer den Standort der Anlage, die von außen nicht zu erkennen war. Der Eingang zu der unterirdischen Station lag in einer Felsmulde. Dort hatte man eine große Metallplatte mit dem für die Gegend typischen feinkörnigen Gestein getarnt, das mit Hilfe einer klebrigen Masse auf die Platte aufgetragen worden war. Es gab ein bestimmtes Klopfzeichen, das mit einem Schieferbrocken ausgeführt werden musste, wenn ein Mitglied der Besatzung nach einem Aufenthalt außerhalb des Stützpunkts Einlass begehrte.

Berion schickte Ronhil zurück nach Doront und trug ihm auf, dort im Gasthaus auf ihn zu warten. Dann ergriff er einen faustgroßen Stein und hämmerte wie wild auf der Metallplatte herum, bis sie geöffnet wurde. In der Luke erschienen die verbissenen Gesichter zweier obesischer Soldaten. Die Stiftlader in ihren Händen waren auf Berion und Uggx gerichtet.

„Seid ihr blind oder warum richtet ihr Waffen auf den Höchsten Priester?“ herrschte Berion die Wachen an. „Wenn ich nicht sofort hereingebeten werde, wird mein ungeduldiger Begleiter eure Schädel einschlagen!“

Zur Unterstützung dieser Drohung griff Uggx nach seinem monströsen Beil. Verunsichert senkten die beiden Wächter langsam ihre Waffen, traten zurück und gaben den Eingang frei. Nun konnte Berion die steinerne Treppe sehen, die in die Festung hinabführte. Ohne eine weitere Äußerung der Wächter abzuwarten stieg er in die Öffnung ein. Dabei erkannte er, dass von der Felsdecke nach vorne offene, mit bewaffneten Soldaten besetzte Metallkäfige herabhingen, die rundum mit eisernen Laufstegen verbunden waren.

Mit unerschütterlicher Selbstsicherheit schritten Berion und Uggx die Treppe hinab. Ein obesischer Soldat eilte die Stufen hoch, um die ungebetenen Besucher in Empfang zu nehmen.

Die Treppe endete auf einem rechteckigen Absatz, von dem aus drei in die Felsen gehauene Gänge abzweigten. Die Türen, mit denen diese Korridore gesichert werden konnten, waren nur angelehnt.

„Ich will sofort zum Leiter dieses Stützpunkts“, verlangte Berion.

Der Obesier führte ihn und seinen Begleiter beflissen in den rechten Gang, der in einen kleinen Raum mündete. Dort saß ein Wachposten hinter einem rechteckigen Tisch. Sein Abzeichen auf dem ledernen Brustpanzer wies ihn als Cinquon aus, die niederste Stufe in der obesischen Befehlshierarchie über den einfachen Soldaten.

„Der Höchste Priester will zum Leitenden Milesion“, erklärte der Führer Berions.

Die Rangordnung in der obesischen Armee war denkbar einfach und kannte nur fünf Grade. Ein Milesion stand im zweithöchsten Rang.

Der Cinquon musterte die beiden Ankömmlinge eine Zeit lang schweigend, bis Berion kurz vor einem Wutausbruch stand. Schließlich erhob sich der Obesier langsam und sagte: „Ich werde Sie zu ihm bringen, Eminenz. Aber ich bedaure, Fremde dürfen nicht in den inneren Bereich vorgelassen werden. Ihr Begleiter kann in einem der Aufenthaltsräume warten.“

„Ich werde …“, begann Berion eine wüste Drohung, aber Uggx legte ihm seine schwere, schwarze Hand auf die Schulter:

„Das ist schon in Ordnung.“

Als der Cinquon dem Leiter des Äußeren Stützpunkts meldete, dass der Höchste Priester ihn zu sprechen wünschte, zeigte sich der Milesion völlig überrascht. Als ältester Befehlshaber der „Äußeren Armee“, die derzeit über keinen Ducarion verfügte, gehörte er dem Kriegsrat von Obesien an. Aber nicht nur aus diesem Grund verfügte er über die Kenntnis, dass der Betrieb dieses Stützpunkts in Mithrien gegen die Konvention zwischen der obesischen Obrigkeit und den Priestern des Wissens verstieß. Daher war er eigentlich davon ausgegangen, dass der Höchste Priester nichts von der Anlage wusste. Aber wenn der jetzt plötzlich vor der Tür stand…

„Lassen Sie ihn eintreten“, forderte der Milesion den Cinquon auf und erwartete gespannt den Auftritt des legendären Wissenschaftlers. Der benahm sich nun freilich nicht wie ein sanftmütiger Schöngeist.

„Schicken Sie Ihr Faktotum raus, ich will mit Ihnen unter vier Augen reden“, schnaubte Berion.

Das „Faktotum“ hatte bereits verstanden und die Tür von außen geschlossen, noch bevor der Milesion eine entsprechende Weisung erteilen konnte.

„Der Betrieb dieses Äußeren Stützpunkts verstößt gegen die Konvention“, polterte Berion los. „Obwohl Sie das wissen, sind Sie dafür vielleicht nicht persönlich verantwortlich zu machen. Nach der Konvention ist aber der Höchste Priester über alle entscheidenden Entwicklungen eines Projekts zu informieren, vor allem wenn er es verlangt. Und ich verlange, jetzt über dieses Projekt unterrichtet zu werden. Und dafür sind Sie persönlich verantwortlich.“

Hatte der Milesion zuvor noch einigermaßen entspannt in seinem Hochlehner gesessen, war er nun ziemlich zusammengesunken. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg aus dem Dilemma zwischen seinen offiziellen Pflichten und den ebenso geheimen wie gesetzwidrigen Anweisungen des Kollektivs. In Obesien hätte er sich nun einfach zurücklehnen und „der Eingebung“ folgen können, die ihm sein weiteres Verhalten diktiert hätte. Aber hier im Norden gab es „die Eingebung“ nicht. Also ging er den Weg des geringsten Widerstands. Obesien war weit, Berion hingegen nah. Irgendwie würde er bestimmt auch das Kollektiv zufrieden stellen können – später, ihm würde schon etwas einfallen. In Obesien gab es ja schließlich „die Eingebung“.

„Soll ich Ihnen die Forschungsräume zeigen?“ Dem Befehlshaber der Äußeren Armee war klar, dass sich der Höchste Priester nicht mit irgendwelchen Erklärungen zufriedengeben würde.

„Habe ich nicht gerade eben förmlich darum ersucht?“, schnauzte ihn Berion ungnädig an.

Der Milesion erhob sich von seinem Stuhl und schritt voraus, den ganzen Gang zurück, bis sie an den Treppenabsatz kamen, wo sich die drei Gänge teilten.

„Hier unten herrschen beengte Verhältnisse. Beim Bau einer solchen Station muss man eben gewisse Zugeständnisse machen“, entschuldigte der Obesier die erstaunliche Schlichtheit der Anlage.

„Dennoch sehr dilettantisch“, bemerkte Berion geringschätzig. Sie nahmen nun den linken Gang, der entsprechend der Vermutung des Höchsten Priesters auf der gleichen Ebene wie der rechte verlief.

„Wohin führt der Mittelgang?“, wollte er wissen.

„Zu den Mannschaftsunterkünften“, antwortete der Milesion knapp. Berion hatte erkannt, dass der Mittelgang in Fortsetzung der Treppe zu einem tiefer gelegenen Geschoss führte. Die Erklärung des Milesions schien demgemäß plausibel.

 

Nach etwa fünfzig Metern war der Rest des Ganges durch eine schwere Gittertür aus Metall gesichert. Der Wachposten öffnete diese Tür sofort, als sich der Milesion und der Höchste Priester näherten.  Der Gang verlief zunächst weiterhin in die gleiche Richtung. Kurz darauf beschrieb er aber einen kurzen Bogen nach rechts und mündete in einen großen Raum, dessen Boden teilweise von Blättern und Essensresten bedeckt wurde. Aufgrund seiner wissenschaftlich geschulten Kombinationsgabe fiel Berion sogleich auf, dass hier eigentlich ein ziemlich entsetzlicher Gestank hätte herrschen müssen. Das war aber nicht der Fall. Fast gleichzeitig erfasste er den Grund, warum nur ein leicht unangenehmer Geruch in der Luft lag: An diesem Ort war es bedeutend kühler als in allen anderen Räumen. Jetzt erst wurde dem Höchsten Priester bewusst, dass in den übrigen Räumen obesische Temperaturen herrschten.

„Sie führen mich zu der Müllhalde der Station?“ fragte er gefährlich leise.

„Nein, nein“, beeilte sich der Milesion zu versichern und zeigte auf die gegenüberliegende Wand. Berion sah dort nichts als sechs Mon‘ghale, die aber nicht den für diese Tiere kennzeichnenden schwarzen Farbton, sondern eine eher graue Färbung aufwiesen. Auf die Wand war ein großer, weißer Kreis aufgetragen.

Dem Höchsten Priester schoss die Zornesröte ins Gesicht, und die Adern auf seiner Stirn schwollen bedrohlich an als er den Leiter des Forschungsprojekts anschrie:

„Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass Sie sich hier in einem Dreckloch verkrochen haben und einen Krieg mit dem Norden riskieren, nur um UNGEZIEFER zu züchten?“

„Wir haben keinen Grund, die Nordländer zu fürchten“, widersprach der Milesion standhaft.

Berion brüllte noch lauter: „Weil Sie überhaupt nichts wissen, Sie verdammter Narr!“

*

Bondras war der wichtigste Grenzübergang zwischen Surdyrien und Obesien. Am Fuß zweier Mittelgebirge erstreckte sich eine ausgedehnte Tiefebene, die von Dirtos im Zentrum Surdyriens bis Tirestunom im Nordwesten Obesiens reichte. Surdyrier und Obesier hatten dort die breiteste Handelsstraße auf dem ganzen Kontinent angelegt, über die vorwiegend Rohstoffe aus den Minen Surdyriens nach Obesien und Fertigprodukte und Nahrungsmittel aus dem Norden Obesiens nach Dirtos und Lauros, den beiden größten Städten Surdyriens, transportiert wurden.

Die Grenzstation Bondras stellte gewissermaßen den Brennpunkt für den gesamten Verkehr zwischen Surdyrien und Obesien dar. Deshalb zählte ihre Überwachung für den Berater zu den wichtigsten Erkenntnisquellen für die rechtzeitige Feststellung von Gefahren, die den Vereinten Nordlanden aus diesem Raum drohten. Zu diesem Zweck hatte er in unmittelbarer Nähe der obesischen Grenzstation ein Gasthaus erworben. Es stand vorgeblich unter surdyrischer Leitung, wurde aber tatsächlich von Gatyern betrieben. Noch bevor Unitor und Uggx in Zogh aufgebrochen waren, hatte sich ein Bote im Auftrag des Beraters nach Obesien begeben und dort den Eisgrafen Sestor aufgesucht. Er bat diesen, nach Bondras zu reiten und persönlich den Grenzverkehr zwischen Surdyrien und Obesien im Auge zu behalten. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme hatte der Berater einmal mehr sein einzigartiges Gespür für gefährliche Entwicklungen bewiesen.

Seit seinem Eintreffen in Bondras lungerte Sestor tagsüber meist scheinbar untätig auf einem kleinen Hügel in der Sonne herum. Von dieser Anhöhe aus hatte er einen freien Blick auf die Grenzstation. Abends bediente er in der Schankstube die Gäste und belauschte Teile ihrer Gespräche. Dabei gelang es ihm, derart liebenswürdig und gleichzeitig ungeschickt zu wirken, dass ihn jeder mochte, aber niemand ihn richtig ernst nahm. Am fünften Tag seines Aufenthalts erschien am frühen Abend ein sehr kleiner, kahlköpfiger Mann in der Gaststätte. Sein auffälligstes Merkmal war ein in wirren, roten Fäden bis auf die Brust herabhängender Bart. Er setzte sich an einen Tisch im Hintergrund des Schankraums und bestellte bei einer der gatyschen Bediensteten die halbe Portion eines Essens, das normalerweise aus zwei gebratenen Tauben und Beilagen bestand. Sestor beschloss, die weitere Bedienung dieses Gastes selbst zu übernehmen. Da er aber natürlich um die Gefährlichkeit der Mivv aus Oot wusste, verzichtete er ausnahmsweise darauf, tölpelhaft Getränke auf dem Tisch zu verschütten oder die gebratene Taube ein letztes Mal kurz fliegen zu lassen und mit der Hand aufzufangen. Stattdessen stellte er das Mahl ordentlich vor dem Gast ab. Der Steppenmensch nickte kurz und verschlang dann das Essen mit schnellen, quirligen Bewegungen. Anschließend winkte er Sestor an seinen Tisch, zahlte und verlangte, den Wirt zu sprechen.

Sestor führte ihn in ein Nebenzimmer, wo der surdyrische Wirt die Abrechnungen erstellte und Besprechungen abzuhalten pflegte. Zu Sestors Überraschung erklärte der kleine Steppenmann mit seiner zischelnden Stimme, dass er ihn unter vier Augen zu sprechen wünschte; gemeint war aber nicht der Wirt, sondern Sestor selbst.

Nachdem der Wirt das Zimmer verlassen hatte, fragte der Mivv:

„Sie sind ein Eisgraf, nicht wahr?“ Als er den harten Blick und Sestors völlig veränderten Gesichtsausdruck wahrnahm, fügte er schnell hinzu: „Keine Angst, ich bin nicht hier, um Ihre Tarnung auffliegen zu lassen, sondern um Ihnen wichtige Nachrichten zu bringen.“

Sestor entspannte sich wieder, während der seltsame Gast fortfuhr:

„Eisgraf Unitor wurde in Lauros von den Obesiern gefangen genommen. Sie werden ihn zweifelsohne nach Modonos bringen. Dabei benutzen sie bestimmt nicht diesen Grenzübergang hier, sondern einen der beiden Gebirgspässe im Norden. Sie sollten Ihre Freunde in Obesien benachrichtigen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Kollektiv den Eisgraf zuerst verhören und dann öffentlich hinrichten wird, um die Stärke und Entschlossenheit Obesiens zu demonstrieren.“

„Wer schickt Sie?“, wollte Sestor wissen.

„Jemand der keinen Krieg mit dem Norden will“, orakelte der Mivv. „Mehr darf ich Ihnen nicht sagen. Passen Sie auf sich auf!“

Damit ging der Steppenmensch und ließ einen völlig verunsicherten Eisgrafen zurück. Der Hüter des Größten aller Eisbäume war also bereits bei seinem ersten Einsatz gescheitert und gefangen genommen worden! Wieso hatte der Berater nicht erkannt, dass Unitor die notwendige Erfahrung für einen solchen Einsatz noch fehlte? Jetzt wurden auch noch andere Eisgrafen in Gefahr gebracht, ohne dass die Aktion einen Erfolg gezeitigt hatte.

Sestor informierte den surdyrischen Wirt über seine bevorstehende Abreise, holte sein Bergpferd aus dem Stall und trat noch an diesem Abend den Rückweg nach Modonos an.

Bewusst ritt er zu dem hell erleuchteten Gebäude der Grenzwache, wo ihn die diensthabenden Posten, die ihn aus der Gastwirtschaft kannten, müde durchwinkten.

Im nördlichen Obesien ließ ein trübes Dämmerlicht erahnen, dass die Sonne in dieser Jahreszeit nicht sehr tief hinter dem Horizont versunken war. Während der gesamten Nacht blieb der Schimmer einer fahlen Beleuchtung erhalten. Nur wenn dicke Wolken aufzogen, konnte es stockfinster werden. Aber Sestor hatte Glück. In der sternenklaren Nacht kam er auf der gut ausgebauten Handelsstraße schnell voran.

Nach dreistündigem Ritt hörte er das leise Plätschern eines Bachlaufs. Er beschloss, sich und seinem vierbeinigen Gefährten eine Rast zu gönnen. Er nahm dem Pferd den Sattel ab und klopfte ihm zärtlich auf den Hals. Der aufsteigende Dampf des feuchten Fells kräuselte sich im milchigen Dunstlicht unter dem sternenklaren Firmament. Der Bachlauf befand sich hinter einer Böschung am Straßenrand. Sestor tränkte sein Tier und füllte von dem klaren Wasser in seinen Trinkschlauch. Danach setzte er sich auf den Kamm der Böschung und begann, auf dem schon etwas angetrockneten surdyrischen Stangenbrot herumzukauen. Nach ein paar Bissen verstaute er den Rest des Brotes in der Satteltasche. Beim Verschließen des Lederriemens hörte er Hufgetrappel. Es kam von Süden, aus der Richtung, in der Modonos lag. Noch konnte Sestor nichts erkennen. Aber bereits wenig später schälte sich eine Gruppe von sechs Reitern aus der nebelhaften Dunkelheit. In leichtem Trab näherten sie sich dem Rastplatz des Mithriers. Erst als sie ihn fast erreicht hatten, sah Sestor, dass sie die Kleidung und den Wappenbär des obesischen Landheers von Modonos trugen. Der Eisgraf fluchte lautlos. Hätte er bereits auf seinem schnellen Pferd gesessen, hätte er im Notfall ohne Schwierigkeiten entkommen können. Nun aber lenkten die fremden Reiter ihre Pferde in einer breiten Linie langsam auf ihn zu.

Der mutmaßliche Anführer, ein für obesische Verhältnisse ungewöhnlich schmächtiger Mann, drängte sein Pferd etwas näher heran und fragte Sestor, was er hier mitten in der Nacht zu suchen habe. Als der Mann eine Sturmlaterne entzündete, konnte Sestor seine rötlichen Augen sowie das Brandmal an seinem Hals erkennen und war sofort alarmiert. Ein ausgestoßener Priester des Wissens in obesischer Uniform erschien ihm wie ein Wolf in einem Hunderudel. Nun bemerkte er auch, dass es sich bei den Begleitern des Priesters zwar offensichtlich um Obesier handelte, die aber keineswegs den für obesische Soldaten typisch ausdruckslosen Blick besaßen. „Wegelagerer“, zuckte es Sestor durch den Kopf. Zweifellos eine Räuberbande! Gegen sechs Männer hatte er auch als Eisgraf keine Chance, wenn sie entschlossen genug vorgingen. Seine Hand zuckte zum Schwert, aber da hatte einer der Ausgestoßenen bereits seinen Stiftlader auf ihn gerichtet. Sestor setzte reaktionsschnell den „vernichtenden Blick“ ein. Der Mann wurde von einer wabernden Blase erfasst und im nächsten Augenblick war der Sattel seines Pferdes leer. Ein wenig Staub rieselte neben der Satteltasche herunter.

„Ein Eisgraf!“, schrie der ehemalige Priester des Wissens in Panik, wendete sein Pferd und galoppierte davon. Ein weiterer Mann folgte ihm. Die verbliebenen drei aber trieben ihre Pferde auf Sestor zu. Der Mithrier stach mit seinem Schwert nach dem Vordersten. Dieser konnte sich jedoch durch eine schnelle Drehung dem tödlichen Stoß entziehen.

Plötzlich huschte ein kleiner, berittener Schemen mitten unter die Wegelagerer. Während Sestor schon zum nächsten Schlag ausgeholt hatte, flog ein Schwert vor seine Füße, dessen Griff noch von einer abgetrennten Hand umklammert war. Sekunden später brüllte ein weiterer Reiter vor Schmerz. Der linke Teil seines Unterleibs wies einen gräßlichen Schlitz auf, aus dem Gedärme hervorquollen. Sein Pferd machte ein paar Sätze ehe der Körper herabfiel und noch kurz zuckte. Dann stand der kleine Angreifer bereits über ihm und trennte ihm mit einem offenbar vielfach eingeübten Hieb den Kopf ab.

Der dritte Mann, der Sestor angegriffen hatte, galoppierte davon als seien die Sieben Dämonen hinter ihm her.

Das wieselflinke Pferd des Steppenmenschen, noch kleiner als Sestors Bergpferd, stand wie eine Statue mitten auf der Straße, nachdem sein Besitzer abgesprungen war. Der säuberte inzwischen seinen blutigen Krummsäbel an der Jacke des Toten.

„Wieso sind Sie mir gefolgt?“ fragte Sestor.

„Das ist meiner Aufgabe geschuldet. Ich habe dafür zu sorgen, dass unsere Botschaft auch wirklich bei den richtigen Leuten in Modonos ankommt“, antwortete der Mivv.

Nachdem er seine Überraschung überwunden hatte, sagte Sestor: „Sie überbringen mir eine wichtige Botschaft, retten mir das Leben, und ich kenne nicht einmal Ihren Namen.“

„Stimmt es, dass die Eisgrafen ihre Versprechen immer halten?“, fragte der Mivv.

„Wenn sie ein Versprechen geben – ja“, bestätigte der Mann aus Marandia.

„Falls Sie jemals nach Oot kommen: Würden Sie mir versprechen, dort niemals zu erwähnen, dass Sie mich getroffen haben?“ Sestor erschien dies ein seltsames Ansinnen. Andererseits fiel es ihm umso leichter, die Frage vorbehaltlos zu bejahen.

Daraufhin gab der Mivv seinen Namen preis: „Man nennt mich Zidis.“

Sestor lächelte: „Dann kann ich mich jetzt wenigstens auf eine persönliche Weise bei Ihnen bedanken. Warum aber so geheimnisvoll, Herr Zidis?“

„Einen „Herr“ kennt mein Volk nicht“, korrigierte der Mivv.

„Und wie wäre bei Ihrem Volk die richtige Anrede?“ erkundigte sich Sestor.

„Mipf der Steppe. In manchen Ländern würde man das als „König“ bezeichnen. Aber Zidis genügt vollkommen.“ Bei diesen Worten ergriff der Mivv die Zügel seines Pferdes. Bevor Sestor noch etwas sagen konnte, hatte sich der Steppenmensch bereits in den Sattel geschwungen. In Windeseile verschwand er im Dämmerlicht.

Sestor sah ihm gedankenverloren nach. Er beendete seine ebenso kurze wie ungemütliche Pause, stieg wieder auf sein Pferd und ritt weiter der obesischen Hauptstadt entgegen. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Erleichterung, auf diesem gefährlichen Weg einen kleinen, königlichen Schatten hinter sich zu wissen, der jedenfalls für seine Feinde offenbar noch viel gefährlicher war als Sestor in Bondras gedacht hatte.

*

Unitor wachte zweimal auf und fiel jedes Mal wieder in die Bewusstlosigkeit zurück, nachdem die dröhnenden Gongschläge in seinem Kopf nicht nachließen. Die Finsternis vor seinen Augen wollte sich einfach nicht lichten. Beim dritten Mal fühlte er zudem, dass er seine Hände nicht bewegen konnte und sein Körper in einer eintönigen Weise durchgerüttelt wurde. Langsam dämmerte ihm, dass er sich offenbar gefesselt in einem fahrenden Wagen befand. Sein Kopf und seine Augen waren verbunden.

Die Reise auf dem Meer nach Lumbur-Seyth war das Letzte, woran er sich erinnern konnte. Was hatte sich danach ereignet? Wieso war er gefesselt? Das Nachdenken über diese Fragen strengte ihn so sehr an, dass er sogleich wieder in eine schwarze Leere versank.

Als er dann endgültig aufwachte, lag er ruhig auf einer mit Stroh und einem großen, grob gewebten Tuch gepolsterten Holzpritsche.

Die Schmerzen waren weitgehend abgeklungen. Sehen konnte er immer noch nichts; aber das lag an dem Kopfverband.

Er hörte Stimmen, von denen er keine kannte. Dann sagte jemand neben seinem rechten Ohr:

„Sind Sie wach? Nicken Sie einfach nur, wenn Ihnen das Sprechen schwerfällt.“

„Wo bin ich?“ Ein heiseres Krächzen, das Unitor kaum als seine eigene Stimme erkannte.

„Sie sind im Zentralverlies von Modonos. Mein Name ist Telimur“, erklang die Stimme von soeben erneut.

„Was tue ich hier?“, stöhnte Unitor.

„Sie sind ein Gefangener des obesischen Volkes und sollen wegen Geheimnisverrats hingerichtet werden“, erklärte Telimur wahrheitsgemäß.

Unitors Kopf fiel kraftlos zurück: „Ich erinnere mich nicht.“

„Sie wurden nahe der Grenze zu Gatya gefasst, als Sie mit geheimen Unterlagen in den Norden fliehen wollten“, behauptete der Priester des Wissens. Auch daran konnte sich Unitor nicht erinnern.

„Ich werde Sie eine Zeit lang jeden Tag besuchen, um Ihnen zu helfen, ihr Gedächtnis zurückzuerlangen“, kündigte Telimur an. „Aber jetzt ruhen Sie sich erst einmal aus.“

Telimur erschien der Gedächtnisverlust Unitors plausibel, nachdem ihm der Vertreter des Kollektivs mitgeteilt hatte, dass ein Shondo den Eisgrafen bei der Festnahme mit einem Beil niedergeschlagen hatte. Aber wie sollte man jemand verhören, der sich an nichts erinnern konnte? Also beschloss Telimur, erst einmal dafür zu sorgen, dass Unitor sein Gedächtnis zurückerlangen würde.

*

Berion hatte den abtrünnigen Priester Ronhil auf seiner Rückreise mit nach Modonos genommen. Gleich bei der Ankunft wies er ihn an, dem Kollektiv seine Vorsprache am kommenden Tag anzukündigen. Dann begab er sich zu seinem Stellvertreter.

Saradur war sichtlich verärgert, weil ihn der Ordensleiter ohne Absage in Lauros versetzt hatte. Nachdem Berion die Dringlichkeit seiner Mission erläutert und von der geheimen Station in Mithrien berichtet hatte, wurde der Ärger Saradurs nicht geringer, richtete sich aber anscheinend immer mehr gegen das Kollektiv. Dennoch ließ er den Bericht erst einmal einige Zeit auf sich einwirken, bevor er schließlich sagte: „Es ist völlig klar, dass wir diesen Bruch der Konvention nicht einfach hinnehmen können. Dennoch wüsste ich gerne, worum es da überhaupt geht. Die Forschungen selbst zielen ja wohl nicht gegen den Orden.“

„Ich bin auch der Meinung, dass es sich eher um ein militärisches Projekt handelt“, stimmte Berion zu. „Der Standort der Anlage lässt vermuten, dass es sich gegen den Vereinten Norden richtet. Warum wurden wir nicht eingeweiht? Anscheinend versuchen sie, Mon‘ghale zu züchten, die die eisigen Temperaturen im Norden überleben können. Aber was haben sie davon? Diese nichtsnutzigen Würmer sind doch nicht als Waffen geeignet. Und wieso sind diese stumpfsinnigen Obesier überhaupt in der Lage, ein solches Forschungsprojekt zu planen und zu leiten?“

„Sie haben wohl Priester des Wissens angeheuert“, sprach Saradur das Offensichtliche aus.

„Ja, aber die hatten offenbar weder die Idee für das Projekt noch haben sie die Leitung“, betonte Berion und nickte nachdenklich. „Aber jetzt wo Sie das sagen, fällt mir ein, dass der Milesion, der der Anlage vorsteht, nicht diesen stumpfsinnigen, typisch obesischen Blick hatte. Und seine Bewegungsabläufe waren irgendwie anders. Wie dem auch sei, morgen werde ich vom Kollektiv verlangen, dass dieses Projekt sofort eingestellt und der Stützpunkt aufgegeben wird. Wir können keinen offenen Krieg mit dem Norden riskieren.“

Die Tatsache, dass kein Widerspruch erfolgte sowie ein rascher Blick in Saradurs Augen bestätigten Berion, dass der Ordenssprecher wohl das Gleiche wusste wie er. Aber woher? Saradur hatte diesen Blick bemerkt und wechselte schnell das Thema: „Die Armee hat an der Grenze zu Gatya einen Eisgrafen gefangen genommen, der angeblich geheime Dokumente außer Landes schmuggeln wollte. Sie lassen ihn jetzt hier in Modonos durch einen Gesprächsforscher des Ordens verhören und beabsichtigen, ihn hinzurichten. Auch das kann diplomatische Verwicklungen mit dem Norden geben.“

„An der Grenze zu Gatya? Wie heißt der Mann?“ fragte Berion.

„Unitor“, erwiderte der Ordenssprecher.

Der Höchste Priester runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf: „Dann haben sie ihn gleich zweimal festgenommen. Mir liegen Berichte vor, wonach er in Lauros verhaftet wurde.“

„Obesien hat offiziell keine hoheitlichen Befugnisse in Surdyrien“, gab Saradur zu bedenken. „Außerdem brauchen sie einen Grund, um ihn hinzurichten.“

„Ich werde auch diese Sache zur Sprache bringen“, versicherte Berion, obgleich er das nicht vorhatte.

*

Selbst die Mitglieder des Kollektivs von Obesien trugen die schlichten, rotbraunen Hosen und Hemden aus Leder, wie sie bei den Angehörigen der stehenden Heere gebräuchlich waren. Berion hatte sein blütenweißes Ordensgewand angelegt mit dem roten Kreis des „Inneren Zirkels“ und dem stilisierten, aus neun blauen Linien bestehenden Kubus, dem Symbol des Höchsten Priesters. Die sieben Mitglieder des Kollektivs hatten sich vollzählig eingefunden. Ihre offiziellen Amtsbezeichnungen lauteten Ares-1 bis Ares-7, wobei die entsprechenden Ziffern schwarz auf den Brusttaschen der ansonsten schmucklosen Lederkombinationen aufgestickt waren.

„Ich habe Sie um diese Unterredung ersucht, weil die Konvention von Ihnen in einer nicht hinzunehmenden Weise verletzt wurde.“ Eine Anrede oder irgendwelche Höflichkeitsbezeugungen hielt der Höchste Priester anscheinend nicht für angezeigt.

„Wovon reden Sie?“ fragte Ares-6.

„Sie wissen genau, wovon ich rede“, gab Berion zurück. „Dieser unnütze Geheimstützpunkt in Mithrien, wo dieses ekelhafte Gewürm gezüchtet wird.“ Als er seinen Blick durch den Raum gleiten ließ, sah er an den Wänden einige Mon‘ghale, die überdurchschnittlich groß zu sein schienen – sieben, wenn er richtig gezählt hatte.

„Das ist ein militärisches Projekt, welches für Obesien überlebensnotwendig ist. Wegen des strategischen Bezugs handelt es sich um Fragestellungen, die für die Denkweise der Priester des Wissens nicht geeignet gewesen wären“, versuchte Ares-2 den Konventionsbruch zu bemänteln.

„Das ist doch haarsträubender Unsinn“, schimpfte Berion. „Ich möchte hier nicht darüber debattieren, wessen strategisches Denken besser ausgeprägt ist. Oder genauer gesagt: wessen Denkvermögen überhaupt ausgeprägt ist. Auf jeden Fall hätten Sie mich nach der Konvention von dem Vorhaben in Kenntnis setzen müssen.“

„Wir hätten auch einfach die Konvention kündigen können“, schnarrte Ares-7.

„So so, Sie hätten also einfach die Konvention kündigen können, Sie Schwachkopf“, schrie Berion außer sich vor Zorn. „Ohne unsere Erfindungen und Informationen würden unser Volk und unser Land längst nicht mehr existieren! Und genau das wird passieren, wenn Sie dieses Loch in Mithrien nicht zuschütten! Sie riskieren einen offenen Krieg mit den Nordländern!“

„Die Nordländer sind für uns keine ernst zu nehmenden Gegner“, widersprach Ares-7 mit monotoner Stimme. Berion zwang sich zur Ruhe:

„Sie sind noch viel dümmer und uninformierter als ich geglaubt hatte. Jetzt zeigt sich auch, warum Sie uns dringender zum Überleben brauchen als alles andere. Der Norden hat im Verborgenen eine riesige Armee in Zogh aufgebaut. Sie steht unter dem Kommando der genialsten Strategin, die die Welt je gesehen hat. Wenn die losgelassen wird, wird sie ganz Obesien niedermachen und auch Sie zerquetschten und Ihr geliebtes Ungeziefer hier gleich mit.“ Seine raumgreifende Handbewegung bezog sich auf die an den Wänden sitzenden Mon‘ghale.

Ein langes, betretenes Schweigen folgte. Schließlich sagte Ares-2: „Wir können die Station nicht einfach schließen“.

„Warum nicht?“, wollte der Höchste Priester wissen.

„Weil wir dann fast zweihundert Mithrier töten müssten“, eröffnete ihm Ares-2. „Das würde auf jeden Fall zum offenen Krieg führen. Sie haben in Doront nicht alles gesehen.“ Da fiel Berion wieder der mittlere Treppenabgang ein, der angeblich zu den Mannschaftsquartieren führte.

*

Einige Meilen westlich von Modonos lag auf einer weitläufigen Anhöhe das Ruinenfeld von Derfat Timbris. Hier hatte sich das religiöse Zentrum des Volkes von Dunstein befunden, von dessen Existenz nur noch steinerne Zeugen einer längst vergangenen Zeit kündeten. Wenn der Wind zwischen den alten, abgebrochenen Säulen und eingestürzten Mauern hindurch heulte, schien das Wehklagen des untergegangenen Volkes in den Trümmern aufzuleben.

Auch Sestor und Tritor konnten sich der Ehrfurcht nicht entziehen, die dieser besondere Ort auslöste, wenn er die Herzen feinfühliger Menschen berührte. Die beiden Eisgrafen hatten für ihr Treffen Derfat Timbris allerdings nicht wegen der historischen Schwermut gewählt, die auf diesem Hügel lastete, sondern weil hier eine ungestörte Unterredung möglich schien. Obesiern fehlte der Sinn für derart mystische Orte.

Für die geplante, tollkühne Befreiung Unitors während der Hinrichtungszeremonie mitten im Zentrum der obesischen Hauptstadt kam für Sestor als Wunschpartner eigentlich nur der todesmutige Eisgraf aus Zogh in Betracht. Tritor überragte seinen Freund aus Marandia um mehr als einen Kopf.

Hier in der Einsamkeit der zerstörten Tempelstadt hatten beide Eisgrafen auf ihre Kopfbedeckungen verzichtet. Die schwarzen Haare Sestors sowie Tritors weiße Mähne flatterten wie Fahnen im Wind, als die beiden auf der Steinbank vor den Trümmern des großen Turmes ihren Plan besprachen. Zuvor hatte Sestor seinem Gefährten über Unitors Gefangennahme und seinen eigenen Ritt von Bondras nach Modonos berichtet.

„Es ist praktisch unmöglich, Unitor aus den Kerkern von Modonos zu befreien. Wir haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn wir bei der Hinrichtungszeremonie zuschlagen“, meinte Sestor. „Einer von uns muss im entscheidenden Augenblick einen Aufruhr auf dem „Platz der Einkehr“ auslösen und dabei versuchen, Unitor wegzubringen. Ich werde das übernehmen müssen, weil du auf dem Platz zu auffällig wärst. Du müsstest dafür die Wächter bei Unitor mit dem „vernichtenden Blick“ aus einem Versteck heraus erledigen.“

Tritor nickte zustimmend: „Ich war schon mehrfach in der ‚Herberge zur Hohen Gastlichkeit‘. Dort gibt es kleine Balkone an der Außenfront, von denen aus man auf den Hinrichtungsplatz sehen kann. Ich werde kurz vor der Hinrichtung auf dem obersten Balkon stehen. Wenn die Wächter mit Unitor die Treppe zum Schafott hochgehen, habe ich die beste Sicht. Ich werde von dort aus den „vernichtenden Blick“ einsetzen. Aber das bringt noch nicht die notwendige Panik.“

„Lass das meine Sorge sein“, entgegnete Sestor. „Ich mische mich unter das Volk auf dem Platz. Bevor Unitor die erste Stufe der Treppe betritt, werde ich den Seitenpfeiler der großen Tribüne zerstören. Wenn die Tribüne dann einstürzt, wird es die notwendige Panik geben. Ich sehe zu, dass ich dann schon in der Nähe des Hinrichtungspodests bin. Ich nehme den Ornat eines Priesters des Wissens mit und ziehe ihn Unitor über. Wir können nur hoffen, dass das allgemeine Durcheinander ausreicht, um zu entkommen. Du musst uns von deinem Balkon aus im Auge behalten und eingreifen, wenn es gefährlich wird. Ich werde ebenfalls einen Priesterornat tragen.“ Tritor hatte keinen Einwand. Damit war die Rollenverteilung beschlossene Sache. Alles Weitere würde sich an Ort und Stelle ergeben müssen. Die beiden Eisgrafen unterhielten sich danach eine weitere Stunde über Dinge, die sie sonst noch in Obesien in Erfahrung gebracht hatten. Dann verabredeten sie, sich aus Gründen der Sicherheit vor dem Tag der Hinrichtung nicht mehr zu treffen.

Sestor und Tritor verließen die geschichtsträchtigen Tempelruinen des Volkes von Dunstein in verschiedene Richtungen. Es war Tritors letzter Ritt.

*

Als Arakhad mitgeteilt bekam, dass im Besprechungszimmer jemand auf ihn wartete, rechnete er mit dem Besuch seines Centrons, der ihm für die in Kürze stattfindende Exekution des Eisgrafen letzte Anweisungen erteilen würde.

Umso überraschter war er, dass der Besucher nicht nur den weißen Ornat der Priester, sondern zudem noch das Emblem des Inneren Zirkels und den Kubus des Ordensleiters trug. Besonders die wie brennende Kohlen glühenden Augen des Mannes machten Arakhad nervös, obwohl er ansonsten als äußerst hartgesottener Kämpfer der Geheimen Schar galt.

„Setzen Sie sich“, sagte der Höchste Priester und bot Arakhad einen Stuhl an, gerade so als ob ihm das Zimmer gehörte. Weisungsgemäß setzte sich der Soldat. Berion blieb stehen.

„Aus dem Einsatzplan habe ich entnommen, dass Sie bei der Hinrichtung Dienst in der „Herberge zur hohen Gastlichkeit“ haben, und zwar im fünften Stock“, begann der Höchste Priester ein Gespräch, das sehr einseitig verlief. „Jawohl“, bestätigte Arakhad.

„Es gibt Hinweise, dass ein Eisgraf versuchen könnte, die Hinrichtung zu stören. Ich werde Ihnen jetzt sagen, wie Sie sich in diesem Fall verhalten werden. Sie müssen sich aber ganz genau nach meinen Anweisungen richten. Haben Sie das verstanden?“ erkundigte sich Berion.

„Jawohl“, bestätigte Arakhad wiederum.

„Gut. Also: Der Eisgraf wird sich im sechsten Stock, genau ein Stockwerk über Ihnen in einer der Aussichtslogen befinden. Sie dürfen dort aber erst hingehen, sobald Sie seine Gehirntätigkeit bemerken, auf keinen Fall vorher. Wenn Sie die Schwingungen spüren, rennen sie los. Da er seine Aufmerksamkeit auf den Hinrichtungsplatz gerichtet haben wird, können Sie ihn von hinten erstechen. Ist das klar?“ vergewisserte sich Berion.

„Jawohl“, bestätigte Arakhad erneut.

„Dann können Sie jetzt wieder gehen und Sie werden über unser Gespräch absolutes Stillschweigen bewahren“, befahl der Höchste Priester.

„Jawohl“, bestätigte Arakhad abermals.

Berion hasste den Gedanken, einen Menschen zum Tod zu verurteilen. Aber nach seiner Sichtweise gab es eben Dinge, die gewichtiger wogen als das Leben eines Menschen. Zum Beispiel das Leben vieler Menschen.

*

Der angekündigte Besuch des Höchsten Priesters konnte eigentlich nur bedeuten, dass das Kollektiv mit dem bisherigen Verlauf der Verhöre unzufrieden war. Aber genau genommen hatten die Verhöre ja noch nicht einmal richtig begonnen. Telimur spürte eine aufkeimende Verunsicherung. Als Berion den Raum betrat, trug er eine große, lederne Tasche bei sich, die er neben dem Stuhl absetzte, auf dem er ungefragt Platz nahm.

„Ich bin Berion, aber das wissen Sie ja. Und Sie sind Telimur, das weiß ich“, fasste der Höchste Priester zusammen.

Eine ungewöhnlich einseitige Art der Vorstellung“, dachte Telimur.

Berion kam sogleich zur Sache. „Wie weit ist das Verhör gediehen?“ erkundigte er sich.

„Ich konnte noch gar nicht richtig anfangen, weil ich erst einmal den Gedächtnisverlust behandeln musste, der durch den Schlag bei der Festnahme verursacht wurde“, berichtete Telimur. Berion beugte sich vor und zog aus seiner Tasche einen Stapel Papiere heraus, den er vor sich auf den Tisch knallte. „Sie werden den Eisgrafen in Ruhe lassen und dem Kollektiv das hier geben. Das sind die Verhörprotokolle“, verkündete er.

Telimur sah den Höchsten Priester fassungslos an.

„Ist – ist das – nicht –“, stammelte er und suchte nach dem passenden Wort, „– gesetzwidrig?“ 

Das war sicherlich nicht ganz das passende Wort.

„Mein lieber Freund“, sagte Berion sanft. „Ich werde gleich noch ganz andere Dinge von Ihnen verlangen müssen, gegen die das hier harmlos ist. Manchmal bezweifle ich, dass diese Idioten im Kollektiv überhaupt lesen können, aber spätestens beim Verstehen hört es ohnehin auf. Also ersparen Sie sich unnötige Arbeit und legen Sie ihnen diesen Kram hier vor.“

Der Höchste Priester beugte sich erneut zu seiner Tasche hinunter. Dieses Mal brachte er ein Metallband zum Vorschein und fuhr dann fort: „Vor der Hinrichtung Unitors wird man Ihnen ein Metallband geben, das genauso aussieht wie dieses hier. Sie werden die beiden Bänder vertauschen und dafür sorgen, dass die Wachen dem Eisgrafen dieses Band anlegen, während Sie ihm die Worte des Letzten Trostes zusprechen.“

Telimur schluckte, und es kam tatsächlich noch schlimmer. Diesmal griff Berion nicht in die Tasche, sondern in sein weißes Gewand und zog einen Dolch mit einer rötlich schimmernden Klinge hervor. Er legte ihn vor Telimur auf den Tisch und erklärte: „Das ist ein Dolch aus Cirrha-Erz, von dem es nur im alten Sindra winzige Vorkommen gab, die längst ausgebeutet sind. Er durchdringt Metall und alle bekannten Materialien als seien sie nicht vorhanden. Das ist ein einmaliges und unbezahlbares Stück. Verlieren Sie es nicht! Wenn Sie die Aufträge ordnungsgemäß erledigen, dürfen Sie den Dolch behalten.“

Dann senkte Berion verschwörerisch seine Stimme: „Wenn Sie den Eisgrafen am Hinrichtungstag verlassen haben, gehen Sie sofort in die „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“. Dort gibt es im obersten Stock eine Loge, von der aus man auf den Platz der Einkehr hinabsehen kann. In dieser Loge wird ein anderer Eisgraf sein. Behaupten Sie, der Berater habe Sie geschickt, um ihn zu beschützen, und zeigen Sie ihm diese Kette.“

Der Höchste Priester händigte Telimur eine Kette mit einem silbernen Anhänger aus, der einen stilisierten Würfel in einem Kreis darstellte. Dann fuhr er fort: „Stellen Sie sich neben die Zugangstür des Balkons und achten Sie darauf, dass Sie vom Flur des Gebäudes aus nicht zu sehen sind. Sobald ein Soldat der Geheimen Schar auf den Balkon tritt, werden Sie ihn mit diesem Dolch erstechen und den Balkon hinunterwerfen. Das ist sehr wichtig, weil der Absturz des Mannes eine Panik auslösen soll. Und noch eins: Sie müssen darauf achten, dass auf dem Balkon kein lebender Mon‘ghal ist. Wenn Sie einen sehen, müssen Sie ihn unbedingt töten. Ich weiß, dass Sie jetzt völlig verwirrt sind. Aber Sie haben ja noch einige Tage Zeit, um Ihre Fassung wiederzuerlangen. Wenn Sie meine Anweisungen genau befolgen, werden Sie einen verheerenden Krieg zwischen Obesien und dem Norden verhindern. Und denken Sie vor allem an die Charta!“

Die Charta war der Kodex mit den Verhaltensmaßregeln des Ordens. Sie besagte unter anderem, dass den Anordnungen des Höchsten Priesters stets ohne Frage Folge zu leisten ist, und dass ein einfacher Priester, der nicht zum Inneren Zirkel gehört, im Falle eines Verstoßes aus dem Orden ausgeschlossen werden konnte. 



Kapitel 8 – Der Tag der Hinrichtung


Für Bargin war es die Enttäuschung seines Lebens, als die Priester des Wissens während der Zeit seiner Ausbildung keine besonderen Fähigkeiten bei ihm entdecken konnten, na ja außer seiner besonders schönen Handschrift. Deshalb arbeitete er nun als Archivar des Ordens in der Akademie von Modonos und seine Hauptaufgabe bestand darin, alte Texte abzuschreiben.

Zuletzt hatte sich Bargin mit dieser Tätigkeit ebenso abgefunden wie mit dem Ort, an dem sie verrichtet werden musste. Die Arbeitsräume der Großen Bibliothek befanden sich in den Katakomben der Akademie. Dass Bargin schließlich sogar eine Vorliebe für diese Räumlichkeiten entwickelt hatte, lag allerdings in speziellen Umständen begründet. Hier unten hatte er nur wenige Berührungspunkte mit den anderen Priestern des Wissens, von denen er sich wegen seiner mangelnden Befähigungen, aber auch wegen seiner außergewöhnlichen Fettleibigkeit ausgegrenzt fühlte. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass sie ihn hinter seinem Rücken den „Fleischberg“ nannten. Vor allem jedoch hatte er seit kurzem einem Wesenszug nachgegeben, den er bis dahin mühsam unterdrückt hatte, weil er in sämtlichen Kulturkreisen des Kontinents am allermeisten verabscheut wurde: Bargin war ein Kinderschänder und Mörder übelster Art. In nur acht Monaten hatte er drei Kinder entführt, sie in den Katakomben versteckt, missbraucht und dann getötet. Die Leichen hatte er in den „Überlauf“ geworfen. Der Überlauf bestand lediglich aus einem kreisrunden Loch, das jedoch zugleich die Schnittstelle zwischen den Katakomben der Akademie und einem weit verzweigten Gangsystem unterhalb von Modonos bildete. Von den Obesiern wurde es teilweise als Kanalisation benutzt. Dieses Gangsystem stellte eines der Vermächtnisse aus dem Nachlass des Volkes von Dunstein dar, das bereits in grauer Vorzeit von der Bühne der Geschichte abgetreten war. Die Obesier profitierten in mancherlei Hinsicht bis zum heutigen Tag von den Hinterlassenschaften dieses sagenumwitterten Volkes.

Mehrere Tunnel des Kanalsystems führten zu dem kleinen Fluss Drurt westlich von Modonos. Bei anhaltenden Regenfällen kam es gelegentlich vor, dass der Drurt über die Ufer trat und das Hochwasser in die Kanäle einfloss. Dann wurden die Fluten durch den Überlauf in das große Bassin unterhalb der Akademie gepresst. Das Bassin war eine vulkanisch entstandene und von den Priestern des Wissens nachbearbeitete Felshalle. Von dort aus konnte das Hochwasser durch mehrere Öffnungen in ein unbewohntes Tal südlich der Akademie abfließen.

Vor zwei Tagen hatte wieder einmal eine solchen Überschwemmung stattgefunden. Hochwasser war aus dem Überlauf ausgetreten, und der Überlauf hatte nun seinerseits Bargin ein Geschenk hinterlassen. Als sich die Fluten wieder zurückzogen, lag zehn Meter neben dem Loch auf dem glitschigen, schwarzen Felsboden ein kleines, völlig durchnässtes und in schmutzige Lumpen gehülltes Mädchen mit einem goldblonden Lockenkopf. Trotz der Fäkalien in der Kanalisation war seine Haut erstaunlicherweise weiß wie frisch gefallener Schnee.

Bargin brachte das Kind in einen Leseraum seines unterirdischen Reiches, wo er ein kleines Bett aufgestellt hatte. Dort hatte er auch seine früheren Entführungsopfer gefangen gehalten. Tief im Inneren des fetten Priesters tobte ein Kampf zwischen seinen perversen Neigungen und dem schieren Mitleid, das die Erscheinung des bis auf die Knochen abgemagerten Kindes ausgelöst hatte. Er befreite das Mädchen aus den nassen, stinkenden Lumpen. Der Anblick des skelettartigen Leibes besiegte die dunklen Triebe Bargins. Er streifte dem spindeldürren Wesen ein sauberes, weißes Hemdchen über, das von einem seiner früheren Opfer stammte. Da ihm das Findelkind viel zu schwach zum Weglaufen erschien, fesselte er es nicht und versorgte es stattdessen während der folgenden Tage mit Nahrung und Getränken.

Das Mädchen war außergewöhnlich hübsch. Als es jedoch zum ersten Mal seine Augen aufschlug, erschrak Bargin. Die Iris hatte eine unheilvoll leuchtende Gelbfärbung und die senkrechten, schwarzen Sehschlitze erinnerten ihn an die Augen eines Reptils.

Obwohl das Kind die meiste Zeit völlig unbeweglich auf dem Bett lag, nahm Bargins Unbehagen von Tag zu Tag zu. Das Mädchen konnte offenbar nicht sprechen und trotz der verabreichten Nahrung war nicht zu erkennen, dass es sich in irgendeiner Hinsicht veränderte. Apathisch stierte es von morgens bis abends an die braune Decke des Raumes. Da beschloss Bargin schweren Herzens, das mutmaßliche Leid des Kindes zu beenden.

Langsam beugte er sich zu dem Bett hinab und zog das Laken weg, mit dem er das Mädchen zugedeckt hatte. Er griff nach dem Saum des weißen Hemdchens. Eines der beiden dünnen Ärmchen zuckte hoch. Unvermittelt packte es den Priester des Wissens am Hals. Aber dieser Griff fühlte sich nicht an wie der schwächliche Griff eines Kindes, sondern eher wie das kraftvolle Zupacken eines mächtigen Gorillas. Als das Mädchen vom Bett aufsprang wurde Bargin, der Fleischberg, in die Höhe gerissen. Hilflos zappelte er in der Luft herum. Unmittelbar darauf wurde sein Kopf mit gewaltiger Wucht gegen die Wand geschmettert und zerplatzte wie eine überreife Melone.

Mit Tränen in den Augen schleppte sich das abgemagerte Mädchen zum Hauptgang der Katakomben, wobei es das Betttuch wie seinen wichtigsten Besitz hinter sich herzog.

*

Chrinodilh wusste nicht, wo sie herkam und wie sie in diese dunklen, feuchten Gänge gelangt war. Den Namen Chrinodilh hatte sie sich selbst gegeben. Da es hier unten Abfälle im Überfluss gab, hatte sie stets genug Nahrung gefunden. Gefährlich wurde es nur, wenn die Fluten kamen und sie mit sich rissen. Aber auch das hatte sie immer überlebt. Beim letzten Mal war jedoch alles schlimmer gewesen.

Die Fluten hatten sie im Schlaf überrascht, sodass sie sich nicht rechtzeitig gegen die Gewalt des Wassers stemmen konnte. Infolgedessen war sie durch ein Loch gespült und auf den harten Boden einer großen Felshalle geschleudert worden. Dort hatte ein Mann sie gefunden und freundlich bei sich aufgenommen. Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, lag sie in einem Bett. Am liebsten wäre sie nie mehr aufgestanden, so müde fühlte sie sich unter der kuscheligen Decke nach all den jahrelangen Anstrengungen bei ihrem ständigen Kampf ums Überleben. Einige Tage später war mit dem Mann eine seltsame Veränderung vorgegangen. Als er an ihr Bett trat, konnte Chrinodilh spüren, dass er sie töten wollte. Sie wehrte sich, wie sie es immer getan hatte, wenn sie sich in ihrem unterirdischen Reich bedroht fühlte. Dennoch hatte sie kurz gezögert, weil tief in ihr das Wissen schlummerte, dass an diesem Ort andere Gesetzmäßigkeiten galten. Aber dann verblasste dieses Wissen, und der Wunsch, zu überleben, gewann die Oberhand.

Voller Enttäuschung und Trauer zog sie das fremde Hemd aus und hüllte sich wieder in ihre schmutzigen Lumpen. Danach wandelte sie mit dem kuscheligen Bettlaken durch lange, leere Gänge in den Katakomben der Akademie, wo sie noch den Geruch Bargins wittern konnte. Schließlich kam sie in einem Kellerraum an, von dem aus eine Treppe nach oben führte. Als sie die Tür am Ende der Stufen öffnete, sah sie sich einer Frau gegenüber – einer schönen Frau mit einer wunderbaren Blume im Haar und einer weiteren an ihrem Kleid.

Ein Begriff, eine Vorstellung schoss aus den tiefsten Tiefen von Chrinodilhs Unterbewusstsein plötzlich an die Oberfläche: War sie im Paradies angekommen?

*

Immer wenn Baradia für Ihre Rückreise von Lumbur-Seyth nach Oot den Landweg wählte, hatte sie sich angewöhnt, in der Akademie von Modonos Zwischenstation zu machen und sich über aktuelle Erkenntnisse und Forschungsergebnisse informieren zu lassen. Es gab genügend Priester des Wissens, die eine solche Aufgabe mit Freuden übernahmen. Bargin gehörte nicht zu diesen. Dennoch war er für Baradia unverzichtbar, weil sie stets eine Liste von Büchern mitbrachte, in denen sie etwas nachlesen wollte. Nur ein Archivar hatte Zugang zu allen Schriften. Auch dieses Mal hatte sie sich von Bargin einen Berg von alten und neuen Werken und Schriftrollen anschleppen lassen. Der Einfachheit halber hatte der Schreiber stets den unterirdischen Tunnel benutzt, der das kleine Gästehaus der Akademie mit den Katakomben der Großen Bibliothek verband.

Wie in der Stadt selbst herrschte auch in der Akademie dieser Tage Aufregung wegen der geplanten Hinrichtung eines Eisgrafen. Baradia war diese beabsichtigte Hinrichtung völlig gleichgültig, jedenfalls bis sie eines Nachmittags ein Schreiben erhielt. Es stammte von einem Mann, den sie nicht einfach ignorieren konnte. Dies zwang Baradia, ihre Pläne grundlegend zu ändern. Als besonders ärgerlich empfand sie aber, dass der Mann ihr dabei auch noch eine Aufgabe zugeteilt hatte, die sie selbst lösen musste.

Nachdem sie die halbe Nacht wach gelegen und nachgedacht hatte, entschloss sie sich am nächsten Morgen, Bargin aufzusuchen und ihn um einen Lageplan des unterirdischen Gangsystems von Modonos zu bitten. Bevor sie die Tür zum Treppenabgang erreichte, wurde diese von der anderen Seite aufgestoßen. In der Öffnung stand aber nicht Bargin, wie zu erwarten gewesen wäre, sondern ein kleines, halb verhungertes Mädchen. Es war in merkwürdige Lumpen gehüllt und hielt eine Bettdecke in der Hand. Baradia fielen sofort die Blutspritzer auf der Decke und die reptilienartigen, gelben Augen des Mädchens auf. Das Kind wirkte wie verloren in dieser Welt, und seine Wangen waren feucht von Tränen.

Baradias Schreck verpuffte sofort.

„Komm herein, du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Wie ist dein Name?“, fragte sie mit mitfühlender Stimme.

Aber das Kind stand nur da und sah sie scheu an. Daher ging Baradia zu ihm hinüber, legte ihm vorsichtig ihren Arm um die Schulter und führte es mit sanftem Nachdruck ins Zimmer.

*

Am Morgen nach dem Gespräch mit Berion begab sich Telimur zu Unitors Todeszelle. Diese war mit einem Stahlgitter von der Vorzelle abgetrennt, in der Telimur üblicherweise saß, wenn er die Verhöre führte. An diesem Morgen fasste er einen gefährlichen Entschluss. Zu den beiden Mitgliedern der Schildwache gewandt sagte er:

„Sie werden das Zwischengitter öffnen und sich dann in den Wachraum zurückziehen bis ich Sie rufe.“ Die beiden Wächter sahen ihn entgeistert an und machten keine Anstalten, der Anordnung Folge zu leisten.

„Das ist ein Befehl Berions und ich übernehme die volle Verantwortung“, erklärte Telimur nachdrücklich.

Zögernd näherte sich einer der Wachmänner dem Zwischengitter, verhielt aber abrupt seinen Schritt, als sich der gefangene Eisgraf überrascht auf seiner Pritsche aufsetzte.

„Geben Sie mir den Schlüssel!“, verlangte Telimur barsch. Unsicher händigte ihm der Wachmann den Schlüssel aus, dann zogen sich beide Aufseher schnell zurück. Telimur hörte, wie die schwere Metalltür zum Wachraum ins Schloss fiel.

Der Priester des Wissens öffnete die Zelle, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich Unitor gegenüber. Der Eisgraf konnte ihn wegen seines Kopf- und Augenverbandes zwar nicht sehen, jedoch seine Anwesenheit hören und spüren.

„Sie wissen, dass ich Ihnen freiwillig keine Informationen geben werde“, stellte Unitor klar. „Folglich können Sie gleich mit den Zwangsmaßnahmen anfangen. Was werden Sie als Erstes tun? Mir die Augen ausbrennen, damit Sie vor meinem „vernichtenden Blick“ sicher sind? Denn deshalb haben Sie mir ja diesen Verband angelegt und die Hände gefesselt.“

„Das Verhör ist beendet“, erklärte Telimur lapidar.

„Und weshalb sind Sie dann noch hier?“ fragte Unitor ungläubig.

Anstatt die Frage zu beantworten stellte Telimur eine Gegenfrage: „Werden Sie mich töten, wenn ich Ihnen die Fesseln und die Augenbinde abnehme?“

Unitor brauchte nicht lange zu überlegen: „Was hätte ich davon? Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind. Und bisher haben Sie sich mir gegenüber anständig benommen.“

„Sie könnten versuchen, zu fliehen“, mutmaßte Telimur.

„Aus diesem Kerker gibt es keine Fluchtmöglichkeit. Man würde mich im Falle eines Fluchtversuchs umbringen. Sie wissen das“, entgegnete Unitor.

„Ich wollte nur sichergehen, dass Sie das auch wissen“, erklärte der Priester des Wissens. Dann trat er zu Unitor und löste ihm die Fesseln und die Augenbinde. Selbst hier im düsteren Kellerlicht dauerte es längere Zeit bis Unitor endlich wieder Umrisse und schließlich schemenhaft das Gesicht Telimurs sehen konnte. Der junge Priester saß inzwischen regungslos auf einem der beiden Holzschemel.

„Warum tun Sie das?“, wollte Unitor wissen.

„Sie haben anscheinend mächtige Freunde“, antwortete der Priester des Wissens. „Falls es Ihnen gelingt, zu fliehen, möchte ich, dass Sie mich wiedererkennen und mich nicht töten.“

*

Telimur verfuhr in den nächsten Tagen auf die gleiche Weise, indem er Unitor die Fesseln und Augenbinde während seiner Besuche abnahm. Sie unterhielten sich über das Leben in Obesien und Mithrien und über die Priester des Wissens. Dabei vermieden beide aber, dem anderen Dinge zu verraten, die den betreffenden Völkern hätten schaden können. Jeden Abend gab Telimur eines der von Berion vorbereiteten Verhörprotokolle bei den Wachen ab.

Als der Tag der Hinrichtung gekommen war, erschienen vier Mitglieder der Garde von Modonos in Paraderüstungen und dunkelbraunen Überwürfen. Einer von ihnen händigte Telimur einen Augenring aus Metall aus. Der Priester des Wissens drehte sich mit dem Rücken zu den Gardisten und ließ den soeben erhaltenen Metallring flink in einer Tasche seines Gewandes verschwinden. Dann legte er den anderen, den er von Berion bekommen hatte, vor sich auf den Holztisch.

Die vier Gardisten postierten sich mit gezogenen Schwertern hinter Unitor, während Telimur ihm das Augenband abnahm und den eisernen Ring anlegte. Unitor ließ dies bewegungslos geschehen.

Anschließend sprach Telimur die „Worte des Letzten Trostes“ nach einer uralten Litanei aus grauer Vorzeit, über deren genaue Herkunft auch die Priester des Wissens keine Kenntnisse mehr hatten. Sie war in einer Sprache überliefert, die die Menschen heute nicht mehr beherrschten. Telimur vermutete, dass es sich um die Alte Sprache des Volkes von Dunstein handelte. An zwei Stellen mussten die Gardisten ebenfalls in dieser alten Sprache bekräftigen, dass sie keinen persönlichen Groll gegen den Delinquenten hegten.

Völlig desinteressiert ließ Unitor die seltsame Zeremonie über sich ergehen, von der er weder die Worte noch den Sinn verstand. Stattdessen dachte er fieberhaft darüber nach, wie er sich verhalten müsste, wenn jemand versuchen würde, ihm zur Flucht zu verhelfen. Damit rechnete er, seit der junge Priester des Wissens einmal erwähnt hatte, dass mächtige Freunde ihre schützende Hand über ihn hielten.

Nach der Trostsprechung wollte Telimur entsprechend der Anweisung des Höchsten Priesters sofort das Gefängnis verlassen. Einer der beiden Kerkerwächter hielt ihn jedoch auf.

 „Das Kollektiv wünscht, Sie zu sprechen“, erklärte er.

Telimur erschrak. War sein Betrug mit den Verhörprotokollen bemerkt worden? Einen Augenblick lang zog er in Erwägung, sich der geforderten Unterredung durch sofortige Flucht zu entziehen. Aber das hätte zwangsläufig zum Scheitern des ihm aufgetragenen Vorhabens geführt. Mühsam zwang er sich zur Ruhe und folgte dem Gefängnisaufseher. Dieser brachte ihn in einen Aufenthaltsraum, wo drei Mitglieder des Kollektivs auf ihn warteten.

Die Befürchtungen Telimurs erwiesen sich als unbegründet. Die Abgesandten forschten nach, ob Unitor in dieser seiner letzten Stunde noch etwas geäußert habe, das für die Belange des obesischen Volkes von Bedeutung sein könnte. Telimur verneinte dies. Scheinbar geduldig beantwortete er einige zusätzliche Fragen, obgleich er sich kaum noch zurückhalten konnte. Dann endlich entließen ihn die Vertreter des Kollektivs, nachdem sie sich noch für die von ihm geleistete Arbeit bedankt hatten. Mit dieser Verzögerung hatte Telimur nicht gerechnet, und wohl auch Berion nicht.

Telimur ahnte, dass durch den unvorhergesehenen Aufenthalt der Zeitplan des Höchsten Priesters nicht mehr einzuhalten war. Er beeilte sich dennoch umso mehr, während er sich durch die Menschenmenge auf dem „Platz der Einkehr“ in Richtung der „Herberge zur hohen Gastlichkeit“ drängte. In der Herberge angelangt rannte er die Treppen hoch. Auf dem Treppenabsatz des fünften Stockwerks kam ihm ein Mitglied der Geheimen Schar mit gezogenem Schwert entgegen gestürmt, der ihn kurz musterte, bevor er die Treppe zum sechsten Stockwerk hocheilte. Telimur folgte ihm.

*

Octoras Bild verblasste schlagartig vor Unitors geistigem Auge und wurde durch den Blick auf die weit weniger schöne Realität ersetzt. Dennoch wäre der Eisgraf ungeachtet seiner ausweglosen Situation beinahe in Jubel ausgebrochen. Trotz des Metallbandes hatte er sein Sehvermögen zurückerlangt. Wie konnte das möglich sein?

Auf dem großen Platz herrschte das schiere Chaos. Die Zuschauertribüne war eingestürzt. Die geordneten Reihen der Gardesoldaten und der Schildwächter hatten sich völlig aufgelöst. Einige Soldaten kämpften noch gegen Pulks von Flüchtenden an, die meisten wurden jedoch von der wogenden, in wilder Panik durcheinander rennenden Menschenmenge zu Boden gestoßen. Überall auf dem Pflaster lagen verstreute Waffen. Etliche Menschen waren offenbar tot oder schwer verletzt. Trotz des wirren Durcheinanders entging Unitor nicht, dass sich einige seltsame Gestalten nach Kräften bemühten, den Aufruhr weiter anzuheizen. Insbesondere droschen zwei riesige, schwarzgesichtige Männer mit silbern blitzenden Äxten wahllos auf herumirrende Menschen ein.

Zwei kleine, kahlköpfige Kerle mit roten Bärten tobten mit unglaublicher Schnelligkeit umher und schlugen mit Krummsäbeln wild um sich. Für einen Augenblick glaubte er sogar, Sestor gesehen zu haben. Aber schon im nächsten Moment wurde der Mann weggedrängt und verschwand.

Im Hintergrund des Platzes erkannte Unitor Telimur, der an einer Hauswand neben einem auffälligen Mann mit einem langen, weißen Gewand lehnte. Die rotglühenden Augen dieses Mannes schienen Unitor über den Platz hinweg unverwandt anzublicken. Wenn der Mann ein schwarzes Gewand getragen hätte, hätte Unitor geschworen, dass dort der Berater stand.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Einer der Gardisten stürzte neben Unitor zu Boden, ein zweiter wurde von mehreren panisch fliehenden Obesiern weggestoßen. Der dritte hob das Schwert, um Unitor zu erschlagen. Sogleich wurde er jedoch vom „vernichtenden Blick“ des Eisgrafen erfasst, der inzwischen ungehindert durch das nunmehr transparente Augenband dringen konnte. Bevor der Gardist sein tödliches Vorhaben ausführen konnte, löste er sich in Staub auf. Unitor wurde von einem Flüchtenden gegen das Podest gestoßen und strauchelte. Im gleichen Augenblick öffnete sich in der hölzernen Bühne unmittelbar zwischen ihm und dem Treppenaufgang zum Hinrichtungsplatz eine Klappe.

„Hier herein“, rief eine dröhnende Stimme. Eine schwarze Hand erfasste Unitor am Unterarm und riss ihn durch die Klappe in den dunklen Hohlraum zwischen dem Pflaster des Platzes und den Holzdielen des Schafotts. Nachdem Unitors gesamter Körper im Inneren verschwunden war, wurde die Klappe zugeschlagen.

Die Augen des Eisgrafen benötigten einige Sekunden, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann sah er den Shondo, erkannte aber sofort, dass es sich nicht um Uggx handelte. Der Riese deutete auf einen geöffneten Schachtdeckel im Pflaster und erklärte hastig mit seiner rauen Stimme:

„Wir müssen da hinein, aber vorsichtig. Sie müssen sich langsam an den Stangen hinabgleiten lassen.“ Unitor ergriff die beiden Metallstangen, schwang sich in den Schacht und hangelte sich langsam hinunter, bis er nach etwa vier Metern den Boden erreichte. Der Shondo zog mit einer Hand den Schachtdeckel über die Öffnung, während er sich mit der anderen festhielt. Danach ließ er sich ebenfalls in das Loch hinabgleiten. Schließlich standen sich beide in der Kanalisation von Modonos gegenüber. Hier unten herrschte ein übler Geruch, obgleich die Kanäle zu dieser Zeit des Hochsommers nahezu ausgetrocknet waren. Der Shondo streifte Unitor eine rote Samtkappe über den Kopf und bemerkte dazu: „Damit die Obesier Ihre Gehirnströme nicht bemerken.“ Dann nahm er zwei Fackeln vom Boden auf und entzündete sie. Eine davon gab er an Unitor weiter. Erst jetzt im Lichtschein sah der Eisgraf, dass etwas abseits ein kleines, dürres Mädchen mit seltsamen gelben Augen stand.

Das Mädchen kam mit einigen Sprüngen heran und fasste Unitor an der Hand. Dann hastete es los. Unitor wurde völlig überrascht von der ungeheuren Kraft des kleinen Kindes. Wie ein leichtes, flatterndes Fähnchen zog es ihn hinter sich her. Der riesige Shondo folgte den beiden mit rasselnden Atemzügen in gebückter Haltung.

Für Unitor war es kaum vorstellbar, dass sich irgendjemand in einem solchen Gewirr von Gängen und Abzweigungen zurechtfinden könnte. Aber das kleine Mädchen eilte mit zielsicheren Schritten voraus, als ob es hier zuhause wäre.

Nach zehn Minuten erreichten die drei Flüchtenden eine ausladende Höhle, in die eine ganze Reihe von Tunnel mündete. In dem felsigen Boden hatte das Wasser im Laufe von Jahrtausenden Rinnen ausgespült, die an seichte Flussbetten erinnerten. Unitor nahm an, dass es sich um ein Sammelbecken handelte, das bei Überschwemmungen Wasser aufnahm. In der Felsdecke befand sich ein kreisrundes Loch, von dem ein Seil herabhing.

Das Mädchen zeigte auf das Seil und kletterte dann wie ein kleiner Affe hinauf. Die beiden Männer mussten für den Aufstieg die Fackeln wegwerfen. Unitor hatte beim Klettern wesentlich mehr Mühe als die Kleine. Dem Shondo merkte man dagegen an, dass solches Klettern im Regenwald zu den natürlichen und notwendigen Fortbewegungsarten gehörte. Obwohl er fast doppelt so viel wie der Eisgraf wog, benötigte er für den Aufstieg nur die Hälfte der Zeit.

Nachdem alle Drei die obere Ebene erreicht hatten, holte der Shondo das Seil ein, rollte es auf und befestigte es an seinem Gürtel. Sie befanden sich nun in einer großen Felshalle, die auf der Südseite mehrere Abflüsse hatte. Durch zwei schmale Öffnungen unterhalb der Decke fiel Licht ein. Das Mädchen und der Shondo waren inzwischen aber schon wieder weitergeeilt. An der Stirnseite oberhalb einer Treppe befand sich ein akkurat rechteckig aus dem Stein herausgehauener Ausgang. Über der Öffnung deutete die in den Stein gemeißelte Darstellung einer Schriftrolle an, wohin der Weg führte. Es handelte sich um das Symbol der zur Akademie von Modonos gehörenden Bibliothek.

Der Gang dahinter wies glatt polierte Wände auf und endete nach dreißig Metern an einer schweren Holztür mit leicht angerosteten Beschlägen. Bevor die Flüchtenden die Tür erreichten, mussten sie eine kleine Brücke überschreiten, unter der ein tiefer Schacht gähnte.

Der Shondo zog einen schweren Eisenschlüssel hervor und öffnete die Tür. Sie betraten nun die Katakomben der Akademie. Nach zwei weiteren Seitengängen und einem Verteilerraum erreichten sie den Korridor, der schnurstracks zum Gästetrakt führte.

Dort geleitete der Dschungelmensch Unitor durch mehrere, spärlich möblierte Räume bis sie schließlich ein Zimmer betraten, das zwei Türen aber keine Fenster aufwies. Dennoch war es hell ausgeleuchtet. Hinter dem Tisch in der Mitte stand eine Frau in einem blassgelben Gewand, die sowohl in ihrem Haar als auch neben ihrem tiefen Ausschnitt eine wunderschöne Orchidee trug. Der Shondo und das schmächtige Mädchen entfernten sich aus dem Zimmer und ließen Unitor mit der Frau allein.

„Ich glaube, ich sollte mich bei Ihnen für meine Rettung bedanken“, meinte Unitor. Die Frau lächelte auf eine rätselhafte Weise und entgegnete:

„Mein Name ist Baradia. Sagen wir, ich habe nur den Auftrag eines sehr mächtigen Mannes ausgeführt.“

Ihre dunkelroten Augen erinnerten Unitor unwillkürlich an die Augen des Beraters.

„Ich nehme an, Sie wollen mir den Namen dieses Mannes nicht sagen“, vermutete Unitor.

„Da haben Sie recht“, bestätigte Baradia. „Darf ich fragen, was Sie jetzt vorhaben? Es steht mir nicht zu, Ihnen Anweisungen zu erteilen. Aber der Mann, der mich geschickt hat, meinte, es sei am sichersten, wenn Sie mich und meine kleine Gruppe nach Oot begleiten. Sie hätten dann die Möglichkeit, außerhalb des Einflussbereichs der Obesier über Lokhrit und die Sümpfe nach Zogh zu gelangen. Die Grenzen von Nord-Obesien zu Surdyrien und den Nordlanden werden natürlich jetzt noch strenger bewacht als sonst. Im Süden kenne ich dagegen viele Wege, um Sie unentdeckt aus Obesien hinaus zu bringen.“ Unitor ging davon aus, dass der Berater seine Hände im Spiel hatte. Daher stimmte er dem Vorschlag Baradias zu, ohne noch weitere Fragen zu stellen.

 

*

 

Nachdem Telimur Arakhad getötet hatte, verließ er auf schnellstem Weg die „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“. Auf dem „Platz der Einkehr“ hatte sich bereits eine erhebliche Unruhe ausgebreitet, die wenig später nach dem Einsturz der Zuschauertribüne in einem panischen Durcheinander gipfelte. Telimur drückte sich an eine Hauswand und schaute zu der Richtstätte hinüber, wo gerade einer der Wächter versuchte, Unitor mit seinem Schwert zu erschlagen.

„Sie müssen schnell weg von hier“, sagte eine Stimme neben Telimur. Als er zur Seite blickte erkannte er Berion, der völlig gelassen neben ihm an der Hauswand lehnte und zu dem Hinrichtungspodest hinübersah.

Dann ergriff der Höchste Priester Telimur am Arm und zog ihn hinter sich her. Sie erreichten die Einmündung der nächsten Gasse, die von dem „Platz der Einkehr“ abzweigte. Dort wurden sie von einem Strom fliehender Menschen erfasst und wie Treibgut in einem Fluss mitgerissen. Da der Höchste Priester sich nicht gegen diesen Strom wehrte, konnte Telimur ihm mühelos folgen.

Nach zweihundert Metern löste sich die fliehende Menschenmasse langsam auf. Berion zog Telimur zum Eingang eines Gebäudes, das zur Akademie von Modonos gehörte. Dort holte er einen Schlüsselbund unter den Falten seines weißen Gewandes hervor, wählte einen der Schlüssel aus und öffnete die schwere Kassettentür zwischen den beiden schlanken Steinsäulen des Eingangsportals.

Während der Höchste Priester die Tür wieder verschloss, stellte Telimur fest, dass sie sich in einem langen Flur befanden, der auf der gegenüberliegenden Seite zu einem Innenhof führte. Dort stand ein Mann im olivgrünen Ornat der gewöhnlichen Priester und hielt die Zügel zweier großer obesischen Rösser.

Berion verlangsamte seine Schritte und raunte Telimur zu:

„Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, dass das Kollektiv Sie mit der Ermordung des Eisgrafen auf dem Balkon der „Herberge zur hohen Gastlichkeit“ oder der Flucht des Delinquenten in Verbindung bringt. Deshalb sollten Sie eine Zeit lang in einem anderen Land untertauchen. Auch der Mann dort drüben, Ronhil, ist beim Kollektiv in Ungnade gefallen. Er wird Sie begleiten, aber ich vertraue ihm nicht. Seien Sie also vorsichtig! Sie werden von hier aus über Surdyrien nach Lumbur-Seyth reisen. Von Saradur weiß ich, dass Senesia Sida einen Pflanzenexperten sucht. Suchen Sie also in Lumbur-Seyth gleich Senesia auf. Vielleicht können Sie auch Ronhil bei ihr unterbringen. Ich erwarte aber eine kleine Gegenleistung.“

Telimur sah fragend in die unergründlich glühenden Augen des Höchsten Priesters.

„Ich will über alle Schritte Senesia Sidas Bescheid wissen“, verlangte Berion. „Ich werde mich eine Zeitlang in Lauros aufhalten. Wenn Sie nicht selbst kommen können, schicken Sie Ronhil. Ansonsten können Sie meine Vertrauten an diesem Zeichen erkennen.“

Er deutete auf die filigrane Kette mit dem Anhänger, die Telimur dem Eisgrafen auf dem Balkon hätte zeigen sollen und die er immer noch um den Hals trug.

*

Die kleine Gruppe um Baradia und Unitor hatte in aller Eile ihre Abreisevorbereitungen getroffen. Conumun hatte vorgeschlagen, einige Tage zu warten, bis sich die Aufregung in Modonos über die Flucht Unitors gelegt haben würde. Baradia hatte dies abgelehnt und mit Zustimmung Agurs die Auffassung vertreten, dass es sicherer sei, die momentane Verwirrung in der Stadt auszunutzen. Sie befürchtete, dass das Kollektiv die Hauptstadt durch die Armee hermetisch abriegeln lassen würde solange Grund zu der Annahme bestand, dass Unitor noch in der Stadt war. Auch Unitor selbst sprach sich dafür aus, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Baradia hatte ihr übliches elfenbeinfarbenes Kleid gegen einen dunkelblauen Priesterornat mit dem roten Kreis des Inneren Zirkels getauscht.

„Ich habe mich soeben zur Rektorin des Äußeren Stützpunkts von Oot ernannt“, erklärte sie fröhlich. „Das erleichtert uns die Flucht, weil die Obesier es nicht wagen werden, ein Mitglied des Inneren Zirkels anzutasten.“

Conumun versuchte, seine Betroffenheit zu verbergen. Er hatte erkannt, dass es sich um Telodons Ornat handelte. Als er zu Unitor hinübersah, wurde ihm erneut bewusst, dass Baradia auf höchst wundersame Weise in den Besitz mancher Dinge gelangte. Der Eisgraf trug die Kopfbedeckung, die zuvor Tritor getragen hatte. Conumun wusste nicht, dass jemand sie Baradia gegeben hatte, der beim Sturz zweier Männer vom Balkon der „Herberge zur Hohen Gastlichkeit“ keineswegs zufällig in der Nähe stand. Allerdings hatte der betreffende Mann nur den Sturz eines Mitglieds der Geheimen Schar erwartet. Aber dann hatte er geistesgegenwärtig die günstige Gelegenheit genutzt und die Kaufmannskappe an sich genommen. Conumun wurde aus seinen Überlegungen herausgerissen, als jemand laut von draußen gegen die Tür pochte. Schon nach dem ersten Klopfzeichen lagen die Äxte in den Händen der Shondo und die Säbel in den Händen der Mivv. Chrinodilh schmiegte sich ängstlich an Baradia.

„Ich bin es, Jusmet, der Rektor. Ich bin allein“, tönte es von draußen. Daraufhin öffnete Baradia die Tür. Tatsächlich stand da nur der Rektor der Akademie auf dem Flur. Er trug den gleichen, dunkelblauen Ornat mit dem roten Kreis wie Baradia.

„Darf ich eintreten?“, fragte er. „Man hat mich beauftragt, Sie sicher aus Modonos hinauszubringen.“

Baradia zog ihn ins Zimmer und schloss die Tür. Langsam fügten sich für Conumun einige Bausteine zusammen. Es gab eigentlich nur zwei Personen, von denen sich der Rektor der Akademie Anweisungen erteilen lassen würde: vom Höchsten Priester und vom Sprecher des Ordens.

Baradia bedeutete ihren Leibwächtern, die Waffen wegzustecken. Anschließend folgten sie dem Rektor zu den Pferdeställen des Gästetrakts, die an zwei Seiten eines großen Innenhofs angeordnet waren. Die zehnköpfige Gruppe saß in diesem Hof auf den von Helfern bereits zuvor gesattelten Pferden auf. Baradia erklärte Jusmet, dass sie beabsichtige, die Heeresstraße über Gladunos und Xotos zu benutzen. Das war der kürzeste Weg, um nach Oot zu gelangen. Eine Hilfskraft der Akademie, zu erkennen an ihrem braun-weiß gestreiften Umhang, öffnete das breite Tor, das auf die gepflasterte Straße hinausführte. Conumun bemerkte sogleich, dass in den Straßen von Modonos immer noch eine spürbare Unruhe herrschte. Zudem waren außergewöhnlich viele Gardisten mit dem Emblem des Schwarzen Panthers unterwegs. Zwischenzeitlich wimmelte es zudem von Soldaten des nahe der Hauptstadt stationierten Ersten Landheers, die das Symbol des Bären als Erkennungszeichen trugen.

Jusmet ritt voraus. Ihm folgten Agur und Conumun, dahinter die beiden anderen Shondo. Unitor, der sein Gesicht braun eingefärbt hatte, ritt neben Chrinodilh vor den beiden Mivv. Den Abschluss bildete Baradia.

So gelangten sie unbehelligt durch die Stadt. Der maßgebliche Wachtposten am südöstlichen Stadttor winkte sie nach einem ehrfürchtigen Blick auf die beiden Gewänder mit den Symbolen des Inneren Zirkels ohne nähere Überprüfung durch. Als sie schließlich außer Sichtweite der Hauptstadt waren, verabschiedete sich Jusmet und kehrte zurück nach Modonos.

Immer wenn die Möglichkeit bestand, verließ die nun noch neunköpfige Gruppe die Straße und folgte ihr parallel im Unterholz, um die Begegnungen mit obesischen Soldaten auf ein Mindestmaß zu beschränken. Am späten Morgen des zweiten Tages nach dem Aufbruch kam der Gruppe eine einzelne Gestalt auf einem Pferd entgegen. Sie führte ein zweites Pferd am Zügel. Beim Näherkommen erkannte Unitor, dass sich auf der Schabracke des reiterlosen Pferdes das Symbol des Schwarzen Panthers befand. Die Gestalt auf dem anderen Pferd trug den braun-weißen Umhang und die gleichfarbige Kappe einer Hilfskraft der Akademie von Modonos.

Agurs Hand glitt zum Griff seiner Axt.

„Das würde ich nicht tun“, sagte Unitor bestimmt. „Das ist eine Eisgräfin.“

Dann winkte er ihr zu: „Quintora!“ Quintora winkte zurück und kam herangeritten. Sie zeigte auf das reiterlose Pferd:

 „Jusmet hat euch verraten. Die Garde von Modonos weiß, welchen Weg ihr nehmt. Ich habe ein Gespräch zwischen dem Rektor und Zubarak belauscht. Zubarak ist der Ducarion der Garde von Modonos. Er hat nun entlang der Heeresstraße nach Xotos Posten aufgestellt und will euch unterwegs gefangen nehmen. Das war einer dieser Posten. Wenn sie merken, dass er nicht zurückkommt, werden sie gleich Jagd auf euch machen. Ihr müsst deshalb auf eine andere Route ausweichen. Die Obesier werden annehmen, dass ihr die Heeresstraße nach Bogogrant nehmt und dann nach Mithrien zu fliehen versucht. Deshalb würde ich euch empfehlen, zum Quellgebiet des Tephral und von dort nach Borthul zu reiten. Auf diesem Weg liegen auch keine Armeen.“

Baradia, die die örtlichen Gegebenheiten am besten kannte, stimmte sofort zu. Sie verabschiedeten sich von Quintora und verließen die Heeresstraße nach Xotos in südlicher Richtung. Vier Stunden später hatten sie die Handelsstraße erreicht, die hauptsächlich dem Weitertransport von Nahrungsmitteln und Stoffballen diente, welche zuvor auf dem schiffbaren Teil des Tephral bis zur obesischen Grenze befördert wurden. 





Kapitel 9 – Graue Eminenzen


Der Verwalter begrüßte seinen Gast mit einem herzlichen Händedruck:

„Ich freue mich, Sie zu sehen, Uggx. Ich hoffe, Sie bringen gute Nachrichten.“

„Ich würde Ihnen lieber bessere Nachrichten bringen“, entgegnete der Shondo. „Wir haben eine von den Priestern des Wissens nicht genehmigte Station der Obesier in der Nähe von Doront in Mithrien entdeckt. Es handelt sich um eine unterirdische Anlage, in der sie Experimente mit Mon‘ghalen machen. Von den verschwundenen Dorfbewohnern fanden wir allerdings keine Spur.“

„Experimente mit Mon‘ghalen? Wozu sollte so etwas gut sein?“, fragte der Verwalter nachdenklich.

„Das wissen wir auch nicht. Aber wir empfehlen Ihnen dringend, die Station zu zerstören. Wenn auf mithrischem Boden von Obesiern geheime Experimente gemacht werden, richtet sich das eindeutig gegen Ihr Land. Dennoch sollte zunächst auf einen offenen Krieg gegen Obesien verzichtet werden, bis wir genau wissen, worum es geht.“ Der Verwalter wusste, dass Uggx sowohl ein Vertrauter des Höchsten Priesters des Wissens als auch des Beraters der Nordlande war und vermutete, dass es zwischen den beiden geheime Kontakte gab. Wenn schon der gebürtige Obesier Berion einen schnellstmöglichen Angriff auf die Station befürwortete, schien eine weitere Verzögerung kaum zu verantworten. Den Berater zu befragen war nicht möglich, da er sich zurzeit auf einer Reise mit unbekanntem Aufenthaltsort befand.

Den eigentlichen Angriffsbefehl konnte aber wegen der schwierigen politischen Struktur des Nordens stets nur der Hüter der Flammen selbst als ranghöchster Repräsentant der drei Landesteile geben. Uggx erriet die Gedanken des Verwalters.

„Wenn Sie meine Nachricht dem Hüter der Flammen vortragen, erwähnen Sie bitte auch, dass der Vorschlag zur weiteren Vorgehensweise von Berion stammt“, verlangte der Shondo. „Dann wäre da noch etwas: Der Eisgraf Unitor ist den Obesiern in die Hände gefallen. Darum kümmern sich meine Freunde bereits. Wenn aber irgendetwas schiefgehen sollte, bitte ich Sie, keine unbedachten Reaktionen zuzulassen.“

Der Verwalter brauchte wie üblich nicht lange, um einen Entschluss zu fassen: „In den Höhlen bei Sylabit befindet sich eine Standarte der Königin von Zogh, und auch Eisgräfin Octora ist noch in Sylabit. Mit der Königin besteht eine Vereinbarung, wonach sie uns im Notfall Teile ihres Heeres zur Verfügung stellt. Das ist jetzt ein solcher Notfall. Wenn ich einen entsprechenden Einsatzbefehl vorbereiten und vom Hüter der Flammen unterzeichnen lassen würde, könnte diese Truppe morgen schon hier sein und dann in Svoraven Pferde holen und nach Doront aufbrechen. Wären Sie bereit, den Einsatzbefehl persönlich zu überbringen?“

Uggx stimmte sofort zu, was er sicherlich nicht ohne Weiteres getan hätte, wenn er Octoras Reaktion vorausgesehen hätte.

*

 

Der Hüter der Flammen hatte nach dem Bericht des Verwalters den Einsatzbefehl bereitwillig ausgefertigt. Nur wenige Stunden später hielt ihn Octora in den Händen. Nachdem sie das Dokument gelesen hatte, verhärtete sich ihre Miene, jedoch ohne sonstige Anzeichen der Erregung. Erst als Uggx von der Gefangennahme Unitors berichtete, stampfte sie zornig mit dem Fuß auf und kochte vor Wut:

„Dieser hirnlose Idiot“, schimpfte sie. „Ich hätte wissen müssen, dass man einen verdammten Anfänger nicht mit einer derartigen Mission betrauen kann. Fällt er doch tatsächlich darauf herein, wenn eine Tarantel ihm schöne Augen macht! Die werden ihn nach Modonos schaffen und ausquetschen wie eine Zitrone und dann werden sie ihn liquidieren, bevor er überhaupt jemals in seinem Leben etwas Sinnvolles geleistet hat. Obwohl ihm das eigentlich recht geschieht, werde ich nach Modonos gehen und versuchen, ihn da herauszuholen.“

Uggx runzelte die Stirn und suchte angestrengt nach geeigneten Worten, um Octora nicht noch mehr zu empören. Schließlich deutete er auf den Einsatzbefehl des Hüters:

„Wenn ich das richtig verstanden habe, sieht diese Schriftrolle hier etwas anderes vor.“

„Dann werde ich den Befehl über die Einsatztruppe jemand anderem übertragen und allein nach Modonos gehen“, bestimmte Octora kurzerhand.

„Ich habe die Anlage in Doront gesehen.“ Uggx klang schon fast verzweifelt. „Wir brauchen Sie persönlich dort. Berion hat mir versprochen, sich um Unitor zu kümmern. Bis Sie nach Modonos kämen, wäre es ohnehin schon zu spät. Außerdem sind meines Wissens derzeit mindestens drei Eisgrafen in Obesien.“

„Wer?“, wollte Octora wissen.

„Tritor, Sestor und Quintora“, zählte Uggx unter Zuhilfenahme seiner Finger auf, um der Tatsache Nachdruck zu verleihen, dass dies eine ungewöhnlich schlagkräftige Gruppe darstellte.

Die als unbeugsam geltende Eisgräfin aus Zogh seufzte. Dann erklärte sie kategorisch:

„Ich werde die Standarte von Dryd Wantari nach Doront führen und die obesische Anlage zerstören. Wenn der Auftrag erledigt ist, ziehe ich aber weiter nach Tredon mit allen, die mir freiwillig folgen. Ich werde erst umkehren, sobald ich weiß, dass das „Problem Unitor“ so oder so gelöst ist.“

In strategischer Hinsicht galt Tredon als wichtigster Ort auf der nordischen Seite der mithrisch-obesischen Grenze. In der Nähe der Stadt befand sich die größte Festungsanlage des Nordens. Sie stammte aus alter Zeit. Das Ableben des letzten Eigentümers aus dem längst erloschenen Geschlecht der Fürsten zu Tredon lag mehr als zweihundert Jahre zurück. Seither verfügte die weitläufige Anlage nur noch über eine geringe Stammbesetzung von einigen wenigen Soldaten. Räumlich gehörte Tredon zum Fürstentum Kerdaris, die Festungsanlage aber zu den militärischen Einrichtungen der Vereinten Nordlande und unterstand damit unmittelbar dem Hüter der Flammen.

Uggx bezweifelte keine Sekunde, dass Octora ihre Drohung wahrmachen würde und genauso wenig, dass alle Soldaten ihr freiwillig folgen würden, zur Not selbst nach Modonos.

Also hatte er keine andere Wahl als Neuigkeiten über Unitor zu beschaffen und diese so schnell wie möglich Octora zu überbringen. Er bewunderte diese Frau für ihre Entschlossenheit und Tatkraft. Gleichzeitig war ihm aber ihre Gefährlichkeit unheimlich. Und damit stand er nicht allein.

*

Philar Sanh befand sich in einer engen, aus dem gewachsenen Stein herausgehauenen Zelle. Lediglich durch einen schmalen Spalt in der oberen Ecke fiel ein wenig Tageslicht ein. Anscheinend handelte es sich um einen natürlichen Riss in der Felsformation.

Es gab Zeiten, in denen er seine Gedanken wie ausgeblendet empfand. Zu anderen Zeiten erinnerte er sich wieder bruchstückhaft, wie er vor dem Haus der Korbflechterin einem der fremden Soldaten begegnet war. Dieser hatte sofort eine seltsame Waffe gehoben. Dann hatte Philar Sanh einen stechenden Schmerz im Unterschenkel verspürt. Danach hatte er nichts mehr gefühlt bis er in der großen, unterirdischen Tropfsteinhöhle aufgewacht war, zusammengepfercht mit den anderen Bewohnern Sanhs. Vor drei Tagen hatten ihn die fremden Soldaten in diese Zelle gebracht. Und seither fühlte sich sein Bewusstsein an, als würde es ständig wie eine Kerze aufflammen und dann wieder erlöschen.

An der Wand saß die ganze Zeit ein hässliches, graues Ding, das ihn an einen pelzigen Wurm erinnerte. Jedes Mal wenn er versucht hatte, es totzuschlagen, hatte er dann doch wieder davon abgelassen. Hinterher konnte er sich stets nicht mehr erinnern, warum er es nicht getan hatte. Schließlich hatte er die Versuche aufgegeben. Offenbar war die seltsame Raupe wenigstens ungefährlich. Zumindest hatte sie ihn nicht gebissen oder gestochen oder sonst etwas Unangenehmes angestellt während er schlief. Philar Sanh hörte das klackende Geräusch von Stiefelsohlen, die sich auf dem Felsboden näherten. Die Tür wurde von zwei fremden Soldaten aufgerissen, die ihn von seiner Pritsche hochzogen und in die Mitte nahmen als sie ihn hinausführten. Aus den Augenwinkeln erkannte Philar Sanh, dass ein dritter Soldat den grauen Wurm vorsichtig ergriff und mitnahm. 

In einem der Besprechungsräume des Stützpunkts wartete ein Ducentron auf Philar. Der Ducentron stand in der Befehlskette der obesischen Armee in der Mitte, zwischen dem Milesion und dem Centron. Als Philar Sanh von den beiden Soldaten vorgeführt wurde, lehnte sich der Ducentron zurück bis die Augen des Mithriers schlagartig einen glasigen Ausdruck annahmen.

„Sie meinen, dass wir es jetzt riskieren können?“, fragte der Obesier.

„Ich fühle mich stark genug“, antwortete Philar. „Sicherheitshalber sollten Sie aber mit den anderen fünf wenigstens noch zwei Tage warten. Ich gehe zum Quaralpalast und werde dort versuchen, bis zum Verwalter vorzudringen. Da ich die Übernahme des Palastes aber nicht allein durchführen kann, müssen die anderen so schnell wie möglich nachkommen. Sie sollen in Tanaria warten, bis ich ihnen eine Nachricht zukommen lasse.“

„Ich verstehe“, nickte der Ducentron.

Mit den Augen Philars ging erneut eine merkwürdige Veränderung vor. Sie wurden jetzt wieder klarer.

„Wir haben uns entschlossen, alle Bewohner Ihres Ortes freizulassen“, erklärte der Ducentron. „Sie dürfen als Erster gehen. Der Refektor wird sie mit Proviant für drei Tage ausstatten.“ Refektoren waren für die Versorgung der obesischen Heere zuständig.

Philar wagte nicht, weitere Fragen zu stellen. Er ließ sich von den Soldaten zum Refektor führen, der ihm wortlos einen Rucksack mit Proviant aushändigte.

Dann setzte sein Bewusstsein wieder aus, während er aus der unterirdischen Festung hinausgeleitet wurde.

Als er wieder klarsah, befand er sich auf der unfruchtbaren Schieferebene nahe Doront. Die dunkle Gesteinsplatte erstreckte sich nach Osten bis zum Fluss Benedan. Drei Tage lief Philar Sanh von da an in nordöstliche Richtung. Nachts schlief er nur kurz und auch tagsüber machte er selten Rast. Immer wenn er müde zu werden drohte, schaltete sein bewusstes Denken ab. Er ging dann ohne Rücksicht auf seinen geschundenen Körper immer weiter, obwohl die Vorräte, die er von den fremden Soldaten bekommen hatte, inzwischen aufgebraucht waren. Auch der kümmerliche Bewuchs zwischen den schwarzgrauen Felsen und Geröllhalden hatte kaum etwas Essbares zu bieten. Lediglich an einem kleinen Nebenfluss des Benedan fand er einmal Beerensträucher und Pilze in größerer Anzahl.

Am Nachmittag des fünften Tages erreichte er eine kleine Anhöhe. Von dort aus konnte er das Land bis zu dem fernen Flusslauf des Benedan überblicken, an dem sich die Vegetation aus dieser Entfernung gesehen wie die Grüne Natter der südlichen Mittelgebirge entlangschlängelte. In der Ebene hoben sich viele Punkte von dem überwiegend dunkelgrauen Untergrund ab, und sie bewegten sich schnell. Starr vor Schreck erkannte Philar, dass es sich um ein kleines Reiterheer handeln musste, das genau auf die Anhöhe zuhielt. Bis er endlich eine Entscheidung getroffen hatte, war es ohnehin schon zu spät, um der berittenen Streitmacht zu entfliehen. In keilförmiger Formation nahm sie den Anstieg zu der Anhöhe in Angriff. Kurz darauf konnte Philar sogar schon deutlich die Gesichtszüge der Reiter unterscheiden. Allen voran ritt auf einem prächtigen Schimmel eine große, beeindruckende Frau, deren graue Hautfarbe ihre Herkunft verriet.

Ihr Gesicht drückte Härte und Entschlossenheit aus, und ihr langes, weißes Haar flatterte wie ein Banner im Wind. Auch die anderen Reiter hatten diese graue Hautfarbe.

„Zogh“, dämmerte es Philar. Dann nahmen seine Augen wieder diesen stumpfen Ausdruck an. Inzwischen hatte ihn die Frau bemerkt und ritt bis auf eine Pferdelänge an ihn heran, bevor sie ihren Schimmel zügelte.

„Was tust du so allein hier draußen im Ödland?“, fragte sie ihn streng. „Die nächsten Siedlungen sind sehr weit von hier entfernt.“

„Ihr seid meine Rettung“, rief Philar aus und fiel auf die Knie. „Mein Vater ist Schmied in Kerdaris. Er will, dass ich nach Tanaria zu dem berühmten Dordon in die Lehre gehe. Gestern habe ich meine letzten Nahrungsmittel aufgebraucht. Ich weiß nicht, wann ich die nächste Siedlung erreiche. Bitte habt Erbarmen und gebt mir etwas Proviant und Wasser.“

Octoras Miene wurde weicher. Dies schien ihr eine gute Gelegenheit, den landläufigen Vorurteilen der Mithrier gegen die Zogh entgegenzuwirken.

„Die nächste Siedlung in nordöstlicher Richtung ist keine zwei Tagesmärsche entfernt. Sie befindet sich unmittelbar hinter der Brücke über den Benedan.“ Sie deutete mit ausgestrecktem Arm in die besagte Richtung. „Ich werde dir sicherheitshalber Proviant für vierzehn Tage mitgeben. Damit müsstest du sogar Tanaria erreichen können, wenn du dich unterwegs immer richtig einteilst.“

Philar bedankte sich überschwänglich. Da sich der graue Mon‘ghal schnell in den Hemdkragen des Mithriers zurückzog, wurde er beim Einräumen der Verpflegung in den Rucksack nicht entdeckt.

Die Eisgräfin ahnte nicht, dass sie mit ihrer Großzügigkeit eine verhängnisvolle Entwicklung begünstigte, die sie später sogar selbst einholen sollte.

*

Zwei Tagesritte nach der Begegnung mit dem mithrischen Wanderer hatte Octora mit ihren hundert berittenen Zogh das Geröllplateau von Doront erreicht. Sie ließ ein Lager in einer Senke errichten und schickte sechs Kundschafter los, die mit Hilfe der von Uggx gelieferten Beschreibung bereits nach wenigen Stunden den Eingang zu der unterirdischen Festung gefunden hatten. In der weitgehend menschenleeren Geröllwüste sichteten die auf einem Aussichtspunkt platzierten Späher Octoras lediglich einmal fünf Personen, die zu Fuß in nordöstliche Richtung unterwegs waren. Da es sich aber der Kleidung nach um Einheimische handelte, maß die Eisgräfin dieser Beobachtung keine Bedeutung bei. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Anhand der Geländeeigenheiten hatten die Zogh bereits kurze Zeit nach Entdeckung der unterirdischen Festung deren äußere Umrisse herausgefunden. Octora verteilte fünfzig Männer in einem weiträumigen Ring um die Anlage. Die anderen Krieger postierte sie zur Hälfte im Eingangsbereich, während sie den Rest das Areal weiträumig nach möglichen Luft- und Lichtöffnungen absuchen ließ. Die Soldaten fanden schließlich mehr als dreißig gut getarnte Risse und Löcher, die teilweise natürlichen Ursprungs, teilweise aber erkennbar auch künstlich geschaffen worden waren. Nach Einbruch der Nacht ließ Octora Arandi-Fackeln an dreißig Soldaten verteilen. Mit Tüchern aus Arandi-Hanf umwickelte Äste des Sumpfholzbaums waren mit dem Sekret eines krakenähnlichen Lebewesens durchtränkt. Diese Fackeln hatten die Eigenschaft, eine unvorstellbare Hitze zu erzeugen und gleichzeitig betäubende Dämpfe freizusetzen. Die Zogh-Krieger suchten die von ihnen entdeckten Felsöffnungen auf, entzündeten auf das Hornsignal Octoras gleichzeitig ihre Fackeln und warfen sie in das Innere der Festung. Anschließend eilten sie zum Eingang der Festung zurück.

Bereits nach wenigen Minuten wurde die schwere Metallplatte des Eingangs aufgeklappt. Obesier stürmten mit gezogenen Schwertern und angelegten Stiftladern ins Freie, wo sie sich aber wegen der Dunkelheit zunächst nicht zurechtfanden.

Dies nutzte Octora aus und gab den Angriffsbefehl. Ein gleißender Kreis von fünfzig Arandi-Fackeln flammte kurz auf, bevor sie mitten unter die Obesier geworfen wurden. Zuckende Lichter schienen dem Geröll in der Nähe des Eingangs ein widernatürliches Leben einzuhauchen. Das schrille Geheul in Flammen gehüllter Gestalten vermittelte den Eindruck als habe sich der Schlund der Hölle geöffnet.

Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Auf dem Boden vor dem Eingang zu der unterirdischen Festung lagen nur noch verkohlte Überreste zusammengekrümmter Leichen. Von den Arandi-Fackeln stiegen bläuliche Rauchschwaden auf, die die Umgebung in ein gespenstisches Licht tauchten. Octora hatte keinen einzigen Mann verloren. Ruhig wartete sie ab, bis sich der Arandi-Rauch nur noch in dünnen Fähnchen empor kräuselte. Dann gab sie vier Männern den Befehl, acht Fackeln in den Eingang zu werfen, um sicherzugehen, dass sie beim Eindringen in die Festung auf keinen Widerstand stoßen würde.

Dryd Wantari, einer der zehn Getreuen der Königin von Zogh und damit der eigentliche Befehlshaber der Reitertruppe, ließ es sich nicht nehmen, als Erster in den Schacht einzusteigen. Er war ein Hüne mit zerfurchtem Gesicht und einem weißen Vollbart. Seine Augen glänzten bei solchen Einsätzen wie die eines Kindes, das gerade im Begriff ist, eine ungeheuer spannende Neuentdeckung zu machen. Nach kurzer Debatte mit Octora fasste er sie um die Hüfte und stellte sie, wie ein Vater sein widerspenstiges Kind, einfach zur Seite. Dann kletterte er auf die Einstiegstreppe. Der Rauch hatte sich inzwischen verzogen. Die Metallstege und Käfige waren leer, ebenso der untere Treppenabsatz. Es herrschte Grabesstille.

Zwei Soldaten folgten Dryd Wantari und sicherten den Treppenabsatz. Alle drei trugen Schnelllader von der gleichen Bauweise wie die Waffe, die Octora Unitor in Sylabit vorgeführt hatte. Die Eisgräfin rückte mit den anderen Soldaten vorsichtig nach und ließ einen Teil von ihnen die Stege und Käfige besetzen.

Als sie zu der Ganggabelung gelangten, veranlasste Octora, dass die linke und mittlere Tür versiegelt wurden, damit sie nicht von innen geöffnet werden konnten. Dann nahmen sich die Zogh den rechten Gang vor, der nach Uggx‘ Beschreibung zum Befehlshaber der Anlage führte. Sie fanden die Tür unverschlossen und den Gang leer vor. Im ersten Wachzimmer stießen sie auf zwei tote, stark angekohlte Obesier. In einer Raumecke lag eine ausgebrannte Arandi-Fackel, die durch eine kreisförmige Öffnung in der Decke hereingeworfen worden war. Offenbar hatten die starke Hitzeentwicklung und die betäubende Wirkung des Rauchs jeden Fluchtversuch vereitelt. Ein ähnliches Bild bot sich in den drei Arbeitsräumen auf der rechten Seite des Ganges, in denen die Zogh insgesamt fünf tote Obesier vorfanden. Die milde Beleuchtung der Korridore und Räumlichkeiten wurde durch einen Deckenanstrich mit einem luminiszenten Material erzeugt, das von den Priestern des Wissens erst vor wenigen Jahren entwickelt worden war und von ihnen „Ralumon“ genannt wurde. Außerdem gab es ein umlaufendes Band von etwa einem Meter Breite aus der gleichen Substanz an den Wänden.

Vor dem Eingang zum Befehlsstand an der Stirnseite des Ganges wollte Dryd Wantari Octora erneut zur Seite schieben. Als sie seinen Arm wegstieß, fuhr er sie an: “Geh‘ mir aus dem Weg, Watschelentchen, das ist Männersache!“ Aber bevor er sich versah, verstellte Octora ihm den Zugang und fuchtelte grinsend mit ihrem Schwert vor seiner Knollennase herum: „Genau deswegen werde ICH das machen, Zottelbart.“ Schnell drehte sie sich um und öffnete vorsichtig mit dem Schwert in der Linken und dem vorgehaltenen Schnelllader in der Rechten einen Spaltbreit die Tür. Danach stieß sie sie ganz auf. Auf dem Boden lag ein obesischer Cinquon, dessen Brust eine klaffende Wunde aufwies. Hinter dem Schreibtisch saß ein Obesier mit den Rangabzeichen eines Milesions. Seine Hände waren flach auf die Tischplatte gepresst, um zu beweisen, dass er keine Angriffsabsichten hegte.

„Also hat uns dieser elende Priester verraten“, zischte der Milesion.

„Sie brechen alle Gesetze und Vereinbarungen, selbst die mit Ihren eigenen Leuten, und dann reden Sie von Verrat?“ schimpfte Octora. „Was ist denn das für eine verschrobene Sicht der Dinge?“ Der Milesion starrte auf die Schreibtischplatte und schwieg.

„Was ist mit den Würmern, die Sie hier züchten?“, wollte die Eisgräfin wissen.

Wütend fuhr der Kopf des Milesions wieder hoch: „Mon‘ghale sind keine Würmer, sondern sehr wertvolle Lebewesen. Ihr seid viel zu unzivilisiert, um das zu begreifen. Wahrscheinlich habt ihr sie mit euren Brandfackeln getötet. Ihr könnt euch ja selbst davon überzeugen.“

„Worum geht es bei diesen Experimenten?“ hakte Octora nach.

„Ich bin nicht befugt, Ihnen das zu sagen“, verweigerte der Obesier die Antwort.

„Wir haben Mittel und Wege, Sie zum sprechen zu bringen“, drohte die Eisgräfin.

Auf dem Gesicht des Milesions erschien ein seltsames Lächeln: „Nein, das haben Sie nicht.“

Octora wollte noch etwas entgegnen, aber dazu kam sie nicht mehr. Aus dem Mund des Mannes trat plötzlich rötlicher Schaum aus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kippte er vom Stuhl und schlug hart auf dem Boden auf.

Dryd Wantari rannte los und versuchte, den Milesion wieder hochzuziehen, aber dessen Körper sackte kraftlos weg.

„Er ist tot“, stieß der Dryd hervor.

„Eine Ameise weniger“, murmelte Octora mitleidlos mit versteinertem Gesicht. „Gehen wir selbst nachsehen, was es mit diesem Gewürm auf sich hat.“

Sie gingen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren. Octora befahl an der Ganggabelung, nunmehr die linke Tür zu den Laborräumen aufzubrechen. Dort bot sich ihnen jedoch ein noch weitaus schlimmeres Bild der Verwüstung. Der Grund lag darin, dass auf dieser Seite alle Räume irgendeine Verbindung nach außen gehabt hatten. Insbesondere das Hauptlabor, das Uggx nach den Schilderungen Berions beschrieben hatte, war völlig ausgebrannt. Dort lagen mehrere erloschene Arandi-Fackeln zwischen verkohlten Speiseresten. Die Nahrungsmittel hatten sich wohl entzündet und wahrscheinlich auch alle Mon‘ghale vernichtet.

Dryd Wantari beorderte zwei seiner Krieger zu der mittleren Gangtür und ließ auch diese aufbrechen. Als die Tür schließlich mit lautem Knall nach innen in den Gang fiel, standen mehrere Zogh mit Schnellladern und Arandi-Fackeln bereit, um einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen. Ein langer, mit Wandfackeln ausgeleuchteter Gang führte mit mäßigem Gefälle in die Tiefe. Da kein Mensch zu sehen war, drangen die bereitstehenden Zogh gemeinsam mit Octora und Dryd Wantari in den Gang ein. Dieser verzweigte sich in zwei abknickende Felskorridore, die steiler nach unten führten und nach einigen Metern in Treppen übergingen. Octora ließ die Hälfte ihrer Männer an der Abzweigung zurück und tastete sich mit dem Rest in den linken Gang vor. Am Ende der Treppe stießen sie auf eine schwere Metalltür mit vergittertem Einsatz. Die Tür war verschlossen. Octora warf einen Blick durch das Gitter. Hinter der Tür lag eine riesige Tropfsteinhöhle, in der sich anscheinend niemand aufhielt. Da Octora aber wegen der Stalagmiten nicht alles zu übersehen vermochte, ließ sie die Tür aufbrechen und die Höhle durchsuchen. Die Männer konnten keinerlei Anzeichen von Leben feststellen. Daraufhin entschloss sich Octora, den letzten Gang untersuchen zu lassen. Noch bevor sie den entsprechenden Befehl erteilen konnte, hörte sie Schreie und Kampflärm, der offenbar von der Verzweigung der beiden Gänge zu ihr hinab drang. Ihre Truppe hatte bereits reagiert und stürmte zurück bis zur Abzweigung. Dort lagen drei tote Zogh. Der Rest hatte sich in den Hauptstollen zurückgezogen.

„Da unten befinden sich wahrscheinlich die Mannschaftsunterkünfte der Obesier. Ich schlage vor, dass wir sie ausräuchern“, flüsterte Dryd Wantari Octora zu. Als sie nickte und ein entsprechendes Handzeichen gab, entzündeten mehrere Krieger ihre Arandi-Fackeln und warfen sie in den Gang. Einige Metallpfeile sausten aus der Tiefe herauf und schepperten gegen die Wände, ohne aber Schaden anzurichten. Octora wartete einige Minuten, bis sich der Rauch verzogen hatte. Dann schaute sie hinter die Gangbiegung. Auf dem Boden und auf der Treppe lagen mehrere tote Obesier. Der Rest hatte sich hinter schwere Holztüren zurückgezogen, mit denen die Räume auf beiden Seiten des Ganges verschlossen werden konnten. Octora überlegte kurz, ob sie den Obesiern eine Kapitulation anbieten sollte. Da deren Kommandant aber nicht mehr lebte, und die Soldaten anscheinend in etlichen Räumen verstreut festsaßen, entschied sie sich dagegen. Sie musste davon ausgehen, dass das Aufbrechen jedes einzelnen Raumes zu erheblichen Verlusten bei den Zogh führen konnte.

Angesichts der Örtlichkeiten war für Octora überdies klar, dass sie hier keine gefangenen Mithrier finden würde. Das Schicksal der Menschen von Sanh blieb weiter im Dunkeln. Daher traf die Eisgräfin eine harte Entscheidung, die sie anschließend Dryd Wantari mitteilte:

„Lass‘ deine Männer eine Kette bilden und den Gang hier mit Geröll auffüllen. Ich werde noch warten, bis alle Türen blockiert sind, dann reite ich nach Tredon zur Grenzfeste. Sobald du mit deiner Arbeit hier fertig bist, kann jedermann frei entscheiden, ob er mir nach Tredon folgen oder nach Zogh zurückkehren will.“

Auf das zerfurchte Gesicht Dryd Wantaris verirrte sich ein flüchtiges Lächeln. Er wusste, dass seine Männer Octora in die Hölle folgen würden. Er wusste aber auch, dass die Eisgräfin tief in ihrem Inneren wegen der von ihr getroffenen Anordnung todunglücklich war. Keiner ihrer Krieger hätte jedoch Verständnis gehabt, wenn sie die Obesier hier nicht lebend begraben hätten. Sanft sagte er zu ihr: „Ich weiß, dass dir diese Entscheidung schwergefallen ist, kleines Küken. Aber sie war wie immer richtig.“ Octora drehte sich noch einmal kurz um, bevor sie wegging: „Pass auf dich auf, Tattergreis. Und lass unsere Toten hier bestatten. Diese Erde gehört genauso zu unserer Heimat wie die Erde von Zogh.“

 

*

 

Octora hatte also ihre Drohung wahrgemacht. Uggx saß ihr im Befehlsstand der Grenzbefestigung gegenüber, die westlich von Tredon lag und mehr als zehnmal so groß war wie der Ort selbst. Von Obesien aus gesehen schien sie nur aus einer langen Mauer mit etlichen Wehrtürmen zu bestehen. Im Inneren der Anlage fanden aber mehrere tausend Soldaten Platz. Tredon konnte gewissermaßen als Speerspitze für einen Angriff gegen Obesien genutzt werden, falls ein solcher jemals erforderlich würde. Die siebenundneunzig Zogh-Krieger Octoras verloren sich in dieser riesigen Feste, deren Betreten für Außenstehende und Fremde verboten war. Allerdings durfte der oder die jeweilige Oberkommandierende Ausnahmen zulassen. Octora hatte dies für Uggx getan und ihm den Zutritt gestattet.

Uggx berichtete Octora, was er in Modonos in Erfahrung gebracht hatte. Als er dort eintraf, war Berion bereits nach Surdyrien abgereist. Einige Priester des Wissens hatten aber in der Akademie erzählt, dass Unitor während der Hinrichtungszeremonie befreit worden war. Uggx hatte anschließend ein Mitglied des Inneren Zirkels des Ordens aufgesucht, von dem er wusste, dass es sich um einen Vertrauten Berions handelte. Der Mann hatte ihm erzählt, dass Unitor offenbar von einer geheimnisvollen Priesterin und ihrem Gefolge aus Mivv und Shondo nach Oot gebracht werden sollte. Zum Schluss erwähnte Uggx noch mit dumpfer Stimme, dass der Eisgraf Tritor anscheinend im Zusammenhang mit der Befreiungsaktion den Tod gefunden hatte.

Nachdem der Shondo geendet hatte, entstand eine lange Pause. In den Augen der harten Zogh-Kriegerin standen plötzlich Tränen. Tritor war nicht nur ein Eisgraf gewesen, sondern auch der Sohn des Herzogs der Höhlen. Sie wusste, dass er sie geliebt hatte. Da sie selbst sich aber ihrer Gefühle nicht ganz so sicher war, hatte sie ihn vertröstet. Nun war er tot. Und letztlich trug Unitor die Schuld daran. Als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, konnte sie kaum glauben, dass dieser tollpatschige, kleine Mithrier der Hüter des Größten aller Eisbäume und damit der Erste der Eisgrafen sein sollte. Im Laufe der Zeit hatte sie ihn aber zu schätzen gelernt. Zuletzt hatte sie sogar so etwas wie Zuneigung für ihn empfunden, so wie eine ältere Schwester für einen jüngeren Bruder empfindet. Dass Unitor für den Tod Tritors verantwortlich war, änderte alles.

„Ich werde nach Oot gehen“, sagte sie schließlich tonlos.

„Das wäre unklug. ICH werde nach Oot gehen“, erwiderte Uggx. „Ich habe dort ganz andere Möglichkeiten als Sie, Octora.“

„Ich bin eine Eisgräfin“, brachte sie in Erinnerung.

Uggx kannte Octoras Sturheit, die mit üblichen Mitteln nicht zu brechen war. Er zögerte kurz, dann stieß er hervor: „Und ich bin der Schnorst von Oot“.

Octora erstarrte. Der Schnorst von Oot war eine Sagengestalt, von der man seit fast hundert Jahren nichts mehr gehört hatte. Dieser Kriegerkönig hätte also längst tot sein müssen, falls es ihn tatsächlich jemals gegeben hatte. Bei den Dschungelmenschen galt er als Unantastbarer, dem sich niemand widersetzen durfte. Octora hatte das alles bisher immer für ein Ammenmärchen gehalten. Aber andererseits kannte sie Uggx und wusste, dass er niemals log und auch nicht genügend Humor besaß, um sie zu veralbern.

Immer noch entsetzt und sprachlos zeigte sie auf seinen mächtigen linken Unterarm. Uggx zog die Ledermanschette aus und drehte die Unterseite seines Armes so, dass Octora sie sehen konnte. Auf der schwarzen Haut prangte die tiefrot leuchtende Tätowierung einer Orchideenblüte, das legendäre Erkennungszeichen des Schnorsts von Oot.

Octora sank gegen die Lehne ihres Stuhls. Uggx fuhr ungerührt fort:

„Gehen Sie zurück nach Zogh. Ich nehme an, dass Unitor sowieso vorhat, über Lokhrit nach Zogh zu gelangen. Ich selbst beabsichtige, in Lumbur-Seyth einen Freund abzuholen und mit diesem über den Seeweg nach Oot zu reisen. Wenn Unitor dann noch da ist, werde ich ihn nach Sandammon bringen.“

In Sandammon befand sich der Sitz des Marschalls und der Obersten Strategin.

Octora erklärte sich nach kurzem Zögern einverstanden, woraufhin Uggx ankündigte, dass er gleich am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen würde.

Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, brauchte Octora noch lange, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Also hatte ihre Mutter doch recht gehabt: Es gab eine Verschwörung, die die gesamte bekannte Welt betraf. Und es gab anscheinend eine Gruppe von Unsterblichen, die die Fäden zog.

*

Philar Sanh war durch die äußere Mauer des Quaralpalasts eingelassen worden. Danach hatte man ihn in ein kleines Wächterhäuschen geführt. Dort bestand er darauf, persönlich mit dem Verwalter zu sprechen. Er erklärte, dass er Neuigkeiten über die verschwundenen Bewohner des Dorfes Sanh habe. Da er keine Waffen bei sich trug, ließ er sich bereitwillig durchsuchen. Auf die graue Raupe in seiner Brusttasche angesprochen erklärte Philar Sanh, dass dies sein Talisman wäre. Da das Tier einen völlig harmlosen Eindruck erweckte, erhielt er die Genehmigung, es mitnehmen zu dürfen.

Zwei Aktuare des Verwalters brachten Philar Sanh in dessen Arbeitsraum. Als sie eintraten, erhob er sich und strahlte Philar an:

„Sie kommen aus Sanh?“

„Ja, Exzellenz.“

„Nennen Sie mich einfach Verwalter. Wir haben viel zu lange auf Neuigkeiten über die verschwundenen Dorfbewohner warten müssen.“

Der Verwalter gab seinen Aktuaren einen Wink: „Sie können jetzt gehen. Ich denke nicht, dass der junge Mann besonders gefährlich ist.“

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wandte sich der Verwalter wieder Philar Sanh zu: „Bitte setzen Sie sich und berichten Sie.“

Philar Sanh setzte sich vorsichtig in einen der beiden wuchtigen Ledersessel vor dem Schreibtisch des Verwalters. Während er sich niederließ, schien ihm, als werde vor seinem Bewusstsein ein Tuch weggezogen. Er sah plötzlich ein unbekanntes Gesicht mit vielen Falten und zwei strahlend blauen Augen vor sich. Sein Gegenüber trug eine auffällige Kette mit einem riesengroßen Bergkristall. So sollte nach den Beschreibungen die Amtskette des Verwalters der Nordlande aussehen! Philar Sanh sah sich betroffen um. Er befand sich in einem luxuriös eingerichteten Zimmer. Konnte das wirklich wahr sein?

Der Mann hinter dem Schreibtisch stand plötzlich auf. Seine rechte Hand griff nach dem Schwert an seinem Gürtel. Verwundert sah Philar Sanh wie der Mann das Schwert aus der Scheide riss, schnell ausholte und es dann herabsausen ließ. Es war das Letzte, was er sah.

Philar Sanhs Schädel wurde in zwei Teile gespalten.

Der Verwalter ließ das Schwert fallen, sprang in drei Sätzen zu dem blutüberströmten Körper und fing ihn auf. Vorsichtig nahm er den grauen Mon’ghal aus der Brusttasche des Toten und erhob sich langsam, während der Leichnam Philar Sanhs hart auf den Boden aufschlug. Dann setzte der Verwalter den Mon‘ghal auf die wertvolle Samttapete hinter seinem Schreibtisch.

Nachdem er einige Male nachdenklich in seinem Arbeitsraum auf- und abgegangen war, rief er nach seinen Untergebenen. Die beiden Aktuare wurden leichenblass, als sie Philars gespaltenen Schädel, das Blut und die herausgequollene Gehirnmasse sahen.

„Der Mann war ein Betrüger und Attentäter. Er stammt nicht aus Sanh. Er hat versucht, mir mein Schwert zu entreißen und mich umzubringen“, log der Verwalter. „Eigentlich müsste ich Sie zur Verantwortung ziehen, weil Sie ihn nicht ausreichend überprüft haben.“

Die beiden Männer erschraken, aber der Verwalter winkte gönnerhaft ab:

„Ich weiß, dass ich selbst eine Mitschuld trage, weil ich ihn möglichst schnell sehen wollte. Wir werden alle etwas aus diesem Vorfall lernen müssen. Beseitigen Sie die Leiche, und dann schicken Sie einige Boten nach Tanaria. Entweder in der Stadt selbst oder in der Umgebung halten sich mehrere Männer auf, die tatsächlich aus Sanh kommen und uns etwas über die verschwundenen Bewohner sagen können. Sie haben Lebewesen wie dieses bei sich.“ Er zeigte auf den grauen Mon‘ghal. „Dieser Betrüger hier hatte es gestohlen. Lassen Sie mindestens zwei oder noch besser drei der Männer aus Sanh zu mir bringen.“

Die beiden Aktuare waren froh, so glimpflich davongekommen zu sein und beeilten sich, den Anordnungen des Verwalters Folge zu leisten. Er selbst ließ sich in seinen Sessel sinken und hoffte, dass seine Männer Erfolg haben würden. Nur auf diese Weise konnte es ihm gelingen, den Hüter der Flammen zu beseitigen.

*

Das Klappern von Pferdehufen auf Basaltpflaster hallte durch eine menschenleere Seitenstraße nahe dem Stadtzentrum von Lumbur-Seyth. Da der einsame Reiter fast genauso schwarz war wie sein Pferd, wirkte er trotz seiner Größe zu dieser nächtlichen Stunde nahezu unsichtbar. Sein Ziel war eine prunkvolle Villa, die von den riesigen Bäumen hinter der hohen Einfriedung fast vollständig verdeckt wurde. Als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem Rappen und öffnete den rechten Metallflügel eines aus kunstvoll geschmiedeten Gitterstäben bestehenden, hohen Tores. Er zog sein Pferd auf einen mit Granit belegten Weg und sah vier schwarze Gestalten im Hintergrund. Zwei von ihnen eilten herbei und verschlossen das Tor. Als er die Zügel des Pferdes losließ, nahm es der Dritte und führte es weg. Der Vierte begleitete ihn zum Eingangsportal. Dort sagte der Ankömmling: „Ich brauche Sie jetzt nicht mehr. Ich muss sofort mit Zidis reden.“

Uggx glaubte zu wissen, wo sein Gefährte sich trotz dieser späten Stunde aufhielt. Deshalb lenkte er seine Schritte in Richtung des Untergeschosses, wo sich die Badehalle befand. Bei seiner Annäherung erkannte er aufgrund des Gekreisches, das von der Halle ausging, dass er richtig vermutet hatte. Schon beim Öffnen der Tür fiel sein Blick sofort auf die Liegewiese mit dem kurz geschnittenen Steppengras neben dem kleinen, künstlichen See.

Ein Knäuel menschlicher Körper und Haare ließ für einen Fremden kaum Einzelheiten erkennen. Für Uggx war dagegen sofort klar, dass sich dort Zidis mit acht nackten Steppenmädchen herumwälzte. Während die männlichen Mivv die Köpfe stets geschoren hatten, ließen die weiblichen Mivv ihre feuerroten Haare unangetastet wachsen, dass sie schließlich bis zu den Knien herabhingen.

Die Liegewiese wurde durch einen breiten, bogenförmigen Weg aus roten und gelben Sandsteinplatten vom rückwärtigen Teil der Halle abgegrenzt. Dieser Bereich erinnerte durch seinen Pflanzenbewuchs an einen tropischen Dschungel und strahlte mit seiner bunten Blütenvielfalt einen exotischen Zauber aus.

Nachdem Uggx eingetreten war, stürmten aus diesem Teil der Halle sechs große, schwarze, ebenfalls splitternackte junge Frauen heraus. Sie umringten ihn und redeten mit ihren kehligen Stimmen auf ihn ein während sie versuchten, ihm die Kleider vom Leib zu reißen.

„Ruhe!“ brüllte Uggx und machte eine abwehrende Handbewegung, sodass die Frauen erschrocken zurückwichen. Auch das Knäuel der Mivv-Körper löste sich auf, und das Geschnatter der Fistelstimmen erstarb schlagartig.

Uggx versuchte, seinem röhrenden Organ einen versöhnlichen Klang zu geben: „Wir werden nachher alle noch unseren Spaß haben, aber zuerst muss ich mit dem Mipf dieser Badehalle reden.“

Die Mädchen zogen sich schmollend zurück. Uggx ließ sich in ein aus dicken Hanfseilen bestehendes Geflecht sinken und schaukelte bedächtig hin und her. Zidis hatte inzwischen ein Tuch um seinen Körper geschlungen und näherte sich dem Shondo.

„Alter Spaßtöter“, schalt der Mipf der Steppe den Schnorst von Oot. „Was gibt es, das so wichtig ist, dass du mitten in der Nacht hier aufkreuzen und friedliche Menschen tyrannisieren musst?“

„Zidis, wir müssen zurück nach Oot“, sagte Uggx mit besorgter Stimme. „Nachdem wir dort die Verhältnisse geordnet haben, sind wir seit Jahrzehnten hier und sorgen dafür, dass die Ilumit-Produktion ausgeweitet wird. Wir haben Berion geholfen, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Aber jetzt müssen wir für unsere eigenen Interessen kämpfen. Es bahnt sich eine Auseinandersetzung zwischen Baradia und Senesia Sida an. Da können wir nicht einfach tatenlos zusehen.“

„Aber die sind doch aufeinander angewiesen“, wiegelte Zidis ab. „Was soll sich da geändert haben? Baradia braucht das Ilumit und die Spinne den Extrakt.“

„Senesia Sida hat jetzt auch einen grünen Kristall“, erklärte Uggx geduldig. „Sie wird versuchen, den Odem des Lebens selbst herzustellen. Wenn ihr das gelingt, könnte sie auf die Idee kommen, Baradia das Ilumit zu verweigern. Die beiden hassen sich.“

„Aber warum sollten wir uns ungefragt einmischen? Das wäre doch eigentlich Berions Aufgabe“, hielt ihm Zidis vor.

„Berion ist letztlich dafür verantwortlich, dass Senesia Sida überhaupt den grünen Kristall bekommen hat“, empörte sich Uggx. „Die ganze Sache könnte völlig außer Kontrolle geraten. Ich muss einfach sichergehen, dass wir an dem Ort sind, wo sich unser eigenes Schicksal entscheidet. Und nur wenn wir gemeinsam in Oot auftreten, können wir die Hoffnung haben, in diesem Spiel nicht auf der Strecke zu bleiben.“

„Einverstanden“, murrte Zidis schließlich, immer noch ziemlich missmutig. „Lassen wir also die alten Zeiten wieder aufleben. Dabei hatte ich mich so sehr an dieses Paradies hier fernab der Küste gewöhnt.“

*

Als zwei Priester des Wissens angemeldet wurden, ahnte Senesia Sida, dass die Warterei zu Ende war. Etwas überrascht stellte sie fest, dass beide noch ausgesprochen jung waren.

„Sie sind also die Pflanzenexperten, die Saradur mir geschickt hat“, begrüßte sie die beiden fröhlich.

„Eigentlich ist er der Pflanzenexperte, sein Name ist Telimur“, stellte Ronhil seinen Begleiter vor. „Mein Name ist Ronhil und ich bin zwar Biologe, aber kein ausgesprochener Pflanzenexperte. Dennoch bin ich ziemlich sicher, dass Sie auch für mich Verwendung haben.“ In seinen Augen lag ein erstaunlich selbstsicherer Ausdruck.

„Soso, wir werden sehen“, meinte die schwerreiche Kauffrau skeptisch. Längst hatte sie sich daran gewöhnt, dass die Menschen darum buhlten, in ihre Dienste treten zu dürfen.

„Genau genommen hat uns Berion, der Höchste Priester, zu Ihnen geschickt“, fügte Telimur hinzu in der Hoffnung, damit etwas mehr Eindruck auf die schöne Frau zu machen. Aber als er dies aussprach, wich die unirdische Schönheit aus Senesia Sidas Gesicht und hinterließ für einen kurzen Augenblick eine hässliche, maskenhafte Starre.

„Berion“, wiederholte sie langsam, mit einer seltsamen Betonung. Dann gewann sie aber rasch die Fassung zurück. „Gut. Sie sind sicherlich von der Reise müde und werden sich ausruhen wollen. Danach können wir uns unterhalten.“

Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als eine der Haushälterinnen an Senesia Sidas Tür klopfte. Nachdem die Hausherrin sie zum Eintreten aufgefordert hatte, kündigte die Dienerin an: „Einer der Priester möchte Sie allein sprechen, Meisterin. Er wartet draußen.“

Senesia Sida hoffte, es würde sich um den Pflanzenexperten handeln: „Bitten Sie ihn herein“.

Doch dann erschien Ronhil.

„Sie?“, kommentierte die Kauffrau sein Eintreten mit einem gelangweilten Gähnen. Ronhil ließ sich davon nicht abschrecken.

„Es lag natürlich näher, dass ich Sie wiedererkenne als dass Sie mich wiedererkennen“, lächelte er und blickte direkt in ihre fragenden Augen, in denen aber allenfalls ein mäßiges Interesse lag. „Ich war längere Zeit im Stützpunkt bei Duntes tätig. Dort habe ich Sie mehrmals gesehen.“

„Ich wusste gar nicht, dass dort Biologen benötigt werden“, zweifelte Senesia Sida.

„Mein Spezialgebiet ist die Wirkung von Ilumit auf Lebewesen“, erläuterte Ronhil.

Ein Ruck ging durch Senesia Sida und schlagartig erwachte ihr Interesse. Bei Ilumit handelte es sich um ein sprödes Erz, das für die Herstellung von Waffen und Werkzeugen untauglich war und deshalb jahrhundertelang ein Schattendasein geführt hatte.

Da es aber unterschiedliche Wirkungen auf verschiedenartige Lebensformen hatte, wurde es zuletzt immer häufiger in gemahlener Form insbesondere zur Manipulation von Tieren eingesetzt. Mit größtem Unbehagen hatte Senesia Sida festgestellt, dass in den letzten Jahren zunehmend auch andere Minenbetreiber Ilumitvorkommen ausbeuteten, was sich negativ auf die Preise auswirkte. In Wahrheit war dies allerdings ihr geringstes Problem.

Sie wagte gar nicht daran zu denken, dass sich Baradia diesen Umstand zunutze machen und dadurch von ihr unabhängig werden könnte.

„Dann wissen Sie, an wen die anderen Minenbesitzer ihr Ilumit verkaufen?“ fragte sie lauernd.

„Ich nehme an, dass immer noch ausschließlich an Obesien verkauft wird, obwohl ich das nicht aus eigener Anschauung bestätigen kann“, mutmaßte Ronhil. „In den letzten beiden Jahren bin ich nicht hier gewesen. Aber dennoch war ich wohl auch in dieser Zeit derjenige, der das meiste Ilumit verbraucht hat.“

„Ach ja? Und wozu?“, wunderte sich Senesia Sida.

„Es gibt – oder vielleicht müsste ich auch sagen: es gab – in Mithrien ein entsprechendes Forschungsprojekt“, deutete der Priester des Wissens an.

„Und worum ging es da genau?“, bohrte die Kauffrau.

„Es ging um die Anpassung von Lebewesen an verschiedene klimatische Bedingungen. Wir haben da vorwiegend mit Mon‘ghalen experimentiert“, erklärte Ronhil bereitwillig.

„Mit Mon’ghalen? Wozu soll das gut sein?“, fragte Senesia Sida erstaunt.

„Nicht nur mit Mon’ghalen“, stellte Ronhil klar.

„Womit noch?“, hakte die Minenbesitzerin nach.

Nach kurzem Zögern ergänzte der Priester: „Auch mit Menschen.“

Sie sah ihn überrascht an: „Mit Menschen?“

„Ja“, bestätigte er. „Die Obesier hatten die Bewohner eines ganzen Dorfes in Mithrien verschleppt. Fragen Sie mich nicht, wie die das gemacht haben. Jedenfalls haben sie zuerst die Entführten in einer großen Höhle zusammengepfercht. Später haben sie die Gefangenen immer einzeln mit Mon’ghalen zusammengebracht, die sich unter dem Einfluss des Ilumits verändert hatten. Offenbar waren aber nur wenige geeignet für den angestrebten Zweck. Das fiel jedoch nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.“

„Was geschah mit den anderen?“ erkundigte sich Senesia Sida.

Ronhil zuckte die Schultern: „Keine Ahnung. Man hat sie wohl irgendwie verschwinden lassen.“

Senesia Sida hatte das Gefühl, dass diese Thematik jetzt nicht mehr ihre eigenen Interessen betraf. Ihr ging es vor allem darum, die zuletzt stark gestiegene Nachfrage nach Ilumit möglichst allein bedienen zu können. Sie hatte Ronhil schnell durchschaut und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er ihr dabei behilflich sein könnte. Er wirkte völlig skrupellos. Dies zeigten schon seine Äußerungen; außerdem hätte er sonst wohl kaum für die Obesier in einer Geheimstation gearbeitet und dadurch gegen die Konvention mit dem Priesterorden verstoßen. Die Konvention galt als unantastbarer Vertrag zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen Obesiens. Dass Berion den jungen Priester nicht aus dem Orden ausgeschlossen hatte, sprach für die Geschicklichkeit des Verräters. Daher eröffnete ihm Senesia Sida:

„Sie hatten recht. Ich könnte Sie in Surdyrien gebrauchen.“

Ronhil grinste breit: „Das trifft sich gut. Ich soll nämlich sowieso dem Höchsten Priester Bericht über alle Ihre Schritte erstatten. Da er sich in Lauros aufhält, hätte ich keine langen Wege“.

Senesia Sida sah ihn unbewegt an: „Das habe ich mir gedacht. Sie können ihm sagen, dass ich nach Oot abgereist bin, und dass ich Ihnen den Auftrag gegeben habe, eine private Schutztruppe für meine Minen aufzustellen.“

Ronhil zog die Brauen hoch: „Und was soll ich wirklich tun?“

„Genau das, was ich Ihnen eben gesagt habe“, bekräftigte Senesia Sida. „Lediglich vorher wäre da noch eine Kleinigkeit zu erledigen.“

Der Priester sah sie erwartungsvoll an.

„Meine kaufmännische Mathematik sagt mir, dass sechs Besitzer von Ilumit-Minen genau vier zu viel sind“, fuhr sie fort. „Einen Konkurrenten könnte ich noch gut im Auge behalten. Ich werde Ihnen die Adresse eines Mivv in Lauros geben, der Sie mit allem versorgt, was Sie für die Durchführung eines solchen Auftrags brauchen, und der Sie auch sonst in jeder Art und Weise unterstützt. Ich schlage vor, dass Sie schon morgen abreisen. Ich selbst werde heute noch abreisen. Kommen Sie also in einer halben Stunde nocheinmal hierher, dann werde ich Ihnen die Empfehlungsschreiben und sonstigen Dokumente geben, die Sie in Surdyrien benötigen.“

Ronhil wusste, dass damit das Gespräch zunächst beendet war, verabschiedete sich höflich und verließ das pompöse Zimmer.

Senesia Sida sah ihm nach und dachte an Berion. Langsam begann sie, seine Rolle in diesem Spiel zu erahnen. Er musste es gewesen sein, der ihr zuerst den Grünen Kristall und jetzt auch noch den Mann zugespielt hatte, der ihr auf Dauer den Extrakt beschaffen konnte. Aber der Alte verfolgte damit keine uneigennützigen Ziele. Sein Bestreben ging dahin, die Menge des Lebenselixiers zu verdoppeln. Das setzte aber voraus, dass er ein gegenseitiges Morden verhinderte und Baradia nicht benachteiligte. Folglich musste er für sie eine Ilumit-Mine beschafft haben, um ihre Versorgung sicherzustellen. Er konnte Baradia mit diesem Ilumit aber jedenfalls so lange nicht beliefern wie sie selbst, Senesia Sida, nicht in der Lage war, den Odem des Lebens herzustellen. Daher genügte es vorläufig, wenn sie alle anderen Ilumit-Minen unter ihre Kontrolle brachte. Ronhil würde herausfinden, welche Mine Berion gehörte. Er würde ihm von seinem wahren Auftrag berichten, und der Höchste Priester würde einen Übergriff auf seine eigene Mine zu verhindern wissen. Jetzt musste sie aber auch ihre eigenen Pläne erst einmal ändern. Oot war zu einer Falle geworden. Sie beschloss, jetzt schnell zu handeln und machte sich auf den Weg zu Telimur. Der würde sich auch auf dem Schiff noch lange genug ausruhen können.

Telimur hatte es sich gerade auf dem ausladenden und bequemen Bett gemütlich gemacht, als es heftig an der Tür klopfte. Noch bevor er überhaupt reagieren konnte, hatte Senesia Sida die Tür bereits aufgerissen.

„Ich habe mich entschlossen, sofort aufzubrechen“, rief sie. „Alles Weitere können wir auf dem Schiff besprechen. Wir treffen uns in einer halben Stunde an der Kutsche am Eingang.“

„Wohin gehen wir?“ fragte Telimur verwirrt.

„Nach Oot“, log die Kauffrau. Es würde reichen, ihm auf dem Schiff die Wahrheit zu sagen. Dann hatte er auch keine Gelegenheit mehr, etwas auszuplaudern. Insbesondere sollte Ronhil nichts von ihrer Planänderung erfahren. 

Sie verließ das Zimmer, um in aller Eile die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen. Für die wichtigsten Dinge hatte sie in weiser Voraussicht bereits vorgesorgt.

Telimur packte seine Habseligkeiten zusammen und begab sich in den Vorhof, wo eine reich verzierte Kutsche mit prächtig herausgeputzten Pferden bereitstand. Der Kutscher sah ihn mitleidig an und half ihm, seine Sachen zu verstauen. Kurze Zeit später kamen bereits Senesia Sida und Ekog, der zwei ausladende Koffer schleppte.

Nachdem die Kauffrau eingestiegen war, fragte sie Telimur: „Sind Sie schon mit Schiffen gereist?“

„Nur auf Flüssen, aber auch das ist schon lange her“, erwiderte er.

„Sie werden es überleben“, versprach sie teilnahmslos. Inzwischen war auch Ekog eingestiegen, und die Kutsche fuhr los. Schnell hatten sie die Palmenallee hinter sich gelassen. Telimur sah zum ersten Mal die Stadt Lumbur-Seyth in ihrer vollen Schönheit. Von der Bergstraße aus hatte man einen herrlichen Blick über die stattlichen gelb-roten Gebäude im Zentrum der Hafenmetropole und auf die bunten Villen, die sich entlang dem Mündungstrichter des Lumbur auf den üppig bewachsenen Hängen erhoben. Auf der gegenüberliegenden Seite reichten die Lager- und Geschäftshäuser mit ihren grauen Metalldächern bis an den Horizont.

Die Fahrt bis zur Anlegestelle dauerte fast eine Stunde. Als sie den Hafen erreicht hatten, sah Telimur drei Schiffe an der nächstgelegenen Pier, zwei mittelgroße und ein etwas kleineres. Offensichtlich waren alle hochseetauglich und in äußerst gepflegtem Zustand. Beim Näherkommen erkannte er, dass auf einem der mittelgroßen Schiffe emsige Betriebsamkeit herrschte. Dort hielten sich auch einige mit Äxten und Speeren bewaffnete Shondo auf.

Senesia Sida bemerkte den fragenden Blick Telimurs und erklärte: „Das ist unsere kleine Flotte. Sie reisen mit mir und Ekog auf dem kleinen Schiff. Alles Weitere werde ich Ihnen an Bord erklären.“

Nachdem die Schiffe abgelegt hatten und in einem böigen Wind Richtung Süden ausgelaufen waren, bat Senesia Sida den Priester des Wissens in ihre Kajüte.

„Was wissen Sie über die Rote Mondorchidee?“ stellte sie ihn auf die Probe. Telimur überlegte nur kurz: „Sie gehört zu den Erdorchideen und ist ziemlich selten; sie kommt nur entlang eines bestimmten Breitengrades im Dschungel von Oot vor. Ich denke, dass das mit dem Pilz zusammenhängt, den die Pflanze für ihre Keimung benötigt, und dass dieser Pilz die gleichen Wachstumsbedingungen braucht.“

„Richtig“, bestätigte Senesia Sida. „Ich beschaffe Ihnen den Orchideensamen und den Pilz, und Sie werden diese Orchideen in Lumburia kultivieren.“ Telimur sah sie zuerst fragend an und nickte dann langsam: „Oot und Lumburia liegen an den entgegengesetzten Küsten des Kontinents. Es führt der gleiche Breitengrad durch beide Länder. Der Dschungel und die klimatischen Bedingungen sind fast gleich – oder besser gesagt: spiegelbildlich. Ja, das könnte funktionieren. Aber ist das nicht ziemlich viel Aufwand für ein paar Orchideen?“ Senesia Sida ignorierte diese Frage: „Was wissen Sie noch über die Rote Mondorchidee?“

„Das ist die Pflanze, die am schnellsten verwelkt, wenn man sie abbricht“, antwortete Telimur.

„Und was schließen Sie daraus?“ ließ sie nicht locker.

„Logisch gesehen müsste ihre Wurzel eine ungeheure Kraft haben“, folgerte der Priester des Wissens.

„Genau“, stimmte sie ihm zu und klärte ihn weiter auf: „Es gibt einen Kristall, mit dem man die Pflanze konservieren kann, und es gibt ein Erz, mit dessen Hilfe man die Kraft der Wurzel für Menschen nutzbar machen kann.“

„Ilumit“, entfuhr es Telimur.

„Sie sind ein heller Kopf“, lobte die Kauffrau. Telimur setzte nun in diesem hellen Kopf die Bausteine des soeben Gehörten zusammen: „Der Wurzelextrakt mit Ilumit vermischt verhindert die Alterung des menschlichen Körpers.“ „Für eine gewisse Zeit“, schränkte Senesia Sida ein.

„Eine Verzögerung der Sterblichkeit also“, fasste Telimur zusammen.

Die Kauffrau wiegte den Kopf: „Klingt ziemlich dramatisch, aber ja, das trifft den Kern. Solange niemand Ihrem Leben gewaltsam ein Ende bereitet und solange genug Extrakt vorhanden ist, sind Sie unsterblich.“

Als Wissenschaftler hatte Telimur schon öfter die Erfahrung machen müssen, dass zwischen Theorie und Wirklichkeit manchmal ein unüberbrückbarer Graben bestand. Deshalb fragte er: „Ist das nur eine Hypothese?“

„Glücklicherweise: nein“, bekannte Senesia Sida.

„Wollen Sie damit sagen, dass es Personen gibt, die das ausprobiert haben?“ forschte er ungläubig nach.

„Ja. Aber das Problem ist, dass die Orchideen längere Zeit der starken Strahlung eines außergewöhnlich großen Kristalls ausgesetzt sein müssen. Sie müssen dem Kristall sehr nahe sein“, betonte Senesia Sida. „Durch die räumliche Enge wird die Zahl der Pflanzen begrenzt. Damit ist aber gleichzeitig die Herstellung des Extrakts mengenmäßig nur sehr eingeschränkt möglich. 

Die Ausbeute reicht nur, um wenige Menschen zu versorgen. Bisher gab es lediglich einen bekannten Kristall, der die notwendige Größe hat. Jetzt habe ich einen zweiten.“

Telimur sah sie mit großen Augen an. Etwas passte nicht zusammen, worauf er sie sogleich ohne Hemmungen ansprach: „Sie wussten das offenbar schon ziemlich lange. Eigentlich sollte man annehmen, dass jemand wie Sie Mittel und Wege hätte finden können, um sich in den Besitz des ersten Kristalls zu setzen.“

Senesia Sida bewunderte seinen Scharfsinn und grinste geschmeichelt: „Sie sind noch durchtriebener als ich dachte. Aber das Risiko war viel zu hoch. Wenn es zu einer Auseinandersetzung um den Stein gekommen wäre, hätte dies zu einem Ausfall bei der Gewinnung des Extrakts führen können. Sobald ich aber erst einmal in der Lage bin, selbst den Odem des Lebens zu erzeugen, kann ich mir den anderen Kristall immer noch holen.“

Da dämmerte es Telimur: „Das Ilumit. Sie haben das Ilumit geliefert und dafür Orchideenextrakt bekommen“, murmelte er. „Wie alt sind Sie wirklich?“

„Eine Frau spricht nicht gern über ihr Alter“, entgegnete Senesia Sida ausweichend.

„Und wie geht es jetzt weiter?“ wollte Telimur wissen.

„Ich werde Sie und eine Mannschaft aus zehn Shondo und drei Mivv sowie den notwendigen Arbeitern mit den beiden großen Schiffen in Lumburia absetzen“, erläuterte die reichste Frau des Kontinents. „Dort werden Sie eine Anzuchtstation für die Orchideen aufbauen. Das zweite Schiff ist übrigens ein Versorgungsschiff mit Proviant, Werkzeugen und Baumaterial. Ihnen wird ein Mann behilflich sein, der sich schon vor Ort befindet und sich als der „Letzte Wanderpriester“ bezeichnet. Ich selbst werde mit Ekog und dem Rest der Leute nach Sindra weiterreisen und versuchen, von Hochkönig Gylbax eine kleine Truppe zu bekommen, mit der ich die Orchideen und Pilze aus Oot holen kann. Allein ein paar Shondo würden mir dort wenig nützen. Wenn alles glatt läuft, bringe ich Ihnen die Samen und Pilze nach Lumburia. Dann können Sie selbst entscheiden, ob Sie für eine SEHR lange Zeit mit mir zusammenarbeiten wollen.“

 

*

 

Nach mehr als zwei Jahren hatte sich der obesische Kriegsrat erstmals wieder vollzählig versammelt. Sogar der Admiral war eigens aus Lumbur-Seyth angereist. Mit seinem hellblauen Waffenrock stach er unter den anderen Heerführern heraus, die allesamt erdfarbene Kombinationen trugen.

Noch auffälliger gekleidet war nur der hochrangige Gast, der entgegen den üblichen Gepflogenheiten an dieser Zusammenkunft teilnahm. Saradur trug die tiefschwarze Robe des Ordenssprechers mit dem roten Kreis.

„Nach der Zerstörung von Doront sind unsere Pläne im Norden vorerst gescheitert“, lamentierte Brondik, das Oberhaupt der Geheimen Schar.

„Das sehe ich nicht so“, widersprach Zubarak, der Ducarion der Garde von Modonos. „Wir haben immerhin noch Clampp und die sechs resistenten Mon‘ghale.“

„Das ist zu wenig“, mischte sich Asiligan ein, der neue Befehlshaber der Äußeren Armee. „Wir sollten versuchen, einen weiteren Stützpunkt im Norden zu errichten.“

„Und wo soll das geschehen?“ fragte Brondik zurück. „Außerdem dauert das viel zu lange.“

„Es gäbe vielleicht noch eine andere Möglichkeit“, deutete Saradur an. Alle wandten sich ihm zu.

„Doront ist nicht völlig zerstört“, erklärte der Sprecher des Priesterordens. „Man könnte es wieder in Betrieb nehmen.“

„Unmöglich“, entgegnete Brondik. „Das ist jetzt eine Geheimstation, die nicht mehr geheim ist.“

„Das ist auch nicht nötig, wenn man einen Verbündeten in Mithrien hat“, belehrte ihn Saradur. „Ich werde mich persönlich darum kümmern.“




Kapitel 10 – Der Hochkönig von Sindra


In einem einzigen Augenblick wurde dem Hochkönig klar, dass er jahrelang mit einem Betrug gelebt hatte. Es geschah genau zu dem Zeitpunkt, als seine Schwester, die er über alles geliebt hatte, ihren letzten Atemzug tat. Völlig unvorbereitet traf ihn die Erkenntnis, dass er doch kein Sohn der Götter war. Andernfalls hätte er die Macht gehabt, den Tod dieses geliebten Menschen zu verhindern. Später kamen ihm Zweifel. Die Rote Pest hatte Arghilaghee dahingerafft, aber ihn selbst zurückgelassen. Entgegen den Bitten seiner Ratgeber war er ständig in ihrer Nähe geblieben bis sie starb. Wieso blieb er von der Seuche verschont, obgleich er die Götter herausgefordert hatte? Wollten sie nur seine Leiden verlängern? Oder hielten sie vielleicht doch eine Belohnung für seine Standhaftigkeit bereit?

 „Vor viertausend Jahren lichtete sich der Dunst, der die Vergangenheit verhüllt. Im gleißenden Sonnenlicht des Südens reckte Zitaxon, der erste Krieger, seinen Speer empor, mit dem er bisher die Tiere des Waldes gejagt hatte, um seine Sippe zu ernähren. Von nun an richtete er diesen Speer gegen all die Menschen, die sich ihm nicht unterwerfen wollten. Als er starb, gehörten seiner Sippe ein ganzer Landstrich und viele Menschen. Auf den Vater folgte der Sohn. Vierhundert Jahre später beherrschte die Dynastie der Hochkönige das mächtige Reich Sindra. Während die Blutlinie Zitaxons durch die Zeiten strömte, grub sie gleichsam einem Flussbett immer tiefer den Glauben in das Land, dass die Hochkönige weit über den Menschen stehen. Aber ein Fluss kann sein Bett verlassen und in einem Wasserfall in die Tiefe stürzen. Am Beginn des Wasserfalls stand Menesses. Ein Wasserfall kommt stets auf den Boden zurück. Und dann gräbt sich der Fluss erneut ein Bett. Am Ende wartet jedoch immer ein anderes Gewässer auf ihn, das ihn verschlingt.“

Der blasse Hochkönig klappte das Buch zu und sah zu seinem Besucher auf. „Das ist ketzerisch“, stellte er leidenschaftslos fest. „Früher hätte man den Verfasser gekreuzigt. Ich dagegen verehre ihn und glaube, dass er recht hat.“

„Selazidang ist nicht nur der größte Gelehrte Sindras, er ist auch der bedeutendste Gelehrte des Kontinents“, pflichtete ihm der Besucher bei.

Gylbax lächelte: „Er hat mir empfohlen, mich an Sie zu wenden. Er glaubte, wenn mir ein Mensch helfen könnte, dann seien Sie es.“

Der Hochkönig hatte sich Antworten erhofft. Aber vor allen anderen Dingen wollte er noch ein einziges Mal in Arghilaghees sanftes, kindliches Antlitz sehen, bevor es von der Roten Pest entstellt worden war. Der alte Mann hatte versprochen, ihm dieses Gesicht zu zeigen. Und er hatte sein Wort gehalten. Als das Bewusstsein des Hochkönigs in die bizarre Glasskulptur einfloss, die der Besucher wortlos vor ihn auf den Tisch gestellt hatte, standen die mädchenhaften Züge seiner Schwester in ihrer ganzen Schönheit vor seinem geistigen Auge. Dann verblasste dieses Bild und wurde ersetzt durch das Antlitz einer Frau, die genauso aussah. Aber das war nicht mehr seine Schwester, denn sie hatte grüne Augen. Danach erschien ein junger Mann mit grünen Augen, und es geschahen Dinge, die den Hochkönig zutiefst beunruhigten. Und schließlich endete alles in einer entsetzlichen Bluttat. Die Bilder verschwanden. Die geschliffenen Flächen des Glasobjekts wirkten plötzlich seltsam hohl und leer. Der alte Mann ergriff es und verstaute es in seinem Gewand.

Der Hochkönig sah lange in das ausgezehrte Gesicht seines Gastes, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Totenschädel hatte. Einige weiße Haarsträhnen hingen wirr vom Kopf des Besuchers herab. Obwohl dieser Kopf nun entschlossen nickte, schien er von Zweifeln geplagt zu sein.

Der Hochkönig bemerkte diese Zweifel nicht. Er selbst war nun jedenfalls von seinen eigenen Zweifeln befreit. Und er war bereit, zu gegebener Zeit das zu tun, was getan werden musste.

„Denken Sie an den weißen Kreis“, legte ihm der Besucher nochmals eindringlich ans Herz, bevor er sich auf den Rückweg in sein eigenes Land begab.

 

*

 

Der Berater wusste, dass der geheime Krieg nicht auf die Nordlande und Obesien beschränkt bleiben würde. Dafür musste er letztlich sogar selbst sorgen, ob er wollte oder nicht. Nach seiner Einschätzung lag der Brennpunkt des Geschehens in Surdyrien mit seinen enormen Erzvorkommen. Deshalb hatte er sich nach Lauros begeben. Zuvor hatte er aber noch Duotora nach Borthul und Novotor nach Sindra geschickt, um dort Verbündete für den Kampf gegen Obesien zu gewinnen.

Die beiden Gatyer hatten den Vorteil, dass sie fließend Sindra sprachen, die „Sprache der Könige“, wie sie in Sindra selbst genannt wurde. Frühe Hochkönige aus der Dynastie des Zitaxon hatten diesen Begriff geprägt, um den einfachen Menschen den Eindruck zu vermitteln, sie stünden allein schon wegen ihrer Sprache über den anderen Völkern. Im Gefühl dieser Überlegenheit ertrug das Volk von Sindra wesentlich bereitwilliger die nicht selten tyrannische Herrschaft seiner Hochkönige.

Von alters her wurde in den Nordlanden, in Nord-Obesien, Surdyrien und Lokhrit das Idiom des Nordens gesprochen. Nach den Eroberungszügen der Hochkönige von Sindra hatte sich deren Sprache im südlichen Lumburia, in Borthul und Süd-Obesien durchgesetzt. Lediglich die Steppenmenschen von Oot hatten trotz ihrer außergewöhnlichen Sprachbegabung ihre eigene, zischelnde Sprache nicht aufgegeben. Und auch in den unwegsamen Regenwäldern von Lumburia und Oot hatten sich völlig eigenständige Dialekte erhalten. Erst nachdem Teile der Küstengebiete von Oot durch das Seefahrervolk von Lokhrit besiedelt wurden, verbreitete sich auch dort das Idiom des Nordens.

Süd-Obesien war ein Sonderfall, weil nach der Eroberung durch Nord-Obesien die Machthaber in Modonos per Dekret das Idiom des Nordens als Einheitssprache in ganz Obesien verordnet hatten. Auf wundersame Weise beherrschte die Bevölkerung in den ehemals von Sindra besetzten Teilen aber dennoch beide Sprachen, obwohl dort Sindra im Alltag schon lange nicht mehr gesprochen wurde.

*

Borthul war der vom Klima begünstigte Nährboden des Südens. Eine kühle Meeresströmung sorgte dafür, dass gemäßigte Winde in einem breiten Korridor zwischen Oot im Osten und Sindra im Westen angenehme Temperaturen und den notwendigen Regen brachten, um die wichtigsten Getreide-, Gemüse- und Obstsorten gedeihen zu lassen. Daher widmete sich der überwiegende Teil der Bevölkerung Borthuls der Herstellung und dem Transport von Nahrungsmitteln.

Borthul war ein offenes, fremdenfreundliches Land. Duotora kamen zudem ihre Sprachkenntnisse zugute. Die Menschen in Borthul schätzten es sehr, wenn Besucher aus dem Norden die sindrische Sprache beherrschten. Da Duotora mit ihren kindlichen Gesichtszügen ein wenig schutzbedürftig und zudem stets gut gelaunt wirkte, begegneten die Bewohner Borthuls der zierlichen Eisgräfin äußerst freundlich und zuvorkommend.

Duotora hatte in der Nähe des großen Hafens von Flagant ein kleines Haus gekauft. Danach hatte sie sich bemüht, Kontakte mit einflussreichen Personen des Landes herzustellen. Schließlich konnte sie erreichen, dass der örtliche Hafenaufseher ihr ein Treffen mit einem der drei Vorsitzenden der Kongregation vermittelte. Sie war daraufhin in die nahe gelegene Hauptstadt Lodumon gereist, um sich dort mit Dolugon, dem Kollegialvorsitzenden der Kongregation, zu treffen. Dieser hatte ihr jedoch in sehr freundlichem, aber nicht minder bestimmten Ton klargemacht, dass sich Borthul traditionsgemäß nicht an den Auseinandersetzungen anderer Völker beteiligte.

„Wir sind Bauern, keine Krieger. Wir könnten Ihnen nicht wirksam helfen, selbst wenn wir wollten“, lautete die Quintessenz seiner Darlegungen.

Am Ende des Gesprächs beugte sich Dolugon zu Duotora vor und sagte in verschwörerischem Ton: „Was mich persönlich betrifft, stehen mir Ihre Freiheit liebenden Landsleute natürlich wesentlich näher als diese bedrohliche Kriegsmaschinerie in Obesien. Aber, wie gesagt, Borthul ist nur eine stete, langweilige Insel in einem aufgewühlten Ozean. Wenn Sie die Vulkane suchen, aus denen die Geschichte entsteht, dann rate ich Ihnen, nach Sindra oder – noch besser – nach Oot zu gehen.“

Duotora sah nachdenklich und schweigend auf die Tischplatte.

„Falls Sie gehen und jemanden brauchen, der sich um Ihr kleines Häuschen in Flagant kümmert, würde ich dies gerne für Sie regeln“, bot ihr Dolugon dann noch freundlicherweise an.

So entschied sich Duotora, nach Oot zu reisen. Aber angesichts einer derart tiefgreifenden Änderung ihrer Pläne hielt sie es für erforderlich, wenigstens einen anderen Eisgrafen in ihre Absichten einzuweihen. Aus ihrer Sicht erschien es daher am naheliegendsten, sich zu Novotor nach Sindra zu begeben. Bei diesem Entschluss spielten allerdings nicht nur kühle Überlegungen eine Rolle.

*

Die Hochkönige von Sindra beherrschten einst den größten Teil des Kontinents. Ihr Gebiet erstreckte sich von den Steppengebieten des mittleren Oot bis zur Küste von Lumburia und umfasste das heutige Sindra, Borthul sowie große Teile Süd-Obesiens und die Inseln Ludoi und Borgoi. Die Hochkönige hielten dieses riesige Gebiet mit Hilfe einer großen Armee zusammen, deren Schlüsselpositionen von den Pylax eingenommen wurden. Die Mitglieder dieser Kriegerkaste hatten sich über Jahrtausende durch unablässige Übungen und strikte Reinhaltung ihres Blutes eine derartige Schnelligkeit zugeeignet, dass sie für den Gegner im Kampf mit bloßem Auge kaum noch erkennbar waren.

Vor fünfhundert Jahren hatte dann aber eine verhängnisvolle Entwicklung für die Sindrier eingesetzt. Während die Bevölkerungsdichte in Obesien stetig zunahm, ging die Geburtenrate in Sindra langsam aber unablässig zurück. Zuerst mussten die Sindrier die ohnehin kargen Steppengebiete in Oot aufgeben, wo die ständigen Überfälle durch die wilden Mivv große Verluste an Menschen und Material verursachten. Dann kam es zu der Auseinandersetzung mit dem freiheitsliebenden Bauernvolk von Borthul. Da Borthul die Kornkammer Sindras war, hätte ein Krieg mit den Borthulern die Versorgung der Bevölkerung Sindras gefährdet. Deshalb entließ der zu dieser Zeit herrschende Hochkönig schweren Herzens Borthul in die Unabhängigkeit. Seither wurde der Bauernstaat von einer Kongregation regiert, deren Mitglieder von der Bevölkerung in den einzelnen Provinzen gewählt wurden.

Weniger glimpflich verlief die Auseinandersetzung Sindras mit Obesien. Nach jahrelangen, verlustreichen Kämpfen wurden schließlich alle Stützpunkte Sindras in Süd-Obesien von den Heeren der vereinten Nord- und Südobesier überrannt. Die erst kurz zuvor nach außen in Erscheinung getretene Bevölkerungsgruppe der Priester des Wissens hatte Techniken entwickelt, gegen die selbst die Pylax machtlos waren. Die Obesier beschossen mit gewaltigen Katapulten die Festungsanlagen der Sindrier und legten sie mit Felsbrocken sowie Brand- und Giftgeschoßen in Schutt und Asche. Hartnäckig hielten sich Gerüchte, wonach die Obesier in diesem Kampf auch von Ureinwohnern aus Lumburia unterstützt worden waren. Zu jener Zeit galten die Lumburier als die Todfeinde Sindras und der Pylax.

Als sich die Sindrier aus Süd-Obesien zurückzogen, versuchten die Obesier, ihnen nachzusetzen und Sindra zu erobern. Dabei scheiterten sie jedoch an den hügeligen und teilweise unwegsamen Wäldern, die sich im Südwesten zu felsigem Dschungelland verdichteten. In diesen schwer zugänglichen, von vielen kleinen Flüssen durchzogenen Landschaften konnten die Armeen der Obesier selbst gegen vereinzelte Pylax nichts ausrichten. Schließlich zog Obesien seine Heere zurück und vermied seither weitere Auseinandersetzungen mit Sindra. Von den Pylax hieß es, dass sie längst im Strom der Zeit untergegangen waren.

Nur die große Insel Ludoi verblieb Sindra, während Borgoi praktisch von der einheimischen Bevölkerung, Nachfahren von Kolonisten aus Lokhrit, beherrscht wurde. Berichten zufolge standen sie in enger Verbindung zu den Piraten des Südmeeres.

*

Angehörige fremder Völker durften in Sindra keinen Grundbesitz erwerben. Hochkönig Gylbax XII. hatte jedoch seinem Gast, dem Graf aus dem Norden, ein großzügiges Landhaus mit einem märchenhaften Garten auf einem Hügel in der Nähe der heutigen Hauptstadt Doinat zur Verfügung gestellt. Der besondere Reiz dieses kleinen Palastes lag in der wunderbaren Aussicht auf die beiden Flüsse Lumbur und Sindur, die oberhalb der Hauptstadt zusammentrafen.

Bis zurzeit von Menesses, dem Urgroßvater des jetzigen Hochkönigs, hatten die Herrscher Sindras noch im Großen Sternpalast der alten Hauptstadt Zitaxon residiert. Zitaxon beherbergte zweifellos die bedeutendsten Kulturdenkmäler des gesamten Kontinents. Niemand wusste genau, ob Menesses nur von der landschaftlichen Schönheit des Flussdeltas von Lumbur und Sindur fasziniert war oder ob er mit alten Traditionen brechen wollte. Wahrscheinlich hatten beide Bestrebungen zusammengewirkt. Schon lange vor Menesses hatte sich abgezeichnet, dass die ehemals harten und kriegerischen Hochkönige dieser uralten Dynastie mehr und mehr in eine dekadente Behäbigkeit und Selbstgefälligkeit verfielen. Die Pylax waren verschwunden. Zitaxon kämpfte einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Zahn der Zeit. Ausgemergelte Fremdenführer hatten das Heft des Handelns in die Hand genommen und zeigten staunenden Gästen aus fernen Ländern die langsam verwitternden Monumente einer glorreichen Vergangenheit: die Allee der Sarkophage, den Großen Sternpalast, den Tempel des Himmelsgewölbes und den der Gi, die Gruft von Kostondio und das gigantische, aus rotem Porphyr gefertigte Standbild des Zitaxon, des Begründers der gleichnamigen Dynastie.

Zwischen Novotor und Gylbax hatte sich aus gegenseitigem Respekt heraus eine Art von Freundschaft entwickelt, obgleich die beiden Männer kaum gegensätzlicher hätten sein können. Gylbax war eigentlich noch zu jung, um das Gewicht eines derart schweren Erbes und Amtes zu tragen. Er wirkte bleich, zerbrechlich und oft unsicher. Novotor dagegen umgab bei aller freundlichen Unauffälligkeit eine Aura unbeugsamen Selbstbewusstseins und der Stärke. Er hatte schon immer die Fähigkeit besessen, notwendige Entschlüsse schnell und mit traumwandlerischer Sicherheit zu fassen und umzusetzen.

Gylbax hatte einen ausgeprägten Hang zu mystischen und schönen Dingen und ließ sich durch sie oft von notwendigen Regierungsgeschäften abhalten. Seine größte Leidenschaft galt der Zucht weißer Raben, von denen er einigen sogar das Sprechen beigebracht hatte. Seine drei Lieblingsraben konnten sogar auf Kommando Orte aufsuchen, an denen sie schon einmal gewesen waren. Gylbax hatte Novotor erklärt, dass er auf diese Weise eine neue Möglichkeit schaffen wollte, Nachrichten schnell zu übermitteln.

Novotor saß gerade auf der Balustrade seiner Terrasse und dachte über die Sinnhaftigkeit eines solchen Projekts nach, als er eine grazile, für ihn unverkennbare Gestalt den blumengesäumten Weg emporkommen sah.

Er sprang von der Balustrade herunter und rief voller Begeisterung: „Duotora!“

Dann rannte er ihr entgegen und umarmte sie, während ihre Augen strahlten.

„Du wohnst ja hier wie ein König. Hast du inzwischen die Regierungsgeschäfte von Gylbax übernommen?“, scherzte sie in überschwänglicher Wiedersehensfreude.

Novotor grinste, sagte dann aber ernst: „Ich glaube, Gylbax wird völlig unterschätzt. Aber jetzt komm‘ erst einmal herein und erzähle mir, was du in Borthul erlebt hast.“

„In Borthul kann man nichts erleben“, klagte Duotora. „Deswegen bin ich auch weggegangen. Ich freue mich so, dich zu sehen.“

Nun wurde Novotor wieder verlegen wie sonst nie, aber wie immer wenn er es mit Duotora zu tun hatte. Sie war eine hübsche Frau, und er wusste, dass sie eine besondere Schwäche für ihn hatte. Aber für ihn kam das nicht in Betracht. Seit vielen Jahren schätzte er sie als seine allerbeste Freundin. Aber mehr konnten sie sich beide eigentlich nicht leisten. Es handelte sich um eine jener Entscheidungen, die er schnell und hart und auch für Duotora getroffen hatte. Ein Eisgraf zu sein bedeutete eben auch, Opfer zu bringen.

Gylbax hätte Novotor am liebsten einen ganzen Hofstaat von Bediensteten zur Verfügung gestellt. Aber der Eisgraf war es gewohnt, für sich selbst zu sorgen und so hatte er dankend abgelehnt und nur die Gärtner akzeptiert. Deshalb übernahm er jetzt auch gerne die Aufgabe, ein erfrischendes Fruchtgetränk und eine kleine Mahlzeit für Duotora und sich zuzubereiten.

Nach dem Essen schilderte Duotora ihrem Freund aus Gatya das Gespräch mit Dolugon. Sodann offenbarte sie ihm ihre Absicht, nach Oot zu reisen. Novotor war jedoch nicht davon abzubringen, sie vorher noch mit dem Hochkönig Gylbax bekanntzumachen. Meist ist es eine winzige Schneeflocke, die eine alles vernichtende Lawine auslöst.

*

Die Wachen des Hochkönigs hatten sich inzwischen daran gewöhnt, dass ihr Herrscher die üblichen Sicherheitsüberprüfungen bei seinem neuen Freund, dem Eisgrafen, nicht wünschte. An diesem Tag zögerten sie kurz, weil Novotor in Begleitung einer zweiten Person erschienen war. Da die zierliche Frau aber alles andere als gefährlich aussah, entschieden sich die vier Speerträger für die übliche Prozedur. Sie brachten die beiden Besucher ohne Anmeldung zum Thronsaal, wo der Hochkönig gerade eine Besprechung mit einem Gesandten aus Obesien beendet hatte.

Nachdem Duotora von dem sagenhaften Reichtum der Hochkönige von Sindra gehört hatte, hätte sie erwartet, Gylbax auf einem märchenhaften, mit Gold und Edelsteinen überladenen Thron vorzufinden. Dann erschauderte sie jedoch, als sie das überdimensionale, vollständig aus menschlichen Knochen gefertigte Monstrum sah. Auf dem oberen, aus Beckenknochen hergestellten Teil der Lehne starrten aus leeren Augenhöhlen neun Totenschädel herab, wovon der mittlere eine besonders beeindruckende Größe besaß. Die fliehende Stirn verriet, dass er zu einem Ureinwohner von Lumburia gehört haben musste. In den Schädeldächern befanden sich runde Löcher, damit man sie von innen heraus beleuchten konnte. Besonders makaber erschienen aber die beiden skelettierten Hände, in denen die Armlehnen endeten, und die beiden Fußskelette an den vorderen Stuhlbeinen.

Gylbax war erfreut aufgestanden, als er Novotor sah. Aber dann gefror sein Lächeln. Fassungslosigkeit ergriff für einen Augenblick von ihm Besitz. Die Frau aus seinem Tagtraum, das Ebenbild Arghilaghees! Duotora hatte seinen Schreck nicht bemerkt. Ihr entsetzter Blick galt dem perfiden Knochenthron.

Das nutzte Gylbax, um seine Bestürzung zu überwinden.

„Dieses Monstrum habe ich meinen kriegerischen Vorfahren zu verdanken“, erklärte er leutselig. „Angeblich ist dieser hässliche Stuhl mehr als dreitausend Jahre alt und hat dem ersten Gylbax gehört, dem vierundvierzigsten Hochkönig der Dynastie. Wenn ich ihn aber abschaffen würde, hätte niemand mehr Angst vor mir. Und außerdem würde ich riskieren, dass der erste Gylbax wieder aus seiner Gruft herauskommt. Und das will, glaube ich, bestimmt niemand. Denn dann müssten wir ja nochmals den halben Kontinent erobern.“

Bei diesen respektlosen Worten grinste der bleiche Jüngling, und er war Duotora sogleich viel sympathischer. Dieses Gefühl wurde sogar noch stärker, als er seine stählerne Krone mit den blinkenden Steinen achtlos vom Kopf zog. In elegantem Schwung warf er sie auf das Kissen, das die Sitzfläche des hässlichen Throns bedeckte.

Mit schnellen Schritten verließ Gylbax das schwarze Podest, auf dem sich der knöcherne Herrschersitz befand, und umarmte zuerst Duotora wie eine alte Freundin und dann auch noch Novotor. Dann heftete er erneut seinen Blick auf Duotora und sagte zu Novotor:

„Auch sie ist eine Eisgräfin, nicht wahr? Und sie ist die schönste Frau, der ich je begegnet bin.“

Duotora brach unwillkürlich in schallendes Gelächter aus.

„Der Reichtum Eures Landes ist berühmt, Hohe Majestät. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es auch Komplimente hier in einem solchen Überfluss gibt“, witzelte sie.

Der Hochkönig lächelte nur kurz: „Das war kein Kompliment, sondern eine Feststellung. Ich bedauere, wenn ich nicht die richtigen Worte gefunden habe.“

Duotora hatte nicht die Absicht gehabt, den Hochkönig zu kränken. Deshalb wurde sie sofort wieder ernst und beschloss, dieses heikle Thema vorerst nicht zu vertiefen. Novotor rettete die Situation.

„Ich habe darauf bestanden, dass Duotora den wichtigsten und großzügigsten Mann der südlichen Hemisphäre kennenlernt“, erklärte er, um gleich grinsend hinzuzufügen: „Das ist auch kein Kompliment.“

Gylbax schüttelte den Kopf und lachte: „Du weißt aber auch wirklich auf alles eine Antwort.“ Seit Wochen hatten der Hochkönig und der Eisgraf jegliche Förmlichkeiten begraben und gelegentlich fanden sie sogar Gefallen daran, sich wie alte Kumpane zu unterhalten.

„Ist es möglich, deine Begleiterin etwas näher kennen zu lernen, ich meine …“, Gylbax kam nicht dazu, auszusprechen was er meinte.

„Ich weiß genau was du meinst, alter Schurke“, fiel ihm Novotor ins Wort. „Wir sind nicht liiert.“

Das hob die Stimmung des Monarchen noch mehr, zumal er in den Augen Novotors keinen Widerspruch zu dessen Worten erkannte. Der etwas traurige Blick Duotoras war ihm dabei aber ebenfalls nicht entgangen.

Nach dem kurzen Gespräch im Thronsaal begab sich der Hochkönig mit seinen Gästen zu einem großen Balkon auf der Nordseite der Residenz. Von dort aus bot sich ein traumhafter Blick auf die beiden Flüsse Lumbur und Sindur, die sich ein Stück weiter oben im Norden vereinigten. Während der Unterhaltung erwähnte Duotora, dass sie die Absicht habe, möglichst schnell nach Oot zu gehen. Der Hochkönig riet ihr jedoch dringend von diesem Vorhaben ab.

„Oot ist in der Tat ein brodelnder Vulkan“, warnte er. „Das Land ist voll von barbarischen Stämmen, sowohl in der Steppe als auch im Dschungel. Viele meiner Vorfahren mussten dies leidvoll erfahren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Ihr dort irgendeine Hilfe bekommen könntet, die Euch in Eurer Auseinandersetzung mit Obesien etwas nützt.“

„Ich kann das nicht unversucht lassen.“ In ihrer Entschlossenheit klang Duotoras Stimme sanft aber unbeugsam. Gylbax gab sich dennoch nicht so einfach geschlagen:

„Ich weiß, dass Ihr über erstaunliche Fähigkeiten verfügt, um Euch selbst zu verteidigen. Aber glaubt mir: Es gibt Gefahren, denen auch Ihr nicht gewachsen seid. Darf ich Euch einen Handel vorschlagen?“

Duotora sah in seine tiefdunklen, unergründlichen Augen und ahnte, was Novotor gemeint hatte. Dieser Jüngling war nicht der zerbrechliche Schwächling, den er spielte. Er wusste genau, was er wollte. Und Duotora befürchtete, dass er gewohnt war, es auch zu bekommen.

„Ich höre.“ Die Aufforderung entsprang nicht reiner Höflichkeit. Vielmehr hatte er sie neugierig gemacht.

„Ihr schenkt mir drei Tage Eurer Zeit, in denen ich Euch die Schönheiten meines Landes zeigen werde“, schlug Gylbax vor. „Ich verspreche Euch, dass ich Euch in diesen drei Tagen nicht anrühren werde. Aber das könntet Ihr ja sowieso verhindern. Als Gegenleistung dafür würde ich Euch ein Schiff und einen Führer geben, der sich in Oot auskennt. Dieser Mann wird eine kleine Gruppe von Begleitern zusammenstellen, die Euch sicher nach Oot und auch wieder zurückbringen werden, wann immer Ihr wollt.“

Duotora konnte an diesem Vorschlag keinen Haken erkennen. Es erschien ihr sogar der beste Handel, den sie seit langem gemacht hatte. Auch wenn sie weitere drei Tage in Sindra blieb, würde sie immer noch viel früher in Oot sein als bei einer Reise auf eigene Faust über den Landweg. Und auch die zusätzliche Sicherheit durch einen ortskundigen Führer würde ihr die Mission erleichtern.

*

Der feine, gelbbraune Sand stieg wie eine Dampfwolke auf, als das Gefährt des Hochkönigs abrupt zum Stillstand kam. Aus der sich langsam verflüchtigenden Wolke schälten sich zwei lange, dürre Gestalten heraus, die mit dem Staub verschmolzen zu sein schienen. Das lag vor allem daran, dass ihre Haut und ihre Leinenkleidung fast die gleiche Farbe wie dieses Meer aus Sand hatten. Mit ihren fast schwarzen Augen, den kurzen, schwarzen Haaren und den seltsam gebogenen Nasen wirkten sie irgendwie unheimlich. Duotora erinnerte sich sofort daran, dass sie den Speerträgern in der Residenz von Doinat in geradezu auffälliger Weise glichen.

Die weißen Rösser des Hochkönigs schlugen unruhig mit den Köpfen. Gylbax öffnete den seitlichen Schlag der Kutsche, um Duotora und Novotor das Aussteigen zu ermöglichen. Beide sprangen leichtfüßig aus dem Wagen, während der Hochkönig betont würdevoll hinauskletterte. Mit einer kurzen Geste winkte er die zwei dünnen Männer herbei und wandte sich an seine gatyschen Begleiter: „Ich glaube, ihr werdet einige Zeit brauchen, bis ihr euch die Namen unserer Führer gemerkt habt. Sie heißen Demur y Sethri und Argo a Narga. Es gilt als Zeichen der Höflichkeit, sie mit ihren vollen Namen anzusprechen.“ Seufzend fügte er hinzu: „Leider bleibt nicht einmal mir als Hochkönig das erspart.“

Duotora befürchtete, dass sie aufgrund der frappierenden Ähnlichkeit nicht einmal in der Lage sein würde, die beiden Männer auseinanderzuhalten, geschweige denn sich ihre Namen zu merken.

Neben dem Standort der Kutsche begann die Allee der Sarkophage, die zu der weit entfernten Gruft von Kostondio führte. Erst dahinter lag das eigentliche Zitaxon, die Hauptstadt der alten Hochkönige.

In den ersten dreitausend Jahren der Dynastie hatte man die verstorbenen Hochkönige im unterirdischen Teil der weitläufigen Gruft von Kostondio beigesetzt. Ein auffälliger Kuppelbau verbarg den Einstieg zu einem Labyrinth von natürlichen Felsgrotten, welches die Sindrier noch erweitert hatten. Selisibent IV. hatte vor mehr als zweitausend Jahren mit dieser Tradition gebrochen und verkündet, dass er auch noch im Tod sein Land überblicken wolle. Er war dann der Erste, der außerhalb der Gruft in einem Steinsarkophag beigesetzt wurde, den eine überlebensgroße Statue des Herrschers aus rotem Porphyr zierte. Alle folgenden Hochkönige hatten es ihm gleichgetan, und so war die weltberühmte Allee der Sarkophage entstanden, die rechts und links den Weg aus der Wüste bis zu den fünf Kuppeln der Gruft von Kostondio säumten.

Gylbax erklärte, dass sich auch die in Doinat residierenden Hochkönige hier bestatten ließen. Auch er selbst werde dereinst an dieser Stelle, an der sie nun standen, zur letzten Ruhe gebettet. Duotora und Novotor zeigten sich beeindruckt von dieser Allee mit den Steinsärgen und den Statuen, die schon allein durch ihre schiere Größe Respekt gebietend wirkten.

Die Kuppeln des oberirdischen Teils des Mausoleums bestanden aus dem gleichen, roten Porphyrgestein wie die Statuen auf den Sarkophagen. Das riesige Bronzetor des Hauptgebäudes war verschlossen. Einer der Führer mit den unaussprechlichen Namen sagte, dass kein lebender Mensch mit Ausnahme des Hochkönigs selbst die Gruft betreten dürfe, damit die Ruhe der Toten nicht gestört werde. Das veranlasste Gylbax sofort zu einer Klarstellung:

„Der Hochkönig darf auch seiner Gemahlin den Zutritt zu der Gruft erlauben.“ Zu Duotora gewandt fuhr er fort: „Wenn Ihr mich also heiraten würdet, hättet Ihr als einzige Sterbliche der Gegenwart außer mir die Möglichkeit, das Innere der Gruft von Kostondio zu sehen.“

„Auch wenn ich eure Bauwerke bewundere, wäre das für mich nicht unbedingt der entscheidende Grund, eine Ehe einzugehen“, gab Duotora schlagfertig zurück. Aber Gylbax ließ nicht locker:

„Vielleicht finden wir ja noch einen anderen Grund.“

Duotora zog es vor, zu schweigen.

Bereits von der Allee der Sarkophage aus hatten die beiden Eisgrafen die Silhouetten der imposantesten Bauwerke von Zitaxon gesehen, die hoch aufragenden Türme des Tempels des Himmelsgewölbes, die anscheinend den Anspruch erhoben, selbst das Himmelsgewölbe zu tragen, die schlanken Pfeiler des Tempels der Gi, das massive Bollwerk der Zwingburg, in dem die frühen Hochkönige zeitweise ihren Sitz hatten, und das gigantische weiße Fünfeck des Großen Sternpalasts, in dem die späteren Hochkönige residierten.

Die Wohnhäuser der einfachen Menschen wirkten demgegenüber auf den ersten Blick klein und unscheinbar. Duotora erkannte jedoch, dass ihre Formen sehr unterschiedlich und eigenwillig waren. Man hatte sie aus einer Mischung von schmutziggelbem Gestein und einer mörtelähnlichen Masse errichtet, die aus dem hier allgegenwärtigen Feinsand sowie Holzmehl als Bindemittel und dem Saft des Shosur-Baumes angerührt und hart wie Stein wurde. Die Einheimischen nannten diese Mischung „Quos“.

Die Beläge der Straßen bestanden aus gelbgrauen Gesteinsplatten unterschiedlicher Größe, die ebenfalls mit Quos verfugt waren. Duotora fiel auf, dass sich die ganze Stadt keineswegs in dem desolaten Zustand befand, wie man ihr zuvor erzählt hatte. An vielen Gebäuden konnte sie frische Ausbesserungen und augenscheinlich erst kürzlich angebaute Erweiterungen erkennen. Es drängte sich geradezu der Eindruck auf, als ob die ganze Stadt für eine noch glänzendere Zukunft vorbereitet werden sollte.

Gylbax begab sich mit seinen Gästen zunächst zu den Tempeln, deren Innenräume aus Zeitgründen nicht besichtigt werden konnten. Er versprach jedoch, dies bei der nächsten Gelegenheit nachzuholen. Einer der Fremdenführer erklärte, dass die beiden Tempel die zwei Geschlechter symbolisierten, der Tempel der Gi das weibliche und der Tempel des Himmelsgewölbes das männliche. Bei den Hochzeiten der Herrscher wurden die Frauen im Tempel der Gi und die Hochkönige im Tempel des Himmelsgewölbes auf die Vermählungszeremonie vorbereitet. Außerdem pflegten die Hochkönige vor ihren Feldzügen im Tempel des Himmelsgewölbes Kraft zu schöpfen. Wenn sie siegreich zurückkehrten, wurden die Anführer ihrer Feinde dem Gott des Krieges in diesem Tempel als Opfer dargebracht. Anfangs hatten sie die Schädel und Extremitäten zum Knochenthron verarbeiten lassen. Später ließen sie im Tempel des Himmelsgewölbes einen Saal einrichten, wo fürderhin die abgeschlagenen Köpfe der feindlichen Anführer säuberlich in Regalen gestapelt wurden. Boden und Wände dieses Saales hatte man mit den Gebeinen der Besiegten verkleidet. Nach dieser Schilderung war Duotora erleichtert, dass auf die Besichtigung des Tempels verzichtet werden musste.

„Volgork III. vertrat die Meinung, dass man seine Feinde nicht auf diese Weise entehren darf“, erzählte Gylbax den beiden Eisgrafen. „Er hat dann vor rund eintausendzweihundert Jahren die Tradition dieser Knochensammlung im Saal der Gebeine beendet. Stattdessen ließ er unterhalb des Großen Sternpalasts die „Ebene der Besiegten“ anlegen. Dort richteten er und die anderen großen Eroberer Zimmer ein, worin die mumifizierten Leichen der wichtigsten ihrer getöteten Feinde um einen Tisch gruppiert wurden. Einmal im Jahr haben die Hochkönige dieses Zimmer aufgesucht und dort mit den Toten gespeist, um deren Andenken zu ehren.“ Duotora rümpfte angewidert ihre kleine Nase: „Und wie steht Ihr zu solchen Traditionen?“

„Ich weiß es noch nicht“, entgegnete Gylbax offen. „Ich glaube, mein Urgroßvater ist wegen solchen Traditionen von Zitaxon nach Doinat umgezogen. Aber man kann der Vergangenheit nicht entfliehen.“

Auf dem Weg zum Sternpalast begab sich einer ihrer Führer in eines der Wohnhäuser, wo er ein kleines Paket abholte, das er anschließend Gylbax wortlos aushändigte. Als dieser Duotoras neugierigen Blick bemerkte, sagte er nur: „Das ist ein Gastgeschenk.“

Der Große Sternpalast wirkte aus der Nähe noch imposanter als von weitem. Gylbax und seine vier Begleiter betraten ihn durch ein weitläufiges Säulenportal. Zwei überlebensgroße Standbilder aus makellosem schwarzem Granit auf weißen Marmorsockeln beherrschten die Eingangshalle. In seinem Inneren verströmte der Palast eine Atmosphäre der Ruhe und Beschaulichkeit. Kühle Gangfluchten, stilvoll mit allen Arten von Kunstwerken ausgestattet, bildeten ein Labyrinth, in dem sich der Besucher verlieren konnte. Gylbax erklärte, dass sich die eigentlichen Wohnräume im ersten Obergeschoss befanden. Dann zeigte er seinen Gästen den großen, kreisrunden Innenhof, dessen Mauern sich trichterförmig zum Himmel hin öffneten. Inseln mit tropischen Pflanzen, Wasserspielen und Bänken luden zum Verweilen und Meditieren ein. Der Hochkönig wählte eine Bank aus und bat die beiden Eisgrafen, ebenfalls Platz zu nehmen. Dann übergab er Duotora das Paket, das er von Demur y Sethri erhalten hatte. Mit einer Handbewegung ermunterte er sie, es zu öffnen. Als sie der Aufforderung Folge leistete, kamen zwei Kleidungsstücke in Form einer Hose und eines einfachen Hemdes zum Vorschein, deren einzige Auffälligkeit in dem irisierenden Material bestand, aus dem sie gewoben waren. Duotora sah Gylbax skeptisch an und wollte schon eine schnippische Frage stellen. Der Hochkönig kam ihr jedoch zuvor.

„Das ist ein Schild der Pylax“, erklärte er. „Bei den Pylax handelte es sich um ein Volk legendärer Krieger, auf die sich die Macht meiner Vorfahren gründete. Ihre Vorteile im Kampf beruhten vor allem auf der Schnelligkeit, die sie in Jahrhunderten durch stete Übung und die Vererbung dieser Fähigkeit erworben hatten, sowie auf diesem Schild. Er wurde von den Frauen der Pylax aus Shosur- und Leinenfäden sowie aus den Fäden der Grauen Riesenspinne hergestellt. Dieses Gewebe hält jeder Klinge stand außer Cirrha-Stahl. Auch die Zähne wilder Tiere und der Giftschlangen von Sindra und Oot vermögen es nicht zu durchdringen. Dabei ist es leicht und angenehm zu tragen. Ich schenke es Euch, damit Ihr in Oot vor solchen Gefahren geschützt seid. Das ist der Preis dafür, dass Ihr mir diesen Tag geschenkt habt.“

Duotora war tief bewegt und bedankte sich überschwänglich. Danach führte der Hochkönig sie auf das begehbare Dach des Sternpalastes. Der Belag der ringförmigen Grundfläche bestand aus unregelmäßig großen, weißen Fliesen. Der Boden wies ein unmerkliches Gefälle zu den Außenseiten auf, so dass der in Zitaxon seltene, dann aber immer sehr ergiebige Regen abfließen konnte. Der Kreis im Inneren wie auch die Außenränder waren durch silberne Geländer gesichert. Es bot sich von hier aus ein wunderschönes Panorama der ehrwürdigen Stadt bis weit hinaus zum Ende der Allee der Sarkophage. In der Ferne konnte man sogar die diesigen Hügel des Regenwaldes in Richtung der westlichen Küste und im Osten das grüne Band des Lumbur sehen.

Duotora war von diesem Anblick überwältigt. Und sie hegte nun auch keinerlei Zweifel mehr, dass es richtig gewesen war, das Angebot des Hochkönigs anzunehmen.

Diese Meinung geriet am nächsten Tag ins Wanken, nachdem der Hochkönig nicht zur vereinbarten Zeit in Novotors Haus erschien.

*

Senesia Sida hatte Telimur mit den von ihr ausgewählten Kämpfern und Arbeitern sowie den beiden größeren Schiffen in der Bucht von Terest im südlichen Lumburia zurückgelassen. Anschließend segelte sie mit ihrem schnellen Schiff nach Dukhul weiter, der größten Hafenstadt in Sindra. Dukhul lag am Ostmeer gegenüber der großen Insel Ludoi. Genau genommen verfügte die Stadt über zwei Häfen, einen großen Handelshafen sowie den kleineren „Hafen des Hochkönigs“, in dem die Kriegsflotte Sindras vor Anker lag. Darin bestand auch der Grund, dass der Hafenmeister von Dukhul, dem beide Häfen unterstanden, einer der mächtigsten Männer des Reiches war. Der zurzeit amtierende Hafenmeister hieß Jekisebek. Er residierte in einer von gewaltigen Wehrmauern umgebenen und mit zahlreichen Geschütztürmen und Katapulten ausgestatteten Festung auf dem Berg Sisdar unmittelbar hinter dem Handelshafen.

Jekisebek war hocherfreut als ein Bote ihm die Nachricht überbrachte, dass die für ihre Schönheit berühmte Senesia Sida ihn zu sprechen wünschte. Entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten ersparte er der schönen Kauffrau sogar den Weg auf den Berg Sisdar und begab sich an Bord ihres Schiffes. Dort eröffnete ihm Senesia Sida zu seinem Leidwesen, dass sie dem Hochkönig persönlich ein Angebot von äußerster Wichtigkeit zu unterbreiten habe. Obwohl Jekisebek seine Enttäuschung kaum verbergen konnte, stellte er ihr eine Kutsche sowie vier Hafensoldaten als Begleitschutz zur Verfügung, die sie sicher nach Doinat bringen sollten.

Wegen des notwendigen Gütertransports war Dukhul mit der Hauptstadt Doinat durch eine gut ausgebaute, teilweise mit Steinplatten und Pflaster, teilweise durch festgefahrenes Geröll befestigte Straße verbunden. Dennoch erwies sich die dreitägige Fahrt durch den hügeligen Wald als äußerst anstrengend. Senesia Sida verspürte daher eine deutliche Erleichterung, als sie endlich die Hauptstadt erreichte. Sie wurde aufgrund eines von Jekisebek ausgestellten Dokuments sogar ohne große Förmlichkeiten bis zu Yxistradojn vorgelassen, dem Statthalter von Doinat und zweitmächtigsten Mann in Sindra. Dieser gab ihr allerdings zu verstehen, dass der Hochkönig selbst in Zitaxon weilte. Er musste sie daher auf den nächsten Vormittag vertrösten.

Nachdem Gylbax berichtet worden war, dass die angeblich schönste Frau der Welt um eine Audienz nachgesucht hatte, entschloss er sich, sie zu empfangen. Dabei reizte ihn die Vorstellung, einen Vergleich mit Duotora anstellen zu können. Da er fand, dass eine halbe Stunde mit Senesia Sida ausreichend sei, sah er seine Verabredung mit den Eisgrafen nicht als gefährdet an.

Die Kauffrau aus Lumbur-Seyth hatte ausdrücklich um eine Besprechung unter vier Augen gebeten. Als unerschrockener Befehlshaber einer Großmacht, wie Gylbax sich insgeheim selbst gern sah, konnte er sich natürlich nicht die Blöße geben, einen solchen Wunsch wegen Sicherheitsbedenken abzuschlagen. Deshalb wählte er das „doppelte Empfangszimmer“ für die Besprechung aus. Eine Wand dieses Zimmers wurde von einem in düsteren Farben gehaltenen Schlachtengemälde ausgefüllt, in welches dunkle Gläser eingearbeitet waren. Diese ermöglichten es einem dahinter befindlichen Wächter, das Besprechungszimmer zu beobachten, ohne dass er das Gespräch mithören oder vom Besprechungszimmer aus wahrgenommen werden konnte.

Der große, sehnige Mann mit der gebogenen Nase hatte seinen Platz bereits eingenommen, als Gylbax mit Senesia Sida das danebengelegene Zimmer betrat.

Der Hochkönig verstand nun, warum die Schönheit seiner Besucherin auf dem ganzen Kontinent gerühmt wurde. Sie trug ein dunkelgrünes, bis zur Hüfte geschlitztes Kleid. Bei der Vorstellung hatte sie sich tief verbeugt, um ihm einen Blick auf ihren wohlgeformten Busen zu ermöglichen. Dennoch fühlte er sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass Duotora ihn aus irgendeinem Grund wesentlich mehr faszinierte. Bei diesem Gedanken versuchte er dann auch gleich, das Gespräch von den Höflichkeitsbekundungen wegzulenken und zum Kern des Anliegens seiner Besucherin zu kommen.

Senesia Sida war nicht verborgen geblieben, dass sie zumindest vorläufig mit den Waffen einer Frau hier nicht zum Ziel kommen würde. Deshalb beschloss sie, die Aufmerksamkeit des Hochkönigs auf andere Weise zu erregen:

„Ich habe Euch etwas zu bieten, von dem Ihr nicht einmal zu träumen wagtet, Hohe Majestät.“

An dem gelangweilten Blick des Hochkönigs hatte sich nichts geändert: „Und das wäre?“

„Unsterblichkeit.“ Senesia Sida hatte sich darauf eingestellt, die Wirkung dieser Ankündigung in vollen Zügen auszukosten. Aber sie wurde enttäuscht.

Gylbax verzog nur spöttisch die Mundwinkel: „Wollen Sie meine Biografie schreiben?“

Die Frau aus Lumbur-Seyth war zuerst konsterniert, dann lachte sie: „Ich meine es ernst.“ Und ihre Augen unterstrichen diese Ernsthaftigkeit.

Erstmals während des Gesprächs schien bei Gylbax ein mildes Interesse aufzukommen: „Wollen Sie mir das erklären?“

„Genau deswegen bin ich hier“, erwiderte sie. Und dann erzählte sie eine fast unglaubliche Geschichte:

„Vor vielen Jahren hat ein Priester des Wissens mit seiner Tochter einen grünen Kristall aus den Höhlen von Zogh gestohlen. Sie sind nach Oot geflohen und haben dort durch Zufall eine einzigartige Entdeckung gemacht. Pflanzen, die normalerweise sofort verwelken wenn sie ihre Verbindung zur Wurzel verlieren, erlangen in der Nähe des Kristalls konservierende Kräfte. Danach haben der Mann und seine Tochter jahrelange Versuche angestellt und schließlich herausgefunden, dass mit Hilfe von Ilumit diese Wirkung auch für Menschen nutzbar gemacht werden kann. Der Pflanzenextrakt gemischt mit Ilumit ergibt ein lebenserhaltendes Pulver. Es bewirkt, dass die Alterung des menschlichen Körpers zum Stillstand kommt. Mir ist es gelungen, einen zweiten Kristall zu bekommen und ich habe Ilumit. Mir fehlen nur die Orchideen und der Pilz, der ihre Samen zur Keimung bringt.“

„Und warum beschaffen Sie sich diese nicht?“ stellte der Hochkönig die naheliegende Frage.

„Das ist der zweite Grund, weshalb ich hier bin. Dazu brauche ich Eure Hilfe, Hohe Majestät.“ Da Gylbax schwieg, nahm Senesia Sida den Faden wieder auf:

„Ich benötige die Rote Mondorchidee, die nur in einem Dschungelgebiet in Oot vorkommt. Nach den Karten liegt dieser Regenwald auf derselben Höhe wie Gladunos in Süd-Obesien. In Lumburia, unterhalb der Bucht von Terest, gibt es ebenfalls auf demselben Breitengrad einen Urwald mit den gleichen klimatischen Bedingungen, wo teilweise auch die gleichen Pflanzen und Tiere vorkommen. Dort lasse ich derzeit eine Zuchtstation für die Rote Mondorchidee einrichten.“

„Woher wollen Sie wissen, dass dieser Extrakt tatsächlich lebenserhaltende Wirkung hat?“ Obwohl die Frage kühl gestellt war, erkannte Senesia Sida an der Gier in den Augen des Hochkönigs, dass er der Faszination des Themas erlag.

„Der Mann, der den Grünen Kristall vor einhundertfünfzig Jahren aus Zogh gestohlen hat, lebt immer noch. Er ist inzwischen über zweihundert Jahre alt“, offenbarte die Kauffrau.

„Und woher kennen Sie ihn?“, wollte Gylbax wissen.

„Er ist mein Vater“, verriet Senesia Sida. „Aber mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen. Bekomme ich Eure Hilfe?“

„Was würden Sie benötigen?“ erkundigte sich der Hochkönig, immer noch unentschlossen.

Senesia Sida schaute aus dem Fenster. Ihr Blick wurde nachdenklich und verriet eine gewisse Unsicherheit, die der skrupellosen Kauffrau ansonsten fremd war.

„Oot steckt voller Gefahren. Die Barbaren des Waldes werden nicht zulassen, dass man ihre heilige Blume entführt“, prophezeite sie bedrückt. „Noch größere Gefahr droht von einem Äußeren Stützpunkt der Priester des Wissens. Es heißt, dass sie mit Hilfe der Dschungel- und Steppenmenschen weite Teile von Oot kontrollieren. Und zu alledem sind dort auch noch wilde Tiere und Krankheiten sehr verbreitet. Ich habe einige Shondo und Mivv dabei. Außerdem bin ich im Besitz eines schnellen Schiffes. Aber ich bräuchte wenigstens noch einen Arzt, der sich mit den Krankheiten der Dschungelgebiete auskennt und ein paar Eurer sagenhaften Krieger.“

„Welche sagenhaften Krieger?“, fragte Gylbax verwundert. „Ich verfüge nur über ganz normale Soldaten. Wollen Sie etwa mit einem ganzen Heer in Oot einfallen?“

„Ich meinte die Pylax“, verdeutlichte die Kauffrau.

„Es gibt schon lange keine Pylax mehr. Das sollten Sie eigentlich wissen“, hielt ihr der Hochkönig vor. Seine Stimme klang verdrossen und auch in seinen Augen konnte Senesia Sida nicht die verräterische Andeutung einer Regung entdecken. Also waren die Befürchtungen, die der obesische Kriegsrat hegte, unbegründet. Anscheinend hatte jemand gezielt Gerüchte gestreut, um die Obesier von einer Invasion Sindras abzuhalten. Bei solchen Gelegenheiten fiel ihr immer spontan der Name Berion ein, der Meister der Winkelzüge. Gylbax dagegen erweckte nicht den Eindurck, dass er log. Eher schien er einer glorreichen Vergangenheit nachzutrauern.

Nach kurzer Bedenkzeit fasste der Hochkönig seine Überlegungen zusammen:

„Ich werde Ihnen morgen meine Entscheidung mitteilen. Ich habe da so eine Idee. Wenn ich Ihnen schon keine Pylax mitgeben kann: Wäre stattdessen jemand wie ein Eisgraf für Sie akzeptabel?“ Senesia Sida lachte auf: „Ein Eisgraf? Wie um alles in der Welt wollt Ihr denn einen Eisgrafen dazu bringen, mit mir zusammenzuarbeiten?“

Der Hochkönig winkte ab: „Lassen Sie das meine Sorge sein.“

Damit war das Gespräch beendet. Gylbax musste die Vorbereitungen für den Besuch bei einer Frau treffen, die ihm plötzlich noch viel wichtiger erschien als dies ohnehin schon zuvor der Fall war.

*

Nach den Erfahrungen der beiden letzten Tage begann Novotor bereits, sich Sorgen um Gylbax zu machen. Er war längere Zeit nach der vereinbarten Stunde immer noch nicht eingetroffen. Aber was sollte einem Hochkönig in diesem autokratischen Land schon zustoßen können? Also beschloss Novotor, für Gylbax einzuspringen und Duotora die Sehenswürdigkeiten der neuen Hauptstadt Doinat zu zeigen, die ihm inzwischen leidlich bekannt waren. Mit einer gewissen Genugtuung stellte er fest, dass ihr das Ausbleiben des Hochkönigs nicht ganz gleichgültig zu sein schien. Nur knapp verpassten sie den Boten des Palasts, der die Verspätung des Hochkönigs ankündigen sollte.

Nach ihrer anfänglichen Enttäuschung genoss es Duotora, allein mit Novotor in dieser exotischen und fremdartigen Stadt unterwegs zu sein. Sie ertappte sich dabei, dass sie kaum Augen für die Sehenswürdigkeiten hatte, sondern eigentlich nur für die Art und Weise, wie der von ihr bewunderte Landsmann ihr diese zu vermitteln versuchte. Nachdem sie genug von der Stadt gesehen hatten, nahmen sie eine Kutsche. Sie fuhren auf einer breiten Allee bis zum Flussufer des Sindur und anschließend zurück zu Novotors Villa auf dem Hügel.

Novotor wusste, dass es nur eines Wortes bedurft hätte, um Duotora glücklich zu machen. Aber er sprach es nicht aus. Vielleicht hätte er anders gehandelt, wenn er gewusst hätte, dass er hierzu niemals mehr die Gelegenheit haben würde.

Wenig später kam der Hochkönig. Selbst die beiden Eisgrafen mit ihrer ansonsten eher kühlen Ruhe sprangen wie von einer Schlange gebissen auf. Gylbax lief in Begleitung eines riesigen Löwen den Weg zur Terrasse hoch. Der Löwe trottete mit gesenktem Haupt neben ihm her wie ein Schoßhündchen. Als das seltsame Paar die Terrasse erreicht hatte, legte Gylbax die rechte Hand auf sein Herz und machte einen theatralischen Kniefall.

„Ich bin untröstlich und bitte tausendmal um Entschuldigung. Aber obwohl ich mich gegen die Unpünktlichkeit gewehrt habe wie ein Löwe, wurde ich von ihr besiegt.“ Auch seine Stimmlage entsprach dieser Posse.

Duotora verzog das Gesicht und fragte schlagfertig: „Von wem wurdet ihr besiegt?“

Gylbax stand auf und erwiderte in völlig normalem Tonfall: „Senesia Sida hat mich aufgehalten, die Frau, die man die „Spinne“ nennt und von der man sagt, dass sie die schönste Frau der Welt sei. Aber sie ist nicht so schön wie Ihr.“

Für Novotor gehörte die Spinne zu den Personen, die ganz oben auf der Beobachtungsliste des Beraters standen.

„Was will die denn hier?“, fragte er misstrauisch.

„Sie hat mir ein Geschäft vorgeschlagen“, antwortete der Hochkönig. „Was sollte die Frau, die durch Geschäfte der reichste Mensch des Kontinents geworden ist, sonst wohl von mir wollen?“

„Darf man fragen, um welch eine Art von Geschäft es sich handelt?“ Duotora hatte geistesgegenwärtig die Gelegenheit ergriffen und genau die Frage gestellt, die Novotor nicht zu stellen wagte.

„So wie es scheint bin ich offenbar Herrscher im falschen Reich“, seufzte Gylbax erneut theatralisch. „Alle schönen Frauen wollen nach Oot. Was mache ich nur falsch?“

„Vielleicht erschreckt Ihr sie mit der Anwesenheit von Löwen“, wagte Duotora einen Vorschlag.

„Hatte ich noch nicht erwähnt, dass das Euer Löwe ist?“, fragte Gylbax zurück.

Er stand auf, nahm ein schmales, rotes Band von seinem Handgelenk ab, trat auf Duotora zu und hielt das Band mit zwei Fingern in die Höhe:

„Ich habe geschworen, Euch nicht anzurühren. Ihr müsst es Euch selbst anlegen oder mich für dieses eine Mal von meinem Schwur entbinden. Der Löwe gehorcht ausschließlich dem Träger dieses Bandes.“

Obwohl das sonst bei ihr so gut wie nie vorkam, war Duotora erst einmal völlig sprachlos. Dann hob sie unbeholfen den Arm und murmelte: „Es wird mir wohl nicht schaden, wenn ich Euch dieses eine Mal von Eurem Schwur entbinde.“

Er schloss das Band um ihren Arm und ließ sie sofort wieder los. Aber auch flüchtige Berührungen können zu großen Schicksalswendungen führen.

Novotor beobachtete den Vorgang ebenso neugierig wie erregt. Als sich das Band um Duotoras Handgelenk geschlossen hatte, begab sich der große Löwe schnurstracks zu ihrem Stuhl, ließ sich neben ihr auf den Boden fallen und sah Gylbax aus seinen gelben Augen argwöhnisch an.

„Das ist Wiilidir, der Schutzlöwe der Steppenmenschen. Der vorletzte Mipf der Steppe hat ihn meinem Großvater geschenkt, als beide einen Beistandspakt geschlossen haben. Mit ihm seid Ihr in der Steppe von Oot so sicher wie hier in Eurem Bett. Mein Großvater hätte ihn nicht verschenken dürfen, aber ich darf es, nachdem auch der vorletzte Mipf längst nicht mehr lebt. Es heißt, dass es keinen wahren Mipf mehr gibt, der nach den Gesetzen seines Volkes bestimmt wurde. Zwar hat vor vielen Jahren ein Mann namens Zidis diesen Titel beansprucht, aber er soll mit Hilfe der Priester des Wissens zur Macht gelangt sein. Inzwischen ist auch er verschwunden.“

Dann setzte sich Gylbax zu den beiden Eisgrafen an den Tisch und fuhr fort:

„Senesia Sida will den Samen einer bestimmten Orchidee aus Oot. Diese Blume ist extrem selten und verfügt über Heilkräfte. Ich vermute, dass sie sie woanders kultivieren will. Ich habe nicht nach dem Grund gefragt, weil ich keine Lust hatte, mir Lügen anzuhören. Aber das Ganze hat mich auf einen Gedanken gebracht.“ Gylbax wandte sich an Duotora:

„Ihr wollt doch unbedingt nach Oot reisen. Senesia Sida hat ein Schiff, das viel schneller ist als meine eigenen. Außerdem hat sie eine Truppe aus Dschungel- und Steppenmenschen, die sich in Oot besser zurechtfinden als meine Soldaten. Vielleicht sollten wir versuchen, diese glückliche Fügung auszunutzen.“ Gylbax sah die beiden Eisgrafen erwartungsvoll an. Aber Duotora wehrte ab:

„Ich werde auf keinen Fall mit der Spinne reisen“, sagte sie bestimmt. „Ich traue ihr nicht. Und ich werde nicht gemeinsame Sache mit jemandem machen, der als Feind der Nordlande gilt. Sie beliefert die Obesier praktisch mit allem was sie brauchen.“

„Sie verfolgt ihre eigenen Interessen“, versuchte Gylbax abzuwiegeln. Duotora ließ das nicht gelten:

„Es ist aber immer so, dass diese Interessen Obesien nutzen und dem Norden schaden.“

Gylbax hatte diese Weigerung vorausgesehen und sich deshalb auch schon eine Alternative zurechtgelegt: „Wäret Ihr einverstanden, wenn sie nicht mitreiste und ihr Schiff und ihre Mannschaft unter Euren Befehl stellen würde?“

Duotora versuchte, der Entscheidung auszuweichen: „Das würde sie niemals tun.“ Gylbax konterte: „Das müsste sie aber, wenn sie diese Orchideen haben will.“

Duotora überlegte. Der Hochkönig legte nach:

„Es gäbe keine bessere und sicherere Möglichkeit, nach Oot zu gelangen und dort Eure Ziele zu verfolgen. Ihr müsstet nur einige dieser lächerlichen Blumensamen mitbringen.“

„Ich möchte persönlich mit Senesia Sida reden“, verlangte Duotora.

„Das könnt Ihr morgen früh“, gestand der Hochkönig zu. „Aber jetzt würde ich gerne kurz mit Euch allein reden.“

Bevor Duotora widersprechen konnte, war Novotor schon aufgestanden: „Das kommt mir gerade recht. Seit Duotora hier ist, habe ich meine Aufzeichnungen vollständig vernachlässigt.“ Mit schnellen Schritten begab er sich ins Haus, während Duotora trotz ihrer besonderen Fähigkeit und ihres Löwen das Gefühl einer Hilflosigkeit hatte, die sie so zuvor noch nie empfunden hatte. Sie fühlte sich noch mehr bedrängt, als Gylbax erklärte:

„Ich muss ehrlich zu Euch sein. Ihr werdet es selbst bemerkt haben, dass ich mich vom ersten Augenblick an in Euch verliebt habe.“ Es entstand eine lange Pause. Duotora suchte krampfhaft nach einer Ausrede:

„Ich mag Euch wirklich sehr gern, Hohe Majestät. Aber ich bin viel älter als Ihr.“ Gylbax machte eine wegwerfende Handbewegung:

„Das hat mit wahrer Liebe nichts zu tun. Ihr werdet immer attraktiver sein als ein Mann wie ich das von seiner Partnerin erwarten darf. Die Frage ist einfach nur, ob Ihr Euch vorstellen könntet, dass ich Euren Ansprüchen genüge.“

Duotora dachte erneut lange nach. Dann glaubte sie, einen Ausweg gefunden zu haben:

„Wir sollten darüber sprechen, falls ich aus Oot zurückkehre.“

 „Ihr werdet aus Oot zurückkommen. Dafür werde ich sorgen“, erklärte der Hochkönig mit unerschütterlicher Bestimmtheit.

*

Gylbax hatte die beiden Frauen in dem gleichen Besprechungszimmer zusammengeführt, das er am Vortag mit Senesia Sida benutzt hatte. An ihrem belustigten Blick erkannte er sofort, dass sie inzwischen die Besonderheiten dieses Raumes durchschaut hatte.

Als aber auch Duotora auf das Wandgemälde sah und verständnislos den Kopf schüttelte, wusste er, dass die Wahl dieses Ortes nicht besonders geschickt gewesen war.

Nach einer knappen Vorstellung lehnten sich die beiden Frauen in ihren Stühlen zurück und musterten sich abschätzend.

„Die Eisgräfin Duotora wäre bereit, Samen der Roten Mondorchidee aus Oot zu holen“, erklärte Gylbax.

„Warum sollte sie das tun?“, fragte Senesia Sida.

„Weil sie ohnehin eine Mission in Oot zu erledigen hat und dafür Begleiter braucht, die sich dort zurechtfinden“, erläuterte der Hochkönig. „Allerdings stellt sie eine Bedingung.“

„Und was ist diese Bedingung?“, wollte die „Spinne“ wissen.

„Die Eisgräfin misstraut Ihnen“, stellte Gylbax unumwunden klar. „Bei ihrer Reise nach Oot geht es um Erkenntnisse, die für ihre Heimat von Bedeutung sind. Daher ist es wohl verständlich, wenn sie diese Mission unbeobachtet und unbeeinflusst ausführen will.“

Senesia Sida hatte verstanden: „Das heißt, sie will mich nicht dabeihaben.“

„So ist es“, bestätigte der Hochkönig.

„Offen gestanden lege ich nicht den geringsten Wert darauf, mich in dieses gefährliche Land zu begeben, zumal dort meine schlimmsten Feinde sitzen“, erklärte Senesia Sida und wandte sich an Duotora: „Wie lange wird Ihre Mission dauern?“

 „Ich habe keine konkreten Ziele“, erwiderte die Eisgräfin. „Ich will mir zunächst nur ein Bild von diesem Land machen. Vielleicht werde ich Ihre Orchideen holen und einfach wieder zurückkehren.“

Die Kauffrau erhob sich von ihrem Stuhl: „Wir beide brauchen uns nichts vorzumachen. Es gibt in Oot einen Äußeren Stützpunkt der Priester des Wissens. Sie nennen ihn das „Paradies der Küste“. Dort sitzen auch Ihre Feinde, nicht hier in diesem Raum. Gehen Sie nach Oot und machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Ich werde Ihnen mein Schiff und meine Leute geben. Und ich werde selbst einfach nur warten und darauf vertrauen, dass Sie mir die Orchideen bringen und irgendwann erkennen, wer Ihre wirklichen Feinde sind.“

Duotora hatte das Gefühl, dass sie noch nie in ihrem Leben in derart kurzer Zeit so viele Angebote erhalten hatte, die sie einfach nicht ausschlagen konnte.

*

Vier Tage später trafen Duotora mit ihrem Löwen Wiilidir, Novotor und Senesia Sida in Dukhul ein. Sie begaben sich dort sogleich an Bord des Schiffes der Kauffrau. Senesia Sida stellte Duotora zuerst die Mannschaft vor und danach die kleine Gruppe von jeweils drei Shondo und Mivv, die unter dem Kommando von Ekog standen. Wenig später erschien Gylbax an Bord mit einem der beiden Fremdenführer, die sie in Zitaxon begleitet hatten. Auf der Schulter des Hochkönigs saß ein weißer Rabe.

„Ich habe noch zwei Leihgaben für Euch, die dabei helfen sollen, Eure sichere Rückkehr zu gewährleisten“, kündigte Gylbax an. „Argo a Narga kennt Ihr ja bereits. Er versteht sich nicht nur auf Führungen in der ehemaligen Residenzstadt der Hochkönige, sondern kann Euch aufgrund seines unvergleichlichen Orientierungssinns auch als Führer in Oot dienen. Er spricht zudem die Sprachen der Mivv und der Shondo.“ Dann griff Gylbax in sein hellblaues Seidengewand und brachte ein langes Schwert mit rötlich funkelnder Klinge zum Vorschein: „Das ist das Schwert der Hochkönige von Sindra, geschmiedet aus reinstem Cirrha-Stahl. Es ist vielleicht etwas zu groß für Euch, aber dennoch liegt es gut in der Hand. Bringt es mir unversehrt zurück!“

Duotora wusste, dass die Ablehnung von Geschenken und Leihgaben in Sindra eine tödliche Beleidigung darstellte. Als sie das Schwert entgegennahm, wunderte sie sich über dessen geringes Gewicht. Es ließ sich mit einer derartigen Leichtigkeit führen, dass sie kaum das Gefühl hatte, überhaupt etwas in der Hand zu halten.

Gylbax war indessen noch nicht fertig:

„Der Führer und das Schwert sind nur Leihgaben. Ihr müsst mir aber auch noch ein kleines Abschiedsgeschenk gestatten. Leider hatte ich nicht mehr die Zeit, Euch meine weißen Raben zu zeigen. Dieser Rabe hier heißt Syx. Er kann sprechen und Orte finden. Wenn Ihr in Gefahr seid, könnt Ihr mir durch ihn eine Nachricht übermitteln. Sagt ihm, dass er zu Gylbax fliegen soll. Dann wird er mir genau die Worte wiederholen, die Ihr ihm vorgesprochen habt. Ihr braucht ihn nicht zu füttern. Er wird sich selbst versorgen und Euch überall wiederfinden.“

Der Hochkönig streckte den Arm aus bis er Duotoras rechte Schulter fast berührte. Syx wusste offenbar, was von ihm erwartet wurde. Behutsam hüpfte er über den ausgestreckten Arm des Hochkönigs bis er schließlich Duotoras Schulter erreicht hatte. Entgegen ihren Befürchtungen konnte sie seine mächtigen Krallen kaum spüren. Die Eisgräfin war überwältigt. Während sie noch um Worte rang, fasste sie plötzlich einen spontanen Entschluss und küsste den Hochkönig auf die Wange. Erschrocken über sich selbst wich sie einen Schritt zurück. Möglicherweise bedeutete ihr Verhalten einen schwerwiegenden Verstoß gegen die höfischen Sitten von Sindra, die ihr nicht im Geringsten vertraut waren.

Gylbax lächelte jedoch überglücklich: „Kommt möglichst bald wieder heil zurück.“

Nachdem der Hochkönig, Novotor und Senesia Sida von Bord gegangen waren, stand Duotora noch lange an der Reling und sah versonnen auf das Meer hinaus. Syx hatte sich in die Lüfte erhoben und lieferte sich eine kreischende Balgerei mit mehreren Möwen. Unterdessen hatte die Besatzung die Ankerkette eingeholt, und das kleine Schiff nahm langsam Fahrt auf in Richtung Oot.

*

Elf Tage waren seit Duotoras Aufbruch vergangen. Novotor saß unter einem Schattendach aus Palmblättern auf der kleinsten aber höchstgelegenen Terrasse seines königlichen Anwesens vor den Toren von Doinat. Von hier aus hatte man den schönsten Blick auf den bedächtig dahinfließenden Sindur, auf dem selbst die Lichtreflexe der brennenden Sonne nahezu bewegungslos verharrten. Von der Ebene von Pleeth bis Doinat gab es nur einen geringen Höhenunterschied, den das Wasser eher stockend überwand.

Kein Windhauch regte sich. Die großen Schiffe schienen sich mit der gleichen Trägheit dahinzuwälzen wie der grüne Strom selbst. Novotor liebte diesen beruhigenden Blick auf eine Welt, in der die Zeit langsamer abzulaufen schien, und die anscheinend nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte. Gedankenverloren wunderte er sich über den weißen Kreis, den jemand auf die Balustrade gezeichnet hatte. Er konnte sich nicht erinnern, diesen Kreis am Vortag gesehen zu haben, obgleich er an derselben Stelle gesessen hatte.

Erneut vertiefte er sich in seinen Bericht, den er gerade für den Berater verfasste. Als er wenig später aufsah, nahm er aus den Augenwinkeln eine abrupte Bewegung wahr. In der Terrassentür stand eine große, dünne Gestalt. Noch bevor der Eisgraf aufstehen konnte, war die Gestalt schon wieder verschwunden. Novotor bemerkte einen kurzen Luftzug und sah eine schattenhafte Verzerrung neben sich. Im nächsten Moment spürte er ein schmerzhaftes Ziehen am Hals. Intuitiv wollte er den „vernichtenden Blick“ einsetzen, weil er sich bedroht fühlte. Aber die Nerven, die zu seiner Wirbelsäule führten, waren bereits durchtrennt. Den nächsten Stich, der ihn mitten ins Herz traf, spürte Novotor schon nicht mehr. Langsam fiel er vornüber und schlug hart auf dem Boden auf. Leblos lag der verkrümmte Körper des Eisgrafen auf den warmen Steinfliesen. Sein Blut floss mit der gleichen Trägheit über die kleine Terrasse wie der grüne Sindur tief unten durch das breite Tal.




Kapitel 11 – Königsmord im Flammensaal


Lindox Doront war mit achtzehn Jahren als Schmied nach Sanh gekommen. Er konnte sich nur noch undeutlich daran erinnern, wie fremde Soldaten ihn von dort entführt hatten. Zunächst wurde er wie alle anderen Dorfbewohner in einer großen, unterirdischen Tropfsteinhöhle gefangen gehalten, bis sie ihn schließlich in eine Einzelzelle sperrten. Dort fiel ihm auf, dass stets eine merkwürdige, graue Raupe an der Wand herumkrabbelte. Wochen später war er völlig überraschend zusammen mit vier anderen Gefangenen entlassen worden. Unter diesen befand sich auch Anodha Sanh, die Frau des Dorfbäckers. Einem unerklärlichen Antrieb folgend wanderten die fünf Mithrier über die Hochebene bis zum Benedan. Auf der Straße von Marandia nach Sokut, die eine der wichtigsten Verbindungsrouten in Mithrien darstellte, überspannte eine mächtige Steinbrücke den Fluss und verband die beiden Ufer. Von dort aus setzten die Freigelassenen ihren Weg in Richtung Tanaria fort. In Tanaria trennten sich Lindox Doront und Anodha Sanh vom Rest der Gruppe und marschierten weiter durch das Vorgebirge bis zum Quaralpalast.

Der alte Torwächter hatte es für einen Schabernack gehalten, als ihm die Weisung überbracht wurde, Bewohner des Dorfes Sanh sofort nach ihrer Ankunft zum Verwalter zu geleiten. Er erinnerte sich an die Gerüchte, wonach alle Bewohner dieses Dorfes spurlos verschwunden waren. Umso mehr erstaunte es ihn, als nur wenige Tage später tatsächlich zwei Ankömmlinge vor dem Verschlussstein standen und behaupteten, aus der Ortschaft Sanh zu stammen. Sofort fiel ihm der Befehl des Verwalters ein und so führte die beiden Besucher direkt zu dessen Arbeitszimmer im Verwaltungsgebäude. Nachdem er den Raum wieder verlassen hatte, setzten Lindox Doront und Anodha Sanh die beiden grauen Raupen, die sie den ganzen Weg von Doront bis hierher begleitet hatten, vorsichtig auf die Schreibtischplatte.

Danach ging eine Veränderung mit ihnen vor. Lindox und Anodha schien es, als seien sie aus einem tiefen Schlaf erwacht, so wie es auch unterwegs hin und wieder geschehen war. Vor ihnen saß ein Mann mittleren Alters mit tiefen Falten und ungewöhnlichen Augen, die so blau wie sein Ornat leuchteten. Lindox und Anodha hatten zuvor nicht bemerkt, dass die Tür geöffnet worden war und zwei Aktuare des Verwalters den Raum betraten. Diese folgten einer Anweisung ihres Vorgesetzten, kurz nach dem Eintreffen der Gäste Erfrischungsgetränke zu servieren. Während sie sich jedoch den Besucherstühlen näherten, ließen die Aktuare wie auf ein Kommando plötzlich die Karaffen fallen, zogen Dolche unter ihren grünen Seidenjacken hervor und stürzten sich auf die Ankömmlinge aus Sanh. Anodha und Lindox fuhren herum, als die beiden gläsernen Karaffen auf dem Boden zersplitterten. Aber sie erfassten bereits nicht mehr, dass sie selbst das Ziel eines Angriffs waren. Sie spürten nur noch den kurz aufflammenden Schmerz, als die Messer ihre Kehlen durchschnitten, bevor ihre Seelen zum Eisbaum von Tanaria entflohen.

Das fürchterliche Gemetzel, das nun folgte, betraf nur noch die leblosen Körper. Diese wurden von den beiden Aktuaren und dem Verwalter zerteilt und in einen Fallschacht geworfen, der in einen großen Hohlraum im Gestein unter der Festung mündete und alle Abfälle des Verwaltungstrakts aufnahm. All dies geschah völlig wortlos.

Nun war der Weg frei für die Übernahme der Vereinten Nordlande durch eine fremde Macht. Aber zuerst musste noch eine letzte Aufgabe erledigt werden.

Ak Riddon, einer der beiden Aktuare, nahm auf einem Stuhl in der Ecke des Zimmers Platz und ließ sich widerstandslos von seinem Kollegen Ak Taldac und dem Verwalter an den Stuhl binden. Anschließend nahm der Verwalter den Mon’ghal von der Wand und einen der beiden Mon‘ghale von der Schreibtischplatte und setzte sie in eine Falte seines Ornats. Ak Taldac steckte den anderen ein. Als sie zur Tür gingen, hatte sich der Blick des gefesselten Aktuars geklärt. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er an einen Stuhl gebunden war. Verzweifelt zerrte er an den Seilen. Auf eine scharfe Zurechtweisung seitens des Verwalters gab er völlig verunsichert die Bemühungen zu seiner Befreiung auf, obgleich er sich nicht erklären konnte, wie er in diese Lage geraten war. Wieso ließ sein Vorgesetzter zu, dass man ihn gefesselt hatte? Und wieso gebot er ihm, sich ruhig zu verhalten? Aber es erfolgte keine Erklärung. Unbeeindruckt verließen der Verwalter und Ak Taldac das Zimmer. Sie schritten durch das große Verwaltungsgebäude, hinauf zum Zentralpalast und an den Wachen vorbei in die große Halle. Über die breite, mit roten und blauen Teppichen ausgelegte Treppe gelangten sie unangefochten bis vor den Saal der Flammen. Dort übergab der Verwalter der Tradition entsprechend sein Schwert einem der vier Leibwächter des Hüters. Ein anderer Wachposten öffnete die Eingangspforte zum Flammensaal.

Der Hüter der Flammen stand etwa zwanzig Schritte von der Tür entfernt. Er war in ein Gespräch mit einer älteren Dame vertieft. Sie hatte graue Haut und trug eine aufwendig gearbeitete Reitkombination und Stiefel aus braunem Leder sowie einen langen, weißen Mantel mit einem goldenen Saum und goldenen Manschetten. Ihre langen, weißen Haare wurden von einem schmalen, silbernen Reif zusammengehalten, auf dessen Vorderseite eine kleine Krone aus stilisierten Eiszapfen glitzerte. Das jugendhafte Leuchten ihrer Augen und ihre vollen, lächelnden Lippen machten die bereits deutlichen Falten in ihren feinen, aristokratischen Zügen mit den hohen Wangenknochen vergessen. „Eine trotz ihres Alters immer noch äußerst attraktive Frau“, hatte der Verwalter stets über sie gedacht. Aber für solche Gedanken gab es in diesem Augenblick keinen Raum in seinem Kopf.

Der Hüter der Flammen blickte überrascht zur Tür. Als die Flügel gerade halb geöffnet waren, stürzte einer der Leibwächter mit dem Schwert des Verwalters in den Flammensaal.

„Halt!“, brüllte der Verwalter und drängte sich in die Tür, wobei er jedoch scheinbar unbeabsichtigt die drei anderen Gardisten behinderte, die ihrem Kameraden nachsetzen wollten. Der Verwalter und einer der Leibwächter stürzten übereinander zu Boden.

Der Hüter der Flammen erfasste gedankenschnell die Bedrohung. Er stieß die weißhaarige Frau zur Seite und zog sein Schwert. Obwohl er ein geübter Kämpfer war, konnte er nur mit Mühe den ersten Schwertstreich des Leibwächters parieren. Getroffen von der Wucht des Schlages taumelte er einige Schritte rückwärts. Der Attentäter setzte ihm ungestüm nach, jedoch nicht mit der Geschicklichkeit, die die Leibwächter des Hüters üblicherweise auszeichnete.

Inzwischen war der Verwalter wieder aufgesprungen und rannte in Richtung des heftigen Zweikampfs, den sich der Hüter der Flammen und der Angreifer nun lieferten.

„Halt!“, schrie der Verwalter erneut mit sich überschlagender Stimme. Aber damit lenkte er den Hüter der Flammen nur ab. Der Herrscher warf dem Verwalter einen kurzen Blick zu und versuchte, ihm mit einer Handbewegung zu bedeuten, sich aus dem Kampf herauszuhalten. Diese kleine Unaufmerksamkeit reichte dem Attentäter aus, um die Deckung des Hüters zu durchbrechen und ihm eine klaffende Wunde im Unterleib zuzufügen. Zwischenzeitlich waren jedoch auch die drei anderen Leibwächter herangeeilt. Mit ihren schweren Schwertern hieben sie von hinten auf den Attentäter ein. Er konnte keine Gegenwehr mehr leisten. An mehreren Stellen fast völlig durchtrennt fiel sein Körper zu Boden. Lähmendes Entsetzen breitete sich im Flammensaal aus. Derweil stellten sich die drei verbliebenen Leibwächter mit ihren bluttriefenden Schwertern schützend um den schwer verletzten Hüter der Flammen. Röchelnd lag er in einer großen Blutlache.

Diesen Augenblick allgemeiner Verwirrung nutzte der Verwalter. Er beugte sich über die verstümmelte Leiche des Attentäters und ergriff unauffällig den Mon’ghal, der mühsam aus der Halsberge der Rüstung hervorgekrochen kam. Schnell schob er ihn in die Seitentasche seiner blauen Jacke. Einer der Leibwächter zog ein Horn aus seinem Schwertgurt und gab ein ohrenbetäubendes Signal. Wenige Augenblicke später wimmelte es im Saal von Helfern. Ein Medicus presste die klaffende Wunde des Hüters zusammen und sorgte dafür, dass er auf eine Bahre gebettet und in Begleitung des Verwalters und mehrerer Wachen hinausgetragen wurde. In diesem Durcheinander gelang es der weißhaarigen Frau, sich unbemerkt zuerst aus dem Flammensaal, dann aus der Zitadelle und schließlich aus dem Quaralpalast hinauszustehlen.

Als sich der Verwalter später vorsichtig nach ihr erkundigte, konnte sich niemand an ihre Flucht erinnern. Inzwischen war sie bereits meilenweit entfernt.

Den Hüter der Flammen umfing eine tiefe Bewusstlosigkeit. Er hatte viel Blut verloren. Bei Einbruch der Nacht stand fest, dass er den nächsten Tag nicht erleben würde.

Nach der Konstitution der Vereinten Nordlande oblag es dem Verwalter, alle Befugnisse des Hüters der Flammen zu übernehmen, bis im Rahmen des Elektrals aus dem Kreis der wahlberechtigten Fürsten ein neuer Hüter der Flammen bestimmt wurde.

Noch aber lebte der alte Hüter. Der Verwalter ließ ihn in der Obhut des Medicus und mehrerer Bediensteter zurück und begab sich zu seinem Amtssitz, um die Übernahme der Regierungsgeschäfte vorzubereiten. Beim Betreten seines Arbeitszimmers holte er einen der beiden Mon’ghale aus seiner Seitentasche hervor. Sofort wurden die Augen Ak Riddons glasig. Der Verwalter band ihn los.

„Wir müssen zusehen, dass wir die Kontrolle über den Quaralpalast sichern, bis das Kollektiv benachrichtigt ist und uns Verstärkung schickt“, sagte der Verwalter zu Ak Riddon. „Du wirst ab sofort die Funktionen des Verwalters übernehmen. Ich werde mit Ak Taldac die Regierungsgeschäfte im Zentralpalast führen. Wenn der Berater oder ein Eisgraf hier auftauchen sollte, darfst du nicht einmal versuchen, ihn zu beeinflussen. Es besteht die Gefahr, dass das bemerkt würde. Ich will auch auf keinen Fall, dass sie getötet werden. Wir brauchen ein Faustpfand, falls die Festung angegriffen wird.“

Ak Riddon nickte. Während der Verwalter und Ak Taldac sich auf den Weg zu ihrer neuen Wirkungsstätte begaben, begann das durchdringende Läuten der Totenglocke. Wie die schmerzerfüllte Klage über den Verlust einer geordneten Welt wogte es durch das Vorgebirge des Aralt. Der Hüter der Flammen hatte seinen letzten Weg angetreten, der ihn nach dem Glauben der Menschen im Norden zum großen Eisbaum von Tanaria führen sollte. Diese Menschen selbst aber führte sein Tod an den Rand eines Abgrunds.

 

*

 

Aufgeplusterte, dunkelgraue Wolken und ein gelegentlicher Wirbel von Schneeflocken kündigten den herannahenden Winter an. Auf dem Plateau vor dem Quaralpalast waren einige kleine Schneeteppiche entstanden, die von den kalten Windböen herumgeschubst wurden, bis sie schließlich an den Abbruchkanten von Felsplatten hängen blieben. Octora trug ihren schweren Mantel eng um sich geschlungen, als sie sich auf ihrem Schimmel dem Eingangstor des Quaralpalasts näherte.

Dryd Wantari hatte mit seinen Leuten bereits den Rückweg nach Zogh angetreten. Reiter benutzten üblicherweise die „Schneise von Delamunth“, die etwa in halber Höhe zwischen dem nördlichen und südlichen Endpunkt des Araltgebirges verlief. Dort war auch die schmalste Stelle der gewaltigen Gebirgszüge, die Zogh von den beiden anderen Nordlanden trennten. Ein Teil der Passage konnte durch enge Schluchten und über Hochebenen zurückgelegt werden. Für den mittleren Teil hatten die Zogh zwei Höhlensysteme erweitert, die vor und hinter der „Platte des Montans“ tunnelartig durch die Berge führten. Die Schneise von Delamunth erstreckte sich von der Stadt Delamunth in Mithrien bis zu der Siedlung Oczon in Zogh. Octora war in ihren Gedanken bei ihrem Ziehvater und schätzte, dass er diesen Ort inzwischen erreicht haben musste.

Die Torwächter hatten die Eisgräfin längst erkannt und öffneten bei ihrer Annäherung den Torstein.

Nachdem sie auf ihrem Rückweg von Tredon die Nachricht vom Tod des Hüters der Flammen erreicht hatte, hatte Octora beschlossen, zum Quaralpalast zu reiten. Sie beabsichtigte, den Verwalter bei der Organisation des Elektrals zu unterstützen, der Versammlung der nordischen Fürsten, aus deren Mitte der neue Hüter der Flammen gewählt werden musste. In Mithrien waren dies die Fürsten zu Drinh, Marandia und Sokut, in Gatya das Trio der Weisen und in Zogh die Königin, der Herzog der Höhlen und der Marschall von Sandammon und Sokul. In Friedenszeiten unterstand dem Marschall neben seinem eigenen Heer auch die in Sandammon lagernde Gemeinsame Armee der Vereinten Nordlande. In Kriegszeiten ging der Oberbefehl über die „Gemeinsame Armee“ auf die Oberste Strategin der Vereinten Nordland über. Octora hatte Dryd Wantari eine Siegelrolle mitgegeben, in der die Königin von Zogh zur vorübergehenden Oberbefehlshaberin dieser Armee für den Fall eines notwendigen Einsatzes ernannt wurde. Arthania konnte auf diese Weise zusammen mit ihrem eigenen Reiterheer über zwei schlagkräftige Armeen verfügen. Genau genommen sogar über drei, denn die Königin und der Marschall standen in einer besonders innigen Beziehung. Octora musste bei diesem Gedanken unwillkürlich lächeln.

Inzwischen hatte sie den Sitz des Verwalters erreicht, wo ihr aber bedeutet wurde, dass er zwischenzeitlich im Palast der Flammen residierte.

Eine Viertelstunde später saß sie ihm im privaten Arbeitszimmer des ehemaligen Hüters der Flammen gegenüber. Octora war nun überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Augen des Verwalters wirkten müde und glasig; das leuchtende Blau, das sie immer so fasziniert hatte, war stumpf geworden. Die Furchen in seinem Gesicht hatten sich vermehrt und vergrößert, und die Pflichten schienen so schwer auf seinen Schultern zu lasten, dass sie seine Gestalt gebeugt hatten. Dieser Mann würde nicht in der Lage sein, die für das Elektral notwendigen Vorbereitungen allein zu treffen.

„Hat man inzwischen herausgefunden, wer oder was den Meuchelmörder zu seiner Tat getrieben hat?“, fragte Octora.

Der Verwalter schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber …“ Er zögerte: „… Es gibt da eine merkwürdige Ungereimtheit, die ich Euch nicht vorenthalten kann, selbst wenn ich das vielleicht gern täte.“

Auf Octoras Gesicht bildete sich eine steile Stirnfalte als sie ihn fragend ansah.

„Als der Mörder in den Flammensaal stürmte, hielt sich dort noch eine andere Person auf“, fuhr der Verwalter fort. „Der Hüter hat sie weggestoßen und dadurch vielleicht genau die Zeit verloren, die er gebraucht hätte, um den Verräter abzuwehren. Vor allem ist aber seltsam, wie diese Person nach dem Vorfall verschwunden ist. Wächter haben berichtet, dass sie den Quaralpalast fluchtartig verließ.“

„Und um wen handelte es sich?“, fragte Octora nichts ahnend.

„Die Königin von Zogh.“ Die Worte des Verwalters wirkten wie ein Peitschenschlag.

Octoras Züge verzerrten sich in ungläubiger Bestürzung. Sie sprang aus ihrem Sessel auf: „Ich muss sofort nach Zogh!“

Der Verwalter ergriff ihren Arm und versuchte, sie zu beruhigen:

„Vielleicht gibt es für all das eine ganz einfache Erklärung. Nach einem Attentat reagieren Menschen völlig anders als unter normalen Umständen.“

„Ich kenne niemand, der so abgeklärt ist wie die Königin“, entgegnete Octora.

„Vielleicht dachte sie ja auch, dass sie das Ziel des Attentats war“, meinte der Verwalter.

„Aber wieso sollte jemand die Königin von Zogh ausgerechnet im Saal der Flammen umbringen wollen, wo nur dem Hüter das Tragen von Waffen gestattet ist?“, gab Octora zu bedenken. „Damit ist ein Attentat gar nicht planbar. Mir wurde berichtet, dass der Mord mit Eurem Schwert geschah. Woher konnte der Wächter wissen, dass Ihr kommen würdet?“

Der Verwalter sah zu Boden: „Das wusste er nicht.“

„Ich muss nach Zogh“, wiederholte Octora. „Ich kann dann bei dieser Gelegenheit auch gleich den Herzog der Höhlen und den Marschall für das Elektral einladen. Wurde schon ein bestimmter Tag festgelegt?“

„Das könnten wir nachher gemeinsam tun“, schlug der Verwalter vor. „Aber bitte esst doch wenigstens noch eine Kleinigkeit, bevor Ihr nach Zogh aufbrecht.“

Dazu ließ sich Octora gerne überreden. Sie war hungrig und vor der Seilbahnfahrt nach Sylabit hätte sie ohnehin nichts mehr zu essen bekommen. Der Verwalter gab Ak Taldac die Anweisung, zwei Gedecke aufzutragen und die Mahlzeit in seinem Arbeitszimmer zu servieren.

„Dann können wir auch gleich den Ablauf des Elektrals planen“, erklärte er.

Bis die Mahlzeit serviert wurde, berichtete Octora von ihren Erlebnissen in Mithrien, insbesondere der Zerstörung der unterirdischen Forschungsstation, wo sie keine brauchbaren Hinweise auf den Verbleib der verschwundenen Einwohner von Sanh gefunden hatte.

Ak Taldac trug wenig später die Speisen auf. Octora fiel sofort hungrig darüber her. Bereits nach wenigen Bissen verschwammen jedoch plötzlich die Konturen des Verwalters und des Zimmers vor ihren Augen. Dann sank sie im Sessel zusammen.

Als sie wieder aufwachte, dröhnte es in ihrem Schädel wie der Schlagton einer Glocke. Mehrere Versuche, die Augenlider zu öffnen, fielen ihr unendlich schwer. Nicht nur, dass die Lider aus Blei zu bestehen schienen; jedes Mal wenn sich ein schmaler Schlitz gebildet hatte, wurde sie von einem grellen Licht geblendet. Als sie endlich mit großer Anstrengung die Augen aufschlug, sah sie, was sie ohnehin schon wusste: Alle Wände ihrer Zelle waren mit einer silbrigen, spiegelnden Substanz überzogen. Ein Gefängnis für Eisgrafen. Wenn sie hier versuchen würde, den „vernichtenden Blick“ anzuwenden, würde dieser reflektiert werden.

 

*

 

Ein einfacher Priester des Wissens wäre niemals ohne Erlaubnis von höchster Stelle in den Quaralpalast eingelassen worden. Nachdem sich aber der Mann, der ganz allein da draußen im Schneegestöber vor dem großen Tor stand, als der Sprecher des Ordens legitimiert hatte, übernahm der stellvertretende Leiter des Wachhauses die Verantwortung für den Einlass des Fremden. Dafür wurde er später vom Verwalter persönlich aus dem Quaralpalast hinausgejagt. Dies geschah allerdings nicht, weil der Verwalter mit genau dieser Entscheidung nicht einverstanden gewesen wäre; im Gegenteil war er sogar sehr froh darüber. Aber er konnte den Quaralpalast nur halten, solange er die persönliche Kontrolle über den Einlass jedes einzelnen Besuchers behielt.

„Sind Sie der Bote aus Obesien, den wir erwartet haben?“, fragte der Verwalter seinen Gast. Der Sprecher des Priesterordens strich die verbliebenen Schneeflocken aus seinem langen, fast schwarzen Haar mit den grauen und weißen Strähnen. Er zog den schweren, nassen Pelzmantel aus und warf ihn achtlos auf einen Besucherstuhl. Dann setzte er sich in den anderen Sessel und lehnte sich zurück. Er blickte am Verwalter vorbei auf den grauen Mon‘ghal, der hinter dem Schreibtisch an der Wand saß.

„Ja und nein“, antwortete Saradur vage. „Das Kollektiv weiß, dass ich hier bin, aber es ist ja bekannt, dass der Orden stets auch seine eigenen Interessen verfolgt.“

„Sie sind also im Auftrag Berions hier“, vermutete der Verwalter.

Um die schmalen Lippen des Sprechers zuckte ein verächtliches Lächeln:

„Das bin ich ganz gewiss nicht. Berion ist nicht der Orden.“ Saradur beugte sich vor und funkelte den Mon‘ghal an. In seine Augen trat ein fanatischer Glanz. „Genau genommen ist Berion der größte Feind des Ordens“, zischte er.

„Wieso schauen Sie eigentlich die ganze Zeit an mir vorbei?“, fragte der Verwalter scheinbar irritiert. Auf diesen Vorhalt reagierte Saradur äußerst gereizt.

„Sie sollten mich nicht für dümmer halten, als ich bin“, schimpfte er und fixierte weiterhin den grauen Mon‘ghal. „Wer, glauben Sie eigentlich, hat Ihre Existenz ermöglicht? Das Kollektiv? Diese lächerlichen Attrappen Ihrer Vorfahren? Ohne meine Hilfe hätte es dieses Projekt in Doront nie geben können, aus dem Sie hervorgegangen sind. Dafür kann ich, verdammt noch mal, wenigstens etwas Respekt erwarten. Wenn Sie weiterhin versuchen, mich für dumm zu verkaufen, werde ich einfach weggehen und Sie in dieser Festung Ihrem Schicksal überlassen.“

Der Verwalter atmete tief durch und fragte dann unsicher: „Was wollen Sie?“

Saradur lehnte sich wieder zurück und sah nun erstmals den Verwalter selbst an: „Das hört sich schon viel besser an. Ich werde Ihnen jetzt zwei ganz einfache Fragen stellen und ich will nur, dass Sie diese wahrheitsgemäß beantworten. Aber gehen Sie davon aus, dass ich Sie töten werde, wenn Sie entweder die Frage nicht wahrheitsgemäß beantworten oder wenn Sie eine Antwort geben, die für mich nicht akzeptabel ist.“

Der Verwalter schwieg. Saradur nickte zufrieden.

„Gut. Also: Würden Sie Obesien unterstützen, wenn es diesen Teil der Welt annektieren wollte?“, stellte er die erste Frage.

„Ja.“ Die Antwort kam ohne Zögern.

Der Sprecher beugte sich gespannt vor: „Zweite Frage: Nehmen wir an, ich würde Ihnen die Möglichkeit verschaffen, diesen Teil der Welt unter Ihre eigene Kontrolle zu bringen. Wären Sie in dem Fall auch bereit, sich notfalls Obesien zu widersetzen?“

 „Ja.“ Die Antwort kam erneut ohne Zögern.

Wiederum lehnte sich Saradur erleichtert zurück. Die Antwort klang ehrlich: Es gab keine Ameise in einem Ameisenstaat, die sich auch nur vorstellen konnte, gegen das naturgegebene Schema zu handeln. Und die Antwort war auch richtig, genauer gesagt: so wie er sie sich erhofft hatte.

„Sie töten mich also nicht?“, lächelte der Verwalter. „Ich habe wirklich großen Respekt vor Ihnen. Sie haben erkannt, wahrscheinlich sogar geplant, dass wir die nächste Stufe der Evolution sind. Aber wir sind hier nur zu dritt. Wir können uns auf Dauer nicht halten.“

Jetzt sah Saradur wieder den Mon‘ghal an und erläuterte sein Vorhaben: „Es gibt drei weitere Ihrer Art in Tanaria. Aber vorläufig wäre es zu gefährlich, alles hier zu konzentrieren. Der eigentliche Schlüssel liegt in Surdyrien. Wir müssen versuchen, einige Ilumit-Minen dort unter unsere Kontrolle zu bringen. Dafür habe ich bereits einen Plan. Aber zuerst müssen wir beide dafür sorgen, dass der Stützpunkt in Doront wieder in Betrieb genommen wird, und zwar ganz offiziell unter der Flagge der Vereinten Nordlande, aber mit meinen Leuten.“

„Ich weiß zwar nicht, wie Sie das bewerkstelligen wollen, aber das könnte uns retten“, meinte der Verwalter. „Meine Frage ist jedoch immer noch nicht beantwortet.“

„Welche?“, fragte Saradur mürrisch.

„Was wollen Sie wirklich?“, beharrte der Verwalter.

„Ich will, dass Berion beseitigt wird“. Diese Antwort stellte nur die halbe Wahrheit dar. Die ganze Wahrheit hätte ihn das Leben kosten können. Für halbe Wahrheiten wird niemand getötet.

 

*

 

Einst stellte der Rillborgpass eine wichtige Verbindung zwischen Mithrien und Zogh dar. Nach Fertigstellung der Schwebebahn durch die Höhlen wurde er kaum noch genutzt und war daher nur noch wenigen Eingeweihten bekannt. Wenn man das Vorgebirge überwunden hatte, lag sein Ausgangspunkt am Fuß des Lenndides, eines der weniger hohen, aber sehr lang gezogenen Bergmassive des Aralt-Gebirges, etwa vierzig Meilen vom Quaralpalast entfernt. Ein schmaler Pfad, der im unteren Bereich teilweise sehr stark anstieg, schlängelte sich an der Flanke des bis über die Grenze von Zogh hinausreichenden Lenndides entlang. Auf halber Höhe ging er in den Clarimuns über, dessen Gipfel fast ständig und zu jeder Jahreszeit in Wolken gehüllt war. Am Abbruch der Nordwand des Clarimuns schien der Pfad plötzlich zu enden. An dieser Stelle gab es jedoch einen Abstieg durch eine kleine Kaverne, deren Rückseite sich nach Osten öffnete. Dort setzte sich der Pfad fort und führte weiter bergan bis zur Rillborg. Er war allerdings stellenweise äußerst schmal und verlief an einer lotrecht in die Tiefe abfallenden Wand entlang. Nur absolut schwindelfreie Menschen konnten diesen Weg benutzen. Arthania gehörte zu diesen.

Drei Tage nach ihrer Flucht aus dem Quaralpalast hatte sie die Rillborg erreicht. Dort endete der Pfad.

Bei der Rillborg handelte es sich um eine sehr kleine Befestigungsanlage, die teilweise aus dem Felsen herausgehauen und teilweise aus Steinquadern errichtet worden war. Wer sie einst geschaffen hatte, war in Vergessenheit geraten. Sie lag auf dem Gebiet der Höhlen-Zogh. Längst wurde sie nicht mehr bewacht, da über den Rillborgpass allenfalls einzelne Reiter gelangen konnten.

Arthania genoss den Blick auf ihr Land, der sich ihr von hier aus bot. Über die östlichen Berggipfel hinweg konnte man bis zur nördlichen Hochebene sehen. An klaren Tagen war von hier aus sogar das Nordmeer in weiter Ferne zu erkennen.

An einer Stelle der schulterhohen Ringmauer befand sich ein Durchbruch. Dort lenkte Arthania ihr Pferd hindurch und ritt bis zu dem rechteckigen Hauptraum der Anlage, wo sich ebenfalls ein gleich breiter Durchgang befand. Früher einmal waren diese Durchgänge durch schwere Holztüren gesichert. In der jetzigen Zeit der engen Verbundenheit mit dem benachbarten Mithrien wurde hierfür aber keine Notwendigkeit mehr gesehen.

Arthania schwang sich von ihrem Pferd. In der westlichen Wand des Raumes klaffte ein Felsriss, der enger als die beiden ehemaligen Türöffnungen war, aber immer noch breit genug, um auch einem Pferd den Durchgang zu ermöglichen. Der Riss führte in eine dunkle Höhle, die nur in der Mitte durch das einfallende Licht etwas erhellt wurde. Daher entnahm die Königin aus der Satteltasche ihres Pferdes eine Fackel und zündete diese an. Nun vermochte sie den Durchbruch in der hinteren Ecke der Höhle zu erkennen, wo von der Decke eindringendes Schmelzwasser in einem schmalen Geröllbett nach unten abfließen konnte. Arthania begab sich zu dieser Stelle und tastete sich anschließend vorsichtig auf dem sanft abfallenden Geröll nach unten. Beruhigend redete sie auf ihr Pferd ein, während sie es am Zügel behutsam hinter sich herzog.

Nach wenigen Metern beschrieb das Geröll eine Kurve nach links, die auf der rechten Seite von einer Felsstufe begrenzt wurde. Diese bildete den Übergang zu einer weiteren Höhle. In der Rückwand der Höhle konnte Arthania den Beginn eines Felskorridors erkennen: einer von vielen Zugängen, die in die Welt der Höhlen-Zogh führten.

Schon nach knapp zweihundert Metern mündete der Gang in eine große, hell erleuchtete Felshalle. Dort waren mehrere Frauen mit dem Zuschneiden von Stoffen befasst. Im Hintergrund saßen Männer, die Kristallhämmer bearbeiteten. Diese klassische Waffe der Höhlen-Zogh bestand aus einem diamantähnlichen Mineral, das eine weit größere Festigkeit als jedes Metall aufwies und dabei wesentlich leichter in der Hand lag. Es gab zwei Varianten dieser Waffe. Eine bestand aus einem hammerähnlichen Kopf von der Größe eines Pferdehufs, der in einer nach vorne gebogenen Spitze auslief und an einem harten, langen Holzstab befestigt war. Bei der Zweiten handelte es sich um eine vielfach angeschliffene Kugel von der Größe zweier Fäuste, die am Ende eines aus Lederbändern geflochtenen Seils saß. Beide Waffen waren sowohl für den Bodenkampf als auch für den Kampf zu Pferd gut geeignet. Nachdem die Arbeiter Arthania erkannt hatten, erhoben sie sich respektvoll und verbeugten sich leicht zum Gruß. Die Königin bat um einen Führer, der sie zum Herzog bringen sollte.

Vier Stunden später stand sie ihm bereits gegenüber. Nachdem er in seiner Höhlenresidenz von den Vorkommnissen im Quaralpalast erfahren hatte, war er sogleich in den Norden geeilt, um in der Nähe des Geschehens zu sein.

Herzog Torrgarath strich bedächtig über seinen mächtigen, weißen Schnurrbart:

„Als ich das Läuten der Totenglocke hörte, habe ich sofort Boten losgeschickt, die unsere Leute im Quaralpalast befragen sollen. Aber es ist natürlich bis jetzt noch keiner zurückgekehrt.“

„Ich befürchte, dass sie nicht einmal eingelassen werden“, murmelte Arthania. „Wir müssen davon ausgehen, dass es sich um eine Verschwörung handelt. Ich werde eine Untersuchung verlangen.“

„Du kannst nicht einfach aufgrund eines Verdachts den Quaralpalast angreifen“, protestierte der Herzog. „Denn dir ist ja auch klar, dass sie gerade dann einer Untersuchung nicht zustimmen werden, wenn es sich tatsächlich um eine Verschwörung handelt.“ Torrgarath erhob sich. Seine stattliche Gestalt von weit über zwei Metern Größe strotzte noch im Alter vor Kraft und Muskeln. Seine graue Haut war heller als die der Königin, und sein kantiges Gesicht erschien trotz der steilen Zornesfalten auf der Stirn irgendwie gutmütig.

„Und was sollte ich deiner Meinung nach tun?“, fragte sie.

„Suche Octora“, empfahl Torrgarath. „Wenn du tatsächlich mit dem Gedanken spielst, den Palast anzugreifen, brauchst du einen Eisgrafen, weil du andernfalls gegen die Mauern nichts ausrichten kannst. Außerdem würden wir Mithrien und Gatya gegen uns aufbringen, wenn wir mit unseren eigenen Armeen gegen den Quaralpalast ziehen. Wenn sich dagegen die Oberste Strategin mit einer Armee der Vereinten Nordlande gegen den Verwalter stellt oder wer auch sonst immer im Quaralpalast herrscht, wird man das eher als interne Auseinandersetzung bewerten denn als eine Revolution der Zogh.“

Der Rat des Herzogs war sicherlich wohlüberlegt. Er überzeugte auch die Königin.

„Ich nehme an, dass Octora nach Sandammon unterwegs ist“, vermutete sie. „Ich werde morgen in aller Frühe losreiten.“ Sie konnte nicht ahnen, dass die Eisgräfin zur gleichen Zeit in einer hoffnungslosen Lage im Quaralpalast festsaß.

 

*

 

Quartor war einer Eingebung gefolgt, die ihm wie ein Hilferuf erschien. Seit sechs Stunden wartete er bereits an diesem besonderen Ort, wo er gestern schon sieben Stunden und die ganze Nacht zugebracht hatte. Aber das machte Quartor nichts aus. In seiner Jugend war er sehr oft hierhergekommen. Außerdem galt Quartor ohnehin als der Eisgraf mit der größten Ausdauer und Geduld.

Von dem leicht untersetzten, stämmigen Mann mit dem deutlichen Bauchansatz wussten nur wenige, dass er ein hervorragender Schwertkämpfer und vor allen Dingen ein ausgezeichneter Reiter war. Genau darin lag auch der Grund, weshalb er gerne und häufig als Gast in den Pfahlbauten von Svoraven gesehen wurde.

Quartor hatte ein rundes, großflächiges Gesicht mit wulstigen Lippen und einer etwas zu klein geratenen Stupsnase. Die zumeist lebensfrohen und lustigen Menschen in Tanaria und dem Flussland hatten die Eigenheit, ihren Mitmenschen Spitznamen zu verpassen, ohne dass sich dahinter aber eine hämische oder gar bösartige Verspottung verbarg. Deshalb war Quartor sogar stolz darauf gewesen, dass seine Geschwister ihn immer „Mondgesicht“ genannt hatten. Der Mond galt den Mithriern als Symbol der Hilfsbereitschaft und Wachsamkeit. Wenn die Sonne und die allermeisten Menschen sich schon längst zur Ruhe begeben hatten, wachte der Mond immer noch am Himmel über das Land und spendete ein tröstliches Licht in dunklen Nächten. Von allen Eisgrafen kam Quartor am wenigsten in der Welt herum. Er war der Vorposten und heimliche Wächter des Quaralpalasts und der diesem vorgelagerten Ebene von Tanaria.

Quartor lag hinter einem niedrigen Gebüsch auf der Lauer, das sich in respektvollem Abstand wie ein Hexenring um den riesigen Eisbaum von Tanaria gebildet hatte. Nur wenige Meter entfernt plätscherte der Holbu, ein kalter Gebirgsbach, der große, bunte Kieselsteine aus dem Vorgebirge bis in die Ebene geschwemmt hatte. Quartor liebte diesen Ort ebenso sehr wie die romantische Burg seiner Eltern, Svoraven und die Tavernen von Tanaria.

Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten, als Quartor das Schnauben eines Pferdes vernahm. Das Geräusch von Hufschlag war zuvor auf der feuchten Wiese hinter den Sträuchern nicht wahrzunehmen gewesen, auch wenn zu dieser Stunde der Boden immer noch eine dünne Eisschicht aufwies.

Gespannt sah Quartor zu dem schräg gegenüberliegenden Teil der Hecke, wo das Geräusch hergekommen war. Dort tauchte nun ein Reiter auf, der in einen dicken Pelzmantel gehüllt auf einem großen, schwarzen Pferd saß. Obwohl eine Kapuze sein Gesicht verdeckte, vermochte Quartor selbst auf diese Entfernung den Schimmer seiner dunkelrot leuchtenden Augen zu sehen. Sie erinnerten den Eisgrafen unwillkürlich an den Berater.

Während sich Quartor den Mann noch näher betrachtete und Einzelheiten zu erkennen versuchte, traten neben dem Reiter zwei weitere Männer aus dem Gebüsch. Sie schleppten ein großes Gerät. Zielgerichtet schritten sie auf den Eisbaum von Tanaria zu. Der Reiter deutete mit dem Finger auf den Baum und sagte etwas zu den beiden Männern, das Quartor nicht verstehen konnte. Als sie aber näher herangekommen waren, und er das Gerät nun besser sehen konnte, durchzuckte ihn ein Schreck: Es handelte sich um eine mindestens zwei Meter lange Säge. Ihre großen, hässlichen Zacken erinnerten an die Zähne eines Haifischs. Der Mann auf dem Rappen befand sich inzwischen ebenfalls innerhalb des von den Büschen gebildeten Kreises und rief den beiden Männern zu: „Die Kerbe muss schräg nach unten verlaufen und breit und tief genug sein, damit sie den ganzen Zunder aufnehmen kann.“

Da die Männer den Eisbaum fast erreicht hatten, konnte Quartor nicht mehr länger warten. Er hastete zu seinem neben dem Flussufer grasenden Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und setzte mit einem mächtigen Sprung über die Hecke. Als die beiden Männer erkannten, dass er auf sie lospreschte, ließen sie die Säge fallen und rissen ihre Schwerter aus den Gürteln. Sie stürzten sich auf Quartor, der aus dem Sattel sprang, nachdem er sein Pferd scharf abgebremst hatte. Bei diesem Sprung rutschte er jedoch auf dem nassen Gras aus und fiel rücklings zu Boden. Der erste der beiden Männer war bereits über ihm, noch bevor Quartor selbst sein Schwert ziehen konnte. Ehe der Mann aber den tödlichen Streich zu führen vermochte, erfasste ihn eine wabernde Blase und löste ihn vollständig auf. Der Zweite zögerte kurz, als er diesen schrecklichen Anblick gewahrte. Dann aber drang er mit dem Mut der Verzweiflung auf den Eisgrafen ein. Dieser hatte sich immer noch nicht vom Boden erheben können, hielt aber nun sein Schwert in der Hand. Der Angreifer riss seine eigene Waffe mit beiden Händen hoch und ließ sie mit einem wuchtigen Schlag herabsausen, um Quartor den Schädel zu spalten. Der konnte sich im letzten Augenblick zur Seite rollen. Das Schwert des Angreifers klatschte zwei Fingerbreit neben dem Kopf des Eisgrafen in den nassen Boden. Durch die Wucht des Schlages verlor der Angreifer das Gleichgewicht und fiel vornüber auf Quartor. Der Eisgraf hatte sein eigenes Schwert schützend vor den Körper gehalten. Es lag nicht in seiner Absicht, den Angreifer zu töten. Der Mann stürzte aber dermaßen unglücklich, dass seine Brust von Quartors Schwert durchbohrt wurde. Schwer lastete das Gewicht des Sterbenden auf dem Eisgrafen. Die blauen Augen des Fremden befanden sich unmittelbar vor Quartors Gesicht. Obwohl der Mann noch lebte und leise röchelte, wirkten sie bereits seltsam glasig, so als ob sie schon durch den Tod gebrochen wären. Vorsichtig wälzte der Eisgraf den Körper zur Seite.

Nun bewegte sich der Mann nicht mehr. Kein Laut entrang sich seinem Mund. An den stumpfen Ausdruck der Augen verschwendete der Eisgraf keinen Gedanken, umso mehr an ihre Farbe. Denn ihn beschäftigte die Frage, warum ausgerechnet ein Mithrier einen heiligen Baum seiner Heimat zerstören wollte. Etwas Derartiges hatte es in der langen Geschichte der Nordlande noch nie gegeben.

Der Reiter auf dem Rappen war verschwunden. Quartor wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu verfolgen. Als er die Kleidung des Toten durchsuchte, konnte er nichts finden. Ihm fiel lediglich die graue Raupe auf, die neben dem Toten lag. Sie sah aus wie die schwarzen Mon‘ghale, die in Obesien so häufig vorkamen, nicht aber in Mithrien. Quartor hatte stets angenommen, dass diese Tiere im Norden wegen der Kälte nicht überleben konnten. Aber dieser Mon‘ghal war ja auch grau. Offenbar hatte die Natur eine kälteresistente Art hervorgebracht, die die Temperaturen im Norden überstehen konnte.

Quartor war ein durch und durch guter Mensch, der nur in Notwehr tötete. Daher dachte er keine Sekunde daran, dem Mon‘ghal etwas anzutun. Stattdessen schleifte er zuerst die große Säge zum Holbu und warf sie in das gurgelnd dahinplätschernde Wasser. Danach zerrte er den Körper des toten Mithriers außerhalb des kreisförmigen Gebüschs und bestattete den Leichnam unter einem Hügel von großen Kieselsteinen am Ufer des Gebirgsbachs.

Quartor hatte das Gefühl, dass er seine Aufgabe hier erledigt hatte. Er dachte kurz daran, zum Quaralpalast zu reiten und dort über den Anschlag auf den Eisbaum von Tanaria zu berichten, entschied sich jedoch dagegen. Der Hüter war tot. Der Verwalter hatte eine schwere Aufgabe zu erfüllen, die ihm durch weitere Hiobsbotschaften auch nicht erleichtert werden würde.

Nachdem er den Anschlag auf den Eisbaum erfolgreich verhindert hatte, glaubte Quartor nicht daran, dass der geflohene Unbekannte in absehbarer Zeit das Wagnis eingehen würde, einen solchen Versuch zu wiederholen.

Also kamen als Ziele seines bevorstehenden Ritts nur die Burg seiner Eltern, Svoraven oder die Tavernen von Tanaria in Betracht.




Kapitel 12 – Tödliche Kämpfe um das Elixier des Lebens


Ronhil kannte die Stadt Lauros, da er jahrelang im nahe gelegenen äußeren Stützpunkt der Priester des Wissens gearbeitet hatte.

Nach seiner Ankunft begab er sich zur Übernachtung in eine abgelegene Herberge, um in Ruhe darüber nachdenken zu können, wen er am nächsten Morgen zuerst aufsuchen würde: Berion oder den Vertrauten Senesia Sidas. Er entschied sich für den Höchsten Priester.

Bei der Adresse, die ihm Berion genannt hatte, handelte es sich um ein unscheinbares Gasthaus nahe dem Zentrum der Stadt.

Der Höchste Priester des Wissens befand sich bereits im Aufbruch, war aber trotzdem erfreut, den Ankömmling zu sehen.

„Sie bringen mir Neuigkeiten von Senesia Sida?“ Es handelte sich eher um eine rhetorische Frage.

„Ja. Sie ist abgereist und hat Telimur mitgenommen“, bestätigte Ronhil.

„Wohin ist sie gereist und was hat sie vor?“ Auf diese Frage des Höchsten Priesters war Ronhil vorbereitet. Er machte keinen Hehl daraus, dass er Senesia Sida nicht vertraute:

„Sie fährt auf dem Seeweg nach Oot. Das hat sie mir jedenfalls gesagt. Was sie wirklich vorhat, weiß ich nicht. Anscheinend geht es um irgendwelche Orchideen.“

Der Höchste Priester nickte bedächtig, sagte aber nichts. Nach einer kurzen Pause fragte er Ronhil: „Und was soll Ihre Aufgabe hier in Surdyrien sein?“

„Ich soll eine Schutztruppe für die Minen der Spinne aufstellen“, erwiderte der Priester.

„Nennen Sie sie nicht so!“ blaffte Berion.

Ronhil sah ihn überrascht an: „Jeder nennt sie so.“

„Ja, ja. Aber so heißt sie nicht“, brummte der Höchste Priester verstimmt. „Ich will wissen, was Sie wirklich hier tun sollen.“

„Es gibt mehrere Besitzer von Ilumit-Minen. Und Senesia Sida meint wohl, dass der Markt übersichtlicher wäre, wenn es nur noch zwei gäbe“, umschrieb Ronhil seinen Auftrag. Berions Stimmung hellte sich sichtbar auf: „Ja, das meine ich auch. Hat sie gesagt, wer ihr als verbleibender Konkurrent am liebsten wäre?“

Ronhil überlegte kurz, dann sagte er: „Daran kann ich mich nicht erinnern.“

„Das ist gut so. Denn genau das ist der wichtigste Punkt. Ich halte Sie für einen fähigen Mann. Aber für mich ist entscheidend, dass Sie auch ein loyaler Mann sind“, stellte der Höchste Priester klar. „Solange ich Ihnen nichts anderes sage, sind meine Interessen und die Interessen Senesia Sidas völlig identisch. Ich nehme an, dass Senesia Ihnen einen Mann zugewiesen hat, der Ihnen helfen soll, Ihren Auftrag auszuführen. An den werden Sie sich auch wenden. Aber ich werde Ihnen dennoch aufschreiben, wo Sie jemand anderen finden können, wenn Sie nicht mehr weiterkommen. Aber eines muss ich Ihnen leider in aller Schärfe klarmachen: Wenn Sie sich gegen mich stellen, sind Sie tot. Denken Sie immer daran. Sonst sind Sie vielleicht schon tot und wissen es nur noch nicht.“

„Ich werde daran denken“, versicherte Ronhil. „Aber welcher Minenbesitzer soll übrigbleiben?“

„Es freut mich, dass Sie wohl tatsächlich verstanden haben“, lobte Berion. „Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Er heißt Ugudag, ein Mann aus Lumburia, der sich aber nur selten hier aufhält.“

Ronhil blickte überrascht auf. Seine Verwunderung galt dem Umstand, dass ein geistig zurückgebliebener Flachschädel aus Lumburia Besitzer einer Ilumit-Mine in Surdyrien sein sollte. Wohlweislich sagte er jedoch nichts dazu.

 

*

 

Im Norden von Lauros gab es mehrere ausgedehnte Siedlungen. Dort lebten Minenarbeiter in winzigen Häuschen, die im Auftrag der Minenbesitzer im Laufe von Jahrzehnten errichtet worden waren. In einem dieser völlig unscheinbaren Backsteinhäuser wohnte Siirt, an den sich Ronhil entsprechend Senesia Sidas Anweisung wenden sollte. Für den Priester sahen alle Mivv mit ihren Kahlköpfen und den langen, roten Zauselbärten gleich aus. Deshalb ließ er sich die Identität des Steppenmannes anhand eines von der Minenbesitzerin ausgestellten Dokuments nachweisen, bevor er ihm seinerseits das Ernennungsschreiben Senesia Sidas vorlegte. Darin stand, dass er der neue Oberaufseher ihrer Minen war und ihm in dieser Eigenschaft von allen ihren Beschäftigten jede erdenkliche Hilfe zu leisten sei.

„Und auf welche Weise kann ich Ihnen helfen?“, wollte Siirt wissen.

„Zuerst müssen Sie mir den Kontakt zu einem Mann vermitteln, der eines von Senesia Sidas Geldhäusern leitet“, erklärte Ronhil. „Außerdem brauche ich eine Truppe zuverlässiger Männer, die mit Waffen umgehen können und verschwiegen sind.“

„Das sollte nicht allzu schwierig sein“, nickte der Mivv. „Wenn Sie wollen, können wir gleich gemeinsam zu diesem Geldhaus gehen.“ Der Priester des Wissens erklärte sich einverstanden.

Das „Erste Handelshaus von Lumbur-Seyth“ hatte eine große Zweigniederlassung in Lauros. Es handelte sich um einen äußerst auffälligen Prachtbau, dessen Fassade mit glänzendem, schwarzen Marmor und weißen Reliefs verblendet war. Die weitläufigen, hohen Räume im Inneren wirkten schon beim Anblick kühl und edel. Siirt musste hier offenbar bekannt sein, denn sofort kam ein Angestellter herbeigeeilt und erkundigte sich nach seinen Wünschen. Auch als der Mivv verlangte, zum Leiter des Geldhauses gebracht zu werden, beeilte sich der Angestellte, diesem Wunsch zu entsprechen. Er führte die beiden Besucher über eine breite, glänzend schwarze Treppe in das nächste Geschoss, wo er an eine mit goldenen und schwarzen Intarsien verzierte Edelholztür klopfte.

Der Leiter des „Ersten Handelshauses“ war ein älterer, unscheinbarer Surdyrier namens Phylgor. Er bat die Besucher herein und fragte, womit er dienen könne. Siirt stellte ihm Ronhil vor und erläuterte dessen neue Stellung im Minengeschäft Senesia Sidas.

„Es geht um Erwerbungen“, deutete der Priester des Wissens an. „Ich brauche zunächst eine Liste mit allen Besitzern von Ilumit-Minen.“

„Da gibt es nicht viele“, meinte Phylgor. „Die kann ich Ihnen hier und jetzt aufschreiben, wenn Sie dies wünschen.“

Mit einer herablassenden Handbewegung bekundete der Priester des Wissens seine Zustimmung. Daraufhin setzte der Leiter des Geldhauses sechs Namen auf eine Liste: Senesia Sida, Gulkon, Trasoph, Ugudag, Zepetaaph und Nardonil.

Ronhil zog die Liste zu sich heran, strich die beiden Namen Senesia Sida und Ugudag aus und schob den Zettel zu Phylgor zurück.

„Was können Sie mir über diese Leute sagen? Denken Sie, dass die ihre Minen verkaufen würden, wenn sie ein angemessenes Angebot bekämen?“

Phylgor betrachtete nachdenklich die Liste: „Zepetaaph ist ein Grundbesitzer aus Surdyrien, der auch Nahrungsmittel anbaut und aufgrund von zwei Missernten hoch verschuldet ist. Der würde bei einem günstigen Angebot, also bei etwa dem Anderthalbfachen des tatsächlichen Wertes sicherlich verkaufen. Gulkon ist ein schwerreicher Geschäftsmann aus Lumbur-Seyth, der aber hochbetagt ist und keine Kinder hat. Ich schätze, wenn man ihm das Doppelte des Wertes bietet, wird auch er verkaufen. Aber bei den beiden anderen bin ich äußerst skeptisch. Trasoph ist ein Surdyrier mit exzellenten Beziehungen nach Obesien. Schon um diese Beziehungen nicht zu gefährden, wird er sicherlich nicht verkaufen, weil die Obesier das Ilumit unbedingt haben wollen. Und Nardonil ist ein absoluter Sturkopf aus Lumbur-Seyth. Der ist durch seine Schiffe so reich geworden, dass er es überhaupt nicht nötig hat, irgendetwas zu verkaufen. Und das wird er auch nicht tun.“

In Ronhils Kopf war bereits ein Plan gereift:

„Machen Sie allen Vieren ein Angebot, auch den beiden, von denen Sie glauben, dass sie nicht verkaufen. Fangen Sie beim tatsächlichen Wert an, gehen Sie aber notfalls bis zum Dreifachen. Wenn dann einer oder mehrere nicht verkaufen, vermitteln Sie mir bitte eine Unterredung mit Nardonil.“

 

*

 

Siirt beschaffte Ronhil eine bunt zusammengewürfelte Truppe von sieben Männern. Es handelte sich um einen ausgestoßenen Priester des Wissens namens Remodin, der angeblich über eine große Erfahrung mit entzüdlichen Stoffen verfügte, zwei Shondo namens Argx und Gokk, einen Mivv namens Iddss und drei Surdyrier: Albophan, Turquitust und Dorquart. Quer über Albophans Gesicht verlief die hässliche Narbe einer Schnittwunde, der auch sein linkes Auge zum Opfer gefallen war. Turquitust, ein hochgewachsener, breitschultriger Kerl mit riesigen Pranken und etlichen Lücken im Gebiss bildete einen krassen Kontrast zu Dorquart, der mit seinen vorstehenden Zähnen und fettigen Haaren an eine Ratte erinnerte. Die beiden Shondo und Iddss wiesen aus Sicht Ronhils keine Merkmale auf, die es ihm erlaubt hätten, sie ohne Weiteres von anderen Vertretern ihrer jeweiligen Rasse zu unterscheiden. Nachdem er diese illustre Gesellschaft eingehend gemustert hatte, fragte er:

„Ist hier irgendjemand, der es ablehnt, notfalls auch einmal Taten zu begehen, die zu den Gesetzen in einem gewissen Widerspruch stehen?“

Niemand meldete sich. Ronhil wollte nicht ausschließen, dass der eine oder andere die Bedeutung seiner Frage nicht verstanden hatte. Dennoch bezweifelte er schon nach dem äußeren Eindruck, dass sich jemand zu Wort gemeldet hätte.

Im weiteren Verlauf des Vormittags informierte Phylgor den neuen Aufseher der Bergwerke Senesia Sidas darüber, dass Zepetaaph seine Mine bereits zu einem geringfügig über dem tatsächlichen Wert liegenden Preis verkauft hatte, während er Gulkon das Doppelte hatte bieten müssen. Die anderen beiden hatten erwartungsgemäß jegliche Angebote kategorisch abgelehnt.

Die Mine Nardonils lag im Hinterland von Lauros. Ronhil kannte die örtlichen Gegebenheiten. Vor einiger Zeit, als er noch im Stützpunkt der Priester des Wissens von Duntes gearbeitet hatte, war er einmal bei der Abholung einer Ladung Ilumit zugegen. Die Mine wurde damals nur sehr nachlässig bewacht, da der Ilumit-Preis seinerzeit keine erheblichen Investitionen rechtfertigte. Obwohl Ronhil glaubte, dass sich an der Bewachungssituation auch in der Zwischenzeit trotz der gestiegenen Nachfrage nichts geändert hatte, gab er vorsichtshalber Dorquart und Iddss den Auftrag, die Sicherheitsvorkehrungen auszuspionieren. Remodin sollte das notwendige Material für die Herstellung einer riesigen Arandi-Fackel beschaffen.

Ebenfalls noch am gleichen Tag erfuhr Ronhil, dass es Phylgor gelungen war, einen Besprechungstermin mit Nardonil im Gebäude des „Ersten Handelshauses von Lumbur-Seyth“ zu vermitteln.

 

 

*

 

Das Mundloch des Stollens gähnte wie ein schwarzer Schlund in der beginnenden Dämmerung. Die Minenarbeiter hatten eine halbe Stunde zuvor das Bergwerk verlassen. Zwei obesische Wächter lungerten vor einer kleinen Bretterbude herum und genossen die letzten Strahlen der untergehenden Abendsonne. Ein Dritter verschloss das schwere Holztor am Eingang des Stollens. Dann begab er sich zu den anderen und machte es sich auf einer Holzbank bequem.

Remodin, Iddss, Turquitust und Gokk hatten sich im Schutz eines Grabens von hinten an die Bretterbude herangeschlichen und sich dann unter einem Felsvorsprung versteckt. Jetzt schien die Gelegenheit günstig, da die Wachen vor sich hindösten.

Vorsichtig tasteten sich die vier Helfer Ronhils näher an die Hütte heran. Als sie noch rund zehn Meter von der Rückseite des Bretterverschlags entfernt waren, gab Iddss das Zeichen. Mit weit ausgreifenden Schritten stürmten Turquitust und Gokk zum Wachhaus. Bevor sie dort ankamen, hatte der wieselflinke Iddss bereits den ersten Posten erreicht. Verwundert sah der Mann hoch. Noch ehe er zu seiner Waffe greifen konnte, schnitt ihm Iddss mit seinem Krummsäbel die Kehle durch. Dem Zweiten hackte er die Hand ab, die nach dem Stiftlader griff. Im nächsten Moment sauste Gokks schwere Axt herab und spaltete dem wehrlosen Mann den Schädel. Turquitust und der dritte Wächter wälzten sich auf dem Boden. Iddss und Gokk standen tatenlos daneben. Sie wussten, dass sie nicht einzugreifen brauchten. Turquitust hatte seine riesigen Hände um den Hals des Wachmanns gelegt und presste ihn zusammen, während der Obesier nach Luft rang und verzweifelt um sich schlug. Dann zuckte er nur noch ein wenig, und schließlich erstarb auch dieses letzte Zucken.

Inzwischen kam Remodin herangeschlendert und zog fröhlich pfeifend die gewaltige Arandi-Fackel hinter sich her.

„Der Kerl ist völlig verrückt“, brummte Turquitust.

Gokk lief hinüber zu der schweren Holztür am Stolleneingang und begann, mit seiner Axt auf sie einzudreschen, bis das Holz splitterte. Dann vergrößerte er die Öffnung, sodass der Priester hindurchpasste. Remodin verschwand in dem Stollen, und bald war auch sein dämliches Pfeifen nicht mehr zu hören.

Nach etwa zwanzig Minuten kam er zurück, wobei er die Zündschnur bis in den Eingang abwickelte.

„Was passiert da jetzt?“, wollte Turquitust wissen. Iddss erklärte es ihm:

„Arandi-Fackeln entwickeln eine unglaubliche Hitze. Da diese in dem engen Stollen nicht entweichen kann, heizt sie das Ilumit auf, bis es Feuer fängt. Dann brennt der ganze Stollen aus. Es kann aber auch sein, dass sich der Brand bis an die Oberfläche fortsetzt. Deshalb sollten wir zusehen, dass wir vorsichtshalber Land gewinnen.“

Remodin hatte inzwischen die Zündschnur mithilfe einer Zunderkapsel in Brand gesetzt. Eine kleine Flamme fraß sich in das Innere des Stollens.

Als schließlich eine fette Qualmwolke aus dem Mundloch quoll, wusste Remodin, dass sein Vorhaben geglückt war. Wenig später drang ein dumpfes Grollen aus dem Schlund. Unmittelbar darauf krachte es in etwa fünfzig Metern Entfernung. An der betreffenden Stelle entstand ein großes, dampfendes Loch. Der Stollen war eingestürzt.

 

*

 

Phylgor hatte seinen beiden Gästen ein kleines, aber üppig ausgestattetes und behagliches Besprechungszimmer im Erdgeschoss des Geldhauses unweit des Hinterausgangs überlassen.

Ronhil hatte sein freundlichstes Lächeln aufgesetzt. Er behandelte seinen Gesprächspartner mit ausgesuchter Höflichkeit, obwohl jener mit grimmigem Gesicht sogar abgelehnt hatte, in einem der Sessel Platz zu nehmen.

„Ich habe mich nur Phylgor zuliebe auf diese Besprechung eingelassen, aber Sie stehlen mir meine wertvolle Zeit“, keifte Nardonil.

„Ich verstehe ja, wenn ein bedeutender Mann wie Sie sagt, dass ihn Geld nicht interessiert. Aber vielleicht käme ja auch ein Tausch in Betracht“, startete Ronhil einen letzten Versuch. „Senesia Sida hat viele andere Minen und auch sonstige Besitztümer, die für Sie möglicherweise von Interesse sein könnten.“

Nardonil warf einen hilfesuchenden Blick zur Decke des Zimmers: „Hören Sie, junger Mann: Senesia Sida ist – milde formuliert – eine äußerst gewiefte Kauffrau. Wenn sie unbedingt meine Ilumit-Mine haben will, dann ist diese Mine auf jeden Fall mehr wert als alles, was sie dafür hergeben würde. Wir werden also nicht ins Geschäft kommen. Basta.“

„Dann kann ich meine Utensilien also wieder einpacken“, sagte Ronhil bedauernd und ergriff die Feder, die neben dem Tintenfass auf einem leeren Blatt Pergament lag.

„Ja, das können Sie. Auf Wiedersehen.“ Damit wandte sich Nardonil der Tür zu. So sah er nicht, wie Ronhil ausholte und ihm die Feder ins Genick stach. Der Minenbesitzer wollte sich umdrehen und nach dem silbernen Dolch in seinem Gürtel greifen. Aber das lumburische Pfeilgift hatte bereits zu wirken begonnen.

„Sie haben sich geirrt“, belehrte ihn Ronhil selbstgefällig. „Senesia Sida hätte in diesem Fall ein schlechtes Geschäft gemacht. Sie haben nämlich gar keine Ilumit-Mine mehr.“

Nardonil schaute ihn nun noch verwunderter an, während die Lähmung fortschritt. Langsam kippte er vornüber und polterte laut auf den polierten Holzboden.

In aller Ruhe holte Ronhil aus dem Mahagoni-Schrank hinter dem Schreibtisch die Seile und den Jutesack, in dem üblicherweise Geld transportiert wurde. Nachdem er den Mann aus Lumbur-Seyth gefesselt hatte, ging er zum Hinterausgang des Geldhauses. Er trat auf die Straße und winkte Albophan herbei, der neben Dorquart auf einer gemieteten Kutsche saß. Albophan folgte dem Priester des Wissens in das Gebäude. Gemeinsam stopften sie den gelähmten Nardonil in den Jutesack, trugen ihn zum Hinterausgang hinaus und warfen ihn auf die Kutsche. Dann setzte Dorquart das Gefährt in Bewegung. Holpernd fuhr es auf der gepflasterten Straße in Richtung der nahe gelegenen Berge, der untergehenden Sonne und einer ausgebrannten Ilumit-Mine entgegen.

Als Ronhil sich mit seinen Begleitern der Mine Nardonils näherte, sah er schon von Weitem, dass Remodin ganze Arbeit geleistet hatte. Kleine Feuer erhellten die Szenerie, und die Erde qualmte an etlichen Stellen. Etwa fünfzig Meter vom Eingang des Bergwerks entfernt gähnte ein großes Loch, aus dem Rauch aufstieg und den Himmel verfinsterte.

Albophan und Dorquart zerrten den bewegungsunfähigen Nardonil aus dem Jutesack und stießen ihn von der Kutsche, die inzwischen angehalten hatte. Remodin entzündete einige Fackeln.

„Sie sehen, dass ich recht gehabt habe“, sagte Ronhil in freundlichem Plauderton und fügte mit unverschämtem Grinsen hinzu: „Manchmal haben eben auch junge Männer recht.“

Nardonil hatte keinen Blick für seine zerstörte Mine übrig. Voller Furcht starrte er zu den gefährlich wirkenden Spießgesellen des Priesters. Vergeblich versuchte er, seine Kiefer zu bewegen und etwas zu sagen.

„Wir könnten ihn da drüben an die Wachbude nageln“, schlug Albophan vor.

„Viel zu viel Aufwand“, widersprach Dorquart. „Wir hängen ihn einfach da an dem Baum auf. So sieht man ihn dann auch schon von Weitem.“

Dieser Vorschlag fand breite Zustimmung, wenngleich Albophan noch einen zaghaften Versuch unternahm, die anderen von seiner Idee zu überzeugen.

Nardonil war es nicht vergönnt, noch irgendetwas zu sagen.

„Sie haben sich ja bereits im Ersten Handelshaus von mir verabschiedet“, bemerkte Ronhil mit einem sardonischen Grinsen, während Turquitust dem gelähmten Gefangenen den Strick um den Hals legte. Dann zog er ihn an einem dicken Ast der großen Buche hoch, die nur knapp dreißig Meter vom Eingang der immer noch qualmenden Mine entfernt stand. Aufgrund der Lähmung konnte Nardonil nicht einmal mehr zappeln.

 

*

Die Nachricht von der Ermordung Nardonils und der Zerstörung seines Ilumit-Bergwerks verbreitete sich unter den Geschäftsleuten Surdyriens wie ein Lauffeuer. Trasoph hatte als einer der Ersten davon gehört. Bereits am Nachmittag des nächsten Tages erschien er im „Ersten Handelshaus von Lumbur-Seyth“ und bat Phylgor, ihm ein Gespräch mit dem Mann zu vermitteln, der in Senesia Sidas Namen Minen in Surdyrien aufkaufen wollte. Ronhil hatte dies vorhergesehen und den Leiter des Geldhauses angewiesen, ihn nach dem Eintreffen des Surdyriers umgehend zu verständigen. Phylgor bat Trasoph, Platz zu nehmen und kündigte an, dass er sogleich einen Boten zu dem Priester des Wissens entsenden werde. Der Surdyrier bedankte sich überschwänglich. Erstaunlicherweise schien er bei bester Laune zu sein und wirkte, als ob er ein Spiel gewonnen habe. Phylgor dagegen war mit der skrupellosen Vorgehensweise seiner Dienstherrin und der von ihr ausgewählten Gehilfen bestens vertraut. Wer gegen Senesia Sida spielte, hatte schon verloren, bevor das Spiel begann. Beim Verlassen des Zimmers warf der Leiter des Geldhauses Trasoph einen mitleidigen Blick zu.

Eine Stunde später erschien Ronhil mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen in Begleitung von Iddss und Gokk. Trasoph zeigte sich von der Eskorte des Priesters nicht sonderlich beeindruckt und hatte nichts dagegen einzuwenden, dass Phylgor sich entschuldigte und das Zimmer verließ. Danach eröffnete Trasoph ohne Umschweife selbst das Gespräch, was Ronhil als Zeichen der Ängstlichkeit deutete:

„Nachdem wir hier schon unter uns sind, darf ich doch wohl mutmaßen, dass Sie an dem tragischen Unfall meines lieben Freundes Nardonil nicht ganz unbeteiligt waren?“

Ronhil sah ihn eisig an und schwieg.

„Keine Antwort ist oft ehrlicher als Worte“, dozierte der Surdyrier. „Darf ich auch so vermessen sein und diesen bedauerlichen Vorfall als Nachricht an mich bewerten?“

Ronhil wurde langsam ungeduldig: „Was wollen Sie mir sagen?“

„Dass ich keine Lust habe, schon zu meinen Lebzeiten eines unnatürlichen Todes zu sterben“, fasste Trasoph sein wichtigstes Begehren zusammen.

Ronhil nahm zuerst an, dass dies ein Kapitulationsangebot sein sollte. Angesichts des sarkastischen Tons und des selbstsicheren Auftretens des Kaufmanns kamen ihm dann aber doch erhebliche Zweifel. Trasoph ersparte ihm weitere Überlegungen:

„Ich habe mich deshalb entschlossen, Ihnen ein Geheimnis zu verraten. Die Mine in Groch gehört mir in Wirklichkeit nicht.“ Trasoph kostete die Wirkung dieser Worte genüsslich aus, bevor er noch nachlegte: „Sie gehört dem Kollektiv von Obesien. Ich bin nur ein völlig unbedeutender Strohmann. Aber dennoch: Wenn Sie mich töten, bringt Ihnen das nichts außer Ärger. Das Kollektiv würde Sie jagen bis ans Ende der Welt. Wissen Sie eigentlich überhaupt, wo genau die Mine liegt?“ Er beantwortete die von ihm gestellte Frage sogleich selbst: „Sie liegt in einer nur schwer zugänglichen Region der Berge von Groch in der Nähe der Grenze zu Gatya. Sie ist umgeben vom größten gemeinsamen Militärstützpunkt der Surdyrier und Obesier. Sie kommen da nicht einmal bis auf zwanzig Meilen heran. Also auch Abfackeln und Ähnliches können Sie vergessen.“ Ronhil schluckte und musste sich setzen, um diesen Schlag zu verdauen. Trasoph grinste breit:

„Aber wenn Sie unbedingt noch eine weitere Ilumit-Mine brauchen: Es gibt da ja auch noch die eines Lumburiers.“ Dann erhob sich der surdyrische Kaufmann aus seinem Sessel: „Spräche etwas dagegen, wenn ich mich jetzt verabschieden würde?“

Ronhil machte nur noch eine müde, zustimmende Handbewegung.

Nachdem Trasoph das Zimmer verlassen hatte, überschlugen sich die Gedanken des Priesters. Ein Angriff auf eine von der Äußeren Armee Obesiens bewachte Mine kam nicht in Betracht. Ronhil war klar, dass er schon mit dem Versuch sein eigenes Todesurteil unterschreiben würde. Senesia Sidas Auftrag nicht vollständig auszuführen, schien indes ebenfalls keine Option. Vielleicht würde er nicht sein Leben verlieren, aber seine Stellung und vor allem die zugesagte Belohnung.

Also blieb tatsächlich nur die Mine des Lumburiers, auch wenn das ein ziemlich großes Risiko barg. Berion würde alles andere als begeistert sein. Leider konnte er sich deswegen auch nicht an den Mann wenden, dessen Aufenthaltsort ihm Berion auf einen Zettel geschrieben hatte.

Ronhil sah auf: „Hat einer von euch eine Idee, wie ich mit Ugudag Kontakt aufnehmen könnte?“

„Ich kenne jemanden, der weiß, wo er sich aufhält“, meinte Iddss.

„Ich möchte mit ihm sprechen“, verlangte Ronhil verdrossen.

 

*

 

Ugudag war noch ein ganzes Stück größer als Argx und Gokk. Er stammte aus den nördlichen Urwäldern Lumburias, wo sich die Urbevölkerung des Kontinents am längsten gehalten hatte. Mit seiner fliehenden Stirn, der breiten Nase und dem vorgeschobenen Unterkiefer wirkte er wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Er sprach das nordische Idiom, allerdings in einer seltsam abgehackten Weise und mit einer dröhnenden Stimme.

Ronhil hatte keinerlei Erfahrungen im Umgang mit den Ureinwohnern aus Lumburia. Daher hatte er den Fehler gemacht, zu Ugudag wie zu einem Kind zu sprechen, bis ihn der Lumburier plötzlich anbrüllte:

„Reden Sie nicht mit mir wie mit einem Affen! Glauben Sie vielleicht, ich hätte das Bergwerk von seinem Vorbesitzer geschenkt bekommen, damit ich dort im Sand spielen kann, oder was?“

Daraufhin verfiel Ronhil in das Gegenteil und versuchte, dem Lumburier mit hochtrabenden Berechnungen den Verkauf der Mine schmackhaft zu machen. Einige Zeit bereitete es Ugudag Spaß, diese Berechnungen mit noch komplexeren Argumenten zu widerlegen. Dann hatte er schließlich genug und unterbrach Ronhil mitten im Satz:

„Jetzt reicht’s. Ich verkaufe nicht. Ich gehe.“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, drehte er sich einfach um und verließ das Haus. Ronhil war wie vor den Kopf gestoßen. Eine Zeitlang herrschte Schweigen, dann murmelte Albophan:

„Warum haben wir den Kerl nicht einfach erledigt?“

„Weil wir dadurch die Mine auch nicht bekommen hätten“, erklärte Ronhil missgelaunt. „Es bleibt nur die Möglichkeit, seine Mine zu zerstören.“

„Das wird aber schwieriger als bei Nardonil“, prophezeite Iddss. „Ich kenne das Bergwerk des Lumburiers. Es hat mehrere Schächte und Ausgänge.“

„Dann geht das nicht mit Arandi, weil sich die Hitze zu schnell verflüchtigt“, stimmte Remodin zu.

„Vielleicht gibt es trotzdem eine Möglichkeit“, meinte Iddss und wandte sich an Ronhil: „Ich habe ein paar Jahre in Senesia Sidas größter Mine in Albiros gearbeitet. Dieser Anlage ist ein geheimes Labor der Priester des Wissens angegliedert, wo unter anderem Experimente mit Waffen gemacht werden. Als ich wegging, hatten sie gerade damit angefangen, eine Flüssigkeit zu entwickeln, die man unter geeigneten Bedingungen zur Explosion bringen kann. Als Oberaufseher der Bergwerke Senesia Sidas und Leiter der Schutztruppe müssten Sie mit dem Ernennungsschreiben in der Lage sein, sich über den Stand dieser Forschungen zu informieren. Vielleicht gibt man Ihnen sogar etwas von dem Stoff, wenn er schon weit genug entwickelt ist.“

 

*

 

Als Ronhil in Albiros sein Ernennungsschreiben vorlegte, wurde ihm bereitwillig Zutritt zu der Forschungsstation gewährt. Die Priester hatten tatsächlich bereits eine Flüssigkeit entwickelt, bei der schon ein Funke genügte, um eine explosionsartige Verpuffung auszulösen. Allerdings bestand noch das Problem, dass sie sich in der Luft verflüchtigte und sodann im gasförmigen Zustand leicht entzündlich war. Iddss hatte die Idee, die Flüssigkeit in einem geschlossenen Behältnis zu verwahren und dieses mit einem Öffnungsmechanismus zu versehen, sodass das Gas in der Mine freigesetzt und mithilfe einer Zunderkapsel zur Detonation gebracht werden könnte.

Ronhil reiste zurück nach Lauros. Iddss blieb noch vier Tage in Albiros und baute während dieser Zeit gemeinsam mit den Priestern des Wissens einen Behälter, in dem die explosive Flüssigkeit, die sie „Pordoll“ nannten, aufbewahrt und transportiert werden konnte. Sie formten einen Zylinder aus Blech, in den das Pordoll mit Hilfe eines Rohrs durch eine runde Öffnung eingefüllt wurde. Die Öffnung wurde anschließend mit einem konischen Stopfen aus Lohar-Harz, dem getrockneten Extrakt der Lohar-Wurzel, verschlossen. Mit dem gefüllten Zylinder kehrte Iddss nach Lauros zurück und begab sich dort zu dem unscheinbaren Anwesen, das Ronhil in einer der trostlosen Backsteinsiedlungen in einem Vorort angemietet hatte.

Gleich nach seiner Ankunft bat der Mivv den Priester um den Kellerschlüssel und deponierte den Zylinder in einem fensterlosen Raum des stockdunklen Kellers. Ronhil schickte Gokk los, um alle Mitglieder der Truppe zu der fälligen Besprechung des weiteren Vorgehens zusammenzurufen.

Nachdem endlich alle eingetroffen waren, erläuterte Iddss die Funktionsweise des Pordoll-Zylinders. Wie er bereits vorausgesehen hatte, wollte Remodin, der den Einsatz in der Mine des Lumburiers leiten sollte, den Sprengsatz unbedingt sehen.

Neben dem oberen Absatz der Kellertreppe befand sich eine mit einem Riegel gesicherte Außentür, die zu einem kleinen, rückwärtigen Innenhof führte. Dort hing auch eine Halterung, in der mehrere Fackeln steckten. Da der Treppenabgang stockfinster war, nahm Iddss eine der Fackeln aus der Halterung und entzündete sie. Dann blieb er am oberen Treppenabsatz stehen und leuchtete die Treppe aus, bis alle Mitglieder der Gruppe die Kellertür durchschritten hatten. Mit einer flinken Bewegung entriegelte er lautlos die Außentür zum Innenhof, bevor er seinen Kumpanen folgte.

Am Fuß der Treppe mussten alle vor der Tür des Raumes warten, in dem der Zylinder deponiert war. Iddss, der als Letzter eintraf, verwahrte immer noch den Schlüssel in der Tasche.

Nach der Entriegelung des Schlosses begaben sich alle in den fensterlosen Raum, in dem sich außer einem Holzregal und einem krude zusammengezimmerten Tisch keine Einrichtungsgegenstände befanden. Der Zylinder lag auf dem Tisch und schimmerte unheilvoll im flackernden Fackellicht. Langsam und mit dem nötigen Respekt näherten sich die anderen Mitglieder der Bande; nur Remodin stieß einen schrillen Pfiff aus und eilte neugierig mit schnellen Schritten zu dem Behältnis.

„Nicht anfassen!“, schnitten Iddss Worte durch die Stille. Remodin blieb wie angenagelt stehen.

„Der Inhalt dieses Behälters ist extrem gefährlich. Man muss genau wissen, wie man damit umzugehen hat“, erklärte Iddss. Dann trat er zu dem Zylinder und rollte ihn ganz vorsichtig auf die Seite, bis der Stopfen für alle sichtbar wurde.

„Das ist ein Stopfen aus Lohar-Harz“, begann Iddss seine Erläuterungen. „Er darf auf keinen Fall geöffnet werden, bevor …“ In diesem Augenblick erlosch die Fackel. Iddss begann laut zu fluchen und warf die ausgebrannte Fackel zornig in eine Ecke.

„Ich hole eine Neue“, sagte Ronhil, der sich in der Dunkelheit seines Kellers am besten von allen zurechtfand. In der absoluten Schwärze dieses Untergeschosses konnte man nicht einmal die eigene Hand vor den Augen sehen.

Aber auch Iddss hatte sich den Weg genau eingeprägt. Als Ronhil den Raum verließ, huschte er hinter diesem her. Dabei schob er leise die Kellertür zu und verschloss sie von außen mit dem Schlüssel, den er immer noch in der Tasche hatte. Unterdessen tastete sich Ronhil langsam die Treppe hoch. Als er durch die Tür am Ende des Treppenabsatzes trat, wurde er unvermittelt von zwei Armen umklammert, die so dick wie Baumstämme zu sein schienen.

„Los jetzt“, zischte Iddss, während der riesige Kerl Ronhil wie eine Puppe unter den Arm geklemmt hatte. Er rannte mit ihm zur vorderen Eingangstür und trat so heftig dagegen, dass das Holz zersplitterte. Der zweite Tritt riss die Tür aus den Angeln. Während sie zu Boden krachte, sprangen Iddss und sein Begleiter, den Ronhil nicht sehen konnte, zu einer auf der Straße bereitstehenden Kutsche. Nachdem sie hineingeklettert waren, ließ der Kutscher die Pferde antraben.

„Was soll das?“, schrie der Priester des Wissens.

„Ich habe den Stopfen des Pordoll-Zylinders gelockert“, entgegnete Iddss ruhig. „Und ich befürchte, dass dieser Idiot Remodin versuchen wird, mit einer Zunderkapsel Licht zu machen.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte wurde in der nächsten Sekunde das von Ronhil angemietete Haus durch eine gigantische, donnernde Explosion in Fetzen gerissen. Einen Moment lang stand ein Feuerpilz über der Stelle, wo sich kurz darauf nur noch ein tiefer Krater befand. Trümmerteile flogen durch die Luft, und die Druckwelle war bis zu der Kutsche zu spüren. Da wurde Ronhil klar, dass Iddss ihn hintergangen hatte.

„Wer bist du?“, fragte er mit einer Stimme, die gleichermaßen vor Zorn und Angst zitterte.

„Berion hatte verboten, Ugudag und seine Mine anzutasten“, erwiderte Iddss. „Er hatte dir einen Zettel gegeben. Wenn du den Anweisungen darauf gefolgt wärst, hätte er dich zu mir geführt. Du hättest dich an mich wenden sollen, anstatt dich gegen Berion zu stellen.“

Die gewaltigen Arme setzten Ronhil auf der gegenüberliegenden Bank der Kutsche ab. Nun konnte er auch seinen zweiten Entführer sehen. Er hatte es ohnehin bereits geahnt.

„Was habt ihr mit mir vor?“, fragte der Priester, dem ein schrecklicher Verdacht gekommen war.

Iddss holte unter der Sitzbank der Kutsche ein würfelförmiges Transportpaket hervor, wie es für den Gütertransport in Surdyrien und Lumbur-Seyth üblicherweise benutzt wurde.

„Wir werden Senesia Sida eine Nachricht zukommen lassen“, erklärte er. Als er das Paket öffnete, konnte Ronhil sehen, dass es innen mit dünnem Blech ausgekleidet war.

Eigentlich wollte er fragen, worum es bei dieser Nachricht ging. Aber diese Frage hatte sich durch die monströse Machete mit der breiten Klinge in der Hand des Lumburiers erübrigt.

Mit seiner linken Pranke riss Ugudag Ronhil an den Haaren in die Höhe, während bereits die Machete zischend durch die Luft sauste. Bevor der Priester des Wissens einen Schmerz spüren konnte, war sein Lebenslicht schon verloschen. Ugudag warf den abgehackten Kopf Ronhils mit elegantem Schwung in das Transportpaket und beförderte gleichzeitig mit einem kräftigen Fußtritt den Rumpf aus dem von Iddss geöffneten Wagenschlag in hohem Bogen auf die Straße. Unterdessen rollte die Kutsche unentwegt weiter.

 

*

 

Wer ein Phantom sucht, darf vor nichts zurückschrecken“, dachte Saradur und sah sich leicht amüsiert in der Kaschemme um. Den meisten anderen Menschen wäre hier angst und bange geworden. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass sich in dieser Spelunke der übelste Abschaum von ganz Lumbur-Seyth versammelt hatte. Saradur wusste indes, dass es weit Schlimmeres gab.

Das Verhalten des pockennarbigen Wirts hatte zuletzt deutlich an Aggressivität zugenommen. „Die Leute hier mögen keine Fremden“, hatte er dem Ordenssprecher zugeraunt, während er den zweiten Krug schon deutlich heftiger vor ihm auf die Theke knallte als den ersten. Dies bewog Saradur, nun unmittelbar zur Sache zu kommen. Mit seinem freundlichsten Lächeln, zu dem er fähig war, sagte er leise zu dem Wirt: „Ich suche Baron Schaddoch.“ Der Wirt brach in ein wieherndes Gelächter aus, das jedoch abrupt endete, als einige der Gäste dem Geschehen an der Theke ihre Aufmerksamkeit zuwandten.

„Ich bin der Ordenssprecher der Priester des Wissens“, gab sich Saradur zu erkennen, da er nicht gewagt hatte, in seinem Ornat diese Kneipe zu betreten. Flüsternd setzte er hinzu: „Es geht um das größte Geschäft aller Zeiten.“ Der Wirt überlegte kurz, dann zischte er: „Warten Sie draußen.“

Saradur zahlte und verließ die Schänke, von der er wusste, dass sie zum Imperium des Königs der Unterwelt gehörte. Ein ungemütlicher Nieselregen empfing ihn auf der Straße. Der Ordenssprecher musste zehn Minuten warten und war bereits triefnass, bis endlich ein großgewachsener, hagerer Mann mit grauem Stoppelbart zu ihm trat.

„Was wollen Sie?“, fragte der Mann.

„Ich habe Baron Schaddoch ein Geschäft vorzuschlagen, das größer ist als alles, was er bisher gemacht hat“, erklärte Saradur unbescheiden. „Aber dazu muss ich mit ihm selbst reden.“

„Falls sich Ihre Worte nicht als wahr erweisen sollten, sind Sie ein toter Mann“, stellte der Fremde klar. „Baron Schaddoch empfängt niemanden. Ohne Ausnahme. Aber ich kann Sie zu seinem Sekretär bringen. Wollen Sie das riskieren?“

„Deswegen bin ich hier“, entgegnete Saradur standhaft. Insgeheim gestand er sich ein, dass er in Wahrheit keinen gesteigerten Wert darauf legte, persönlich mit dem Mann zusammenzutreffen, der seine eigene Familie ermordet hatte. Selbst für die rabiaten Obesier hatten mehrere Versuche, ihn zu fassen, jedes Mal in einem fürchterlichen Blutbad geendet. Sogar Mitglieder der Äußeren Armee und der Geheimen Schar waren bei derartigen Aktionen von dem Verbrecherkönig und seinen Galgenvögeln niedergemetzelt worden. Andererseits schien er deshalb aber auch der Einzige, der Saradur das beschaffen konnte, was er unbedingt haben wollte. Aber eine Begegnung mit dem „Sekretär“ dieses Schlächters würde dafür auch völlig ausreichen.

Der Mann mit dem Stoppelbart führte Saradur durch einige Straßen im Zentrum von Lumbur-Seyth. Nach einigen Minuten schlossen sich ihnen wortlos zwei große, stämmige Surdyrier in Lederkleidung an, die den Sprecher an die Einheitskleidung der Geheimen Schar erinnerte. Als sie auf einem kleinen Platz angelangt waren, schoben sie Saradur in eine bereitstehende Kutsche. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Ehe der Priester sich versah, stürzten sich die beiden Männer in den Lederkombinationen auf ihn und hielten seine Arme fest, während der Stoppelbärtige ihn nach Waffen durchsuchte. Dann stülpten sie ihm einen kleinen Sack über den Kopf.

„Reine Vorsichtsmaßnahme“, erklärte der Stoppelbärtige lakonisch.

 

Etwa eine Stunde später hielt die Kutsche an. Die Männer befreiten Saradurs Kopf von dem Sack. Zwischenzeitlich hatte der Nieselregen aufgehört, und die Sonne hatte den Himmel über Lumbur-Seyth zurückerobert. Nun konnte der Ordenssprecher erkennen, dass sie sich südlich der Stadt am Ostufer des Lumbur befanden. Im seichten Wasser eines fast stehenden Seitenarms hatte eine kleine Galeere festgemacht. Die Männer führten Saradur an Bord des Schiffes, wo er von einem großen, muskulösen Mann mit einem von Narben übersäten Gesicht erwartet wurde.

Der Mann, der Saradur empfing, war gekleidet, wie man es von einem Räuberhauptmann erwartete. Er trug hohe Lederstiefel, eine fleckige Lederhose, ein Hemd aus grobem Leinen und einen zerbeulten, spitzen Lederhut mit einer breiten, zerfledderten Krempe. In seinem Gürtel steckten ein Schwert und ein großer, gebogener Dolch.

„Mein Name ist Shrogotekh. Man nennt mich auch den „Blutwolf“. Ich bin der Sekretär des Barons“, begrüßte er Saradur. Der Sprecher bemühte sich krampfhaft, bei dem Wort „Sekretär“ einen Heiterkeitsausbruch zu unterdrücken. Dass der Kerl nicht schreiben konnte, stand für ihn außer Frage. Wahrscheinlich war er nicht einmal in der Lage, eine Feder zu halten, ohne sie zu zerbrechen.

Shrogotekh gab den drei Männern, die den Ordenssprecher hergebracht hatten, einen Wink, woraufhin diese sich zurückzogen. Nun bemerkte Saradur auch, dass auf einem Stuhl neben der Reling zusammengekauert ein zweiter Mann saß. Dieser war noch relativ jung und hatte ein ausgesprochen hübsches Gesicht, umrahmt von dunklen Haarwellen. Im Gegensatz zu Shrogotekh war er offensichtlich unbewaffnet und trug Seidenkleidung, deren rosa und weiße Farben den Priester jedoch sofort an ein Bordell erinnerten. Der Mann stand nicht einmal auf und wirkte irgendwie völlig verängstigt.

Shrogotekh, der Saradurs Blick bemerkt hatte, lieferte auch gleich die Erklärung: „Das da ist mein Spielzeug. Jeder Mann braucht gelegentlich etwas Zeitvertreib. Er kann ruhig hierbleiben, wenn wir uns unterhalten.“ Und dann fügte er mit einem bösartigen Grinsen hinzu: „Der ist nämlich stumm wie ein Fisch. Aber die wirklich wichtigen Sachen kann er mit dem Mund noch machen.“ Dann wandte sich der „Sekretär“ dem jungen Mann zu und fuhr ihn an: „Stimmt’s?“ Der Angesprochene schien unter dem Blick Shrogotekhs noch mehr zusammenzuschrumpfen, nickte aber schnell, ebenso beflissen wie eingeschüchtert. Saradur runzelte die Stirn. Selbst der hartgesottene Ordenssprecher bedauerte das armselige Geschöpf für einen kurzen Augenblick.

„Was ist das für ein Geschäft, von dem Sie da geprahlt haben?“, wollte Shrogotekh wissen. Die Antwort des Priesters überraschte dann aber selbst ihn, der einiges gewohnt war:

„Beschaffen Sie mir drei Ilumit-Minen. Gleichgültig wo. Sagen Sie nicht, dass Sie das nicht können. Was ist der Preis?“

Shrogotekh überlegte. Dann nannte er einen für Saradur völlig unerwarteten Preis: „Sechstausend Schnelllader. Zweitausend für jede Mine. Geld interessiert mich nicht.“

„Sind Sie völlig verrückt?“, entfuhr es Saradur. „Wo soll ich denn Waffen hernehmen?“

„Ist mir gleichgültig. Das ist jedenfalls der Preis“, bestimmte Shrogotekh. „Ich wäre aber bereit, Ihnen noch ein wenig entgegen zu kommen: Einhundert Schnelllader sofort, die nächsten eintausendneunhundert, wenn ich Ihnen die erste Mine übergebe. Und bei Übergabe der nächsten Minen jeweils zweitausend.“

„Nicht einmal das obesische Heer hat Schnelllader“, wandte Saradur ein.

„Gerade deswegen will ich sie ja“, grinste der Räuberhauptmann.

„Wollen Sie eine Armee aufstellen, oder was?“, erkundigte sich der Ordenssprecher.

„Wozu brauchen Sie so viel Ilumit?“, stellte Shrogotekh gezielt die für Saradur peinliche Gegenfrage.

„Also gut“, erklärte sich der Sprecher schließlich einverstanden. „Die Priester des Wissens verfügen natürlich nicht über ein Waffenarsenal. Aber ich werde Ihnen die einhundert Schnelllader beschaffen und dafür sorgen, dass eine Manufaktur aufgebaut wird.“

„Dann sind wir uns einig“, bestätigte Shrogotekh und schlug dem Ordenssprecher fröhlich auf den Rücken, dass dieser drei Schritte vorwärts torkelte. „Sobald die ersten hundert Schnelllader hier sind, werden wir loslegen.“

Als Saradur das Schiff verließ, sah ihm Shrogotekh mit zusammengekniffenen Augen nach. „Was hältst du davon?“, fragte er seinen „Zeitvertreib“.

Der junge Mann lächelte: „Ich hab’s ja geahnt. Der Kerl ist ein Lügner. Selbstverständlich haben die Priester ein Waffenlager, für alle Fälle sozusagen. Aber natürlich keine sechstausend. Das war ziemlich unverschämt von dir. Aber ich denke, dass sie ein paar Hundert haben.“

„Soll ich Wurluwux darauf ansetzen?“, fragte Shrogotekh.

Der junge Mann schüttelte den Kopf: „Nein. Die hundert reichen erst mal. Lass‘ ihn die Manufaktur aufbauen. Ich will alle sechstausend. Und vor allem will ich, dass die verfluchten Obesier auch in Zukunft keinen einzigen Schnelllader bekommen. Sorge deshalb dafür, dass wir wissen, wo die Priester die Waffen herstellen und lagern.“

„Ist schon erledigt“, bestätigte Shrogotekh, wobei sich sein narbenentstelltes Gesicht beim Lächeln zu einer Furcht einflößenden Fratze verzog. „Ich habe dafür gesorgt, dass Kamgadroch ihm auf den Fersen bleibt.“

Der junge Mann stand auf und klopfte Shrogotekh freundschaftlich auf die Schulter: „Auf dich ist einfach Verlass, Herr Sekretär.“

Wenig später legte die Galeere ab und fuhr auf den Lumbur hinaus. Das Phantom war wieder verschwunden.





Kapitel 13 - Die Verschwörung der Unsterblichen


Fast zwei Monate benötigten Baradia und Unitor mit ihrer kleinen Gruppe, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Sie waren unbehelligt bis zum Oberlauf des Tephral und an diesem entlang nach Borthul gelangt. Danach hatten sie den Bauernstaat auf einer kleinen Handelsstraße durchquert, die nach Xotos in Süd-Obesien führte. Ehe sie jedoch die obesische Grenze erreichten, verließen sie die Straße und schlugen auf einem unbefestigten Pfad den Weg nach Oot ein. Anschließend ritten sie unter Umgehung des Südlichen Steppengürtels durch das unbesiedelte Buschland nördlich der Tasche von Derkh, einer Landmasse, die sich wie eine breite Halbinsel als südöstlicher Zipfel von Oot an der Nahtstelle des südlichen und des östlichen Ozeans ins Südmeer schob. Nachdem sie endlich die Ostküste erreicht hatten, folgten sie dieser in nördlicher Richtung. Nun standen ihnen nur noch wenige Tagesritte bevor.

An der Küste gab es einige kleinere, überwiegend von Siedlern aus Lokhrit erbaute Orte. Gegen Norden nahm die Dichte der Besiedelung etwas zu. Dies mochte damit zusammenhängen, dass das Meer im Norden von Oot ruhiger war, während es im Süden häufig durch Stürme aufgewühlt wurde und dann auch in gewaltigen Wellen die Strände überspülte. So hatten sich im Süden im Laufe der Jahrtausende breite Sandstrände und Dünen gebildet, während im Norden des Landes das Bild in Küstennähe überwiegend von schroffen, rötlichen Felsformationen geprägt wurde.

Als Unitor einige Tage später sein Pferd zwischen Baradia und Conumun am Rand des Regenwaldes auf einem Felsrücken anhielt, öffnete sich zu seinen Füßen unversehens eine weitläufige Bucht. Hinter dem Scheitelpunkt des breiten Sandstrands lag eine kleine Ansiedlung, die überwiegend aus winkelförmigen Gebäuden mit rechteckigen Türmen an den Enden der längeren Seiten bestand. Bunt gestaltete Gartenflächen zwischen den Gebäuden verliehen der kleinen Siedlung eine heitere Schönheit. Ausgedehnte Felder und Plantagen erstreckten sich bis zu der Felswand, auf deren Abbruchkante sich die kleine Gruppe nun befand. Aus dem südwestlichen Randbereich der Anlage ragte das überaus auffällige Hauptgebäude empor. Es bestand aus mehreren quadratischen, aneinander gebauten Türmen, die zur Mitte hin immer höher wurden.

Vom Felsrücken führte ein schmaler Weg zum Sandstrand hinab. Baradia zeigte auf die idyllisch gelegene Anlage: „Wie gefällt euch das Paradies der Küste?“ fragte sie Unitor und Conumun. Letzterer schien überwältigt und sprachlos.

„Es sieht sehr schön aus“, antwortete Unitor höflich. Dabei dachte er, dass ihn der Quaralpalast wesentlich mehr beeindruckt hatte. Aber eigentlich war beides nicht zu vergleichen. Neben den liebevoll angelegten Wegen blühten zahlreiche bunte Blumen. In den üppig grünen Vorgärten standen viele Sträucher, die zum Teil große Blüten oder Früchte in Rot, Gelb und Weiß, vereinzelt sogar in Tiefschwarz trugen.

Unitor sah nur vereinzelt Priester des Wissens, dafür aber viele Mivv- und Shondo-Kinder. Die kleineren tollten lärmend herum, während die größeren mit allen Arten von Garten- und Pflegearbeiten befasst waren. Baradia hielt auf das Haupthaus mit den quadratischen Türmen zu. Links davon befand sich ein großer Steinbogen, hinter dem Unitor die Stallungen erkannte. Dort stiegen sie von ihren Pferden ab und übergaben sie einigen herbeigeeilten Mivv. Dann führte Baradia Unitor, Conumun und Chrinodilh zum Portal des großen Gebäudes, wo ein dreieckiger Vries mit einer Inschrift auf zwei zierlichen, hohen Säulen prangte. Die Zeichen vermochte Unitor weder zu lesen noch zu deuten. Oberhalb des Vrieses war in Form eines Reliefs ein Symbol angebracht, das der Eisgraf sofort wiedererkannte: ein Würfel, der von einem Kreis umschlossen wurde.

Im Inneren des Gebäudes herrschte eine angenehme Kühle. Unitor führte dies auf die dunklen Steinmauern und die außergewöhnlich dicke Verglasung der schmalen, hohen Fenster zurück, die im oberen Bereich in Spitzbögen ausliefen. Dennoch reichte das Licht aus, um die überall aufgehängten Gemälde angemessen zur Geltung zu bringen. Die Bilder zeigten vorwiegend tropische Pflanzen und Vögel, jedoch gab es auch eine Serie mit einfachen geometrischen Körpern in unterschiedlichen Farbkompositionen. Baradia geleitete ihre Gäste zu einem großen Speisesaal, wo nur wenige Priester des Wissens verstreut in kleinen Gruppen saßen. Unitor fiel auf, dass die meisten von ihnen schon ein hohes Alter erreicht hatten. Baradia schien seine Gedanken erraten zu haben.

„In dieser Anlage werden kaum noch Forschungen betrieben“, erklärte sie. „Es ist ein Refugium für Alte und Kinder.“ Unitor fragte sich unwillkürlich, wieso sich Baradia an einem solchen Ort aufhielt. Aber er hatte nicht den Mut, ihr diese Frage zu stellen. Auch Conumun fragte nicht; er wusste es.

 

*

 

Da Obesien kein freundliches Reiseland war, hatten auch Uggx und Zidis einen ähnlichen Anreiseweg nach Oot gewählt wie Baradia und ihre Gruppe. Zunächst setzten sie im äußersten Süden Surdyriens über den Grenzfluss Dyra nach Sindra über und ritten dann durch die Ebene von Pleeth nach Borthul. Anschließend folgten sie dem Tephral bis zur Hauptstadt Lodumon, wo es mehrere Brücken gab. Nachdem sie Borthul durchquert hatten, ritten sie geradewegs zum Südlichen Gürtel.

Nach einer längeren Zeit der Trockenheit war das leuchtende Gelb des Steppengrases einem fahlen Braun gewichen. Die ehemals kräftigen Halme hingen eingeknickt und ausgezehrt herab und boten ein trostloses Bild. An den vereinzelten Dornensträuchern hatten sich die wenigen, noch nicht abgefallenen Blätter eingerollt, wodurch das drohende Gewirr der stacheligen Äste enthüllt wurde.

Uggx und Zidis waren noch keine zwanzig Meilen in die Steppe vorgedrungen, als sie in der Ferne eine Reiterhorde ausmachten, die im Vordergrund einer großen Staubwolke schnell näherkam.

Den Shondo mit seinem großen Rappen konnte man hier in der Steppe kaum übersehen. Dies bedeutete aber auch gleichzeitig ein Todesurteil, da die Mivv das Eindringen von Dschungelmenschen in ihre heilige Steppe nicht duldeten. Zidis hielt sein Pferd an und bedeutete Uggx, es ihm gleichzutun.

„Steig ab“, zischte er und sprang dabei auch selbst von seinem Pferd. „Setz‘ dich.“

Folgsam vertraute der Shondo seinem Gefährten und setzte sich ins Gras, sodass der Mivv ihn nun geringfügig überragte.

Die Horde der mindestens vierzig Reiter kam mit unverminderter Geschwindigkeit herangeprescht. Nur wenige Meter vor Zidis und Uggx brachten die Mivv ihre Pferde zum Stehen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich die von ihnen aufgewirbelte Staubwolke verzogen hatte und die Gesichter der Reiter zu erkennen waren. Der Vorderste von ihnen hatte ein gelbes Tuch um den kahlen Schädel gewunden, was ihn als den Anführer der Horde auswies. Er ergriff auch sogleich das Wort:

„Du wagst es, einen Unreinen in die heilige Steppe zu bringen. Das ist das größte aller Verbrechen. Wir werden dir und dem Schwarzen die Haut abziehen.“

Zidis zeigte sich völlig unbeeindruckt: „Du wirst mir sofort deinen Scimitar geben.“

Einige der Reiter begannen, meckernd zu lachen, während sich das Gesicht des Anführers vor Zorn verzerrte. Aber bevor er noch etwas entgegnen konnte, schrie Zidis:

„Du wagst es, dich deinem König zu widersetzen? Ich bin der Mipf der Steppe!“

Das meckernde Lachen verstummte, aber der Anführer war augenscheinlich nicht bereit, nachzugeben. Er sprang von seinem Pferd ab und verharrte einen Augenblick, in dem er Zidis genau musterte. Dann ging er drohend auf ihn zu. Dabei zog er seinen Krummsäbel und ließ ihn in einer schnellen, fließenden Bewegung zweimal durch die Luft sausen.

 „Du kannst nicht der Mipf der Steppe sein“, behauptete er. „Der ist seit vielen Jahrzehnten verschwunden und lebt längst nicht mehr. Du bist ein Betrüger. Ich werde mir deinen Scimitar holen, bevor ich dir eigenhändig die Haut abziehe.“

„Du wirst mir deinen Scimitar geben“, kreischte Zidis erneut. „Ich bin der Mipf der Steppe.“

Zum Beweis hob er seinen rechten Arm hoch und schob den Ärmel seines Leinenhemds zurück. Zum Vorschein kam eine strahlend gelbe Tätowierung, die ein Büschel Steppengras darstellte und aus sich selbst heraus intensiv leuchtete. Dann zeigte er auf Uggx: „Und das ist mein Freund, der Schnorst von Oot.“

Zidis gab Uggx das Zeichen, sich zu erheben. Uggx stand auf, entblößte ebenfalls seinen rechten Unterarm und reckte ihn hoch. Nun konnten die Mivv die leuchtend rote Orchidee erkennen. Ein Gemurmel hob unter den Reitern an. Sie drängten ihre Pferde einige Schritte zurück.

Da wusste der Anführer, dass er verloren hatte. Zögernd, wie in Trance, hielt er Zidis seinen Krummsäbel hin. Der ergriff ihn mit einer raschen Bewegung, holte blitzschnell aus und durchtrennte seinem Widersacher den halben Hals. Der Kopf des Mannes kippte auf die Seite und baumelte vor der Brust, bevor sein Körper zu Boden fiel.

„Er hat sich dem Mipf der Steppe widersetzt“, erklärte Zidis in feierlichem Ton. „Er hätte mir seinen Scimitar gleich bei der ersten Aufforderung übergeben müssen.“ Dann zog er dem Toten das gelbe Tuch vom halb abgeschnittenen Kopf und wickelte es sich selbst um den kahlen Schädel. Anschließend verkündete er:

„Ich werde Gnade walten lassen. Ihr dürft ihn in der durch das Blut unserer Vorfahren geweihten Erde der heiligen Steppe begraben. Danach werdet ihr uns begleiten, bis wir unser Ziel erreicht haben.“

 

*

 

Baradia fühlte sich aufgewühlt wie das Südliche Meer bei einem der schrecklichen Schwarzen Stürme. Ein Bote hatte ihr den bevorstehenden Besuch Berions angekündigt, des Mannes, mit dem sie vor einhundertundfünfzig Jahren aus Sylabit geflohen war und mit dem sie gemeinsam den Kampf gegen die Sterblichkeit ihrer Körper gewonnen hatte. Aber schon dabei war Betrug im Spiel gewesen. Das würde sie ihm niemals verzeihen.

Lange Zeit hatte sie die Tatsache übersehen, dass Berion kaum alterte. Als sie ihm erstmals von ihren Erfolg versprechenden Versuchen mit der Roten Mondorchidee berichtete, zählte er fast achtzig Jahre, sah aber immer noch aus wie dreißig Jahre zuvor. Er hatte ihr gegenüber nie erwähnt, dass Ilumit bei den Priestern des Wissens zwar nicht den Tod verhindern konnte, aber die Alterung verzögerte. Hätte er ihr dies offenbart, würde sie jetzt zehn Jahre jünger aussehen und wäre sicherlich auch weit begehrenswerter als diese verhasste Spinne von Lumbur-Seyth.

Baradia hatte schließlich nachgewiesen, dass die durch den Grünen Kristall gebrochenen Sonnenstrahlen eine Veränderung der Orchideen bewirkten, insbesondere das Verwelken verhinderten. Aus dieser Entdeckung zog sie die richtigen Schlüsse. Bei ihren weiteren Versuchen fand sie heraus, dass der Saft der vom Kristall beeinflussten Pflanzen bei manchen Tieren die Sterblichkeit außer Kraft setzte, nicht aber beim Menschen. Sie besprach das mit Berion, der sofort die Idee hatte, den Extrakt mit Ilumit anzureichern. Das schuf den Durchbruch. Der Odem des Lebens war entdeckt. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt hatte Berion kein Wort über die von ihm längst entdeckte Wirkung des Ilumit verloren. Baradia fand dies erst viel später allein heraus.

Da die Orchideen während ihrer Wachstumsphase dem Grünen Kristall sehr nahe sein mussten, konnte stets nur eine sehr begrenzte Menge des Extrakts erzeugt werden. Berion hatte deshalb auch sofort die Entscheidungsgewalt über die Verteilung an sich gerissen. Und auch dabei kam immer wieder Betrug ins Spiel. So hatte beispielsweise der Mann sterben müssen, der zum Zeitpunkt der Entdeckung des Extrakts die Stellung als Höchster Priester des Ordens bekleidete. Berion hatte ihn überredet, ihm das Amt abzutreten. Als Gegenleistung sicherte er ihm die Versorgung mit dem Odem des Lebens zu. Nach der Übergabe des höchsten Amtes war der alte Priester bedeutungslos für seinen Nachfolger geworden. Als Berion zwei für ihn wichtigere Personen mit dem Odem des Lebens versorgen musste, Personen, die ihm die Sicherheit seines Aufenthalts in Oot gewährleisteten, endete die Unsterblichkeit des vormaligen Ordensoberhaupts. An seiner Stelle gab es nun einen unsterblichen Schnorst von Oot und einen unsterblichen Mipf der Steppe.

Dann lernte Berion bei seinen Reisen eine Frau in Gatya kennen, die sein Leben veränderte. Er kehrte dem Monasterium von Oot den Rücken. Als Baradia erfuhr, dass er mit dieser Frau eine Tochter hatte, geriet sie außer sich. Die Frau wurde vergiftet. Durch einen klugen Schachzug gelang es Berion aber, das Leben seiner zweiten Tochter zu schützen. Baradia hatte jedoch nie die Hoffnung aufgegeben, eines Tages die Verhältnisse ändern zu können, die sie gegenwärtig im eigenen Interesse noch hinnehmen musste.

Gerade wenn man ewig leben will, muss man seinem Leben einen Inhalt geben. Baradia glaubte, sich für den Weg der Liebe entschieden zu haben. Aber da sie die Tochter ihres Vaters war, handelte es sich um einen mit Leichen gepflasterten Weg. Anfänglich hatte sie das nachdenklich gestimmt. Aber dann entschied sie, dass es für Sterbliche letztlich gleichgültig sein müsste, ob deren ohnehin kurze Lebensspanne ein paar Jahre früher oder später endete.

Berion hatte unter dem Einfluss seiner zweiten Frau einen anderen Weg gewählt. Offenbar glaubte er, für das Gleichgewicht auf dem gesamten Kontinent verantwortlich sein zu müssen. Baradia hatte diesen Anspruch anfänglich überhaupt nicht verstanden. Wozu sollte es gut sein, in die Geschicke anderer Menschen oder sogar ganzer Völker einzugreifen? Aber dann hatte sie es schließlich doch erfasst: Hinter diesem ganzen Aufwand stand das Bestreben, SEINEM Leben einen Sinn zu geben. Und das von ihm gewählte Ziel war so gut wie jedes andere. Berion sah dies aus einem völlig anderen Blickwinkel. Er glaubte, dass der Erhalt des Gleichgewichts Voraussetzung auch für das eigene Überleben sei. Unterschiedliche Auffassungen über Wege und Ziele wären eigentlich belanglos gewesen, wenn es nicht gleichzeitig um Hass und um die Verteilung des sehr begrenzten Extrakts gegangen wäre. Berion benötigte den Löwenanteil zur Gewinnung wichtiger Personen, die für den Erhalt seiner Macht und des Gleichgewichts bedeutsam schienen. Nach seiner Sichtweise brauchte Baradia eigentlich nur die für ihr eigenes Überleben erforderliche Menge, da sie kein für ihn nachvollziehbares Ziel verfolgte. Schließlich war es ihr nach langwierigen Diskussionen wenigstens gelungen, ihm die Menge für eine weitere Person abzutrotzen: ihren jeweiligen Liebhaber.

Wenn Berion sie aufsuchte, konnte es eigentlich nur wieder um diesen ewigen Verteilungskampf gehen, es sei denn, er hatte von ihrer neuesten Errungenschaft erfahren, die sie aus Porigunom mitgebracht hatte. Und das wäre noch weitaus schlimmer! Wenn die Versuche nämlich bestätigen würden, was sie sich erhoffte, erwies sich die Entdeckung der beiden jungen Priester des Wissens als fast ebenso bedeutsam wie der Odem des Lebens.

Nun nahm ein Entschluss Gestalt an, den Baradia schon lange wie ein ungeborenes Kind mit sich herumtrug, wohl wissend, dass er eines Tages das Licht der Welt erblicken würde: Jetzt schien die Zeit gekommen, in der ein mächtiger Verbündeter unabdingbar für ihr eigenes Überleben sein würde, ungleich wichtiger als ein gut aussehender Liebhaber. Und dafür war sie bereit, Opfer zu bringen.

 

*

Conumun bemerkte an diesem Abend, dass sich Baradia nicht wie sonst verhielt. Sie schien verzweifelt. Nackt auf seinem Bett sitzend hatte sie ihm alle ihre Mutmaßungen über Berion erzählt. Von der Entscheidung, die sie getroffen hatte, erwähnte sie aber wohlweislich nichts. Und schließlich kam ganz zum Schluss der härteste Schlag:

„Berion wird von mir verlangen, dass ich mein Wort breche und den Odem des Lebens, der eigentlich für dich bestimmt ist, an Unitor abtrete“, sagte sie mit weinerlicher Stimme. „Für seine Pläne braucht Berion unbedingt den Ersten der Eisgrafen als Verbündeten. Deshalb musste ich ihn ja auch in Modonos befreien.“ Baradia war den Tränen nahe.

„Du könntest das ablehnen“, schlug Conumun vor.

„Du kennst Berion nicht“, jammerte die Priesterin. „Er ist der mächtigste Mann der Welt. Und ich glaube, dass er dieses Mal sogar die Absicht hat, mich zu töten, um diese Auseinandersetzungen ein für alle Mal zu beenden und auch gleich noch über meinen Anteil am Odem des Lebens verfügen zu können.“

„Er ist dein Vater!“, hielt ihr Conumun vor. „Wie könnte er so etwas tun?“

„Seit er eine zweite Tochter hat, haben wir uns völlig entfremdet. Wenn es um seine Ziele geht, nimmt er auch auf mich keine Rücksicht“, zeterte sie weiter. Und als sie immer noch Zweifel in den Augen Conumuns zu erkennen glaubte, fügte sie hinzu: „Außerdem weiß er, dass ich ihn hasse. Es tut mir leid, aber das ist die Wahrheit. Er hat mich einfach zu oft hintergangen.“

„Und was könnten wir tun?“, fragte ihr Liebhaber nichts ahnend.

„Ich habe lange nachgedacht“, behauptete Baradia. „Es ist schrecklich, aber es gibt nur einen Weg, um all das zu verhindern: Du musst Unitor töten. Wenn der Eisgraf tot ist, hat Berions Vorhaben keinen Sinn mehr. Wenn er aber hier ankommt, und der Eisgraf lebt noch, werden wir beide sterben.“

Conumun benötigte eine Weile, um den angeblichen Komplott, den Baradia vor ihm ausgebreitet hatte, überhaupt zu verstehen. Da er ihr inzwischen jedoch blind vertraute, gelangte er schließlich zu der Auffassung, dass sie wohl recht hatte. Aber einen Menschen zu töten, schien ihm dennoch ein sehr hoher Preis. Dann, ganz allmählich gewann seine Selbstsucht die Oberhand. Vielleicht war der Tod Unitors doch kein zu hoher Preis für ein ewiges Leben mit Baradia.

Währenddessen schluchzte sie, wobei ihre festen Brüste leicht wippten. Ihre bronzene Haut schimmerte feucht und Conumun fühlte seine Bereitschaft, alles zu tun, um sich diesen Anblick für immer zu erhalten.

„Wann?“, fragte er, nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte.

„Wir müssten es noch heute Nacht tun, weil Berion vielleicht schon morgen eintrifft.“

Mit „wir“ hatte Baradia natürlich nur Conumun gemeint, aber auf diese Weise klang es wie eine gemeinsame Unternehmung. Und wenn diese gemeinsame Unternehmung ihren Vorstellungen entsprechend verlaufen würde, wären am Ende nur sie selbst und das vermeintliche Opfer übrig.

 

 

*

 

Die für Unitor immer noch ungewohnt hohen Temperaturen in Oot hatten sich auch auf seinen Schlaf ausgewirkt. Er wachte wesentlich öfter und auch bei jedem ungewohnten Geräusch auf. So war er auch sofort hellwach, als sich in dieser Nacht die Tür zu seinem Schlafraum leise öffnete und ein Schatten in das Zimmer huschte. Er wollte aufstehen, aber da sah er auch schon das Aufblitzen einer Klinge, die für einen schicksalhaften Augenblick das Licht eines fernen, vielleicht schon längst erloschenen Sterns spiegelte. Einmal mehr übertraf die Schnelligkeit seines Unterbewusstseins die bewussten Gedanken. Eine fahl wabernde Blase hüllte eine dunkle Gestalt neben seinem Bett unmittelbar an der Stelle ein, wo das Messer gefunkelt hatte. Dann war sie auch schon verschwunden. Unitor saß aufrecht auf seiner Lagerstatt und versuchte zu begreifen, was sich da soeben abgespielt hatte. Als er eine Kerze entzündete, sah er das kleine Häufchen Staub vor seinem Bett.

Schon wenig später klopfte es an der Tür. Der Eisgraf sah sich nicht in der Lage, aufzustehen oder etwas zu sagen, so sehr saß ihm der Schreck in den Gliedern. Offenbar hatte er wohl gerade eben jemand getötet, der die Absicht gehabt hatte, ihn umzubringen. Dabei hatte er sich bislang im „Paradies der Küste“ so sicher gefühlt.

Es klopfte erneut. Dann glitt die Tür auf, und diesmal besuchte ihn kein Attentäter, sondern Baradia. Im Kerzenschein wirkte sie noch exotischer mit ihrem blassgelben Gewand und den wunderschönen Orchideen in ihrem Haar. Auf ihrem Gesicht erschien ein verführerisches Lächeln, als sie sich geschmeidig auf ihn zu bewegte. Sie beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn. Dann fiel ihr Kleid zu Boden. Darunter trug sie nichts.

 

*

 

Als der junge Shondo Berion anmeldete, hatte Baradia einen mürrischen alten Mann erwartet. Aber Berion schien bei ausgezeichneter Laune zu sein, durchschritt das Zimmer mit schnellen Schritten und nahm sie in die Arme:

„Wie schön, dich endlich wiederzusehen. Du bist so hübsch wie eh und je.“

Ihre Antwort fiel gereizt und schmallippig aus: „Hallo, Vater.“

Nachdem er sie aus seiner Umarmung entlassen hatte, bot sie ihm einen Platz an: „Was führt dich hierher?“

„Du kommst aber schnell zur Sache“, tadelte er.

„Du kommst nur, wenn du etwas willst“, entgegnete sie unversöhnlich.

Berion wirkte ertappt: „Es geht nicht um mich, es geht um deine Schwester.“

 „Diese hässliche Spinne ist nicht meine Schwester“, giftete Baradia.

„Sie ist alles andere als hässlich. Und auch wenn du es nicht wahrhaben willst: Das Blut verbindet uns. Sie ist deine Halbschwester“, hielt er ihr vor.

Baradia blieb jedoch unnachgiebig: „Mich verbindet gar nichts mit diesem Abschaum.“

Berion sprang wütend auf, überlegte es sich dann aber doch noch anders und ließ sich wieder in den Sessel fallen: „Senesia Sida hat einen Grünen Kristall.“

Jetzt war es an Baradia, aufzuspringen: „Woher hat sie den?“ schrie sie zornig mit sich überschlagender Stimme.

„Letztlich von der Königin von Zogh. Aber das spielt keine Rolle“, erwiderte der Höchste Priester.

„Warum hast du das nicht verhindert?“ warf sie ihm wütend vor.

„Das war mir nicht möglich.“ Jetzt beschloss er, völlig offen zu sein. „Selbst, wenn ich gekonnt hätte, hätte ich es nicht verhindert. Es wird immer schwieriger, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Dafür brauche ich mehr Verbündete und mehr vom Odem des Lebens.“

Baradia sank resigniert in den Sessel zurück:

„Du willst wohl auch noch, dass ich diesem Dreckstück Orchideen beschaffe. Wenn ich das tue, wird sie mir das Ilumit vorenthalten und letztlich versuchen, mir meinen Kristall auch noch wegzunehmen.“

„Das werde ich verhindern“, versprach Berion.

„Du hast auch nicht verhindert, dass sie einen zweiten Zenesith bekommen hat“, schimpfte Baradia.

„Ich habe vorsichtshalber dafür gesorgt, dass du von ihr unabhängig bist. Ich habe mir selbst Zugang zu einer Ilumit-Mine verschafft und könnte dich jederzeit beliefern“, versicherte Berion. Baradia funkelte ihn hasserfüllt an: „Von dir abhängig zu sein ist genauso schlimm wie von ihr abhängig zu sein.“ Wie ein wütendes kleines Mädchen rannte sie aus dem Zimmer und schlug mit lautem Knall die Tür zu.

Danach wich ihr Zorn aber schnell eiskalter Berechnung. Baradia wusste, dass sich durch den zweiten Kristall eine völlig neue Situation ergeben hatte. Senesia Sida würde sich nicht damit zufriedengeben, dass Berion eine Bitte vortrug, falls sie von seinem Besuch hier überhaupt etwas wusste.

Nein, sie würde versuchen, sich die Orchideen selbst zu beschaffen. Und es konnte auch keinem Zweifel unterliegen, welche Rolle Berion in diesem Spiel spielen würde. Baradia war entschlossen, ihre Unsterblichkeit mit allen Mitteln zu verteidigen.

 

*

 

Nach reiflicher Überlegung gelangte Unitor zu der Einschätzung, dass er das „Paradies der Küste“ so schnell wie möglich verlassen musste. Es war für ihn zu einem äußerst gefährlichen Aufenthaltsort geworden, nicht nur weil er glaubte, dass ihm offenbar jemand nach dem Leben trachtete. Auch wenn er gewusst hätte, dass er mit dieser Vermutung falsch lag, wäre er im Ergebnis zu keiner anderen Einschätzung gelangt.

Vorsichtig tastete er sich durch den düsteren Korridor, an dessen Ende die Treppe zum Erdgeschoss hinabführte. Er drückte sich gegen die Wand und warf einen Blick hinunter. Auch die große Eingangshalle war dunkel und verlassen. Er hastete die Treppe hinunter und vermied es anschließend, den Haupteingang zu benutzen. Stattdessen huschte er zu dem großen Speisesaal, öffnete dort eines der Fenster und stieg langsam hinaus in die mondlose Finsternis. Das einzige Geräusch war das leise Plätschern der sanften Dünung am flachen Strand unweit des Monasteriums.

Nur vereinzelte Sterne blinkten wie winzige Fünkchen am Himmel. Ihr Licht reichte für Unitor jedoch aus, um zu sehen, dass der Weg durch den rückwärtigen Garten still und friedlich vor ihm lag. Er zog es dennoch vor, die Bäume und Büsche am Wegrand als Deckung zu benutzen, während er sich von dem verschachtelten Turmgebäude entfernte.

An den Garten anschließend dehnten sich weite Felder aus, auf denen die Bewohner des Monasteriums Getreide und Gemüse anpflanzten. Am westlichen Rand dieser Äcker ragte die steile Felswand auf, hinter deren Bruchkante die Ausläufer des Dschungels von Oot begannen. Unitor suchte sich eine Stelle, die den Aufstieg am Steilhang auch für einen weniger geübten Kletterer ermöglichte. Zwar war er als ehemaliger Bewohner der mithrischen Hochebene durchaus geschickt beim Klettern; aber die nächtliche Dunkelheit und das ungewohnt spröde Gestein in diesem Bereich der Küste stellten nicht zu unterschätzende Erschwernisse dar. Dennoch kam er schnell voran und erreichte noch vor Beginn des neuen Tages den Kamm der Felsbarriere.

Während der ganzen Zeit hatte er nicht die unheimliche Gestalt in dem schwarzen Kapuzenmantel bemerkt, die ihm folgte.

Unitor legte eine kurze Verschnaufpause ein, nachdem er den Felshang überwunden hatte. Er ließ sich in das spröde Dünengras sinken und sah zum Himmel empor. Allmählich brach im Osten die Morgendämmerung an und ließ einen sonnigen Tag erahnen. Da wusste Unitor, dass es an der Zeit war, seinen Weg nach Lokhrit anzutreten, den er zunächst am Rande des Dschungels entlang zu gehen beabsichtigte. Als er die ersten Sträucher erreicht hatte, blickte er sich nochmals um. Erstmals sah er die Gestalt, die ihm die ganze Zeit gefolgt war.

Der Berater!“, schoss es ihm durch den Kopf, als er den schwarzen Umhang und die dunkelrot glühenden Augen gewahrte. Er wartete, während der Mann in weit ausgreifenden Schritten auf ihn zukam.

„Da hat es wohl noch jemand ziemlich eilig, diesen paradiesischen Hort der Gastlichkeit zu verlassen“, rief der Mann sarkastisch. Aber das hörte sich nicht wie die Stimme des Beraters an.

„Wer seid Ihr?“, fragte Unitor. Der Fremde zog die Kapuze herunter, sodass die fein geschnittenen Züge eines älteren Mannes mit dunkelbraunen, an den Schläfen bereits ergrauten Haaren zum Vorschein kamen. Auch sein Schnurrbart war mit grauen Haaren durchsetzt.

„Mein Name ist Berion“, stellte er sich vor. „Üblicherweise trage ich ein weißes Gewand. Aber das wäre sowohl in der Nacht wie auch hier im Dschungel zu auffällig gewesen. Ihr müsst Unitor sein. Warum flieht Ihr von hier?“

„Ich fliehe nicht“, widersprach der Eisgraf. „Ich habe es nur eilig, nach Zogh zu kommen, weil ich dort jemandem eine wichtige Nachricht überbringen muss.“

„Ihr wollt zur Königin von Zogh?“, mutmaßte Berion.

Unitor schüttelte den Kopf und strich sich die Haare aus der Stirn: „Wie kommt Ihr darauf, dass ich zur Königin will?“

„Na ja, wem sonst in Zogh sollte ein Eisgraf eine wichtige Nachricht überbringen wollen?“, bemerkte der Höchste Priester zur Erläuterung seiner Schlussfolgerung.

Obwohl diese Erklärung alles andere als zwingend erschien, beschloss Unitor, dass er vorläufig keinen Grund hatte, dem Mann zu misstrauen. Und warum sollte er auch geheim halten, für wen die Botschaft bestimmt war? Mit dieser Information konnte Berion ohnehin nichts anfangen, solange er den Inhalt der Botschaft nicht kannte. Andererseits konnte ihm der Höchste Priester vielleicht wichtige Informationen zu seiner geplanten Reiseroute geben. Daher antwortete Unitor wahrheitsgemäß:

„Mein Ziel ist Sandammon. Ich will zu Octora – sie ist eine entfernte Verwandte der Königin.“

Berion lachte auf. Als er bemerkte, dass Unitor seine Erheiterung offenbar nicht nachvollziehen konnte, hielt der Höchste Priester kurz inne. Dann erklärte er mit triefendem Spott: „Also eine „entfernte Verwandtschaft“ nennt man das im Norden. Anscheinend gehört es zum Selbstverständnis der Eisgrafen, dass sie selbst Dinge geheim zu halten versuchen, die dem Rest der Welt längst bekannt sind. Octora ist das einzige Kind der Königin von Zogh.“

Unitor schwieg verblüfft. Berion sah ihn mitleidig an: „Das ändert wohl einiges, was? Aber Ihr müsst der Tochter der Königin deshalb erst recht diese Nachricht überbringen. Voraussetzung dafür ist aber, dass wir zunächst einmal von hier entkommen. Ich vermute, dass Ihr nach Lokhrit gehen und von dort mit dem Schiff weiterfahren wollt. Wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch ein Stück begleiten, bevor ich mich nach Westen wende. Ich habe hier lange gelebt und kenne mich gut aus.“

Unitor erklärte sich einverstanden. Er grübelte jedoch noch lange ohne Ergebnis darüber nach, wieso es Berion wichtig erschien, dass eine Nachricht überbracht wurde, die er nicht einmal kannte.

 

*

 

Uggx und Zidis hatten mit der Horde der Mivv schnurgerade den Weg nach Osten eingeschlagen, bis sie schließlich den Rand des Südlichen Gürtels erreichten. Nach Süden erstreckte sich das menschenleere Buschland, während in nördlicher Richtung bereits die Ausläufer des Urwalds von Oot zu sehen waren. Hier bestimmte Zidis zehn Mivv, die ihn und Uggx auf dem weiteren Weg begleiten sollten. Den Rest schickte er zurück. Anschließend ritt die stark verkleinerte Gruppe am Rande des Urwalds in nördliche Richtung. Gelegentlich konnten sie in der Ferne das in der Sonne glitzernde Meer sehen. Je weiter sie nach Norden vordrangen, desto beschwerlicher wurde der Weg, weil nun die zerklüfteten Felsformationen teilweise vom Meer bis zum Rand des Dschungels reichten. Als sie schließlich bis in die Ausläufer des Urwalds ausweichen mussten, erschien es Uggx an der Zeit, seine Stammesgenossen zu benachrichtigen. Er bat seinen Gefährten Zidis, mit seinen Männern im Schutz eines kleinen Talkessels eine längere Rast einzulegen, bis er zurückkommen würde.

Uggx ließ sein großes Pferd ebenfalls zurück, da es ihm beim Eindringen in den dicht bewachsenen Randbereich des Dschungels hinderlich gewesen wäre. Schon nach wenigen Schritten war in diesem äußeren Gürtel des tropischen Regenwalds das grelle Sonnenlicht einem grünlichen Halbdunkel gewichen. Die würzige Salzluft des nahe gelegenen Meeres wurde von einem leicht säuerlichen Modergeruch überlagert. Uggx erinnerte diese Umgebung an seine Kindheit, aber das war unglaublich viele Jahre her. Selbst als Schnorst von Oot hatte er die allermeiste Zeit außerhalb des Dschungels verbracht, und sogar außerhalb von Oot.

Nach einer Weile lichtete sich der Bewuchs zusehends. Uggx blieb neben einem gewaltigen Baumriesen stehen, von dem mächtige Lianen herabhingen. Er legte die Hände trichterförmig an den Mund und stieß einen lang gezogenen, röhrenden Schrei aus. Nachdem der Widerhall in der Ferne verklungen war, wiederholte er ihn noch zweimal. Dann setzte er sich auf einen umgefallenen Baumstamm am Rand einer kleinen Lichtung und wartete. Etwa zwanzig Minuten später standen plötzlich auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung drei schwarze Shondo mit silbrig blinkenden Äxten in den Händen. Uggx stand auf und reckte seinen rechten Arm hoch, von dem er bereits zuvor die Ledermanschette entfernt hatte.

„Ich bin der Schnorst von Oot“, rief er in der Sprache der Dschungelmenschen, woraufhin die drei Shondo ihre Beile wegsteckten und sich ihm ehrfurchtsvoll näherten.

„Ich möchte, dass ihr die Nachricht von meinem Eintreffen verbreitet. Ich befinde mich in Begleitung des Mipf der Steppe und zehn weiterer Mivv. Sie dürfen auf keinen Fall angegriffen werden. Das gilt auch, wenn ich nicht bei ihnen bin. König Zidis hat meine Erlaubnis, sich in diesem Wald nach Belieben frei zu bewegen.“

Die Shondo senkten demütig die Köpfe zum Zeichen, dass sie verstanden hatten. Dann liefen sie los, um die Nachricht von der Wiederkehr ihrer höchsten Autorität zu verbreiten. Uggx ging zurück zu seinen Gefährten.

Zwei Tage später wusste Uggx, dass ihm die Nachricht weit vorausgeeilt war, obgleich auch er selbst mit seinen Begleitern recht zügig vorangekommen war. Auf einer kleinen Anhöhe unweit des Paradieses der Küste stand eine Frau in einem blassgelben Gewand. Zidis ließ seine Begleiter absitzen und begab sich dann allein mit Uggx zu der Stelle, wo Baradia sie erwartete. Die Frau und die beiden Männer umarmten sich.

„Ich kann euch gar nicht sagen, wie wichtig es ist, dass ihr gekommen seid“, freute sich Baradia. „Bitte verzeiht mir, dass ich euch hier schon überfalle. Aber es sind so bedeutsame Dinge geschehen, dass Uggx wahrscheinlich gleich in den Wald gehen und uns ohnehin nicht ins Paradies begleiten wird.“ 

„Was ist geschehen?“, wollte Uggx wissen.

„Die Spinne hat einen zweiten Grünen Kristall“, verkündete Baradia.

„Das wissen wir. Deshalb sind wir hier“, erklärte Uggx.

„Berion war auch hier und er will, dass ich diesem Miststück Orchideen gebe“, beschwerte sich Baradia.

„Wo ist er?“, fragte Zidis.

„Er hat letzte Nacht heimlich mit Unitor das Paradies verlassen“, antwortete Baradia erregt. „Ich glaube, dass diese verfluchte Giftspinne die Absicht hat, sich die Orchideen mit Gewalt zu beschaffen. Das müssen wir gemeinsam verhindern. Sonst wird sie uns nicht nur vom Ilumit abschneiden, sondern auch noch versuchen, unseren Kristall zu stehlen.“

„Das würde Berion nicht zulassen“, erklärte Uggx mit Bestimmtheit.

„Du kennst Berion nicht so gut wie ich“, gab Baradia zurück. „Er geht über Leichen. Wenn ihm jemand nichts mehr nützen kann, lässt er ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Ich habe das schon mehrfach erlebt. Wenn ich falle, seid ihr die Nächsten. Oot ist uninteressant für ihn geworden.“

„Wie sollte Senesia Sida an die Orchideen herankommen?“, fragte sich Zidis laut.

„Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich mit einem Schiff eine kleine Armee in Lohidan anlanden und dann von dort aus in den Wald vordringen“, verdeutlichte Baradia ihre Überlegungen. „Lokhrit wird sich wegen der Handelsbeziehungen nicht mit ihr anlegen. Ich habe den Hafenmeister in Lohidan gebeten, mir Bescheid zu geben, sobald sie dort aufkreuzt. Dann kann Uggx sie hier im Dschungel niedermachen. Aber das ist nicht alles, was mir Sorgen bereitet.“

„Was noch?“, erkundigte sich Zidis.

„Berion. Ich traue ihm nicht mehr“, offenbarte Baradia und gab sich Mühe, resigniert zu wirken.

„Er ist dein Vater“, hielt Uggx ihr empört vor.

Baradia schüttelte den Kopf: „Das interessiert ihn schon lange nicht mehr. Er hat hochtrabende Pläne, und ich befürchte wie gesagt, dass Oot darin nicht mehr vorkommt. Und vor allem wir nicht. Ihr wisst ja wohl, was das heißt. Da passt es auch ins Bild, dass er sich klammheimlich mit dem Eisgrafen aus dem Staub gemacht hat.“

Während Uggx skeptisch die Nase rümpfte, fragte Zidis:

„Und was willst du vorschlagen?“ Uggx und Zidis wussten beide, was Baradia vorschlagen würde, aber sie waren auch beide nicht bereit, es unausgesprochen zu lassen.

„Ihr wisst doch genau, was getan werden muss, wenn wir überleben wollen. Berion muss sterben“, verlangte Baradia mit schneidender Schärfe. „Ich arbeite im Moment an einer ganz großen Sache, aber ich brauche noch ein wenig Zeit. Mit diesem Vorhaben könnte ich die gesamte bekannte Welt aus den Angeln heben. Aber ich will uns eigentlich nur die Ilumit-Minen in Surdyrien sichern und damit dieses Problem ein für alle Mal lösen.“

Uggx und Zidis sahen sich an. Sie wussten, dass Baradia nicht zur Prahlerei neigte. Aber dieses Vorhaben schien ihre Möglichkeiten bei Weitem zu übersteigen.

„Willst du dich mit ganz Obesien anlegen?“, fragte Uggx irritiert.

„Anlegen? Ich werde eine Macht entfesseln, die Obesien zerquetschen könnte wie einen faulen Apfel. Ich will kein Land und keine Minen. Ich will nur friedlich in meinem Paradies hier leben und mit Ilumit versorgt werden. Auch ihr braucht das Ilumit, wenn ihr unsterblich bleiben wollt. Aber der Preis dafür ist eben – so sehr ich das auch bedauere – Berions Kopf.“

Uggx und Zidis sahen sich erneut an.

„Was liegt schon an einem Kopf“, meinte der Mivv schließlich achselzuckend.

„Du musst ihn ja nicht abschlagen“, brummte der Shondo ärgerlich.

„Das kann ich aber gerne tun, wenn es für dich ein Problem ist“, entgegnete der Mivv. „Du brauchst mich nur zu rufen, wenn deine Leute ihn gefangen haben.“

Uggx funkelte ihn wütend an, sagte aber nichts mehr. Dann drehte er sich um und ging in Richtung des Waldes davon, ohne sich von Zidis und Baradia zu verabschieden. Er hatte sich dieses Zusammentreffen ganz anders vorgestellt. In unausgesprochenem Zorn verließ er einen Freund, mit dem er sich jahrzehntelang einen für normale Sterbliche unvorstellbaren Luxus in einem fremden Land geteilt hatte. Es sollte ein Abschied für immer sein.

 

*

 

Auf ihrem gemeinsamen Weg am Rande des Dschungels in Richtung Lokhrit hatte Berion bemerkt, dass sein Begleiter so gut wie nichts über sein nächstes Reiseziel wusste. Deshalb erzählte er ihm das Wichtigste, um ihn wenigstens einigermaßen auf das vorzubereiten, was ihn dort erwartete.

Bei den Bewohnern Lokhrits handelte es sich um friedfertige und arbeitsame Menschen, die vor allem von der Seefahrt und dem Meer lebten. Die beiden großen Häfen, Lohidan und Siimart, hatten auf der östlichen Seite des Kontinents eine fast so große Bedeutung wie Lumbur-Seyth im Westen. Schon lange vor Beginn der Neuen Ära hatten die Lokhriter einige Handelskolonien in fremden Ländern gegründet. So waren auch die Menschen in Borthul Nachfahren der Lokhriter. In Lokhrit selbst gehörten die Halbinsel Beladint und die Insel Rukumor, zwischen denen die Meerenge von Lokhrit verlief, zu den landschaftlich schönsten Gegenden, die der gesamte Kontinent zu bieten hatte.

Ausgedehnte Sumpfgebiete im Norden und Südwesten des Landes stellten eine natürliche Barriere gegen Feinde von außen dar. Aber dessen ungeachtet hatte Lokhrit es ähnlich wie Borthul schon durch seine Wirtschaft verstanden, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Die größte Schutzflotte auf den vier Ozeanen und eine traditionelle Freundschaft mit den kriegerischen Zogh im Norden hatten zusätzlich dazu beigetragen.

Die einzelnen Städte und Siedlungen verwalteten sich weitgehend eigenständig. Es gab lediglich in Lohidan ein Koordinierungsgremium, das vor allem die Aufgabe hatte, beim Auftreten von Streitfällen zwischen einzelnen Orten zu schlichten. Die stärkste Stellung in Lokhrit hatte jedoch der Hafenmeister von Lohidan, dem die Schutzflotte unterstand.

Nach dieser Schilderung freute sich Unitor auf Lokhrit, wobei seinen Berechnungen entsprechend die Grenze noch etwa zwölf Wegstunden entfernt lag. Später erinnerte er sich daran, dass Berion bei dieser Gelegenheit auch kurz erwähnt hatte, welch glücklicher Umstand darin lag, dass sie sich den Weg durch das Targenzische Tuff erspart hatten. Das war eine extrem lebensfeindliche Vulkanlandschaft, die kurz hinter der Küstenlinie begann und sich zwischen der Grenze zu Lokhrit und dem Urwald von Oot ausdehnte.

Auf einer zum Meer hin steil abfallenden Klippe setzten sich Berion und Unitor, um letztmals gemeinsam Rast zu machen und die unterwegs aufgesammelten Waldfrüchte zu verzehren. Unitor erschien es faszinierend, wie exakt der Höchste Priester jede Pflanze bestimmen konnte und genau wusste, welche Früchte, Beeren, Pilze, Wurzeln und Blätter genießbar und schmackhaft waren und welche nicht. Bei den giftigen Pflanzen kannte Berion sogar die genauen Auswirkungen auf den Menschen, ebenso bei den Heilpflanzen. Außer Insekten und Vögeln hatte Unitor unterwegs keine Tiere gesehen. Diese fanden wohl tiefer im Dschungel günstigere Lebensbedingungen.

Wehmütig sah Unitor hinaus aufs Meer, das heute still und friedlich bis in die Unendlichkeit zu reichen schien. Nur gelegentlich kündeten winzige Wellenkämme und ein leises Plätschern vom ewigen Spiel der Gezeiten. Von der Sonne geblendet wandte Unitor schließlich den Blick ab. Aus den Augenwinkeln nahm er eine schnelle Bewegung wahr. Berion war aufgestanden und sah in Richtung des Dschungels. Als Unitors Kopf herumfuhr, konnte er gerade noch die Horde von etwa zwanzig Shondo erkennen. Mit weiten Sprüngen hatten die Eingeborenen die kurze Entfernung vom Waldrand bis zum Lagerplatz überwunden. Fünf der schwarzen Riesen warfen Unitor eine Decke über den Kopf und rissen ihn zu Boden. Dann wurde sein Schädel von einem Knüppel getroffen. Der Eisgraf versank in einer bodenlosen Dunkelheit.

Auch Berion wurde von mehreren Shondo umgerissen, bevor er sein Schwert ziehen konnte. Sie entwaffneten ihn und banden ihm die Hände hinter dem Rücken zusammen. Dann zerrten sie ihn zum nahe gelegenen Waldrand. Nach einem halbstündigen Fußmarsch erreichten sie eine kleine Lichtung. Berion stellte fest, dass der andere Teil der Gruppe mit Unitor zurückgeblieben oder in eine andere Richtung gegangen war. Die Shondo zwangen den Höchsten Priester, sich auf einen Baumstamm zu setzen, wo er einige Zeit warten musste. Dann trat ein Mann, den er bestens kannte, in Begleitung weiterer vier Shondo zwischen den dicken Bäumen und einem Vorhang von herabhängenden Schlingpflanzen hervor.

„Uggx!“, rief Berion erstaunt aus.

„Ja, alter Freund. Und ich fürchte, dass unsere Begegnung heute nicht sehr erfreulich ist“, entgegnete der Schnorst von Oot. Berion sah ihn erstaunt und fragend an.

„Ich habe den Auftrag, dich zu töten“, bekannte der Shondo. Berion hätte entsetzt sein müssen, aber er schien eher traurig: „Das habe ich mir schon gedacht. Baradia, nicht wahr?“

Uggx senkte den Kopf. Anschließend sah er den Höchsten Priester lange an: „Aber ich kann es nicht tun.“ Berion nickte: „Alles andere hätte mich auch überrascht.“ Dann rückte er näher an Uggx heran, der sich inzwischen neben ihn auf den Stamm gesetzt hatte: „Und jetzt höre mir genau zu. Wahrscheinlich hat Baradia dir erzählt, dass du für meine Pläne nicht mehr wichtig wärst. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich weiß von einem Priester aus Porigunom, dass Baradia über neue und höchst gefährliche Erkenntnisse und Aufzeichnungen verfügt. Sie ermöglichen angeblich die Herstellung eines Elixiers, das in einem bestimmten Zusammenhang auch als fürchterliche Waffe verwendet werden kann. Aber das setzt voraus, dass sie sich mit dem Hochkönig von Sindra verbündet. Baradia geht es letztlich darum, mit der Hilfe des Hochkönigs die Ilumit-Minen in Surdyrien zu erobern. Dann wäre jedoch ein Krieg mit Obesien unausweichlich. Diese Situation könnte ich vielleicht nutzen, um endlich das Böse an der Wurzel zu bekämpfen, nämlich in Obesien. Und genau dazu brauche ich deine Hilfe.“ Nach einer kurzen Pause fuhr Berion fort.: „Ich werde mich vorläufig nicht mehr zu erkennen geben, damit du sagen kannst, du hättest mich getötet. Wo ist Unitor?“

„Das kann ich dir nicht sagen. Ich muss wenigstens einen Teil von Baradias Forderungen nachprüfbar erfüllen, sonst gibt es bald keinen Schnorst von Oot mehr. Ich brauche in Kürze den Odem des Lebens. Ich werde dich von meinen Männern sicher zur Grenze von Süd-Obesien bringen lassen.“ Berion musste einsehen, dass er nichts mehr für seinen kurzzeitigen Weggefährten tun konnte. In seinem langen Leben hatte er zu akzeptieren gelernt, dass manchmal Menschen auf der Strecke bleiben mussten, wenn es galt, wichtige Aufgaben zu vollbringen.




Kapitel 14 – Blutige Orchideen


Senesia Sidas kleines Schiff segelte am Paradies der Küste vorbei und ging zwanzig Meilen nördlich in einer tiefen Flussmündung vor Anker. Dort verließ Duotora mit dem Löwen an ihrer Seite und dem weißen Raben auf ihrer Schulter das Boot, gefolgt von Ekog und seinen Leuten. Argo a Narga war bereits vorausgeeilt, um die Landungsstelle zu sichern. Dabei bewegte sich der sehnige Mann mit einer Behändigkeit, die Duotora an eine Schlange erinnerte.

Anfänglich hatte sie während der Fahrt an Bord des Schiffes viel Spaß mit ihren beiden Tieren. Dann aber verschlechterte sich ihre Stimmung merklich, nachdem sie in ihrem Geist die verlöschende Flamme gesehen hatte. Wieder war ein Eisgraf gestorben. Sie hatte versucht, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass wenigstens Novotor in Sindra sicher war. Aber immer wieder überkam sie die Trauer um den Tod ihrer beiden Mitstreiter. Sie wusste nicht einmal, um wen es sich handelte und sie hatte auch niemanden, mit dem sie darüber reden konnte. Senesia Sidas Mivv und Shondo konnte sie sich genauso wenig anvertrauen wie dem Führer, den Gylbax ihr mitgegeben hatte. Und die beiden Tiere konnten sie auch nicht verstehen.

Deshalb war Duotora letztlich sogar froh, dass nun die Expedition in die Tiefen des Urwalds von Oot endlich begann und sie von ihren trübsinnigen Gedanken ablenken würde.

Sie vereinbarte mit dem Kapitän, dass er nach Lohidan weitersegeln und sie dort im Hafen erwarten würde. Alle Teilnehmer der Expedition hielten den Rückweg über Lokhrit für sicherer als sich mit den Orchideensamen erneut durch den Dschungel durchzuschlagen. Da bei den Shondo die Rote Mondorchidee eine besondere Wertschätzung genoss, erschien es nicht ausgeschlossen, dass es wegen der Samen zu Konflikten kommen könnte.

Einer der Shondo aus Ekogs Mannschaft, Gruk, hatte seine Kindheit in diesem Teil des nordwestlichen Urwalds verbracht. Er schätzte, dass die Gruppe mindestens sechs bis sieben Tagesmärsche benötigen würde, um in das Verbreitungsgebiet der Roten Mondorchidee vorzustoßen. Dieses umfasste die Gegend bei Sna-Snoot, dem heiligen Ort der Shondo, der unbedingt gemieden werden sollte. Ekog teilte Gruk als Führer ein und bestimmte zwei Mivv, die die beiden Flanken sichern sollten.

Obwohl Duotora Wert darauflegte, Ansiedlungen der Shondo möglichst weiträumig zu umgehen, kamen sie relativ schnell voran. Das dichte Blätterdach der Urwaldriesen ließ wenig Licht bis zum Boden dringen, so dass dort nur eine eher spärliche Vegetation gedeihen konnte. Der ganze Dschungel wurde durchzogen von gut begehbaren, schmalen Pfaden, die recht gerade verliefen und nur selten aufgrund kleinerer Felsformationen Biegungen oder Steigungen aufwiesen. So waren dicke Wurzeln der riesigen Bäume und gelegentlich bis auf den Boden herabhängende Lianen vorläufig die einzigen Hindernisse, denen sich Duotoras Gruppe auf ihrem Marsch ausgesetzt sah.

Ab dem zweiten Tag verschwand Argo a Narga immer wieder einmal urplötzlich, um kurz darauf in genauso geisterhafter Weise aufzutauchen und sich den übrigen Teilnehmern der Expedition wieder anzuschließen. Duotora ließ ihn wortlos gewähren, weil sie annahm, dass er entweder seine Notdurft verrichtete oder sich an markanten Punkten orientieren wollte.

Am späten Nachmittag des dritten Tages gab Ekog plötzlich das Zeichen zum Anhalten. Der Steppenmann, der die rechte Flanke absicherte, war aufgetaucht und debattierte aufgeregt mit Gruk in einer Sprache, die Duotora nicht verstand. Ekog winkte sie herbei: „Wir müssen uns etwas ansehen. Ich möchte Sie bitten, den Löwen zurückzulassen.“ Duotora gab Wiilidir den entsprechenden Befehl und folgte dann dem Mivv-Späher und Ekog. Der Steppenmensch führte sie nach etwa einhundertundfünfzig Metern zu einer Stelle, wo zwei der lianenbehangenen Urwaldriesen übereinandergestürzt waren und eine breite Schneise in den Wald geschlagen hatten. Dort bot sich eine gute Möglichkeit, die Umgebung zu überblicken. Und genau an dieser Stelle, die auch Duotora für einen solchen Zweck ausgewählt hätte, sah sie drei Tote. Es handelte sich um Shondo, die dort in merkwürdig verkrümmten Haltungen lagen, zwei übereinander und ein dritter in vier Metern Entfernung. Sie hatten ihre silbrigen Äxte noch in den Händen und wiesen allesamt Schnittwunden am Hals und Stichwunden im Bereich des Herzens auf, aus denen noch das Blut sickerte.

„Was ist hier geschehen?“, fragte Duotora den Shondo.

 Aber Ekog war genauso ratlos: „Der Mivv sagt, dass er jetzt schon das zweite Mal auf tote Kundschafter der Shondo gestoßen ist, und auch auf der anderen Seite wurde einer gefunden. Das ist nicht normal, weil wir hier weit von ihren Dörfern entfernt sind. Es sieht fast so aus, als ob jemand mit unserem Kommen gerechnet und überall im Wald Beobachtungsposten verteilt hat. Aber mir ist völlig schleierhaft, wer sie getötet hat. Die Mivv können es jedenfalls nicht gewesen sein.“

Duotora war nun in höchstem Maße beunruhigt: „Wir müssen noch vorsichtiger sein. Sie werden uns angreifen, wenn sie glauben, dass wir ihre Stammesbrüder getötet hätten. Bereiten Sie Ihre Männer darauf vor.“

Nach ihrer Rückkehr bot der Rest der Gruppe ein seltsames Bild. Der Löwe hatte sich nicht von seinem Platz gerührt. Daneben lehnte Argo a Narga scheinbar völlig unbeteiligt an einem Baum und kaute gleichmütig auf einem zähen Stück Trockenfleisch herum, das er sich gerade abgeschnitten hatte. Gruk unterhielt sich leise, aber ziemlich erregt mit den anderen Shondo. Ab und zu warfen sie dem Sindrier verstohlene Blicke zu. Obwohl Duotora noch nie Gefühlsregungen in den dunklen Augen der Shondo zu erkennen vermocht hatte, kam es ihr vor, als sähe sie jetzt darin Anzeichen von Furcht und Grauen.

 

*

 

Sna-Snoot, die heilige Stätte der Shondo, lag in einem ehemaligen Vulkankegel, den die Witterungseinflüsse über Jahrmillionen abgetragen hatten, bis nur noch ein dreißig Meter hoher Ringwall übriggeblieben war. Nach der Legende hatte hier einst der gleiche Feuergeist gewirkt, der sich später nocheinmal im Norden aufgebäumt und in einer verheerenden Hölle aus Feuer, Rauch und Lava das Aralt-Gebirge aufgeworfen hatte. Während man aber im Norden immer noch seine gewaltige Schöpfung bewundern konnte, hatten hier in Oot nur zwei kümmerliche Überreste seines einstigen Wirkens die Zeiten überdauert, das Targenzische Tuff und eben Sna-Snoot. Alles andere hatten das Meer und der Wind über Äonen hinweggefegt. Es erfüllte die Shondo mit Ehrfurcht, dass der Ringwall bis zuletzt standgehalten hatte. Hier spürte man noch den erkalteten Hauch des Feuergeistes wie an einer Schnittstelle zu einem anderen Dasein.

Selbst Uggx fühlte, dass nicht nur die strategische Lage und Beschaffenheit die Besonderheit dieses Ortes ausmachte. Er hatte seine schwere Axt auf den Oberschenkeln liegen und schärfte die Schneide mit einem Stein aus dem heiligen Ring. Dabei saß er vor einer großen Rundhütte und schaute hinüber zur Pforte. Bei der Pforte handelte es sich um die einzige Stelle, an der der Ringwall bis zum Boden eingebrochen war. Die Breite dieser Lücke maß etwa zehn Meter. Sie war mit einem Wust von Schlinggewächsen überwuchert und daher von außen nicht erkennbar. Frühere Generationen der Shondo hatten die Lücke mit einem schweren Holztor gesichert. Uggx und Berion hatten diesen Verschlag vor einhundertundzwanzig Jahren durch ein dickes Bronzetor ersetzt, das die Priester des Wissens gegossen hatten. Hier im Urwald wirkte dieses Bronzetor wie ein Artefakt aus einer anderen Welt. Aber gerade diese Wirkung rief bei den einfachen Shondo ein ehrfürchtiges Staunen hervor.

Uggx hatte seit vielen Jahren keine Muße mehr, sich mit solchen Gedanken zu beschäftigen. Zurzeit beunruhigten ihn die Berichte einiger Späher. Sie hatten eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen entdeckt, die sich vom Meer her exakt in westlicher Richtung durch den Wald auf Sna-Snoot zu bewegte. Dabei hinterließ sie eine regelrechte Blutspur. Schon acht Shondo hatte man mit durchgeschnittenen Kehlen und durchbohrten Herzen aufgefunden. Aber eigentlich waren bereits vierzehn der ausgesandten Späher nicht zurückgekehrt, obwohl die fremde Gruppe längst an ihnen vorübergezogen war.

Auf dem gesamten Kontinent galten die Shondo als gefährliche, kampferprobte Krieger, und hier befanden sie sich auch noch auf ihrem ureigenen, vertrauten Territorium. Wenngleich auch die Fremden von vier Shondo begleitet wurden, ahnte Uggx, dass hier eine andere, entsetzliche Macht am Werk war. Diese zierliche Frau und selbst der riesige Löwe, der neben ihr hertrottete, konnten ein solches Massaker nicht verüben. Erst recht schien dazu dieses wandelnde Skelett nicht in der Lage, und auch nicht die drei Steppenmenschen mit ihren Krummsäbeln, die völlig andere Wunden hinterlassen hätten. Auch mit Senesia Sida hatte diese seltsame Prozession offenbar nichts zu tun, obwohl sie genau auf das Gebiet zuhielt, wo die Rote Mondorchidee gedieh. Senesia Sida war nicht dabei. Das hätte sie sich aber nicht nehmen lassen, denn sie würde keinen Fremden vertrauen. Sie wäre mit einer gut ausgerüsteten Armee einmarschiert, der man in Lokhrit und Oot nichts entgegenzusetzen gehabt hätte.

Dann traf Uggx eine Entscheidung. Er konnte nicht zulassen, dass Fremde geradewegs auf die heilige Stätte zu marschierten. Und vor allen Dingen konnte er nicht zulassen, dass jemand eine Blutspur durch seinen Wald zog. Schließlich war er der Schnorst von Oot!

Uggx befahl einem seiner Krieger, eine Armee von einhundert Männern zusammenzustellen und diese merkwürdige Gruppe zu vernichten.

 

*

 

Argo a Narga, der fast nie sprach, hatte Duotora dringend gebeten, für das Nachtlager von ihrem Pfad abzuweichen. Ekog sprach sich dagegen aus, weil dies ihr Vorwärtskommen verzögerte. Duotora hatte keine Vorstellung, was richtig war. Schließlich rang sie sich dazu durch, dem einzigen Mann, der offenbar allein ihre Interessen vertrat, mehr zu vertrauen als denen, die trotz allem immer noch Senesia Sida unterstanden. Als alle am nächsten Morgen wohlbehalten überlebt hatten, beschloss Duotora, sich auch künftig im Zweifel auf den Sindrier zu verlassen.

Am frühen Nachmittag des sechsten Tages erreichte die Expedition einen abschüssigen Hang, an dem es wegen der ständigen Erosion nur wenigen Pflanzen gelungen war, Wurzeln zu schlagen. Die kahle Böschung dehnte sich nach rechts und links aus so weit das Auge reichte. Hier gab es keinerlei Deckungsmöglichkeiten. Offensichtlich war der schmale Bachlauf am Fuß des Hanges für diese unliebsame Geländesituation verantwortlich. Duotora zögerte. Schließlich musste sie aber einsehen, dass sie keine Wahl hatte. Niemand vermochte abzuschätzen, mit welchem Zeitverlust der Versuch einhergehen würde, den unbewaldeten Abhang zu umgehen. Schweren Herzens befahl die Eisgräfin den Abstieg. Dabei kam ihrer Gruppe zugute, dass die erhöhte Position gegenüber etwaigen Angreifern einen Vorteil bot. Duotora und ihre Begleiter achteten weniger auf den Boden zu ihren Füßen als auf das gegenüberliegende Ufer des Bachlaufs, das wegen des dichten Bewuchses nicht einsehbar war. Zunächst konnten sie dort nicht die geringste Bewegung erkennen. Als sich die Gruppe jedoch bereits im unteren Bereich der Böschung befand, brach urplötzlich aus dem Gestrüpp hinter dem Rinnsal eine große Anzahl Shondo mit fürchterlichem Geheul hervor. Duotora gewahrte sofort, dass es sich um mindestens einhundert Dschungelmenschen handelte. Obwohl ihre Begleiter abrupt zum Stillstand kamen und völlig gelähmt schienen, galt der erste Gedanke der Eisgräfin ihrem weißen Raben. „Flieg!“ zischte sie und verlieh dem Befehl mit einer scharfen Bewegung ihrer linken Schulter Nachdruck. Syx stieg sofort in die Lüfte empor und entschwand über den Baumkronen.

Inzwischen hatte das Geheul der Angreifer etwas nachgelassen und ihr Ansturm war ins Stocken geraten, weil sie den Bach überqueren mussten und sich dabei zwangsläufig auch dem riesigen Löwen näherten. Doch dann dröhnte ein tiefer Ton aus einem Horn durch das Tal, der alle Geräusche des Dschungels überlagerte und offenbar das Angriffssignal darstellte. Sofort wurde das Geheul der Angreifer wieder lauter und ihre Schritte schneller. Senesia Sidas Leute zögerten angesichts der hoffnungslosen Übermacht des Gegners. Da glitt Duotoras rechte Hand zu dem roten Armband an ihrem anderen Handgelenk, und sie flüsterte dem Löwen zu: „Halte sie auf!“

Wie ein entfesselter Dämon stürzte sich Wiilidir in die Reihen der Angreifer. Dadurch geriet erneut deren Vormarsch ins Stocken. Hinter den heranstürmenden Shondo war inzwischen eine Reihe von Bogenschützen aufgetaucht, die nun Pfeile auf Duotora und Argo a Narga abschossen. Der Sindrier warf sich auf die Erde und verkroch sich in einem der zahlreichen Erosionsgräben. Die Eisgräfin achtete nicht mehr auf ihn. Mit eiskalter Ruhe begann sie, den „vernichtenden Blick“ gegen die vordersten der heranstürmenden Shondo einzusetzen. Schon drei Giftpfeile waren am „Schild der Pylax“ abgeprallt, den sie unter ihrem braunen Umhang trug. Dann flogen plötzlich keine Pfeile mehr. Während sich Duotora weiterhin auf die immer näherkommenden Shondo konzentrierte, stellte sie überrascht fest, dass alle sechzehn Bogenschützen jenseits des Baches tot am Boden lagen. Unmittelbar darauf begannen sich die hinteren Reihen der Angreifer zu lichten, als tobe dort ein unsichtbarer Wirbelsturm.

Unterdessen war der Löwe mit riesigen Sätzen mitten in den Pulk der Shondo gesprungen. Er wütete mit einer derart ungeheuren Schnelligkeit, dass er keine Angriffsfläche bot und keine Verteidigungsmöglichkeit zuließ. Bei diesem Anblick gelang es auch Ekog, seine Männer zu einem Angriff zu ermutigen. Die drei wieselflinken Mivv arbeiteten mit den vier Dschungelmenschen Senesia Sidas wie eine Walze der Vernichtung zusammen. Nach einem lange eingeübten Muster gaben sie sich gegenseitig Schutz und fraßen sich gleichzeitig wie ein Keil tief in die Masse der Angreifer.

Wenig später bemerkten die Dschungelmenschen, dass bereits mehr als die Hälfte ihres Trupps gefallen war. Etliche von ihnen wandten sich wie auf ein Kommando zur Flucht, obgleich sie zumindest zahlenmäßig immer noch eine deutliche Überlegenheit besaßen. Aber da wirbelte auch dieser schattenhafte Geist, der weiterhin wie ein alles verschlingender Strudel in ihrem Rücken sein grässliches Werk verrichtete.

Duotora stellte sofort den Gebrauch des „vernichtenden Blicks“ ein, nachdem sie bemerkt hatte, dass die überwiegende Zahl der Angreifer die Flucht antrat. Dann zögerte sie noch kurz, bis sie auch den Löwen zurückrief. Ekog und seine Männer, die sich in einen regelrechten Blutrausch gesteigert hatten, wüteten immer noch fürchterlich. Eine gezielte Gegenwehr der Dschungelmenschen fand nicht mehr statt, und so entkamen nur achtzehn der vormals einhundert Angreifer. Erst als die letzten versprengten Shondo wegrannten, kamen Senesia Sidas Männer wieder zur Besinnung. Die Talsohle war mit Leichen übersät. Duotora wandte sich entsetzt ab. Ihr Blick fiel auf Argo a Narga, den sie seit dem Beginn der Schlacht nicht mehr gesehen hatte. Der dünne Mann saß offenbar völlig verängstigt ein wenig abseits auf einem kleinen Erdhügel und sah sie mit seinen großen, dunklen Augen unsicher an. Zuerst wallte in ihr Ärger auf, weil er den Rest der Gruppe während des Kampfes schmählich im Stich gelassen hatte; dann aber schalt sie sich selbst für diese Ungerechtigkeit. Schließlich war der ausgemergelte Sindrier ein Fremdenführer und kein Krieger.

 

 

*

 

Einer von Ekogs Shondo und ein Mivv hatten bei dem Kampf den Tod gefunden. Mit nur noch sechs Männern, einem Löwen und einem Raben setzte Duotora ihren Marsch in den Westen des Dschungels zum Verbreitungsgebiet der Roten Mondorchidee fort.

Angesichts der Gefallenen stellte sich Duotora die Frage, ob es richtig war, sich auf diese Expedition einzulassen. Andererseits vermochte sie bei sich selbst keine Schuld für das unvorhergesehene Gemetzel zu erblicken, nachdem sie lediglich friedlich durch den Urwald wandern wollten. Deshalb fand sie letztlich auch keinen Grund, die Mission abzubrechen.

Eine Stunde später überquerten sie einen kleinen Fluss. Dahinter stieg das Gelände langsam terrassenförmig an. Am Nachmittag hörte Duotora das ferne Tosen eines Wasserfalls. Gruk erklärte, dass sie diesen Wasserfall noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen und dort im Bereich einer zerklüfteten Felswand ein sicheres Nachtlager finden würden.

Der Bewuchs wurde immer dichter. Die von Gruk angekündigte Barriere konnten sie daher erst sehen, als sie bereits unmittelbar vor ihnen aufragte. In einigen Hundert Metern Entfernung stürzte ein breiter Fluss über die Kante der roten Wand in die Tiefe. Mühsam kämpfte sich die Gruppe über eine breite Geröllhalde am Fuß der Wand, bis sie zu einem Einschnitt gelangte, in dem ein schmaler Pfad aufwärts führte. Der Aufstieg gestaltete sich ebenfalls äußerst anstrengend. Zuerst musste ein teilweise mit Gesteinsbrocken verstopfter Engpass überwunden werden. Danach behinderten umgestürzte Baumstämme das Fortkommen. Drei Stunden später erreichten sie endlich eine auskragende Felsplatte kurz vor der höchsten Stelle des Hügelkamms. Von dort konnte man auf das dunkelgrüne Blätterdach des Waldes hinabsehen, das sich nach allen Seiten hin ausbreitete. Duotora ließ sich mit ihren Begleitern nieder, um an diesem Ort die Nacht zu verbringen.

Am nächsten Morgen zogen sie nach Tagesanbruch über den Bergrücken weiter. Weit hinten am Horizont erblickte die Eisgräfin ein kreisrundes Gebilde. Das musste die heilige Stätte der Shondo sein. Noch am gleichen Vormittag begannen die unfreiwilligen Gefährten den Abstieg auf der entgegengesetzten Seite des Bergrückens.

 

*

 

Unitor war der Verzweiflung nahe. Schon vor Wochen hätte die Nachricht vom geheimen Stützpunkt der Obesier in Mithrien dem Berater oder Octora überbracht werden müssen. Wenn tatsächlich die Bewohner von Sanh in dieser Anlage gefangen gehalten wurden, konnte jeder Tag schicksalhaft sein. Jetzt war er selbst schon zum zweiten Mal gefangen genommen worden. Sieben Tage hatten die Shondo ihn mit gefesselten Händen und verbundenen Augen durch den Urwald getrieben, bevor sie ihn zusammen mit anderen Gefangenen in einen kreisrunden Raum mit mehr als fünfzig Metern Durchmesser eingesperrt hatten. Die sechs Meter hohen Wände mussten offenbar unter außergewöhnlicher Hitzeeinwirkung entstanden sein, denn sie fühlten sich so glatt wie Glas an.

Der Raum war nach oben hin offen, jedoch mit einem gigantischen Gitter aus Stahl abgedeckt. Unitor hatte verschiedentlich gesehen, wie neben dem Gitter stehende Shondo in das Gefängnis hinabgeschaut hatten.

Außer Unitor befanden sich noch acht Kinder von Steppenmenschen und ein junger Priester des Wissens in dem Gefängnis. Die acht völlig unbehaarten Mivv-Kinder hatten Unitor gleich ohne Scheu gefragt, wo er herkomme und wieso er hier sei. Unitor freundete sich schnell mit ihnen an und erzählte von Mithrien, seiner Heimat, weit entfernt im kalten Norden. Wieso er gefangengehalten wurde, konnte er nicht erklären. Die Steppenkinder berichteten, dass die Shondo ihr Dorf am Rand der Steppe überfallen und sie hierher verschleppt hätten. Aber der Priester habe gesagt, er werde mit ihnen fliehen. Er wolle jedoch abwarten, ob nicht noch mehr Kinder kämen.

Der Priester des Wissens war misstrauisch. Anfänglich weigerte er sich sogar, Unitor seinen Namen zu nennen. Daraufhin beschloss Unitor, ihn nicht mehr zu beachten und sich stattdessen um die Steppenkinder zu kümmern. Zum Zeitvertreib spielte er mit ihnen Kinderspiele aus dem Norden, die er aus seiner eigenen Kindheit kannte. Nachdem sie Vertrauen geschöpft hatten, zeigten ihm die kleinen Mivv Spiele der Steppe, die sich fast allesamt um Pferde drehten. In einem Spiel kam aber auch ein heiliger Löwe vor, den sie Wiilidir nannten.

Einmal täglich ließen die Shondo Nahrungsmittel und Gefäße mit Wasser an Seilen durch das Gitter in die runde Zelle hinab. An einer Stelle befanden sich neben der Wand mehrere Löcher im Boden, die als Latrinen benutzt wurden.

Am dritten Tag seines Aufenthalts setzte sich der Priester des Wissens neben Unitor und begann übergangslos ein Gespräch: „Ich habe Sie im Paradies der Küste gesehen.“

Unitor sah erstaunt hoch: „Ja, von dort bin ich geflohen.“

„Warum?“, wollte der Priester wissen.

„Weil ich etwas Wichtiges in meiner Heimat zu erledigen habe“, erwiderte der Eisgraf.

Der junge Mann blickte Unitor forschend an: „Sind Sie ein Freund der Gütigen Frau von Oot?“

„Ich befürchte, das kann man so nicht sagen“, entgegnete Unitor. „Ich glaube, dass sie der Grund ist, warum ich hier bin.“

Mit einem Mal schienen Vorsicht und Argwohn von dem Priester abgefallen zu sein: „Mein Name ist Crandin. Kann ich Ihnen vertrauen?“

Unitor zögerte: „Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich bin ein Eisgraf. Sie können mir nur vertrauen, wenn es um Dinge geht, die meiner Heimat nicht schaden.“

„Meine Geschichte hat mit dem Norden nichts zu tun“, erklärte Crandin. „Man sagt, in den Nordlanden herrschen Freiheit und Gerechtigkeit. Würden Sie mir und den Kindern helfen, wenn Sie dazu die Möglichkeit hätten?“

Unitor nickte entschlossen: „Ja, das würde ich tun. Vor allem wegen der Kinder.“

„Dann werde ich Ihnen jetzt etwas erzählen, was mich das Leben kosten könnte, falls man im Paradies der Küste davon erfährt“, begann Crandin. „Wenn man als Priester des Wissens in Obesien geboren wird, wird man automatisch Mitglied im Orden und kann nach den Jahren der Ausbildung seinen Neigungen entsprechend Forschungen betreiben. Aber ich bin hier in Oot geboren. Dieses Monasterium gehört nicht wirklich zum Orden. Es lebt von der Sklaverei. Dass die Gütige Frau Waisenkinder aufnimmt, ist ein Märchen. Die Priester organisieren Überfälle der Shondo auf die Mivv und umgekehrt. Sie entführen Kinder, die sie später als Sklaven nach Surdyrien verkaufen, wo sie in den Bergwerken arbeiten müssen. Anscheinend kommen sie mit den Bedingungen in den Minen besser zurecht als die Surdyrier.“ Unitor war entsetzt. Er zweifelte nicht an der Wahrheit dieser Schilderung. Schließlich fragte er Crandin: „Warum hat man Sie hier eingesperrt?“

„Ich wurde hier nicht eingesperrt“, klärte Crandin ihn auf. „Man hat mich hierhergeschickt, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Wenn die Shondo genügend Kinder hier gesammelt haben, wird eine Flucht vorgetäuscht. Ich zahle dann die Shondo mit dem Geld des Monasteriums von Oot aus und bringe die Kinder zum Paradies der Küste. Wenn sie alt genug sind, werden sie mit dem Schiff nach Lumbur-Seyth geschafft und dort verkauft.“

„Und warum verraten Sie mir das alles?“, wollte Unitor wissen.

„Ich sagte Ihnen, dass ich hier geboren bin. Aber ich wollte nie Sklavenhändler werden. Ich interessiere mich für die geistigen Fähigkeiten von Tieren und würde gerne darüber Studien betreiben. In Oot wurde mir das nicht erlaubt, weil Telodon und Baradia meinen, dass solche Studien dem Monasterium nichts nützen. Da ich aber im „Paradies der Küste“ lebe, darf ich das Land nach den Regularien des Monasteriums nur mit Zustimmung des Rektors verlassen. Werden Sie mir helfen?“

Unitor stützte seinen Kopf auf die Hände: „Im Augenblick weiß ich nicht so genau wie. Aber wenn ich die Möglichkeit hätte: ja.“

 

*

 

Gruk bestätigte Duotora, dass der runde Kegelstumpf, den sie vom Bergrücken aus am Horizont entdeckt hatte, Sna-Snoot war, die heilige Stätte der Shondo. Er erwähnte dabei auch, dass es sich um den Sitz des legendären Schnorst von Oot handelte, den allerdings wohl kein lebender Shondo je zu Gesicht bekommen hatte. Der Vulkankegel lag im Zentrum des Verbreitungsgebiets der Roten Mondorchidee. Möglicherweise hatte das Vulkangestein Begleitbedingungen geschaffen, die diese Pflanze für ihr Gedeihen benötigte.

Duotora hatte nicht die Absicht, sich weiterhin in gewalttätige Auseinandersetzungen mit den Shondo einzulassen. Sie beschloss deshalb, allein nach Sna-Snoot zu gehen und mit deren Anführer zu verhandeln. Daher befahl sie dem Rest ihrer Gruppe, am Fuß des Bergrückens ein Lager aufzuschlagen und auf ihre Rückkehr zu warten. Gruk bot aufgrund seiner Ortskenntnisse an, sie nach Sna-Snoot zu führen. Aber Duotora ging nicht darauf ein. Sie kannte die Richtung und außerdem hatte sie Syx, der sie leiten konnte, wenn sie ihm jetzt die Richtung zeigte.

Als sie aufbrechen wollte, versperrte ihr Argo a Narga den Weg und hielt ihr einen irisierenden Stofffetzen hin.

„Was ist das?“, fragte Duotora.

„Ein Helm der Pylax“, erwiderte der Sindrier. „Der Hochkönig wird mich töten lassen, wenn Euch etwas zustößt. Deshalb bitte ich Euch, wenigstens diesen Kopfschutz zu tragen. Er ist aus demselben Material wie der Schild der Pylax.“

Duotora konnte sich kaum an eine ähnlich lange Ansprache des Sindriers erinnern. Um ihn nicht zu kränken, nahm sie den Kopfschutz an, obgleich sie fest daran glaubte, ihn nicht zu benötigen. Als sie den Stoff überzog, stellte sie fest, dass er äußerst leicht und angenehm zu tragen war. Er beeinträchtigte weder die Sicht noch die Atmung nennenswert, obwohl er den gesamten Kopf umschloss. Dann machte sich die Eisgräfin mit Syx und Wiilidir auf den Weg.

Nach den ersten Schritten gab Duotora dem Raben mit ihrem ausgestreckten Arm die Richtung an. Er stieg auf und flog hoch über dem Blätterdach. Von Zeit zu Zeit ließ er sich wie ein Stein herabfallen, um ihr den richtigen Weg zu weisen, wenn sie den größeren Gesteinsformationen, umgestürzten Baumriesen oder undurchdringlichem Gestrüpp ausweichen musste. Drei Stunden später hatte die Eisgräfin ihr Ziel erreicht. Aber der Ringwall schien über keinen Zugang zu verfügen. Duotora setzte sich, um ihr weiteres Vorgehen zu überdenken. Syx landete aufgeregt flatternd auf ihrem Knie und kreischte etwas, das wie „Tor“ klang. Erst glaubte Duotora, dass der Rabe versuchte, ihren Namen zu intonieren. Dann aber erinnerte sie sich daran, dass er eigentlich ziemlich deutlich sprechen konnte. Sie stand daher auf und folgte dem Vogel. Er flog voraus und ließ sich kurze Zeit später krächzend auf einem Gewirr von Schlingpflanzen nieder, welches bis auf den Boden reichte. Bevor sie sich versah, war Wiilidir zwischen den dichten Ranken verschwunden. Duotora schob die Pflanzen zur Seite und folgte ihm kriechend, bis sie die andere Seite des natürlichen Vorhangs hinter sich gelassen hatte. Dort stand der Löwe in einem schmalen Durchgang, der durch eine Bresche im Ringwall zum Inneren des ehemaligen Vulkankegels führte. Allerdings endete der Weg an einem schweren Tor aus Bronze. Duotora ging zu der Pforte und stellte fest, dass sie nur angelehnt war. Als sie dagegen stieß, schwang das Tor langsam nach innen auf. Im gleichen Augenblick prasselte ein Hagel von Pfeilen auf sie ein.

Dreißig Meter von der Pforte entfernt standen annähernd zwanzig Shondo mit Blasrohren nebeneinander und schossen dünne Pfeile auf die Eisgräfin ab. Die Geschosse prallten jedoch am Schild der Pylax ab, als handele es sich um eine schwere Rüstung aus Stahl.

Hinter den Männern mit den Blasrohren standen weitere Shondo mit ihren silbernen Beilen. Während die Schützen ihre nächsten Pfeile in die Blasrohre schoben, zischte etwas an Duotora vorbei. Im nächsten Augenblick glitt ein verzerrter Schemen wie ein umherzuckender Blitz durch die Reihe der Shondo, die plötzlich mit blutenden Wunden umhertaumelten und zu Boden fielen. Unterdessen stürmte auch der Löwe mit gewaltigen Sätzen auf die Eingeborenen los und fiel über die Männer mit den Äxten her. Nachdem er zwei gebissen und schwer verletzt hatte, stoben die verbliebenen Shondo in alle Richtungen davon. Duotora rief nach Wiilidir, der daraufhin gehorsam zu ihr zurücktrottete.

Die Dschungelmenschen, die mit den Blasrohren geschossen hatten, waren allesamt tot. Die meisten hatten Stichwunden in der Herzgegend, einige aber auch Schnittwunden am Hals. Von dem schrecklichen Schemen, der dies alles verursacht hatte, fehlte jegliche Spur.

Erst jetzt fand Duotora die Zeit, sich in dem riesigen Kessel im Inneren des Ringwalls umzusehen. Zu ihrer Linken standen viele mit Palmblättern gedeckte Hütten aus runden Stämmen und einem dicken Bambusgeflecht, die jedoch allesamt verlassen zu sein schienen. Zu ihrer Rechten sah sie Bäume und Sträucher in äußerst akkurater Anordnung, teilweise mit Früchten behangen, wohl eine Obstplantage. Im Hintergrund des Kessels erkannte sie einen großen, flachen Kreis mit einem gitterförmigen Muster auf dem Boden, dessen Beschaffenheit und Bedeutung sie von ihrem Standort aus nicht einzuordnen vermochte.

Zuerst ging Duotora mit äußerster Wachsamkeit auf die Siedlung zu. Auch der Steppenlöwe zu ihrer Rechten schien gespannt wie ein Bogen, die Augen und Nase in ständiger Bewegung. Aber der Ort war verlassen. Duotora durchstreifte mehrere Wege und sah in mehrere Hütten, aber nirgendwo ließ sich ein Shondo blicken. Mehrmals hatte sie das Gefühl, an einer der Hüttenwände einen flüchtigen Schatten zu sehen. Aber gewiss handelte es sich um eine Täuschung, denn alles blieb ruhig. Vermutlich hatten die Bewohner nach der neuerlichen Niederlage ihrer Krieger, die wiederum auf diese unfassbare Weise zustande gekommen war, fluchtartig ihr Dorf verlassen.

Dann ging Duotora in Richtung des merkwürdigen Kreises, der sich beim Näherkommen als ein riesiges, rundes Metallgitter entpuppte. Die Eisgräfin glaubte für einen Moment, Stimmen gehört zu haben. Auch der Löwe blieb stehen und knurrte bedrohlich. Dennoch schritt Duotora vorsichtig weiter und beugte sich zögernd über den Rand. Sie sah in einen etwa sechs Meter tiefen, mindestens fünfzig Meter durchmessenden, kreisrunden Krater. Etwa dreißig Meter von ihr entfernt stand eine kleine Gruppe von Menschen. Sie zählte acht Steppenkinder und zwei schlanke Männer, von denen einer ihr bekannt vorkam. Sofort dämmerte es ihr: Er hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Eisgrafen Unitor. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass der Mann sie nicht erkennen konnte, auch wenn es tatsächlich Unitor sein sollte. Sie trug noch immer den Helm der Pylax.

Dann ging ein Aufschrei durch die Gruppe, und die kleinen Steppenmenschen drängten sich an die beiden Männer. Das war der Moment, in dem der Kopf des Löwen für sie sichtbar geworden war.

Während der Mann, der diese Ähnlichkeit mit Unitor hatte, dem anderen etwas zuflüsterte, spürte Duotora plötzlich dieses unverkennbare Vibrieren in ihrer Stirn.

„Halt, Unitor!“, schrie sie und riss sich den Helm der Pylax vom Kopf. „Ich bin es, Duotora.“

Schlagartig erstarben die Vibrationen, und Unitor erstarrte in der Bewegung.

„Duotora?“ wiederholte er ungläubig. „Hier? Das ist unmöglich.“ Duotora war geneigt, ihm zuzustimmen. Unitor sollte sich eigentlich am entgegengesetzten Ende des Kontinents befinden. Die Eisgräfin entschloss sich jedoch, die offensichtliche Realität zu akzeptieren.

„Ist das ein Gefängnis oder so etwas?“, fragte sie.

„Ja. Wenn du wirklich Duotora bist, kannst du uns hier rausholen. Aber was ist mit diesem Löwen?“, fragte Unitor besorgt.

Nun wurde ihr erstmals bewusst, wie bedrohlich Wiilidir zumindest auf die anderen Gefangenen wirken musste.

„Ihr habt von ihm nichts zu befürchten“, versicherte sie. „Er ist zahm und gehorcht aufs Wort. Ich mache jetzt ein Loch in dieses Gitter und lasse ein Seil hinunter.“

Mit Hilfe des „vernichtenden Blicks“ löste Duotora einen Teil des Gitters am Rand auf. Dann entnahm sie ihrem Sack mit den Ausrüstungsgegenständen ein dünnes, aber äußerst reißfestes Seil, band es an eine verbliebene Metallstrebe und ließ es in das Gefängnis hinab. Unitor kletterte als Erster hoch und umarmte Duotora freudestrahlend: „Es ist ebenso unglaublich wie wichtig, dass du mich befreit hast. Seit Wochen werde ich immer wieder gehindert, folgenschwere Nachrichten nach Hause zu bringen.“

Crandin half den Kindern der Steppenmenschen beim Aufstieg, aber zuletzt zeigte sich, dass sie sich dabei wesentlich geschickter anstellten als er selbst. Nachdem die Kinder das Loch verlassen hatten, setzten sie sich in respektvollem Abstand von dem Löwen entfernt auf den Boden. Dann hörte Duotora, wie einer der Kleinen flüsterte: „Wiilidir.“ Der Löwe hob den Kopf, und Duotora lächelte:

„Ja, du hast recht. Das ist Wiilidir, der Schutzlöwe der Steppenmenschen, den einst der Mipf der Steppe dem Hochkönig von Sindra geschenkt hat. Solche Löwen werden uralt.“

„Und wie bist du zu diesem Löwen gekommen?“, wollte Unitor wissen.

„Er ist ein Geschenk des Hochkönigs Gylbax von Sindra“, erklärte Duotora.

„Ich habe gedacht, du wärst in Borthul“, meinte Unitor irritiert.

„Da war ich auch. Aber das ist eine lange Geschichte. Erzähle mir zuerst von der wichtigen Nachricht für den Norden“, verlangte Duotora. Unitor berichtete daraufhin in einer knappen Zusammenfassung von seiner Reise nach Surdyrien, seiner Verschleppung nach Obesien, seiner Befreiung und dem Tod Tritors, der Flucht nach Oot mit der Gütigen Frau, seinem heimlichen Weggang aus dem Paradies der Küste und seiner erneuten Gefangennahme durch die Shondo. Auch Duotora fasste ihren Bericht möglichst kurz. Sie erwähnte dabei auch den Grund ihrer Expedition. Nachdem sie geendet hatte, sagte Crandin: „Ich kann Ihnen helfen, den Orchideensamen zu beschaffen. Aber dann kann ich nicht mehr zum Paradies der Küste zurückkehren.“

„Du könntest mit mir in den Norden gehen“, schlug Unitor vor.

„Ich werde es mir überlegen“, kündigte Crandin an. „Wir müssen auch eine Lösung für die Kinder finden.“

Der weiße Rabe landete auf Duotoras Schulter.

„Noch ein Geschenk von Gylbax“, sagte sie lakonisch. „Er heißt Syx.“

„Syx“, wiederholte der Rabe.

„Er kann sprechen?“, fragte Unitor erstaunt.

„Er kann sprechen“, krächzte der Rabe.

„Er kann nur Worte wiederholen“, erklärte Duotora. „Aber er kann auch Orte wiederfinden.“

Crandin sah den Raben lange nachdenklich an. Schließlich meinte er: „Er kann nicht nur Worte wiederholen und Orte finden. Er versteht alles.“ Der Kopf des Raben fuhr in einer ruckhaften Bewegung zu Crandin herum. Es schien, als ob er ihn vorwurfsvoll und verärgert mit seinen dunklen Augen durchbohren wollte. Der aber fuhr unbeirrt fort: „Raben gehören zu den intelligentesten Tieren. Das haben die Sindrier schon vor Tausenden von Jahren erkannt und besonders intelligente Tiere weitergezüchtet. Wenn ein Rabe einem Menschen einen Ort zeigen soll, muss er verstehen, was der Mensch von ihm will.“ Nun fixierte Crandin seinerseits den Raben: „Mich kannst du nicht täuschen.“

„Idiot!“, krächzte der Rabe und flog auf. Duotora schüttelte den Kopf. Darauf hätte sie auch von selbst kommen können.

„Wo finde ich Orchideensamen?“, fragte sie Crandin.

„Wo sind die Shondo?“, fragte Crandin zurück.

„Sie sind geflohen. Vor mir und dem Löwen.“ Von dem unheimlichen Dämon erwähnte sie nichts, weil sie sich selbst noch nicht darüber im Klaren war, womit sie es dabei zu tun hatte.

„Dann sollten wir ins Dorf gehen“, empfahl Crandin. „Die größte Hütte soll dem einstigen Schnorst von Oot gehören. Dort wohnt jetzt der Häuptling des Dorfs. Er bewahrt die Orchideensamen auf und schickt sie dann immer zusammen mit den Sklavenkindern ins Paradies der Küste. Ich weiß, wo er sie lagert. Ich habe sie dort schon mehrfach selbst abgeholt.“

Die beiden Eisgrafen gingen zusammen mit dem Priester, den acht Mivv-Kindern und dem Löwen zu der Siedlung zurück. Währenddessen kreiste der weiße Rabe über ihren Köpfen und versuchte dabei verdächtig oft, seine Exkremente auf Crandins Kopf abzuladen.

Als sie die größte Hütte erreicht hatten, stieg Crandin durch eine der Fensteröffnungen hinein und kam wenig später mit einer aus Hartholz geschnitzten Dose zurück, die mit einer Kordel zugebunden war. Als er sie öffnete, sah Duotora die kleinen, schwarzen Samen auf einer Schicht von feuchtem Moos und winzigen Pilzen. Sorgsam verschloss sie das Behältnis wieder und steckte es ein. War es wirklich all die Leben wert, die es gekostet hatte? Duotora wusste natürlich, dass kein Blumensamen einen solchen Preis wert war.

Die beiden Eisgrafen beeilten sich anschließend, Sna-Snoot so schnell wie möglich zu verlassen. Sie befürchteten, dass die Shondo eine große Streitmacht versammeln würden, um ihre heilige Stadt von den Eindringlingen zurückzuerobern. Unbehelligt erreichten sie drei Stunden später Duotoras Lager am Fuß des Bergrückens. Dort wurden sie von dem Rest der Männer, die schon einen Überfall befürchtet hatten, sehnsüchtig erwartet. Inzwischen dämmerte es bereits. Duotora entschied daher, das Lager abzubrechen und auf ein Plateau in halber Höhe des Bergrückens zu verlegen, weil dieses sich leichter gegen Angriffe verteidigen ließ. Aber die Angriffe blieben aus. Der unheimliche Dämon, die vernichtende Waffe der Eisgrafen und der riesige Löwe hatten Uggx bewogen, nicht noch mehr Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

Duotora hatte ihr eigentliches Ziel, die Verhältnisse in Oot kennenzulernen, noch nicht erreicht. Vom Dschungel und den Shondo hatte sie einen Eindruck gewonnen, ebenso aus den Schilderungen Crandins und Unitors vom Paradies der Küste. Nachdem sie nun die Orchideensamen hatte, hielt sie es für angezeigt, diesen Ort zu meiden. Sie entschloss sich daher, am nächsten Tag in Richtung des Südlichen Gürtels aufzubrechen und die Mivv-Kinder dorthin mitzunehmen. Anschließend würde sie durch das Buschland und über Borthul auf dem Landweg nach Sindra zurückkehren. Unitor schlug sie vor, sich nach Lohidan zu begeben. Sie setzte ein Schreiben für den Kapitän von Senesia Sidas Schiff auf, worin sie diesen anwies, Unitor durch die Meerenge von Lokhrit zwischen dem Festland und der Insel Rukumor auf direktem Weg nach Sandammon in Zogh zu bringen. Von Lohidan aus waren das bei gutem Wind lediglich zweieinhalb Tagesreisen. Zuvor würde sich Unitor allerdings durch den Dschungel und den nördlichen Landesteil von Oot mit dem Targenzischen Tuff durchschlagen müssen. Dennoch handelte es sich um den schnellsten und sichersten Weg nach Zogh. Unitor stimmte zu.

„In Sna-Snoot hast du versprochen, mir zu helfen“, erinnerte ihn Crandin. „Im Norden wäre ich wohl tatsächlich am sichersten vor den Priestern von Oot. Außerdem habe ich gehört, dass es im Quaralpalast eine der größten Bibliotheken der Welt gibt. Vielleicht erlaubt mir der Hüter der Flammen, diese Bibliothek zu benutzen, um Studien zu betreiben.“

Das Einverständnis Unitors sollte sich als Schlüsselereignis erweisen, das die Geschichte des Nordens maßgeblich beeinflusste.

Noch am gleichen Morgen packten Unitor und Crandin bei den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne ihre Sachen für den Marsch nach Lohidan zusammen. Sie wollten möglichst schnell den Dschungel hinter sich lassen. Zwei Tage später erreichten sie wohlbehalten den Targenzischen Tuff, wo sich der Urwald lichtete und in eine graue Hügellandschaft aus pyroklastischem Vulkangestein überging. Wegen trockener Meerwinde und erheblichen Temperaturschwankungen gab es hier kaum Vegetation. In den zahllosen Felsspalten und Bodenrissen lebten viele giftige Kleintiere wie Skorpione, Schlangen, Echsen und Spinnen. Hier waren tagsüber die hohen Lederstiefel der beiden Männer noch überlebensnotwendiger als im Dschungel. Vor Einbruch der Dämmerung trugen sie einen großen Berg von trockenem Holz zusammen und zündeten ein Feuer an, das sie die ganze Nacht am Brennen hielten. Abwechselnd wachten der Eisgraf und der Priester aus Oot. Von den Shondo drohte in dieser menschenleeren Einöde zwar keine Gefahr mehr, wohl aber von dem giftigen Kleingetier. Und so waren Unitor und Crandin schließlich froh, als sie die Nacht unbeschadet überstanden hatten und die unwirtliche Tufflandschaft endlich verlassen konnten, um das sanfte, grüne Hügelland an der Grenze zu Lokhrit zu betreten.

Weitere zwei Tage später kamen sie in der Hafenstadt Lohidan an, zugleich der größten und wichtigsten Stadt in Lokhrit.

 

*


 

Nachdem Unitor und Crandin im Morgengrauen die Gruppe verlassen hatten, machte sich auch Duotora auf den Weg. Die Expeditionsteilnehmer waren einhellig der Meinung, dass sie versuchen sollten, dem Urwald so schnell wie möglich zu entfliehen und die Steppe zu erreichen. Diesmal ließ sich kein einziger Shondo während ihres Marsches blicken. Den Grund sollten sie bald erfahren.

 

Am Abend des vierten Tages nach dem Aufbruch konnten sie vom Gipfel eines kleinen Berges aus das ferne Steppenland sehen. Das gelbbraune Gras wogte wie ein weites Meer im warmen Wind und erstreckte sich nach drei Seiten bis zum Horizont.

Am nächsten Vormittag endete der Dschungel abrupt an einer nicht sehr hohen, aber schroffen Felsbarriere, die zur Steppe hin in einer lang gezogenen Sanddüne auslief. Duotora und ihre Begleiter hatten gerade die Mitte der Düne überwunden, als sie in der Ferne eine gelbe Staubwolke entdeckten.

Nach kurzer Zeit war klar, dass diese Wolke von einer großen Horde von Reitern aufgewirbelt wurde. Schnell näherte sie sich dem gegenwärtigen Standort der Eisgräfin und ihrer Begleiter von Osten her. Duotora ahnte, dass man sie auf ihrem Weg aus dem Dschungel unbemerkt beobachtet hatte und nun am Rande der Steppe ein Überfall stattfinden sollte. Eine Flucht zurück in den Wald kam für die Eisgräfin nicht in Betracht, zumal sie ohnehin beabsichtigt hatte, die Steppenkinder in ihre gewohnte Umgebung zurückzubringen.

Bei den Reitern handelte es sich um mehr als zweihundert Mivv. Am Fuß der großen Sanddüne angekommen, bildeten sie unterhalb des Standortes der Eisgräfin einen weiten Halbkreis.

Dann lösten sich aus diesem Halbkreis sieben der Steppenmenschen und ritten langsam auf Duotoras Gruppe zu.

Der Vorderste von ihnen hatte ein gelbes Tuch um den Kopf geschlungen. Er ergriff auch als Erster das Wort, während die Blicke der Übrigen eher ehrfürchtig als ängstlich auf den riesigen Löwen gerichtet waren.

„Ich bin Zidis, der Mipf der Steppe“, sagte der Anführer, als er nur noch wenige Meter von Duotora entfernt anhielt. „Wohin wollt ihr?“

„Wir wollen die Steppe und das Buschland durchqueren und nach Borthul reisen“, antwortete Duotora wahrheitsgemäß. „Aber weil das ein weiter Weg ist, möchten wir von euch acht Pferde kaufen. Die Steppenkinder, die ihr hier seht, waren von Shondo entführt worden. Wir haben sie befreit und würden sie gerne in eure Obhut geben.“

„Was ist das für ein Löwe?“, fragte der Anführer stattdessen, ohne auf die Wünsche der Eisgräfin einzugehen.

„Das ist Wiilidir“, platzte eines der Kinder heraus.

Die Begleiter des Königs sahen erneut mit ehrfürchtigem Staunen zu dem Löwen hinüber. Zidis dagegen reagierte verärgert: „Wiilidir, der heilige Löwe der Steppe? Du lügst. Der ist in Sindra.“

Offenbar gefiel dem Löwen der Ton des Königs nicht, denn er ließ ein grollendes Brummen vernehmen. Zidis wandte sich wieder Duotora zu: „Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr gebt mir die Dose, die ihr dem Schnorst von Oot gestohlen habt. Dann verkaufe ich euch die Pferde und lasse euch durch meine Steppe ziehen.“

„Und wenn ich Euch die Dose nicht gebe?“, wollte Duotora wissen.

„Dann muss ich euch leider alle töten und mir die Dose mit Gewalt nehmen“, bekannte Zidis unumwunden seine Absichten. Duotora spürte, wie sich unter ihren Begleitern angesichts der beeindruckenden Horde der Steppenmenschen eine unbehagliche Unruhe verbreitete. Lediglich Argo a Narga stand wie versteinert da, so als sei er gelähmt durch die Gefährlichkeit dieser angespannten Situation.

„Ihr dürft Duotora nicht töten. Sie steht unter dem Schutz Wiilidirs“, sagte er plötzlich in einem völlig ruhigen Tonfall.

„Ich habe euch gesagt, dass das nicht Wiilidir ist!“, plärrte Zidis. „Wer bist du überhaupt, dass du so mit dem Mipf der Steppe zu sprechen wagst?“

„Ich bin Argo a Narga.“ Stolz schwang in seiner nunmehr erhobenen Stimme mit. „Und du bist ein falscher König, wenn du Wiilidir nicht erkennst. Ich verlange, dass du mich künftig mit meinem vollen Namen ansprichst. Wenn du das nicht kannst, bist du nicht würdig, mich überhaupt anzusprechen.“

„Tötet sie!“, brüllte Zidis und seine Stimme überschlug sich vor Zorn. Er riss seinen Krummsäbel aus der Scheide, aber noch bevor er seinem Pferd die Sporen geben konnte, sah er den verzerrten Schatten einer Gestalt und das Aufblitzen eines silbrigen Beils. Das war das Letzte, was er sah. Sein Pferd vollführte einige sinnlose Luftsprünge, und die Begleiter des Königs erkannten mit Entsetzen, dass nur noch der Rumpf ihres Anführers auf dem Pferd saß und aus seinem Hals eine Blutfontäne spritzte.

Auch Duotora hatte die blitzartige Bewegung einer nebelhaften Gestalt wahrgenommen. Dann fiel ihr Blick auf das silberne Beil mit der blutigen Schneide, welches vor den Füßen Gruks auf dem Boden lag. Gruk selbst starrte auf seine Streitaxt und wusste nicht, wie ihm geschehen war.

„Wiilidir lässt sich nicht von einem falschen König beleidigen!“ Die Worte hallten wie Donner über die Steppe. Verblüfft fuhr Duotora herum. Argo a Narga hatte mit seiner rechten Faust den abgeschlagenen Kopf des Königs am Bart gepackt und hielt ihn in die Höhe. Die Eisgräfin hatte den schmächtigen Sindrier noch nie mit dieser furchteinflößenden Donnerstimme reden hören. Langsam dämmerte ihr die Wahrheit.

„Ihr werdet jetzt sofort die Wünsche der Herrin des heiligen Löwen befolgen, sonst wird die Steppe brennen!“ Mit diesen Worten warf Argo a Narga das Haupt des Königs neben dessen Rumpf, der inzwischen vom Pferd gefallen war. Einer der Begleiter des getöteten Mipf stieg von seinem Pferd und hob das Gelbe Tuch auf, das neben dem abgetrennten Kopf lag. Dann sagte er zu Duotora:

„Wir werden euch die besten Pferde geben und euch in Frieden ziehen lassen.“ Er hatte ohnehin nicht begriffen, weshalb sich der Mipf der Steppe wegen einer lächerlichen Dose zum Werkzeug der Shondo hatte machen lassen.

Duotora starrte immer noch den Mann zu ihrer Linken an: „Du bist ein Pylax, nicht wahr?“

Argo a Narga beantwortete die Frage nicht. Sie hatte ihn nicht mit seinem vollen Namen angesprochen. 




Kapitel 15 – Die Eroberung des Quaralpalasts


Das altehrwürdige Fürstengeschlecht von Drinh hatte seine trutzige Stammburg auf einem Tafelberg errichtet, der einige Meilen außerhalb der erst viel später entstandenen Stadt am Ufer des Benedan lag. Die grauen Burgmauern schienen mit der steil abfallenden Felskrone des nahezu exakt sechseckigen Tafelbergs verschmolzen. Dadurch wirkte die drittgrößte Burg Mithriens noch monumentaler als sie ohnehin schon war.

Die Fürsten zu Drinh genossen vor der Zeit Udubars große Beliebtheit im Land, was natürlich auch mit Gundur zu Drinh, dem ersten Hüter der Flammen, zusammenhing. Udubar zu Drinh hatte jedoch die Abgaben auf den von ihm verpachteten Ländereien im Süden Mithriens drastisch erhöht. Während die früheren Fürsten als lebensfroh und volkstümlich galten, lebten Udubar und seine Nachfolger zurückgezogen und unnahbar in ihrem Stammsitz. Dies hatte sich auch unter dem jetzt regierenden Urenkel Udubars, Zallux zu Drinh, nicht geändert.

Als Saradur an dem Holztor der mächtigen Burg angelangt war, sprang er mit fast jugendlicher Leichtigkeit aus dem Sattel seines großen Rappen und ging zu dem kleinen Erker neben dem Burgtor, wo ihn durch den Sehschlitz zwei blaue Augen misstrauisch musterten.

„Was ist Euer Begehr?“, fragte der Torwächter in der archaischen Sprache der alten Geschlechter.

Saradur strich sich eine mit grauen und weißen Haaren durchsetzte, dunkle Strähne aus dem Gesicht:

„Ich bin Saradur, der Sprecher des Ordens der Priester des Wissens. Ich muss mit Fürst Zallux wegen des bevorstehenden Elektrals sprechen.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis das schwere Holztor endlich an rasselnden Stahlketten hochgezogen wurde. Ein junger Bursche ergriff die Zügel des Rappen und führte ihn weg. Zwei schwer bewaffnete Wachen nahmen Saradur in die Mitte und führten ihn über den Burghof zum Portal eines Wehrturms. Dort musste er in einem kleinen Raum warten, während einer der beiden Wächter ihn anmeldete. Geraume Zeit später holte ihn der Wächter ab und geleitete ihn durch die weitläufigen Korridore der Burganlage. Die Schritte eisenbeschlagener Stiefel hallten durch kalte Steinflure. Es waren keine Teppiche vorhanden, und selbst die Ahnengalerien an den Wänden boten einen traurigen und ungepflegten Anblick. Überall hatten sich dicke Staubschichten abgelagert, und vereinzelt spannten sich Spinnweben zwischen den Rahmen. Teilweise hatten sich die Gespinste bereits unter der Last des schwarzen Staubes gelöst und flatterten in der Zugluft wie kleine Schmutzfähnchen. Die Treppen waren ausgetreten, und als sich Saradur einmal am Holzgeländer abstützen musste, gab es nach und wäre fast aus der Verankerung gebrochen.

Das geräumige Arbeitszimmer, in dem der Fürst den Sprecher empfing, bot dagegen ein völlig anderes Bild. Der Boden war mit dicken Teppichen ausgelegt. Drei der Wände zierten teure Wandbehänge mit Applikationen aus Goldbrokat. An der vierten Wand, hinter einem riesigen Schreibtisch mit der detailgetreuen Nachbildung der Burg, hingen zwei Porträts, die Gundur zu Drinh sowie den jetzigen Besitzer der Burg darstellten.

Zallux zu Drinh war ein Mann von knapp über fünfzig Jahren und von breiter, leicht untersetzter Statur. Seine braunen Haare hatten sich bereits deutlich gelichtet und seine blauen, wässrigen Augen wirkten unstet. Der gesamte Habitus des Mannes schien eine innere Unruhe widerzuspiegeln. Da zwischen den Bewohnern der Nordlande und ihren Nachbarn aus Obesien seit Menschengedenken eine ausgeprägte Feindseligkeit herrschte, zeigte sich Saradur auch nicht überrascht, dass der Fürst ohne jedwede Begrüßung und Höflichkeitsbekundung sofort zur Sache kam:

„Was hat ein Priester des Wissens mit dem Elektral zu schaffen?“

Saradur legte zwei röhrenförmige, aus gehärtetem Leder gefertigte Behältnisse auf den Tisch, öffnete den Deckel des kleineren und zog vorsichtig ein eingerolltes Dokument heraus.

„Bevor wir uns über das Elektral unterhalten, sollten Sie das hier lesen, Fürst Zallux.“ Damit schob er dem Fürsten das Dokument über den Schreibtisch. Zallux zu Drinh nahm es entgegen und stellte fest, dass es das Siegel des Verwalters der Vereinten Nordlande trug.

„Haben die Priester jetzt die Aufgaben der Boten übernommen?“, fragte der Fürst verächtlich.

„Es handelt sich hier um eine ganz besondere Angelegenheit“, gab Saradur gleichmütig zurück.

Zallux erbrach das Siegel und entrollte das Dokument. Beim Lesen legte sich seine Stirn in Falten, die immer tiefer wurden. Zuletzt warf er das Dokument zornig auf den Boden und schlug mit der Faust auf die Schreibtischplatte. An der Echtheit des Dokuments bestand kein Zweifel. Es enthielt einen Befehl des derzeit obersten Souveräns. Aber Zallux war entschlossen, diesen Befehl nicht auszuführen.

„Was wissen Sie davon?“, fuhr er Saradur an.

„Na ja, man könnte sagen, der Vorschlag stammt von mir“, bekundete der Ordenssprecher unbeeindruckt. Zallux sprang auf und trat wütend gegen den Schreibtisch.

„Dann werde ich das erst recht nicht tun“, brüllte er. „Es ist schon eine Dreistigkeit sondergleichen, ohne mein Wissen auf meinem Land einen geheimen Stützpunkt einzurichten. Aber dann auch noch von mir zu verlangen, ihn wieder in Betrieb zu nehmen …“ Saradur grinste anzüglich: „Wenn Sie davon gewusst hätten, wäre er ja wohl nicht mehr geheim gewesen, oder?“

Zallux zu Drinhs Kopf wurde dunkelrot wie ein überhitztes Gefäß kurz, bevor es zerplatzt.

„Verschwinden Sie“, geiferte er. „Sonst lasse ich Sie von meinen Männern aufspießen!“

Saradur blieb indessen völlig gelassen und strahlte nach wie vor eine unerschütterliche Ruhe aus. „Sie können mich anhören, dann werden Sie der nächste Hüter der Flammen sein“, eröffnete er dem Fürsten. „Sie können mich aber auch hinauswerfen, dann wird man Sie schon in Kürze in Stücke hacken. Glauben Sie mir: Das ist keine Drohung, sondern eine nüchterne Feststellung. Sie haben die Wahl.“

Zallux ging einige Zeit im Zimmer auf und ab wie ein gefangener Löwe. Schließlich blieb er vor Saradur stehen, immer noch mit hochrotem Kopf, und schnauzte ihn an:
 „Reden Sie, aber machen Sie’s kurz!“

Der Ordenssprecher strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht: „Vor mehr als achtzig Jahren, als die damalige Fürstin gerade ihren Sohn Udubar zur Welt gebracht hatte, gab es einen Brand im Dachstuhl dieses Gebäudes. Das geschah während eines Besuches des Beraters. Er war hier, um der Dame des Hauses seine Aufwartung zu machen und ihr zur Geburt ihres Sohnes zu gratulieren. Obwohl es durch das Feuer und die einstürzenden Sparren zu einem wilden Durcheinander kam, konnten durch das beherzte Eingreifen des Beraters sowohl die Fürstin als auch das Kind gerettet werden.“

„Das ist mir alles bekannt“, schnaubte Zallux.

Saradur blieb weiterhin gelassen: „Ja, aber was Sie nicht wissen, ist, dass bei dieser Gelegenheit das Kind vertauscht wurde. Der Brand wurde von einem Priester des Wissens eigens zu diesem Zweck gelegt. Böse Zungen behaupten sogar, es habe sich um den Berater höchstpersönlich gehandelt. Wie dem auch sei: Ihr Urgroßvater war der Sohn eines Tagelöhners aus Sanh.“

Zallux wollte zuerst erneut aufbegehren, aber dann ließ er sich in seinen Hochlehner plumpsen: „Das glaube ich Ihnen nicht. Wozu sollte so etwas gut sein?“ Saradur setzte sich in einen der Besuchersessel, ohne hierzu aufgefordert worden zu sein.

Dann beugte er sich vor wie eine Schlange, die ihre Beute fixiert: „Die Priester des Wissens handeln sehr weitsichtig. Der Orden könnte jetzt die Früchte dieser Tat ernten, indem er Sie erpresst.“

„Niemand würde einen derartigen Unsinn glauben“, wandte der Fürst ein.

„Täuschen Sie sich da bloß nicht“, entgegnete Saradur. „Solche Dinge werden in einem geheimen Trakt der Akademie von Modonos dokumentiert, und dort werden auch die entsprechenden Beweise hinterlegt. Aber in diesem Fall ist das sowieso eindeutig. Ich zeige Ihnen jetzt etwas.“

Der Ordenssprecher stand auf, ging hinter den Schreibtisch des Fürsten, nahm dessen Porträt von der Wand und legte es vorsichtig mit der Rückseite auf die Schreibtischplatte. Dann öffnete er das zweite, größere Behältnis und entnahm ihm eine eingerollte Leinwand. Als er den Lederzylinder umstülpte, fielen einige kleine Stifte heraus, mit deren Hilfe er die Leinwand über dem Porträt des derzeitigen Fürsten auf dem Rahmen befestigte. Dann hängte er das Bild wieder neben das Porträt von Gundur zu Drinh. Es zeigte einen jungen Mann, der mit seinen weichen, freundlichen Zügen dem ersten Hüter der Flammen wie aus dem Gesicht geschnitten glich. Sogar die dunkelblonden, leicht gewellten Haare vermittelten eine frappierende Ähnlichkeit mit Gundur, dessen Porträt offenbar in der Mitte seines Lebens entstanden war.

„Was ist das?“, fragte Zallux ungehalten. „Gundur zu Drinh als junger Mann?“

„Nein“, erwiderte Saradur. „Das ist Unitor, ein Eisgraf. Aber Sie haben selbst die unglaubliche Ähnlichkeit erkannt. Er ist der Urenkel des Fürstensohns Udubar, der unerkannt als Sohn eines Tagelöhners in Sanh lebte.“

Zallux hatte sich zwischenzeitlich erhoben. Er betrachtete eingehend das Porträt Unitors und verglich es mit Gundur zu Drinh. Dann ließ er sich wieder in seinen Sessel sinken. Die Zornesröte war vollständig aus seinem Gesicht gewichen. Bleich und verunsichert starrte er Saradur an. Der aber beruhigte ihn:

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt: Ich will Sie nicht bedrohen. Haben Sie vergessen, dass ich Ihnen angeboten hatte, Sie zum Hüter der Flammen zu machen?“

Zallux wirkte eher resigniert als begeistert: „Wie wollen Sie das anstellen?“

„Lassen Sie das meine Sorge sein“, kündigte Saradur an. „Ich habe Ihnen doch gerade erst vorgeführt, wie weitsichtig und mächtig der Orden ist. Alles was Sie für uns tun müssen, ist das, wozu Sie ohnehin verpflichtet sind: die Anordnung des Verwalters auszuführen. Wenn Sie dann erst einmal im Quaralpalast sitzen, kann Ihnen ohnehin gleichgültig sein, was in Doront geschieht.“

 

*

 

Das Schiff Senesia Sidas war in den kleinen Mündungstrichter des Drulh eingelaufen und dann noch fünf Meilen flussaufwärts gesegelt bis nach Sandammon, der einzigen Hafenstadt im Süden von Zogh. Nachdem Unitor und Crandin das Schiff verlassen hatten, machten sie sich auf zum „Areal der Allianz“. Offiziell galt dieses Gebiet, das sich fünfzehn Meilen nördlich von Sandammon über mehrere Hügel und einen weiten Talkessel erstreckte, als Begegnungsstätte der drei Nordlande.

In Wahrheit handelte es sich um ein riesiges Heerlager, zu dem der Zutritt für Fremde verboten war. Ausnahmen durften nur vom Marschall, der Königin von Zogh und der Obersten Strategin zugelassen werden.

Die um das gesamte Gelände verlaufende Mauer wies reichhaltige Verzierungen auf, und die schlanken Türme erinnerten eher an eine Kultstätte als an eine militärische Befestigungsanlage. Als sich Unitor zu einem dieser Türme begab, erschienen auf dem umlaufenden Balkon zwei Zogh mit wehenden Mänteln, auf denen ein weißes Ross prangte, das Emblem des Marschalls von Sandammon und Sokul.

„Ich bin Eisgraf Unitor“, stellte der Mithrier sich vor. „Bitte benachrichtigen Sie den Marschall, die Königin oder die Oberste Strategin, dass ich hier bin.“

Als Unitor das Zögern der Wache bemerkte, fügte er hinzu: „Ich werde hier draußen warten.“ Daraufhin entfernten sich die beiden Männer. Unitor und Crandin setzten sich ins Gras. Sie mussten sich nicht sehr lange gedulden. Der Wachhabende kam in Begleitung eines hochgewachsenen, älteren Zogh, der leichte Lederkleidung und einen schlichten, grauen Mantel ohne irgendwelche Abzeichen oder Wappen trug. Seine wallenden, grauen Haare fielen ihm bis auf die Schultern. Seine grauen Augen wirkten hellwach, und sein Gesicht wies nur wenige, aber tiefe Falten auf. Während er mit energischen Schritten durch das Tor des Turms auf Unitor zuging, lächelte er freundlich:

„Ich bin Par.Agdandall, der Marschall von Sandammon und Sokul. Ich freue mich, Euch endlich kennenlernen zu dürfen, Eisgraf Unitor.“ Er begrüßte Unitor mit einem freundschaftlichen Händedruck. „Ich bringe Euch zur Königin. Wollt Ihr, dass Euer Begleiter mitkommt?“ Crandin ergriff anstelle von Unitor das Wort: „Nein, Exzellenz. Die Angelegenheiten des Nordens gehen mich nichts an. Ich werde hier warten, wenn Sie erlauben.“

„Kommen Sie wenigstens mit in den Turm“, bat der Marschall. „Dort wird man Ihnen einen Aufenthaltsraum zur Verfügung stellen und Essen und Getränke bringen. Sie sind doch sicherlich hungrig von der Reise?“ Diesem Angebot konnte Crandin dann doch nicht widerstehen und so ließ er sich von dem Wächter in den Turm führen.

Von der Anhöhe aus, auf der sich der Wachturm befand, konnte man einen großen Teil des Heerlagers überblicken. Braune Steinbaracken mit gewölbten Dächern zogen sich über die Hügel bis zum Horizont. Ein Drittel des gewaltigen Talkessels wurde von einem Zeltlager ausgefüllt, der Rest bestand aus Pferdekoppeln und Viehweiden mit Herden von Kühen und Schafen. Nur wenige Gebäude waren dazwischen zu erkennen.

Der Marschall übergab Unitor eines der neben dem Wachturm angebundenen Pferde und bestieg selbst ebenfalls eines.

Dann ritten sie zu dem Zeltlager im Talkessel. Ein Zelt in der Mitte des Lagers überragte die anderen deutlich. Über dem Eingang knatterten die Flagge des Nordens und die alte Standarte von Zogh im Wind. Die Standarte trug aber zusätzlich eine Darstellung der Eiszapfen-Krone, das mittlerweile auch Unitor bekannte Hoheitszeichen der Königin von Zogh.

Zu beiden Seiten des Eingangs standen je drei Wachen. Unitor fiel auf, dass es sich um eine gemischte Truppe aus Zogh, Mithriern und Gatyern handelte. Der Marschall schlug die Plane am Eingang zur Seite und trat in das Zelt. Dabei bedeutete er Unitor, ihm zu folgen.

Die Königin saß völlig allein in dem großen Zelt am Kopfende eines schlichten Tisches. Als die Besucher eintraten, erhob sie sich, um Unitor zu begrüßen. Unitor erkannte sofort eine Ähnlichkeit mit Octora, auch wenn das Gesicht der Königin schon deutliche Anzeichen des Alters aufwies. Ihre Züge wirkten ebenso edel und streng wie die Octoras, aber in ihren grauen Augen strahlte ein lebhaftes Leuchten. Sie war nicht ganz so groß wie Octora, aber dennoch eine beeindruckende Erscheinung.

„Der Eisgraf Unitor“, stellte der Marschall zunächst den Ankömmling vor und dann die Königin mit den Worten: „Die Königin der Hochebenen, Schirmherrin der Höhlen und der südlichen Gestade.“

Die Königin schüttelte resigniert den Kopf: „Ach, Par, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du nicht mein Herold bist, sondern der Herrscher des Südens.“

Dann ergriff sie beide Hände Unitors: „Meine Tochter hat viel von Euch erzählt. Man muss allerdings hinter ihre Worte schauen, um zu sehen, dass sie Euch gern hat. Und, bitte, nennt mich nicht Königin. Mein Name ist Arthania.“

„Ist Octora hier?“, fragte Unitor.

„Nein, leider nicht“, seufzte die Königin. „Bitte setzt Euch, wir haben viel zu besprechen.“ Während Unitor und der Marschall Platz nahmen, gab Arthania den Wachen den Auftrag, Getränke und eine Mahlzeit für Unitor zu bringen. Dann begann sie ihren Bericht:

„Die Oberste Strategin hat mir den Befehl über das Heer der Allianz übertragen. Das heißt, dass wir uns im Krieg befinden. Octora hat zuvor einen geheimen Stützpunkt der Obesier in Mithrien zerstört.“

„Entschuldigt, dass ich Euch unterbreche“, fuhr Unitor dazwischen. „War das in der Nähe von Doront?“

Die Königin sah überrascht auf: „Genau.“

„Wurden auch die Bewohner von Sanh gefunden?“, hakte Unitor nach. Nun hatte Arthania verstanden. „Leider nein.“

„Woher hatte Octora diese Information?“, fragte Unitor nachdenklich. „Denn eigentlich sollte ich diese Nachricht überbringen, was sich aber durch meine Gefangennahme verzögert hat. Außer den Obesiern, die den Stützpunkt geplant und eingerichtet hatten, sowie Senesia Sida und mir wusste niemand davon.“

„Octora wurde die Nachricht von einem Shondo namens Uggx überbracht.“ Arthania sah Unitor an, aber nachdem dieser offenbar keine weiteren Fragen hatte, fuhr sie fort: „Als Octora auf ihrem Rückweg erfuhr, dass der Hüter der Flammen ermordet worden war, ritt sie direkt zum Quaralpalast …“

„Der Hüter der Flammen wurde ermordet?“, rief Unitor ungläubig aus.

„Stimmt, das könnt Ihr ja noch gar nicht wissen“, stellte Arthania fest. „Ihr kommt aus dem Süden. Der Mord ereignete sich auf sehr mysteriöse Weise durch einen Leibwächter des Hüters. Ich habe aber den Verdacht, dass auch der Verwalter nicht gänzlich unbeteiligt daran war.“

Obwohl Unitor den Verwalter nur wenige Male gesehen hatte, schien ihm dieser ungeheuerliche Verdacht unvorstellbar: „Wie kommt Ihr darauf?“

„Abgesehen davon, dass der Mord mit seinem Schwert geschah, hat er die anderen Wachen behindert, als sie dem Hüter während des Kampfes mit dem Attentäter zu Hilfe eilen wollten“, versuchte Arthania ihre Vermutung zu rechtfertigen.

„Woher wisst Ihr das?“, fragte Unitor, immer noch zweifelnd.

„Ich war selbst im Flammensaal, als der Mord geschah.“ Nach einer kurzen Pause fuhr die Königin fort: „Der Verwalter hat jetzt die Regentschaft bis zum Elektral übernommen. Das ist in der Konstitution der Vereinten Nordlande so vorgesehen. Aber bisher wurden wir immer noch nicht zum Elektral eingeladen, obgleich schon längere Zeit vergangen ist. Außerdem ist Octora verschwunden. Ich weiß von meinen Leuten im Quaralpalast, dass sie dort angekommen ist, aber niemand ihre Abreise bestätigen kann. Sie hat mir auch keine Nachricht geschickt, obwohl sie weiß, dass ich den Oberbefehl über das Vereinigte Heer übernommen habe. Wir müssen etwas unternehmen.“

Das Gespräch wurde unterbrochen, weil nunmehr drei junge Zogh Essen und Getränke auftischten. Als sie das Zelt wieder verlassen hatten, bat die Königin den Eisgrafen, von seiner eigenen Reise zu berichten. Unitor fasste seine Erlebnisse in Surdyrien, Obesien und Oot in knappen Worten zusammen. Nachdem er seine Schilderungen beendet hatte, eröffnete ihm der Marschall:

„Die Königin hatte die Absicht, mit ihrer Zogh-Armee den Quaralpalast zu belagern. Aber nachdem Ihr jetzt hier seid, würde es vielleicht ausreichen, eine kleine Armee von Fußsoldaten von Sylabit aus durch die Höhlen zu bringen, um den Verwalter zur Rede zu stellen. Ihr könntet nämlich im äußersten Notfall mit Eurem „vernichtenden Blick“ eine Bresche in der Mauer schaffen.“

Die Königin nickte: „Du hast recht, Par. Wenn Unitor damit einverstanden ist, werden wir es so versuchen. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn wir wenigstens einen Teil der Reiterei im Rücken hätten. Ich bitte dich, mit fünfhundert deiner Leute nach Delamunth zu reiten und dort zu warten. Dann hast du dir auch schon den halben Weg zum Elektral erspart.“

Der Marschall lächelte: „Du weißt, dass ich alles für dich tue.“

 

*

 

In der Region am Fuß der südlichen Ausläufer des Aralt-Gebirges waren die Winter in Zogh am mildesten. Dort lag auch Tidoa, der Standort eines der beiden Eisbäume von Zogh. Auf dem Ritt von Sandammon nach Sylabit hatte sich Unitor einen Abstecher zu diesem Baum gewünscht, weil es sich um Tritors Baum handelte. Da der Sohn des Herzogs bei der Befreiungsaktion in Modonos umgekommen war, lastete sein Tod schwer auf dem Gewissen des Mithriers.

Für die Königin und ihre kleine Eskorte bedeutete dieser Abstecher kaum einen Umweg, da Tidoa nur wenige Meilen von der Straße entfernt lag, die zunächst am Drulh entlang und dann am Fuße des Aralt von Sandammon im Süden nach Knoist im Norden verlief.

Der Eisbaum stand auf einer winzigen Insel mitten in einem kleinen Weiher, dem die Einheimischen den Namen Lock Toria gegeben hatten. Hinter dem Tümpel, auf dem einige Schwäne und Enten friedlich ihre Bahnen zogen, stieg fruchtbares Weideland sanft an. Dort graste eine Herde von Schafen, deren gemächliche Bewegungen dieses Bild der Beschaulichkeit vervollkommneten. Nahe am Rand des an das Weideland anschließenden Waldes war ein einsames Gehöft aus dunklem Holz errichtet worden. Hinter dem Wald ragten bereits die schroffen Wände der Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln in einen diesigen Winterhimmel.

Wann immer Unitor einen Eisbaum besucht hatte, war er zugleich fasziniert von dessen landschaftlicher Umgebung, die ihm jedes Mal einen ganz eigenen Zauber vermittelte. Die grandiose Kulisse, vor der der Eisbaum von Tidoa stand, erschien ihm wie ein Sinnbild von Ruhe und Stärke. Und er ertappte sich bei dem Gedanken, dass die Standorte der Eisbäume nicht zufällig wirkten, sondern eher so, als hätten sich die Bäume ihre Plätze gezielt ausgewählt. „Das wäre wenigstens ein Hauch von Erlösung für ein Lebewesen, das unzählige Jahre gebannt an einem Ort ausharren muss“, dachte der Eisgraf.

Da er sich nach der Nähe des mächtigen Baumes sehnte, war er gezwungen, eines der kleinen Ruderboote loszubinden, die an der Anlegestelle am Teichufer lagen und sacht im Rhythmus der leise schwappenden Wellen hin und her schaukelten. Trotz des Winterbeginns war dieser Weiher in der vom Aralt geschützten Lage noch nicht zugefroren. Man konnte Zweifel hegen, ob sich hier überhaupt jemals eine geschlossene Eisdecke bilden würde.

Während Unitor auf die Insel zuruderte, wurde ihm bewusst, dass dieser Eisbaum zwar etwas niedriger und nicht so ausladend war wie der von Sanh, aber deutlich kräftigere Äste aufwies. An der Uferböschung der kleinen Insel verweilte Unitor lange in seinem Boot und schaute hinauf in das schwarze Geäst des Baumes. Zuerst hatte ihn ein Gefühl unendlicher Trauer überkommen. Dann spürte er, wie diese namenlose Kraft, die der Baum verströmte, die Trauer unmerklich dämpfte. Schließlich verblieb nur noch ein tief empfundener Respekt für den Menschen, der aus eigenem Willensentschluss sein Leben für eine aus seiner Sicht wichtige Sache aufs Spiel gesetzt und dieses Spiel verloren hatte.

„Danke, Freund Tritor“, murmelte Unitor leise. Dann schob er mit einem der Ruder das Boot zurück in den Lock Toria. Noch bevor er das gegenüberliegende Ufer erreichte, spürte er eine Kraft in sich, die zuvor so nicht vorhanden gewesen war.

Sogar die Königin, die ihn an der Anlegestelle erwartete, schien diese Veränderung bemerkt zu haben. Als Unitor aus dem Boot ausstieg, kam sie ihm entgegen, während ihre berittene Eskorte mit Dryd Salmank und Crandin im Hintergrund wartete.

„Der Besuch des Eisbaums hat Euch geholfen“, stellte sie fest. „Es scheint, als seid Ihr von einer Last befreit und jetzt so entschlossen, wie ich das erhofft hatte. Eisgrafen dürfen nur kurz um Tote trauern, dann müssen sie sich wieder auf ihre Aufgaben besinnen.“

Unitor nickte nachdenklich: „Wenn wir Octora gefunden haben, werde ich Euch um die Erlaubnis bitten, auch noch den Eisbaum von Knoist besuchen zu dürfen.“

„Diese Erlaubnis habt Ihr schon jetzt“, erklärte die Königin freudig. „Es gibt keinen Ort in Zogh, an den Ihr nicht gehen dürft. Ich sagte es bereits: Meine Hoffnungen für die Nordlande ruhen in erster Linie auf Euch.“

Unitor sah die Königin überrascht an. Sie war keine Schmeichlerin, und man sagte ihr ein untrügliches Gespür für richtige Entscheidungen nach. Bevor er Einwände erheben konnte, fuhr sie fort: „Jetzt, da Ihr so entschlossen seid, Euch Euren Aufgaben zu stellen, habe ich ein Geschenk für Euch, das Euch dabei unterstützen soll.“ Sie griff in ihren Schwertgurt und zog ein langes, dünnes Schwert heraus, dessen Klinge und Parierstange selbst in der fahlen Wintersonne ein rötliches Glühen ausstrahlten. Der Knauf auf dem tiefschwarzen, geriffelten Griff bestand aus einem einzigen, riesigen Karneol.

„Dieses ist das Schwert von Umbursk“, erläuterte Arthania. „Es ist meines Wissens außer dem Schwert der Könige von Sindra das einzige aus reinem Cirrha-Stahl geschmiedete Schwert auf dem Kontinent. Es gibt kein Material, das ihm standhält. Möge es Euch so dienen, wie es mir gedient hat.“

Unitor zögerte: „Das kann ich nicht annehmen. Ihr werdet es vielleicht noch brauchen. Und dann ist da ja auch noch Octora…“

„Auch ein Eisgraf darf das Geschenk einer Königin nicht zurückweisen“, unterbrach ihn Arthania streng. „Es ist mein Wille, dass ab sofort Ihr dieses Schwert tragt. Zeigt mir, dass mein Vertrauen in Eure Entschlossenheit gerechtfertigt ist!“

Nun blieb Unitor nichts anderes übrig, als dieses wahrhaft königliche Geschenk anzunehmen. Als er das Schwert entgegennahm, war er verblüfft über dessen kaum wahrnehmbares Gewicht. Er schob es in die lederbezogene Scheide, die Arthania ihm nun ebenfalls reichte und gürtete es sich um: „Danke, Majestät. Ich hoffe, dass ich Euch nie enttäuschen werde.“

„Ihr habt mich gerade schon zum ersten Mal enttäuscht“, tadelte die Königin. „Könnt Ihr Euch meinen Namen wirklich nicht merken? Er lautet „Arthania“ und nicht „Majestät“!“ War es tatsächlich dem prophetischen Weitblick der Königin zu verdanken, dass die Entscheidung, sich von ihrer wichtigsten Waffe zu trennen, ihrer Tochter dereinst das Leben retten sollte?

 

*

 

Eine dünne Schneedecke hatte sich wie ein Teppich vor dem Quaralpalast ausgebreitet. Auch auf den Dächern und Mauerkronen glitzerte ein weißer Belag in der trüben Wintersonne. Ein auffrischender Westwind zerriss immer wieder die bleifarbenen Wolkenfetzen während er sie vor sich hertrieb. In der klirrend kalten Luft wirbelten winzige Eiskristalle, die im Licht der Sonnenstrahlen in allen Farben des Regenbogens funkelten.

Dieses friedliche und idyllische Bild wurde gestört durch ein Heer von Fußsoldaten, das auf die Festung zu marschierte und den weißen Teppich zertrampelte, bis stellenweise das dunkle Grau des Felsbodens zum Vorschein kam. Crandin war diese Eiseskälte nicht gewohnt. Er hatte den schweren Fellmantel, den ihm der Marschall geschenkt hatte, eng um sich geschlungen. Beim Anblick der gewaltigen Festungsanlage vergaß er für einen Augenblick die ungewohnte Kälte. Er konnte sich nicht recht vorstellen, wie das kleine Heer der Königin von Zogh in der Lage sein sollte, dieses Bollwerk einzunehmen.

Unter der Führung Arthanias näherten sich die Soldaten dem Palast in gleichmäßigem Schritt, als würden die massiven Mauern nicht existieren. Dann aber gab die Königin schließlich doch das Zeichen zum Anhalten. Sie ritt gemeinsam mit Unitor das letzte Stück des Weges bis kurz vor den riesigen Torstein. Aber dieses Mal wurde der mächtige Felsquader nicht hochgezogen als Unitor davorstand. Unbewegt verharrten die schweren Stahlseile in ihren von außen nicht sichtbaren, röhrenförmigen Kanälen. Stattdessen erschien auf der Mauer ein Wächter und rief:

„Auf Anordnung des Verwalters darf das Tor nur mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis geöffnet werden.“

Arthania ließ sich nicht einschüchtern: „Sagen Sie dem Verwalter, dass die Königin von Zogh ihn auffordert, binnen einer Stunde hier zu erscheinen. Ich vertrete die Oberste Strategin und bin hier als Oberbefehlshaberin der Vereinigten Armeen der Nordlande. In einer Stunde wird Eisgraf Unitor die Mauer durchbrechen und den Quaralpalast besetzen. Ach – und sagen Sie dem Verwalter bitte auch, dass ich ihm freies Geleit zusichere.“

Der Wächter verschwand.

 

Völlig außer Atem berichtete er wenig später dem Verwalter und Ak Taldac, dass die Königin von Zogh und Eisgraf Unitor mit einem Heer vor den Mauern des Palastes standen und ein Ultimatum gestellt hatten. Als der Torwächter geendet hatte, entließ ihn der Verwalter mit einer wegwerfenden Handbewegung. Nun schien er mit Ak Taldac allein im Zimmer zu sein. Genau betrachtet waren aber vier Lebewesen im Raum.

„Jetzt ist es soweit“, erklang Ak Taldacs müde Stimme. „Sie werden die Freilassung Octoras und den Kopf des Verwalters verlangen.“

„Es bleibt uns nichts anderes übrig als den Verwalter zu opfern“, sagte der Verwalter. „Ich muss mich eben in einen anderen Menschen zurückziehen, auch wenn ich dann weniger Einfluss habe. Jetzt werde ich erst einmal gehen und sie mir anhören.“

„Das ist zu riskant“, gab Ak Taldac zu bedenken. „Wenn sie den Verwalter töten, bist du auch tot.“

„Sie haben freies Geleit zugesichert“, widersprach der Verwalter. „Sobald ich zurückkomme, werde ich dir das Ergebnis des Gesprächs berichten und mich dann zu jemand anderem gesellen. Dann kannst du vorläufig den Oberbefehl hier übernehmen und ihnen den Verwalter schicken. Den brauchen wir dann nicht mehr. Wichtig ist nur, dass die Königin und der Eisgraf das Versprechen geben, mit ihrem Heer abzuziehen, ohne den Palast zu stürmen.“

 

*

 

Kurz vor Ablauf der Frist öffnete sich der Torstein, und der Verwalter trat in seiner prunkvollen, blauen Amtsrobe hinaus in den Schnee vor die Mauern des Quaralpalasts. Er sah Unitor und die graue Königin mit ihren wehenden weißen Haaren in einem langen Mantel aus Wolfspelz. Ihr einziger Schmuck war ein dünner, silberner Stirnreif mit der stilisierten Krone aus Eiszapfen, dem Wappen der Hochebenen. Hinter ihr stand drohend das kleine Heer.

„In der Geschichte der Vereinten Nordlande wurde der Quaralpalast noch niemals angegriffen. Will die Königin von Zogh die Macht über alle drei Nordlande an sich reißen?“, hallte die Stimme des Verwalters durch die Stille.

„Wäre ich dann in Begleitung eines Mithriers, der viel mehr Macht hat als ich?“ Die Königin deutete auf Unitor. „Und seht Ihr nicht, dass ich mit einer Armee der Nordlande und nicht mit einem Heer der Hochebenen hier bin?“

Bevor der Verwalter etwas entgegnen konnte, trat Unitor zwei Schritte vor. Seine Stimme klang noch lauter als die des Verwalters und schneidender als der eisige Wind, der über das Plateau vor dem Quaralpalast fegte:

„Wenn die Eisgräfin Octora nicht in längstens einer Stunde wohlbehalten und in Eurer Begleitung an dieser Stelle steht, werde ich die Mauer aufbrechen und Euch in Stücke hauen.“

Der Verwalter hob abwehrend einen Arm. Dann verkündete er feierlich: „Unter einer Bedingung!“

„Ihr habt keine Bedingungen zu stellen“, stellte Unitor klar. „Aber ich werde mir Euren Wunsch anhören.“

„Ihr könnt Octora und mich haben“, gestand der Verwalter zu. „Aber dann werdet ihr abziehen, ohne den Quaralpalast anzugreifen oder zu beschädigen. Darauf will ich Euer Wort als Eisgraf und das Wort der Königin von Zogh.“

„Ihr habt mein Wort darauf“, sagte Unitor nun etwas versöhnlicher. Als er sich zu der Königin umwandte, sah er ein kurzes, hintergründiges Lächeln auf ihren Zügen, welches ihn an dieses falsche Lächeln Octoras erinnerte. Es war immer auf ihrem Gesicht erschienen, wenn sie in Sylabit wieder einmal irgendetwas gegen ihn im Schilde geführt hatte.

Arthanias Mundwinkel zuckten immer noch, als sie sagte: „Mein Wort habt Ihr auch.“

Der Verwalter stapfte daraufhin durch den Schnee zurück zur Festung.

„Habt Ihr seine Augen gesehen?“, fragte Unitor die Königin.

„Ihr seid ein scharfer Beobachter“, erwiderte sie.

Dann setzten sich beide auf eine Bank, die vor den Mauern des Palastes stand. Die Königin zeigte nicht die geringsten Anzeichen einer gefühlsmäßigen Regung, während Unitor innerlich völlig aufgewühlt war. Als sich nach einer knappen Stunde der Torstein öffnete, sprang er schon auf, noch bevor er die beiden Gestalten sehen konnte. Die Königin dagegen blieb reglos sitzen.

Hinter Octora und dem Verwalter senkte sich der Torstein wieder in die Lücke, als ob es nie eine Öffnung in der Mauer gegeben hätte. Da fuhr Octora herum, packte den Verwalter mit beiden Händen am Hals und zwang ihn in die Knie, bevor er überhaupt an Gegenwehr denken konnte:

„Jetzt werdet Ihr mir sofort die Wahrheit sagen über all das, was hier geschieht oder ich erwürge Euch auf der Stelle.“ Der Verwalter versuchte zu sprechen, aber seinem Mund entrangen sich nur gurgelnde, grunzende, unverständliche Laute. Octora lockerte ihren Griff etwas: „Sprecht, sofort!“

„Bitte, Ihr müsst mir glauben“, flehte der Verwalter. „Ich weiß überhaupt nichts. Ich weiß nicht einmal, wie ich hierhergekommen bin.“

Sofort verstärkte sich ihr Griff wieder, unbarmherzig wie eine Galgenschlinge.

„Das war die falsche Antwort“, zischte sie.

„Aufhören!“ Ein scharfer Befehl, der keinen Widerspruch duldete und der Einzige, der dem Verwalter in diesem Augenblick das Leben retten konnte. Als Octora den Griff lockerte und aufsah, sah sie Unitor. Aber der Befehl war nicht von ihm gekommen. Hinter ihm erschien die Königin von Zogh mit schnellen Schritten und maßregelte ihre Tochter: „Wenn du ihn tötest, werden wir die Wahrheit nie erfahren.“ Octora ließ den Verwalter los, der daraufhin kraftlos vornüberfiel. Dann schaute sie zuerst Unitor und anschließend ihre Mutter an:

„Was ist das für eine seltsame Allianz?“ Anklagend zeigte sie auf Unitor und sagte mit einer klirrenden Kälte in ihrer Stimme und in ihren Augen, die er sein Leben lang nicht mehr vergessen konnte: „Du hast Tritor getötet, wenn auch nicht mit deinen Händen. Aber dazu wärst du ja auch gar nicht imstande gewesen.“ Dann blieb ihr Blick kurz an seinem Gürtel hängen, und mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen wandte sie sich langsam der Königin zu: „Wieso trägt dieser Versager das Schwert von Umbursk?“

Das Gesicht der Königin erschien wie aus Stein gemeißelt, als sie entgegnete: „Weil ich es ihm gegeben habe.“

Octora setzte zu einer wütenden Entgegnung an, aber Arthania hob die Hand und schnitt ihr das Wort ab: „Es war mein Schwert. ICH bin die Königin.“

Noch vor Kurzem hätte sich Unitor gefühlt wie ein Korn zwischen zwei Mühlsteinen. Aber nun hielt er stattdessen Octora vor: „Gerade haben wir dein Leben gerettet und möglicherweise sogar die Vereinten Nordlande. Vielleicht solltest du darüber einmal nachdenken.“ Octora aber beachtete ihn nicht und sprach weiter mit ihrer Mutter: „Du bist die Königin, aber ich bin die Oberste Strategin. Ich verlange den Befehl über mein Heer zurück.“

„Du musst nichts verlangen“, belehrte sie die Königin. „Du bist die Oberbefehlshaberin. Ich handelte nur als deine Vertreterin, solange du verschollen warst.“ Octora nickte: „Dann werde ich jetzt den Palast besetzen.“

„Das kannst du nicht tun“, rief Unitor. „Wir haben unser Wort gegeben, dass wir abziehen, wenn sie dich und den Verwalter herausgeben.“

„Du Schwächling hast vielleicht dein Wort gegeben“, entgegnete Octora verächtlich. „Ich nicht. Und ich bin die Befehlshaberin des Heeres.“

Hilfesuchend sah Unitor die Königin von Zogh an. Aber die zuckte nur die Schultern. Und da erinnerte er sich an dieses rätselhafte Lächeln Arthanias, bevor sie ihr Versprechen gab. Sie hatte das Verhalten ihrer Tochter vorausgesehen.

„Schafft den Verwalter fort und verhört ihn“, keifte Octora. Dann drehte sie sich um, sah zu der Mauer hoch und schrie nach den Wächtern. Als einer erschien, rief sie ihm zu:

„Ich will kein Blutvergießen. Öffnet sofort das Tor oder ich zerstöre die Mauer und besetze den Palast. Ich bin weder an das Wort der Königin von Zogh noch an das des Eisgrafen Unitor gebunden. Und mein Rang ist höher als der jedes Menschen, der sich innerhalb dieser Mauern aufhält. Wer sich meinen Befehlen widersetzt, wird gnadenlos bestraft.“

Damit gab sie ihren Soldaten das Handzeichen, das sie in Marsch setzte.

„Warte!“ Unitor hielt Octora am Arm fest. Sie schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt und fauchte ihn an: „Was willst du noch?“

Er öffnete die Schnalle seines Schwertgurts und hielt ihr den Gürtel mitsamt dem Schwert von Umbursk hin: „Du hattest recht. Es gehört dir. Nimm es! Ich würde mir ewig Vorwürfe machen, wenn dir etwas zustoßen würde, was mit dieser Waffe verhindert werden kann. Außerdem kannst du sowieso besser damit umgehen als ich.“

Ihr harter Gesichtsausdruck wurde etwas weicher. Zögernd nahm sie das Schwert entgegen und band es um. Dann schritt sie unter dem sich langsam öffnenden Torstein hindurch, um den Palast zu übernehmen, in dem sie noch bis vor einer Stunde gefangen gehalten worden war.

Innerhalb der Mauern des Quaralpalasts stieß die kleine Armee auf keinerlei Widerstand. Octora verteilte die Soldaten an den strategisch wichtigsten Stellen und begab sich dann mit Arthania, Unitor und Crandin zum Arbeitszimmer des Verwalters, wo Ak Riddon sie bereits erwartete.

„Wieso wurde ich hier festgehalten?“, fragte Octora ohne Umschweife den ehemaligen Aktuar des Verwalters.

Ak Riddon schaute sie völlig entgeistert an: „Davon wusste ich überhaupt nichts.“

„Sie haben doch hier vertretungsweise die Geschäfte des Verwalters geführt?“, vergewisserte sich die Oberste Strategin mit einem gefährlich klingenden Unterton in der Stimme.

„Ja, aber ich habe nur Anweisungen befolgt“, verteidigte sich der Aktuar. „Mir war gesagt worden, dass Sie abgereist seien, um das Elektral einzuberufen.“

Nach kurzem Zögern gab sich Octora damit zufrieden. Jedenfalls schien es so, denn nun traf sie ihre Anordnungen:

„Nachdem Sie bisher nur Anweisungen befolgt haben, werden Sie das auch weiterhin tun. Sie bekleiden diesen Posten als stellvertretender Verwalter bis Manden-Gatas aus Sylabit eintrifft. Den Verwalter selbst habe ich seines Amtes enthoben und in Gewahrsam genommen. Er wird nach Sylabit gebracht und dort verhört. Bis der neue Hüter der Flammen gewählt ist, wird Eisgraf Unitor vertretungsweise dieses Amt ausüben. Ich werde dafür sorgen, dass die Fürsten aus Mithrien und die Mitglieder des Rates der Weisen aus Gatya zum Elektral hierherkommen. Die Königin von Zogh wird den Herzog der Höhlen und den Marschall von Sandammon herbringen. Sorgen Sie dafür, dass diese Anordnungen im Quaralpalast bekannt gemacht werden.“

Nachdem Ak Riddon den Raum verlassen hatte, wandte sich Unitor an Octora: „Wieso ich?“ Als er die zornige Stirnfalte Octoras sah, wusste er bereits, dass diese Frage zu stellen ein Fehler gewesen war.

„Weil sonst kein anderer Tölpel hier ist, der noch ungeeigneter wäre“, knurrte sie ihn an.

Arthania versuchte, die Situation zu retten: „Was meine Tochter auf ihre unvergleichlich freundliche Art sagen wollte, ist Folgendes: Wir können hier in Mithrien auch nicht vorübergehend einfach eine Schlüsselposition mit Leuten aus Zogh oder Gatya besetzen. Ihr seid außerdem als Eisgraf der Einzige, der dafür in Betracht kommt. Und – wenn ich das hinzufügen darf – meiner Meinung nach auch der Richtige.“

Das trug ihr einen giftigen Blick Octoras ein, den die Königin ihrerseits mit einem überheblichen Lächeln quittierte.

 

*

 

Nachdem Ak Riddon die Anweisungen der Obersten Strategin ordnungsgemäß ausgeführt hatte, kehrte er in das Arbeitszimmer des ehemaligen Verwalters zurück. Da inzwischen bereits die Nacht hereingebrochen war, wunderte er sich, dass zu dieser späten Stunde noch ein Besucher angemeldet wurde. Seine Überraschung verstärkte sich, als er dem jungen, rothaarigen Priester des Wissens gegenüberstand, der den Eisgrafen begleitet hatte.

„Mein Name ist Crandin“, sagte Crandin freundlich und stellte ein Holzkästchen mit mehreren kleinen Luftlöchern auf den Tisch.

„Womit kann ich Ihnen dienen?“, fragte Ak Riddon unsicher.

„Ich hätte gerne gewusst, wie viele von Ihrer Sorte es hier gibt.“ Crandin wirkte noch immer sehr liebenswürdig, während sich Ak Riddon gehetzt umsah:

„Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

„Das war keine Frage, sondern eine Aufforderung“, berichtigte ihn Crandin. „Und ich weiß auch nicht, was an dieser Aufforderung unverständlich sein soll. Meine Geduld ist sehr begrenzt, wenn ich den Eindruck habe, dass eine Auseinandersetzung auf eine äußerst hinterhältige Art geführt wird.“ Er legte ein winziges Messerchen neben den Holzkasten auf den Tisch: „Wenn Sie mir nicht wahrheitsgemäß antworten, schneide ich Sie damit entzwei. Das macht mehr Spaß als Sie einfach zu zertreten.“ Bei diesen Worten drehte er sich zur Seite und sah den grauen Mon’ghal an der Wand hinter dem Schreibtisch mit einem breiten Grinsen an.

„Wie haben Sie mich erkannt?“, fragte Ak Riddon erschrocken.

„Ich kann die Dissonanz spüren, wenn Tiere menschliche Gedanken verändert abstrahlen, genau wie ich merke, wenn ein lebender Mensch überhaupt keine Gedanken abstrahlt wie der da.“ Crandin zeigte auf Ak Riddon. „Ich werde also früher oder später auch die anderen finden. Und wenn Sie mich belogen haben, werde ich Sie zerschneiden.“

„Es sind nur noch zwei“, gestand der Mon’ghal durch Ak Riddons Mund.

„Wir werden sehen. Und jetzt will ich wissen, wie Sie das machen“, verlangte Crandin. Nun war jede Freundlichkeit aus seiner Stimme gewichen.

„Ich wurde in einer Versuchsanlage mit bestimmten Substanzen behandelt“, enthüllte der Mon’ghal. „Ich fühle, dass ich kollektive Erinnerungen haben sollte, aber ich habe sie nicht. Ich weiß nur, dass ich bei vielen Menschen die Gedankenströme sehen und in sie eintauchen kann. Ich lebe dann praktisch im Geist dieses Menschen und kontrolliere ihn, bis ich ihn wieder verlasse.“

„Gut. Sie werden jetzt diesen Menschen verlassen. Ich werde Sie vorläufig nicht töten, aber ich kann nicht zulassen, dass Sie meinen neuen Freunden schaden. Deshalb werde ich Sie vorübergehend festsetzen.“ Mit diesen Worten ergriff der Priester aus Oot den Mon’ghal und sperrte ihn in die Holzkiste. Ak Riddons Blick klärte sich. „Mein Name ist Crandin“, sagte Crandin nun zum zweiten Mal.

„Wieso bin ich hier?“, fragte Ak Riddon erstaunt, als er sich im Sessel des Verwalters vorfand. „Ich habe das Gefühl, dass ich mich an nichts erinnern kann.“

„Ach, wirklich?“, tat Crandin erstaunt. „Können Sie sich auch nicht daran erinnern, dass die Oberste Strategin Sie beauftragt hat, während der Abwesenheit des Verwalters vorübergehend dessen Amtsgeschäfte zu führen?“ „Nein. Hat sie das?“, fragte Ak Riddon unsicher. „Ja. Aber das ist doch wirklich seltsam, dass Sie sich daran nicht erinnern können“, meinte Crandin kopfschüttelnd, nahm seinen kleinen Holzkasten sowie das Messerchen und verließ das Arbeitszimmer des Verwalters.

 

*

 

Im Quaralpalast war wieder Ruhe eingekehrt. Die Soldaten der Vereinigten Armee befanden sich inzwischen wieder in Sylabit und Manden-Gatas hatte die Amtsgeschäfte des Verwalters übernommen. Seit der Abreise Octoras nach Gatya waren drei Wochen und zwei Tage vergangen. Unitor hatte sich standhaft geweigert, in die Räume des Hüters der Flammen umzuziehen. Stattdessen hatte er eine der kleinen Wohnungen in dem Kuppelbau neben dem Hauptpalast bezogen, die den Eisgrafen für längere Aufenthalte im Quaralpalast zur Verfügung standen.

Crandin verbrachte die meiste Zeit in der Bibliothek, wo die Hüter der Flammen während fast drei Jahrhunderten das in Büchern gesammelte Wissen der Menschheit zusammengetragen hatten. Die nach einem großen Gelehrten Gatyas benannte Harlang-Bibliothek war auf dem ganzen Kontinent berühmt und wurde nur noch von der Bibliothek der Priester des Wissens in Modonos übertroffen. Unitor hatte verfügt, dass Crandin die Bibliothek jederzeit nach Belieben benutzen durfte.

 

An diesem Abend befand sich Crandin allein in einem kleinen Lesezimmer im Seitentrakt der Bibliothek. Er war so in seine Studien vertieft, dass er nicht bemerkte, wie eine schwarz verhüllte Gestalt mit dunkelrot glühenden Augen leise eintrat.

„Crandin, der Verräter“, dröhnte eine dumpfe Stimme wie aus einer Gruft.

Langsam sah Crandin auf: „Nein. Crandin, der Beschützer. Lass doch diese theatralischen Auftritte! Mich kannst du sowieso nicht täuschen, Großvater. Seit wann bist du hier?“

„Seit gestern“, erwiderte die vermummte Gestalt. „Aber dein Großvater ist tot und dabei sollten wir es bewenden lassen.“

Crandin zuckte die Schultern: „Einverstanden.“

Der Vermummte kam näher: „Woran arbeitest du?“

Crandin sah von seinem Buch auf: „Ich mache genau das, was du von mir erwartest. Ich versuche, einem Rätsel auf die Spur zu kommen. Und ich war auch schon ziemlich erfolgreich.“

Der Berater ließ sich auf einen Stuhl fallen. Seine Augen funkelten: „Was hast du herausgefunden?“

Crandin schob den dicken Wälzer mit dem abgegriffenen Ledereinband, in dem er gerade gelesen hatte, zur Seite. Er trug den kaum noch zu erkennenden Titel „Lumburia“. Der erstaunte Blick des Beraters war ihm nicht entgangen, sodass er sich zu einer kurzen Erklärung veranlasst sah:

„In Lumburia gibt es nicht nur eine urtümliche Menschenrasse, sondern auch Tierarten, die es sonst auf dem Kontinent nirgendwo gibt. Ich nehme an, dass auch die Mon’ghale ursprünglich aus Lumburia stammen. Das würde erklären, warum sie in Obesien überleben können, nicht aber hier im Norden. Nun hat irgendjemand versucht, Mon’ghale zu erschaffen, die auch sehr kalte Temperaturen überstehen. Sie haben einen grauen Hautpelz und die Fähigkeit, Gehirnschwingungen so zu modulieren, dass die Schwingungen des menschlichen Gehirns überlagert werden. Schon bei den geringsten Abweichungen von der normalen Struktur eines Gehirns, also zum Beispiel bei uns oder bei den Eisgrafen, funktioniert das allerdings nicht mehr.“

„Veränderte Mon’ghale“, sinnierte der Berater.

„Ja, aber Mon’ghale sind Tiere, die kein Gehirn im eigentlichen Sinn haben“, erinnerte Crandin.

„Wie ich dich kenne, hast du aber bereits eine Theorie“, lächelte der Berater.

„Schon“, gab Crandin zu. „Aber sie ist so verrückt, dass ich sie dir eigentlich lieber nicht darlegen würde, bis ich irgendwelche Bestätigungen dafür habe.“

„Du wirst nicht immer alles in Büchern finden. Vielleicht kann ich dir aus meinen Erfahrungen wichtige Erkenntnisse liefern. Aber dazu müsste ich zunächst einmal deine Theorie kennen“, ermunterte ihn der Berater.

„Also gut“, stimmte Crandin schließlich zu. Die Aussicht, von einem derart gebildeten und weit herumgereisten Mann vielleicht eine brauchbare Hilfestellung bekommen zu können, war einfach zu verlockend. Deshalb versuchte der junge Priester, seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in Worte zu fassen: „Die grauen Mon’ghale haben keinerlei genealogischen Erinnerungen, also kein Gedächtnis, in das die Geschichte ihrer Rasse eingeprägt ist. Bei dem Anpassungsprogramm muss irgendetwas schiefgelaufen sein. Ich vermute, dass die Fähigkeit der Gehirnmodulation schon die Wesen hatten, aus denen die grauen Mon’ghale entwickelt wurden. Ich vermeide bewusst den Begriff „gezüchtet“, weil ich davon überzeugt bin, dass es sich nicht um neu entstandene Lebewesen handelt, sondern um bereits vorhandene, die irgendwie umgewandelt wurden. Es wäre denkbar, dass beispielsweise ein Parasit Bausteine seines Wirts übernimmt. Wenn Mon’ghale die Funktionen eines menschlichen Gehirns simulieren können, müssen sie über eine biologische Grundlage verfügen, die sie hierzu befähigt. Das muss nicht zwangsläufig auch ein Gehirn sein, sondern kann auch irgendein anderer Baustein des Lebens sein, der vom Wirt in den Körper des Parasiten gelangt und dort so umgewandelt wird, dass er die gleichen Schwingungen erzeugt wie ein menschliches Gehirn. Der erste Teil meiner Theorie ist also, dass es irgendwann einen intensiven Kontakt zwischen Mensch und Mon’ghal gegeben haben muss, bei dem ein Baustein des menschlichen Körpers in den Körper des Mon’ghals gelangt ist. Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass dieser Baustein einfach vererbt werden kann. Da wir die Mon’ghale immer für unbedeutendes Ungeziefer gehalten haben, wissen wir praktisch nichts über ihre Vermehrung. Das heißt, wir müssen herausfinden, auf welche Weise der Erstkontakt zwischen Mensch und Mon’ghal stattfindet. Beim zweiten Teil meiner Theorie bin ich mir noch weniger sicher. Wozu dient dieses Anpassungsprogramm überhaupt? Es scheint sich der Schluss aufzudrängen, dass die in Obesien ansässigen Mon’ghale mit Hilfe der Kälteadaption neuen Lebensraum gewinnen wollen. Aber da ich den tieferen Sinn eines solchen Projekts nicht verstehe, muss ich eher in Erwägung ziehen, dass jemand die Mon’ghale für seine eigenen, wie auch immer gearteten Zwecke missbraucht. Das wäre dann jemand, der gegen ihre Beeinflussung immun ist. Aber durch die Panne bei der Umwandlung haben wir wohl ein wesentlich vordringlicheres Problem: Die ursprünglichen Mon’ghale haben aufgrund ihres genealogischen Bewusstseins stets ein gemeinsames Ziel verfolgt. Ein solches Ziel kann man identifizieren und mit einer einheitlichen Strategie bekämpfen. Da dieses Kollektivbewusstsein bei den grauen Mon’ghalen aber abhandengekommen ist, geht es jedem von denen nur noch darum, selbst zu überleben. Wenn sie sich also ausbreiten, könnte das den Norden in ein Chaos stürzen. Eine solche Situation ist viel schwieriger zu beherrschen als ein offener Krieg, bei dem man ein klares Ziel bekämpft. Ich habe zwar Grund zu der Annahme, dass es noch nicht viele graue Mon’ghale gibt, und Octora hat ja auch die Forschungsstation bei Doront zerstört. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein solches Projekt, das mit einem gigantischen Aufwand betrieben wurde und gerade auch für die Mon’ghale mit beträchtlichen Opfern verbunden ist, gleich beim ersten Rückschlag aufgegeben wird.“ 

Der Berater nickte nachdenklich: „Da hast du sicherlich recht. Ich habe gewusst, dass du der Beste von allen bist. Ich werde dir in den nächsten Tagen alle geheimen Gänge und Wege in dieser Anlage zeigen, damit du schnell wegkommen kannst, falls dies einmal notwendig werden sollte.“

Crandin winkte ab: „Ich wüsste nicht, weshalb ich gezwungen sein sollte, von hier zu fliehen. Es würde mich mehr interessieren, ob du mir bei der Beantwortung der Frage helfen kannst, wer oder was sich hinter diesen schrecklichen Versuchen mit den Mon’ghalen verbirgt.“

Der Berater rieb sich müde die Augen. Seine Stimme klang nun noch mehr, als käme sie aus einer Gruft: „Das eine hat mit dem anderen durchaus etwas zu tun. Ich befürchte, dass diese Versuche darauf abzielen, die gesamte Bevölkerung des Nordens auszulöschen. Und was noch schlimmer ist: Wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, steckt hinter diesen Versuchen der Mann, von dem wir beide abstammen. Und er muss Verbündete im Inneren Zirkel haben.“ Crandin war kreidebleich geworden. Er wusste, dass der Berater nicht dazu neigte, voreilige Schlüsse zu ziehen.

 

*

 

Die älteste Straße Mithriens führte von der Küstenstadt Marandia nach Drinh. Das mittlere Drittel dieser Straße verlief durch die Einöde von Clampp. Im Sommer reichte das völlig kahle, fast schwarze Felsgestein bis zum Horizont und erweckte den Eindruck, als sei alles Leben durch eine wütende Feuersbrunst vollständig ausgelöscht worden. Jetzt, in der kalten Jahreszeit, hatte diese schwarze Einsamkeit einen radikalen Farbwechsel vollzogen. Aber auch in ihrem weißen Wintergewand wirkte sie nicht minder trostlos.

Der kalte Nordwestwind führte drohend aufgetürmte, dunkle Wolken von Gatya heran, die das entlegene Land mit einem dichten Wirbel weißer Flocken überschütteten und unter dem Schnee begruben. Gegen dieses Schneetreiben kämpfte sich ein einsamer Reiter auf einem schwarzen Pferd in Richtung Marandia durch knietiefe Verwehungen. Aber sein Ziel war nicht die Küstenstadt, sondern es lag in diesem von der Welt abgeschiedenen Ödland, und er hatte es schon fast erreicht.

In seinem Alter musste ein Mann bis an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit gehen, um einen solchen Ritt durch diese eisige Hölle durchzustehen. Aber die Aussicht auf die alleinige Macht über die mächtigste Institution dieser Welt erschien ihm dies wert zu sein. Dabei ging es ihm nicht einmal wirklich um diese Macht. Sie würde ihm nur als Mittel zum Zweck dienen. Seit vielen, vielen Jahren kannte er Berion. Und in all diesen Jahren hatte sich der Höchste Priester äußerlich nicht verändert. Als er Berion zum ersten Mal gesehen hatte, war er selbst etwa dreißig Jahre alt. Jetzt war er ein alter Mann und sah auch so aus. Der Höchste Priester schien dagegen seither nicht um einen Tag gealtert zu sein. Folglich musste er ein Geheimnis haben, mit dem er das Alter besiegt hatte und vielleicht sogar den Tod. Und dieses Geheimnis wollte Saradur ihm unbedingt entreißen, gleichgültig zu welchem Preis. Daher nahm er auch jede Anstrengung auf sich, die geeignet erschien, sein Ziel zu erreichen. Immerhin wusste der Ordenssprecher inzwischen, wo der Höchste Priester am ehesten verwundbar war, vielleicht sogar so verwundbar, dass er bereit sein würde, sein Geheimnis preiszugeben.

Die Festung, die er aufzusuchen gedachte, konnte er erst erkennen, als er sie schon fast erreicht hatte. Sie bestand aus einem einzigen, rechteckigen Gebäude mit gewaltigen Ausmaßen. Die Kantenlängen betrugen rund sechshundert auf dreihundert Meter. Das flache Bauwerk hatte man zur Hälfte in den felsigen Untergrund eingelassen. Die zahlreichen Fensteröffnungen waren derart schmal, dass auch ein schlanker Mann nicht hindurchgelangen konnte. Saradur hatte selbst bei der Konstruktion mitgewirkt und dafür Sorge getragen, dass die Anlage auch einem verirrten Reisenden nicht ohne Weiteres auffiel. Dabei erschien es ohnehin höchst unwahrscheinlich, dass jemand die gut markierte Straße in dieser tristen Einöde verlassen würde. Die Wachposten erkannten den Rappen des Ordenssprechers und öffneten das Tor, noch bevor er dort anlangte.

Saradur wurde bereits von Trest, dem wissenschaftlichen Leiter, und Clabarus, dem militärischen Befehlshaber der Festung, erwartet.

„Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuchs?“, fragte Clabarus höflich nach der Begrüßung.

„Ich wollte mich persönlich über den Stand der Dinge informieren, da ich ohnehin in Drinh weilte“, erklärte Saradur. „Ich habe durchgesetzt, dass die Anlage in Doront wieder in Betrieb genommen wird, sicherheitshalber aber vorläufig nur von Priestern unter der Schirmherrschaft des Fürsten. Wenn der Fürst jedoch wie vorgesehen zum Elektral reist und zum neuen Hüter der Flammen ernannt wird, können Sie die Anlage übernehmen.“

Ein schneller Blick zu Trest verriet Saradur, dass er verstanden worden war. Der Orden würde die Anlage auf keinen Fall den Obesie