Prolog 

Krieg ist das Spiel mit dem höchsten Einsatz und deshalb ist es das Spiel der Mächtigen.
Es begann mit einem harmlosen Gespräch zweier einander sehr nahe stehenden Personen. Sie hatten die Entwicklung der Welt beleuchtet, in der sie lebten. Übereinstimmend kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Schöpfung aus den Fugen geraten war. Am meisten erzürnte sie aber die Tatsache, dass sie selbst nur unbedeutende Spielfiguren darstellten. Es schien ihnen nicht vergönnt, die Dinge zu verstehen, die sich hinter der sichtbaren Oberfläche abspielten. Sie missbilligten die Entwicklung, die das Spiel des Lebens auf dem Kontinent genommen hatte. Daher beschlossen sie in ihrer Überheblichkeit, die Regeln des Spiels zu ändern und selbst zu Spielern zu werden. Ihr hehres Ziel war es, die Schöpfung wieder in Ordnung zu bringen. Dann entzündete sich jedoch der Streit an der Frage, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Der edelste Ansatz schien zu sein, die Wucherungen des Bösen zu bekämpfen und bis zu dessen Wurzeln vorzudringen, gleichsam das Unkraut aus einem Acker herauszureißen. Bei diesem mühseligen Vorgehen bleibt es aber bisweilen nicht aus, dass schon wieder neues Unkraut sprießt bevor das alte vollständig entfernt ist. Der schnellere und vielleicht auch wirksamere Weg ist, den Acker abzubrennen, somit alles auszulöschen und auf einen Neubeginn zu setzen. Da sich die beiden Spieler nicht einigen konnten, vereinbarten sie, dass jeder so handeln sollte, wie er es für richtig halten würde. Dabei übersahen sie, dass die Welt vielschichtiger und wehrhafter ist als ein Acker.
Das harmlose Gespräch war beendet, und es begann ein Spiel, das den Kontinent erschütterte.
*
Dass in der Mitte des Raumes keine Flamme empor schoss, grenzte an ein Wunder. Die beiden glutroten Augenpaare hatten sich ineinander verbohrt als handele es sich um tödliche Waffen. 
„Sie werden diesen Kampf gegen das Geflecht der alten Wesenheiten sofort beenden.“ Eine nüchterne Feststellung, nicht einmal ein Vorwurf. Der sachliche Ton und die unterkühlte Gelassenheit des Besuchers standen in krassem Gegensatz zu dem schwelenden Feuer in seinen Augen. 
Zornig sprang der Hausherr auf. Zwei mit grauen und weißen Haaren durchsetzte, schwarze Strähnen fielen ihm in das scharf geschnittene Gesicht mit den tiefen Furchen.
„Wer sind Sie, dass Sie glauben, mir Befehle erteilen zu können?“ fauchte er ebenso wild wie der Brand, der in seinen Augen loderte. 
„Ich erteile keine Befehle sondern nur gut gemeinte Ratschläge“, berichtigte der Besucher gleichmütig. „Sie wollen einen Krieg führen, den Sie nicht gewinnen können. Sie haben nicht die geringste Vorstellung davon, über welche Macht die alten Wesenheiten verfügen.“
Die Miene des Hausherrn verzerrte sich noch mehr, und in seinen Augen lag ein fanatischer Glanz als er trotzig entgegnete: „Genau das ist der Grund, weshalb ich dieses Geflecht bekämpfe. Es bedroht die Welt, in der wir leben, wie ein Pilz, der einen Baum befällt und zersetzt. Es mag sein, dass ich von den Machtmitteln dieses Feindes nur undeutliche Vorstellungen habe. Aber Sie haben anscheinend überhaupt keine Ahnung vom Ausmaß der Bedrohung, um die es hier geht. Als Rektor eines Monasteriums wäre es Ihre Aufgabe, gegen solche Bedrohungen anzukämpfen. Stattdessen unterstützen Sie den Feind.“

 


Kapitel 1 – Wege ins Ungewisse



Zu spät hatten die Menschen des Nordens die dunklen Wolken bemerkt, die sich drohend über ihren Ländern zusammengeballt hatten. Sie waren daher nicht genügend vorbereitet gewesen, als das Gewitter über sie hereinbrach und zwei Eisgrafen sowie den Hüter der Flammen hinwegfegte. Nun schien sich der Sturm gelegt zu haben. Aber dieser Schein war trügerisch.

Noch immer hatte niemand die wahre Tragweite der Ereignisse und die wirklichen Feinde erkannt, die aus sicheren Tarnungen heraus die Fäden ihrer Intrigen spannen. Währenddessen bemühten sich die verbliebenen Eisgrafen, im Rahmen der immer noch geltenden Konventionen die Ordnung im Norden wiederherzustellen. Es handelte sich um einen Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

 

*

 

Üblicherweise traf das Trio der Weisen einmal jährlich abwechselnd in den drei größten Städten Gatyas zusammen, um Angelegenheiten von landesweiter Bedeutung zu erörtern. Dabei war es dem Vertreter von Jakodan, der größten Hafenstadt Gatyas, vorbehalten, für die Küstenbewohner zu sprechen, während die Weisen aus den Städten Orondinur und Gatas für die Belange des östlichen und des westlichen Landesteils eintraten.

Dass die drei Weisen nun in Orondinur zusammengetroffen waren, entsprach aber nicht diesem festen Zeitplan, sondern hatte seine Ursache in dem bevorstehenden Elektral. Eisgräfin Octora, die Oberste Strategin der Vereinten Nordlande, hatte nach ihrem Aufbruch aus dem Quaralpalast zunächst mit ihren fünfzig Reitern die Hauptstadt Gatyas aufgesucht. Dort war sie mit dem hochbetagten Ratsmitglied Gordin-Gatas zusammengetroffen, dem Großvater des verschollenen Eisgrafen Novotor. Sie überbrachte ihm die Nachricht, dass alle stimmberechtigten Mitglieder des Elektrals zum Quaralpalast kommen sollten, um dort entsprechend dem von der Konstitution vorgesehenen Ritual aus ihrer Mitte einen neuen Hüter der Flammen zu wählen. Octora hatte die Absicht gehabt, Gordin direkt von Gatas aus auf dem Landweg über Mithrien zum Quaralpalast zu bringen. Die beiden anderen Weisen sollten wie bei früheren Wahlzeremonien mit dem Schiff von Jakodan anreisen. Der greise Gordin zeigte sich jedoch nicht besonders glücklich über diesen Vorschlag und bat Octora, ihn stattdessen zunächst nach Orondinur zu eskortieren. Dort sollten mit den Ratsmitgliedern aus Orondinur und Jakodan Vorgespräche stattfinden. Octora beugte sich diesem Wunsch und begleitete mit der Hälfte ihrer Truppe das Pferdegespann, das Gordin-Gatas nach Orondinur brachte. Gleichzeitig holten die restlichen fünfundzwanzig Reiter unter der Führung von Dryd Wantari in Jakodan das Ratsmitglied Dolmand ab und brachten ihn ebenfalls nach Orondinur.

Der Ratssaal im Gemeinschaftshaus von Orondinur war verhältnismäßig klein, andererseits aber für eine Versammlung von nur drei Personen viel zu groß. In längst vergangener Zeit hatten die Ratssäle als Audienz- und Besprechungsräume der Könige gedient. Schon damals war jedoch der Rat der Weisen das eigentlich beherrschende Gremium in Gatya, während die von ihm ernannten Könige nur mehr oder weniger das Land nach außen repräsentierten. Es entsprach dem tief verwurzelten Selbstverständnis der freigeistigen Gatyer, nur eine Führung durch Personen zu akzeptieren, die sich durch außergewöhnliche Intelligenz, selbstlosen Einsatz und herausragende Verdienste um die Gemeinschaft ausgezeichnet hatten.

In der Mitte des holzgetäfelten Raumes stand ein dreieckiger Tisch, an dem die drei Weisen auf Polstersesseln mit überhohen Lehnen Platz nahmen. In den oberen Teil der nahezu zwei Meter hohen Lehnen waren die Stadtwappen von Orondinur, Gatas und Jakodan eingewirkt. Die voll beladenen Bücherregale an den Wänden ringsum reichten bis zur Decke. Eine gleichartige Einrichtung fand sich auch in den Ratssälen der beiden anderen Städte.

Es war nicht üblich, das Abstimmungsverhalten beim Elektral im Rahmen einer Ratssitzung vorab zu besprechen. Diesmal gab es aber einen bestimmten Grund, warum Gordin-Gatas dies ausnahmsweise gewünscht hatte: Er war bereits über achtzig Jahre alt, und es stand zu befürchten, dass er die lange Anreise zum Quaralpalast in diesem eisigen Winter möglicherweise nicht lebend überstehen würde. Deshalb suchte er gemeinsam mit den beiden anderen Weisen, Tansil-Orondinur und Dolmand-Jakodan, verbissen nach einer Lösung.

„Wäre es möglich, Gordin durch die Eisgräfin Octora vertreten zu lassen?“, fragte Dolmand-Jakodan.

„Das geht schon deshalb nicht, weil sie keine Gatyerin ist. Aber auch in der Konstitution ist die Vertretung eines stimmberechtigten Mitglieds nicht vorgesehen“, erklärte Gordin-Gatas.

„Das Trio der Weisen kann als höchstes Gremium des Landes für einzelne Angelegenheiten einen Sprecher bestellen. Das ist jedenfalls in unserer Verfassung so vorgesehen und müsste demnach auch für die Konstitution der Vereinten Nordlande und das Elektral gelten“, meinte Tansil-Orondinur.

„Nein“, widersprach Gordin-Gatas. „Für das Elektral ist ausdrücklich geregelt, dass nicht einmal ein stimmberechtigtes Mitglied eine Wahlstimme für ein anderes Mitglied abgeben darf.“ Er zeigte ostentativ auf ein in Leder gebundenes, aufwändig verziertes Dokument in einem der Bücherregale, welches die Konstitution der Vereinten Nordlande enthielt.

„Das ist die Lösung!“, rief Tansil-Orondinur aus. „Niemand darf für einen anderen eine Wahlstimme abgeben. Aber wenn ein gewählter Sprecher dieses Rates erklärt, dass kein Ratsmitglied eine Stimme abgibt, muss das nach der Konstitution zulässig sein.“

Tansil-Orondinur und Dolmand-Jakodan sahen Gordin-Gatas erwartungsvoll an. Der Alte wiegte eine Weile den Kopf und schließlich nickte er bedächtig:

„Eine Enthaltung gilt nach der Konstitution nicht als Stimmabgabe. Allerdings müsste der Beschluss, durch den ein Sprecher bestellt und zu dieser Erklärung ermächtigt wird, von einer neutralen Person bezeugt werden. Diese muss ihrerseits die Befugnis haben, vor dem Elektral sprechen zu dürfen.“

„Octora“, schlug Tansil-Orondinur vor. „Sie hat als Eisgräfin und Oberste Strategin das Rederecht.“ 

„Und wir umgehen damit auch das Problem, uns zwischen Mithrien und Zogh entscheiden zu müssen“, freute sich Dolmand-Jakodan. „Denn wenn die Gerüchte stimmen, die ich gehört habe, werden der Fürst zu Drinh und die Königin von Zogh vorgeschlagen werden.“

„Dann kann ich also davon ausgehen, dass jeder von euch sich bei der Wahl enthalten will?“, fragte Tansil-Orondinur und blickte die beiden anderen an. Gordin und Dolmand nickten zustimmend.

„Dann rufe ich jetzt Octora, damit sie die Ordnungsgemäßheit dieses Beschlusses beim Elektral bezeugen kann“, kündigte er an. „Ich erkläre mich freiwillig bereit, zum Quaralpalast zu reisen und dort als Sprecher unsere Erklärung abzugeben, falls ihr auch damit einverstanden seid.“

Wieder nickten beide und fanden sich nur allzugern bereit zu glauben, dass in diesem Fall der einfache Weg auch der richtige war.

*

Nur kurze Zeit nach Octora traf eine weitere Eisgräfin in Gatya ein. Sie suchte den Ort ihrer Geburt auf, hatte aber nicht die Absicht, dort längere Zeit zu verweilen. Orondinur bildete nur den Wendepunkt ihres Weges, der sie zurück in die Arme des Hochkönigs von Sindra führen sollte.

Duotora hatte sich zuerst zu dem mächtigen Eisbaum begeben, bevor sie in die Stadt weitergeritten war. Eigentlich wollte sie länger bei dem Baum bleiben und dessen geheimnisvolle Kräfte auf sich einwirken lassen. Es blieb ihr jedoch nicht verborgen, dass ihr Begleiter trotz seines dicken Pelzmantels immer schlechter mit der eisigen Kälte zurechtkam. Bereits kurz nachdem sie die Grenze von Lumbur-Seyth überschritten und die Ausläufer des Hügellandes von Orondinur erreicht hatten, brachte ein frostiger Nordwind zunächst Graupelschauer und schließlich ein heftiges Schneegestöber, bei dem man kaum noch die Hand vor den Augen sehen konnte.

Argo a Narga saß wie angefroren auf seinem klapprigen Pferd, beschwerte sich aber nie. Dennoch konnte Duotora den Anblick dieses geduldig ertragenen Leidens zuletzt nicht mehr verkraften und hatte daher ihr Pferd abgewendet. Ohnehin konnte sie sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Eisbaum ihr die gewohnte innere Zwiesprache dieses Mal verwehrte. Mühsam kämpften sich die beiden einsamen Reiter durch den Schnee bis sie endlich Orondinur erreichten.

Orondinur stellte eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Stadt dar. Sie war auf einem schräg ansteigenden Hügel errichtet, der auf drei Seiten von einer hufeisenförmigen Schlucht umschlossen wurde. Das aus rötlichem Stein in ovaler Form erbaute Gemeinschaftshaus der Stadt thronte auf dem Scheitelpunkt des Hügels. Viele Bewohner hatten diese ovale Form bei der Errichtung ihrer eigenen Häuser aufgegriffen. Wegen der gewölbten Dächer wirkte die Stadt jetzt im Winter vom höchsten Punkt aus betrachtet wie das zur Seite geneigte Gelege eines Riesenvogels mit unzähligen Eiern.

Hier überkam Duotora das Gefühl, zu Hause zu sein. Sogar bei dem Pylax, der in der prächtigen Stadt Zitaxon aufgewachsen war, schien sich ein anerkennendes Lächeln auf die eingefrorenen Lippen geschlichen zu haben. Die beiden Ankömmlinge benutzten die breite Straße, die in der Mitte des Hügels in Serpentinen zum Gemeinschaftshaus führte.

Einige Meter von der Treppe zum Eingang des Gebäudes entfernt waren eiserne Ringe in die Wand eingelassen. Dort banden Duotora und Argo a Narga ihre Pferde fest. Als sich Duotora der Treppe zuwandte, stand dort bereits Tansil-Orondinur. Duotora rannte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals, wobei sie voller Fröhlichkeit ausrief: „Es tut so gut, dich endlich wiederzusehen.“

„Meine Tochter“, war alles, was der Weise von Orondinur mit Freudentränen in den Augen herausbrachte.

Nach einer langen Umarmung sagte Duotora: „Mein Begleiter ist Argo a Narga aus Sindra. Dort ist es viel wärmer als hier bei uns. Er verträgt daher die Kälte nicht sonderlich gut. Können wir hineingehen?“

„Aber natürlich.“ Tansil-Orondinur führte seine Tochter und ihren Begleiter in den großen Eingangsbereich des Gemeinschaftshauses, wo kräftige, schmucklose Steinsäulen die Kreuzgewölbe der Decke trugen. Zwei Treppen und drei Türen führten an der gegenüberliegenden Wand aus der Eingangshalle hinaus. Tansil-Orondinur wählte die rechte Treppe, die in einen Korridor mündete, von dem wiederum mehrere Türen abzweigten. Er geleitete seine Besucher in ein kleines Zimmer mit einigen Sitzgelegenheiten und einem niedrigen Tisch. In einer Ecke des Zimmers flackerte im Kamin ein knisterndes Feuer und erfüllte den Raum mit behaglicher Wärme.

„Ich werde euch etwas Brot und Käse holen. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich“, sagte Tansil-Orondinur an seine Tochter gewandt. Dann verließ er den Raum und kehrte wenig später mit Brot, Käse, Früchten und Ziegenmilch in Begleitung einer Frau zurück.

„Octora!“, rief Duotora erstaunt.

„Sie ist wegen des Elektrals hier“, erklärte Tansil-Orondinur.

„Eine schlimme Sache“, meinte Duotora. „Ich habe vom Tod des Hüters der Flammen gehört. Bisher weiß ich nicht, was wirklich vorgefallen ist. Es gibt aber auch noch so viele andere, drängende Fragen. Ich habe zwei verlöschende Flammen gesehen. Wer ist tot?“

„Tritor wurde in Modonos ermordet als er Unitor befreien wollte“, antwortete Octora bedrückt. „Auch ich konnte noch nicht in Erfahrung bringen, wer die zweite Flamme war.“

„Weißt du etwas über Novotor?“, erkundigte sich Duotora daraufhin. „Man sagte mir, er sei wegen einer dringenden Angelegenheit aus Sindra weggerufen worden.“

„Auch davon weiß ich leider nichts“, entgegnete Octora bedauernd. „Aber was führt dich hierher?“

„Bitte erzählt mir zuerst, was sich hier in der Heimat zugetragen hat“, bat Duotora ihren Vater und die Eisgräfin aus Zogh.

Octora setzte sich und berichtete über die Eroberung des Stützpunkts von Doront, die Geschichte Unitors und was sie im Quaralpalast alles erlebt hatte. Sie war gekommen, um mit ihrer kleinen Streitmacht von fünfzig Berittenen das Trio der Weisen zum Elektral zu begleiten; aber aufgrund des Beschlusses würde nun allein Tansil-Orondinur mit ihr kommen. Als Octora geendet hatte, sagte Duotora traurig zu ihrem Vater:

„Du musst also zum Quaralpalast. Ich hatte gehofft, dass du mich vielleicht zu einer Hochzeit hättest begleiten können.“

Sie stand auf und ging zum Fenster. Im dichten Treiben der weißen Flocken hatte sie erst jetzt bemerkt, dass der weiße Rabe auf dem Fenstersims draußen gelandet war. Nachdem er ein paar Minuten gewartet hatte, klopfte er schließlich ungeduldig mit dem Schnabel gegen die angelaufene Scheibe.

Duotora öffnete das Fenster. Der Wind heulte kurz herein und blies dem Vogel einen weißen Schneewirbel hinterher. Während sie scheppernd den Fensterflügel wieder schloss, landete der Rabe auf ihrer Schulter und schüttelte einen Schwall nasser Flocken aus seinem Gefieder. Dann kaute er zärtlich an ihren Haaren herum.

„Das ist Syx, mein treuer Freund“, stellte sie ihn vor und zwinkerte ihm kurz zu. Die Kälte hatte auch ihm stark zugesetzt. Offenbar war er nicht zu seinen üblichen Späßen aufgelegt. Deshalb streichelte sie ihm nur sanft über den Kopf. Anschließend erzählte sie in knappen Worten, was sie seit ihrer Ankunft in Borthul erlebt hatte. Als sie mit ihrer Schilderung eigentlich schon fertig war, aber dann die Sprachlosigkeit und das ungläubige Erstaunen ihres Vaters und Octoras gewahrte, fügte sie hinzu:

„Ich habe zuerst gedacht, dass ich hierhergekommen bin, um Ratschläge zu hören. Aber eigentlich habe ich mich schon entschieden. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich die Fähigkeit des „vernichtenden Blicks“ verlieren werde. Ich habe den Eisbaum von Orondinur aufgesucht bevor ich hierherkam. Ich habe ein Gefühl der Enttäuschung und des Zweifels gespürt. Aber ich bin fest davon überzeugt, durch eine Vermählung mit dem Hochkönig von Sindra den Menschen des Nordens mehr nützen zu können als wenn ich seinen Antrag ablehnen würde. Jetzt weiß ich, dass ich gekommen bin, um eure Unterstützung zu erbitten.“

Octora spielte lange verlegen an ihrem Milchglas herum ehe sie schließlich den Blick hob und Duotora in die Augen sah.

„Ich werde deine Entscheidung respektieren“, versprach sie. „Aber ich möchte, dass du wenigstens den Grund meiner Zweifel kennst. Ich glaube, dass die Eisbäume die eigentlichen Wächter des Nordens sind. Wenn jemand unsere Länder erobern oder zerstören wollte, müsste er zuerst alle Eisbäume vernichten. Dies kann nur gelingen, wenn zuvor alle Eisgrafen beseitigt werden, die die Macht der Bäume in der Welt ausüben. Zwei von uns sind in kürzester Zeit gestorben. Wenn dir die Fähigkeit des „vernichtenden Blicks“ abhanden kommt, sind schon drei verloren.“

„Aber es sind immer noch sechs übrig. Und drei werden nachfolgen“, wandte Duotora ein.

„Bedenke bitte, dass es zwanzig Jahre dauert, bis ein neuer Eisgraf seine Aufgabe übernehmen kann“, hielt Octora ihr vor. „Der Feind hätte also zwanzig Jahre Zeit, um sechs Eisgrafen zu vernichten. Sollte dies nicht möglich sein, wenn in nur wenigen Monden drei von uns gegangen sind?“

„Woher willst du wissen, dass es überhaupt jemanden gibt, der die Bäume zerstören will?“, zweifelte Duotora.

„Der Berater glaubt es“, entgegnete Octora. „Aber ich weiß es, seit ich die unterirdische Festung der Obesier bei Doront gesehen habe.“

„Octora, diese Heirat ist nicht nur eine Sache des Herzens“, beschwor Duotora die andere Eisgräfin. „Ich bin überzeugt davon, dass in Sindra viel mehr Macht steckt als wir ahnen. Ich kann dort mehr bewirken als wenn ich versuchen würde, mich zwanzig Jahre vor einem Feind zu verstecken, den wir nicht einmal kennen.“

Octora sah auf ihre grauen, zierlichen Hände.

„Ja, wahrscheinlich hast du sogar recht“, gestand sie nachdenklich zu. „Jeder von uns muss das tun, was er selbst für richtig hält. Ich verspreche dir, dass ich immer für dich da sein werde, auch wenn du nicht mehr zu uns gehörst. Wie lautet eigentlich der Name, den dir deine Eltern gegeben haben?“

Duotora wusste genau, was Octora mit dieser Frage bezweckte. Aber sie versuchte gar nicht erst, einer unausweichlichen Erkenntnis auszuweichen.

„Er lautet Orandula-Orondinur“, murmelte sie.

Die beiden Frauen schauten sich ernst an, und in beider Augen begann es feucht zu schimmern.

„Es ist also bereits geschehen“, stellte Octora fest.

Eine Träne lief über Duotoras Wange. Wenn ein Eisgraf die Fähigkeit verloren hatte, den „vernichtenden Blick“ anzuwenden, handelte es sich um das untrügliche Zeichen, dass er von seinen Aufgaben entbunden war. Dann führte er wieder seinen Geburtsnamen und konnte ihn auch bereitwillig nennen. Das war jedoch seit unvordenklichen Zeiten nicht mehr geschehen.

„Ja“, bestätigte Orandula-Orondinur. „Ich hoffe, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich werde auch in Zukunft immer für dich da sein. Ich bin nicht so hilflos wie du vielleicht glaubst.“

„So ist es“, krächzte der weiße Rabe auf ihrer Schulter nachdrücklich. Argo a Narga stand auf und stellte sich neben Orandulas Sessel. Dabei schlug er seinen Leinen-Überwurf zurück und berührte zweimal vielsagend den Griff seines schmalen Schwerts. Niemand ahnte, dass nicht dieses todbringende, von allen Feinden gefürchtete Schwert des Pylax sondern der ulkige Rabe dazu ausersehen war, Duotoras Versprechen einzulösen.

*

Tulumath wirkte wie eines der typisch obesischen Heerlager. Es lag am Westrand der Obesischen Wüste und bestand aus den flachen Gebäuden der Unterkünfte sowie einem großen Verwaltungstrakt mit den Nahrungsmittellagern, mehreren Brunnen und staubigen Plätzen. Das einzig Auffällige an Tulumath war das große, obeliskenförmige Gebilde zwischen den Gebäuden und der Wüste, das wie ein überdimensionaler Termitenhügel aus der flachen Umgebung aufragte.

Der äußere Eindruck täuschte jedoch über die wahre Bedeutung Tulumaths. Kenner des obesischen Militärwesens hätte insoweit schon die Beflaggung des Verwaltungsgebäudes mit der Obesischen Viper nachdenklich gestimmt. Tulumath war der am besten gesicherte Ort in ganz Obesien. Nur wenige Personen wussten, dass es dieses Lager überhaupt gab. Tulumath beherbergte die Zentrale der Geheimen Schar und den Sitz ihres Ducarions, der aufgrund seiner Stellung gleichzeitig auch Mitglied des Kriegsrats von Obesien war. Aber jenseits dieser militärischen Strukturen barg der Ort ein schreckliches Geheimnis.

Seit kurzem war die Existenz Tulumaths auch einem einfachen Cinquon der Schildwache von Modonos bekannt. Das Kollektiv hatte ihn als einen Helden bezeichnet. Er hatte mit äußerster Verwegenheit bei der geplanten Hinrichtung des Eisgrafen Unitor auf dem „Platz der Einkehr“ nach dem Ausbruch des Tumults versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Todesmutig hatte sich Rachnad fremden Aufrührern entgegengestellt, die offenbar bei der Befreiung des Eisgrafen mitwirkten. Dabei hatte er mehrere Verwundungen erlitten. Unter anderem hatte ihm ein Steppenmensch mit seinem Säbel Sehnen am rechten Arm durchtrennt, der nun seither nutzlos an seiner rechten Seite herunterbaumelte. Das Kollektiv hatte daraufhin beschlossen, Rachnad für seinen heldenhaften Einsatz zu ehren. Ehrungen dieser Art fanden üblicherweise in Tulumath statt.

Sein oberster Vorgesetzter, der Ducarion der Schildwache, hatte ihn über die Existenz Tulumaths aufgeklärt und ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, welche Freuden ihn nach dem offiziellen Teil der Auszeichnungszeremonie in den Katakomben erwarteten.

Das gesamte Kollektiv von Ares-1 bis Ares-7 war eigens aus Modonos angereist, um die Auszeichnung vorzunehmen. Der Ducarion der Geheimen Schar hatte jeweils fünfundzwanzig Stiftschützen, Schwertkämpfer, Bogenschützen und Reiter für die Zeremonie abgeordnet. Sie hatten nun auf dem großen Platz vor dem Verwaltungsgebäude Aufstellung genommen. Selbstverständlich durften auch die Fanfarenbläser nicht fehlen, die Beginn und Ende der eigentlichen Ordensverleihung markierten. Danach kam der Teil, auf den sich Rachnad am meisten freute: Der Gang durch die „Welt der Belohnungen“.

Nach den Schilderungen seines Ducarions gab es unterhalb der Festung von Tulumath ein auf das Volk von Dunstein zurückgehendes, weitverzweigtes System von Gängen und Räumen, deren Einrichtungen den Vergnügungen der vom Kollektiv ausgewählten Gäste dienen sollten. Es hieß, dass man dort jenseits jeglicher Vorstellungskraft die exotischsten Bedürfnisse befriedigen konnte.

Der Klang der Fanfaren riss die vorausgeeilten Gedanken Rachnads in die Gegenwart zurück. Seite an Seite mit dem gefürchteten Brondik, dem Ducarion der Geheimen Schar, schritt er zu der provisorischen Bühne, wo ihn das Kollektiv erwartete. Als die beiden Männer die Treppe zu dem Podium betraten, verstummten die Fanfaren. Ares-1, der Sprecher des Kollektivs, hielt eine kurze Ansprache, in der er die herausragende Umsicht, das beispielhafte Pflichtbewusstsein und die außergewöhnliche Tapferkeit Rachnads in einer außer Kontrolle geratenen Situation lobte. Lautstark verlieh er dem Wunsch Ausdruck, Rachnad möge für alle Soldaten Obesiens ein leuchtendes Vorbild sein. Seltsamerweise blieb das Opfer, das der neue Volksheld gebracht hatte, gänzlich unerwähnt.

Anschließend hängte Ares-2 dem ehemaligen Cinquon der Schildwache, der nun nicht mehr diensttauglich war, die goldene Tapferkeitskette um. Dann gab es einen Händedruck und anerkennende Worte von jedem einzelnen Mitglied des Kollektivs.

Nachdem die Fanfarenbläser den Schlussakkord gesetzt hatten, führte der Ducarion den Helden unter dem Beifall der ausgewählten Soldaten von der Bühne und begleitete ihn zum „Tor der Freuden“.

„Sie werden nun etwas kennenlernen, wonach sich alle Menschen sehnen“, versprach Brondik in vertraulichem Ton. „Sie gehören zu den wenigen Auserwählten, die schon von der „Welt der Belohnungen“ gehört haben. Aber Sie werden sehen, dass das, was Sie dort erwartet, Ihre kühnsten Erwartungen übersteigt.“

Der vergitterte Eingang befand sich in einem unauffälligen, quadratischen, nur etwa drei Meter hohen Kubus. In seinem Innenraum führte eine Treppe in die Tiefe.

„Die Kette der Tapferkeit müssen Sie mir in Verwahrung geben bis Sie zurückkehren. Sie dürfen so lange bleiben wie Sie wollen“, erklärte der Ducarion während er das Gittertor aufschloss.

Die Treppe endete nach zweiundzwanzig Stufen an einer massiven Bronzetür. Brondik händigte Rachnad einen Zweitschlüssel aus und schob den Cinquon sanft durch die Tür nachdem er sie geöffnet hatte.

„Viel Vergnügen!“ wünschte er dem Schildwächter und klopfte ihm auf die Schulter. Rachnad achtete kaum noch darauf und schritt in den Gang. Dabei hatte er das Gefühl, dass die letzten Erinnerungen wie Staub von ihm abfielen.

Hinter dem Cinquon fiel die schwere Tür ins Schloss. Finsternis umgab nun den verwundeten Helden, sodass er Einzelheiten in dem vor ihm liegenden Gang nicht erkennen konnte. Deshalb beschloss er, die Tür nochmals kurz zu öffnen, um sich mit Hilfe des von der Treppe hereinfallenden Lichts besser orientieren zu können. Er ertastete das Schloss. Mehrere Versuche, den Schlüssel hineinzustecken, blieben jedoch erfolglos. Es hatte den Anschein als würde der Schlüssel nicht passen. Während Rachnad sich auf diese Weise abmühte, stellte er fest, dass sich seine Augen inzwischen etwas besser an die Dunkelheit angepasst hatten. Schemenhaft konnte er die Umrissse der Tür erkennen und auch sehen, dass die Helligkeit im hinteren Bereich des Ganges zunahm. Beruhigt gab er seine Versuche zur Öffnung der Tür auf und ging tiefer in den Stollen hinein. Nach etwa einhundert Metern nahm das Licht tatsächlich deutlich zu. Rachnad vermutete, dass die Decke dort mit einem luminiszierenden Anstrich versehen war. Er wusste, dass für solche Zwecke in letzter Zeit häufig das von den Priestern des Wissens entwickelte Ralumon verwendet wurde. Bevor er die Lichtquelle erreichte, betrat er einen großen, rechteckigen Raum, von dem aus mehrere hohe Felskorridore abzweigten. Rachnad sah sich um, fand jedoch keinerlei Hinweise darauf, wo die Gänge hinführten. Wie sollte er sich hier zurechtfinden? Als er sich schon entschlossen hatte, geradeaus weiterzugehen, hörte er ein leises, schleifendes Geräusch. Es drang aus einer der großen, seitlichen Öffnungen an sein Ohr. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass er sich offensichtlich im Empfangsraum befand, wo die Besucher von einer ortskundigen Person abgeholt wurden. Das Schleifgeräusch deutete sogar darauf hin, dass die Beförderung hier unten in einer Sänfte oder gar mit Hilfe eines noch außergewöhnlicheren Transportmittels erfolgte. Er wartete gespannt und schaute neugierig in den Gang, während sich das Geräusch näherte. Plötzlich tauchte über ihm in der Gangöffnung ein dunkler, kreisrunder Kopf auf, der den Durchmesser eines großen Wagenrades hatte. Zwei schwarze, handgroße Augen, die ihn in Form und Farbe an die Augen eines Mon’ghals erinnerten, starrten ihn an. Von dem spitzen Stachel auf dem Kopf des Wesens ging ein diffuses Leuchten aus. Rachnad konnte nun erkennen, dass es sich um ein gigantisches, raupenähnliches Tier handelte, das eine Länge von mindestens fünf Metern aufwies. Der Cinquon war begeistert: Schon die Begrüßung durch dieses gewaltige Beförderungswesen übertraf alle seine Erwartungen. Ehe er weitere Feststellungen treffen konnte, zuckte der Kopfstachel des Tieres auf ihn zu und traf ihn an der Schulter. Schlagartig setzte eine Lähmung ein, die aber das Bewusstsein des Obesiers unberührt ließ. Daher sah er auch noch, wie das Wesen ein rundes Maul mit zwei Reihen kleiner, messerscharfer Zähne aufriss. Dieser Rachen war größer als der Kopf des Soldaten. Er stülpte sich über Rachnad und verschlang ihn.

*

Die heiße Mittagssonne brannte unbarmherzig auf den kleinen Hafen von Tassivedes. Das unbewegte Meer wirkte wie ein blaues Brett, in dem die wenigen vor Anker liegenden Schiffe festzustecken schienen. Ein zufälliger Betrachter hätte den Eindruck gehabt, vor einem raumfüllenden Gemälde zu stehen. Aber es gab keinen Betrachter. Die Besatzungen der Schiffe hatten sich ebenso wie die Fischer und die Bewohner des Ortes vor der Hitze in die kühleren Innenhöfe der Gebäude geflüchtet, wo zahlreiche kleine Palmenhaine Schatten spendeten. Auch die vielen Hunde und Katzen hatten sich überall in Ecken verkrochen und dösten zu dieser Zeit des Tages vor sich hin. Selbst von den zahlreichen Vögeln, die die Insel bevölkerten, war nichts zu sehen und nichts zu hören.

Nur Denlaris, der Kommandant der Hafenwache, und die beiden Abgesandten des Hochkönigs waren hellwach und beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Hafeneinfahrt. Obwohl die Flaggen an den vier größten, im Hafenbecken ankernden Schiffen schlaff herabhingen, verriet die leuchtende Farbkombination aus grün und violett, dass es sich um Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth handelte. Der Rest bestand aus Fischerbooten und drei älteren Schiffen, die jedenfalls für Seefahrer aufgrund ihrer Bauart als sindrische Transportkähne zu erkennen waren.

Denlaris hatte die noch weit entfernten, sechs großen Galeeren längst erspäht. Mit ihren langen Rudern sahen sie wie winzige Wasserläufer aus, die sich der Insel jedoch mit auffallender Schnelligkeit annäherten. Unter normalen Umständen hätte der Kommandant der Hafenwache Alarm geschlagen und einen berittenen Boten nach Nottikar geschickt, wo sich ein kleiner Teil der sindrischen Kriegsflotte befand. Die Orte Tassivedes und Nottikar lagen an der engsten Stelle der Insel Ludoi an genau entgegengesetzten Buchten. Sie waren durch eine nahezu kerzengerade Straße miteinander verbunden. Die eigentliche Verkehrsroute der Handelsschiffe vom westlichen zum südlichen Ozean und umgekehrt führte durch die Meerenge zwischen Ludoi und Dukhul. Deswegen war Nottikar auch der wesentlich größere und wichtigere Hafen. Tassivedes lag auf der Seite zum offenen Meer hin und hatte eigentlich nur für den Fischfang Bedeutung. Wieso die Galeeren sich anschickten, Tassivedes anzulaufen, erschien Denlaris rätselhaft. Deshalb hätte er es auch für angebracht gehalten, die Kriegsflotte zu verständigen. Aber die beiden Abgesandten von Gylbax XII. untersagten dies. Bei ihrer Ankunft hatten sie Denlaris ein Schreiben mit dem Siegel des Hochkönigs und dessen Unterschrift vorgelegt, das ihnen die vorübergehende Befehlsgewalt über die Hafenstadt Tassivedes übertrug. Der Hafenkommandant wagte natürlich nicht, sich gegen einen Befehl des Hochkönigs zu stellen. Das wäre Hochverrat gewesen und hätte aller Voraussicht nach seine sofortige Exekution zur Folge gehabt. So musste er tatenlos zusehen, wie die sechs Galeeren in seinen Hafen einliefen. Dass sie die Flagge von Borthul aufgezogen hatten, konnte seine Zweifel nicht beseitigen. Er wusste, dass dies auch die übliche Vorgehensweise der Piraten von Borgoi war. Und tatsächlich wurden im Hafenbecken die Banner Borthuls eingeholt und die gefürchteten Flaggen der Freibeuter gehisst, weiße Haifische mit bluttriefenden Zähnen auf blauem Grund.

Schon wenige Minuten später enterten die Freibeuter die ersten beiden Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth. Da diese unbemannt waren, setzte niemand den Piraten in ihren bunten Seidengewändern Widerstand entgegen. Unmittelbar darauf begann das erste Schiff zu brennen.

Nachdem auch die anderen Feuer gefangen hatten und dichte Qualmwolken aufstiegen, zeigten sich die ersten Bewohner der Stadt. Aufgeregte Rufe wurden laut. Dies ermunterte einige der Piraten, in ihre Landungsboote zu klettern und auf den Hafenkai zuzusteuern.

Während sich die Menschen von Tassivedes schreiend ins Innere der Stadt zurückzogen, sagte einer der Abgesandten des Hochkönigs zu Denlaris:

„Jetzt können Sie die Alarmglocken läuten und Ihre Soldaten loslassen.“

Denlaris rannte zur nahegelegenen Garnison. Die beiden Gesandten des Hochkönigs zogen sich auf eine Anhöhe hinter dem Hafen zurück und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung.

In ihrer grellbunt schillernden Kleidung bewaffnet mit Säbeln, Äxten, Enterhaken und Schwertern waren die Freibeuter bereits über die ersten der kleinen Häuser hinter der Hafenmauer hergefallen. Sie traten die Türen ein und suchten fieberhaft nach Wertgegenständen und sonstigen für sie brauchbaren Waren. Keiner der Bewohner hatte den Mut, sich der Seeräuberhorde entgegenzustellen. Alle flüchteten in panischer Angst in den Wald hinter der Fischersiedlung.

Unmittelbar darauf läuteten die Alarmglocken der örtlichen Garnison, und wenig später ertönte ein langgezogenes Hornsignal. Für die Seeräuber bedeutete dies zugleich das Zeichen zum Rückzug. Beim Verlassen der geplünderten Häuser sahen die Piraten die ohne jegliche Schlachtordnung heranstürmenden Soldaten. Offenbar waren die Freibeuter von der zahlenmäßigen Stärke der heranrückenden Besatzung überrascht. Viele von ihnen entledigten sich bei der Flucht ihrer Beute. Den meisten gelang es, kampflos den Hafen zu erreichen. Nur vereinzelt kam es zu Scharmützeln. Fast allen Piraten gelang es, sich auf ihren Landungsbooten in Sicherheit zu bringen und durch das Hafenbecken zu ihren Schiffen zurück zu rudern.

Denlaris stellte fest, dass sämtliche Schiffe der Fangflotte aus Lumbur-Seyth und zwei sindrische Schiffe ein Raub der Flammen geworden waren. Drei brannten immer noch lichterloh.

Unangefochten begaben sich die Piraten auf ihre Galeeren, die anschließend Kurs auf das offene Meer nahmen. Denlaris sah ihnen gedankenverloren von der Kaimauer aus nach. Der ganze Vorfall hatte für ihn etwas Unwirkliches. Vor allem die Vernichtung der Fangflotte aus Lumbur-Seyth erschien ihm völlig sinnlos. Während er in den Ort zurücklief, sah er wie einer der Gesandten des Hochkönigs einen verwundeten Piraten erstach. Anschließend gab der Mann einigen Soldaten die Anweisung, einen Scheiterhaufen zu errichten und die Leichen der vier toten Piraten zu verbrennen. Denlaris zuckte zusammen, als er die Gesichtszüge der Toten sah. Ihre Haut war gelbbraun, die Augen sehr dunkel und die Haare glänzend schwarz. Es handelte sich eindeutig um Sindrier. Er machte die beiden Vertreter des Hochkönigs auf diesen Umstand aufmerksam. Während der eine dem anderen einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, erklärte jener in abfälligem Ton:

„Bei den Piraten von Borgoi gibt es natürlich auch Leute aus Sindra. Das ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen.“

„Die Flotte aus Nottikar hätte die Piraten allesamt vernichten können“, brummte Denlaris unzufrieden.

„Wozu?“ fragte der Gesandte. „Sie haben das Pack doch in die Flucht geschlagen, und jetzt können diese Verbrecher ihren Freunden berichten, dass wir nicht einmal die Kriegsflotte brauchen, um mit ihnen fertig zu werden.“

„Der Hochkönig wird mit Ihnen zufrieden sein“, lobte ihn der andere. „Wir werden Sie mitnehmen nach Dukhul und Sie dem Hafenmeister für eine Beförderung vorschlagen. Bei Leuten wie Ihnen, die zur richtigen Zeit das Richtige unternehmen und sich auch einmal bereitwillig in die Ordnung fügen können, dürfen solche Talente nicht in einem verschlafenen Fischerdorf verschwendet werden.“ Die Augen des Hafenkommandanten begannen zu leuchten.

Am Abend dieses Tages lief in Nottikar ein Schiff aus, das die beiden Gesandten des Hochkönigs nach Dukhul auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge von Ludoi bringen sollte. Ihr endgültiges Ziel war Zitaxon. An Bord befand sich auch Denlaris, der der Begegnung mit Jekisebek entgegenfieberte, dem Hafenmeister von Dukhul, einem der mächtigsten Männer des Reiches. Der ehemalige Kommandant von Tassivedes war insbesondere gespannt, welche neuen Aufgaben seine bevorstehende Beförderung mit sich bringen würde. Am allermeisten freute er sich aber auf das Wiedersehen mit seiner Familie, die immer noch auf dem Festland wohnte.

Er stand an der Reling des breiten Bugs und konnte in der Ferne bereits die schimmernden Lichter von Dukhul sehen. Fröhlich lachend unterhielten sich die beiden Gesandten als sie zu ihm herübergeschlendert kamen. Überschwänglich legte ihm einer der beiden den Arm um die Schulter. Denlaris zeigte auf die Lichter und versuchte, die Zeit bis zu seinem Eintreffen an Land abzuschätzen. Im gleichen Augenblick packte ihn der andere Gesandte an den Fußknöcheln und riss ihn hoch, sodass Denlaris den Stand verlor. Dann ergriffen ihn vier Hände und warfen ihn über Bord. Im Fallen prallte er gegen den Bug des Schiffes, der ihn anschließend unter sich in den Fluten des Meeres begrub.

Das Lachen der Gesandten verstummte. Versonnen sahen sie zu den Lichtern hinüber.

Manchmal müssen kleine Opfer gebracht werden, um große Opfer zu vermeiden“, pflegten Gylbax XII. und seine Vorfahren zu sagen. Die beiden Gesandten verspürten eine grenzenlose Erleichterung darüber, dass sie nicht die Opfer waren. Dafür nahmen sie auch gerne in Kauf, die Täter zu sein. Aber in Sindra konnte der Weg vom Täter zum Opfer bisweilen sehr kurz geraten.

Selazidang, der berühmte Gelehrte, hatte an einer versteckten Stelle seiner berühmten Schriften gewagt, dem geflügelten Wort der Hochkönige eine eigene Erkenntnis entgegenzusetzen: „Leider verhält es sich zumeist so, dass viele Leben nicht für das Gemeinwohl geopfert werden, sondern für das eitle Wohlergehen eines Einzelnen.“ 

*

Wie der Berater es fertiggebracht hatte, Quintora als Hilfskraft in die Akademie von Modonos einzuschleusen, wusste sie selbst nicht. Wunderlicherweise wies ihr Genehmigungsnachweis Unterschrift und Siegel genau derjenigen Person auf, die sie dort überwachen sollte: Saradur. Der Berater vermutete, dass der Ordenssprecher der Drahtzieher einer Verschwörung gegen die Nordlande war. Quintora sollte herausfinden, was er vorhatte und mit wem er zusammenarbeitete.

In den Wirren nach der fehlgeschlagenen Hinrichtung Unitors hatte sie es stattdessen übernommen, für einen reibungslosen Ablauf der Flucht des Eisgrafen aus Obesien zu sorgen. Ausgerechnet in dieser Zeit war Saradur mit unbekanntem Ziel aufgebrochen, so dass Quintora wohl oder übel nichts anderes übrigblieb, als bis zu seiner Rückkehr in der Akademie auszuharren. Dabei kam ihr zugute, dass Hilfskräfte mit Empfehlungsschreiben in der Gestaltung ihrer Tätigkeiten weitgehend frei waren. Sie hatte die Zeit genutzt, um die äußerst weitläufigen und verwinkelten Räumlichkeiten der Akademie zu erforschen, die bis an das unterirdische Kanalsystem der Hauptstadt heranreichten.

Vor zwei Tagen war Saradur dann endlich zurückgekehrt, jedoch nach dieser kurzen Ruhepause gleich erneut aufgebrochen. Diesmal sah sich Quintora nicht durch anderweitige Aufgaben gehindert und konnte ihm deshalb folgen, um ihn zu beschatten. In den engen Straßen und Gassen von Modonos gestaltete sich dies noch als vergleichsweise leichtes Unterfangen. Aber bereits in den Außenbezirken, wo die Häuser verstreut zwischen kahlen, staubigen Hügeln lagen, wurde die Verfolgung deutlich erschwert. Die Eisgräfin war gezwungen, den Abstand zwischen sich und dem Ordenssprecher erheblich zu vergrößern. Ihr kam jedoch zugute, dass sich Saradur offenbar völlig sicher fühlte. Nicht ein einziges Mal musste sie feststellen, dass er anhielt oder sich umsah. Er lenkte sein Pferd auf die Straße nach Tirestunom. Da diese Stadt abgesehen von dem dortigen Heerlager relativ unbedeutend war, musste sein Ziel also entweder in Gatya im Norden oder – was Quintora für wahrscheinlicher hielt – im Westen, in Surdyrien oder Lumbur-Seyth, liegen.

Nach einigen Stunden konnte die Eisgräfin von einer Anhöhe aus beobachten, wie ein anderer Reiter aus dem Gebüsch auf der rechten Straßenseite auftauchte und sich zu Saradur gesellte. Der Ordenssprecher hatte im Schatten einer ungewöhnlich großen Ulme auf ihn gewartet. Beide ritten dann gemeinsam weiter.

Entsprechend der Vermutung Quintoras führte der Weg Saradurs zum Grenzübergang von Bondras und von dort aus nach Dirtos, der Hauptstadt Surdyriens.

Gewissermaßen als Ersatz für die frühere Hauptstadt Lumbur-Seyth war Dirtos, die ehemalige Residenz der Könige, zum größten Handelsplatz in Surdyrien aufgestiegen. Den Ausschlag dafür gab außer den geschichtlichen Wurzeln die günstige Verkehrslage mitten in Surdyrien am schiffbaren Quorl, einem großen Nebenfluss des Lumbur. Gleichermaßen vorteilhaft hatte sich die Nähe zu den Hügeln von Albiros erwiesen, wo sich die größten Bergwerke des Landes befanden. Leider war Dirtos auch eine ziemlich verkommene Stadt. Sie stand in dem Ruf, das Zentrum des Verbrechens in Surdyrien zu sein. Anders als sonstwo im Land hatte es hier in der Vergangenheit sogar Anschläge auf geheime Einrichtungen der Obesier gegeben.

   Dirtos und Lumbur-Seyth galten als die Orte, in denen man angeblich alles bekommen konnte, was man wollte. Daher wunderte sich Quintora nicht, dass Saradur und sein Begleiter die ehemalige Königsstadt aufsuchten. Dort begaben sich die beiden Männer zu einer vornehmen Unterkunft. Das deutete darauf hin, dass sie sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt hatten.

Während ihrer Zeit in der Akademie von Modonos hatte Quintora einen tiefen Einblick in die vielfältigen Tätigkeiten und Machenschaften des Priesterordens und seiner Mitglieder gewonnen. Jetzt wusste sie, dass der Orden keine homogene Institution darstellte, die ein bestimmtes Ziel verfolgte. Er war ein Sammelbecken hochintelligenter Individualisten, die fast ausnahmslos danach strebten, die Gemeinschaft für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Jedem einzelnen Priester des Wissens war dies durchaus bewusst. Aber gerade diese Erkenntnis, für die eigenen Belange auf die Gemeinschaft angewiesen zu sein, hielt den Orden zusammen und machte ihn nach außen stark. Dennoch gab es selbst in einer solchen Zweckgemeinschaft gelegentlich Individuen, die nicht mehr tragbar erschienen.

Zu diesen Ausgestoßenen gehörte Datiban. Er war sogar einer der Schlimmsten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ausgestoßenen hatte er nie die Hoffnung gehegt, irgendwann einmal wieder in den Schoß des Ordens zurückkehren zu dürfen. Sogleich nach seinem Ausschluss entschied er sich dafür, eine neue Existenz außerhalb der legalen Strukturen aufzubauen. Aus diesem Grund suchte er den Anschluss an Verbrecherbanden in Dirtos und Lumbur-Seyth. Dabei kam ihm zugute, dass er zwei andere Priester des Wissens umgebracht und deren Forschungsergebnisse gestohlen hatte.

Datiban war daher höchst überrascht, als er vom Sprecher des Ordens eine Botschaft erhalten hatte, wonach dieser ihn auf der Straße von Modonos nach Tirestunom treffen wollte. Und obwohl Datiban normalerweise ohne Bezahlung keinen Finger rührte, wäre er in diesem Fall schon allein aus reiner Neugierde um den halben Kontinent gereist. Nachdem er mit Saradur zusammengetroffen war, hatte dieser ihm unterwegs ohne große Umschweife erklärt, dass er ein paar „zuverlässige“ (also besonders skrupellose) „Personen“ (gemeint waren natürlich Verbrecher der übelsten Sorte) brauche, um drei Gefangene von Mithrien zu einem zentral gelegenen Stützpunkt in Obesien zu überführen, was ja wohl ein „ziemlich einfacher Auftrag“ sei (gewissermaßen ein Himmelfahrtskommando).

Datiban kannte einen Surdyrier, der in der Lage war, geeignete Männer für jeden Auftrag zu vermitteln. Saradurs Erstaunen hielt sich ziemlich in Grenzen, als der Ausgestoßene erwähnte, dass es sich um den „Blutwolf“, einen Vertrauten des Barons Schaddoch, handelte. Saradur kannte aus dem noch laufenden Geschäft den furchteinflößenden Vertrauten des Barons. Wenn man den Erzählungen jedoch glauben konnte, war Schaddoch selbst noch weitaus übler als der „Blutwolf“. Das „Phantom von Surdyrien“ hatte als Einziger eine Katastrophe auf hoher See überlebt, die das gesamte vormalige Königshaus Surdyriens dahingerafft hatte. Um ihn rankten sich zahlreiche Gerüchte und Legenden, allerdings keine guten. Als Einziger hatte er auf hoher See die Katastrophe überlebt, bei welcher der „Schwimmende Königspalast“ ausbrannte. Alle anderen Mitglieder der Königsfamilie fanden in den Flammen den Tod. Die Obesier verweigerten Schaddoch daraufhin die Besteigung des surdyrischen Throns. Sogar die heimlichen Besatzer des Landes sahen sich außerstande, gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung einen Königsmörder zu stützen. Daraufhin tauchte Schaddoch in den Untergrund ab und erwarb sich auf seinem mit Leichen gepflasterten Weg bald die wenig schmeichelhafte Bezeichnung als „Phantom von Surdyrien“. Obwohl ihm als Sohn des Königs der Titel eines Prinzen zugestanden hätte, verlangte er von seinen eigenen Gefolgsleuten die Anrede „Baron“. Böse Zungen behaupteten, damit wollte er von seiner Abstammung und Nähe zu dem ausgelöschten Königshaus ablenken. Jahrelang hatten ihn die Obrigkeiten von Surdyrien und Obesien gejagt, dabei aber immer wieder deftige Schlappen erlitten. Schaddoch hatte es zwar nicht geschafft, als König den Thron von Surdyrien zu besteigen; dafür war er zum unumschränkten König der Unterwelt aufgestiegen, bei dem alle Fäden des Verbrechertums in Surdyrien und Lumbur-Seyth zusammenliefen. Saradur sah ein, dass ohne eine Genehmigung Schaddochs sein Vorhaben nicht möglich sein würde. Er hatte es allerdings nicht gewagt, selbst unmittelbar Kontakt mit dem Geächteten aufzunehmen. Vor allem bereitete dem Sprecher Bauchgrimmen, dass es bei der Herstellung der Schnelllader, die er dem Baron noch schuldete, zu Verzögerungen gekommen war. Deshalb hatte er sich an Datiban gewandt.

In Dirtos angekommen sandte der Geächtete sogleich einen Boten zu dem „Blutwolf“ und ließ ihn wissen, dass ein zahlungskräftiger Kunde Unterstützung bei einer heiklen Mission benötigte. Bereits zwei Tage später ließ der Vertraute des Barons dem ausgestoßenen Priester einen Treffpunkt für eine Unterredung mit Saradur mitteilen. Etwas außerhalb der Stadt gab es eine große Wiese direkt am Quorl. Dort war es scheinbar unmöglich, beobachtet oder belauscht zu werden.

Quintora erschien es eine glückliche Fügung, dass gegenüber der noblen Herberge, in der Saradur und sein Begleiter abgestiegen waren, ein einfaches Gasthaus lag. Sie hatte dort ein Zimmer zur Straßenseite angemietet und hoffte, auf diese Weise das Kommen und Gehen der beiden Priester des Wissens im Auge behalten zu können. 

Auch von mehreren Tischen neben den Fenstern der Gaststube hatte man einen Blick auf den Eingang der gegenüber gelegenen Herberge. Quintora saß am zweiten Abend nach ihrer Ankunft an einem dieser Tische und war darauf konzentriert, den Herbergseingang auf der anderen Straßenseite zu beobachten. In der Schänke herrschte Hochbetrieb. Daher bemerkte die Eisgräfin nicht, wie sich eine ältere Frau unauffällig neben sie an den Tisch setzte. Als Quintora auf die Frau aufmerksam wurde, stellte sie sofort fest, dass deren schmuddelige Kleidung in einem gewissen Widerspruch zu ihrem ansonsten sauberen und gepflegten Äußeren stand. Noch bevor die Eisgräfin die Frau ansprechen konnte, zischte diese ihr leise zu:

„Ich habe eine Nachricht für Sie. Morgen, zwei Stunden nach Mittag, trifft Saradur zwei von Schaddochs Männern am Quorl, auf der großen Wiese unterhalb der Ruine von Zossidos. Sie werden der „Blutwolf“ und der „Skorpion“ genannt und sind die beiden engsten Vertrauten des Barons. Wenn Sie etwas über das Vorhaben Saradurs erfahren wollen, müssen Sie vom Ufer des Quorl aus an der Mauer zur Wiese hochklettern. Dort gibt es eine ausgebrochene Nische. Sie befindet sich unterhalb einer gut erhaltenen Bank etwa in der Mitte der Wiese. Dort pflegt der „Blutwolf“ solche Gespräche zu führen.“

Ehe Quintora noch eine Frage stellen konnte, glitt die Frau von ihrem Stuhl, huschte wieselflink durch die Gaststube und verschwand im bunten Gewimmel der Straße.

Obwohl das Treffen Saradurs mit Shrogotekh erst zwei Stunden nach Mittag stattfinden sollte, begab sich Quintora schon am frühen Morgen des folgenden Tages zu der Wiese von Zossidos, um die örtlichen Verhältnisse auszukundschaften. Offenbar hatte früher einmal ein beliebter Spazierweg an der Mauer oberhalb des Quorl entlanggeführt. Darauf deuteten zahlreiche Bänke neben der Mauer hin, die sich jedoch allesamt in einem ziemlich verwahrlosten Zustand befanden. Die Holzlatten waren teilweise angefault, die Steinfüße angebrochen und die gusseisernen Teile stark verrostet. Die Wiese selbst war ungepflegt und verwildert. Da die Gräser und Unkräuter aber nur kniehoch wuchsen, hatte man nach allen Seiten einen freien Blick. Im Hintergrund erstreckten sich über einen flachen, bewaldeten Hügel die verstreuten Trümmer von Zossidos, dem Jagdschloss der ehemaligen Könige.

Quintora hielt Ausschau nach der Bank, die ihr die Frau im Gasthaus beschrieben hatte. Bald fand sie eine halbwegs gut erhaltene Sitzgelegenheit, die etwa auf halbem Weg zwischen den Wäldern stand, die die Wiese begrenzten. Die Eisgräfin ging die wenigen Schritte zur Mauer und beugte sich über die Brüstung. Auf der Rückseite der etwa zwölf Meter hohen Mauer, die recht steil zum Quorl hinabfiel, waren rund zwei Meter unterhalb der Mauerkrone mehrere Steine aus der äußeren Schicht herausgebrochen. Dort konnte eine Person stehen und sich jedenfalls vor zufälligen Blicken verbergen. Quintora stieg über die Brüstung und kletterte vorsichtig zu der Nische hinab. Die Mauer bestand aus grob behauenen Steinen mit breiten Fugen und Absätzen. Daher konnte der Aufstieg auch von einem weniger geübten Kletterer ohne Hilfsmittel bewältigt werden. Für Quintora stellte sie keine ernst zu nehmende Herausforderung dar. Sie war die Tochter des Fürsten zu Sokut, der in einer Doppelburg residierte, die vom Volk als „Die Felsennester“ bezeichnet wurde. Eine tiefe Schlucht trennte die beiden Teile dieser Burganlage. Quintora hatte schon früh ihre Mutter verloren. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters war sie zu einem äußerst unternehmungslustigen Mädchen herangereift, das sich in ihren Vorlieben kaum von ihren beiden Brüdern unterschied. Sie nahm mit Eifer an Vergnügungen teil, die in behüteten Verhältnissen eher den jungen Männern vorbehalten waren. Dazu gehörten schwierige Kletterpartien ebenso wie Wettkämpfe mit Waffen. Bei mehreren Aufenthalten in Svoraven hatten die freundlichen Bewohner der Pfahlbauten begeistert festgestellt, dass Quintora ein Naturtalent war. Sie hatten ihr Reitkunststücke beigebracht, die nicht einmal die vielgerühmten Krieger von Zogh beherrschten. Ähnlich wie Octora wurde auch die Eisgräfin aus Sokut selbst in eingeschworenen Männerkreisen allein schon aufgrund ihrer Erscheinung und ihres Auftretens sofort ernst genommen. Mit ihrem burschikos kurz geschnittenen, blonden Haar, ihren sanftmütigen Gesichtszügen und der kleineren, etwas kräftigeren Figur unterschied sie sich jedoch äußerlich deutlich von der Eisgräfin aus Knoist und gab sich auch im Umgang wesentlich verträglicher als jene. 

Nachdem sich Quintora von der Geeignetheit des Verstecks überzeugt hatte, kletterte sie wie eine Katze bis zum Flussufer hinab. Am Boden angekommen sah sie nochmals zu der Nische hoch und prägte sich die Stelle genau ein. Anschließend kehrte sie zu Fuß zu ihrer Unterkunft in Dirtos zurück.

*

„Sie schon wieder?“, dröhnte Shrogotekh. „Wollen Sie noch mehr Minen kaufen? Oder sind Sie gekommen, um Ihre Schulden zu bezahlen?“

Der muskelbepackte Hüne mit dem vernarbten Gesicht war in Gegenwart eines Mannes erschienen, der für einen Surdyrier ungewöhnlich klein wirkte. Er hatte einen braunen Wuschelkopf, stechende Augen und die hektischen Bewegungen eines Mannes mit schlechtem Gewissen, der ständig auf der Hut und bereit ist, sich gegen überraschende Angriffe zur Wehr zu setzen.

„Das ist Wurluwux. Er wird „Skorpion“ genannt“, stellte Shrogotekh seinen Kumpan vor. „Also, was wollen Sie?“

Durch den unwirschen Ton des Räuberhauptmanns war Saradur gewarnt. Er wusste, dass der Kerl noch wesentlich gefährlicher war als er ohnehin schon aussah. Und dieser Wurluwux erinnerte ihn tatsächlich fatal an einen giftigen Skorpion. Daher versuchte Saradur, seine Gesprächspartner zu besänftigen:

„Zunächst einmal möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Herstellung der Waffen verstärkt wieder aufgenommen wurde. Wir hatten Probleme bei der Beschaffung …“

„Lassen Sie dieses Thema jetzt“, unterbrach ihn Shrogotekh hastig, wobei er Wurluwux kurz ansah und dann einen vielsagenden Blick zur Ufermauer warf. „Ich hatte gefragt, was Sie wollen.“

Saradur erkannte an dem merkwürdigen Verhalten des Räuberhauptmanns, dass es geschickter sein würde, sofort zum Kern seines Anliegens zu kommen: „Ich wollte Ihnen ein weiteres, lukratives Geschäft vorschlagen. Es geht um die Überführung dreier Gefangener von Mithrien nach Obesien.“

„Seit wann haben die friedfertigen Priester des Wissens Gefangene?“, fragte Shrogotekh herausfordernd.

Der Ordenssprecher wusste, dass er jetzt keinen Fehler begehen durfte. Schaddoch und seine Spießgesellen waren auf Obesien nicht besonders gut zu sprechen. Deshalb erklärte er vorsichtig: 

„Noch sind das Gefangene des Kollektivs von Obesien. Aber wir haben etwas mit ihnen vor. Ehrlich gesagt haben wir das Kollektiv über unsere wahren Absichten getäuscht, um die Zusage für die Übergabe der drei Mithrier zu erhalten. Aber das dürfte für Sie ja wohl kaum ein Hinderungsgrund sein.“ Shrogotekh grinste mit dem Charme eines blutrünstigen Wolfes, was seinem Tarnnamen alle Ehre machte: „Vielleicht könnte genau das der Grund sein, den Auftrag zu übernehmen. Was zahlen Sie?“

„Ich zahle hundert Goldstücke im Voraus und stelle die komplette Ausrüstung, die für die Reise benötigt wird“, kündigte der Ordenssprecher an. „Sobald die Gefangenen an ihrem Bestimmungsort abgeliefert werden, gibt es weitere tausend Goldstücke.“

Die beiden Männer sahen sich überrascht an. Sie hatten zwar für einen Auftrag von der zweithöchsten Stelle des Ordens mit einer fürstlichen Belohnung gerechnet, aber das hier war ein riesiges Vermögen. Und was als Gegenleistung verlangt wurde erschien keineswegs undurchführbar.

Saradur fügte hinzu: „Aber es wird erwartet, dass die Gefangenen lebend und in einwandfreiem Gesundheitszustand übergeben werden. Nur unter dieser Voraussetzung wird der zweite Teil der Belohnung ausgezahlt.“

Shrogotekh sah den Ordenssprecher und dann wieder Wurluwux an, wobei er feixend meinte: „Das scheint ein Auftrag zu sein, den wir selbst übernehmen sollten.“

„Für mich wäre das eine ganz besondere Beruhigung“, schmeichelte Saradur den beiden Räubern und holte ein prall gefülltes Säckchen unter seinem schwarzen Umhang mit dem roten Kreis hervor. Er schüttelte es leicht, sodass das Klimpern der Münzen zu hören war. Während er es Shrogotekh übergab, trat Wurluwux zwei Schritte zurück, beugte sich kurz über die Stützmauer und warf einen prüfenden Blick nach unten. 

Quintora hatte sich in der Mauernische festgeklammert und jedes Wort verstehen können, das Saradur mit seinen Gesprächspartnern wechselte. Dann durchzuckte sie jedoch ein eisiger Schreck, als über der Mauerbrüstung unversehens ein scharfkantiges Gesicht unter einem braunen Wuschelkopf erschien. Sie presste sich so eng wie möglich gegen die Mauer. Dabei hatte sie jedoch das Gefühl, dass die stechenden Augen des Mannes plötzlich kurz aufflackerten, als sich ihre Blicke kreuzten.

Die Eisgräfin war versucht, ihren Körper aus der Mauernische zu lösen und einen rasend schnellen Abstieg zu wagen. Aber ihr geschulter Verstand hielt den Körper zurück. Sie wäre während des Abstiegs ein hilfloses Ziel gewesen und hätte nicht einmal den „vernichtenden Blick“ einsetzen können. Deshalb klammerte sie sich weiterhin in der Nische fest und wartete darauf, dass nun gleich drei Köpfe über der Mauerbrüstung erscheinen würden. Aber nichts geschah.

„Wo sollen die Gefangenen abgeholt und wohin gebracht werden?“, hörte sie die Stimme des Mannes, dessen Gesicht sie soeben gesehen hatte.

„Die Gefangenen befinden sich am Rand der Einöde von Clampp“, erklärte Saradur. „Ich werde Ihnen eine Karte geben, auf der der genaue Ort eingezeichnet ist. Sie werden die Gefangenen zunächst nach Modonos in die Akademie der Priester des Wissens bringen, wo ich Sie erwarten werde. Dort werden Sie auch erfahren, wo sie dann anschließend abgeliefert werden müssen. Es ist ein abgelegener Ort mitten in Nord-Obesien.“

„Wann sollen wir aufbrechen?“, fragte Wurluwux.

„So schnell wie es Ihnen möglich ist“, antwortete Saradur.

„Übermorgen“, bestimmte Shrogotekh. „Wir treffen uns bei Sonnenaufgang am Eingang der Gärten von Sedelares. Das ist in der Nähe des Stadtrandes, an der Straße nach Albiros.“

Die Stimmen waren verstummt. Quintora blieb noch zehn Minuten in ihrem Versteck ehe sie mit dem Abstieg begann. Sie hatte die ganze Zeit über das Flussufer im Auge behalten. Aber auch dort hatte sich nichts Verdächtiges geregt. Unbehelligt erreichte sie ihre Unterkunft und wunderte sich anschließend noch tagelang darüber, dass dieser Kerl namens Wurluwux keinen Alarm geschlagen hatte. Sie war ziemlich sicher, dass er sie entdeckt hatte.

Nach der Rückkehr in das Gasthaus fasste Quintora den Entschluss, sich an die Fersen der beiden Briganten zu heften, anstatt Saradur zu folgen. Der Ordenssprecher hatte wahrscheinlich die Absicht, in die Akademie von Modonos zurückzureiten. Ihr erschien es jedoch wesentlich wichtiger, etwas über das Schicksal ihrer drei gefangenen Landsleute in Erfahrung zu bringen. Und wieso hatten sich Obesier in der unwirtlichen Einöde von Clampp, tief in Mithrien, eingenistet? Unwillkürlich dachte die Eisgräfin an die Geschichte Unitors von den verschwundenen Bewohnern des Dorfes Sanh.

Am übernächsten Tag versteckte sich die Eisgräfin aus Sokut rechtzeitig vor Sonnenaufgang in dem kleinen Wäldchen gegenüber dem Eingang der Gärten von Sedelares. Es handelte sich um den wohl schönsten Ort in Dirtos. Am Vortag hatte sie die Umgebung des Parks und Versteckmöglichkeiten erkundet. Danach nutzte sie die Gelegenheit, um sich die Gärten anzusehen, die den Erzählungen nach zweihundert Jahre zuvor von einer Prinzessin hier im gemäßigten Klima Surdyriens angelegt worden waren. Die Anlage bestand aus vielen, durch höhenversetzte Stützmauern voneinander abgegrenzte Kleingärten. Die im unteren Teil mit Mörtel verfugten Mauern hatte man im oberen Drittel als Trockenmauern ausgebildet, sodass aus den Ritzen Hängepflanzen hervorsprießten. Darüber thronten vor allem Büsche mit großen, farbenprächtigen Blüten sowie Rosen, die einen betörenden Duft verströmten. Einige der Gärten waren aber auch mit zierlichen, kleinen Stauden bepflanzt, deren filigrane Blüten durchweg sehr eigenwillige Formen aufwiesen. Auf Menschen aus dem kargen Norden, die nur in der kurzen Zeit des Frühlings und Sommers gelegentlich die Blüten einfacher Wildblumen sahen, übten derart üppige und außergewöhnliche Parkanlagen eine ganz besondere Faszination aus.

Quintora versuchte, die wunderschönen Blüten vor ihr geistiges Auge zurückzuholen und den Duft der Gärten zu erspüren. Schon wenig später tauchten in der Nähe des aus Schmiedeeisen aufwändig gearbeiteten Gartentores Saradur, Shrogotekh und Wurluwux auf. Beruhigend tätschelte die Eisgräfin ihrer kleinen Bergpferd-Stute Tostassa den Hals, nachdem sie bemerkt hatte, dass das Tier ein wenig unruhig geworden war.

Saradur übergab den beiden anderen Männern verschiedene Gegenstände, unter anderem auch zwei in Lederhüllen eingerollte Dokumente. Nach einer kurzen Unterredung trennten sich die drei wieder. Während der Ordenssprecher nach Dirtos zurück ritt, schlugen Shrogotekh und Wurluwux den Weg in Richtung Albiros ein. Quintora folgte ihnen in sicherem Abstand. Fünf Meilen hinter der Stadt nahmen die Männer Schaddochs eine Abzweigung nach rechts. Damit hatte Quintora gerechnet, weil die Straße über Bondras und Tirestunom der kürzeste Weg nach Mithrien war. Sie vergrößerte nun nochmals ihren Abstand, obwohl sie auf der belebten Straße zum Grenzübergang nach Obesien ohnehin kaum aufgefallen wäre.

Nach rund dreistündigem Ritt lenkten die beiden Männer ihre Pferde kurz hinter einer Herberge am Wegesrand in eine kleine Talsenke. Dort stiegen sie ab, setzten sich auf einen Felsbrocken, tranken aus ihren ledernen Wasserflaschen und warteten.

Quintora hatte sich währenddessen in gebührender Entfernung am Rand des kleinen Talkessels versteckt. Eine halbe Stunde später erschien ein einzelner, riesiger Reiter auf dem Hang jenseits der Senke. Die beiden Gefolgsleute Schaddochs sprangen auf und gingen ihm entgegen, während er abstieg und sein Pferd an einem Baum festband. Selbst den vierschrötigen Shrogotekh überragte der Ankömmling um mehr als einen Kopf. Quintora erkannte, dass er einen mächtigen Schädel mit einer fliehenden Stirn hatte – eindeutig ein Ureinwohner aus Lumburia. Die drei Männer umarmten sich, und Quintora hatte den Eindruck, dass sich der Lumburier besondere Mühe gab, die beiden anderen nicht zu zerquetschen.

Nach einer kurzen Unterredung holten Shrogotekh und Wurluwux ihre Pferde und ritten gemeinsam mit dem Lumburier davon. Quintora folgte ihnen. Sie hatte angenommen, dass die drei den Grenzübergang Bondras benutzen würden. Stattdessen bogen sie bereits vorher nach Norden ab und bewegten sich dabei weiterhin innerhalb der Landesgrenzen Surdyriens. Hinter den Hügeln von Groch überschritten sie die Grenze nach Gatya. Auf einem alten Handelsweg, der von Dirtos nach Gatas führte, bewegte sich die kleine Gruppe weiter nach Norden. Ihr vorläufiges Ziel war nach Quintoras Einschätzung die Straße von Gatas nach Kerdaris in Mithrien. Dort konnte man auf einer Steinbrücke bequem den großen Grenzfluss Garth zwischen Gatya und Mithrien überqueren. 

Im Süden Gatyas wurde das Landschaftsbild von ausgedehnten, hügeligen Nadelbaumwäldern und vielen Seen geprägt. Quintora hatte keine Mühe, den drei Männern auf den Fersen zu bleiben. Da sie deren Ziel kannte, hielt sie sich die meiste Zeit außer Sichtweite.

Vier Tage vergingen bevor sie die Straße nach Kerdaris kurz vor dem Garth erreichten. Je weiter sie in den Norden vordrangen desto kühler wurden die Temperaturen. Bisher waren sie aber von Schnee verschont geblieben. Es schien, als habe der Winter eine Pause eingelegt. Quintora hatte sich für ihr Nachtlager das Ufer eines kleinen Sees ausgewählt, wo sie sich zwischen einigen Büschen in ihre Felldecke wickelte und nach dem langen Ritt genüsslich ausstreckte. Tostassa machte es sich daneben unter einer ausladenden Kiefer bequem. Die Nacht senkte sich herab, und Quintora fiel in einen tiefen Schlaf. Die verwaschene Sichel des Mondes und die Sterne des Nordens wurden zumeist von den langsam vorbeiziehenden Wolken verdeckt.

In der nahezu vollkommenen Dunkelheit zwei Stunden nach Mitternacht bewegte sich eine massige, menschliche Gestalt mit traumwandlerischer Sicherheit wie eine Schlange durch das Unterholz. Selbst Tostassa bemerkte nicht das herannahende Unheil.

Quintora erwachte als sie eine riesige Pranke auf ihrem Gesicht spürte. Sie versuchte, sich in die Höhe zu stemmen, aber ein dicker, muskelbepackter Arm nagelte sie auf dem weichen Waldboden fest. Eine bodenlose Schwärze verhinderte die Anwendung des „vernichtenden Blicks“ und erstickte das Bewusstsein der Eisgräfin.

*

Gylbax XII. hielt seine letzte Audienz im Thronsaal von Doinat ab. In den nächsten Tagen sollte der Umzug – oder wie Gylbax sich auszudrücken beliebte: die Heimkehr der Hochkönige – nach Zitaxon erfolgen.

Gylbax freute sich bereits, dass die lästige Audienz-Pflicht für diesen Tag endlich erledigt war. Aber er hatte sich zu früh gefreut. Ein letztes Mal erschien der Herold, klopfte mit der Standarte zweimal auf den Boden und meldete die Besucherin an, die sich ganz bewusst an das Ende der Audienzliste hatte setzen lassen.

In der Tür des Thronsaals erschien eine Frau in einem blassgelben Gewand mit einer farbenprächtigen Orchidee im Haar und einem zierlichen, weißhäutigen Mädchen an der Hand. Die Augen des Mädchens waren verbunden.

„Baradia aus Oot. Mit einer Dienerin“, verkündete der Herold.

Gylbax gab Baradia gönnerhaft das Zeichen, dass sie sich nähern durfte.

„Tragt Seiner Hohen Majestät, dem jüngsten Spross des göttlichen Geschlechts derer von Zitaxon, Hochkönig Gylbax XII., Beschützer des Volkes von Sindra und der Südlichen Hemisphäre, Euer Gesuch vor!“, verlangte der Herold laut mit seiner volltönenden Stimme entsprechend den protokollarischen Vorschriften. Seine Deklamation wurde erneut begleitet vom Aufklopfen seines goldenen Stabes mit der Standarte von Sindra.

Gylbax musterte die Besucherin und sagte dann lächelnd: „Er meint, dass Ihr mir sagen sollt, was Ihr von mir wünscht.“

Nun schenkte auch Baradia ihm ihr süßestes Lächeln: „Vielen Dank, Hohe Majestät, dass Ihr mich empfangt. Ich möchte dem größten Herrscher des Kontinents ein Bündnis vorschlagen.“

„Dann seid Ihr hier am falschen Ort. Ich bin nicht der größte Herrscher des Kontinents“, stellte Gylbax klar.

„Vielleicht noch nicht“, entgegnete Baradia mit einer seltsamen Betonung. „Ich würde Euch aber gerne helfen, es zu werden.“

„Wie wollt Ihr das anstellen? Aber vor allen Dingen: Was hättet Ihr davon?“, erkundigte sich Gylbax.

„Einen mächtigen Verbündeten, der mich gegen meine Feinde beschützt“, erwiderte Baradia. „Ich strebe nicht nach Macht, nur nach Liebe. Mir reicht es, wenn ich in Oot gute Werke vollbringen kann. Aber es gibt immer wieder böse Menschen, die das zu verhindern suchen.“

Langsam wurde Gylbax ungeduldig. Er hätte nun gerne schnell diesen anstrengenden Audienzvormittag hinter sich gebracht.

„Kommt zur Sache!“, forderte er Baradia auf. „Was habt Ihr mir zu bieten?“

„Ich will Euch nicht mit Worten, sondern mit Beweisen überzeugen“, erklärte die Priesterin aus Oot mit völlig verändertem Gesichtsausdruck und klirrender Stimme. „Dafür muss ich allerdings für einen kurzen Augenblick meinem Streben nach Güte entsagen.“ Unvermittelt hielt sie ein langes Messer mit einer rötlich schimmernden Klinge in der Hand. Neben dem Hochkönig gab es eine schattenhafte Bewegung. Die beiden Leibwächter, die eben noch wie angewurzelt weit im Hintergrund des Saales gestanden hatten, standen nun plötzlich mit erhobenen und auf Baradia gerichteten Speeren vor ihrem Gebieter.

Auf Baradias Gesicht erschien ein wissendes und zufriedenes Lächeln. Dann durchbohrte sie mit dem Messer die Brust ihrer schmächtigen Dienerin. Als sie das Messer mit einer schnellen Bewegung wieder aus dem Körper des Kindes herauszog, ergoss sich ein Schwall von Blut auf den schwarz polierten Marmorbelag. Leblos sank das Kind zu Boden. Aus dem Beutel, der dem Mädchen aus der Hand gefallen war, zog Baradia ein Tuch hervor und wischte die Messerklinge damit ab. Dann ließ sie den Dolch schnell wieder unter ihrem Gewand verschwinden.

Die beiden Leibwächter erkannten, dass keine unmittelbare Gefahr für ihren Herrscher drohte. Sie ließen ihre Speere sinken und traten zwei Schritte zur Seite, damit Gylbax das Ergebnis der schrecklichen Bluttat sehen konnte. Baradia machte eine einladende Handbewegung in Richtung des Hochkönigs:

„Überzeugt Euch bitte davon, dass sie tot ist. Danach werde ich sie wieder zum Leben erwecken.“ Sie trat einige Schritte beiseite, um dem Hochkönig nicht das Gefühl zu geben, sie könne ihn gefährden.

„Wenn Ihr mir hier eine Komödie vorspielt, werde ich das Gleiche mit Euch machen, was Ihr dem Kind angetan habt“, drohte Gylbax. Dann erhob er sich von seinem Knochenthron, ging zu dem in einer großen Blutlache am Boden liegenden Mädchen und überzeugte sich davon, dass es keine Anzeichen von Leben mehr zeigte. Er warf seinen beiden Leibwächtern einen kurzen Blick zu. Sie nickten bestätigend.

Gylbax schüttelte verständnislos den Kopf und kehrte zu seinem Thron zurück. Baradia zog unterdessen ein seltsames Instrument mit einem kleinen Flüssigkeitsbehälter und einer langen Nadel aus dem Stoffbeutel, der dem Mädchen aus der Hand gefallen war. Sie beugte sich über die Tote und stieß dem Leichnam die Nadel in den Hals. Anschließend presste sie mit Hilfe eines an dem Metallkolben seitlich befestigten Schiebers den Inhalt des Behältnisses in den Körper des Kindes. Wortlos stand sie danach auf und blieb neben dem ausgestreckten Leichnam stehen. Schon nach wenigen Minuten ging mit dem Körper eine seltsame Veränderung vor. Arme und Beine bewegten sich unmerklich.

Als Gylbax schnell hinzutrat, konnte er erkennen wie sich die hässliche Wunde in der Brust des Mädchens langsam zu schließen begann. Dann hob das Kind den Kopf, setzte sich auf und lächelte.

Gylbax war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Er starrte Baradia nur verblüfft mit seinen großen, dunklen Augen an.

„Das ist keine Zauberei“, sagte sie ruhig. „Die Priester des Wissens haben seit Jahrhunderten Heilmittel aus Pflanzen gewonnen. Bisher hatte uns nur noch die Möglichkeit gefehlt, sie auch auf tote Organismen anwenden zu können. Wir sind immer noch nicht in der Lage, Lebewesen wiederzuerwecken, die nach dem vollständigen Verbrauch ihrer Lebenskräfte verstorben sind. Aber das Elixier wirkt, wenn ein gewaltsam unterbrochenes Leben wiederhergestellt werden soll.“

Der Hochkönig war überwältigt.

„Könnt Ihr einen Menschen wiedererwecken, der an der Roten Pest gestorben ist?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Wenn Krankheiten wie auch die Rote Pest langsam die Lebenskräfte aus einem Menschen herausgesaugt haben, wirkt das Mittel nicht“, bedauerte Baradia. „Aber ich habe ohnehin an etwas völlig anderes gedacht.“ Baradia sah den Hochkönig erwartungsvoll an. Aber da dieser anscheinend keine Vorstellung von ihrer Idee hatte, sprach sie sie selbst aus: „Die Schatten der Pylax.“

Die beiden Leibwächter, die eben noch steif und völlig unbeteiligt neben dem Hochkönig gestanden hatten, schienen plötzlich zum Leben zu erwachen. Ihre Hände und ihre Gesichter begannen zu zucken. Das Gesicht des Hochkönigs verfinsterte sich dagegen.

„Die Schatten der Pylax sind nur eine Legende“, behauptete er. „Und auch die Pylax selbst gibt es nicht mehr.“

„Und wie bezeichnet Ihr Eure beiden Leibwächter?“, fragte Baradia forsch. „Ich bin wahrscheinlich Eure beste, ehrlichste und wichtigste Verbündete. Mich könnt Ihr nicht täuschen. Und nur mit meiner Hilfe kann Sindra eine Stärke erlangen, von der nicht einmal die alten Hochkönige zu träumen wagten. Ihr sagt, die Schatten der Pylax seien eine Legende. Helft mir, die Legende zum Leben zu erwecken. Dann werdet Ihr nicht nur der Hochkönig von Sindra sein, sondern der Hochkönig des gesamten Kontinents.“

Gylbax sah nachdenklich auf seine Hände. Dann hob er wieder den Kopf. Baradia erkannte das gierige Funkeln in seinen dunklen Augen. Da wusste sie, dass keine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Nur seine Tarnung war gefallen. Und seine Entscheidung.

„Gehen wir nach Yacudac!“, verkündete er entschlossen mit fester Stimme.

*

Das Maar von Yacudac, ein mit Wasser gefüllter, riesiger Vulkankrater, lag drei Tagesmärsche von der Grenze zu Lumburia entfernt mitten in der Provinz Yacudac. Dort hatten der Sage nach die von lumburischen Ureinwohnern vertriebenen Pylax ihre letzte Zuflucht gefunden. Das Wissen über den Ursprung der Pylax war verloren gegangen. Nach ihrem gescheiterten Versuch, in die Regenwälder Lumburias vorzudringen, hatten sie sich mit den Hochkönigen von Sindra verbündet. Unter deren Herrschaft wurde nach und nach der tropische Regenwald von Yacudac gerodet und die lumburischen Ureinwohner in den Norden abgedrängt.

Im Zentrum der Provinz, rund um das Maar von Yacudac, hatte sich der Wald mittlerweile wieder erholt. Ein breiter Streifen um diese grüne Insel wurde aber auch später immer wieder abgeholzt. Dadurch hatte sich im Laufe der Zeit ein Sandgürtel gebildet, der das Land vor Übergriffen aus Lumburia schützen sollte.

Die Waldinsel von Yacudac, wie der Dschungel rund um das Maar nunmehr genannt wurde, hatte sich zu einem Heiligtum und einer Begräbnisstätte der Pylax entwickelt. Seither durften normale Sindrier und Fremde die Waldinsel nicht mehr betreten. Ausnahmen galten nur für den Hochkönig selbst sowie für Personen, die ihn begleiteten.

Nachdem Baradia mit ihrer kleinen Dienerin und Gylbax mit seinen beiden Leibwächtern den Sandgürtel hinter sich gelassen und die Waldinsel erreicht hatten, wurden sie von zwei großen, dünnen Männern in Empfang genommen. Offensichtlich handelte es sich um Pylax. Der Hochkönig unterhielt sich so leise mit den beiden, dass Baradia nichts verstehen konnte. Anschließend führten die beiden Bewohner von Yacudac die kleine Gruppe der Ankömmlinge auf einem schmalen Fußpfad bis zu dem parabelförmigen Wulst des ehemaligen Vulkankegels, der einen großen Teil des Maares umschloss. Nach Südwesten hin öffnete er sich, und dort ging das Maar in ein Moor über. Während der See gleichsam einem Smaragd in der Sonne glänzte, hatte der Sumpf eine trübe, schwarzbraune Färbung.

Wie Baradia bereits erwartet hatte, führten die Pylax sie nicht zu dem See, sondern zu dem Moor. Aus der Nähe betrachtet war der schlammige, schwarzbraune Untergrund größtenteils von kristallklarem, knöcheltiefem Wasser bedeckt, das einen säuerlichen Geruch verströmte. Dazwischen lagen viele mit Moos und Rietgras überzogene Inselchen.

Gylbax gab den beiden Pylax-Führern ein Zeichen. Behutsam tasteten sie sich daraufhin durch den Morast in das Moor vor und begannen, mit ihren Händen eine der kleinen Erhebungen aufzugraben. Schon kurze Zeit später kam eine menschliche Hand zum Vorschein. Nunmehr gruben die Pylax schneller und förderten bald eine Leiche zutage. Der Tote sah aus als sei er gerade erst verstorben. Baradia konnte erkennen, dass in seiner Brust eine klaffende Wunde vernäht worden war. Es handelte sich zweifellos um einen im Kampf gefallenen Pylax.

Die beiden Führer trugen den steifen Körper aus dem Sumpf und legten ihn vorsichtig neben dem Moor ab.

„Wenn ein Pylax stirbt, zerkaut er eine Kapsel mit einem lähmenden Gift, die in seinem Gebiss versteckt ist. Das Gift konserviert seinen Körper, sodass das Moor ihm nichts anhaben kann“, erklärte Gylbax. „Die Pylax flößen auch bereits Verstorbenen dieses Gift ein. Sie glauben an die Wiedererweckung der Toten. Und wie es scheint, bestätigt sich dieser Glaube jetzt.“

„Zumindest teilweise“, schränkte Baradia ein. „Nur für die im Kampf gestorbenen Toten.“

Baradia kniete neben der Leiche nieder und ließ sich von ihrer Dienerin das Instrument mit der Flüssigkeit geben. Dann schob sie die Nadel langsam in den Hals des Toten. Unter den vier Pylax verbreitete sich eine gewisse Unruhe, während Gylbax erwartungsvoll darauf hoffte, dass der tote Pylax zum Leben erweckt würde. Tatsächlich schloss sich langsam seine Brustwunde und die Haut nahm allmählich wieder die natürliche gelbbraune Färbung der Sindrier an. Aber der Leichnam bewegte sich nicht. 

Enttäuscht sah Gylbax auf Baradia hinab, die nun aus dem Beutel ihrer Dienerin einen kleinen Holzkasten mit eingelassenem Metallgeflecht hervorkramte.

„Für die Wiederbelebung eines Gehirns, das zu lange tot und nicht durchblutet war, reicht das Elixier allein nicht aus. Aber dafür gibt es eine andere Hilfe“, erklärte Baradia und öffnete den kleinen Holzkasten. Gylbax erkannte in dem Kästchen ein schwarzes, raupenförmiges Insekt, das den toten Pylax anglotzte. Nach wenigen Minuten begann dieser, sich plötzlich zu regen. 

Der Hochkönig und Baradia wechselten einen Blick. Beide wussten, was geschehen würde. Soeben war ein erster, unmerklicher Hauch entfacht worden, der sich anschickte, langsam zu einem kräftigen Wind anzuschwellen. Am Ende würde ein verheerender Sturm über den gesamten Kontinent hinwegfegen.

Die vier anderen Pylax fielen auf die Knie, reckten die Arme gen Himmel und stimmten einen monotonen Gesang an. Währenddessen setzte sich der Wiedererweckte langsam auf und schaute mit verwunderten Augen die ihn umgebenden Personen an. Baradia schlug den Deckel des Holzkästchens wieder zu und verstaute es in dem Beutel, den sie ihrer kleinen Begleiterin zuschob.

In der allgemeinen Euphorie ging völlig unter, dass die vermeintliche Dienerin Baradias ihre Augenbinde abgenommen hatte und die seltsame Szenerie durch die schwarzen Sehschlitze ihrer fremdartig gelben Augen in sich aufnahm.




Kapitel 2 – Das Elektral

Es war bereits das vierte Elektral, das der Berater leitete. Aber diesmal lief alles anders.

Der Elektral-Saal befand sich im Untergeschoß des Palasts der Flammen. Am eigentlichen Wahlritual durften traditionell nur der Berater, der Verwalter, die Oberste Strategin sowie die jeweiligen drei Wahlberechtigten der Länder und ein Vertreter der Eisgrafen teilnehmen. Unitor war als Vertreter der Eisgrafen erschienen, aber der Platz des Verwalters blieb leer.

An der Stirnseite des Saales nahmen die Wahlberechtigten hinter den großen Wappenschilden Aufstellung. Entsprechend der geographischen Lage gruppierten sich auf der linken Seite die Vertreter Gatyas, in der Mitte die Vertreter Mithriens und rechts die Vertreter von Zogh. Dieses Mal stand aber lediglich Tansil-Orondinur auf der linken Seite hinter einem der drei Wappenschilde, der ihm bis zur Brust reichte. Er zeigte ein großes „G“ mit den Symbolen der beiden Eisbäume Gatyas. Die Plätze an seiner Seite waren nicht besetzt. Dort standen nur die Schilde der beiden fehlenden Mitglieder des Trios der Weisen. Die Schilde der drei Vertreter Mithriens, nämlich der Fürsten zu Drinh, Marandia und Sokut, zeigten ein großes „M“, in dessen beiden unteren Schenkel je zwei Eisbäume und im mittleren der große Eisbaum von Drinh dargestellt waren. Auf der rechten Seite standen der Herzog der Höhlen, die Königin von Zogh und der Marschall von Sandammon und Sokul mit ihren Schilden, die das große „Z“ mit den Eisbäumen von Knoist und Tidoa links und rechts der Schrägachse des Buchstabens aufwiesen.

Nachdem der Berater das Elektral eröffnet hatte, trat Octora vor und bestätigte, dass sie bei dem gemeinsamen Beschluss des Trios der Weisen von Gatya zugegen war und diesen bezeugen werde.

Sodann befragte der Berater die Versammlung nach Wahlvorschlägen. Traditionell durften die Vertreter aus Zogh sich zuerst äußern, da sie das kleinste Land repräsentierten. Der Marschall von Sandammon und Sokul trat vor und erklärte feierlich:

„Ich schlage Arthania, die Königin von Zogh und Herrscherin der östlichen Hochebenen, zugleich Schirmherrin der Höhlen, der Sümpfe und der südlichen Gefilde, als beste Wahl zur Hüterin der Flammen vor.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann fragte der Berater dem alten Zeremoniell entsprechend: „Gibt es einen Gegenvorschlag aus Gatya?“ 

„Gatya enthält sich“, verkündete Tansil-Orondinur mit fester Stimme, ohne vorzutreten.

„Gibt es einen Gegenvorschlag aus Mithrien?“, fragte der Berater weiter.

Daraufhin trat Fürst Horgat zu Sokut vor und erklärte: „Ich schlage Zallux, Fürst zu Drinh, Spross einer ununterbrochenen Ahnenreihe, die bis auf den großen Gundur zu Drinh, den ersten Hüter der Flammen, zurückgeht, als beste Wahl zum Hüter der Flammen vor.“

Es trat eine kurze, unbehagliche Stille ein. Dann fragte der Fürst zu Sokut: „Darf ich etwas hinzufügen?“

„Das ist nach dem Ritual nicht vorgesehen“, stellte der Berater klar. „Aber das Ritual dient dazu, die anderen Kandidaten zu schützen. Deshalb werde ich Euch das Wort erteilen, falls die Königin von Zogh zustimmt.“

„Die Königin von Zogh möchte hören, was der Fürst zu Sokut zu sagen hat“, antwortete Arthania den förmlichen Gebräuchen entsprechend. Daher ergriff Horgat zu Sokut erneut das Wort:

„Der letzte Hüter der Flammen wurde ermordet. Wir befinden uns in einer außergewöhnlich schwierigen Zeit und haben offenbar mächtige Feinde. Die Fürsten von Mithrien sind der Meinung, dass im Angesicht einer derartigen Bedrohung unser Volk verzagt wäre, wenn die Wahl auf eine Frau fiele. In Mithrien und Gatya werden gewisse Dinge anders wahrgenommen als in Zogh.“

Als er das Stirnrunzeln Arthanias bemerkte, fügte er schnell – in völliger Missachtung des Rituals – hinzu: „Obgleich ich persönlich glaube, dass die Königin von Zogh stärker ist als jeder andere in diesem Saal.“

Ein langes Schweigen trat ein. Jeder hing seinen Gedanken nach. Arthania warf dem Fürsten zu Marandia einen resignierten Blick zu. Aber er vermied es, sie anzusehen. Arthania wusste, dass Taldin zu Marandia eine ganz besondere Schwäche für sie hatte. Genau deshalb würde er nicht sie, sondern Zallux wählen. Das Amt des Hüters war äußerst gefährlich geworden, und Taldin wollte Arthania schützen. Aber lag er damit richtig?

Auf den Gesichtern der beiden anderen Vertreter aus Zogh stand Enttäuschung geschrieben. Sie hegten nicht den geringsten Zweifel, dass gerade in dieser Situation Arthania die Richtige gewesen wäre.

„Lasst uns zur Abstimmung schreiten“, sagte der Berater. „Oder gibt es noch Wortmeldungen?“ Das war nicht der Fall.

Als Tansil-Orondinur nun vortrat, nahm eine Ironie des Schicksals ihren Lauf. Niemand in den Vereinten Nordlanden und am allerwenigsten dieser überaus weise Mann selbst ahnte, dass er als Totengräber der nördlichen Allianz in die Annalen eingehen würde.

„Ich wurde als Sprecher des Trios der Weisen von Gatya bestimmt, diesem Elektral mitzuteilen, dass von den Wahlberechtigten aus Gatya keine Stimme abgegeben wird. Die Oberste Strategin wird bezeugen, dass dieser Beschluss ordnungsgemäß in ihrer Anwesenheit gefasst wurde.“

Octora trat vor. „So ist es“, bestätigte sie. Innerlich bedauerte sie jedoch, dies sagen zu müssen. Anschließend traten nacheinander alle drei Vertreter Mithriens vor und erklärten, dass sie für die Wahl von Zallux zu Drinh zum neuen Hüter der Flammen stimmten. Dann gab der Herzog der Höhlen erwartungsgemäß Arthania seine Stimme, wobei ein nicht zu überhörender, grimmiger Unterton mitschwang. Alle Blicke richteten sich nun auf Arthania.

„Die Königin von Zogh enthält sich der Stimme“, erklärte sie gepresst.

„Damit ist die Wahl entschieden“, proklamierte der Berater. „Der Fürst zu Drinh verliert alle bisherigen Titel und Ländereien. Er ist der neue Hüter der Flammen.“

Die aristokratischen Gesichtszüge des Herzogs der Höhlen verzerrten sich kurzzeitig zu einer wütenden Grimasse. Nach dem Verlust seines Sohnes empfand er auch diese Wahlniederlage als Schicksalsschlag. Aber dass sich das Schicksal gerade anschickte, ihm den nächsten Streich zu spielen, hätte sich Torrgarath in diesem Augenblick nicht vorstellen können. Vielleicht hätte er höhnisch gelacht, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er in nicht allzu ferner Zukunft als der letzte Verfechter der Vereinten Nordlande an der Seite des Mannes stehen würde, dessen Wahl er so sehr missbilligte. 

*

Quintora erwachte und erschrak sofort. Ihre Hände waren gefesselt und ihre Augen verbunden.

„Die Eisgräfin ist aufgewacht“, dröhnte es durch die Stille.

Quintora hörte die Schritte eines Mannes, dann eine Stimme, die weitaus weniger laut, aber genauso tief klang:

„Wenn Sie mir versprechen, uns nicht anzugreifen, bevor wir Ihnen alles erklärt haben, werde ich Ihnen die Fesseln und die Augenbinde abnehmen.“ Es war eindeutig die Stimme des Schurken Shrogotekh.

Quintora brauchte nicht lange zu überlegen. Es handelte sich um ein Angebot, das sie in ihrer jetzigen Lage nicht ausschlagen konnte, und ihr dennoch alle Möglichkeiten offen zu lassen schien.

„Ich verspreche es.“ Trotz des Zugeständnisses war der abweisende Ton in der Stimme der Eisgräfin unüberhörbar.

Nachdem ihr der „Blutwolf“ die Augenbinde entfernt hatte, sah sie in sein großflächiges, vernarbtes Gesicht. Etwa drei Schritte zu ihrer Linken saß der riesige Lumburier und schaute sie neugierig an. Der dritte Mann fehlte.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie überfallen und auf diese Weise misshandelt habe. Aber wir sahen keine andere Möglichkeit, um ohne Komplikationen mit Ihnen ins Gespräch zu kommen“, erklärte der Ureinwohner, nunmehr mit gesenkter Lautstärke.

Quintora massierte ihre Handgelenke. Sie saßen am Waldrand. In einiger Entfernung verlief die Straße nach Kerdaris, und dahinter erstreckte sich die Landschaft felsig und offen bis zum Horizont. Quintora schätzte, dass es später Vormittag war. Der Himmel dräute wolkenverhangen, und von Norden blies ein eisiger Wind.

„Komm raus, Wurluwux!“, dröhnte der Lumburier. „Es macht keinen Sinn, wenn die Eisgräfin uns nicht vertraut.“ Zögernd trat der Angesprochene hinter einem etwa dreißig Meter entfernten Baum hervor und schlich wie ein ertappter Dieb zu den anderen.

„Sie haben mich in Dirtos gesehen, als Sie am Ufer des Quorl mit Saradur verhandelt haben“, sprach Quintora ihn an. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Wir haben sowieso gewusst, dass Sie dort sind“, entgegnete Wurluwux. „Bei der Frau, die Ihnen im Gasthaus den Treffpunkt verraten hat, handelte es sich um eine Vertraute des Barons.“

„Schaddoch?“, fragte die Eisgräfin mit ungläubigem Erstaunen. „Aber Sie gehören doch auch zu seinen Kreaturen.“

„Das ist eine sehr bösartige Formulierung“, rüffelte Shrogotekh. „Wir sind Freunde des Barons.“

„Er ist ein Verbrecher“, beharrte Quintora. „Demnach seid ihr seine Verbrecherfreunde. Wieso wollte er, dass ich Kenntnis von eurem Auftrag erlange?“

„Nein, er ist kein Verbrecher“, widersprach Wurluwux, und in seine stechenden Augen trat ein fanatisches Leuchten. „Er ist unsere einzige Hoffnung. Die Hoffnung Surdyriens.“

„Schaddoch?“, wiederholte Quintora, wobei diesmal ihre Belustigung das Erstaunen deutlich zu übertreffen schien.

„Ja, Baron Schaddoch“, bekräftigte Wurluwux unerschütterlich. „Er gehört einem uralten Adelsgeschlecht Surdyriens an. Die Obesier fürchteten seinen Vater, der sich ihnen widersetzt hatte, so sehr, dass sie seine ganze Familie ausgelöscht haben. Baron Schaddoch hat als Einziger überlebt und konnte entkommen. Er ist untergetaucht und gilt als Herr der Unterwelt. Aber in Wahrheit hat er dieses Schattenimperium nur aufgebaut, um die Obesier zu bekämpfen.“

„Und was hat der hier damit zu tun? Ist der auch ein tapferer Mitstreiter dieses Schattenimperiums?“, fragte Quintora und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Lumburiers.

„Der hier kann sprechen“, donnerte der Ureinwohner. „Und das sogar in Ihrer Sprache, wie Sie vorhin bei gehöriger Aufmerksamkeit vielleicht bemerkt hätten. Wenn Sie etwas von mir wissen wollen, können Sie mich also genausogut selbst ansprechen.“

Quintora ließ sich jedoch nicht beeindrucken und funkelte ihn böse an:

„Ausgerechnet Sie wollen mich maßregeln? Sind Sie nicht derjenige, der geflissentlich übersehen hat, dass dieses Ding da…“ und damit zeigte sie auf sich selbst „…Beine hat, die es kraft eigenen Willens bewegen kann? Also: Warum haben Sie mich betäubt und hierher verschleppt?“

Der Zorn des riesigen Ureinwohners war schlagartig verraucht. Verlegen schaute er vor sich auf den Boden und sagte dann mit ungewöhnlich sanfter Stimme:

„Es tut mir leid. Ich stehe in Ihrer Schuld. Ich gehöre zu einem Volk, das auf dem ganzen Kontinent außer in Lumburia ausgerottet wurde. Deshalb sind wir heute in der Wahl unserer Mittel nicht mehr so gewissenhaft wie dies manchmal wünschenswert wäre. Es ist unser einziges Ziel, weiterhin in Lumburia zu überleben. Deshalb ist es gelegentlich nötig, dass wir uns mit anderen Menschen verbünden, deren eigene Ziele uns helfen, die unsrigen zu erreichen. Wenn es Baron Schaddoch gelingt, Surdyrien von den Obesiern zu befreien, müssen wir nicht mehr befürchten, dass die Obesier sich auch noch nach Lumburia ausbreiten. Das ist jedenfalls meine Meinung. Wir Lumburier sind eigentlich Einzelgänger. Jeder von uns tut nur das, was er selbst für richtig hält. Aber letzten Endes geht es immer darum, unser Überleben zu sichern. Ich kämpfe gegen die Bedrohung aus Obesien. Es gibt andere, die beispielsweise gegen die Bedrohung aus Sindra kämpfen.“

„Aber was hat Ihr Kampf gegen Obesien mit dem Auftrag Saradurs zu tun?“, wollte Quintora wissen. Shrogotekh übernahm die Beantwortung dieser Frage:

„Wir glauben, dass Saradur eigene Interessen verfolgt, aber dennoch mit dem Kollektiv paktiert, um diese durchzusetzen. Wir wollen herausfinden, was er vorhat. Es scheint da um eine ganz große Sache zu gehen.“ Er holte die Karte heraus, die er von Saradur erhalten hatte, und gab sie Quintora. Dabei tippte er mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle in Mithrien:

„An dem eingezeichneten Ort in der Einöde von Clampp haben die Obesier eine versteckte Festung gebaut. Das ist sicherlich kein Äußerer Stützpunkt der Priester des Wissens, denn sonst wären dort keine obesischen Soldaten. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass der Sprecher des Ordens wissentlich gegen die Konvention verstößt. Was ist also so wichtig, dass der zweite Mann des Ordens zum Abtrünnigen wird?“

„Das ist schon das zweite Mal, dass die Obesier versuchen, in Mithrien Fuß zu fassen“, dachte Quintora laut. „Die Oberste Strategin hat eine unterirdische Station in der Nähe von Doront ausgehoben. Einige Zeit vorher sind sämtliche Bewohner eines kleinen Dorfes in der Nähe von Drinh verschwunden. Vielleicht handelt es sich bei den Gefangenen um entführte Menschen aus Sanh.“

„Es ist wohl offensichtlich, dass sich die Aktivitäten der Obesier in erster Linie gegen Ihr Land richten. Dennoch sind auch wir betroffen. Werden Sie uns helfen?“, fragte Wurluwux.

„Einverstanden“, pflichtete ihm Quintora nach kurzer Überlegung bei. „Wir reiten nach Clampp. Aber ich muss unbedingt die Oberste Strategin über die Existenz dieser Festung informieren. Sobald wir die Gefangenen abgeholt haben, werde ich ihr diese Karte durch einen Boten überbringen lassen. Sie muss diese Festung einnehmen, weil dort vielleicht noch mehr Gefangene sind. Wir allein können das nicht schaffen ohne die Gefangenen zu gefährden.“ 

„Wir müssen sowieso nach Modonos, um herauszufinden, was Saradur mit den Gefangenen beabsichtigt“, gab Shrogotekh zu bedenken. „Werden Sie uns begleiten?“ 

„Sie glauben doch wohl nicht, dass ich Sie mit meinen gefangenen Landsleuten allein ziehen lasse“, entgegnete Quintora entschlossen.

*

Nach der Beendigung des Elektrals wurden Boten in alle größeren Städte der Vereinten Nordlande geschickt, um zu verkünden, dass ein neuer Hüter der Flammen gewählt war. In Drinh übernahm Charas, der einzige Sohn des neuen Hüters, das Fürstentum.

Tansil-Orondinur sowie die Vertreter aus Mithrien und Zogh hatten bereits am Tag nach dem Elektral den Quaralpalast verlassen und die Rückreise in ihre jeweilige Heimat angetreten.

Der neue Hüter der Flammen bat Unitor, ihm noch eine Weile bei der Übernahme der Amtsgeschäfte behilflich zu sein. Unitor kam dies gelegen, weil er sich gerade von seinem Freund Crandin die Sindra-Sprache beibringen ließ. Der Berater hatte ihm erzählt, dass er längere Zeit keine Nachrichten mehr von Novotor erhalten habe. Daraufhin hatte Unitor beschlossen, sich nach Sindra zu begeben und Novotor zu suchen. Hierfür waren jedoch zumindest Grundkenntnisse in der Sprache des Landes erforderlich. Kurz vor der geplanten Abreise bat Crandin Unitor, ihn in seiner Wohnung im Gästehaus aufzusuchen. Als Unitor dort eintraf, erklärte Crandin, dass es nicht um den Sprachunterricht ging.

„Unitor“, begann der junge Priester des Wissens etwas umständlich und ging zu einem Schrank. „Ich werde dir jetzt ein Geheimnis anvertrauen. Aber du darfst zu niemandem außer dem Berater darüber sprechen.“

Unitor war neugierig geworden. Seine Neugierde stieg noch als Crandin einen Holzkasten mit einem eingesetzten Metallgeflecht aus dem Schrank entnahm. Der Priester stellte den Kasten auf den Tisch und sagte schnell:

„In diesem Behälter sind Mon’ghale. Sie verstehen jedes Wort, das wir sprechen. Bedenke das stets bevor du etwas sagst.“

Unitor schaute interessiert in den Kasten und sah dort drei graue, raupenähnliche Tiere, die ihn anzustarren schienen.

„Mon’ghale sind Lebewesen aus Obesien, deren eigentliche Herkunft den Priestern des Wissens unbekannt ist“, fuhr Crandin fort. „Sie haben die Fähigkeit, wie Menschen zu denken und sogar die Gedanken von Menschen zu beeinflussen. Nur bei Andersartigen wie etwa bei dir oder bei mir, also bei Menschen mit veränderten Gehirnwellen, versagt die Möglichkeit der Einflussnahme. Mon’ghale sind normalerweise schwarz und können bei geringen Temperaturen, wie sie im Winter im Norden herrschen, nicht existieren. Aber bei diesen grauen Mon’ghalen handelt es sich wahrscheinlich um eine Art, die gegen Kälte unempfindlich ist. Meines Wissens sind sie aus einem Experiment hervorgegangen. Mit ihrer Hilfe wurden der Verwalter und seine Aktuare beeinflusst und zu Taten getrieben wie etwa die Ermordung des Hüters der Flammen und die Gefangennahme der Obersten Strategin.“

„Wer macht so etwas?“, wunderte sich Unitor.

„Das weiß ich noch nicht“, antwortete Crandin. „Aber eigentlich nützt ein Chaos in den Vereinten Nordlanden nur dem Kollektiv von Obesien.“

Unitor betrachtete die Mon’ghale mit einer Mischung aus Ekel und Hass: „Gibt es noch mehr davon im Quaralpalast?“

„Ich glaube nicht“, meinte Crandin. „Aber ich befürchte, dass das sowieso nur der Anfang war. Nachdem das Experiment gelungen ist, wird man die Züchtungsversuche zweifellos mit aller Macht vorantreiben. Ich habe dir das jetzt gesagt und gezeigt, weil ich dich bitten will, mich nach Obesien zu begleiten. Ich möchte herausfinden, wer diese Experimente veranlasst hat und was dahintersteckt. Danach kannst du dann immer noch nach Sindra gehen.“

„Vielleicht braucht aber Novotor meine Hilfe“, wandte Unitor ein.

„Unitor, ich glaube, du verstehst nicht ganz, worum es hier wirklich gehen könnte. Ich habe Grund zu der Annahme, dass jemand versucht, die Eisbäume auszurotten. Das bedeutet aber zugleich auch höchste Lebensgefahr für alle Eisgrafen.“

*

Auf einer Anhöhe hielten die vier Reiter ihre Pferde an. Sie hatten ihr vorläufiges Ziel erreicht. Quintora erschrak als ihr die Größe der Befestigungsanlage bewusst wurde, die in dieser Jahreszeit unter einem dicken, weißen Teppich in der Einöde von Clampp verborgen lag. Mit ihren Begleitern stimmte sie darin überein, dass in dem versiegelten Dokument Saradurs mutmaßlich nur von zwei Personen die Rede war, die die Aufgabe hatten, die Gefangenen abzuholen. Daher erklärten sich die Eisgräfin und der Ureinwohner bereit, auf einem von der Festung weit entfernten Hügel zu warten. Mit ihren Pferden verschanzten sie sich hinter einer hohen Schneewehe.

Zwischenzeitlich hatte Quintora den Namen des Lumburiers erfahren. Dass er ihr seinen vollen Namen verraten hatte, stellte ein außergewöhnliches Zeichen des Vertrauens gegenüber Artfremden dar. Mit vollem Namen hieß er „Ugudag Teket dru banir“, was soviel bedeutete wie „Der Schatten, der jede Spur findet“. Dahinter verbarg sich jedoch viel mehr als die Fähigkeit, bei einer Verfolgung Fußabdrücke und abgebrochene Zweige auszuwerten. Ugudag verfügte über eine extrem ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit und Kombinationsgabe, die es ihm ermöglichten, aus winzigen Details, die andere Menschen übersahen, und sogar aus Stimmungen Zustände abzulesen und darauf aufbauend Entwicklungen vorauszusehen. 

Die beiden Surdyrier ritten zu der getarnten Festung. Ihre Annäherung war schon lange vor ihrer Ankunft am Haupttor bemerkt worden. Eine Abordnung waffenstarrender Soldaten nahm das vom Ducarion Zubarak gesiegelte Dokument entgegen. Die Obesier ließen jedoch Shrogotekh und Wurluwux nicht in die Festung ein. Stattdessen holte einer von ihnen einen Centron, der das Dokument sorgfältig studierte und schließlich fragte: „Sie sind also Surdyrier?“

„Ich bin ein Surdyrier aus Lumbur-Seyth“, stellte Wurluwux richtig und versuchte, stolz zu klingen. Dann raunzte er den Mann unwirsch an: „Und jetzt holen Sie gefälligst die drei Gefangenen, oder sollen wir hier stehen bis wir erfrieren? Da wäre der Verfasser dieses Schreibens sicherlich nicht übermäßig begeistert.“

Nun beeilte sich der Centron und kehrte bereits nach zehn Minuten mit drei Mithriern auf Pferden zurück. Seltsamerweise waren die Männer nicht gefesselt, hatten jedoch einen stumpfen, völlig teilnahmslosen Blick. Wortlos ritten sie zu den beiden Surdyriern. Der Centron wartete, bis sie die Festung verlassen hatten, dann verriegelte er wortlos das Tor.

Quintora und Ugudag hatten genug gesehen. Sie wendeten ihre Pferde und ritten zurück auf die Straße, die von Marandia nach Drinh führte. Außer Sichtweite der Festung erreichten sie die Stelle, wo sie zuvor die Straße verlassen hatten. Dort trafen wenig später auch die beiden Vertrauten Schaddochs mit ihren drei Gefangenen ein, die offenbar keinerlei Fluchtpläne hegten. Stumm ritten sie hinter Quintora und Ugudag her, die nun die Führung übernahmen. Shrogotekh und Wurluwux bildeten den Abschluss. Die seltsame Ausdruckslosigkeit in den Augen der Gefangenen hatte auch der Lumburier sofort bemerkt.

„Mit den Leuten stimmt etwas nicht“, raunte er Quintora zu, nachdem er sein Pferd näher an das ihre herangetrieben hatte. „Ich habe den Eindruck, dass sie irgendwie beeinflusst wurden. Wir sollten vorläufig nicht mit ihnen reden. Vor allem sollten wir nichts erzählen, was uns oder unseren gemeinsamen Interessen schaden könnte, wenn man das in Modonos erfährt.“

Bereits nach zwei Meilen zweigte die Straße, die in dieser Schneewüste kaum noch als solche erkennbar war, nach rechts in Richtung Kerdaris ab. Die Nordländer hatten ihre wichtigsten Verbindungsstraßen mit gemauerten, zwei Meter hohen Steinsäulen markiert, an deren oberen Enden die Bestimmungszeichen der jeweiligen Straßen eingemeißelt waren. Im Winter stellten sie in Landschaften wie der Einöde von Clampp oft die einzigen Orientierungspunkte dar.

Als die Gruppe noch einen Tagesritt von Kerdaris entfernt war, begannen die Ortsfremden allmählich, unter der frostklirrenden Kälte zu leiden. Am schlimmsten betroffen schien der Lumburier, der zwar über eine stahlharte Konstitution verfügte, aber mit Schnee und eisigen Temperaturen überhaupt nicht zurechtkam. Er saß teilnahmslos mit scheinbar eingefrorenem Gesicht auf seinem riesigen Pferd. Auch die beiden Surdyrier hatten zu kämpfen. Shrogotekh hatte ein Tuch um den Kopf gewickelt und seinen spitzen Lederhut mit der breiten Krempe tief ins Gesicht gezogen. Wurluwux trug eine dunkelbraune Pelzmütze mit herabhängenden Ohrenklappen, die ihm viel zu groß war und seinen Wuschelkopf völlig verhüllte. Quintora und die drei Mithrier dagegen schienen von der Kälte nicht sonderlich beeindruckt.

Die Gefangenen hatten auch während der vergangenen Tage keinerlei Anstalten gemacht, sich ihrem Transport in Richtung Obesien durch Flucht zu entziehen. Dann geschah aber etwas äußerst Merkwürdiges. Als einer der Gefangenen während einer von Shrogotekh angeordneten Pause vom Pferd stieg, verharrte er plötzlich mitten in der Bewegung und sprach zum ersten Mal seit Verlassen der Festung von Clampp: „Wo bin ich?“ Verzweifelt sah er sich um und blickte seine Begleiter hilfesuchend an. 

Quintora ritt zu ihm hin. Dabei entdeckte sie neben dem Mann im Schnee ein steif gefrorenes, graues Insekt, das die Form einer großen Raupe hatte. Sie sah den Mithrier an und erkannte in seinen blauen Augen einen Glanz, der zuvor dort nicht vorhanden war.

„Reden Sie kein dummes Zeug! Sie wissen genau, dass Sie ein Gefangener sind und zu Ihrem Bestimmungsort gebracht werden“, erscholl Shrogotekhs Bassstimme. „Wenn Sie sich wehren oder zu fliehen versuchen, hacken wir Ihnen ein Bein ab.“ Ängstlich verstummte der Mann als er die Entschlossenheit in Shrogotekhs grimmigem Gesicht gewahrte.

Der „Blutwolf“ stieß den Mann grob vor sich her und warf Wurluwux einen bedeutsamen Blick zu. Der nickte verstohlen. Während sich die anderen entfernten, bückte sich der „Skorpion“, hob das gefrorene Insekt auf und steckte es in seine Tasche.

Der Vorfall bewog Quintora, die beiden Surdyrier genau im Auge zu behalten. Sie erachtete dies für erforderlich, um die Sicherheit ihrer Landsleute zu gewährleisten. Allerdings war ihr auch bewusst, dass eine ständige Überwachung schon wegen der geplanten Übermittlung der Landkarte an Octora nicht möglich sein würde. Schweren Herzens beschloss sie daher, den Lumburier ins Vertrauen zu ziehen, weil dieser ihr noch am rechtschaffensten erschien. 

Bei der nächsten Rast erklärte sie an Shrogotekh gewandt: „Ich werde nach Modonos mitkommen, aber geben Sie mir jetzt bitte die Karte. Wir alle kennen den weiteren Weg. Ich werde vorausreiten und die Karte ins Botenhaus von Kerdaris bringen, damit die Oberste Strategin über die Festung in Clampp informiert wird. Wir treffen uns dann wieder am Eisbaum von Kerdaris. Der befindet sich vier Meilen außerhalb der Stadt in der Senke von Tarrda. Man kann ihn von der Straße aus sehen.“ Widerwillig und zaudernd zog der „Blutwolf“ die Karte unter seinem Mantel hervor und übergab sie der Eisgräfin.

„Es fällt mir nicht besonders leicht, mich auf diese Weise in Ihre Hand zu begeben“, gab er offen zu. „Wir werden uns außerdem etwas einfallen lassen müssen, um Saradur das Verschwinden der Karte zu erklären, ohne dass er Verdacht schöpft.“

Quintora steckte die Karte wortlos ein. Ihr erschien es am wichtigsten, dass sich die Oberste Strategin so schnell wie möglich um den obesischen Stützpunkt in der Einöde von Clampp kümmern würde. Während sie zu ihrer Stute Tostassa ging, nahm sie kurz den Lumburier beiseite und flüsterte ihm zu: „Passen Sie auf, dass den Gefangenen nichts geschieht!“

Dann ritt die Eisgräfin zum Botenhaus von Kerdaris. Es erwies sich als ein wichtiger Ritt, auch wenn es ihrer Schicksalsgefährtin Octora nicht vorausbestimmt war, noch eine Festung der Obesier in Mithrien einzunehmen.

*

Crandin hatte beschlossen, Unitor nicht mehr aus den Augen zu lassen. Dieser Entschluss stand bereits fest, noch bevor ihn der Berater darum gebeten hatte. Wie ein unsichtbarer Schatten folgte der Priester des Wissens dem Eisgraf auf Schritt und Tritt. Dabei kam ihm zugute, dass die Mon’ghale zwar nicht in der Lage waren, einen Eisgrafen zu beeinflussen, wohl aber seine Gehirnströme wahrzunehmen. Crandin hatte inzwischen herausgefunden, wie er selbst diese Fähigkeit nutzen konnte. Wenn er sich stark konzentrierte, konnte er die Wahrnehmungen der Mon’ghale erspüren, wenn auch nur sehr verschwommen. Aber das reichte aus, um auf geringe Entfernungen den Aufenthaltsort eines anderen Menschen annähernd genau zu bestimmen, ohne ihn zu sehen.

Unitor hatte sich noch nicht endgültig entschieden, ob er nach Sindra oder mit Crandin nach Obesien reisen würde. Der Verwalter hatte vorsorglich im Hafen unterhalb des Quaralpalasts einen wendigen Dreimaster für eine Reise nach Sindra bereitstellen lassen. Inzwischen neigte Unitor aber eher dazu, erst einmal den Ratschlag Crandins zu befolgen und ihn in die Akademie von Modonos zu begleiten.

Crandin hatte von Unitor erfahren, dass ein abschließendes Treffen mit dem neuen Hüter der Flammen für den heutigen Tag bevorstand. Deshalb wunderte er sich, dass Unitor nicht zum Hauptpalast ging, sondern zu einem völlig abgelegenen Ort an der äußeren Mauer nahe der nördlichen Spitze der Festung. Er folgte dem Eisgrafen in gebührendem Abstand. Irgendwie hatte er schon die ganze Zeit eine ungute Ahnung, ohne dass er einschätzen konnte, was dieses beunruhigende Gefühl auslöste. Vielleicht plagte ihn auch nur das schlechte Gewissen. Denn Crandin war klar, dass sein neuer Freund wegen dieser Bespitzelung äußerst aufgebracht gewesen wäre, wenn er davon gewusst hätte.

Unitor verweilte an der Mauer und ließ seinen Blick über die schnell dahinziehenden Wolken und die Weiten des Ozeans schweifen. Vor einer solchen Kulisse mutete alles andere winzig und bedeutungslos an. Das waren die Augenblicke, in denen den meisten Menschen am ehesten die Vergänglichkeit ihrer nur kurz aufflackernden Existenz im Angesicht der ewigen Naturgewalten bewusst wurde.

Crandin machte einen Satz, um hinter dem gemauerten Stützpfeiler eines hoch aufragenden Gebäudes zu seiner Linken in Deckung zu gehen. Dabei strauchelte er über einen am Boden liegenden Ast und konnte sich gerade noch mit Mühe an dem Pfeiler abfangen. Atemlos verharrte er in seinem Versteck, weil er fürchtete, Unitor könnte das Geräusch des knackenden Astes bemerkt haben. Aber dann hörte er Stimmen in einiger Entfernung. Vorsichtig lugte er um den Pfeiler und atmete erleichtert auf.

Unitor hatte ihn nicht bemerkt und war ein Stück weiter gelaufen bis zu einer Stelle, wo sich ein weißer Kreis auf der Mauer befand. Dort erwartete ihn bereits der Hüter der Flammen. Crandin sah wie sich Unitor während des Gesprächs etwas nach vorn über die Mauer beugte und nach unten zeigte, vermutlich zu der Anlegestelle des für seine Reise bestimmten Schiffes. Anstatt dem ausgestreckten Arm mit dem Blick zu folgen, trat der Hüter der Flammen zwei Schritte zurück. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er sein Schwert aus der Scheide und rammte es Unitor in den Rücken. Schnell riss er es wieder aus dem Leib des Eisgrafen heraus, ließ es fallen und ergriff mit beiden Händen die Felljacke Unitors. Der Eisgraf sank auf der Stelle zusammen, unfähig zu jedweder Gegenwehr. Mit einer mächtigen Anstrengung hievte Zallux den Körper des Sterbenden über die Mauer und warf ihn in den tiefen Abgrund. Gehetzt sah er sich um. Da er aber niemand entdecken konnte, hob er beruhigt sein Schwert auf, wischte das Blut ab und steckte die Waffe wieder weg. Dann eilte er in Richtung des nördlichen Scheitelpunktes der Festung davon. Crandin stand wie gelähmt. Eine ganze Weile war er völlig unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

*

Der große Eisbaum von Kerdaris ächzte unter der schweren, weißen Last, die ihm der schneidend kalte Nordwind auferlegt hatte. Die dicken Flocken trieben so dicht, dass Shrogotekh die beiden Pferde erst sah, als er schon beinahe mit ihnen zusammengestoßen wäre. Quintora führte das Packpferd, das sie in Kerdaris beschafft hatte, neben Tostassa her. Es war beladen mit dem Proviant für die Strecke nach Modonos. Der Lumburier übernahm die Zügel der beiden Pferde, während sich Quintora aus dem Sattel schwang. Shrogotekh fasste sie behutsam am Arm und führte sie ein Stück weit von der restlichen Gruppe weg. Dann hielt er ihr seine Handfläche hin, auf der der erfrorene Mon’ghal lag.

„Sie haben das auch bemerkt, nicht wahr?“, wollte er wissen. Die Frage bewies Quintora, dass sie es mit einem scharfen Beobachter zu tun hatte.

„Allerdings“, gab sie zu.

„Wissen Sie, was das ist?“, hakte Shrogotekh nach.

„Ja, sicher“, erwiderte Quintora. „Ich war längere Zeit in Obesien. Das ist ein Mon’ghal. Ein toter Mon’ghal. Nur die Farbe kommt mir etwas seltsam vor. Normalerweise sind sie schwarz. Aber es könnte natürlich sein, dass er durch die Kälte oder beim Erfrieren grau geworden ist.“

„Die Frage sollte eigentlich lauten: Was wissen Sie über Mon’ghale?“, stellte der Surdyrier richtig. „Gibt es da etwas Besonderes?“

„Das ist eine in Obesien weit verbreitete Insektenart. Mir ist nichts Sonderbares aufgefallen, aber ich habe mich auch nie näher mit Insekten beschäftigt. Ungewöhnlich erschien mir nur, dass normalerweise aus Raupen Schmetterlinge hervorgehen, was bei den Mon’ghalen nicht der Fall ist. Aber das sind wohl einfach keine richtigen Raupen, obwohl sie so ähnlich aussehen. Vielleicht handelt es sich um Würmer oder auch um eine eigene Gattung …“, sinnierte Quintora.

„Das ist ganz gewiss eine völlig eigenständige Gattung“, bemerkte Shrogotekh nachdrücklich. „Wir vermuten, dass die Obesier irgendwie mit Hilfe dieser Tiere Menschen beeinflussen. Seit der Gefangene diesen Mon’ghal verloren hat, verhält er sich völlig anders. Wir befürchten, dass er einen Fluchtversuch unternehmen wird. Ugudag hat insgeheim die beiden anderen Gefangenen überprüft. Sie führen noch lebende Mon’ghale mit sich, die übrigens auch eine graue Färbung haben. Wir haben sie ihnen belassen, weil wir glauben, dass sie dann weniger Schwierigkeiten machen. Offenbar wollen sie nach Modonos überführt werden. Seien Sie vorsichtig! Diese Mon’ghale scheinen nicht ungefährlich zu sein.“

„Ich werde versuchen, bei einer günstigen Gelegenheit mit dem Gefangenen zu reden“, entschied Quintora.

„Wurluwux hatte da noch eine andere Idee. Wir könnten den Mann freilassen und Sie an seiner Stelle als dritte Gefangene ausgeben“, schlug der „Blutwolf“ vor.

„Das geht nicht“, erwiderte die Eisgräfin. „Zumindest nicht in Modonos, weil man mich in der Akademie kennt.“

Quintora war keine ungewöhnlich auffällige Erscheinung. Aber ihre sanften Gesichtszüge und die strahlend blauen Augen hinterließen zumindest bei den meisten Männern einen bleibenden Eindruck. Für eine Frau, die unerkannt bleiben wollte, wirkte sich dies natürlich nicht unbedingt vorteilhaft aus.

„Ich werde in der Akademie nicht gemeinsam mit euch auftreten können“, stellte die Eisgräfin klar. „Aber jetzt sollten wir losreiten, damit wir das Grenzgebirge und den nordischen Winter so schnell wie möglich hinter uns lassen. Andernfalls wird es wohl nicht nur für die Mon’ghale große Probleme geben, sondern auch für euren Freund aus Lumburia.“

*

Der Berater sah verwundert auf, als Crandin in sein Zimmer stürmte und die Tür hinter sich ins Schloss warf. Das Gesicht des jungen Priesters war vor Erregung fast genauso rot wie seine Haare.

„Der Hüter der Flammen hat Unitor an der Nordspitze des Palasts erstochen und über die Mauer geworfen“, keuchte er atemlos.

Der Berater sprang auf. Sein Verstand arbeitete blitzschnell: „Jemand hat ihm das Geheimnis der vertauschten Kinder verraten.“

Crandins Worte kamen immer noch stoßweise: „Ich muss versuchen, mit Hilfe der Mon’ghale seinen Körper zu finden.“

„Nimm die nördliche Wendeltreppe!“, befahl der Berater. „Wir treffen uns am Schiff.“ 

Crandin wusste natürlich, dass das Schiff gemeint war, das Unitor nach Sindra hätte bringen sollen. Sofort rannte er los, über die Treppe am Hauptpalast zur Allee der Berater und von dort bis zu der Stelle, wo sich in einer Aussparung der äußeren Mauer der obere Einstieg der Wendeltreppe befand. Ein halbkreisförmiges, angerostetes Geländer wölbte sich nach außen um den Treppeneinstieg und schloss zugleich die Mauerlücke.

Die nördliche Wendeltreppe bestand aus einer gigantischen Stahlkonstruktion, die dreihundert Meter in die Tiefe führte. Sie war an der nördlichen Felsnase des Palastbergs verankert und durch ein massives Gitter gesichert.

Nachdem Crandin schon zweihundert Meter in die Tiefe abgestiegen war, blieb er kurz stehen und konzentrierte sich so gut es ging auf die Mon’ghale. Fast hätte er triumphierend aufgeschrieen als er den undeutlichen Widerhall eines kaum noch wahrnehmbaren Bewusstseins verspürte. Dieses Echo verschwommener Gedanken schürte seine verzweifelte Hoffnung. Womöglich war der Körper Unitors doch nicht bis zum Fuß des Berges abgestürzt und dort zerschmettert worden. Er musste irgendwo in der Nähe sein. Die Mon’ghale konnten also – wie Crandin vermutet hatte - mit Hilfe ihrer geheimnisvollen Fähigkeit auch ein totes Gehirn aufspüren und dessen Funktionen wie durch einen Spiegel mit ihren eigenen Gedanken aufrechterhalten. Crandin drohte den Mon’ghalen, sie zu töten, falls der von Unitors Gehirn ausgehende Widerhall versiegen würde. Dann rannte er weiter die Treppe hinab bis er schließlich den Körper des toten Eisgrafen sah. Dessen dicke Felljacke hatte sich in einem wirren Geäst verfangen, das zu mehreren bizarr gewachsenen Bäumen gehörte. Ihre dicken Wurzeln hatten sich auf einem auskragenden Felsvorsprung festgeklammert. Die leblose Gestalt des Mithriers baumelte hin und her wie eine Fliege in einer Spinnwebe, die der Wind zerrissen hat. Es hatte den Anschein, als könnte der Körper jeden Moment in die Tiefe abstürzen.

Crandin suchte fieberhaft nach einem der Ausstiege in dem röhrenförmigen Gitter, das die Wendeltreppe umschloss. Schließlich fand er einen Auslass etwa drei Meter oberhalb der Leiche des Eisgrafen. Der Verriegelungsmechanismus klemmte, aber als sich der Priester mit Wucht dagegen warf, gab er nach und schwang nach außen auf.

Einer der dicken Äste befand sich in seiner Reichweite. Crandin löste den Strick, der sein olivgrünes Gewand an der Taille zusammenhielt. Er bestand aus einem kunstvoll verschlungenen Tegkhra-Seil, gefertigt aus der enorm belastbaren Faser einer flachsähnlichen Pflanze. Obwohl das Seil äußerst filigran erschien, wies es eine erstaunliche Festigkeit auf. Vollständig aufgerollt war es über zehn Meter lang. Crandin verknotete es auf eine Weise, dass er sich mit einem der gut fünf Meter langen Teilstücke selbst sichern konnte. Dann band er es an einem Gitterstab fest und verankerte es zusätzlich an dem dicken Ast. Schließlich begann er mit dem Abstieg zu Unitors Körper.

Glücklicherweise war Crandin Kletterpartien dieser Art gewohnt. Auf der Suche nach Brutstätten seltener Vögel im Blätterdach der Regenwälder von Oot hatte er schon wesentlich größere Höhenunterschiede überwunden. Aber dennoch gestaltete sich die Bergung der Leiche Unitors ungleich schwieriger. Der eisige Nordwind pfiff Crandin wütend um die Ohren und lähmte seine Hände trotz der ledernen Handschuhe. So dauerte es länger als eine halbe Stunde bis er den Leichnam endlich erreichte. Während er ihn mit Schlingen um die Hüfte und die Schultern sicherte, wäre er beinahe von einer heftigen Sturmbö losgerissen und in die Tiefe geschleudert worden. Verzweifelt krallte er sich im Geäst fest bis der Wind wieder nachließ. Nun konnte er endlich damit beginnen, den Körper Unitors langsam nach oben zu ziehen.

Kurz bevor der junge Priester die Ausstiegsöffnung der Gitterröhre erreichte, hörte er das blecherne Klappern von Schritten, die sich auf der Wendeltreppe von unten her näherten. Rasch klammerte er sich mit einer Hand an einem der Äste fest und zog mit der anderen das Wurfmesser aus dem Ledergürtel seiner Hose. Unbewegt verharrte er und wartete auf den Kopf, der jeden Moment im tiefer gelegenen Bereich der Wendeltreppe auftauchen würde. Als er die schwarze Kapuze sah, atmete er auf und kletterte weiter.

Der Berater half Crandin, den Leichnam Unitors durch die Ausstiegsöffnung auf die Treppe zu ziehen. Die großen Blutflecken auf Vorder- und Rückseite der Jacke des Eisgrafen waren bereits verkrustet. Seine Augen starrten gebrochen ins Leere. Crandin packte den Körper Unitors an den Schultern, der Berater ergriff ihn an den Knien. Dann trugen sie ihn gemeinsam die restlichen Treppenstufen hinab. So erreichten sie die Felsterrasse, die direkt oberhalb des Dreimasters lag, der ursprünglich für Unitors Reise nach Sindra vorgesehen war.

Niemand befand sich an Bord des Schiffes. Crandin und der Berater schleppten den toten Eisgrafen in eine geräumige Kajüte, die eigentlich zur Unterbringung von drei Personen diente. Nachdem sie den Körper und den Holzkasten mit den Mon‘ghalen auf einem der drei Betten festgebunden hatten, reichte der Berater Crandin die Hand und sagte: „Ich werde jetzt gehen und dir die Besatzung des Schiffes schicken. Sie besteht aus sieben Männern, die allesamt vertrauenswürdig sind. Du kannst dich auf sie verlassen.“

„Baradia wird Schwierigkeiten machen“, gab Crandin zu bedenken. „Sie wird mir nicht verzeihen, dass ich aus Oot geflohen bin.“

„Dafür habe ich vorgesorgt. Gib ihr dieses Schreiben!“ Der Berater händigte Crandin eine versiegelte Lederrolle aus. „Ich habe den Kapitän angewiesen, dich direkt in der Bucht vor dem Paradies der Küste an Land zu bringen. Beweise mir einmal mehr, dass du mein Bester bist!“ Mit diesen Worten umarmte die schwarz vermummte Gestalt den jungen Priester des Wissens. Dann drehte sich der Berater um und ging schnellen Schrittes von Bord.

Das für Unitor bestimmte Schiff war das einzige, das vertäut an der Anlegestelle lag. Crandin musste eine Weile warten, bis der Kapitän mit der Schiffsbesatzung eintraf. Während die Matrosen die Leinen einholten und die Segel hissten, konnte der Priester des Wissens erkennen wie der Berater aus einem Lagergebäude im Hafen mehrere Teerfässer herausrollte, die für Schiffsreparaturen bestimmt waren. Nachdem er die Deckel geöffnet hatte, kippte er sie um. Der Teer ergoss sich auf die hölzernen Landungsstege und die breiten Holzbrücken und Treppen, die in mehreren Etagen zu den höher gelegenen Hafengebäuden führten.

Crandins Schiff legte ab, und der Berater winkte seinem Enkel ein letztes Mal zu. Dann setzte er den Teer in Brand. Bald züngelten Flammen an den Stegen und Anlagen empor bis auch die Gebäude Feuer fingen und zuletzt der gesamte Hafenbereich am Fuß des Palastberges lichterloh brannte. Noch aus weiter Ferne konnte Crandin die riesige Rauchwolke sehen, die langsam zum Quaralpalast emporstieg.

Mit Genugtuung stellte der Berater fest, dass die Feuersbrunst im Hafen nicht mehr aufzuhalten war. Hustend eilte er zu dem großen Eisentor, das sich am Fuß des Berges oberhalb einer mit Granitplatten befestigten Rampe befand. Über diese Rampe und durch das anschließende Tor wurden üblicherweise die von den Schiffen angelandeten Güter in den Palast befördert.

Die Rampe setzte sich innerhalb des Palastberges bis zu dessen Vorderseite fort. Rechts und links davon lagen Vorratsräume. Vom Ende der Rampe aus führte eine breite Treppe zu einer großen Kaverne, von der aus man auf verschiedenen Wegen in den eigentlichen Palast gelangen konnte. Der Berater begab sich auf direktem Weg zum Saal der Eisgrafen. Dort erwarteten ihn bereits Septimor und Octora. Beide hatte er noch vor seinem Weg zum Hafen über den Tod Unitors unterrichtet.

Septimor war der Älteste der Eisgrafen. Ebenso wie sein Zwillingsbruder, Fürst Jorgal zu Kerdaris, trug er einen grau melierten Schnurrbart und einen ebensolchen Spitzbart. Sein Haar war nach hinten gekämmt und reichte ihm bis auf die Schultern. Seine blauen Augen hatten einen harten, eisigen Ausdruck angenommen.

„Wir sollten diesen Mörder ergreifen und auf der Stelle öffentlich hinrichten“, verlangte er.

Der Berater versuchte, ihn mit einer beschwichtigenden Geste zu beruhigen: „Wir reden hier vom Hüter der Flammen. Ein solches Recht steht uns nach der Verfassung nicht zu. Wir würden uns damit selbst ins Unrecht setzen und ein Chaos auslösen.“

„Dann müssen wir eben sofort ein neues Elektral einberufen und ihn absetzen. Danach könnte er vor Gericht gestellt werden“, schlug Octora mit belegter Stimme vor. Ihre Augen hatten einen ungewohnten, feuchten Schimmer.

Der Berater schüttelte den Kopf. 

„Das würde alles viel zu lange dauern“, widersprach er. „Bis dahin hätte Zallux den Oberbefehl über die Armee der Vereinten Nordlande an sich gerissen. Ich stimme mit Septimor darin überein, dass die Zeit der Diplomatie vorbei und die Zeit des Handelns gekommen ist. Wir können keinen Mörder und Verräter auf dem Flammenthron der Nordlande dulden. Aber wir müssen überlegt vorgehen und vor allen Dingen schnell. Damit Zallux nicht handeln kann, ist es erforderlich, ihn hier von der Außenwelt abzuschneiden. Septimor, du gehst nach Tanaria und schickst Boten aus, die den Fürsten von Mithrien und dem Trio der Weisen von dem Mord an Eisgraf Unitor berichten. Quartor soll den Passweg zum Quaralpalast mit vertrauenswürdigen Leuten an allen strategisch wichtigen Stellen besetzen. Diese Leute dürfen niemand aus dem Quaralpalast herauslassen und niemand hierher durchlassen mit Ausnahme von Würdenträgern. Ich selbst habe bereits dafür gesorgt, dass keine Schiffe mehr ein- und auslaufen können.“

„Was ist mit Charas zu Drinh?“, warf Octora ein. „Wird er nicht seinem Vater zu Hilfe eilen?“

Der Berater winkte ab: „Charas zu Drinh ist genauso herrschsüchtig wie sein Vater. Er wird für ihn keinen Finger krumm machen. Ich glaube sogar, dass er sich öffentlich gegen seinen Vater stellt, weil er nur so die Hoffnung haben kann, beim nächsten Elektral selbst gewählt zu werden.“

„Das sehe ich auch so“, stimmte Septimor zu.

Dann fuhr der Berater in der Erläuterung seines Plans fort: „Ich gehe mit Manden-Gatas zum Herzog der Höhlen und bitte ihn, sowohl den Pass als auch den Tunnel nach Zogh zu besetzen. Anschließend werde ich Königin Arthania vorschlagen, einen kleinen Teil ihres Heeres nach Sylabit und den Rest nach Sandammon zu verlegen, damit wir jederzeit und überall im Bedarfsfall einsatzbereit sind. Octora, du musst sofort nach Sandammon gehen und den Oberbefehl über die Vereinigte Armee übernehmen, bevor Zallux das versuchen kann. Die Armee sollte unbedingt nach Tredon verlegt werden, um einen Überfall der Obesier zu verhindern, falls die glauben, unsere derzeitige Schwäche ausnutzen zu können. Als Oberste Strategin kannst du der Nachrichtenlage entsprechend völlig frei entscheiden, welche Maßnahmen du dort für geboten hältst. Ich würde dir aber raten, das Heer nicht oberhalb der Sümpfe auf dem direkten Weg nach Tredon zu führen, sondern durch die Schneise von Delamunth, damit diese Truppenbewegung den Obesiern so lange wie möglich verborgen bleibt.“

Der Berater sah die beiden Eisgrafen nacheinander an: „Wenn keine Fragen mehr bestehen, sollten wir aufbrechen. Zallux wird inzwischen das Feuer im Hafen bemerkt haben.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte hämmerten im nächsten Augenblick Fäuste gegen die schwere Eichenholztür.

„Öffnet die Tür! Auf Befehl des Hüters der Flammen!“, erscholl es von draußen.

Der Berater ignorierte die Aufforderung und machte sich an dem runden Kristalltisch zu schaffen.

„Niemand darf diesen Raum betreten. Los, helft mir!“, forderte er die beiden Eisgrafen auf.

Octora und Septimor schoben den schweren Tisch zur Seite. Mit einem gezielten Tritt löste der Berater eine schmale Holzdiele im Boden. In hochgeklapptem Zustand konnte sie als Hebel zum Öffnen einer Falltür benutzt werden, die den Einstieg zu einer Treppe freigab.

„Septimor, dieser Weg endet außerhalb des Palasts, direkt am Pfad nach Tanaria“, erläuterte er und bedeutete dem Eisgrafen mit einer Geste, die Treppe zu benutzen.

Nachdem Septimor in dem Loch verschwunden war, schloss der Berater die Falltür wieder und rückte gemeinsam mit Octora mühevoll den schweren Kristalltisch an seinen ursprünglichen Platz zurück. Danach ging er eilig zur Wand, schob ein kleines Landschaftsgemälde zur Seite und drückte mit der Hand auf eine bestimmte Stelle. Wie von Geisterhand geöffnet schwang eine zuvor nicht einmal durch Fugen erkennbare Tür auf und gab den Blick auf einen Hohlraum frei.

„Dieser Gang führt direkt zum tiefsten Punkt des Sylabit-Tunnels auf der mithrischen Seite“, erklärte der Berater Octora. „Gehe vor, ich komme sofort nach.“

Octora verschwand durch die Tür und ging einige Schritte in dem abknickenden Gang entlang. Dann besann sie sich anders und hielt inne. In diesem Moment hörte sie ein leises, gehässiges Lachen aus dem Saal der Eisgrafen. Das war doch nicht das Lachen des Beraters! schoss es ihr durch den Kopf.

Flink tastete sie sich ein paar Schritte in dem Geheimgang zurück und spähte vorsichtig durch den Türspalt. Aber da hielt sich tatsächlich nur der Berater im Raum auf. Und er hätte sie zwangsläufig gesehen, wenn er in ihre Richtung geschaut hätte. Er bemerkte sie jedoch nicht, weil er ihr den Rücken zuwandte und in eine andere Tätigkeit vertieft war. Mit einem Gegenstand, den Octora nicht erkennen konnte, malte er einen großen, roten Kreis auf den runden Kristalltisch.

*

Also gab es doch gelegentlich Augenblicke, für die sich auch das anstrengende Leben eines Ducarions lohnte. Und das hier schien ein solcher Augenblick zu sein.

Zubarak war erstaunt im Türrahmen stehengeblieben als er den Wasserraum betrat.

„Treten Sie ruhig näher und schließen Sie die Tür. Vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten“, flötete die splitternackte Frau auf dem Rand des mit heißem Wasser gefüllten Badezubers. Sie war nicht mehr ganz jung und sicherlich auch keine atemberaubende Schönheit, aber dennoch durchaus attraktiv. Eine äußerst elegante Erscheinung, zweifellos keine Dirne.

Hoffentlich muss ich sie nicht töten, dachte Zubarak während er die Tür schloss und sich auf die Frau zubewegte wie der Schwarze Panther, der auf seiner Jacke prangte. Immerhin war das hier ein konspiratives Treffen, und der Ducarion der Garde von Modonos wusste immer noch nicht, worum es eigentlich ging. Aber da seine Einladung das Siegel des Ordenssprechers trug, konnte er davon ausgehen, dass zumindest für ihn selbst keine unmittelbare Gefahr bestand.

Die Frau stand auf und zog Zubarak die Jacke mit dem Emblem des Schwarzen Panthers aus. Dabei stieg ihm der verführerische Duft ihres feuerroten Haarschopfs in die Nase. Er wollte sie zu sich heranziehen. Aber die Frau hielt ihn geschickt auf Distanz und knöpfte sein Hemd auf, wobei sie ihm fordernd in die Augen sah. Ungeduldig riss er das halb geöffnete Hemd über seinen Kopf und schmiegte sich an ihren nackten Körper. Mit einer ansatzlosen Bewegung warf die Rothaarige unvermittelt die Jacke und das Hemd des Obesiers in die Wanne. In diesem Agenblick wurde ihm erst bewusst, dass das Wasser Blasen schlug und offenbar siedend heiß war.

Eine Falle! Eine plötzliche Erkenntnis, die sofort in der Hitze verglühte.

Schlagartig erlosch etwas. Zubarak war völlig verwirrt. Vor ihm stand eine nackte Frau. Auf dem kochend heißen Wasser des Badezubers schwammen seine Jacke und sein Hemd – und noch etwas.

„Ihrem Gefährten ist das heiße Wasser wohl nicht so gut bekommen“, spottete die Frau und zeigte auf die Wasseroberfläche, wo ein toter Mon’ghal trieb. Dann schlüpfte sie in einen flauschigen, schwarzen Mantel mit goldenen Stickereien, ging an dem völlig verdutzten Ducarion vorbei, öffnete die Tür und rief auf den Gang hinaus: „Du kannst jetzt hereinkommen.“

Zubarak fuhr herum. 

Unter der Türöffnung stand Saradur und lächelte: „Sebinirt haben Sie ja schon kennengelernt, sozusagen von ihrer besten Seite. Ich hatte Ihnen bekanntlich geschrieben, dass dies ein konspiratives Treffen ist. Da können wir keine artfremden Zuhörer gebrauchen, und schon gar keine, die meinen, selbst die Geschicke Obesiens bestimmen zu müssen. Kommen Sie jetzt! Ihr Hemd und Ihre Jacke bekommen Sie später getrocknet zurück.“

Sebinirt war die Vertreterin der Geldhäuser von Lumbur-Seyth und zugleich die Vertraute des Priesterordens für die Abwicklung von Handelsgeschäften. Aber mit Geld hatte dieses Treffen nichts zu tun. Saradur hatte wissentlich geduldet, dass er von einem alten Geheimbund für dessen Ziele eingespannt worden war. Zumindest glaubte er das. Auf diese Weise hatte er den Zeremonienmeister des Todes entlarvt. Und nun schickte er sich an, den Geheimbund und den Zeremonienmeister für die Verwirklichung seiner eigenen Vorhaben zu benutzen. Aber dazu brauchte er weitere Werkzeuge, mächtige Werkzeuge aus allen Ländern des Kontinents. Der Anfang war gemacht. Heute hatte er die ersten dieser Werkzeuge um sich geschart.

„Wenn wir Erfolg haben wollen, braucht das „Bündnis zur Befreiung“ Mitglieder aus allen Ländern des Kontinents, denn es gibt in allen Ländern Einflüsse, die die Gestaltung einer erstrebenswerten Zukunft behindern“, dozierte der Sprecher des Priesterordens. „Wir brauchen nicht viele, aber mächtige Mitglieder. Der erste Schritt ist getan. Zallux zu Drinh wurde zum Hüter der Flammen gewählt.“

„Dann soll das hier also eine Gründungsveranstaltung sein“, unterbrach Enebenteph die kurze Kunstpause des Ordenssprechers. Enebenteph war die vierte Person an dem rustikalen, für die kleine Gruppe viel zu großen Eichentisch. Der Surdyrier galt als die graue Eminenz von Lumbur-Seyth, obwohl er offiziell nur als Botschafter Surdyriens auftrat. Ihm stand als Einzigem im Konvent von Lumbur-Seyth ein Vetorecht zu. Auf diese Weise konnte er alle Entscheidungen, die in dem Stadtstaat getroffen wurden, zu Fall bringen. Der gemeinsamen Tradition entsprechend sollten dadurch Auseinandersetzungen zwischen den Bruderstaaten verhindert werden. In Wahrheit war Enebenteph jedoch ein treuer Gewährsmann des Kollektivs von Obesien. Von seinem Vetorecht machte er stets dann Gebrauch, wenn irgendwelche Beschlüsse den Obesiern nicht behagten. 

„So ist es“, bestätigte ihm Saradur. „Ideen sterben nicht. Vor vielen Jahren wurde von einem Wanderpriester des Wissens der Geheime Bund von Dunculbur gegründet. Es gibt ihn wohl nicht mehr in seiner ursprünglichen Form. Aber seine Ziele sind es wert, wiederbelebt zu werden.“

Saradur machte erneut eine bedeutsame Pause. Seine Gefolgsleute hatten allesamt noch nie etwas vom Geheimen Bund von Dunculbur gehört. Deshalb konnte er sicher sein, dass sie auch keine Ahnung davon hatten, wie wenig seine eigenen Ziele mit denen des Geheimen Bundes übereinstimmten. Genau genommen wusste er es selbst nicht.

„Bevor wir aber im Einzelnen unsere Ziele definieren und die Wege festlegen, wie wir sie erreichen können, müssen wir vollzählig sein“, erklärte Saradur weiter. „Sebinirt hat von uns allen die besten Verbindungen zu sämtlichen Ländern des Kontinents. Wen wirst du ansprechen?“

„Dolmand-Jakodan aus Gatya, Jekisebek aus Sindra, Baron Schaddoch aus Surdyrien, Thulminth aus Lohidan, Tillbar aus Oot und Dolugon aus Borthul“, beantwortete Sebinirt die Frage, die sie bereits erwartet hatte.

„Baron Schaddoch ist gemeingefährlich und ein Feind Obesiens“, wandte Saradur ein. „Außerdem traue ich ihm nicht.“

„Er wäre noch gefährlicher, wenn er nicht dabei wäre“, gab die zweitreichste Frau aus Lumbur-Seyth zu bedenken.

„Es ist deine Entscheidung“, gestand der Ordenssprecher zu. Aber weder er noch Sebinirt hatten eine Vorstellung davon, wie gefährlich der selbsternannte Baron wirklich war, und dass solche Fehleinschätzungen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten konnten. 





Kapitel 3 – Bündnisse und Täuschungen



Braune, mehrstöckige Zweckbauten beherrschten das Bild in den Vororten von Modonos. Dazwischen lagen staubige Rasenflächen mit verdorrten Gräsern und ein paar schmucklosen Sitzbänken aus rohen Holzbrettern auf Steinfundamenten. Auf einer dieser Bänke saßen zwei Händler, die dem Anschein nach über ein Geschäft debattierten. Der eine trug die dunkelrote Samtkappe eines akkreditierten Kaufmanns aus dem Norden, der andere die Landestracht Borthuls mit einem Band um den Arm, welches die gleiche Farbe hatte wie die Kappe des Nordmanns. In Wahrheit drehte sich ihr Gespräch aber nicht um Handelsgeschäfte.

„Das Kollektiv glaubt, dass Piraten aus Borgoi die Fangflotte Senesia Sidas im Hafen von Tassivedes vernichtet haben. Die Obesier sind im Begriff, einen Vergeltungsschlag gegen die Insel vorzubereiten“, sagte der Mann, dem unter seiner roten Mütze die schwarzen Haare ins Gesicht hingen.

„Dieses Kollektiv besteht anscheinend nur aus Idioten“, erwiderte der andere Mann. „Welches Interesse sollten die Freibeuter an einem solchen Überfall haben? Außerdem liegt in Nottikar ein Teil der Kriegsflotte von Sindra. Ein solches Unternehmen wäre normalerweise glatter Selbstmord. Wer sollte ein derartiges Risiko eingehen, um einen verschlafenen Fischerhafen zu überfallen?“

„Irgendjemand hat die Obesier jedenfalls von dieser Geschichte überzeugt“, vermutete der Mann mit der Mütze. „Die surdyrischen Kriegskoggen in Lumbur-Seyth sollen in Bereitschaft zum Auslaufen versetzt werden.“

„Die surdyrische Flotte ist die obesische Flotte“, sprach der Borthuler eine bekannte Tatsache aus. „Sie ist stark genug, um die Freibeuter zu vernichten und Borgoi zu besetzen.“

„Sie könnten Lokhrit um Hilfe bitten“, schlug der Schwarzhaarige vor.

„Im Gegensatz zu Ihnen bin ich wirklich ein Kaufmann, Graf Sestor“, entgegnete der Borthuler. „Ich würde nie und nimmer quer durch ganz Obesien Lohidan heil erreichen. Ich sehe das realistisch: Wenn Sie uns nicht helfen, werden wir Borgoi verlieren.“

Sestor nickte nachdenklich. Obesien war ein Feind des Nordens. Lokhrit unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Zogh, aber Borthul hatte bisher seine völlige Neutralität bewahrt. Eine Hilfe für Borgoi konnte dies womöglich zugunsten des Nordens verändern.

„Einverstanden“, stimmte der Eisgraf zu. „Aber Sie werden der Kongregation vermitteln, dass der Norden ein Freund Borthuls ist und vielleicht auch einmal Hilfe benötigt.“

„Meine Einstellung kennen Sie, Graf Sestor“, wand sich der Borthuler, dem man ansehen konnte, dass ihm das Ansinnen Sestors äußerst unangenehm war. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ihre Hilfe rettet vielleicht die Freibeuter. Aber Borthul hat offiziell nichts mit Piraten zu tun. Solange nicht die Insel selbst angegriffen wird, wird sich an der Neutralität Borthuls nichts ändern.“

„Gut, ich gehe dieses Risiko ein“, stimmte der Eisgraf dennoch zu. „Ich bitte Sie trotzdem, die Kongregation zu informieren. Möglicherweise wird sich später ja doch noch einmal jemand an meine Hilfe erinnern.“

Der Borthuler atmete erleichtert auf: „Ich gebe Ihnen einen Brief an den Hafenmeister von Lohidan mit. Thulminth ist der mächtigste Mann in Lokhrit. Mit ihm müssen Sie die Sache besprechen.“

Dem Hafenmeister von Lohidan unterstand die größte Flotte des Kontinents. Sie war auf den Meeren genauso gefürchtet wie die Heere seiner Freunde, der Zogh, auf dem Festland.

*

Charas zu Drinh hatte rein äußerlich wenig Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem neuen Hüter der Flammen. Der große, muskulöse Mann, dem man einen hohen Intellekt nachsagte, verfügte aber auch über eine Eigenschaft, deren Wertigkeit die Meinungen spaltete:

Die einen nannten sie Durchsetzungsvermögen, die anderen schiere Brutalität. Zumindest in dieser Eigenschaft deutete sich das enge Verwandtschaftsverhältnis zu seinem Erzeuger und vormaligen Fürsten zu Drinh an.

Vor einigen Tagen hatte ihm ein Bote die Nachricht überbracht, dass sein Vater den Eisgrafen Unitor ermordet habe, und deswegen eine Gruppe mächtiger Personen um den Berater und die Eisgrafen nunmehr versuchten, ihn im Quaralpalast festzusetzen. Offenbar waren sie bestrebt, durch ein erneutes Elektral seine Amtsenthebung zu betreiben. Völlig unbeeindruckt davon führte Zallux jedoch weiterhin zusammen mit dem Verwalter die Regierungsgeschäfte. Der Verwalter stand wieder in Amt und Würden, nachdem in Sylabit geklärt worden war, dass er bei seinen Verfehlungen unter Zwang gehandelt hatte.

Charas zu Drinh dachte unentwegt darüber nach, welche Vorteile er aus dieser neuen Situation schlagen konnte. Durch eine unvorhergesehene Wendung wurde ihm diese Entscheidung abgenommen. Ein vermummter Mann hatte durch die Wachen ausrichten lassen, dass er einen Vorschlag unterbreiten werde, der Charas dabei helfen sollte, die Nachfolge seines Vaters im Quaralpalast anzutreten. Als Treffpunkt hatte der Mann ein altes, verlassenes Gehöft außerhalb von Drinh vorgeschlagen, das mitten auf einer übersichtlichen, kargen Ebene stand.

Der Fürst hatte das teilweise verfallene Hauptgebäude kurz vor der vereinbarten Stunde von seiner Palastwache umstellen lassen. Dann ging er, flankiert von zwei Leibwächtern, hinein und blieb überrascht stehen. Auf einem altersschwachen Stuhl mit einer halb verrotteten Lehne saß eine seltsame Gestalt, eingehüllt in einen dicken, dunkelbraunen Pelz. Von ihrem Gesicht waren nur zwei dunkelrot glühende Augen zu erkennen. Auf dem Boden lag ein gefesselter Mann. Charas fiel sofort auf, dass der Gefangene die blaue Schärpe der Boten trug.

„Ich sehe, Ihr seid ein vorsichtiger Mann. Das gefällt mir“, sagte der Vermummte mit einem nicht zu überhörenden, sarkastischen Unterton. „Aber in meinem Fall ist diese Vorsicht nicht notwendig. Ich habe Euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er deutete auf den gefesselten Boten.

„Wer seid Ihr?“, fragte Charas zu Drinh den Vermummten.

„Das tut nichts zur Sache“, antwortete jener. „Der Bote hier hat eine wichtige Nachricht, die vermutlich für Euren Vater bestimmt ist. Sie stammt von einer Eisgräfin. Mir wollte er sie nicht verraten. Vielleicht ist er Euch gegenüber kooperativer. Ich nehme an, dass diese Botschaft für Euch ungleich wichtiger ist als für mich. Wenn er auch mit Euch nicht sprechen will, habt Ihr sicherlich Mittel und Wege, um ihm die Zunge zu lösen.“

Charas zu Drinh sah zu dem Boten, in dessen Augen die nackte Angst zu erkennen war. Daher befahl er nur knapp: „Sprich!“

„Bitte, Fürst zu Drinh“, flehte der Bote mit leicht zitternder Stimme. „Mir wurde ausdrücklich aufgetragen, die Nachricht ausschließlich dem Hüter der Flammen, dem Berater oder der Obersten Strategin zu überbringen.“

„Mein Vater und ich haben keine Geheimnisse voreinander“, behauptete der Fürst. „Nachrichten, die für ihn bestimmt sind, sind auch für mich bestimmt. Also sprich jetzt!“

Der Bote schien fieberhaft zu überlegen. Charas zu Drinh ging ungeduldig im Zimmer auf und ab bis er schließlich vor dem gefesselten Mann stehenblieb und ihn anherrschte:

„Ich habe nicht ewig Zeit. Also rede endlich!“

Als wiederum keine Antwort kam, zog Charas sein Schwert aus dem Futteral und setzte die Spitze auf den rechten Oberschenkel des Boten: „Sage mir sofort die Nachricht, sonst wirst du deine Stellung aufgeben müssen.“

Ein paar Sekunden herrschte angespannte Stille. Nur das ängstliche Atmen des Boten war zu hören. Dann versenkte Charas zu Drinh sein Schwert langsam in den Oberschenkel des Boten, der vor Schmerzen laut aufschrie. Blut quoll aus der Wunde, während der Fürst das Bein durchbohrte. Dann zog er die Klinge wieder heraus, setzte die Spitze des Schwerts auf den linken Oberschenkel des Boten und schickte sich an, erneut zuzustechen.

„Aufhören!“, brüllte der Bote. „Ich sehe ein, dass Ihr legitimiert seid, die Nachricht zu empfangen.“ Charas zu Drinh zog sein Schwert zurück.

„In der Einöde von Clampp gibt es eine geheime Festungsanlage der Obesier“, berichtete der Bote hastig. „Sie halten dort wahrscheinlich Menschen aus dem Norden gefangen, vielleicht sogar die verschwundenen Bewohner von Sanh. In meiner Tasche findet Ihr eine Karte, auf der die genaue Lage des Kastells verzeichnet ist.“

„Von wem stammt diese Nachricht?“, wollte der Fürst wissen.

„Von der Eisgräfin Quintora“, antwortete der Gefangene schwach. Inzwischen strömte sein Blut stärker aus der Wunde und ergoss sich über den schmutzigen Fußboden.

„Wozu soll diese Anlage dienen?“, hakte Charas zu Drinh nach. Da mischte sich jedoch der Vermummte ein:

„Diese Frage kann er Euch nicht beantworten. Er kann Euch jetzt überhaupt nichts mehr nützen.“

Charas zu Drinh hatte verstanden. Er bückte sich, klopfte dem Boten beruhigend auf die Schulter und zog die Kartusche mit der Karte aus dessen Wams. Dann stieß er ihm mit einer schnellen Bewegung das Schwert mitten ins Herz. Der Bote röchelte kurz und war danach sofort tot. Charas zu Drinh warf dem Vermummten einen vielsagenden Blick zu. Dabei murmelte er:

„Zeugen können manchmal verwirrende Angaben machen, die letztlich niemand etwas nützen und nur unnötige Unruhe stiften.“

„Was den Boten anbelangt gebe ich Euch recht“, nickte der Vermummte. „Aber ich bin kein Zeuge, sondern derjenige, den Ihr braucht, falls Ihr den Wunsch hegt, Hüter der Flammen zu werden.“

„Warum sollte ich einen solchen Wunsch haben?“, fragte der Fürst zu Drinh scheinheilig.

„Haltet mich nicht zum Narren!“, brauste der Vermummte auf. „Hört Euch lieber an, was ich Euch zu sagen habe: Clampp ist nicht die einzige Festung auf Eurem Boden. Es gibt eine weitere, die Euer Vater übernehmen sollte, nachdem sie von den Obesiern errichtet und von der Obersten Strategin ausgehoben wurde. Diese Festung befindet sich hier ganz in der Nähe, bei Doront. Wenn Ihr nicht von Euren Feinden vernichtet werden wollt, müsst Ihr ein Heer aufstellen. Wie uns Euer Vater nun mit seinem Scheitern beweist, braucht man eine Hausmacht, um sich auf dem Flammenthron zu halten. Mit den Festungen von Doront und Clampp habt Ihr dafür die besten Voraussetzungen. Ich könnte die Versorgung eines solchen Heeres durch die Bauern in Nord-Obesien sicherstellen. So, und jetzt sagt bitte Euren Wachen, dass sie nach Hause gehen und sich auf ihre künftigen Aufgaben vorbereiten sollen. Ich werde ebenfalls gehen, aber ich werde wieder da sein, wenn Ihr mich braucht.“

Der Mann im braunen Pelz mit den rotglühenden Augen erhob sich und ging zur Tür hinaus. Charas zu Drinh folgte ihm. Während der Fürst noch unschlüssig hinter ihm dreinschaute, holte der Vermummte einen großen Rappen aus einem benachbarten Stallgebäude und saß auf. Charas gab seinen Männern das Zeichen, ihn ungehindert davonreiten zu lassen. 

*

Orandula-Orondinurs Ankunft in Dukhul gestaltete sich ähnlich triumphal wie ihre Rückkehr aus Oot. Als sich die frühen Nebelschleier gelichtet hatten, konnte sie von der prunkvollen Galeere des Hochkönigs aus die in der Morgensonne glänzenden Türme der Hafenstadt erkennen. Wie schillernde Leuchtfeuer ragten sie aus dem Meer der weißen Gebäude empor. Da ahnte die ehemalige Eisgräfin schon, dass die Stadt auf Befehl des allmächtigen Hochkönigs für ihren Empfang herausgeputzt worden war. Nach wie vor hatte sie große Schwierigkeiten, sich in diesem ganzen Blendwerk aus Pomp und Protz wohlzufühlen; aber das war eben die andere Seite Sindras, die zu akzeptieren sie lernen musste. Gewiss handelte es sich um ein Volk, das auf Äußerlichkeiten Wert legte und gerne seinen Reichtum zur Schau stellte. Aber entsprang ein derart überschwänglicher Liebesbeweis, wie er ihr zuteilwurde, nicht auch einer tief empfundenen Verehrung, die sie nicht enttäuschen durfte? 

Als sie das Schiff im Kriegshafen des Hochkönigs verließ, bildeten jeweils eine Hundertschaft von Fußsoldaten und Reitersoldaten ein Spalier, an dessen Ende sie Jekisebek, der Hafenmeister, und Yxistradojn, der Statthalter von Doinat, in prächtigen Gewändern erwarteten. Jekisebek trug seine Amtskette mit einem goldenen Anker, und Yxistradojn, der Vetter des Hochkönigs, ebenfalls das Symbol seiner herausragenden Stellung, einen Stirnreif aus Rotgold mit blauen Türkisen. Nachdem beide Orandula-Orondinur mit einer Umarmung begrüßt hatten, wie sie in Sindra nur unter höchsten Würdenträgern üblich war, begleitete Yxistradojn sie zu der bereitstehenden Kutsche.

Diesmal lehnte Orandula-Orondinur die ihr angebotene Sänfte dankend ab und schritt stattdessen an der Seite von Argo a Narga zu der prunkvollen Kutsche, wo ihr der Statthalter von Doinat den Schlag öffnete. Sie hätte es vorgezogen, wie damals in Doinat mit liebevoll zugedachten Blumen, anstatt mit waffenstrotzender Ehrerbietung begrüßt zu werden. Und auch ihren künftigen Gemahl hätte sie lieber gesehen als die beiden Stadtfürsten. Aber da ihr die protokollarischen Rituale Sindras immer noch reichlich fremd waren, bemühte sie sich um einen würdigen Auftritt und winkte den zahlreichen Menschen hinter den beiden Linien der Soldaten freundlich zu.

Als sie die Kutsche betrat und Wiilidir dort wartete, hob dies ihre Stimmung. Auch die Fahrt nach Zitaxon verlief wesentlich angenehmer als sie befürchtet hatte. Yxistradojn glänzte als geistreicher Unterhalter. Nach den Gesprächen mit ihm musste sich Orandula eingestehen, dass er wesentlich gebildeter war als sie dies bei einem Mann in seiner Stellung als Oberbefehlshaber der sindrischen Heere erwartet hätte. Obwohl der Statthalter nur wenige Jahre mehr als Gylbax zählte, verfügte er über ein phänomenales Wissen, das auch die Besonderheiten fremder Völker einschloss.

Ihre Ankunft in Zitaxon übertraf noch einmal deutlich das Geschehen nach ihrer Rückkehr aus Oot. Die Bevölkerung der großen Stadt säumte die Straßen schon ab der Allee der Sarkophage und jubelte ihr zu als sei sie bereits die Königin und habe die halbe Welt erobert. Selbst das laute Gekrächze von Syx konnte Orandula-Orondinur kaum noch hören. Die gesamte Bevölkerung Zitaxons schien auf den Beinen zu sein und begleitete die Kutsche bis zum Sternpalast, wo Gylbax auf sie wartete. Er hatte die schwarz-goldene Prunkrobe der Hochkönige angelegt und die Universalkrone aufgesetzt. Sonne und Mondsichel aus massivem Gold prangten auf verschlungenen und gehärteten Stricken in den Farben rot und weiß, die Blut und Knochen der besiegten Feinde symbolisieren sollten.

Gylbax setzte sich wieder einmal über das Protokoll hinweg, indem er auf die Kutsche zurannte und seine zukünftige Gemahlin umarmte als sie gerade ausgestiegen war. Nachdem er sie auf beide Wangen geküsst hatte, trat er zwei Schritte zurück und bekundete: „Das Warten hat sich erneut gelohnt. Du bist noch schöner als in meiner Erinnerung. Ich wünschte mir, dass du mich nie mehr verlassen würdest. Aber was viel wichtiger ist als meine Wünsche: Hast du einen Wunsch?“

Orandula-Orondinur wurde einmal mehr durch die Situation überwältigt. Inzwischen hatte sich die riesige Menschenmenge, die der Kutsche gefolgt war, auf dem großen Platz vor dem Sternpalast versammelt. Leise sagte Orandula-Orondinur zu Gylbax: „Ich würde gerne hierbleiben.“

Das Gesicht des Hochkönigs drückte plötzlich eine Freude aus, wie sie die ehemalige Eisgräfin noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er trat drei Schritte an ihr vorbei und reckte die Faust in die Luft. Sofort trat auf dem großen Platz eine atemlose Stille ein, dass man eine Münze hätte fallen hören können. Dann schrie der Hochkönig, so laut er konnte, seinem Volk zu: „Begrüßt eure neue Königin!“

Sofort brandete donnernder Jubel auf, in dem minutenlang alle weiteren Worte des Hochkönigs und seiner künftigen Gemahlin untergingen.

*

Kristallklares Wasser wurde durchdrungen von schillernden Spiegelungen. Bruchstücke des Lichts einer unendlich weit entfernten Sonne tanzten auf und unter der leicht gekräuselten Oberfläche des Ozeans. In der kleinen, malerischen Bucht tummelten sich Schwärme farbenprächtiger Fische zwischen großen Steinen und kleinen Riffen, die mit Korallen und exotischen Wasserpflanzen überzogen waren. Tief unterhalb des Dreimasters konnte man die fächerförmigen Strukturen des feinsandigen Meeresbodens in allen Einzelheiten erkennen.

Im Hintergrund erhoben sich die Gebäude des Paradieses der Küste. Crandin wusste, dass es sich keineswegs um ein Paradies handelte, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkte.

Nachdem der Dreimaster vor Anker gegangen war, ließen Crandin und Drogunod, der Steuermann von der Halbinsel Beladint, ein Ruderboot zu Wasser. Während sie dem Festland entgegen ruderten, verließ eine Gruppe von sechs Personen das Monasterium und näherte sich ihnen. Crandin und Drogunod legten am Ufer an bevor die Gruppe die Anlegestelle erreicht hatte. Der kräftige Steuermann aus Lokhrit zog das Holzboot weit genug den Sandstrand hinauf, so dass es von der Dünung nicht mehr erfasst werden konnte.

Zwischenzeitlich hatte Crandin die Männer erkannt, die sie in Empfang nahmen. Die Gruppe bestand aus den fünf Leibwächtern Baradias sowie Tillbar, seinem älteren Halbbruder. Die sechs Männer bauten sich vor Crandin und Drogunod in einer Linie auf und versperrten ihnen den weiteren Weg zum Paradies der Küste.

„Was willst du hier, Verräter?“, fauchte Tillbar seinen Halbbruder an.

„Ob ich wirklich ein Verräter bin, können wir später klären“, entgegnete Crandin mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Ich möchte Baradia sprechen.“

„Baradia ist in Sindra, und ich glaube kaum, dass sie bald zurückkehren wird“, erklärte Tillbar.

„Wer leitet das Paradies in ihrer Abwesenheit?“, wollte Crandin wissen.

Tillbar zeigte auf die Leibwächter: „Wie du siehst, tue ich das.“

Crandin überlegte kurz, dann sagte er: „Ich bitte dich, mich ein einziges Experiment durchführen zu lassen. Danach werde ich sofort wieder verschwinden.“

„Du hast unsere Gemeinschaft verraten“, schimpfte Tillbar. „Und jetzt bist Du zurückgekommen, weil du etwas von uns willst. Eigentlich müsste ich dich gefangennehmen und in den Kerker werfen. Das werde ich nicht tun. Aber ich werde dir auch nicht erlauben, das Paradies zu betreten solange Baradia nicht hier ist. Du wirst auf dein Schiff zurückkehren und keinen Fuß mehr auf diesen Boden setzen. Es steht dir frei, auf dem Schiff zu warten bis Baradia zurückkommt. Wenn du trotzdem versuchst, hier nochmals zu landen, werden Agur und seine Leute dich in Stücke hauen.“

Damit drehte Tillbar sich um und schritt zurück zu den Gebäuden der Priester des Wissens. Die Leibwächter Baradias blieben noch eine kurze Weile stehen bis Crandin und Drogunod ihr Boot wieder ins Wasser geschoben hatten und eingestiegen waren. Dann folgten sie Tillbar. Crandin und der Steuermann ruderten mit sorgenvollen Minen zurück zu ihrem Schiff. Dort begann das Warten.

Nachdem drei Tage seit der Begegnung mit Tillbar vergangen waren, bemerkte Crandin, dass sich das Echo abschwächte, das die Mon’ghale in Unitors Gehirn erzeugten. Daraufhin nahm er einen der Mon’ghale aus dem Kasten, verbarg ihn in einer Tasche seiner leichten Leinenhose und machte sich auf die Suche nach Drogunod. Dieser lag gelangweilt in einer Hängematte seiner Kajüte und starrte an die Decke als Crandin eintrat. Der Steuermann setzte sich sofort auf. Crandin kam ihm gerade recht, da er ihm ohnehin seine Sorgen vorhalten wollte:

 „Du weißt, dass die Vorräte nur noch wenige Tage reichen. Spätestens in drei Tagen müssen wir nach Lohidan oder Kumor segeln. Wir können dann ja anschließend wieder hierher zurückkommen.“

Drogunod kannte Crandins Problem nicht. Der Priester des Wissens war gerade deshalb zu ihm gekommen, um herauszufinden, ob die Zeit für eine Fahrt nach Lohidan oder Kumor tatsächlich noch reichte. Dafür musste er den Steuermann als Medium missbrauchen. Verstohlen holte er den Mon’ghal aus seiner Tasche, so dass Drogunod ihn nicht sehen konnte, aber der Mon’ghal die Möglichkeit hatte, den Steuermann zu fixieren. Dessen Augen wurden plötzlich stumpf und ausdruckslos.

„Ich nehme an, Sie haben mich hierhergebracht, weil Sie mit mir reden wollen“, sagte Drogunod. Crandin empfand es nach wie vor als gespenstisches Erlebnis, wenn er sich durch einen Menschen mit einem Mon’ghal unterhielt.

„Ich habe den Eindruck, dass die Hirnströme des Eisgrafen schwächer werden“, vermutete der Priester des Wissens.

„Das ist richtig“, bestätigte der Mon’ghal durch Drogunod. „Wir werden sie höchstens noch etwa vier bis fünf Tage aufrechterhalten können.“

„Sie wissen, dass Sie Ihre Daseinsberechtigung verloren haben, wenn das Echo erlischt“, drohte Crandin.

„Das wissen wir. Aber die Schäden im Gehirn des Eisgrafen werden immer größer. Wir können das nicht aufhalten.“ Die monotone Stimme Drogunods ließ nichts über den Gemütszustand des Mon’ghals erkennen.

„Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte“, stellte Crandin betrübt fest. „Ziehen Sie sich aus dem Gehirn des Steuermanns zurück und übernehmen Sie wieder Ihre Aufgabe!“

Während er den Mon’ghal in seine Tasche steckte, klärte sich der Blick Drogunods.

„Was hast du gerade gesagt?“, fragte er.

„Ich habe nichts gesagt, nur überlegt“, antwortete Crandin. „Wir werden so lange hierbleiben wie dies möglich ist.“

Als Crandin am Morgen des darauffolgenden Tages an der Reling des Schiffes stand und sehnsüchtig zum Paradies der Küste hinüber schaute in der Hoffnung, Baradia könnte endlich zurückgekommen sein, sprach Drogunod ihn erneut wegen der Vorräte an. Der junge Priester wusste, dass der Steuermann recht hatte, und die ganze Besatzung durch weiteres Zögern gefährdet wurde. Die Warterei zerrte jedoch an seinen Nerven, und so fuhr er Drogunod ungehalten an und wies darauf hin, dass der Berater ihm und nicht dem Steuermann den Befehl über das Schiff übertragen hatte.

Insgeheim hatte sich Crandin ständig darüber Gedanken gemacht, ob es eine Möglichkeit gab, gegen Tillbars Willen in die Experimentalräume des Monasteriums einzudringen. Aber er musste derartige Pläne immer wieder begraben. Aufgrund der Lage der Gebäude stand nicht ernsthaft zu erwarten, unentdeckt auch nur in deren Nähe gelangen zu können.

Unterdessen wurde das Gehirnecho Unitors stetig schwächer. Crandin musste sich eingestehen, dass sein kühnes Vorhaben fehlgeschlagen war. Da Unitor ohnehin endgültig verloren schien, konnte er nicht auch noch das Leben der gesamten Schiffsbesatzung aufs Spiel setzen. Deshalb entschloss er sich schweren Herzens, um die Mittagsstunde den Befehl zur Abreise nach Lohidan zu geben.

Zwei Stunden später verließ er seine Kabine und begab sich an Bord. Er hatte die Absicht, die Besatzung auf die Abreise vorzubereiten. Während er in Richtung des Schiffsbugs ging, erfasste er zufällig eine Bewegung an Land. Eine Gruppe von Menschen lief von den Gebäuden des Monasteriums in Richtung der Anlegestelle am Meeresufer. Crandin zählte zwölf Personen. Er beschattete die Augen gegen die Blendung durch das einfallende Sonnenlicht und konnte so erkennen, dass es sich um elf Shondo und einen Mann in einem weißen Gewand handelte.

Einer der Shondo und der Mann im weißen Gewand lösten ein Boot von der Anlegestelle und ruderten auf den Dreimaster zu. Als Crandin erste Einzelheiten in den Gesichtszügen der Männer erkannte, fragte er sich, ob er seinen Augen trauen konnte: Berion und Uggx. Crandin befahl zwei Matrosen, eine Strickleiter hinabzulassen, damit der Höchste Priester und der Shondo an Bord kommen konnten.

Berion begrüßte Crandin mit einer kurzen Umarmung. Dann stellte er sofort die Frage, die Crandin erwartet hatte: „Wie steht es um den Eisgrafen?“

„Äußerst schlecht“, bekannte Crandin. „Das Gehirn stirbt ab. Die Mon’ghale können das Echo nicht mehr lange aufrechterhalten.“

„Ich habe die Leitung des Monasteriums übernommen“, informierte ihn Berion. „Nimm mit Uggx die Leiche und bringe sie in den kleinen Experimentierraum im Westflügel.“

Crandin führte Uggx in die Kajüte, wo sich der Leichnam Unitors befand. Gemeinsam schafften sie den Körper in das Ruderboot, mit dem Berion gekommen war und brachten ihn anschließend an Land. Die Gruppe der Shondo schirmte den Leichnam gegen neugierige Blicke ab, während Crandin und Uggx ihn in den Westflügel des Monasteriums und von dort in den kleinen Experimentierraum im Obergeschoß trugen. Dort legten sie ihn auf einer Holzpritsche ab. Nach etwa zehn Minuten betrat Berion den Raum. In seiner Rechten hielt er einen Glaskolben mit einer langen Spitze aus Silber. Das Gefäß hatte einen doppelten Boden aus zwei Silberplatten, wobei sich die innere mit Hilfe eines langen Griffs verschieben ließ. Auf diese Weise konnte man die graugrüne Flüssigkeit, mit der das Gefäß gefüllt war, aus einem winzigen Loch in der Spitze herauspressen. 

Crandin hatte lange mit sich gerungen, bevor er schließlich doch den Höchsten Priester über das Elixier der Wiedererweckung informiert hatte, dessen Rezeptur Baradia genauso eifersüchtig hütete wie den Odem des Lebens. Als sie mit Conumun und Unitor aus Obesien zurückgekehrt war, hatte Crandin in Conumun zunächst nur einen weiteren Liebhaber Baradias gesehen. Aber bald bemerkte er, dass er den Mann unterschätzt hatte. Conumun verbrachte an den meisten Tagen viele Stunden in einem botanischen Experimentierraum des Monasteriums.

Neugierig hatte Crandin die Gelegenheit genutzt als der Mann aus Xotos diesen Raum einmal für längere Zeit verlassen und dabei seine Aufzeichnungen vergessen hatte. So war Crandin auf die Rezeptur gestoßen, die nun seinem Freund Unitor das Leben zurückbringen sollte.

Berion setzte die Spitze des Gefäßes am Hals des Eisgrafen an und stieß die Nadel durch die Haut. Dann drückte er den Inhalt mit Hilfe des Schiebers in die Blutbahn des noch völlig intakten Körpers. Nach einigen Minuten schon begannen die Finger des Eisgrafen zu zucken.

Zwei große, runde, schwarz glänzende Augen schälen sich aus der konturlosen Dunkelheit. Graue Leere. Lang andauernde, graue Leere. Ein Hauch von Erinnerungen weht durch einen endlos hohlen Raum. Das Nichts zerfließt in zarten Farben, die kräftiger werden, sich zusammenfügen. Eindrücke aus der Vergangenheit, wie Tropfen, verdichten sich in – Bildern? In immer schneller wechselnden Bildern. Ein Blitz, ein Augenaufschlag im grellen Sonnenlicht. Schmerzen. Ein Gesicht. Rote Augen, rote Haare. Crandin!

„Was ist geschehen?“ Für einen Moment zweifelte Crandin daran, dass die Worte tatsächlich aus dem Mund Unitors gekommen waren.

Er antwortete nicht. Er wollte abwarten und sehen, ob Unitors Hirnfunktionen Schaden gelitten hatten. 

Nach einigen Sekunden erinnerte sich Unitor plötzlich: „Der Hüter der Flammen. Warum hat er das getan?“

Da trat der Höchste Priester in sein Gesichtsfeld.

„Berion?“ Ein seltsames Knirschen lag immer noch in der Stimme des Eisgrafen. Er versuchte, seinen Oberkörper etwas anzuheben. Zuerst fiel er wieder auf die Pritsche zurück. Aber beim zweiten Versuch gelang es schon besser. 

„Ja, Unitor“, bestätigte der Höchste Priester. „Wenn dein Körper sich erholt hat, gibt es einiges zu berichten.“

Durch den Schlaf des Todes fühlte sich Unitor wie ein neuer Mensch. Das Elixier hatte die Wunde in seinem Rücken geschlossen als sei sie nie vorhanden gewesen. Jetzt konnte er sich sogar aufsetzen. Als seine Füße den Boden berührten, stemmte er sich in die Höhe. Noch etwas unsicher stand er auf den Beinen. Crandin stützt ihn. Das Kribbeln in seinen Gliedern war kaum noch wahrnehmbar, und nach anfänglichem Wanken wurden seine Schritte sicherer. Berion und Crandin führten ihn in ein abgeschiedenes Besprechungszimmer am Ende des Korridors. Unitor fiel auf, dass an der Wand des Zimmers ein Porträt Berions hing, des Mannes, mit dem er vor noch nicht allzu langer Zeit gemeinsam von hier bei Nacht und Nebel geflüchtet war. Und soeben hatte ihn derselbe Mann von den Toten wiedererweckt. Der Höchste Priester bemerkte Unitors fragenden Blick.

„Du weißt, wo wir sind“, stellte er fest. „Du hast diesen Ort auf unserem Weg hierher wiedererkannt. Baradia ist nicht hier, und du brauchst dich vor ihr auch nicht zu fürchten. Ich habe dafür gesorgt, dass sie uns nichts anhaben kann. Übrigens war ich es, der diese Einrichtung hier gegründet hat. Deshalb das Bild. Aber nun zu deiner ersten Frage: Crandin und ich haben einen Verdacht. Jemand hat Zallux verraten, dass er nicht der wahre Fürst zu Drinh ist.“

„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte Unitor. „Wieso sollte er nicht der Fürst zu Drinh sein?“

„Du musst mir glauben“, verlangte Berion. „Vor vielen Jahren wurde bei einem Feuer in der Burg von Drinh der Säugling der Fürstin gegen einen anderen Säugling vertauscht.“ Crandin nickte bestätigend.

„Woher wollt ihr das wissen?“, fragte Unitor.

„Der Orden der Priester des Wissens zeichnete dafür verantwortlich. Als Leiter dieses Ordens gehört es zu meinen Privilegien, solche Dinge zu wissen“, erklärte Berion.

„Aber was hat das mit mir zu tun?“, fragte Unitor weiter.

„Du bist der direkte Nachfahre Gundurs und damit der echte Fürst zu Drinh. Deshalb wollte Zallux dich beseitigen“, offenbarte ihm Crandin.

Unitor sah ihn ungläubig an: „Das ist unmöglich. Meine Eltern waren einfache Leute in Sanh.“

„Dein Vater war ebenso ein Abkömmling Gundurs wie du. Nur hat er es genausowenig gewusst wie du bis jetzt“, klärte Berion ihn auf.

Als Unitor schwieg, versprach Crandin mit einem Seitenblick auf den Höchsten Priester: „Wir werden dir helfen, dein rechtmäßiges Erbe zurückzubekommen. Ich schulde dir das als der Enkel des Mannes, der für dieses Verbrechen verantwortlich war.“

*

Bei seinem langen Ritt von Modonos nach Lohidan benutzte Sestor die obesische Heeresstraße von der Hauptstadt nach Bogogrant. Die Obesier hatten Straßen durch ihr Land angelegt, auf denen sie schnelle Heeresbewegungen zu allen Grenzen durchführen konnten. Bogogrant lag nur wenige Meilen von der Grenze zu Lokhrit entfernt, oberhalb der Sümpfe im Quellgebiet des Lokh.

Bei der Anlage ihrer Straßen hatten die Obesier auf eine möglichst gerade verlaufende Wegführung geachtet, die zeitraubende Hindernisse vermied. Deshalb kam es Sestor recht merkwürdig vor, dass die Straße kurz hinter der großen Garnisonsstadt Dunculbur am Rande der Obesischen Wüste einen scharfen Bogen nach Süden beschrieb. Die Geländeverhältnisse boten hierfür keinerlei Anlass. Das Land war nur leicht hügelig und der Bewuchs hier in Wüstennähe recht spärlich. Zähe Gräser, Dornensträucher, Sukkulenten und überwiegend verkrüppelte Bäume mit flachen Kronen bestimmten das Landschaftsbild. Sestor hatte sogar den Eindruck, dass die Straße an einigen Stellen bewusst vertieft worden war, um den freien Blick nach Norden zu behindern. Diese außergewöhnliche Streckenführung weckte die Neugierde des geübten Kundschafters. Der Eisgraf ritt bis zum Beginn der Biegung zurück und folgte dann einem gedachten geraden Verlauf der Straße, was sich allerdings wegen der Dornenbüsche als einigermaßen schwieriges Unterfangen erwies. Nach knapp zehn Meilen fand er die Bestätigung dafür, dass er das richtige Gespür gehabt hatte. In einiger Entfernung waren mehrere Gebäudekomplexe zu erkennen, die auf ein obesisches Heereslager hindeuteten.

Vorsichtshalber band Sestor sein Pferd an einem verkrüppelten Baum fest und schlich im Schutz des Gestrüpps näher an die Anlage heran. Es handelte sich eindeutig um einen Stützpunkt der obesischen Armee. Mit Ausnahme der Viper-Flaggen der Geheimen Schar konnte Sestor äußerlich keinen Grund erkennen, warum dieses Lager derart versteckt gehalten und zudem außergewöhnlich gut abgesichert wurde. So hatten die Obesier neben der üblichen Mauer ein zusätzliches, vorgelagertes Stahlgitter um die gesamten Gebäudekomplexe herum errichtet. Die Anlage wies fast doppelt so viele Wachtürme auf wie andere obesischen Festungen, und in dem Bereich zwischen der Mauer und dem Stahlgitter patroullierten zahlreiche Soldaten.

Ansonsten war ein großer Monolith, der im östlichen Bereich des Stützpunktes wie ein Obelisk aufragte das einzig Auffällige. Dennoch wäre Sestor allzu gerne der Sache auf den Grund gegangen. Unwillkürlich musste er an den Ausspruch des Beraters über die Wurzel des Bösen in Obesien denken. Aber er hatte schon auf den ersten Blick erkennen müssen, dass es keine Möglichkeit gab, unentdeckt in die Anlage einzudringen. Außerdem musste er möglichst schnell seine Nachricht nach Lohidan bringen. So entschloss er sich, bei seiner Rückreise aus Lokhrit den gleichen Weg zu nehmen und dann zu versuchen, in dieses mysteriöse Lager hineinzugelangen.

Er holte sein Pferd und ritt in südlicher Richtung zurück, wo er bald wieder auf die zu dieser Zeit fast völlig verlassene Heeresstraße traf.

*

Der langgestreckte Hafen von Lohidan wurde im Süden begrenzt von einer schmalen Landzunge, die weit in den Ozean hinausragte. Am Ende dieser Landzunge stand ein hoher Leuchtturm, das höchste und bekannteste Bauwerk Lokhrits. Nachts wurde die Spitze des Turms befeuert, um den Seefahrern eine Orientierung zu bieten.

An der zum offenen Meer hin gelegenen Seite der Landzunge befand sich ein schlossähnliches Gebäude, der Sitz des Hafenmeisters.

Sestor saß dem dicken Mann in der blau-grünen Tunika in dessen Arbeitszimmer gegenüber, das trotz seiner immensen Ausmaße an eine Kapitänskajüte erinnerte. An drei Wänden hingen Seekarten und überall im Raum waren Schiffsutensilien, wie etwa Hilfsmittel zur nautischen Navigation, verteilt. Die vierte Wand zierte das Banner von Lokhrit, drei weiße Fische auf blauem Grund in der unteren und ein blaues Schiff auf weißem Grund in der oberen Hälfte, dazwischen eine wellenförmige Trennlinie. Vor seiner Wahl zum Hafenmeister war Thulminth fast vierzig Jahre zur See gefahren, zuerst als Steuermann auf einem Handelsschiff und zuletzt als Admiral der Kriegsflotte. Schon die Ausstattung seines Arbeitszimmers ließ erkennen, dass er dieser Zeit bis heute nachtrauerte.

Das von Wetter und Wein gerötete Gesicht des Hafenmeisters schien im Verlaufe der Schilderungen des Eisgrafen ständig dunkler geworden zu sein. Nachdem Sestor seinen Bericht beendet hatte, klopfte Thulminth gedankenverloren mit den Fingern auf die Schreibtischplatte.

„Wenn wir zugunsten Borgois eingreifen, würden wir einen Einmarsch der Obesier provozieren“, gab er zu bedenken. „Allein deren Truppen in Bogogrant sind dreimal so zahlreich wie die gesamte Armee von Lokhrit.“

Aber Sestor ließ diesen Einwand nicht gelten: „Vergessen Sie nicht, dass die Flotte, die die Freibeuter angreift, unter surdyrischer Flagge segelt. Für einen Vergeltungskrieg müssten die Obesier ihre Maske fallen lassen. Außerdem wissen sie inzwischen, dass in Sandammon nicht nur die Streitmacht Ihres Freundes Par.Agdandall steht, sondern auch das Heer der Vereinten Nordlande.“

„Mir wurde berichtet, dass dieses Heer gerade abgezogen wird“, gab der Hafenmeister bekannt.

„Wissen Sie wieso?“, fragte Sestor verwundert.

Thulminth schüttelte den Kopf: „Nein. Da geht es wohl um interne Dinge, die nur die Nordlande betreffen.“

Sestor überlegte kurz bevor er seine Schlussfolgerungen aussprach: „Wenn das gesamte Heer aus Sandammon abgezogen wird, kann es nur nach Tredon verlegt werden. Anderswo gibt es nicht genügend Verpflegungsmöglichkeiten. Aber gerade in Tredon stellt es eine noch viel größere Bedrohung für die Obesier dar. Die werden sich deshalb erst recht hüten, hier einen Krieg anzufangen. Dies umso mehr, als dann immer noch die Heere des Marschalls und der Königin von Zogh in Sandammon liegen. Die Obesier fürchten die Zogh viel mehr als eine gemischte Armee.“

Jetzt dachte der Hafenmeister nach. Deshalb fügte Sestor schnell hinzu: „Was die Zogh an Land sind, sind Sie auf dem Ozean. Sie können jetzt beweisen, dass Lokhrit immer noch die Meere beherrscht.“

Thulminth wog die Argumente des Eisgrafen sorgfältig ab und war schließlich überzeugt: „Ja, Sie haben recht. Ich hätte mich ohnehin nicht dagegen sperren können, meinen Brüdern in Borthul und Borgoi zu Hilfe zu kommen. Aber jetzt fühle ich mich dabei wesentlich wohler.“ Der feiste Hafenmeister grinste und seine kleinen Schweinsäuglein funkelten listig zwischen den aufgedunsenen Augenlidern und Tränensäcken. Er ergriff seinen überdimensionalen Weinkelch und nahm einen tiefen Schluck.

Sestor erhob sich: „Dann kann ich jetzt beruhigt gehen. Wenn Sie erlauben, werde ich noch eine Nacht in Lohidan bleiben, bevor ich morgen die Rückreise antrete.“

Thulminth wischte sich den Mund ab und grinste erneut: „Sie sind ein Freund meiner Freunde und können so lange hierbleiben wie Sie wollen. Ich würde Ihnen sogar anbieten, in meinem Haus zu wohnen, obwohl Sie ein äußerst schlechter Zechkumpan sind, der unsere Weine nicht zu schätzen weiß. Aber ich glaube, Sie werden gleich Ihre Pläne ändern. Gestern ist ein kleiner Dreimaster unter der Flagge der Nordlande in unseren Hafen eingelaufen. Er liegt oben im nördlichen Teil. An Bord sollen angeblich sehr interessante Leute sein. Sie werden sie sicherlich sprechen wollen, zumal Sie dort wohl auch erfahren können, warum das Vereinigte Heer verlegt wird. Ich gebe Ihnen jemanden mit, der Ihnen das Schiff zeigt.“

Sestor strich seine schwarzen Haare aus der Stirn und sah Thulminth an. Der Hafenmeister war noch besser informiert als er gedacht hatte.

„Sie wollen mir nicht sagen wer an Bord ist und worum es geht?“, erkundigte sich der Eisgraf.

„Das könnte ich zwar“, meinte der Hafenmeister lächelnd und zwinkerte mit einem Auge. „Aber ich befürchte, Sie würden mir das nicht glauben. Deshalb müssen Sie es selbst herausfinden.“

Ein Hafenarbeiter begleitete Sestor in den nördlichen Bezirk des zweitgrößten Hafens auf dem Kontinent und setzte ihn dort sogar noch mit einem Ruderboot zu dem schlanken Schiff mit der Flagge der Flammen und Eisbäume über. Sestor wunderte sich, dass an der Reling kein Nordmann erschien, um ihm die Hand zu reichen, sondern ein junger Mann mit rötlichen Augen und roten Haaren.

„Mein Name ist Sestor“, stellte sich der Eisgraf vor. „Der Hafenmeister hat mir geraten, Ihrem Schiff einen Besuch abzustatten.“

Der junge Mann lächelte: „Willkommen, Graf Sestor. Ich heiße Crandin. Ich bin ein Freund Unitors, der gerade von den Toten auferstanden ist. Ich werde Sie zu ihm führen.“

Zuerst hielt Sestor mitten in der Bewegung inne, dann beeilte er sich umso mehr, an Bord zu kommen.

 

In der Kabine des Kapitäns hatte sich eine ungewöhnlich zusammengewürfelte Gesellschaft eingefunden. Der Kapitän war ein ehemaliger Pirat aus Borgoi. Außer ihm befanden sich der lokhritische Steuermann Drogunod, Eisgraf Unitor, der Schnorst von Oot und Berion im Raum. Sestor und Unitor umarmten sich lange und herzlich.

„Ich musste gerade daran denken, was du mir damals in Tharis gesagt hast“, erinnerte sich Unitor und stellte dann Sestor die anderen Männer vor, um anschließend zu fragen: „Was führt dich hierher?“

„Der Hafenmeister hat mir erzählt, dass das Heer der Vereinten Nordlande aus Sandammon abmarschiert sei. Ich habe gehofft, hier Antworten zu finden.“

Die Männer setzten sich, und Unitor schilderte Sestor zunächst alles, was sich seit seiner Flucht aus Oot bis zur Durchführung des Elektrals zugetragen hatte. Danach übernahm Crandin die weitere Berichterstattung über die Ermordung und Wiedererweckung des Eisgrafen.

Sestor benötigte einige Zeit, um die soeben gehörten Ausführungen zu verdauen. Schließlich sagte er: „Ich hatte noch ein kurzes Gespräch mit Novotor bevor er nach Sindra abgereist ist. Dabei erwähnte er deine frappierende Ähnlichkeit mit Gundur zu Drinh. Ich selbst war nie in der Gruft der Hüter.“

Dann berichtete Sestor von seinen eigenen Erlebnissen. Bei der Erwähnung der seltsamen Straßenführung hinter Dunculbur und der Entdeckung der außergewöhnlich gut versteckten und scharf bewachten Lagerfestung der Geheimen Schar unterbrach ihn Berion mehrfach und stellte verschiedene Zwischenfragen, um noch mehr Einzelheiten zu erfahren.

„Wissen Sie etwas darüber?“, fragte Sestor schließlich verwundert.

„Niemand weiß etwas Genaues, und schon gar nicht die breite Masse der Obesier“, antwortete Berion. „Ich könnte mir vorstellen, dass es sich dabei um Tulumath handelt, einen geheimen Stützpunkt des Kollektivs. Nicht einmal mir als Höchstem Priester des Wissens ist es aber bisher gelungen, das Geheimnis zu lüften, das sich dahinter verbirgt.“

Dann drehte er sich zu Uggx um: „Ich muss das jetzt endlich herausfinden. Wirst Du mir dabei helfen?“

Während Uggx noch zögerte, wandte sich Sestor an Berion: „Die Priester des Wissens sind letztlich auch Obesier. Ich verstehe nicht, wieso Sie uns in unserem Kampf gegen Ihre Landsleute beistehen wollen, zumal Sie auch noch der Leiter des Ordens sind.“

Berion lehnte sich in seinem Sessel zurück: „Das ist eine lange Geschichte. Wir Priester des Wissens werden zwar in Obesien geboren …“ Er unterbrach sich und sah Crandin an, dann fuhr er fort: „… jedenfalls in der Regel. Und dort ist auch der Sitz des Ordens. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder von uns zwangsläufig das Kollektiv in seinem Kampf gegen den Rest der Welt unterstützt. Der Orden ist allein der Freiheit des Geistes verpflichtet. So gesehen sind die Obesier sogar eher unsere Feinde als unsere Verbündeten. Solange ich lebe werde ich nicht zulassen, dass die Obesier andere Völker vernichten, aber auch nicht umgekehrt. Nach allem was ich inzwischen weiß, glaube ich nämlich, dass die Obesier nicht von Natur aus schlecht sind. Vielmehr werden ihre Handlungsweisen von irgendetwas oder irgendjemand beeinflusst. Und dabei scheinen auch die Mon’ghale eine Rolle zu spielen, so unglaublich sich dies anhören mag. Unsere Interessen decken sich, weil ich dabei helfen will, das Joch abzuschütteln, das auf Obesien lastet. Dafür arbeite ich seit vielen, vielen Jahren.“

„Der Berater hat gesagt, dass der Orden der Priester des Wissens der Hort des Bösen sei“, warf Unitor ein.

„Nein, so hat das der Berater nie gesagt“, widersprach Berion.

„Woher wollen Sie wissen, was der Berater gesagt hat?“, kam Sestor seinem Mitstreiter zu Hilfe.

Berion zog die Brauen hoch und sah ihn lange an. Dann stand sein Entschluss fest. „Geben Sie mir ein paar Minuten, dann werde ich es Ihnen demonstrieren“, bat er, stand auf und verließ die Kajüte des Kapitäns. Wenige Minuten später öffnete sich die Kabinentür. Eine Gestalt in einem schwarzen Umhang trat ein, von der nur die rotglühenden Augen zu sehen waren. Die beiden Eisgrafen sprangen überrascht auf.

„Ich habe gesagt, dass die Wurzel des Bösen wohl in Obesien sitzt, und dass ich die Priester des Wissens für wesentlich gefährlicher halte als die Obesier“, erklang die dumpfe Grabesstimme des Beraters. „Aber ich habe nie gesagt, dass der Orden der Hort des Bösen sei. Du solltest genauer zuhören, Meister Unitor.“

Die beiden Eisgrafen standen wie erstarrt. Dann schlug der Berater seine Kapuze vollständig zurück und es erschien das lächelnde Gesicht Berions. „Ich habe gelernt, meine Stimme zu verstellen“, sagte er nochmals mit jener Tonlage, die aus einer Gruft zu hallen schien, um danach mit seiner normalen Stimme hinzuzufügen: „Dieses kleine Schauspiel mag euch verdeutlichen, wie gefährlich die Priester des Wissens sind. Aber das bedeutet nicht, dass wir auch alle böse und verkommen sind. Auf einige trifft dies allerdings zu. Deshalb ist es mir auch nie gelungen, den Orden von innen heraus kraft meiner Stellung zu reinigen. Ich musste ein Doppelleben führen, weil ich die Hilfe starker Verbündeter benötigte. Und die brauche ich immer noch.“

Unitor und Sestor hatten sich inzwischen von ihrem Schreck und ihrer Verblüffung erholt. Aber sie waren nach wie vor unfähig, sich zu dem überraschenden Bekenntnis des Höchsten Priesters in irgendeiner Weise zu äußern. Deshalb ergriff Berion erneut das Wort: „Ihr seid die Einzigen, die meine doppelte Identität kennen. Und es wäre zum Vorteil des gesamten Kontinents, wenn das auch so bliebe.“

Anschließend besprachen die Anwesenden das weitere Vorgehen. Während sich Uggx völlig zurückhielt, plädierte Crandin dafür, zuerst Unitor den ihm gebührenden Platz als Fürst zu Drinh zu verschaffen. Berion und die beiden Eisgrafen hielten es dagegen für vordringlich, das Geheimnis von Tulumath zu lüften. Schließlich setzte sich die Mehrheit durch, zumal Tulumath viel näher und gewissermaßen auf dem Weg nach Drinh lag.

*

Das Kollektiv war wütend.

„Wir lassen uns nicht auf diese Art und Weise erpressen“, schimpfte Ares-4.

Senesia Sida sah ihn unbewegt an: „Sie wissen so gut wie ich, dass sich im Handel die Preise nach Angebot und Nachfrage richten. Derzeit ist die Nachfrage nach Ilumit offenbar grenzenlos, während die erschlossenen Vorkommen und die Fördermengen äußerst begrenzt sind. Eine Preiserhöhung um fünfzig von hundert ist daher sehr moderat, weil ich genausogut ein Vielfaches verlangen könnte und auch bekäme. Außerdem muss ich über das Ilumit die Verluste auffangen, die mir durch den Ausfall beim Syndral entstehen.“

Ares-4 schäumte: „Sie können uns doch nicht dafür verantwortlich machen, dass die Piraten Ihre Fangflotte vernichtet haben. Sie wissen, dass wir Vorkehrungen getroffen haben, um dieses Problem ein für alle Mal zu lösen.“

„Die Piraten haben meine Fangflotte nicht vernichtet“, entgegnete Senesia Sida kühl.

„Waaas?“ Ares-4 beugte sich vor und sah sie entgeistert an.

„Das ist der zweite Grund, weshalb ich hier bin“, stellte die Kauffrau klar. „Der angebliche Piratenüberfall war ein Täuschungsmanöver des Hochkönigs von Sindra. Er will alles haben, was ich an Syndral produzieren kann. Deshalb sollen Sie glauben, dass ich keine Pfeilfische mehr fangen kann.“

Ares-2 und Ares-6 sprangen von ihren Plätzen auf.

„Wenn das stimmt, ist es eine eindeutige Kriegserklärung!“, schrie Ares-2.

„Ziehen Sie allen Ernstes in Erwägung, dass ich eigens hierhergekommen bin, um Ihnen eine Lügengeschichte aufzutischen?“, fragte Senesia Sida herablassend.

„Wozu braucht Sindra so viel Syndral?“, wollte Ares-4 wissen.

„Das hat Gylbax mir nicht gesagt“, musste die Minenbesitzerin wahrheitsgemäß einräumen. „Ein Priester des Wissens, den ich befragt habe, meinte, dass man damit die Bewegungsabläufe bestimmter Lebewesen beschleunigen kann. Wenn das beispielsweise bei Transporttieren funktioniert, könnte man viel schneller reisen oder aber auch Kriegszüge schneller durchführen. Aber das sind nur reine Mutmaßungen. Ich habe jedenfalls enorme Verluste, weil ich eine Menge Ilumit in die Syndralherstellung stecken muss, und das zu einem schlechten Preis.“

Nun herrschte betretenes Schweigen im Konferenzzimmer des Kollektivs.

„Können wir jetzt endlich zum Geschäft kommen?“, hakte Senesia Sida nach.

Aber Ares-2 war dazu noch nicht bereit: „Das wäre ein weiterer Grund, um Sindra anzugreifen, bevor sie das Syndral als Waffe gegen uns einsetzen können.“

„Wir können dies später intern besprechen“, mahnte Ares-4. „Hören wir jetzt, was Senesia Sida uns anzubieten hat!“ 

Die heimliche Königin von Lumbur-Seyth ging davon aus, dass sie dieses Spiel gewonnen hatte: „Ich habe Ihnen bereits vorgeschlagen, dass ich Ihnen weiterhin das gesamte Ilumit, welches ich nicht selbst benötige, zu einem angemessenen Preis überlasse. Ich werde Sie auch mit Syndral weiterbeliefern. Im Übrigen läge es wohl in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie meine Minen durch Wachen in geeigneter Weise absichern würden, ohne den Betrieb zu stören. Und Gylbax sollten Sie sich vom Hals schaffen.“

Dann stand sie auf und ging zur Tür.

„Wieso haben Sie Gylbax verraten?“, rief Ares-1 ihr nach.

Langsam drehte sie sich nochmals um: „Weil ich eine Tochter Obesiens bin.“ Der Anflug eines spöttischen Lächelns lag in ihren Mundwinkeln.

„Ich meinte den wahren Grund“, beharrte Ares-1 ärgerlich.

„Den kennen Sie doch. Weil Gylbax nicht bereit ist, meine Preise zu zahlen.“ Damit ging sie hinaus und schloss die Tür, nichtsahnend dass sie soeben mit ihrer grenzenlosen Gier ihr Schicksal besiegelt hatte.

„Können wir die Flotte noch aufhalten?“, fragte Ares-4.

„Ausgeschlossen. Sie ist längst ausgelaufen“, erwiderte Ares-1. „Aber außer Borthul wird es auch kaum jemand stören, wenn Surdyrien Piraten vernichtet. Gylbax ist dagegen wirklich ein ernsthaftes Problem, das wir lösen müssen. Wir müssen Sindra endlich ausschalten.“

„Ich darf daran erinnern, dass das in früheren Zeiten schon mehrfach versucht wurde und immer wieder fehlgeschlagen ist“, wandte Ares-4 ein.

„Da gab es aber auch noch die Pylax“, entgegnete Ares-6. „Wenn wir jetzt zaudern, kann es passieren, dass Sindra mit Hilfe des Syndrals wieder eine Waffe erhält, die den unsrigen überlegen ist. Ich bin sicher, dass Gylbax der Mann ist, der eine solche Waffe auch anwenden würde. Ich schlage vor, dass wir unsere Heere aus Modonos und Gladunos durch die Pforte von Pleeth führen.“

Die Würfel waren gefallen.

Bei der Pforte von Pleeth handelte es sich um einen schmalen Landstreifen zwischen der Quelle der Dyra und dem Dreiländereck, wo die Grenzen von Süd-Obesien, Sindra und Borthul aufeinandertrafen. Nur kurze Zeit später ging sie als die „Pforte des Todes“ in die Geschichte des Kontinents ein.

*

Mit der Anzucht der Roten Mondorchideen in Lumburia gelang Telimur ein voller Erfolg. Als die Keimlinge kräftig genug waren, verpflanzte er einen Teil in den Glaskasten, wo er nach den Anweisungen Senesia Sidas den Grünen Kristall aufgehängt hatte. Wenig später setzten die Pflanzen Knospen an. Telimur entnahm einige der Orchideen und legte sie zur Beobachtung ohne Erde auf einen Tisch in seinem Zimmer. Auch nach mehreren Tagen erschienen die Pflanzen völlig unverändert. Sie wuchsen zwar nicht weiter, welkten aber auch nicht. Qaromar holte sie schließlich ab und verarbeitete sie zu einem Extrakt, dem er Ilumit zusetzte. Nachdem aus den Samen der ersten Generation die zweite herangewachsen war, verpflanzte Telimur erneut einen Teil davon in den Glaskasten mit dem Zenesith.

Im Laufe der Zeit hatte sich Telimur mit Qaromar angefreundet, der ihn als eine Art Schüler zu betrachten schien. Telimur empfand dies aufgrund des ungeheuren Wissensschatzes dieses kauzigen alten Wanderpriesters durchaus als große Ehre. Auf Telimurs zaghafte Frage, warum sich Qaromar als der „letzte Wanderpriester“ bezeichnete, erklärte der Alte fröhlich: „Weil ich der letzte Wanderpriester BIN. Einst hatten die Wanderpriester die Aufgabe, den Kontinent zu erforschen und Vorschläge für die Errichtung und Ausstattung von Monasterien zu erarbeiten. Heute ist praktisch der gesamte Kontinent erforscht – mit Ausnahme Lumburias. Deshalb bin ich hier und ich bin der Einzige, den die Ureinwohner dulden. Sie wollen dieses einzigartige Refugium der ursprünglichen Natur schützen. Ich helfe ihnen dabei, wann immer sie mich brauchen.“

Manchmal nahm der alte Wanderpriester Telimur mit auf seine ausgedehnten Wanderungen durch den unberührten Dschungel. Dort sah Telimur Tier- und Pflanzenarten, von denen er zuvor noch nie etwas gehört, geschweige denn gesehen hatte. Auf einer dieser Wanderungen begegnete Telimur auch zum ersten Mal einem Cerghal. Es war eine dieser prägenden Begegnungen im Leben eines Menschen, die dazu beitragen können, seine Gedanken plötzlich in eine andere Richtung zu lenken. Telimur hatte das Wesen für einen Mon’ghal gehalten und Qaromar gegenüber eine entsprechende Bemerkung gemacht. Der Wanderpriester war daraufhin zunächst verstummt und sehr nachdenklich geworden. Dann aber klärte er seinen Schüler auf, dass die Cerghale wohl die Usprungsform der Mon’ghale verkörperten.

Der Cerghal saß an einem Baumstamm als neben ihm einer der hier äußerst zahlreichen Papageien landete. Telimur glaubte zuerst, der Papagei wolle den Cerghal fressen. Aber dann sah er zu seinem größten Erstaunen, wie der Papagei den Cerghal mit Teilen von Früchten fütterte, die er aus den für die Raupe unerreichbaren Baumwipfeln geholt hatte.

Auf entsprechende Frage Telimurs erzählte ihm Qaromar, dass es sich bei den Cerghalen ursprünglich um eine große Schmetterlingsart handelte, die ihre Fähigkeit zur Verpuppung verloren hatte. Da sie jedoch in ihrem Raupenstadium völlig unfähig war, sich auf Dauer selbst zu versorgen, hatte die Natur sie mit einer einzigartigen Gabe ausgestattet, die ihr ein Leben als Parasit ermöglichte. Die Raupen hatten die Fähigkeit erworben, andere Tiere mit der Kraft ihres Geistes zu beeinflussen, sodass diese sie beschützten und mit Nahrung versorgten. Die einzelnen Cerghalvölker bedienten sich dazu völlig unterschiedlicher Tiere. Qaromar hatte bei seinen Forschungen herausgefunden, dass dies mit der Königin zusammenhing, einer riesigen Raupe, die für den Nachwuchs verantwortlich war. Diese ernährte sich von Pflanzen und Blättern, aber auch von tierischem Aas. Offenbar verhielt es sich so, dass die Königin bestimmte Tiere gefressen haben musste, um an ihren Nachwuchs die Fähigkeit weiterzugeben, genau diese Tiere zu beeinflussen. Die jungen Cerghale krochen direkt nach dem Schlüpfen an einer kleinen Säule hoch, die sich nach oben hin verjüngte. Diese bestand aus steinartig ausgehärteten Körperausscheidungen der Königin. Von der Säule aus tasteten die kleinen Cerghale mit ihren geistigen Schwingungen nach einem Exemplar der Tierart, das in der Lage sein würde, sie künftig zu ernähren. 

Telimur begann zu bezweifeln, dass die Mon’ghale in Obesien nur eine Laune der Natur waren. Einmal blitzte kurz der Gedanke auf, dass eine Manipulation im Spiel sein könnte. Aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, dass es sich tatsächlich um ein schreckliches Spiel handelte. Und noch weniger hätte er sich vorstellen können, wer hinter diesem Spiel steckte. Am allerwenigsten aber hätte er geglaubt, dass er selbst in der Lage sein könnte, dieses Spiel zu beenden.

Auf dem Rückweg verloren sich langsam die Grübeleien Telimurs über die Mon‘ghale. Stattdessen befragte er Qaromar nach Mulmok und der Geschichte der Lumburier. Auch dem Wanderpriester kam der Themenwechsel sehr gelegen. Und so beschrieb er Telimur in einer kurzen Zusammenfassung den Werdegang dieses Volkes. Die Ureinwohner lebten in Kleinfamilien und hatten einst den größten Teil des Kontinents bevölkert. Dann waren sie von Osten her durch kriegerische Vorfahren der heutigen Menschenrassen verdrängt worden. Die geringere Geburtenzahl und der längere Geburtenzyklus erwiesen sich später als die entscheidenden Nachteile der Ureinwohner, die zuletzt nur noch in den unwegsamen Dschungeln Lumburias existierten. Dieses Rückzugsgebiet verteidigten aber die nur noch wenigen Überlebenden und ihre Nachkommen mit aller Entschlossenheit.

Zahlreiche historische Tatsachen waren im Laufe der Zeiten verfälscht worden oder aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen verschwunden. So ahnte Qaromar selbst nicht, dass in seinen Schilderungen der entscheidende Auslöser der lumburischen Tragödie nicht erwähnt wurde: ein kleiner, unscheinbarer, grauer Stein.

Telimur rechnete sich aus, dass sie das Lager in einer Stunde erreicht haben müssten. Er rechnete aber nicht damit, dass sie dort eine böse Überraschung erwartete.

*

Auf dem Marktplatz von Drinh hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Ein Raunen ging durch diese Menge als Charas zu Drinh in einem Prunkharnisch mit goldenen Einlegearbeiten und einem langen, roten Mantel mit Lederbesätzen die Treppe zu dem Podest emporschritt, das für seine Ansprache errichtet worden war. Zu beiden Seiten der Bühne flatterten die weißen Fahnen mit dem roten Wappen von Drinh im kalten Ostwind. Dieses Wappen bestand aus zwei gekreuzten Schwertern unterhalb der stilisierten Trutzburg auf dem Tafelberg.

Dem Fürsten folgten zwei hochgewachsene Ritter seiner Leibgarde, die sich rechts und links von ihm aufbauten.

„Bürger von Drinh!“, rief der Fürst seinen Landsleuten zu. „Wir stehen an einer Zeitenwende. Wie zu der Zeit unseres großen Ahnvaters Gundur sind böse Mächte auferstanden, um uns unser Land und unsere Freiheit zu nehmen. Deshalb müssen auch wir uns erneut erheben und das Böse vertreiben, das bereits mitten unter uns weilt. Wie ihr alle wisst, wurden sämtliche Bewohner des Dorfes Sanh verschleppt. Viele von euch werden dadurch Freunde oder Verwandte verloren haben. Wie ich inzwischen herausgefunden habe, sind das Kollektiv und der Kriegsrat von Obesien dafür verantwortlich. Sie sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, vor unserer eigenen Haustür, nämlich bei Doront, eine geheime Festung zu errichten.“ Wütend schlug er mit der Faust auf das Rednerpult. Dann trat er hinter dem Pult hervor und hob drohend einen Finger. „Die Oberste Strategin hat diese Festung besetzt, aber die Vermissten nicht gefunden. Jetzt habe ich erfahren, dass es noch eine geheime Festung der Obesier gibt: in der Einöde von Clampp. Etwas Derartiges wäre nicht möglich, wenn die Obesier keine Helfer hier in Mithrien hätten. Leider müssen wir davon ausgehen, dass der Fürst zu Kerdaris sie dabei unterstützt, ihre Soldaten und Vorräte in unser Land zu bringen. Liebe Freunde, die Verschollenen von Sanh werden in Clampp festgehalten. Wir müssen sie befreien und danach den Verräter von Kerdaris zur Rechenschaft ziehen!“

Tosender Beifall brandete auf. Mit einer Handbewegung gebot der Fürst nach einer kurzen Weile Einhalt und rief mit geballter Faust und erhobener Stimme:

„Aber dazu brauche ich euch! Jeden Einzelnen von euch! Ich werde ein Heer aufstellen und nach Clampp ziehen!“

Charas zu Drinh ließ seine Worte wirken und fuhr dann fort: „Ihr werdet euch vermutlich fragen, wie ich ein solches Heer unterhalten kann. Es gibt nicht nur schlechte Obesier. Die obesischen Bauern im Norden sind genauso friedliebend wie wir. Ich habe dort mächtige Freunde, die mir helfen, den Nachschub sicherzustellen. Bereits morgen wird der erste Zug mit Nahrungsmitteln aus Nord-Obesien in meiner Burg eintreffen. Jeder der sich verpflichtet, in meinem Heer zu dienen, wird von nun an unentgeltlich verköstigt werden. Außerdem …“ 

Charas zu Drinh zog mit einer großartigen Geste eine Papierrolle unter seinem Mantel hervor, entrollte sie, legte sie auf das Rednerpult und tippte mehrmals mit dem Finger auf das Blatt, das die Menschenmenge nicht sehen konnte: „… habe ich hier eine Zusage des Hüters der Flammen, dass er meinen Feldzug mit den notwendigen Geldmitteln unterstützt.“ Er rollte das völlig leere, unbeschriebene Papier wieder zusammen und verstaute es unter seinem Mantel. 

Ein Mann in einer der vorderen Reihen rief: „Warum schickt er keine Soldaten?“

Scheinbar dankbar nickte der Fürst zu Drinh dem Mann zu und erhob erneut seine Stimme:

„Ich habe zu Beginn erwähnt, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Die Vereinten Nordlande sind groß, und nicht immer kann der Hüter schnell Hilfe leisten. Deshalb ist es nun unsere Aufgabe, das große Werk Gundurs fortzuführen. Wir müssen in wichtigen Teilen unseres Landes Armeen aufstellen. Wenn wir den Verräter von Kerdaris vertrieben und sein Fürstentum übernommen haben, fällt uns mit Tredon das Bollwerk gegen den Süden zu. Auch dies entspricht dem Wunsch des Hüters.“ Theatralisch zeigte er auf seinen Mantel, wo er die leere Papierrolle hineingeschoben hatte. Dann deutete er zum hinteren Rand des Marktplatzes. Als die Menschen die Köpfe drehten, konnten sie dort mehrere Reiter mit blauen Schärpen sehen.

„Das sind die Boten, die der Hüter geschickt hat, damit sie meine Botschaft zu allen treuen Fürsten und Burgverwaltern, aber auch zu unseren Freunden in Gatya tragen. Wer von euch sich mir anschließen will, soll zu meiner Burg kommen und den Treueeid ableisten.“

Mit diesen Worten verließ Charas zu Drinh unter Jubelrufen und dem euphorischen Beifall der Menge die Bühne. Die ersten Freiwilligen gingen erst gar nicht mehr nach Hause, sondern machten sich sogleich auf den Weg zu der Trutzburg auf dem Tafelberg.

Aber längst bevor sie dort ankamen, waren die Reiter mit den Schärpen schon eingetroffen. Sie führten ihre Pferde in den Stall, entledigten sich der blauen Tücher und legten wieder ihre Kleidung an, die sie üblicherweise als Bedienstete des Fürsten trugen. Andere hatten bereits die Aufgabe übernommen, in den Städten und größeren Dörfern des Fürstentums Soldaten für Charas zu Drinh anzuwerben. Gatya, Kerdaris und die übrigen Fürstentümer Mithriens sollten hiervon selbstverständlich keine Kunde erlangen. 



Kapitel 4 – Eine Lawine wird ausgelöst

Seit Quintora mit ihren Begleitern die Grenze nach Obesien über einen schmalen, nicht bewachten Gebirgspfad überschritten hatte, trug sie wieder den braun-weißen Umhang und die Mütze, die sie als Hilfskraft der Akademie von Modonos auswiesen. Immer wieder erregte die ungewöhnlich zusammengesetzte Gruppe unterwegs die Aufmerksamkeit obesischer Kontrollpatrouillen. Saradurs Schreiben und Quintoras Kleidung sorgten jedoch stets dafür, dass die Reisenden mit ihren Gefangenen unbehelligt ihren Weg in die Hauptstadt fortsetzen konnten. 

Eine Woche nach dem Grenzübertritt kamen sie in Modonos an. Noch bevor sie die äußeren Stadtbezirke erreicht hatten, die jenseits der Stadtmauer lagen, trennte sich Quintora vom Rest der Gruppe. Anschließend ritt sie durch das westliche Stadttor zur Akademie, wo sie vorübergehend ihren Platz als Hilfskraft wieder einnahm. 

Shrogotekh blieb zusammen mit Ugudag und den Gefangenen zunächst außerhalb der Stadt. Wurluwux begab sich in die Akademie und ließ sich bei Saradur anmelden. Der Ordenssprecher war hocherfreut, dass die beiden Surdyrier seinen Auftrag schnell und ohne Komplikationen ausgeführt hatten. Als Wurluwux ihm jedoch eröffnete, dass ein Ureinwohner sie begleitete, reagierte Saradur äußerst unwirsch.

„Wie kommen Sie dazu, weitere Personen in die Sache einzuweihen, ohne das vorher mit mir abgesprochen zu haben?“ fuhr er den „Skorpion“ an.

Wurluwux verzog keine Mine und fixierte ihn mit seinen stechenden Augen: „Wenn wir Aufträge erledigen, tun wir das so, wie wir es für richtig halten. Es steht Ihnen frei, sich bei Shrogotekh zu beschweren, aber raten würde ich Ihnen das nicht. Der Blutwolf versteht in solchen Dingen wenig Spaß. Seien Sie froh, dass wir für den Lumburier keine zusätzliche Bezahlung verlangen!“

Saradur war verärgert. Am liebsten hätte er den beiden Surdyriern untersagt, den Ureinwohner auf dem restlichen Weg mitzunehmen. Aber dies wagte er dann doch nicht. Stattdessen ordnete er an, dass Shrogotekh, Wurluwux und Ugudag im Gästehaus der Akademie und die drei Gefangenen in einem gesicherten Trakt im Erdgeschoß eines Nebengebäudes untergebracht werden sollten. 

Am Abend traf sich der Ordenssprecher zu einem gemeinsamen Essen mit den beiden Surdyriern und dem Ureinwohner. Ugudag verhielt sich äußerst wortkarg und versuchte aufgrund einer Empfehlung seiner Begleiter, den Einfältigen zu spielen. Das kostete ihn große Überwindung und stellte im Ergebnis auch ein ziemlich sinnloses Unterfangen dar, weil Saradur über die hohe Intelligenz der Lumburier Bescheid wusste. Genau darin lag letztlich der wahre Grund, warum ihn die Anwesenheit Ugudags störte. Trotz aller Verschlagenheit der beiden Halunken Schaddochs traute er ihnen nicht zu, seinen wohlüberlegten Plan zu durchschauen oder gar durchkreuzen zu können. Bei einem Lumburier hatte er da eher gewisse Zweifel.

„Wo ist die Karte, die ich Ihnen gegeben habe?“, fragte Saradur.

„Sie hatten nicht erwähnt, dass Sie sie wiederhaben wollen“, entgegnete Shrogotekh beiläufig.

„Soll das heißen, dass Sie sie nicht mehr haben?“, brauste der Ordenssprecher auf.

Shrogotekh zuckte die Schultern: „Oben im Norden ist es verdammt kalt. Es hat fast ohne Unterbrechung geschneit, und manchmal ist es uns nicht gelungen, mit den feuchten Zunderkapseln und dem nassen Holz ein Feuer anzumachen. Tja, und da Sie nicht gesagt haben, dass Sie die Karte zurückhaben wollen, habe ich sie auf dem Weg von Clampp nach Kerdaris zum Anzünden eines Feuers benutzt.“

Saradur erweckte den Eindruck als versuche er mühsam, seine vorgebliche Wut gegenüber dem gefährlichen Räuberhauptmann unter Kontrolle zu bringen. Dazu bedurfte es jedoch keiner großen Schauspielkunst. Der Ordenssprecher hatte von vornherein damit gerechnet, dass die Galgenvögel des Barons auch noch versuchen würden, die Karte zu Geld zu machen. Das hätte zu einer ernsthaften Bedrohung seines Experiments in der Einöde geführt. Er hatte die beiden Surdyrier deshalb heimlich in Clampp erwartet und war nach der Übergabe der Gefangenen ihren Spuren in weitem Abstand gefolgt. Bei Kerdaris führte die Spur einer einzelnen Person von der Gruppe weg. Saradur hatte sich daraufhin an die Fersen dieser Person geheftet.

Nachdem die Karte einem Boten des Hüters übergeben worden war, folgte Saradur dem Boten. Nach einer Weile schloss er zu ihm auf und erkundigte sich nach dem Weg zur obesischen Grenze. Während der Bote den Weg auf einer von ihm mitgeführten Karte erläuterte, schlug ihn der Ordenssprecher unvermittelt nieder, fesselte ihn und übergab ihn später dem Fürsten zu Drinh. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass sich nun Charas statt der Obersten Strategin des Stützpunkts in der Einöde von Clampp annehmen würde. So glaubte Saradur, das Fortbestehen der Forschungsstation gesichert zu haben. Anschließend hatte er es trotz seines fortgeschrittenen Alters geschafft, Modonos noch vor Shrogotekhs Gruppe zu erreichen. Die beiden Surdyrier ahnten von alledem nichts. Gemäß dem Plan des Ordenssprechers sollten sie ohnehin nicht mehr zu ihrem Baron zurückkehren. Dafür waren bereits die notwendigen Vorkehrungen getroffen. Alles hing nun nur noch davon ab, dass Saradur seine Rolle überzeugend weiterspielte. Deshalb erklärte er mit griesgrämiger Stimme: „Für den endgültigen Bestimmungsort werde ich Ihnen wieder eine Karte mitgeben müssen. Diesmal sage ich Ihnen ausdrücklich, dass ich sie wieder zurückhaben will. Wenn Sie die Karte erneut verbrennen, müssen Sie damit rechnen, dass das Kollektiv SIE verbrennt.“

Shrogotekh lehnte sich genüsslich im Sessel zurück. Ein niederträchtiges Grinsen huschte über sein hässliches Narbengesicht. „Das haben die schon öfter versucht“, lästerte er. „Und hier sitze ich nun. Im Gegensatz zu denen, die es versucht haben. Aber es wird auch nicht nötig sein, die Karte zu verbrennen; hier in Obesien ist es ja nicht so nass und kalt wie im Norden.“

Das ausdruckslose Gesicht des Ureinwohners ließ keine Regung erkennen. Sein analytischer Verstand hatte aber bereits die richtigen Schlüsse gezogen. Wenn das Kollektiv so großen Wert auf die Karte legte, musste der Bestimmungsort der Gefangenen von großer Bedeutung sein. Das hieß aber zugleich, dass es für die Obesier gefährlich wäre, Fremde mit einem solchen Wissen am Leben zu lassen.

„Wo liegt unser Bestimmungsort?“, fragte Shrogotekh unterdessen.

„Am Rand der Obesischen Wüste. Sie werden etwa so lange benötigen wie von der Grenze Mithriens bis hierher“, erklärte Saradur bereitwillig. Dabei ging er davon aus, dass Shrogotekh wegen des notwendigen Proviants gefragt hatte. „Wir werden alles bereitstellen, was Sie brauchen. Eine kleine Eskorte obesischer Soldaten wird Sie zu Ihrem Schutz begleiten.“

Shrogotekh erkannte sofort, dass es nicht um ihren Schutz ging, und dass er nun gezwungen war, seinen ursprünglichen Plan grundlegend zu ändern.

Als sie am späten Abend zum Gästehaus zurückkamen, wartete Quintora bereits auf die drei Männer. 

„Die Gefangenen sollen in die Nähe der Obesischen Wüste gebracht werden“, berichtete Shrogotekh. „Wir wissen, dass es dort zwei Heerlager gibt: Dunculbur und Tulumath, wobei in den offiziellen Verzeichnissen Tulumath gar nicht existiert. Saradur will uns eine Karte mitgeben und eine obesische Eskorte. Ich frage mich, wozu wir eine Karte benötigen, wenn obesische Soldaten uns begleiten, denen der Bestimmungsort eigentlich bekannt sein müsste.“

„Wenn Tulumath offiziell nicht existiert, könnte es doch sein, dass ihnen der Ort eben deshalb nicht bekannt ist“, überlegte Quintora.

„Wenn das zutrifft, müssen sie uns hinterher alle umbringen, um die Festung auch weiterhin geheim zu halten“, sprach Wurluwux die Schlussfolgerung aus, die Ugudag bereits längst zuvor angestellt hatte.

„Das habe ich mir auch schon überlegt“, stimmte Shrogotekh zu. „Sobald wir die Gefangenen und die Karte abgegeben haben, werden sie uns töten. Wenn wir die Gefangenen aber nicht abliefern, werden wir nie erfahren, was hinter der ganzen Sache steckt. Tun wir es dagegen, sitzen wir in der Falle.“

Nach einer Minute ratlosen Schweigens tönte das Organ des Lumburiers durch die Stille: „Ich habe einen Vorschlag.“ Alle Augen richteten sich auf ihn.

„Können Sie Sempril besorgen?“, fragte er Quintora. Sempril war eine Droge, die Menschen für kurze Zeit willenlos machte. Sie wurde aus der gleichnamigen Pflanze, dem Semprilkraut, gewonnen. Bevor Quintora antworten konnte, fügte er hinzu:

„Wir benötigen aber nicht das zerstoßene Pulver, sondern getrocknete Pflanzen.“

*

Dolbing Loostak war wie die meisten Bewohner der Insel Borgoi ein unmittelbarer Nachkomme seefahrender Einwanderer aus Lokhrit, die vor fast zweitausend Jahren diese Insel als Brückenkopf für die Besiedlung Borthuls benutzt hatten. Er hatte von seinem Vater eine große, aber dennoch wendige Galeere geerbt, die zwei Generationen zuvor mit Unterstützung der Kongregation von Borthul gebaut worden war. Als Gegenleistung für diese Hilfe führte Dolbing, wie schon seine Vorfahren, Transporte und sonstige Aufträge für Borthul aus, die nicht im Rahmen des offiziellen Schiffsverkehrs von der kleinen Handelsflotte des Landes abgewickelt werden konnten. Die Flotte Borthuls hatte nie eine nennenswerte Bedeutung erlangt, weil sich die Bevölkerung auf die Landwirtschaft konzentrierte. Die für das Land wichtigen Nahrungsmittelexporte zu den großen Häfen Lumbur-Seyth, Lohidan und Siimart wurden schon von jeher mit Schiffen des Seefahrervolks von Lokhrit durchgeführt.

Außer Dolbing gab es noch einige unabhängige Schiffseigner auf Borgoi, die Borthul in gleicher Weise zu Diensten waren. Sie hatten es dadurch alle zu großem Wohlstand gebracht, aber das erwies sich zugleich als Fluch. Im Laufe der Zeit stellte sich nämlich heraus, dass die Einnahmen aus diesen Aufträgen nicht mehr ausreichten, um die ständig gestiegenen Kosten für die Unterhaltung der herrschaftlichen Anwesen auf Borgoi sowie für die Schiffe und Mannschaften zu decken. 

Dolbings Urgroßvater hatte eines Tages alle Schiffseigentümer aus Borgoi zu einem Treffen eingeladen. Dies bedurfte großer Überredungskunst, weil sie zuletzt untereinander äußerst zerstritten waren. Aber der Kampf um ihr Überleben hatte sie schließlich geeint. Die Versammlung beschloss, dass sich die Kapitäne fortan als Freibeuter gegenseitig unterstützen sollten. Mit dieser Entscheidung entstand das Piratentum auf Borgoi.

Die Freibeuter griffen meist mit vier oder fünf Galeeren und Karavellen auf hoher See einzelne Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth, Sindra oder Surdyrien an. Borthul und Lokhrit duldeten dies stillschweigend mit einem gewissen Wohlwollen, weil solche Überfälle auch die Macht und das Ansehen der Handelsflotte von Lokhrit stärkten, die naturgemäß von den Piraten verschont wurde. So kam es, dass manche Handelshäuser aus Lumbur-Seyth und Surdyrien beim Transport wichtiger Ware eher auf Schiffe aus Lokhrit vertrauten als auf die eigenen.

Nun aber hatten Berichte für Aufsehen gesorgt, wonach die komplette surdyrische Flotte ausgelaufen war, um der Piraterie ein Ende zu bereiten. Diese Nachricht versetzte die Bewohner Borgois in Angst und Schrecken, und zwar nicht nur wegen der mit einem etwaigen Angriff auf die Insel unmittelbar verbundenen Bedrohung. Vor allem sicherten die Freibeuter die Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung. Die Menschen von Borgoi lebten überwiegend vom Fischfang. Die Gewässer um Borgoi waren derart fischreich, dass neben der eigenen Ernährung auch noch genug Ware für den Tauschhandel mit Borthul zur Verfügung stand. Diesen besorgten die freien Kapitäne ebenso wie den Export der Leinenbekleidung, für deren hohe Qualität die Frauen aus Borgoi auf dem ganzen Kontinent gerühmt wurden.

Dolbing Loostak hatte zusammen mit einem weiteren Freibeuter die Aufgabe übernommen, vor dem Westkap von Sindra hinter der Straße von Ludoi zu kreuzen, um die Ankunft der surdyrischen Flotte zu erwarten. An der Schnittstelle des westlichen und des südlichen Meeres gab es häufig schwere Stürme und raue See. Deshalb zogen viele Seefahrer es trotz der vom Hafenmeister von Dukhul erhobenen Durchfahrtabgabe vor, durch die Meerenge von Ludoi in Landnähe um das Westkap zu segeln, wo die Winde dann meist bereits abgeflaut waren. 

Auch die Obesier riskierten nicht, die Hälfte ihrer Flotte schon durch die „Brüllenden Lüfte“ auf der „Todesnaht“ zu verlieren. So bezeichneten die Seeleute die regelmäßigen Stürme auf dem offenen Meer vor dem Westkap und die Schnittstelle der beiden Ozeane. Da Gylbax wusste, dass die surdyrische Flotte Borgoi anzugreifen gedachte, hatte er Jekisebek angewiesen, die Fahrt der Obesier durch die Meerenge nicht zu behindern.

Die beiden freien Kapitäne, die das Banner von Borthul gehisst hatten, zählten zweiundsechzig breite Kriegskoggen der Obesier, die unter surdyrischer Flagge die Meerenge durchsegelten. Es handelte sich um schwere Schiffe, die mit zahlreichen Katapulten bestückt und deren Laderäume mit schweren Stahlkugeln gefüllt waren. Sie kamen deshalb wesentlich langsamer voran als die wendigen Galeeren der Freibeuter. Als Dolbing in Borgoi eintraf, war nach seinen Berechnungen die Kriegsflotte der Obesier mindestens noch eine Tagesfahrt entfernt. Aber leider gab es bisher auch noch nicht das geringste Anzeichen, das auf die ersehnte Hilfe aus Lokhrit hindeutete.

Die Stimmung im Klippenhaus von Trofft wirkte merklich gedrückt, als die freien Kapitäne zu ihrer letzten Versammlung vor dem Eintreffen der gegnerischen Flotte zusammenkamen.

Die Klippen von Trofft bildeten zusammen mit den Wasischen Atollen eine natürliche Barriere vor dem Ort Liquudarion. Der kleine Hafen dieses Ortes war die bevorzugte Anlegestelle der Freibeuter. Den großen Hafen von Tamorinthes an der Meeresstraße von Flagant benutzten sie dagegen nur für die Abwicklung gewerblicher Frachtaufträge. Wer mit einem Schiff in den Hafen von Liquudarion einlaufen wollte, musste das nördliche der vier Wasischen Atolle wegen der dortigen Untiefen in einem weiten, rechtwinkligen Bogen umsegeln. Wegen der vorgelagerten Klippen von Trofft, die südwestlich von Borgoi wie schwarze Zacken eines Drachenrückens aus der Wasischen See ragten, war eine andere Annäherung an Liquudarion von der See her nicht möglich. Durch diese natürlichen Gegebenheiten konnte der Hafen aber bei einer Blockade auch zur Todesfalle werden.

Das Klippenhaus von Trofft kragte auf der östlichsten der Klippen wie ein Adlerhorst aus. Es ermöglichte eine unvergleichliche Rundumsicht auf das Meer, die Klippen und den kleinen Einschnitt im Südwestzipfel der Insel. Von dort aus konnte man das Haus auf dem Riff mit einem Ruderboot erreichen. Der Aufstieg zum Haus fand über eine steile, aus dem Fels herausgehauene Treppe statt.

Die freien Kapitäne genossen an diesem Tag aber nicht das wundervolle Panorama. Stattdessen waren sie in eine Seekarte vertieft, die ausgebreitet auf dem muschelförmigen Tisch lag.

„Das Wetter hilft uns leider auch nicht. Wir müssen deshalb an unserem ursprünglichen Plan festhalten und versuchen, die Obesier vom Land wegzuhalten und ihre Flotte zu dezimieren.“ Bei diesen Worten tippte Dolbing Loostak mit dem Finger auf eine Stelle nördlich der Atolle. „Wir locken sie zwischen Trudirk und der Klinge hindurch. Wenn sie diese Stelle nicht kennen, wird sie das einige Schiffe kosten, denn ihre Kriegskoggen haben wesentlich mehr Tiefgang als unsere Schiffe.“

Bei Trudirk handelte es sich um das nördlichste der Atolle, bei der „Klinge“ um ein von den Freibeutern künstlich geschaffenes Hindernis. Südlich von Trudirk waren vor Urzeiten zwei weitere Atolle im Meer versunken, so dass sie für die Schifffahrt normalerweise kein Hindernis mehr darstellten. Die Piraten hatten dort jedoch etliche Schiffswracks versenkt, die fast bis an die Meeresoberfläche heranreichten und selbst bei klarer See nicht rechtzeitig erkennbar waren. Scharfe Stahlkanten der ineinander verkeilten Wracks wirkten wie eine Säge auf Schiffe, wenn sie darüber hinweg zu segeln versuchten.

„Anschließend laufen unsere beiden Schiffe den Hafen von Liquudarion an“, fuhr Dolbing Loostak fort. „Dorthin können sie uns nicht folgen. Aber sie werden mit Sicherheit versuchen, die Ausfahrt zu blockieren. Dann werden sie vom Heldensturz aus unter Beschuss genommen.“

Der Heldensturz hatte seinen Namen von einem lokhritischen Freiheitskämpfer. Der Sage nach hatte er ganz allein gegen eine Übermacht von Invasoren aus Sindra gekämpft, bis er an den Rand der Steilküste von Liquudarion zurückgedrängt wurde und schließlich von den Felsen ins Meer stürzte. Die Freibeuter, die schon immer eine Blockade ihres Hafenausgangs fürchteten, errichteten im Laufe der Jahre eine gewaltige Anzahl weittragender Katapulte oberhalb der Zufahrt zum Hafenbecken. Im Falle eines Angriffs hatten sie die Möglichkeit, von dort aus Blockadeschiffe mit Steinbrocken und Brandsätzen unter Beschuss zu nehmen.

In einer mehrere hundert Meter langen Lagerhalle waren die hierfür notwendigen Materialien gestapelt worden. Mit Hilfe von Seilwinden und Rutschen konnten sie direkt in die riesigen Löffel der Katapulte befördert werden.

Seit Jahrzehnten empfanden es die Männer der umliegenden Ortschaften nicht nur als wichtige Aufgabe, sondern auch als einzigartigen Spaß, sich in der Bedienung der Katapulte zu üben. Alle drei Jahre fanden Wettbewerbe statt, bei denen die schnellsten und die treffsichersten Schützen anschließend im Rahmen zweitägiger, rauschender Festlichkeiten geehrt wurden.

Dolbing Loostak war für kurze Zeit in seinen Erinnerungen versunken. Als junger Mann hatte er stets am Heldensturz-Schießen teilgenommen und einmal mit seinen Freunden den Zielwettbewerb gewonnen. Die beiden folgenden Tage hatten zu den ausschweifendsten und schönsten seines Lebens gezählt, wenngleich er an den Nachmittag des zweiten Tages praktisch keine Erinnerung mehr hatte. Nun musste er sich aber auf die nahe Zukunft konzentrieren, bei der es nicht um die Teilnahme an Feierlichkeiten ging, sondern um das schiere Überleben.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass die Obesier auf den Gedanken verfallen, Tamarinthes anzugreifen“, betonte er. „Deshalb muss der Hauptteil unserer Gemeinschaft sie unter der Piratenflagge an der Nordspitze vorbei locken. Wenn die Flotte von Lokhrit aber bis dahin nicht hier ist, haben wir keine andere Wahl als die Obesier auf dem offenen Meer zum Kampf zu stellen und ehrenvoll unterzugehen. Ich hoffe, dass sie dann wenigstens so geschwächt sind, dass Borthul einen Überfall auf die Insel und deren Zerstörung verhindern kann.“

*

„Gütige Mutter, der Hochkönig ist eingetroffen.“

Wie üblich war Kwoxit u Dengo vor Baradia auf die Knie gefallen. Die Wiedererweckten verehrten sie wie eine Göttin. Baradia hasste das. Wenigstens hatte sie inzwischen durchgesetzt, dass sie von den Pylax nicht mehr „Heilige Mutter“ genannt wurde.

„Ich habe dir immer wieder gesagt, dass du nicht vor mir knien sollst“, verlangte Baradia ungnädig und zog den Pylax am Arm hoch. „Wenn der Hochkönig sieht, dass ihr vor mir kniet, bringt ihr mich nur unnötig in Gefahr.“

„Kwoxit u Dengo wird die Gütige Mutter beschützen“, erwiderte der Pylax ebenso stolz wie störrisch.

„Nach dem Gesetz müssen die Pylax ausschließlich dem Hochkönig gehorchen. Das Gesetz gilt für dich genauso wie für alle anderen“, wies die „Gütige Frau“ ihn einmal mehr zurecht. Aber sie wusste bereits, dass alle ihre Bemühungen vergeblich sein würden. Kwoxit u Dengo war an einer Gehirnverletzung gestorben. Nach seiner Wiedererweckung wusste er nichts mehr von dem Gesetz und fühlte sich ihm auch nicht verpflichtet.

Der Pylax schlug den Zeltvorhang beiseite und Baradia trat ins Freie. Auf dem Versammlungsplatz zwischen den Hütten war Gylbax XII. gerade inmitten seiner aus zwei Pylax und sechs weiteren Leibwächtern bestehenden Eskorte vom Pferd gestiegen. Freudestrahlend ging er auf Baradia zu.

„Ihr habt Euer Werk vollendet!“, rief er begeistert. „Wie viele sind es?“

„Achthundertneunundzwanzig“, antwortete Baradia. „Damit könnt Ihr die ganze Welt erobern, Hohe Majestät.“

„Ich möchte sie sehen“, verlangte der Hochkönig.

„Sie erwarten Euch bereits“, kündigte die Frau aus Oot an.

Baradia und Kwoxit u Dengo gingen auf dem schmalen Pfad voraus. Gylbax und seine Leibgarde folgten ihnen. Der Pfad endete auf einer Anhöhe, die zu einer großen Wiese hin steil abfiel. Die Bäume im Hintergrund grenzten die Grasfläche vom Maar von Yacudac ab. Auf der Wiese hatten sich achthundertachtundzwanzig Pylax in zwölf Reihen mit je neunundsechzig Männern aufgestellt.

 Als der Hochkönig und Baradia auf dem Hügel erschienen, brach die angetretene Armee in frenetischen Jubel aus, ohne jedoch die Formation auch nur im Geringsten zu verändern. 

„Das schlagkräftigste Heer der Welt jubelt Euch zu“, sagte Baradia zu Gylbax, obwohl sie nicht sicher war, dass die Begeisterung tatsächlich nur ihm galt. Aber der Hochkönig lächelte geschmeichelt und winkte seiner Schattenarmee zu. Dann gab er mit einer Geste zu verstehen, dass er etwas zu sagen hatte.

Der Jubel verebbte, und Gylbax XII. ergriff das Wort: „Schatten der Pylax! Nun, da ihr wiedererweckt wurdet, kann ich Sindra und allen, die uns nachfolgen werden, einen Traum erfüllen. WIR werden die Welt beherrschen und die Gesetze machen, nach denen sich alle Menschen auf dem Kontinent zu richten haben. Wenn wir unsere Mission beendet haben, wird endlich überall Friede und Wohlstand herrschen. Wir werden gemeinsam ausziehen, um eine bessere Welt zu erschaffen!“

Und erneut erscholl ein Beifallssturm. Baradia hatte jedoch den Eindruck, dass er nicht ganz so euphorisch klang wie beim ersten Mal. Der Hochkönig schien dies nicht bemerkt zu haben und winkte seiner Schattenarmee erneut gönnerhaft zu bevor er sich an Baradia wandte: „Ich habe noch einiges mit Euch zu besprechen. Können wir in Euer Zelt gehen?“

Auf dem Rückweg ging er an ihrer Seite und fragte sie leise: „Wieso wohnt Ihr eigentlich nicht in einem Haus?“

„Hohe Majestät, Ihr habt mir einen Auftrag erteilt, den ich nunmehr erfüllt habe. Ich werde deshalb in den nächsten Tagen mit Chrinodilh nach Oot zurückkehren. Ihr werdet sehen, dass das auch in Eurem Interesse liegt.“

Der Hochkönig schwieg bis sie sich allein in Baradias Zelt befanden. Dann erklärte er: „Ich werde die Schatten der Pylax mit Waffen ausstatten. Leider musste ich feststellen, dass nicht genug ihrer Schutzhemden vorhanden sind. Ich will keine unnötigen Verluste riskieren. Aber es gibt da noch ein ganz anderes Problem. Die Pylax sind ungleich schneller als alle anderen Krieger. Diese Schnelligkeit konnte bei den derzeit noch lebenden Pylax durch eine Substanz gesteigert werden, die Syndral genannt wird. Damit sind sie sogar den Lumburiern ebenbürtig. Wisst Ihr etwas darüber?“

„Nein.“ Baradia schüttelte den Kopf.

„Es ist ein Pulver, das aus zermahlenen Pfeilfischen und Ilumit hergestellt wird. Senesia Sida hat mir versprochen, eine große Menge dieser Substanz zu liefern. Die Lieferung ist jedoch immer noch nicht eingetroffen.“

„Senesia Sida ist eine verlogene Giftschlange.“ In Baradias Augen stand der blanke Hass. „Es wäre besser, Ihr würdet Euch nicht auf sie verlassen.“

„Wahrscheinlich habt Ihr recht“, seufzte der Hochkönig. „Bisher hat sie keines ihrer Versprechen gehalten. Aber sie wird dafür bezahlen.“

Baradia sah ihn an, und in ihrem Gesicht war keine Spur von Güte oder Mitleid zu erkennen: „Ihr habt jetzt die Mittel, sie zu vernichten. Macht davon Gebrauch! Aber vergesst nicht, wer Euch diese Mittel beschafft hat. Ich brauche Ilumit, sonst werde ich sterben und Euch nicht mehr helfen können, zum Beispiel bei der Beschaffung von Syndral und dem Extrakt der Wiedererweckung.“ 

Plötzlich verwandelten sich ihre Gesichtszüge wieder und strahlten eine Schalkhaftigkeit aus wie bei einem Mädchen, das gespannt auf die Reaktion nach einem lustigen Streich wartet: „Kommt, ich habe ein Hochzeitsgeschenk für Euch.“

Baradia führte den Hochkönig zu einem kleinen Holzschuppen neben ihrem Zelt. Sie ging kurz hinein und als sie wieder heraustrat hielt sie eine kleine, silberne Dose in der Hand. Mit einem strahlenden Lächeln übergab sie Gylbax den Behälter. Vorsichtig öffnete der Hochkönig den Deckel und sah darin ein grünliches Pulver.

„Was ist das?“, fragte er, offensichtlich ein wenig enttäuscht.

„Das ist mehr wert als alle Reichtümer dieser Welt. Das ist der Odem des Lebens“, klärte Baradia ihn auf. „Diese Menge reicht für zwanzig Jahre – oder für zehn Jahre, wenn Ihr Euch entschließt, es mit Eurer zukünftigen Gemahlin zu teilen. Beginnt mit der Einnahme genau dann, wenn Ihr glaubt, den Höhepunkt Eures Lebens erreicht zu haben.“

Gylbax dachte unwillkürlich an die beabsichtigte Herstellung des Orchideenextrakts in Lumburia und daran, dass er auch von Demur y Sethri viel zu lange nichts gehört hatte. Er würde wohl eine Expedition in den Dschungel von Lumburia entsenden müssen.

„Ich danke Euch sehr, Baradia. Ich stehe tief in Eurer Schuld. Gibt es irgendetwas, das ich für Euch tun kann, bevor Ihr nach Oot zurückkehrt?“

„Allerdings“, erwiderte sie. „Der junge Schatten, der mich vorhin begleitete, Kwoxit u Dengo, war wohl bei einem Kampf nach einer schweren Hirnverletzung gestorben. Er nützt Euch nichts, weil er den Treueeid der Pylax nicht mehr kennt. Ihr solltet ihn entweder töten oder mir überlassen. Ich könnte einen solchen Beschützer gut gebrauchen, wenn ich nach Oot reise. Schließlich wollen wir doch beide sicherstellen, dass Ihr auch künftig mit dem Odem des Lebens versorgt werdet.“

„Nehmt ihn mit“, sagte Gylbax schroff. Dann drehte er sich um und ging mit seiner silbernen Dose davon.

Ein Schatten der Hochkönige befehligt die Armee der Schatten, dachte Baradia mit leiser Ironie als sie ihn dahinschreiten sah. Zufällig fiel ihr Blick auf Kwoxit u Dengo, der mit Chrinodilh unter einer Palme stand und wild gestikulierte, während sie lachte.

Wie es wohl sein würde, mit einem lebenden Toten zu schlafen? sinnierte die Gütige Frau von Oot. Dann sah sie wieder dem Hochkönig nach und dachte: Sicherlich angenehmer und auch weniger gefährlich als mit einem toten Lebenden.

*

Jalbik Gisildawain hatte mit seinen Adleraugen am Horizont mehrere kleine, weiße Punkte erkannt. „Endlich hat das Warten ein Ende“, dachte er. Es lag jedoch auch viel Wehmut in diesem Gedanken angesichts der Tatsache, dass die ersehnte Hilfe aus Lokhrit immer noch nicht eingetroffen war. Der Wind hatte aufgefrischt und trug den Pulk der feindlichen Kriegskoggen schnell heran. Jalbik segelte mit seinem Begleitschiff, einer stattlichen Karavelle seines Vetters, gemächlich entlang den Wasischen Atollen mit vermeintlichem Kurs auf die Bucht von Flagant. Kurze Zeit nach der Entdeckung der Koggen ließen die beiden Kapitäne zusätzliche Segel setzen, so dass es den Anschein hatte als wollten sie fliehen.

Die obesische Flotte reagierte erwartungsgemäß, indem sie ebenfalls volle Segel setzte, den Kurs änderte und nun auf die beiden Freibeuter zuhielt. Jalbik Gisildawain brachte sein Schiff mit einem waghalsigen Manöver so nahe wie möglich an Trudirk heran, während sein Vetter, dessen Karavelle einen geringeren Tiefgang als die Galeere hatte, über die „Klinge“ segelte.

Palagom, der obesische Admiral der surdyrischen Flotte, hatte es sich nicht nehmen lassen, mit seinem Schiff „Gischtadler“ den Verband anzuführen. Er genoss den Ruf eines rücksichtslosen Draufgängers. Im Gegensatz zu den meisten Obesiern scheute er selbst die Ozeane nicht. Das hatte seinen steilen Aufstieg in der Militärhierarchie befeuert und ihn bis zum Admiralsrang und in den Kriegsrat katapultiert. Auch in der jetzigen Situation erwies sich sein Draufgängertum als glückliche Fügung. Mittig an der Spitze des von ihm geführten Verbands brauste seine schwere Kogge unbehelligt zwischen dem Atoll Trudirk und der „Klinge“ hindurch, ebenso die unmittelbar nachfolgenden Schiffe. Da die Formation dahinter aber breiter wurde, kam es zu ersten Zwischenfällen. Zwei Koggen liefen auf die Ausläufer der weiten Sandbank um Trudirk auf, sodass ihre Fahrt abrupt abgebremst wurde. Ein drittes Schiff, das ausweichen wollte, stieß mit einem nachfolgenden zusammen. Das Krachen und Splittern von Holz übertönte das monoton klatschende Geräusch der im Wellengang hüpfenden, schweren Segler. Ein weiteres Schiff rammte die beiden havarierten Koggen. Die Beplankung wurde eingedrückt und die Spanten brachen. Wasser ergoss sich durch das große Loch in den Rumpf des aufgefahrenen Schiffes, das nun schnell zu sinken begann.

Noch wesentlich schlimmer erwischte es die surdyrische Flotte im Bereich der „Klinge“. Dort waren gleich vier Koggen an den unter der Meeresoberfläche nicht erkennbaren Stahlkanten der verkeilten Wracks in voller Fahrt hängen geblieben und aus der Richtung geworfen worden. Drei weitere kollidierten mit den plötzlich zu tödlichen Hindernissen gewordenen Seglern. Einige begannen zu sinken, andere trieben hilflos mit schweren Schäden in die Bucht von Flagant ab.

Während sich die Formation der obesischen Flotte nach diesen Ereignissen völlig auflöste, wendeten die beiden Freibeuter erneut und nahmen Kurs auf den Hafen von Liquudarion.

Palagom ließ schweren Herzens sein Flaggschiff abdrehen, um die Ordnung wiederherzustellen und die Schiffbrüchigen zu retten. Einige der Kriegsschiffe setzten Barkassen aus, die im Meer schwimmende Soldaten und Matrosen auffischten. Dann nahm der Admiral mit einem Teil seiner Flotte die Verfolgung der beiden flüchtigen Piraten wieder auf. Diesmal ging er vorsichtiger zu Werke und ließ die Segel reffen. Um die östlichen Ausläufer der Atolle zu meiden, steuerte er in Küstennähe in die Hafeneinfahrt. Dort gab es an den steil ins Meer abfallenden Felswänden keine Anzeichen für Untiefen. Für Palagom war klar, dass die geflohenen Freibeuter in der Falle saßen, weil sie aus dieser engen Passage nicht ins offene Meer entkommen konnten. Daher ließ er die Segel schließlich vollständig einholen. Damit gab er aber gleichzeitig selbst das verabredete Zeichen für die von seiner Position aus nicht sichtbaren Katapultschützen auf dem Heldensturz. 

Aus allen Katapulten prasselten mächtige Felsbrocken und brennende Pechkörbe wie Hagelschlag auf die beiden hinteren Koggen in der Hafeneinfahrt. Mit donnerndem Krachen durchbrach einer der größten Felsbrocken das Oberdeck und den Rumpf im Heckbereich des hintersten Schiffes, das sich daraufhin manövrierunfähig zur Seite neigte und die schmale Fahrrinne versperrte. Trotzdem versuchten die Mannschaften an den Hilfsrudern der anderen Koggen fieberhaft, ihre Schiffe auf der Stelle zu drehen, während der tödliche Hagel nun auch auf sie niederging.

Für die Freibeuter zahlte sich aus, dass ihre Katapulte am Heldensturz dem Rest der Welt verborgen geblieben waren. In ihrer militärischen Überheblichkeit hatten die Obesier es versäumt, Nachrichten auch über Völker zu sammeln, die ihnen unbedeutend erschienen. Zu sehr hatten sie sich insoweit auf die Priester des Wissens verlassen. Auf der geschmähten Pirateninsel Borgoi gab es aber kein Monasterium. 

Nur wenige Male in seinem Leben hatte Palagom vermeintlich umsichtig agiert. Nun war ihm dies zum Verhängnis geworden. Hilflos hielt er sich an der Reling seines Flaggschiffs fest. Immer noch regneten Felsbrocken herab, obwohl die Kogge bereits deutlich Schlagseite hatte und an mehreren Stellen brannte. Trotz einer leichten Brise von der See her fing sich der von den brennenden Schiffen aufsteigende, beißende Qualm zwischen den Wracks und der Felswand. Dem Ersticken nahe lockerte der Admiral schließlich seinen Griff und stürzte in das für Obesier völlig ungewohnte Element.

Untätig musste der Milesion Krutang aus der Ferne mit ansehen wie sein direkter Vorgesetzter unterging und mit ihm ein nicht unerheblicher Teil der surdyrischen Flotte. Aber einer der wichtigsten Grundsätze, die er von Palagom gelernt hatte, war, dass Aufgeben nicht in Betracht kam. Also versammelte er die letzten fünfunddreißig noch einsatzfähigen Schiffe und ließ sie Kurs auf Tamarinthes nehmen, den Haupthafen von Borgoi. 

Ein bewaldeter Landvorsprung versperrte die Sicht auf die Stadt. Deshalb zog Krutang in Erwägung, weiter nach backbord abzudrehen. Bevor er jedoch das entsprechende Kommando geben konnte, meldete sich der Ausguck im Krähennest: „Piraten steuerbord!“

Der Milesion hatte die Piratenschiffe bereits selbst entdeckt. Sie hatten sich in einem kleinen Meeresarm vor Tamarinthes verborgen gehalten. Erstaunt nahm Krutang zur Kenntnis, dass die Piraten nicht flohen, sondern sich den zahlenmäßig immer noch weit überlegenen Kriegskoggen näherten und das Feuer eröffneten. Er zählte siebzehn Schiffe.

Unterhalb des Oberdecks verfügten die Piratenschiffe über Abschussvorrichtungen für große Feuerspeere. Man wickelte in Pech und einem Baumrindensaft getränkte Tücher um einen schlanken Stahlschaft, der mit Hilfe einer Drahtseil-Spannvorrichtung abgeschossen wurde und eine Entfernung von mehreren hundert Metern überwinden konnte. Den Freibeutern war natürlich klar, dass sie damit an den gegnerischen Kriegsschiffen keine ernsthaften Schäden anrichten konnten. Deshalb drehten sie nach der ersten Salve ab, während die Obesier noch damit beschäftigt waren, kleinere Feuer zu löschen und die eigenen Katapulte auszurichten. Mit Ausnahme einer Galeere, die das Wendemanöver nicht rechtzeitig geschafft hatte, befanden sich die restlichen Schiffe der Freibeuter bereits außer Schussweite als die Obesier das Feuer eröffneten. Die zurückgebliebene Galeere erhielt mehrere schwere Treffer. Auch der Mast des Rahsegels wurde zertrümmert. Krachend stürzte er mit dem zerfetzten Segel auf das Oberdeck, das bereits große Löcher in der Beplankung durch den Beschuss mit schweren Stahlkugeln aufwies. Den Untergang vor Augen legten sich die Ruderer des Freibeuters wie besessen in die Riemen. Unter dem Beschuss der Angreifer zersplitterten mehrere Ruder. Hilflos trieb die Galeere dahin. Drei der surdyrischen Kriegskoggen näherten sich schnell. An Deck tauchten obesische Soldaten auf. Verzweifelt schoss die Mannschaft des Freibeuters einen Pfeilhagel auf die zum Entern bereiten Angreifer ab. Diese ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken. Eine der Koggen krachte mit ihrem stählernen Rammbock seitlich in die Galeere. Die obesischen Soldaten warfen Enterbrücken aus und stürmten das Schiff der Freibeuter. Nur kurze Zeit gelang es den Piraten, die zahlenmäßig weit überlegenen Feinde abzuwehren. Mit Schwertern und Stiftladern drängten die Obesier die Freibeuter in einem wilden Gefecht in Richtung des Schiffshecks ab, während andere obesische Soldaten an mehreren Stellen Feuer legten. Dann zogen sich die Obesier wieder auf ihre Kogge zurück und überließen das brennende Piratenschiff seinem Schicksal. Einige der Freibeuter sprangen ins Meer und klammerten sich dort an Treibholz. Sie mussten zusehen, wie ihre Galeere ausbrannte und langsam in den Fluten versank. Die drei Koggen der Obesier folgten unterdessen dem Rest ihrer verbliebenen Flotte, die die Verfolgung der übrigen Piraten aufgenommen hatte.

Nur wenige Meilen hinter Tamarinthes drehten die freien Kapitäne an der Ostspitze der Insel Borgoi nach Süden ab. Sie hatten die Absicht, die Obesier so weit wie möglich auf das offene Meer hinauszulocken und dann nach Osten zu segeln in der Hoffnung, irgendwo auf die Flotte von Lokhrit zu stoßen. Noch ahnten sie nicht, dass die sehnsüchtig erwartete Hilfe bereits hinter der Ostspitze Borgois lauerte. 

Thulminth hatte mehr als einhundertundfünfzig Kriegsschiffe entsandt, die sich in einem breiten Fjord gesammelt und versteckt hatten. Diese Schiffe waren allesamt mit den gefürchteten Ballonkatapulten ausgestattet, löffelförmigen Abschussvorrichtungen für das berüchtigte Zarrass. Die Zusammensetzung dieser Flüssigkeit wurde in Lokhrit wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Zarrass hatte die Eigenschaft, in jedes offenporige Material einzusickern. Insbesondere Holz wurde dadurch noch leichter entflammbar als Zunder. Für die Verwendung auf Kriegsschiffen wurde Zarrass in sorgfältig eingeölte, dünne Tierhäute gefüllt, die beim Auftreffen auf einem beschossenen Schiff zerplatzten und dadurch ihren gefährlichen Inhalt freigaben. Wenn das getroffene Schiff dann genügend durchtränkt war, konnte mit wenigen gezielten Brandpfeilen eine Flammenhölle entfesselt werden.

Dolbing Loostaks Steuermann brach beim Anblick der lokhritschen Flotte in ein Freudengeheul aus.

„Kurs halten!“, brüllte Dolbing während er zum Heck des Schiffes rannte. Die Obesier hatten den wirklichen Feind offenbar noch nicht gesichtet und verfolgten weiterhin die Freibeuter mit aufgeblähten Segeln. Die hoch aufspritzende Gischt ihrer Bugwellen zeigte die unverminderte Geschwindigkeit. Dolbing veranstaltete einen Freudentanz und warf seinen Dreispitz in die Luft. Mit geübter Bewegung fing er ihn wieder auf, bevor der steife Fahrtwind ihn entführen konnte. Die ersten lokhritischen Schiffe verließen das Fjord und nahmen Kurs auf die Freibeuter, immer noch unsichtbar für die Obesier. Zu diesem Zeitpunkt gab Dolbing das Kommando, nach backbord abzudrehen. Er wäre kein ehrlicher Freibeuter gewesen, wenn er die Situation nur dazu ausgenutzt hätte, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Obgleich die Lokhriter der Hilfe der Piraten nicht bedurften, war es eine Frage der Ehre, ihnen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind beizustehen.

Krutang zeigte sich zunächst nur leicht verunsichert, als mehrere Schiffe in einer Reihe aus einem Fjord hinter der Ostspitze der Insel Borgoi auftauchten. Nachdem die Reihe immer länger wurde, war er alarmiert. Konnte es sein, dass sich dort weitere Freibeuter versteckt hatten, um ihren Freunden zu Hilfe zu kommen? Die fremden Schiffe führten einen leichten Kurswechsel aus und hielten auf die surdyrische Flotte zu. Ihre Reihe schien kein Ende nehmen zu wollen. Da wurde dem Milesion klar, dass die Seeräuber Beistand von einer fremden Macht erhielten. Hatte Borthul insgeheim eine Kriegsflotte aufgebaut? Dann dämmerte ihm die Wahrheit. Entsetzt gab er das Kommando zum Wenden. Aber es kam zu spät. Die ersten Schiffe der Lokhriter befanden sich bereits innerhalb der Reichweite ihrer todbringenden Geschoße und feuerten diese ohne Vorwarnung auf die surdyrischen Koggen ab. Dadurch entstand eine Unordnung, die es den lokhritischen Schiffen ermöglichte, die Obesier in einem weiten Kreis zu umschließen und von allen Seiten Zarrass-Ballone und Brandpfeile in dieses Getümmel zu feuern. Schon eine Stunde später standen die meisten surdyrischen Segel in Flammen. Während es weiterhin Ballone und Brandpfeile hagelte, gelang es den Obesiern nicht, die gegnerische Flotte mit ihren eigenen Geschoßen geordnet anzugreifen. Auch einzelne Ausfallversuche in der Hoffnung, mit den an Bord der Koggen befindlichen obesischen Soldaten lokhritische Schiffe zu entern, blieben wirkungslos. Mit ihren wendigeren Schiffen entzogen sich die Lokhriter immer wieder solchen Bemühungen. Nach zwei Stunden brannten die ersten Koggen lichterloh. Nach vier Stunden war der ungleiche Kampf beendet.

Surdyrische Matrosen und obesische Soldaten, die sich zu retten versuchten, irrten auf den schwer beschädigten Koggen als lebende Fackeln zwischen gähnenden Löchern und Brandherden im dichten Qualm umher, bis sie leblos und verkohlt zu Boden sanken. Nur wenigen gelang es, durch einen beherzten Sprung über die Reling dieser Gluthölle zu entgehen. Aber am Ende erwartete auch sie keine Rettung. Flackernde Trümmerstücke tanzten auf den Wellenkämmen eines durch die Schlacht aufgewühlten Meeres, das die brennenden Schiffe der Obesier ebenso wie die wenigen Überlebenden gierig verschlang.

 

*

 

Trotz des unbarmherzig fortdauernden Beschusses durch die Katapulte des Heldensturzes gelang es den surdyrischen Matrosen eines noch relativ unbeschädigten Schiffes, den Admiral Palagom aus dem Wasser zu fischen. Auf der Kogge, die ihn aufgenommen hatte, übernahm er sofort den Befehl und ordnete an, das Schiff zu wenden. Um ihn herum tobte das Chaos. Schiffe waren zusammengestoßen und gekentert, während Felsen vom Himmel herabstürzten und donnernd Segel, Takelung, Planken und Spanten zerfetzten.

Wracks versperrten die Ausfahrt zur Straße von Flagant. Die Männer aus Borgoi, welche die Katapulte auf dem Heldensturz bedienten, konnten ihr zerstörerisches Werk unbeirrt fortsetzen bis sämtliche Schiffe der Obesier gesunken oder zertrümmert waren. An der Meeresoberfläche trieben schließlich nur noch Wrackteile, an denen sich Überlebende verzweifelt festklammerten.

Auch das zweite Schiff des Admirals war verloren. Bei dem waghalsigen Wendemanöver hatte es eine andere Kogge gerammt, die nun bereits auf Grund lag. Palagom machte zum zweiten Mal Bekanntschaft mit dem nassen Element. Verbissen klammerte er sich am Bruchstück eines Mastes fest. Dieses Mal war seine Hoffnung aber nur von kurzer Dauer. Einer der letzten Felsbrocken, der vom Heldensturz herabgeschleudert wurde, traf den Befehlshaber der obesischen Flotte. Er bemerkte nicht mehr wie er in die Tiefe gerissen wurde.

Jalbik Gisildawain wusste, dass auch die wenigen Überlebenden letztlich keine Chance hatten, dem Tod zu entgehen. Der Hafen von Liquudarion war ebenso wie die Atolle zu weit entfernt, und die Küste am Heldensturz ragte zu steil auf, als dass ein Schiffbrüchiger sie hätte erklimmen können. Die zahlreichen Haie in dieser Gegend würden den Rest erledigen. Aber Jalbik Gisildawain betrachtete sich selbst als stolzen Kapitän und nicht als gewissenlosen Mörder. Er hatte die Obesier in einem erbitterten Kampf in diese Falle gelockt und sie besiegt. Aber jetzt fühlte er sich für die Schiffbrüchigen verantwortlich. Deshalb bat er einige der Fischer von Liquudarion, ihm bei der Bergung etwaiger Überlebender zu helfen. Auf einem Fischerboot fuhr er anschließend mit zwanzig anderen Booten in Richtung der Straße von Flagant. Inzwischen schwiegen die Katapulte auf dem Heldensturz. Kein obesisches Schiff war übriggeblieben, das noch hätte beschossen werden können. Die Schreie der Verwundeten und Ertrinkenden waren verklungen. Die Stille des Todes wurde nur durch das leise, gleichmäßige Plätschern der Wellen durchbrochen.

Bis zum Einbruch der Nacht gelang es Jalbik Gisildawain und den Fischern von Liquudarion, dreizehn obesische Soldaten und drei surdyrische Matrosen zu retten, die sich an dahintreibenden Schiffsteilen festgekrallt hatten. Sie schleppten die Männer, die mehr tot als lebendig waren, in das kleine, nunmehr völlig überfüllte Hospital des Dorfs. Dort mussten die Verletzten teilweise auf dem blanken Bretterboden versorgt werden.

Die Fischer unterstützten die beiden Gehilfinnen des örtlichen Medicus dabei, die Schiffbrüchigen zu entkleiden und in warme Decken zu hüllen. Die nassen Kleider wurden in das Wäschezimmer am Ende des Korridors gebracht, wo Livindra es übernahm, sie über die dort gespannten Seile zu hängen. Die junge Frau ergriff eine der roten Jacken der Obesier und schüttelte sie aus. Während sie sich anschickte, die Jacke aufzuhängen, entdeckte sie ein großes, schwarzes Insekt, das sie anzustarren schien. Zuerst wollte sie das raupenähnliche Tier erschlagen. Dann aber nahm sie es vorsichtig hoch und wärmte es in ihrer Hand. Behutsam schob sie es in eine Tasche ihres Kittels. Dabei achtete sie darauf, dass es noch über den Rand der Tasche hinwegsehen konnte. In diesem Augenblick betrat Jalbik Gisildawain den Raum.

„Ah, Livindra“, sprach er die junge Frau an. „Du hast ja hoffentlich die Klamotten gekennzeichnet, damit sie hinterher den Gefangenen wieder richtig zugeordnet werden können. Sie dürfen nicht die Möglichkeit haben, uns über ihre Rangordnung zu täuschen, falls Dolbing und die anderen die Absicht haben sollten, Lösegelder zu fordern. Ich würde …“ Er brach mitten im Satz ab. So blieb für immer unausgesprochen, was Jalbik Gisildawain vorschwebte. Eben erst war ihm der stumpfe Ausdruck in Livindras Augen aufgefallen, die eigentlich immer einen schelmischen Glanz ausstrahlten. Dann hatte er den Kopf des seltsamen Insekts in ihrer Tasche bemerkt. Langsam griff er nach dem Tier, holte es aus ihrer Tasche und setzte es in seine eigene Brusttasche.

Livindras Blick klärte sich. Jalbik Gisildawain hatte eben eine merkwürdige Bewegung gemacht, so als habe er sie gerade angefasst und seine Hand wieder zurückgezogen. Aber sicherlich handelte es sich um eine Täuschung. Jalbik war ein honoriger Mann und mit einer adretten Frau glücklich verheiratet. Er würde keine fremden Frauen anfassen. Sie konnte sich ja auch nicht an eine Berührung erinnern.

Während sich Jalbik Gisildawain zur Tür umwandte, fiel Livindra der merkwürdig starre Blick seiner Augen auf und der Kopf eines Insekts in seiner Brusttasche. 

Seltsam, dachte sie. Jalbik Gisildawain war einer der wagemutigsten freien Kapitäne, ein Mann, dessen Augen stets unternehmungslustig blitzten. Und dieses Insekt …“ Ihr Blick fiel auf den Wäschestapel.

Da ist ja noch ein solches Insekt, dachte die junge Frau, während Jalbik den Raum verließ.

Dann übernahm erneut eine fremdartige Macht das Denken für Livindra.

*

Der Mann entsprach ziemlich genau dem Bild, das sich Sebinirt von dem schlimmsten Bösewicht des gesamten Kontinents ausgemalt hatte. Ihm fehlte mindestens die Hälfte aller Zähne und ein Bein. Außerdem hatte er eine schiefe Nase.

Auch ihre beiden obesischen Leibwächter waren nicht in der Lage, der Vertreterin der Geldhäuser von Lumbur-Seyth in Anwesenheit dieses Mannes ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Wieso hatte sie ihre beiden Leibwächter überhaupt mitbringen dürfen?

„Sie können versichert sein, dass ich die Ehre zu schätzen weiß, von Ihnen empfangen zu werden, Baron Schaddoch“, säuselte Sebinirt.

Der Mann mit dem Holzbein starrte sie jedoch unvermindert feindselig an.

„Frauen und Geldhäusern traue ich nicht. Und bei Ihnen kommt auch noch alles zusammen“, knurrte er mürrisch. „Deshalb habe ich den Kerl dort zu unserer Besprechung hinzugebeten. Der ist noch viel gefährlicher als ich. Der kann nämlich schreiben.“ Bei diesen Worten brach der Einbeinige in ein schallendes Gelächter aus als habe er gerade den besten Witz aller Zeiten gemacht. Anstandshalber fiel Sebinirt in das Gelächter ein, das daraufhin aber abrupt abbrach. „Der Nichtsnutz heißt Jalbik Truchardin“, grantelte der Kerl mit dem Holzbein weiter und zeigte auf den gutaussehenden, jungen Mann mit den dunklen, gewellten Haaren hinter dem Schreibtisch, der sich offenbar kaum traute, aufzusehen.

Dem Namen nach ein Lokhriter, dachte Sebinirt. Dazu passt auch die gebräunte Haut des Seefahrers. Vielleicht auch ein Pirat aus Borgoi. 

Der junge Mann nickte ihr kurz scheu zu, wagte aber offenbar in Anwesenheit des Oberschurken nicht, etwas zu sagen.

„Also, was wollen Sie?“, herrschte dieser die Vertreterin der Geldhäuser an und wandte sich im gleichen Tonfall an den jungen Mann: „Schreib mit, fauler Hund!“

Hastig griff der Angesprochene zu Papier und Feder.

Reichlich verunsichert begann Sebinirt, ihr Anliegen vorzutragen:

„Mächtige Männer aus vielen Ländern des Kontinents haben ein geheimes Bündnis gegründet, das allen Menschen Sicherheit und Wohlstand bringen soll …“

„Sie sind kein Mann“, unterbrach sie der Einbeinige.

„Das stimmt wohl“, lächelte Sebinirt süßlich. „Ich bin aber insoweit die einzige Ausnahme in diesem erlauchten Kreis. Wir brauchen noch einige wenige Menschen, die über große Macht verfügen, um unsere Ziele verwirklichen zu können. Für mich sind Sie der wichtigste Mann Surdyriens. Deshalb will ich Sie bitten, Mitglied dieses für die Zukunft des Kontinents so bedeutsamen Bündnisses zu werden.“

Die Schmeicheleien beeindruckten den Einbeinigen in keiner Weise. Stattdessen wollte er wissen: „Und wer sind die anderen?“ 

„Wie ich bereits sagte, ist das ein Geheimbund“, betonte die Vertreterin der Geldhäuser. „Deshalb kann ich Ihnen wohl schlecht Namen nennen bevor Sie sich entschieden haben, ebenfalls Mitglied zu werden. Nicht Namen, sondern die Ziele, die wir verfolgen, sollten den Ausschlag für Ihre Entscheidung geben.“

„Die Ziele haben Sie schon genannt“, grollte der Mann mit dem Holzbein. „Nennen Sie mir jetzt die Namen! Ich für meinen Teil habe gelernt, mir niemals mehr Zeit für halbe Sachen zu nehmen. Sehen Sie mich an! Man wird selbst zur halben Sache, wenn man nicht gründlich genug ist. Wollen Sie beim Verlassen dieses Raumes auch so aussehen wie ich? Mit einem halben Gebiss und nur noch einem Bein?“

Die Hände der obesischen Leibwächter zuckten zu den Schwertgriffen. Aber Sebinirt breitete sofort die Arme aus, um sie zurückzuhalten.

„Ich denke, Sie haben ein Anrecht darauf, zu erfahren mit wem Sie sich einlassen. Und als Mann von Ehre werden Sie das auch für sich behalten. Ihr Schreiber …“ Sie zögerte.

„… macht sein verdammtes Maul nur auf, wenn ich es ihm ausdrücklich erlaube, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben“, ergänzte der Einbeinige grob.

„Also gut“, stimmte Sebinirt zu. „Saradur, der Sprecher des Ordens der Priester des Wissens, ist der Gründer des Bündnisses zur Befreiung. Dieses Bündnis steht in der Tradition des Geheimen Bundes von Dunculbur. Weitere Mitglieder sind Enebenteph, den Sie sicherlich kennen, außerdem Zubarak, der Ducarion der Garde von Modonos, Dolmand-Jakodan vom Rat der Weisen Gatyas, die Hafenmeister von Dukhul und Lohidan, Tillbar, der Sohn der Gütigen Frau von Oot, und Dolugon, Vorsitzender der Kongregation von Borthul.“

Die Frau aus Lumbur-Seyth ließ ihre Worte wirken. Dann sah sie dem hässlichen Mann mit der Zahnraffel fest in die Augen: „Wie entscheiden Sie sich?“

Der aber drehte sich zu seinem Schreiber um: „Hast du das alles?“

„Ja“, sagte der hübsche, junge Mann, sodass Sebinirt zum ersten Mal seine angenehm volltönende Stimme hören konnte. Langsam legte er die Feder auf den Schreibtisch zurück. Dann hielt er urplötzlich in jeder Hand einen Schnelllader. Es ratterte los, und die beiden obesischen Leibwächter kippten zur Seite, von Stahlpfeilen durchsiebt.

Sebinirt stand starr vor Schreck. Der junge Mann legte die beiden Schnelllader mit einer bedauernden Geste zur Seite:

„Verzeihen Sie, bitte. Baron Schaddoch vergaß zu erwähnen, dass wir hier nur tote Obesier dulden.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

Der Mann mit dem Holzbein sah Sebinirt ungerührt an: „Ich habe mich entschieden. Ich werde diesem Klüngel von Geisteskranken nicht beitreten. Und jetzt verschwinden Sie!“

Die Vertreterin der Geldhäuser war aber nach wie vor unfähig, sich zu rühren, während sich die Blutlachen ihrer getöteten Leibwächter zunehmend vergrößerten.

Mit freundlicher Stimme bekräftigte der Schreiber: „Der Herr Baron hat gesagt, dass Sie gehen dürfen. Ich an Ihrer Stelle würde eine flotte Gangart wählen, ehe er es sich anders überlegt.“

Nun erwachte Sebinirt wieder zum Leben, fuhr herum und rannte durch die offen stehende Tür in den langen Flur hinter dem Zimmer. Die feuerroten Haare flatterten hinter ihr her wie der Schweif eines Kometen. Es war das letzte Mal, dass sie ein Treffen mit Baron Schaddoch überlebte.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte der Einbeinige grinsend den jungen Mann hinter dem Schreibtisch.

„Nein“, entgegnete jener lächelnd und deutete auf die beiden toten Obesier: „Manchmal bist du eben nur etwas vergesslich. Aber dafür gibt es ja die gefährlichen Schreiber.“

Nach einer Pause meinte er nachdenklich: „Ich glaube, du hattest recht. Das hier war reine Zeitverschwendung. Wir sollten uns mit dieser Eisgräfin, Octora, treffen. Sie ist auf dem Weg nach Tredon.“

Der Mann mit dem Holzbein runzelte die Stirn: „Wie kann ich dir das nur ausreden? Sie ist eine extrem gefährliche Frau.“

Der Schreiber grinste breit: „Ich liebe gefährliche Frauen.“ Und dann fügte er mit völlig ernster Mine hinzu: „Die Frau, die ich brauche, kann gar nicht gefährlich genug sein.“

*

„Du bist schon wieder da“, tadelte der weißhäutige Jüngling mit den goldblonden Locken. „Dabei habe ich dir gerade eben erst gesagt, dass du nicht mehr hierherkommen sollst.“

„Gerade eben erst war vor mehr als vierzig Jahren“, wandte der Besucher ein.

Der Bewohner des unterirdischen Felsenlabyrinths ließ diesen Einwand jedoch nicht gelten: „Vierzig Jahre sind nicht einmal ein Wimpernschlag.“

Alles wirkte unheimlich. Selbst für einen Eisgrafen. Selbst für den erfahrensten Eisgrafen. Selbst für den Eisgrafen, der vor über vierzig Jahren eine andere Welt entdeckt und all die Jahre dieses Wissen für sich behalten hatte.

Septimor konnte sich kaum noch daran erinnern wie er als Fünfzehnjähriger am Berg von Kerdaris in eine tiefe Felsspalte gestürzt war und wie durch ein Wunder überlebte. Oft hatte er sich gefragt, ob es sich wirklich um ein Wunder gehandelt hatte.

Der weißhäutige Jüngling, der sich Rooll nannte, hatte ihn gerettet. Davon war Septimor nach mehr als vierzig Jahren des Nachdenkens überzeugt.

„Ich weiß jetzt, dass du mir damals geholfen hast“, behauptete der Eisgraf. „Heute bin ich hier, um dich zu bitten, meinem Zwillingsbruder zu helfen.“ Erstmals zeigte sich die Andeutung einer Gemütsregung in dem völlig glatten Gesicht Roolls: „Septimor, du weißt nicht, was du da von mir verlangst.“

„Du weißt doch gar nicht, worum es geht“, warf der Eisgraf dem seltsamen Mann vor, der in mehr als vierzig Jahren offenbar um keine Sekunde gealtert war. Dann besann er sich: „Oder weißt du es doch?“

Rooll sah ihn ernst an: „Du bist ein Günstling des Baumes der Seelen. Wenn nicht einmal du in der Lage bist, deinem Bruder zu helfen, verlangst du von mir ein unendlich großes Opfer.“

„Wie meinst du das?“, wollte Septimor wissen.

„Das Eherne Gesetz verbietet mir, in die Abläufe der äußeren Welt einzugreifen“, erklärte Rooll.

„Aber du hast doch auch mich gerettet“, hielt Septimor dagegen.

„Das stimmt“, gab Rooll zu. „Aber dazu musste ich nicht in die Abläufe der äußeren Welt eingreifen. Du bist hier in meine Welt hereingestürzt. Dich zu retten war ich sogar dem Geflecht der alten Wesenheiten schuldig. Ich durfte nicht zulassen, dass ein Günstling des Baumes der Seelen in meiner Welt stirbt.“ Septimor sah schuldbewusst zu Boden: „Ich weiß nicht einmal, ob du überhaupt eingreifen musst. Aber wenn Charas zu Drinh meinen Bruder überfällt, ist er schutzlos. Ich kann kein ganzes Heer aufhalten.“

„Also verlangst du von mir das Opfer?“, drängte Rooll auf eine klare Aussage des Eisgrafen.

Der war nun ziemlich verunsichert: „Würdest du – sterben?“

„Nicht so wie du denkst“, erklärte der Bewohner des Labyrinths. „Der Bewahrer des Ehernen Gestzes würde mir sicherlich zugutehalten, dass ich Charas zu Drinh dadurch gleichzeitig an der Zerstörung des letzten Heiligtums hindern würde. Aber er wird mich dennoch bestrafen.“

„Wer ist der Bewahrer des Ehernen Gesetzes?“, fragte der Eisgraf.

„Das ist mein Zwillingsbruder“, erwiderte Rooll.

Septimor war dermaßen verwirrt, dass er sich zu der von Rooll geforderten Entscheidung nicht in der Lage sah. Schließlich stand er auf und sagte traurig:
 „Ich verlange nicht von dir, dass du Jorgal rettest. Ich überlasse dir die Entscheidung. Aber ich möchte mich wenigstens dafür bedanken, dass du mich gerettet hast. Ich werde auch deinen Wunsch respektieren und nie mehr hierherkommen.“

Rooll sah ihn lange an, und Septimor glaubte, eine gewisse Niedergeschlagenheit in seinen undurchdringlichen, gelben Augen mit den schwarzen Schlitzen zu erblicken. Und die gleiche Niedergeschlagenheit sprach auch aus seinen Worten, mit denen er das Gespräch b