Prolog 

Krieg ist das Spiel mit dem höchsten Einsatz und deshalb ist es das Spiel der Mächtigen.
Es begann mit einem harmlosen Gespräch zweier einander sehr nahe stehenden Personen. Sie hatten die Entwicklung der Welt beleuchtet, in der sie lebten. Übereinstimmend kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Schöpfung aus den Fugen geraten war. Am meisten erzürnte sie aber die Tatsache, dass sie selbst nur unbedeutende Spielfiguren darstellten. Es schien ihnen nicht vergönnt, die Dinge zu verstehen, die sich hinter der sichtbaren Oberfläche abspielten. Sie missbilligten die Entwicklung, die das Spiel des Lebens auf dem Kontinent genommen hatte. Daher beschlossen sie in ihrer Überheblichkeit, die Regeln des Spiels zu ändern und selbst zu Spielern zu werden. Ihr hehres Ziel war es, die Schöpfung wieder in Ordnung zu bringen. Dann entzündete sich jedoch der Streit an der Frage, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Der edelste Ansatz schien zu sein, die Wucherungen des Bösen zu bekämpfen und bis zu dessen Wurzeln vorzudringen, gleichsam das Unkraut aus einem Acker herauszureißen. Bei diesem mühseligen Vorgehen bleibt es aber bisweilen nicht aus, dass schon wieder neues Unkraut sprießt bevor das alte vollständig entfernt ist. Der schnellere und vielleicht auch wirksamere Weg ist, den Acker abzubrennen, somit alles auszulöschen und auf einen Neubeginn zu setzen. Da sich die beiden Spieler nicht einigen konnten, vereinbarten sie, dass jeder so handeln sollte, wie er es für richtig halten würde. Dabei übersahen sie, dass die Welt vielschichtiger und wehrhafter ist als ein Acker.
Das harmlose Gespräch war beendet, und es begann ein Spiel, das den Kontinent erschütterte.
*
Dass in der Mitte des Raumes keine Flamme empor schoss, grenzte an ein Wunder. Die beiden glutroten Augenpaare hatten sich ineinander verbohrt als handele es sich um tödliche Waffen. 
„Sie werden diesen Kampf gegen das Geflecht der alten Wesenheiten sofort beenden.“ Eine nüchterne Feststellung, nicht einmal ein Vorwurf. Der sachliche Ton und die unterkühlte Gelassenheit des Besuchers standen in krassem Gegensatz zu dem schwelenden Feuer in seinen Augen. 
Zornig sprang der Hausherr auf. Zwei mit grauen und weißen Haaren durchsetzte, schwarze Strähnen fielen ihm in das scharf geschnittene Gesicht mit den tiefen Furchen.
„Wer sind Sie, dass Sie glauben, mir Befehle erteilen zu können?“ fauchte er ebenso wild wie der Brand, der in seinen Augen loderte. 
„Ich erteile keine Befehle sondern nur gut gemeinte Ratschläge“, berichtigte der Besucher gleichmütig. „Sie wollen einen Krieg führen, den Sie nicht gewinnen können. Sie haben nicht die geringste Vorstellung davon, über welche Macht die alten Wesenheiten verfügen.“
Die Miene des Hausherrn verzerrte sich noch mehr, und in seinen Augen lag ein fanatischer Glanz als er trotzig entgegnete: „Genau das ist der Grund, weshalb ich dieses Geflecht bekämpfe. Es bedroht die Welt, in der wir leben, wie ein Pilz, der einen Baum befällt und zersetzt. Es mag sein, dass ich von den Machtmitteln dieses Feindes nur undeutliche Vorstellungen habe. Aber Sie haben anscheinend überhaupt keine Ahnung vom Ausmaß der Bedrohung, um die es hier geht. Als Rektor eines Monasteriums wäre es Ihre Aufgabe, gegen solche Bedrohungen anzukämpfen. Stattdessen unterstützen Sie den Feind.“

 


Kapitel 1 – Wege ins Ungewisse



Zu spät hatten die Menschen des Nordens die dunklen Wolken bemerkt, die sich drohend über ihren Ländern zusammengeballt hatten. Sie waren daher nicht genügend vorbereitet gewesen, als das Gewitter über sie hereinbrach und zwei Eisgrafen sowie den Hüter der Flammen hinwegfegte. Nun schien sich der Sturm gelegt zu haben. Aber dieser Schein war trügerisch.

Noch immer hatte niemand die wahre Tragweite der Ereignisse und die wirklichen Feinde erkannt, die aus sicheren Tarnungen heraus die Fäden ihrer Intrigen spannen. Währenddessen bemühten sich die verbliebenen Eisgrafen, im Rahmen der immer noch geltenden Konventionen die Ordnung im Norden wiederherzustellen. Es handelte sich um einen Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

 

*

 

Üblicherweise traf das Trio der Weisen einmal jährlich abwechselnd in den drei größten Städten Gatyas zusammen, um Angelegenheiten von landesweiter Bedeutung zu erörtern. Dabei war es dem Vertreter von Jakodan, der größten Hafenstadt Gatyas, vorbehalten, für die Küstenbewohner zu sprechen, während die Weisen aus den Städten Orondinur und Gatas für die Belange des östlichen und des westlichen Landesteils eintraten.

Dass die drei Weisen nun in Orondinur zusammengetroffen waren, entsprach aber nicht diesem festen Zeitplan, sondern hatte seine Ursache in dem bevorstehenden Elektral. Eisgräfin Octora, die Oberste Strategin der Vereinten Nordlande, hatte nach ihrem Aufbruch aus dem Quaralpalast zunächst mit ihren fünfzig Reitern die Hauptstadt Gatyas aufgesucht. Dort war sie mit dem hochbetagten Ratsmitglied Gordin-Gatas zusammengetroffen, dem Großvater des verschollenen Eisgrafen Novotor. Sie überbrachte ihm die Nachricht, dass alle stimmberechtigten Mitglieder des Elektrals zum Quaralpalast kommen sollten, um dort entsprechend dem von der Konstitution vorgesehenen Ritual aus ihrer Mitte einen neuen Hüter der Flammen zu wählen. Octora hatte die Absicht gehabt, Gordin direkt von Gatas aus auf dem Landweg über Mithrien zum Quaralpalast zu bringen. Die beiden anderen Weisen sollten wie bei früheren Wahlzeremonien mit dem Schiff von Jakodan anreisen. Der greise Gordin zeigte sich jedoch nicht besonders glücklich über diesen Vorschlag und bat Octora, ihn stattdessen zunächst nach Orondinur zu eskortieren. Dort sollten mit den Ratsmitgliedern aus Orondinur und Jakodan Vorgespräche stattfinden. Octora beugte sich diesem Wunsch und begleitete mit der Hälfte ihrer Truppe das Pferdegespann, das Gordin-Gatas nach Orondinur brachte. Gleichzeitig holten die restlichen fünfundzwanzig Reiter unter der Führung von Dryd Wantari in Jakodan das Ratsmitglied Dolmand ab und brachten ihn ebenfalls nach Orondinur.

Der Ratssaal im Gemeinschaftshaus von Orondinur war verhältnismäßig klein, andererseits aber für eine Versammlung von nur drei Personen viel zu groß. In längst vergangener Zeit hatten die Ratssäle als Audienz- und Besprechungsräume der Könige gedient. Schon damals war jedoch der Rat der Weisen das eigentlich beherrschende Gremium in Gatya, während die von ihm ernannten Könige nur mehr oder weniger das Land nach außen repräsentierten. Es entsprach dem tief verwurzelten Selbstverständnis der freigeistigen Gatyer, nur eine Führung durch Personen zu akzeptieren, die sich durch außergewöhnliche Intelligenz, selbstlosen Einsatz und herausragende Verdienste um die Gemeinschaft ausgezeichnet hatten.

In der Mitte des holzgetäfelten Raumes stand ein dreieckiger Tisch, an dem die drei Weisen auf Polstersesseln mit überhohen Lehnen Platz nahmen. In den oberen Teil der nahezu zwei Meter hohen Lehnen waren die Stadtwappen von Orondinur, Gatas und Jakodan eingewirkt. Die voll beladenen Bücherregale an den Wänden ringsum reichten bis zur Decke. Eine gleichartige Einrichtung fand sich auch in den Ratssälen der beiden anderen Städte.

Es war nicht üblich, das Abstimmungsverhalten beim Elektral im Rahmen einer Ratssitzung vorab zu besprechen. Diesmal gab es aber einen bestimmten Grund, warum Gordin-Gatas dies ausnahmsweise gewünscht hatte: Er war bereits über achtzig Jahre alt, und es stand zu befürchten, dass er die lange Anreise zum Quaralpalast in diesem eisigen Winter möglicherweise nicht lebend überstehen würde. Deshalb suchte er gemeinsam mit den beiden anderen Weisen, Tansil-Orondinur und Dolmand-Jakodan, verbissen nach einer Lösung.

„Wäre es möglich, Gordin durch die Eisgräfin Octora vertreten zu lassen?“, fragte Dolmand-Jakodan.

„Das geht schon deshalb nicht, weil sie keine Gatyerin ist. Aber auch in der Konstitution ist die Vertretung eines stimmberechtigten Mitglieds nicht vorgesehen“, erklärte Gordin-Gatas.

„Das Trio der Weisen kann als höchstes Gremium des Landes für einzelne Angelegenheiten einen Sprecher bestellen. Das ist jedenfalls in unserer Verfassung so vorgesehen und müsste demnach auch für die Konstitution der Vereinten Nordlande und das Elektral gelten“, meinte Tansil-Orondinur.

„Nein“, widersprach Gordin-Gatas. „Für das Elektral ist ausdrücklich geregelt, dass nicht einmal ein stimmberechtigtes Mitglied eine Wahlstimme für ein anderes Mitglied abgeben darf.“ Er zeigte ostentativ auf ein in Leder gebundenes, aufwändig verziertes Dokument in einem der Bücherregale, welches die Konstitution der Vereinten Nordlande enthielt.

„Das ist die Lösung!“, rief Tansil-Orondinur aus. „Niemand darf für einen anderen eine Wahlstimme abgeben. Aber wenn ein gewählter Sprecher dieses Rates erklärt, dass kein Ratsmitglied eine Stimme abgibt, muss das nach der Konstitution zulässig sein.“

Tansil-Orondinur und Dolmand-Jakodan sahen Gordin-Gatas erwartungsvoll an. Der Alte wiegte eine Weile den Kopf und schließlich nickte er bedächtig:

„Eine Enthaltung gilt nach der Konstitution nicht als Stimmabgabe. Allerdings müsste der Beschluss, durch den ein Sprecher bestellt und zu dieser Erklärung ermächtigt wird, von einer neutralen Person bezeugt werden. Diese muss ihrerseits die Befugnis haben, vor dem Elektral sprechen zu dürfen.“

„Octora“, schlug Tansil-Orondinur vor. „Sie hat als Eisgräfin und Oberste Strategin das Rederecht.“ 

„Und wir umgehen damit auch das Problem, uns zwischen Mithrien und Zogh entscheiden zu müssen“, freute sich Dolmand-Jakodan. „Denn wenn die Gerüchte stimmen, die ich gehört habe, werden der Fürst zu Drinh und die Königin von Zogh vorgeschlagen werden.“

„Dann kann ich also davon ausgehen, dass jeder von euch sich bei der Wahl enthalten will?“, fragte Tansil-Orondinur und blickte die beiden anderen an. Gordin und Dolmand nickten zustimmend.

„Dann rufe ich jetzt Octora, damit sie die Ordnungsgemäßheit dieses Beschlusses beim Elektral bezeugen kann“, kündigte er an. „Ich erkläre mich freiwillig bereit, zum Quaralpalast zu reisen und dort als Sprecher unsere Erklärung abzugeben, falls ihr auch damit einverstanden seid.“

Wieder nickten beide und fanden sich nur allzugern bereit zu glauben, dass in diesem Fall der einfache Weg auch der richtige war.

*

Nur kurze Zeit nach Octora traf eine weitere Eisgräfin in Gatya ein. Sie suchte den Ort ihrer Geburt auf, hatte aber nicht die Absicht, dort längere Zeit zu verweilen. Orondinur bildete nur den Wendepunkt ihres Weges, der sie zurück in die Arme des Hochkönigs von Sindra führen sollte.

Duotora hatte sich zuerst zu dem mächtigen Eisbaum begeben, bevor sie in die Stadt weitergeritten war. Eigentlich wollte sie länger bei dem Baum bleiben und dessen geheimnisvolle Kräfte auf sich einwirken lassen. Es blieb ihr jedoch nicht verborgen, dass ihr Begleiter trotz seines dicken Pelzmantels immer schlechter mit der eisigen Kälte zurechtkam. Bereits kurz nachdem sie die Grenze von Lumbur-Seyth überschritten und die Ausläufer des Hügellandes von Orondinur erreicht hatten, brachte ein frostiger Nordwind zunächst Graupelschauer und schließlich ein heftiges Schneegestöber, bei dem man kaum noch die Hand vor den Augen sehen konnte.

Argo a Narga saß wie angefroren auf seinem klapprigen Pferd, beschwerte sich aber nie. Dennoch konnte Duotora den Anblick dieses geduldig ertragenen Leidens zuletzt nicht mehr verkraften und hatte daher ihr Pferd abgewendet. Ohnehin konnte sie sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Eisbaum ihr die gewohnte innere Zwiesprache dieses Mal verwehrte. Mühsam kämpften sich die beiden einsamen Reiter durch den Schnee bis sie endlich Orondinur erreichten.

Orondinur stellte eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Stadt dar. Sie war auf einem schräg ansteigenden Hügel errichtet, der auf drei Seiten von einer hufeisenförmigen Schlucht umschlossen wurde. Das aus rötlichem Stein in ovaler Form erbaute Gemeinschaftshaus der Stadt thronte auf dem Scheitelpunkt des Hügels. Viele Bewohner hatten diese ovale Form bei der Errichtung ihrer eigenen Häuser aufgegriffen. Wegen der gewölbten Dächer wirkte die Stadt jetzt im Winter vom höchsten Punkt aus betrachtet wie das zur Seite geneigte Gelege eines Riesenvogels mit unzähligen Eiern.

Hier überkam Duotora das Gefühl, zu Hause zu sein. Sogar bei dem Pylax, der in der prächtigen Stadt Zitaxon aufgewachsen war, schien sich ein anerkennendes Lächeln auf die eingefrorenen Lippen geschlichen zu haben. Die beiden Ankömmlinge benutzten die breite Straße, die in der Mitte des Hügels in Serpentinen zum Gemeinschaftshaus führte.

Einige Meter von der Treppe zum Eingang des Gebäudes entfernt waren eiserne Ringe in die Wand eingelassen. Dort banden Duotora und Argo a Narga ihre Pferde fest. Als sich Duotora der Treppe zuwandte, stand dort bereits Tansil-Orondinur. Duotora rannte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals, wobei sie voller Fröhlichkeit ausrief: „Es tut so gut, dich endlich wiederzusehen.“

„Meine Tochter“, war alles, was der Weise von Orondinur mit Freudentränen in den Augen herausbrachte.

Nach einer langen Umarmung sagte Duotora: „Mein Begleiter ist Argo a Narga aus Sindra. Dort ist es viel wärmer als hier bei uns. Er verträgt daher die Kälte nicht sonderlich gut. Können wir hineingehen?“

„Aber natürlich.“ Tansil-Orondinur führte seine Tochter und ihren Begleiter in den großen Eingangsbereich des Gemeinschaftshauses, wo kräftige, schmucklose Steinsäulen die Kreuzgewölbe der Decke trugen. Zwei Treppen und drei Türen führten an der gegenüberliegenden Wand aus der Eingangshalle hinaus. Tansil-Orondinur wählte die rechte Treppe, die in einen Korridor mündete, von dem wiederum mehrere Türen abzweigten. Er geleitete seine Besucher in ein kleines Zimmer mit einigen Sitzgelegenheiten und einem niedrigen Tisch. In einer Ecke des Zimmers flackerte im Kamin ein knisterndes Feuer und erfüllte den Raum mit behaglicher Wärme.

„Ich werde euch etwas Brot und Käse holen. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich“, sagte Tansil-Orondinur an seine Tochter gewandt. Dann verließ er den Raum und kehrte wenig später mit Brot, Käse, Früchten und Ziegenmilch in Begleitung einer Frau zurück.

„Octora!“, rief Duotora erstaunt.

„Sie ist wegen des Elektrals hier“, erklärte Tansil-Orondinur.

„Eine schlimme Sache“, meinte Duotora. „Ich habe vom Tod des Hüters der Flammen gehört. Bisher weiß ich nicht, was wirklich vorgefallen ist. Es gibt aber auch noch so viele andere, drängende Fragen. Ich habe zwei verlöschende Flammen gesehen. Wer ist tot?“

„Tritor wurde in Modonos ermordet als er Unitor befreien wollte“, antwortete Octora bedrückt. „Auch ich konnte noch nicht in Erfahrung bringen, wer die zweite Flamme war.“

„Weißt du etwas über Novotor?“, erkundigte sich Duotora daraufhin. „Man sagte mir, er sei wegen einer dringenden Angelegenheit aus Sindra weggerufen worden.“

„Auch davon weiß ich leider nichts“, entgegnete Octora bedauernd. „Aber was führt dich hierher?“

„Bitte erzählt mir zuerst, was sich hier in der Heimat zugetragen hat“, bat Duotora ihren Vater und die Eisgräfin aus Zogh.

Octora setzte sich und berichtete über die Eroberung des Stützpunkts von Doront, die Geschichte Unitors und was sie im Quaralpalast alles erlebt hatte. Sie war gekommen, um mit ihrer kleinen Streitmacht von fünfzig Berittenen das Trio der Weisen zum Elektral zu begleiten; aber aufgrund des Beschlusses würde nun allein Tansil-Orondinur mit ihr kommen. Als Octora geendet hatte, sagte Duotora traurig zu ihrem Vater:

„Du musst also zum Quaralpalast. Ich hatte gehofft, dass du mich vielleicht zu einer Hochzeit hättest begleiten können.“

Sie stand auf und ging zum Fenster. Im dichten Treiben der weißen Flocken hatte sie erst jetzt bemerkt, dass der weiße Rabe auf dem Fenstersims draußen gelandet war. Nachdem er ein paar Minuten gewartet hatte, klopfte er schließlich ungeduldig mit dem Schnabel gegen die angelaufene Scheibe.

Duotora öffnete das Fenster. Der Wind heulte kurz herein und blies dem Vogel einen weißen Schneewirbel hinterher. Während sie scheppernd den Fensterflügel wieder schloss, landete der Rabe auf ihrer Schulter und schüttelte einen Schwall nasser Flocken aus seinem Gefieder. Dann kaute er zärtlich an ihren Haaren herum.

„Das ist Syx, mein treuer Freund“, stellte sie ihn vor und zwinkerte ihm kurz zu. Die Kälte hatte auch ihm stark zugesetzt. Offenbar war er nicht zu seinen üblichen Späßen aufgelegt. Deshalb streichelte sie ihm nur sanft über den Kopf. Anschließend erzählte sie in knappen Worten, was sie seit ihrer Ankunft in Borthul erlebt hatte. Als sie mit ihrer Schilderung eigentlich schon fertig war, aber dann die Sprachlosigkeit und das ungläubige Erstaunen ihres Vaters und Octoras gewahrte, fügte sie hinzu:

„Ich habe zuerst gedacht, dass ich hierhergekommen bin, um Ratschläge zu hören. Aber eigentlich habe ich mich schon entschieden. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich die Fähigkeit des „vernichtenden Blicks“ verlieren werde. Ich habe den Eisbaum von Orondinur aufgesucht bevor ich hierherkam. Ich habe ein Gefühl der Enttäuschung und des Zweifels gespürt. Aber ich bin fest davon überzeugt, durch eine Vermählung mit dem Hochkönig von Sindra den Menschen des Nordens mehr nützen zu können als wenn ich seinen Antrag ablehnen würde. Jetzt weiß ich, dass ich gekommen bin, um eure Unterstützung zu erbitten.“

Octora spielte lange verlegen an ihrem Milchglas herum ehe sie schließlich den Blick hob und Duotora in die Augen sah.

„Ich werde deine Entscheidung respektieren“, versprach sie. „Aber ich möchte, dass du wenigstens den Grund meiner Zweifel kennst. Ich glaube, dass die Eisbäume die eigentlichen Wächter des Nordens sind. Wenn jemand unsere Länder erobern oder zerstören wollte, müsste er zuerst alle Eisbäume vernichten. Dies kann nur gelingen, wenn zuvor alle Eisgrafen beseitigt werden, die die Macht der Bäume in der Welt ausüben. Zwei von uns sind in kürzester Zeit gestorben. Wenn dir die Fähigkeit des „vernichtenden Blicks“ abhanden kommt, sind schon drei verloren.“

„Aber es sind immer noch sechs übrig. Und drei werden nachfolgen“, wandte Duotora ein.

„Bedenke bitte, dass es zwanzig Jahre dauert, bis ein neuer Eisgraf seine Aufgabe übernehmen kann“, hielt Octora ihr vor. „Der Feind hätte also zwanzig Jahre Zeit, um sechs Eisgrafen zu vernichten. Sollte dies nicht möglich sein, wenn in nur wenigen Monden drei von uns gegangen sind?“

„Woher willst du wissen, dass es überhaupt jemanden gibt, der die Bäume zerstören will?“, zweifelte Duotora.

„Der Berater glaubt es“, entgegnete Octora. „Aber ich weiß es, seit ich die unterirdische Festung der Obesier bei Doront gesehen habe.“

„Octora, diese Heirat ist nicht nur eine Sache des Herzens“, beschwor Duotora die andere Eisgräfin. „Ich bin überzeugt davon, dass in Sindra viel mehr Macht steckt als wir ahnen. Ich kann dort mehr bewirken als wenn ich versuchen würde, mich zwanzig Jahre vor einem Feind zu verstecken, den wir nicht einmal kennen.“

Octora sah auf ihre grauen, zierlichen Hände.

„Ja, wahrscheinlich hast du sogar recht“, gestand sie nachdenklich zu. „Jeder von uns muss das tun, was er selbst für richtig hält. Ich verspreche dir, dass ich immer für dich da sein werde, auch wenn du nicht mehr zu uns gehörst. Wie lautet eigentlich der Name, den dir deine Eltern gegeben haben?“

Duotora wusste genau, was Octora mit dieser Frage bezweckte. Aber sie versuchte gar nicht erst, einer unausweichlichen Erkenntnis auszuweichen.

„Er lautet Orandula-Orondinur“, murmelte sie.

Die beiden Frauen schauten sich ernst an, und in beider Augen begann es feucht zu schimmern.

„Es ist also bereits geschehen“, stellte Octora fest.

Eine Träne lief über Duotoras Wange. Wenn ein Eisgraf die Fähigkeit verloren hatte, den „vernichtenden Blick“ anzuwenden, handelte es sich um das untrügliche Zeichen, dass er von seinen Aufgaben entbunden war. Dann führte er wieder seinen Geburtsnamen und konnte ihn auch bereitwillig nennen. Das war jedoch seit unvordenklichen Zeiten nicht mehr geschehen.

„Ja“, bestätigte Orandula-Orondinur. „Ich hoffe, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich werde auch in Zukunft immer für dich da sein. Ich bin nicht so hilflos wie du vielleicht glaubst.“

„So ist es“, krächzte der weiße Rabe auf ihrer Schulter nachdrücklich. Argo a Narga stand auf und stellte sich neben Orandulas Sessel. Dabei schlug er seinen Leinen-Überwurf zurück und berührte zweimal vielsagend den Griff seines schmalen Schwerts. Niemand ahnte, dass nicht dieses todbringende, von allen Feinden gefürchtete Schwert des Pylax sondern der ulkige Rabe dazu ausersehen war, Duotoras Versprechen einzulösen.

*

Tulumath wirkte wie eines der typisch obesischen Heerlager. Es lag am Westrand der Obesischen Wüste und bestand aus den flachen Gebäuden der Unterkünfte sowie einem großen Verwaltungstrakt mit den Nahrungsmittellagern, mehreren Brunnen und staubigen Plätzen. Das einzig Auffällige an Tulumath war das große, obeliskenförmige Gebilde zwischen den Gebäuden und der Wüste, das wie ein überdimensionaler Termitenhügel aus der flachen Umgebung aufragte.

Der äußere Eindruck täuschte jedoch über die wahre Bedeutung Tulumaths. Kenner des obesischen Militärwesens hätte insoweit schon die Beflaggung des Verwaltungsgebäudes mit der Obesischen Viper nachdenklich gestimmt. Tulumath war der am besten gesicherte Ort in ganz Obesien. Nur wenige Personen wussten, dass es dieses Lager überhaupt gab. Tulumath beherbergte die Zentrale der Geheimen Schar und den Sitz ihres Ducarions, der aufgrund seiner Stellung gleichzeitig auch Mitglied des Kriegsrats von Obesien war. Aber jenseits dieser militärischen Strukturen barg der Ort ein schreckliches Geheimnis.

Seit kurzem war die Existenz Tulumaths auch einem einfachen Cinquon der Schildwache von Modonos bekannt. Das Kollektiv hatte ihn als einen Helden bezeichnet. Er hatte mit äußerster Verwegenheit bei der geplanten Hinrichtung des Eisgrafen Unitor auf dem „Platz der Einkehr“ nach dem Ausbruch des Tumults versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Todesmutig hatte sich Rachnad fremden Aufrührern entgegengestellt, die offenbar bei der Befreiung des Eisgrafen mitwirkten. Dabei hatte er mehrere Verwundungen erlitten. Unter anderem hatte ihm ein Steppenmensch mit seinem Säbel Sehnen am rechten Arm durchtrennt, der nun seither nutzlos an seiner rechten Seite herunterbaumelte. Das Kollektiv hatte daraufhin beschlossen, Rachnad für seinen heldenhaften Einsatz zu ehren. Ehrungen dieser Art fanden üblicherweise in Tulumath statt.

Sein oberster Vorgesetzter, der Ducarion der Schildwache, hatte ihn über die Existenz Tulumaths aufgeklärt und ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, welche Freuden ihn nach dem offiziellen Teil der Auszeichnungszeremonie in den Katakomben erwarteten.

Das gesamte Kollektiv von Ares-1 bis Ares-7 war eigens aus Modonos angereist, um die Auszeichnung vorzunehmen. Der Ducarion der Geheimen Schar hatte jeweils fünfundzwanzig Stiftschützen, Schwertkämpfer, Bogenschützen und Reiter für die Zeremonie abgeordnet. Sie hatten nun auf dem großen Platz vor dem Verwaltungsgebäude Aufstellung genommen. Selbstverständlich durften auch die Fanfarenbläser nicht fehlen, die Beginn und Ende der eigentlichen Ordensverleihung markierten. Danach kam der Teil, auf den sich Rachnad am meisten freute: Der Gang durch die „Welt der Belohnungen“.

Nach den Schilderungen seines Ducarions gab es unterhalb der Festung von Tulumath ein auf das Volk von Dunstein zurückgehendes, weitverzweigtes System von Gängen und Räumen, deren Einrichtungen den Vergnügungen der vom Kollektiv ausgewählten Gäste dienen sollten. Es hieß, dass man dort jenseits jeglicher Vorstellungskraft die exotischsten Bedürfnisse befriedigen konnte.

Der Klang der Fanfaren riss die vorausgeeilten Gedanken Rachnads in die Gegenwart zurück. Seite an Seite mit dem gefürchteten Brondik, dem Ducarion der Geheimen Schar, schritt er zu der provisorischen Bühne, wo ihn das Kollektiv erwartete. Als die beiden Männer die Treppe zu dem Podium betraten, verstummten die Fanfaren. Ares-1, der Sprecher des Kollektivs, hielt eine kurze Ansprache, in der er die herausragende Umsicht, das beispielhafte Pflichtbewusstsein und die außergewöhnliche Tapferkeit Rachnads in einer außer Kontrolle geratenen Situation lobte. Lautstark verlieh er dem Wunsch Ausdruck, Rachnad möge für alle Soldaten Obesiens ein leuchtendes Vorbild sein. Seltsamerweise blieb das Opfer, das der neue Volksheld gebracht hatte, gänzlich unerwähnt.

Anschließend hängte Ares-2 dem ehemaligen Cinquon der Schildwache, der nun nicht mehr diensttauglich war, die goldene Tapferkeitskette um. Dann gab es einen Händedruck und anerkennende Worte von jedem einzelnen Mitglied des Kollektivs.

Nachdem die Fanfarenbläser den Schlussakkord gesetzt hatten, führte der Ducarion den Helden unter dem Beifall der ausgewählten Soldaten von der Bühne und begleitete ihn zum „Tor der Freuden“.

„Sie werden nun etwas kennenlernen, wonach sich alle Menschen sehnen“, versprach Brondik in vertraulichem Ton. „Sie gehören zu den wenigen Auserwählten, die schon von der „Welt der Belohnungen“ gehört haben. Aber Sie werden sehen, dass das, was Sie dort erwartet, Ihre kühnsten Erwartungen übersteigt.“

Der vergitterte Eingang befand sich in einem unauffälligen, quadratischen, nur etwa drei Meter hohen Kubus. In seinem Innenraum führte eine Treppe in die Tiefe.

„Die Kette der Tapferkeit müssen Sie mir in Verwahrung geben bis Sie zurückkehren. Sie dürfen so lange bleiben wie Sie wollen“, erklärte der Ducarion während er das Gittertor aufschloss.

Die Treppe endete nach zweiundzwanzig Stufen an einer massiven Bronzetür. Brondik händigte Rachnad einen Zweitschlüssel aus und schob den Cinquon sanft durch die Tür nachdem er sie geöffnet hatte.

„Viel Vergnügen!“ wünschte er dem Schildwächter und klopfte ihm auf die Schulter. Rachnad achtete kaum noch darauf und schritt in den Gang. Dabei hatte er das Gefühl, dass die letzten Erinnerungen wie Staub von ihm abfielen.

Hinter dem Cinquon fiel die schwere Tür ins Schloss. Finsternis umgab nun den verwundeten Helden, sodass er Einzelheiten in dem vor ihm liegenden Gang nicht erkennen konnte. Deshalb beschloss er, die Tür nochmals kurz zu öffnen, um sich mit Hilfe des von der Treppe hereinfallenden Lichts besser orientieren zu können. Er ertastete das Schloss. Mehrere Versuche, den Schlüssel hineinzustecken, blieben jedoch erfolglos. Es hatte den Anschein als würde der Schlüssel nicht passen. Während Rachnad sich auf diese Weise abmühte, stellte er fest, dass sich seine Augen inzwischen etwas besser an die Dunkelheit angepasst hatten. Schemenhaft konnte er die Umrissse der Tür erkennen und auch sehen, dass die Helligkeit im hinteren Bereich des Ganges zunahm. Beruhigt gab er seine Versuche zur Öffnung der Tür auf und ging tiefer in den Stollen hinein. Nach etwa einhundert Metern nahm das Licht tatsächlich deutlich zu. Rachnad vermutete, dass die Decke dort mit einem luminiszierenden Anstrich versehen war. Er wusste, dass für solche Zwecke in letzter Zeit häufig das von den Priestern des Wissens entwickelte Ralumon verwendet wurde. Bevor er die Lichtquelle erreichte, betrat er einen großen, rechteckigen Raum, von dem aus mehrere hohe Felskorridore abzweigten. Rachnad sah sich um, fand jedoch keinerlei Hinweise darauf, wo die Gänge hinführten. Wie sollte er sich hier zurechtfinden? Als er sich schon entschlossen hatte, geradeaus weiterzugehen, hörte er ein leises, schleifendes Geräusch. Es drang aus einer der großen, seitlichen Öffnungen an sein Ohr. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass er sich offensichtlich im Empfangsraum befand, wo die Besucher von einer ortskundigen Person abgeholt wurden. Das Schleifgeräusch deutete sogar darauf hin, dass die Beförderung hier unten in einer Sänfte oder gar mit Hilfe eines noch außergewöhnlicheren Transportmittels erfolgte. Er wartete gespannt und schaute neugierig in den Gang, während sich das Geräusch näherte. Plötzlich tauchte über ihm in der Gangöffnung ein dunkler, kreisrunder Kopf auf, der den Durchmesser eines großen Wagenrades hatte. Zwei schwarze, handgroße Augen, die ihn in Form und Farbe an die Augen eines Mon’ghals erinnerten, starrten ihn an. Von dem spitzen Stachel auf dem Kopf des Wesens ging ein diffuses Leuchten aus. Rachnad konnte nun erkennen, dass es sich um ein gigantisches, raupenähnliches Tier handelte, das eine Länge von mindestens fünf Metern aufwies. Der Cinquon war begeistert: Schon die Begrüßung durch dieses gewaltige Beförderungswesen übertraf alle seine Erwartungen. Ehe er weitere Feststellungen treffen konnte, zuckte der Kopfstachel des Tieres auf ihn zu und traf ihn an der Schulter. Schlagartig setzte eine Lähmung ein, die aber das Bewusstsein des Obesiers unberührt ließ. Daher sah er auch noch, wie das Wesen ein rundes Maul mit zwei Reihen kleiner, messerscharfer Zähne aufriss. Dieser Rachen war größer als der Kopf des Soldaten. Er stülpte sich über Rachnad und verschlang ihn.

*

Die heiße Mittagssonne brannte unbarmherzig auf den kleinen Hafen von Tassivedes. Das unbewegte Meer wirkte wie ein blaues Brett, in dem die wenigen vor Anker liegenden Schiffe festzustecken schienen. Ein zufälliger Betrachter hätte den Eindruck gehabt, vor einem raumfüllenden Gemälde zu stehen. Aber es gab keinen Betrachter. Die Besatzungen der Schiffe hatten sich ebenso wie die Fischer und die Bewohner des Ortes vor der Hitze in die kühleren Innenhöfe der Gebäude geflüchtet, wo zahlreiche kleine Palmenhaine Schatten spendeten. Auch die vielen Hunde und Katzen hatten sich überall in Ecken verkrochen und dösten zu dieser Zeit des Tages vor sich hin. Selbst von den zahlreichen Vögeln, die die Insel bevölkerten, war nichts zu sehen und nichts zu hören.

Nur Denlaris, der Kommandant der Hafenwache, und die beiden Abgesandten des Hochkönigs waren hellwach und beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Hafeneinfahrt. Obwohl die Flaggen an den vier größten, im Hafenbecken ankernden Schiffen schlaff herabhingen, verriet die leuchtende Farbkombination aus grün und violett, dass es sich um Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth handelte. Der Rest bestand aus Fischerbooten und drei älteren Schiffen, die jedenfalls für Seefahrer aufgrund ihrer Bauart als sindrische Transportkähne zu erkennen waren.

Denlaris hatte die noch weit entfernten, sechs großen Galeeren längst erspäht. Mit ihren langen Rudern sahen sie wie winzige Wasserläufer aus, die sich der Insel jedoch mit auffallender Schnelligkeit annäherten. Unter normalen Umständen hätte der Kommandant der Hafenwache Alarm geschlagen und einen berittenen Boten nach Nottikar geschickt, wo sich ein kleiner Teil der sindrischen Kriegsflotte befand. Die Orte Tassivedes und Nottikar lagen an der engsten Stelle der Insel Ludoi an genau entgegengesetzten Buchten. Sie waren durch eine nahezu kerzengerade Straße miteinander verbunden. Die eigentliche Verkehrsroute der Handelsschiffe vom westlichen zum südlichen Ozean und umgekehrt führte durch die Meerenge zwischen Ludoi und Dukhul. Deswegen war Nottikar auch der wesentlich größere und wichtigere Hafen. Tassivedes lag auf der Seite zum offenen Meer hin und hatte eigentlich nur für den Fischfang Bedeutung. Wieso die Galeeren sich anschickten, Tassivedes anzulaufen, erschien Denlaris rätselhaft. Deshalb hätte er es auch für angebracht gehalten, die Kriegsflotte zu verständigen. Aber die beiden Abgesandten von Gylbax XII. untersagten dies. Bei ihrer Ankunft hatten sie Denlaris ein Schreiben mit dem Siegel des Hochkönigs und dessen Unterschrift vorgelegt, das ihnen die vorübergehende Befehlsgewalt über die Hafenstadt Tassivedes übertrug. Der Hafenkommandant wagte natürlich nicht, sich gegen einen Befehl des Hochkönigs zu stellen. Das wäre Hochverrat gewesen und hätte aller Voraussicht nach seine sofortige Exekution zur Folge gehabt. So musste er tatenlos zusehen, wie die sechs Galeeren in seinen Hafen einliefen. Dass sie die Flagge von Borthul aufgezogen hatten, konnte seine Zweifel nicht beseitigen. Er wusste, dass dies auch die übliche Vorgehensweise der Piraten von Borgoi war. Und tatsächlich wurden im Hafenbecken die Banner Borthuls eingeholt und die gefürchteten Flaggen der Freibeuter gehisst, weiße Haifische mit bluttriefenden Zähnen auf blauem Grund.

Schon wenige Minuten später enterten die Freibeuter die ersten beiden Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth. Da diese unbemannt waren, setzte niemand den Piraten in ihren bunten Seidengewändern Widerstand entgegen. Unmittelbar darauf begann das erste Schiff zu brennen.

Nachdem auch die anderen Feuer gefangen hatten und dichte Qualmwolken aufstiegen, zeigten sich die ersten Bewohner der Stadt. Aufgeregte Rufe wurden laut. Dies ermunterte einige der Piraten, in ihre Landungsboote zu klettern und auf den Hafenkai zuzusteuern.

Während sich die Menschen von Tassivedes schreiend ins Innere der Stadt zurückzogen, sagte einer der Abgesandten des Hochkönigs zu Denlaris:

„Jetzt können Sie die Alarmglocken läuten und Ihre Soldaten loslassen.“

Denlaris rannte zur nahegelegenen Garnison. Die beiden Gesandten des Hochkönigs zogen sich auf eine Anhöhe hinter dem Hafen zurück und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung.

In ihrer grellbunt schillernden Kleidung bewaffnet mit Säbeln, Äxten, Enterhaken und Schwertern waren die Freibeuter bereits über die ersten der kleinen Häuser hinter der Hafenmauer hergefallen. Sie traten die Türen ein und suchten fieberhaft nach Wertgegenständen und sonstigen für sie brauchbaren Waren. Keiner der Bewohner hatte den Mut, sich der Seeräuberhorde entgegenzustellen. Alle flüchteten in panischer Angst in den Wald hinter der Fischersiedlung.

Unmittelbar darauf läuteten die Alarmglocken der örtlichen Garnison, und wenig später ertönte ein langgezogenes Hornsignal. Für die Seeräuber bedeutete dies zugleich das Zeichen zum Rückzug. Beim Verlassen der geplünderten Häuser sahen die Piraten die ohne jegliche Schlachtordnung heranstürmenden Soldaten. Offenbar waren die Freibeuter von der zahlenmäßigen Stärke der heranrückenden Besatzung überrascht. Viele von ihnen entledigten sich bei der Flucht ihrer Beute. Den meisten gelang es, kampflos den Hafen zu erreichen. Nur vereinzelt kam es zu Scharmützeln. Fast allen Piraten gelang es, sich auf ihren Landungsbooten in Sicherheit zu bringen und durch das Hafenbecken zu ihren Schiffen zurück zu rudern.

Denlaris stellte fest, dass sämtliche Schiffe der Fangflotte aus Lumbur-Seyth und zwei sindrische Schiffe ein Raub der Flammen geworden waren. Drei brannten immer noch lichterloh.

Unangefochten begaben sich die Piraten auf ihre Galeeren, die anschließend Kurs auf das offene Meer nahmen. Denlaris sah ihnen gedankenverloren von der Kaimauer aus nach. Der ganze Vorfall hatte für ihn etwas Unwirkliches. Vor allem die Vernichtung der Fangflotte aus Lumbur-Seyth erschien ihm völlig sinnlos. Während er in den Ort zurücklief, sah er wie einer der Gesandten des Hochkönigs einen verwundeten Piraten erstach. Anschließend gab der Mann einigen Soldaten die Anweisung, einen Scheiterhaufen zu errichten und die Leichen der vier toten Piraten zu verbrennen. Denlaris zuckte zusammen, als er die Gesichtszüge der Toten sah. Ihre Haut war gelbbraun, die Augen sehr dunkel und die Haare glänzend schwarz. Es handelte sich eindeutig um Sindrier. Er machte die beiden Vertreter des Hochkönigs auf diesen Umstand aufmerksam. Während der eine dem anderen einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, erklärte jener in abfälligem Ton:

„Bei den Piraten von Borgoi gibt es natürlich auch Leute aus Sindra. Das ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen.“

„Die Flotte aus Nottikar hätte die Piraten allesamt vernichten können“, brummte Denlaris unzufrieden.

„Wozu?“ fragte der Gesandte. „Sie haben das Pack doch in die Flucht geschlagen, und jetzt können diese Verbrecher ihren Freunden berichten, dass wir nicht einmal die Kriegsflotte brauchen, um mit ihnen fertig zu werden.“

„Der Hochkönig wird mit Ihnen zufrieden sein“, lobte ihn der andere. „Wir werden Sie mitnehmen nach Dukhul und Sie dem Hafenmeister für eine Beförderung vorschlagen. Bei Leuten wie Ihnen, die zur richtigen Zeit das Richtige unternehmen und sich auch einmal bereitwillig in die Ordnung fügen können, dürfen solche Talente nicht in einem verschlafenen Fischerdorf verschwendet werden.“ Die Augen des Hafenkommandanten begannen zu leuchten.

Am Abend dieses Tages lief in Nottikar ein Schiff aus, das die beiden Gesandten des Hochkönigs nach Dukhul auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge von Ludoi bringen sollte. Ihr endgültiges Ziel war Zitaxon. An Bord befand sich auch Denlaris, der der Begegnung mit Jekisebek entgegenfieberte, dem Hafenmeister von Dukhul, einem der mächtigsten Männer des Reiches. Der ehemalige Kommandant von Tassivedes war insbesondere gespannt, welche neuen Aufgaben seine bevorstehende Beförderung mit sich bringen würde. Am allermeisten freute er sich aber auf das Wiedersehen mit seiner Familie, die immer noch auf dem Festland wohnte.

Er stand an der Reling des breiten Bugs und konnte in der Ferne bereits die schimmernden Lichter von Dukhul sehen. Fröhlich lachend unterhielten sich die beiden Gesandten als sie zu ihm herübergeschlendert kamen. Überschwänglich legte ihm einer der beiden den Arm um die Schulter. Denlaris zeigte auf die Lichter und versuchte, die Zeit bis zu seinem Eintreffen an Land abzuschätzen. Im gleichen Augenblick packte ihn der andere Gesandte an den Fußknöcheln und riss ihn hoch, sodass Denlaris den Stand verlor. Dann ergriffen ihn vier Hände und warfen ihn über Bord. Im Fallen prallte er gegen den Bug des Schiffes, der ihn anschließend unter sich in den Fluten des Meeres begrub.

Das Lachen der Gesandten verstummte. Versonnen sahen sie zu den Lichtern hinüber.

Manchmal müssen kleine Opfer gebracht werden, um große Opfer zu vermeiden“, pflegten Gylbax XII. und seine Vorfahren zu sagen. Die beiden Gesandten verspürten eine grenzenlose Erleichterung darüber, dass sie nicht die Opfer waren. Dafür nahmen sie auch gerne in Kauf, die Täter zu sein. Aber in Sindra konnte der Weg vom Täter zum Opfer bisweilen sehr kurz geraten.

Selazidang, der berühmte Gelehrte, hatte an einer versteckten Stelle seiner berühmten Schriften gewagt, dem geflügelten Wort der Hochkönige eine eigene Erkenntnis entgegenzusetzen: „Leider verhält es sich zumeist so, dass viele Leben nicht für das Gemeinwohl geopfert werden, sondern für das eitle Wohlergehen eines Einzelnen.“ 

*

Wie der Berater es fertiggebracht hatte, Quintora als Hilfskraft in die Akademie von Modonos einzuschleusen, wusste sie selbst nicht. Wunderlicherweise wies ihr Genehmigungsnachweis Unterschrift und Siegel genau derjenigen Person auf, die sie dort überwachen sollte: Saradur. Der Berater vermutete, dass der Ordenssprecher der Drahtzieher einer Verschwörung gegen die Nordlande war. Quintora sollte herausfinden, was er vorhatte und mit wem er zusammenarbeitete.

In den Wirren nach der fehlgeschlagenen Hinrichtung Unitors hatte sie es stattdessen übernommen, für einen reibungslosen Ablauf der Flucht des Eisgrafen aus Obesien zu sorgen. Ausgerechnet in dieser Zeit war Saradur mit unbekanntem Ziel aufgebrochen, so dass Quintora wohl oder übel nichts anderes übrigblieb, als bis zu seiner Rückkehr in der Akademie auszuharren. Dabei kam ihr zugute, dass Hilfskräfte mit Empfehlungsschreiben in der Gestaltung ihrer Tätigkeiten weitgehend frei waren. Sie hatte die Zeit genutzt, um die äußerst weitläufigen und verwinkelten Räumlichkeiten der Akademie zu erforschen, die bis an das unterirdische Kanalsystem der Hauptstadt heranreichten.

Vor zwei Tagen war Saradur dann endlich zurückgekehrt, jedoch nach dieser kurzen Ruhepause gleich erneut aufgebrochen. Diesmal sah sich Quintora nicht durch anderweitige Aufgaben gehindert und konnte ihm deshalb folgen, um ihn zu beschatten. In den engen Straßen und Gassen von Modonos gestaltete sich dies noch als vergleichsweise leichtes Unterfangen. Aber bereits in den Außenbezirken, wo die Häuser verstreut zwischen kahlen, staubigen Hügeln lagen, wurde die Verfolgung deutlich erschwert. Die Eisgräfin war gezwungen, den Abstand zwischen sich und dem Ordenssprecher erheblich zu vergrößern. Ihr kam jedoch zugute, dass sich Saradur offenbar völlig sicher fühlte. Nicht ein einziges Mal musste sie feststellen, dass er anhielt oder sich umsah. Er lenkte sein Pferd auf die Straße nach Tirestunom. Da diese Stadt abgesehen von dem dortigen Heerlager relativ unbedeutend war, musste sein Ziel also entweder in Gatya im Norden oder – was Quintora für wahrscheinlicher hielt – im Westen, in Surdyrien oder Lumbur-Seyth, liegen.

Nach einigen Stunden konnte die Eisgräfin von einer Anhöhe aus beobachten, wie ein anderer Reiter aus dem Gebüsch auf der rechten Straßenseite auftauchte und sich zu Saradur gesellte. Der Ordenssprecher hatte im Schatten einer ungewöhnlich großen Ulme auf ihn gewartet. Beide ritten dann gemeinsam weiter.

Entsprechend der Vermutung Quintoras führte der Weg Saradurs zum Grenzübergang von Bondras und von dort aus nach Dirtos, der Hauptstadt Surdyriens.

Gewissermaßen als Ersatz für die frühere Hauptstadt Lumbur-Seyth war Dirtos, die ehemalige Residenz der Könige, zum größten Handelsplatz in Surdyrien aufgestiegen. Den Ausschlag dafür gab außer den geschichtlichen Wurzeln die günstige Verkehrslage mitten in Surdyrien am schiffbaren Quorl, einem großen Nebenfluss des Lumbur. Gleichermaßen vorteilhaft hatte sich die Nähe zu den Hügeln von Albiros erwiesen, wo sich die größten Bergwerke des Landes befanden. Leider war Dirtos auch eine ziemlich verkommene Stadt. Sie stand in dem Ruf, das Zentrum des Verbrechens in Surdyrien zu sein. Anders als sonstwo im Land hatte es hier in der Vergangenheit sogar Anschläge auf geheime Einrichtungen der Obesier gegeben.

   Dirtos und Lumbur-Seyth galten als die Orte, in denen man angeblich alles bekommen konnte, was man wollte. Daher wunderte sich Quintora nicht, dass Saradur und sein Begleiter die ehemalige Königsstadt aufsuchten. Dort begaben sich die beiden Männer zu einer vornehmen Unterkunft. Das deutete darauf hin, dass sie sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt hatten.

Während ihrer Zeit in der Akademie von Modonos hatte Quintora einen tiefen Einblick in die vielfältigen Tätigkeiten und Machenschaften des Priesterordens und seiner Mitglieder gewonnen. Jetzt wusste sie, dass der Orden keine homogene Institution darstellte, die ein bestimmtes Ziel verfolgte. Er war ein Sammelbecken hochintelligenter Individualisten, die fast ausnahmslos danach strebten, die Gemeinschaft für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Jedem einzelnen Priester des Wissens war dies durchaus bewusst. Aber gerade diese Erkenntnis, für die eigenen Belange auf die Gemeinschaft angewiesen zu sein, hielt den Orden zusammen und machte ihn nach außen stark. Dennoch gab es selbst in einer solchen Zweckgemeinschaft gelegentlich Individuen, die nicht mehr tragbar erschienen.

Zu diesen Ausgestoßenen gehörte Datiban. Er war sogar einer der Schlimmsten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ausgestoßenen hatte er nie die Hoffnung gehegt, irgendwann einmal wieder in den Schoß des Ordens zurückkehren zu dürfen. Sogleich nach seinem Ausschluss entschied er sich dafür, eine neue Existenz außerhalb der legalen Strukturen aufzubauen. Aus diesem Grund suchte er den Anschluss an Verbrecherbanden in Dirtos und Lumbur-Seyth. Dabei kam ihm zugute, dass er zwei andere Priester des Wissens umgebracht und deren Forschungsergebnisse gestohlen hatte.

Datiban war daher höchst überrascht, als er vom Sprecher des Ordens eine Botschaft erhalten hatte, wonach dieser ihn auf der Straße von Modonos nach Tirestunom treffen wollte. Und obwohl Datiban normalerweise ohne Bezahlung keinen Finger rührte, wäre er in diesem Fall schon allein aus reiner Neugierde um den halben Kontinent gereist. Nachdem er mit Saradur zusammengetroffen war, hatte dieser ihm unterwegs ohne große Umschweife erklärt, dass er ein paar „zuverlässige“ (also besonders skrupellose) „Personen“ (gemeint waren natürlich Verbrecher der übelsten Sorte) brauche, um drei Gefangene von Mithrien zu einem zentral gelegenen Stützpunkt in Obesien zu überführen, was ja wohl ein „ziemlich einfacher Auftrag“ sei (gewissermaßen ein Himmelfahrtskommando).

Datiban kannte einen Surdyrier, der in der Lage war, geeignete Männer für jeden Auftrag zu vermitteln. Saradurs Erstaunen hielt sich ziemlich in Grenzen, als der Ausgestoßene erwähnte, dass es sich um den „Blutwolf“, einen Vertrauten des Barons Schaddoch, handelte. Saradur kannte aus dem noch laufenden Geschäft den furchteinflößenden Vertrauten des Barons. Wenn man den Erzählungen jedoch glauben konnte, war Schaddoch selbst noch weitaus übler als der „Blutwolf“. Das „Phantom von Surdyrien“ hatte als Einziger eine Katastrophe auf hoher See überlebt, die das gesamte vormalige Königshaus Surdyriens dahingerafft hatte. Um ihn rankten sich zahlreiche Gerüchte und Legenden, allerdings keine guten. Als Einziger hatte er auf hoher See die Katastrophe überlebt, bei welcher der „Schwimmende Königspalast“ ausbrannte. Alle anderen Mitglieder der Königsfamilie fanden in den Flammen den Tod. Die Obesier verweigerten Schaddoch daraufhin die Besteigung des surdyrischen Throns. Sogar die heimlichen Besatzer des Landes sahen sich außerstande, gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung einen Königsmörder zu stützen. Daraufhin tauchte Schaddoch in den Untergrund ab und erwarb sich auf seinem mit Leichen gepflasterten Weg bald die wenig schmeichelhafte Bezeichnung als „Phantom von Surdyrien“. Obwohl ihm als Sohn des Königs der Titel eines Prinzen zugestanden hätte, verlangte er von seinen eigenen Gefolgsleuten die Anrede „Baron“. Böse Zungen behaupteten, damit wollte er von seiner Abstammung und Nähe zu dem ausgelöschten Königshaus ablenken. Jahrelang hatten ihn die Obrigkeiten von Surdyrien und Obesien gejagt, dabei aber immer wieder deftige Schlappen erlitten. Schaddoch hatte es zwar nicht geschafft, als König den Thron von Surdyrien zu besteigen; dafür war er zum unumschränkten König der Unterwelt aufgestiegen, bei dem alle Fäden des Verbrechertums in Surdyrien und Lumbur-Seyth zusammenliefen. Saradur sah ein, dass ohne eine Genehmigung Schaddochs sein Vorhaben nicht möglich sein würde. Er hatte es allerdings nicht gewagt, selbst unmittelbar Kontakt mit dem Geächteten aufzunehmen. Vor allem bereitete dem Sprecher Bauchgrimmen, dass es bei der Herstellung der Schnelllader, die er dem Baron noch schuldete, zu Verzögerungen gekommen war. Deshalb hatte er sich an Datiban gewandt.

In Dirtos angekommen sandte der Geächtete sogleich einen Boten zu dem „Blutwolf“ und ließ ihn wissen, dass ein zahlungskräftiger Kunde Unterstützung bei einer heiklen Mission benötigte. Bereits zwei Tage später ließ der Vertraute des Barons dem ausgestoßenen Priester einen Treffpunkt für eine Unterredung mit Saradur mitteilen. Etwas außerhalb der Stadt gab es eine große Wiese direkt am Quorl. Dort war es scheinbar unmöglich, beobachtet oder belauscht zu werden.

Quintora erschien es eine glückliche Fügung, dass gegenüber der noblen Herberge, in der Saradur und sein Begleiter abgestiegen waren, ein einfaches Gasthaus lag. Sie hatte dort ein Zimmer zur Straßenseite angemietet und hoffte, auf diese Weise das Kommen und Gehen der beiden Priester des Wissens im Auge behalten zu können. 

Auch von mehreren Tischen neben den Fenstern der Gaststube hatte man einen Blick auf den Eingang der gegenüber gelegenen Herberge. Quintora saß am zweiten Abend nach ihrer Ankunft an einem dieser Tische und war darauf konzentriert, den Herbergseingang auf der anderen Straßenseite zu beobachten. In der Schänke herrschte Hochbetrieb. Daher bemerkte die Eisgräfin nicht, wie sich eine ältere Frau unauffällig neben sie an den Tisch setzte. Als Quintora auf die Frau aufmerksam wurde, stellte sie sofort fest, dass deren schmuddelige Kleidung in einem gewissen Widerspruch zu ihrem ansonsten sauberen und gepflegten Äußeren stand. Noch bevor die Eisgräfin die Frau ansprechen konnte, zischte diese ihr leise zu:

„Ich habe eine Nachricht für Sie. Morgen, zwei Stunden nach Mittag, trifft Saradur zwei von Schaddochs Männern am Quorl, auf der großen Wiese unterhalb der Ruine von Zossidos. Sie werden der „Blutwolf“ und der „Skorpion“ genannt und sind die beiden engsten Vertrauten des Barons. Wenn Sie etwas über das Vorhaben Saradurs erfahren wollen, müssen Sie vom Ufer des Quorl aus an der Mauer zur Wiese hochklettern. Dort gibt es eine ausgebrochene Nische. Sie befindet sich unterhalb einer gut erhaltenen Bank etwa in der Mitte der Wiese. Dort pflegt der „Blutwolf“ solche Gespräche zu führen.“

Ehe Quintora noch eine Frage stellen konnte, glitt die Frau von ihrem Stuhl, huschte wieselflink durch die Gaststube und verschwand im bunten Gewimmel der Straße.

Obwohl das Treffen Saradurs mit Shrogotekh erst zwei Stunden nach Mittag stattfinden sollte, begab sich Quintora schon am frühen Morgen des folgenden Tages zu der Wiese von Zossidos, um die örtlichen Verhältnisse auszukundschaften. Offenbar hatte früher einmal ein beliebter Spazierweg an der Mauer oberhalb des Quorl entlanggeführt. Darauf deuteten zahlreiche Bänke neben der Mauer hin, die sich jedoch allesamt in einem ziemlich verwahrlosten Zustand befanden. Die Holzlatten waren teilweise angefault, die Steinfüße angebrochen und die gusseisernen Teile stark verrostet. Die Wiese selbst war ungepflegt und verwildert. Da die Gräser und Unkräuter aber nur kniehoch wuchsen, hatte man nach allen Seiten einen freien Blick. Im Hintergrund erstreckten sich über einen flachen, bewaldeten Hügel die verstreuten Trümmer von Zossidos, dem Jagdschloss der ehemaligen Könige.

Quintora hielt Ausschau nach der Bank, die ihr die Frau im Gasthaus beschrieben hatte. Bald fand sie eine halbwegs gut erhaltene Sitzgelegenheit, die etwa auf halbem Weg zwischen den Wäldern stand, die die Wiese begrenzten. Die Eisgräfin ging die wenigen Schritte zur Mauer und beugte sich über die Brüstung. Auf der Rückseite der etwa zwölf Meter hohen Mauer, die recht steil zum Quorl hinabfiel, waren rund zwei Meter unterhalb der Mauerkrone mehrere Steine aus der äußeren Schicht herausgebrochen. Dort konnte eine Person stehen und sich jedenfalls vor zufälligen Blicken verbergen. Quintora stieg über die Brüstung und kletterte vorsichtig zu der Nische hinab. Die Mauer bestand aus grob behauenen Steinen mit breiten Fugen und Absätzen. Daher konnte der Aufstieg auch von einem weniger geübten Kletterer ohne Hilfsmittel bewältigt werden. Für Quintora stellte sie keine ernst zu nehmende Herausforderung dar. Sie war die Tochter des Fürsten zu Sokut, der in einer Doppelburg residierte, die vom Volk als „Die Felsennester“ bezeichnet wurde. Eine tiefe Schlucht trennte die beiden Teile dieser Burganlage. Quintora hatte schon früh ihre Mutter verloren. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters war sie zu einem äußerst unternehmungslustigen Mädchen herangereift, das sich in ihren Vorlieben kaum von ihren beiden Brüdern unterschied. Sie nahm mit Eifer an Vergnügungen teil, die in behüteten Verhältnissen eher den jungen Männern vorbehalten waren. Dazu gehörten schwierige Kletterpartien ebenso wie Wettkämpfe mit Waffen. Bei mehreren Aufenthalten in Svoraven hatten die freundlichen Bewohner der Pfahlbauten begeistert festgestellt, dass Quintora ein Naturtalent war. Sie hatten ihr Reitkunststücke beigebracht, die nicht einmal die vielgerühmten Krieger von Zogh beherrschten. Ähnlich wie Octora wurde auch die Eisgräfin aus Sokut selbst in eingeschworenen Männerkreisen allein schon aufgrund ihrer Erscheinung und ihres Auftretens sofort ernst genommen. Mit ihrem burschikos kurz geschnittenen, blonden Haar, ihren sanftmütigen Gesichtszügen und der kleineren, etwas kräftigeren Figur unterschied sie sich jedoch äußerlich deutlich von der Eisgräfin aus Knoist und gab sich auch im Umgang wesentlich verträglicher als jene. 

Nachdem sich Quintora von der Geeignetheit des Verstecks überzeugt hatte, kletterte sie wie eine Katze bis zum Flussufer hinab. Am Boden angekommen sah sie nochmals zu der Nische hoch und prägte sich die Stelle genau ein. Anschließend kehrte sie zu Fuß zu ihrer Unterkunft in Dirtos zurück.

*

„Sie schon wieder?“, dröhnte Shrogotekh. „Wollen Sie noch mehr Minen kaufen? Oder sind Sie gekommen, um Ihre Schulden zu bezahlen?“

Der muskelbepackte Hüne mit dem vernarbten Gesicht war in Gegenwart eines Mannes erschienen, der für einen Surdyrier ungewöhnlich klein wirkte. Er hatte einen braunen Wuschelkopf, stechende Augen und die hektischen Bewegungen eines Mannes mit schlechtem Gewissen, der ständig auf der Hut und bereit ist, sich gegen überraschende Angriffe zur Wehr zu setzen.

„Das ist Wurluwux. Er wird „Skorpion“ genannt“, stellte Shrogotekh seinen Kumpan vor. „Also, was wollen Sie?“

Durch den unwirschen Ton des Räuberhauptmanns war Saradur gewarnt. Er wusste, dass der Kerl noch wesentlich gefährlicher war als er ohnehin schon aussah. Und dieser Wurluwux erinnerte ihn tatsächlich fatal an einen giftigen Skorpion. Daher versuchte Saradur, seine Gesprächspartner zu besänftigen:

„Zunächst einmal möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Herstellung der Waffen verstärkt wieder aufgenommen wurde. Wir hatten Probleme bei der Beschaffung …“

„Lassen Sie dieses Thema jetzt“, unterbrach ihn Shrogotekh hastig, wobei er Wurluwux kurz ansah und dann einen vielsagenden Blick zur Ufermauer warf. „Ich hatte gefragt, was Sie wollen.“

Saradur erkannte an dem merkwürdigen Verhalten des Räuberhauptmanns, dass es geschickter sein würde, sofort zum Kern seines Anliegens zu kommen: „Ich wollte Ihnen ein weiteres, lukratives Geschäft vorschlagen. Es geht um die Überführung dreier Gefangener von Mithrien nach Obesien.“

„Seit wann haben die friedfertigen Priester des Wissens Gefangene?“, fragte Shrogotekh herausfordernd.

Der Ordenssprecher wusste, dass er jetzt keinen Fehler begehen durfte. Schaddoch und seine Spießgesellen waren auf Obesien nicht besonders gut zu sprechen. Deshalb erklärte er vorsichtig: 

„Noch sind das Gefangene des Kollektivs von Obesien. Aber wir haben etwas mit ihnen vor. Ehrlich gesagt haben wir das Kollektiv über unsere wahren Absichten getäuscht, um die Zusage für die Übergabe der drei Mithrier zu erhalten. Aber das dürfte für Sie ja wohl kaum ein Hinderungsgrund sein.“ Shrogotekh grinste mit dem Charme eines blutrünstigen Wolfes, was seinem Tarnnamen alle Ehre machte: „Vielleicht könnte genau das der Grund sein, den Auftrag zu übernehmen. Was zahlen Sie?“

„Ich zahle hundert Goldstücke im Voraus und stelle die komplette Ausrüstung, die für die Reise benötigt wird“, kündigte der Ordenssprecher an. „Sobald die Gefangenen an ihrem Bestimmungsort abgeliefert werden, gibt es weitere tausend Goldstücke.“

Die beiden Männer sahen sich überrascht an. Sie hatten zwar für einen Auftrag von der zweithöchsten Stelle des Ordens mit einer fürstlichen Belohnung gerechnet, aber das hier war ein riesiges Vermögen. Und was als Gegenleistung verlangt wurde erschien keineswegs undurchführbar.

Saradur fügte hinzu: „Aber es wird erwartet, dass die Gefangenen lebend und in einwandfreiem Gesundheitszustand übergeben werden. Nur unter dieser Voraussetzung wird der zweite Teil der Belohnung ausgezahlt.“

Shrogotekh sah den Ordenssprecher und dann wieder Wurluwux an, wobei er feixend meinte: „Das scheint ein Auftrag zu sein, den wir selbst übernehmen sollten.“

„Für mich wäre das eine ganz besondere Beruhigung“, schmeichelte Saradur den beiden Räubern und holte ein prall gefülltes Säckchen unter seinem schwarzen Umhang mit dem roten Kreis hervor. Er schüttelte es leicht, sodass das Klimpern der Münzen zu hören war. Während er es Shrogotekh übergab, trat Wurluwux zwei Schritte zurück, beugte sich kurz über die Stützmauer und warf einen prüfenden Blick nach unten. 

Quintora hatte sich in der Mauernische festgeklammert und jedes Wort verstehen können, das Saradur mit seinen Gesprächspartnern wechselte. Dann durchzuckte sie jedoch ein eisiger Schreck, als über der Mauerbrüstung unversehens ein scharfkantiges Gesicht unter einem braunen Wuschelkopf erschien. Sie presste sich so eng wie möglich gegen die Mauer. Dabei hatte sie jedoch das Gefühl, dass die stechenden Augen des Mannes plötzlich kurz aufflackerten, als sich ihre Blicke kreuzten.

Die Eisgräfin war versucht, ihren Körper aus der Mauernische zu lösen und einen rasend schnellen Abstieg zu wagen. Aber ihr geschulter Verstand hielt den Körper zurück. Sie wäre während des Abstiegs ein hilfloses Ziel gewesen und hätte nicht einmal den „vernichtenden Blick“ einsetzen können. Deshalb klammerte sie sich weiterhin in der Nische fest und wartete darauf, dass nun gleich drei Köpfe über der Mauerbrüstung erscheinen würden. Aber nichts geschah.

„Wo sollen die Gefangenen abgeholt und wohin gebracht werden?“, hörte sie die Stimme des Mannes, dessen Gesicht sie soeben gesehen hatte.

„Die Gefangenen befinden sich am Rand der Einöde von Clampp“, erklärte Saradur. „Ich werde Ihnen eine Karte geben, auf der der genaue Ort eingezeichnet ist. Sie werden die Gefangenen zunächst nach Modonos in die Akademie der Priester des Wissens bringen, wo ich Sie erwarten werde. Dort werden Sie auch erfahren, wo sie dann anschließend abgeliefert werden müssen. Es ist ein abgelegener Ort mitten in Nord-Obesien.“

„Wann sollen wir aufbrechen?“, fragte Wurluwux.

„So schnell wie es Ihnen möglich ist“, antwortete Saradur.

„Übermorgen“, bestimmte Shrogotekh. „Wir treffen uns bei Sonnenaufgang am Eingang der Gärten von Sedelares. Das ist in der Nähe des Stadtrandes, an der Straße nach Albiros.“

Die Stimmen waren verstummt. Quintora blieb noch zehn Minuten in ihrem Versteck ehe sie mit dem Abstieg begann. Sie hatte die ganze Zeit über das Flussufer im Auge behalten. Aber auch dort hatte sich nichts Verdächtiges geregt. Unbehelligt erreichte sie ihre Unterkunft und wunderte sich anschließend noch tagelang darüber, dass dieser Kerl namens Wurluwux keinen Alarm geschlagen hatte. Sie war ziemlich sicher, dass er sie entdeckt hatte.

Nach der Rückkehr in das Gasthaus fasste Quintora den Entschluss, sich an die Fersen der beiden Briganten zu heften, anstatt Saradur zu folgen. Der Ordenssprecher hatte wahrscheinlich die Absicht, in die Akademie von Modonos zurückzureiten. Ihr erschien es jedoch wesentlich wichtiger, etwas über das Schicksal ihrer drei gefangenen Landsleute in Erfahrung zu bringen. Und wieso hatten sich Obesier in der unwirtlichen Einöde von Clampp, tief in Mithrien, eingenistet? Unwillkürlich dachte die Eisgräfin an die Geschichte Unitors von den verschwundenen Bewohnern des Dorfes Sanh.

Am übernächsten Tag versteckte sich die Eisgräfin aus Sokut rechtzeitig vor Sonnenaufgang in dem kleinen Wäldchen gegenüber dem Eingang der Gärten von Sedelares. Es handelte sich um den wohl schönsten Ort in Dirtos. Am Vortag hatte sie die Umgebung des Parks und Versteckmöglichkeiten erkundet. Danach nutzte sie die Gelegenheit, um sich die Gärten anzusehen, die den Erzählungen nach zweihundert Jahre zuvor von einer Prinzessin hier im gemäßigten Klima Surdyriens angelegt worden waren. Die Anlage bestand aus vielen, durch höhenversetzte Stützmauern voneinander abgegrenzte Kleingärten. Die im unteren Teil mit Mörtel verfugten Mauern hatte man im oberen Drittel als Trockenmauern ausgebildet, sodass aus den Ritzen Hängepflanzen hervorsprießten. Darüber thronten vor allem Büsche mit großen, farbenprächtigen Blüten sowie Rosen, die einen betörenden Duft verströmten. Einige der Gärten waren aber auch mit zierlichen, kleinen Stauden bepflanzt, deren filigrane Blüten durchweg sehr eigenwillige Formen aufwiesen. Auf Menschen aus dem kargen Norden, die nur in der kurzen Zeit des Frühlings und Sommers gelegentlich die Blüten einfacher Wildblumen sahen, übten derart üppige und außergewöhnliche Parkanlagen eine ganz besondere Faszination aus.

Quintora versuchte, die wunderschönen Blüten vor ihr geistiges Auge zurückzuholen und den Duft der Gärten zu erspüren. Schon wenig später tauchten in der Nähe des aus Schmiedeeisen aufwändig gearbeiteten Gartentores Saradur, Shrogotekh und Wurluwux auf. Beruhigend tätschelte die Eisgräfin ihrer kleinen Bergpferd-Stute Tostassa den Hals, nachdem sie bemerkt hatte, dass das Tier ein wenig unruhig geworden war.

Saradur übergab den beiden anderen Männern verschiedene Gegenstände, unter anderem auch zwei in Lederhüllen eingerollte Dokumente. Nach einer kurzen Unterredung trennten sich die drei wieder. Während der Ordenssprecher nach Dirtos zurück ritt, schlugen Shrogotekh und Wurluwux den Weg in Richtung Albiros ein. Quintora folgte ihnen in sicherem Abstand. Fünf Meilen hinter der Stadt nahmen die Männer Schaddochs eine Abzweigung nach rechts. Damit hatte Quintora gerechnet, weil die Straße über Bondras und Tirestunom der kürzeste Weg nach Mithrien war. Sie vergrößerte nun nochmals ihren Abstand, obwohl sie auf der belebten Straße zum Grenzübergang nach Obesien ohnehin kaum aufgefallen wäre.

Nach rund dreistündigem Ritt lenkten die beiden Männer ihre Pferde kurz hinter einer Herberge am Wegesrand in eine kleine Talsenke. Dort stiegen sie ab, setzten sich auf einen Felsbrocken, tranken aus ihren ledernen Wasserflaschen und warteten.

Quintora hatte sich währenddessen in gebührender Entfernung am Rand des kleinen Talkessels versteckt. Eine halbe Stunde später erschien ein einzelner, riesiger Reiter auf dem Hang jenseits der Senke. Die beiden Gefolgsleute Schaddochs sprangen auf und gingen ihm entgegen, während er abstieg und sein Pferd an einem Baum festband. Selbst den vierschrötigen Shrogotekh überragte der Ankömmling um mehr als einen Kopf. Quintora erkannte, dass er einen mächtigen Schädel mit einer fliehenden Stirn hatte – eindeutig ein Ureinwohner aus Lumburia. Die drei Männer umarmten sich, und Quintora hatte den Eindruck, dass sich der Lumburier besondere Mühe gab, die beiden anderen nicht zu zerquetschen.

Nach einer kurzen Unterredung holten Shrogotekh und Wurluwux ihre Pferde und ritten gemeinsam mit dem Lumburier davon. Quintora folgte ihnen. Sie hatte angenommen, dass die drei den Grenzübergang Bondras benutzen würden. Stattdessen bogen sie bereits vorher nach Norden ab und bewegten sich dabei weiterhin innerhalb der Landesgrenzen Surdyriens. Hinter den Hügeln von Groch überschritten sie die Grenze nach Gatya. Auf einem alten Handelsweg, der von Dirtos nach Gatas führte, bewegte sich die kleine Gruppe weiter nach Norden. Ihr vorläufiges Ziel war nach Quintoras Einschätzung die Straße von Gatas nach Kerdaris in Mithrien. Dort konnte man auf einer Steinbrücke bequem den großen Grenzfluss Garth zwischen Gatya und Mithrien überqueren. 

Im Süden Gatyas wurde das Landschaftsbild von ausgedehnten, hügeligen Nadelbaumwäldern und vielen Seen geprägt. Quintora hatte keine Mühe, den drei Männern auf den Fersen zu bleiben. Da sie deren Ziel kannte, hielt sie sich die meiste Zeit außer Sichtweite.

Vier Tage vergingen bevor sie die Straße nach Kerdaris kurz vor dem Garth erreichten. Je weiter sie in den Norden vordrangen desto kühler wurden die Temperaturen. Bisher waren sie aber von Schnee verschont geblieben. Es schien, als habe der Winter eine Pause eingelegt. Quintora hatte sich für ihr Nachtlager das Ufer eines kleinen Sees ausgewählt, wo sie sich zwischen einigen Büschen in ihre Felldecke wickelte und nach dem langen Ritt genüsslich ausstreckte. Tostassa machte es sich daneben unter einer ausladenden Kiefer bequem. Die Nacht senkte sich herab, und Quintora fiel in einen tiefen Schlaf. Die verwaschene Sichel des Mondes und die Sterne des Nordens wurden zumeist von den langsam vorbeiziehenden Wolken verdeckt.

In der nahezu vollkommenen Dunkelheit zwei Stunden nach Mitternacht bewegte sich eine massige, menschliche Gestalt mit traumwandlerischer Sicherheit wie eine Schlange durch das Unterholz. Selbst Tostassa bemerkte nicht das herannahende Unheil.

Quintora erwachte als sie eine riesige Pranke auf ihrem Gesicht spürte. Sie versuchte, sich in die Höhe zu stemmen, aber ein dicker, muskelbepackter Arm nagelte sie auf dem weichen Waldboden fest. Eine bodenlose Schwärze verhinderte die Anwendung des „vernichtenden Blicks“ und erstickte das Bewusstsein der Eisgräfin.

*

Gylbax XII. hielt seine letzte Audienz im Thronsaal von Doinat ab. In den nächsten Tagen sollte der Umzug – oder wie Gylbax sich auszudrücken beliebte: die Heimkehr der Hochkönige – nach Zitaxon erfolgen.

Gylbax freute sich bereits, dass die lästige Audienz-Pflicht für diesen Tag endlich erledigt war. Aber er hatte sich zu früh gefreut. Ein letztes Mal erschien der Herold, klopfte mit der Standarte zweimal auf den Boden und meldete die Besucherin an, die sich ganz bewusst an das Ende der Audienzliste hatte setzen lassen.

In der Tür des Thronsaals erschien eine Frau in einem blassgelben Gewand mit einer farbenprächtigen Orchidee im Haar und einem zierlichen, weißhäutigen Mädchen an der Hand. Die Augen des Mädchens waren verbunden.

„Baradia aus Oot. Mit einer Dienerin“, verkündete der Herold.

Gylbax gab Baradia gönnerhaft das Zeichen, dass sie sich nähern durfte.

„Tragt Seiner Hohen Majestät, dem jüngsten Spross des göttlichen Geschlechts derer von Zitaxon, Hochkönig Gylbax XII., Beschützer des Volkes von Sindra und der Südlichen Hemisphäre, Euer Gesuch vor!“, verlangte der Herold laut mit seiner volltönenden Stimme entsprechend den protokollarischen Vorschriften. Seine Deklamation wurde erneut begleitet vom Aufklopfen seines goldenen Stabes mit der Standarte von Sindra.

Gylbax musterte die Besucherin und sagte dann lächelnd: „Er meint, dass Ihr mir sagen sollt, was Ihr von mir wünscht.“

Nun schenkte auch Baradia ihm ihr süßestes Lächeln: „Vielen Dank, Hohe Majestät, dass Ihr mich empfangt. Ich möchte dem größten Herrscher des Kontinents ein Bündnis vorschlagen.“

„Dann seid Ihr hier am falschen Ort. Ich bin nicht der größte Herrscher des Kontinents“, stellte Gylbax klar.

„Vielleicht noch nicht“, entgegnete Baradia mit einer seltsamen Betonung. „Ich würde Euch aber gerne helfen, es zu werden.“

„Wie wollt Ihr das anstellen? Aber vor allen Dingen: Was hättet Ihr davon?“, erkundigte sich Gylbax.

„Einen mächtigen Verbündeten, der mich gegen meine Feinde beschützt“, erwiderte Baradia. „Ich strebe nicht nach Macht, nur nach Liebe. Mir reicht es, wenn ich in Oot gute Werke vollbringen kann. Aber es gibt immer wieder böse Menschen, die das zu verhindern suchen.“

Langsam wurde Gylbax ungeduldig. Er hätte nun gerne schnell diesen anstrengenden Audienzvormittag hinter sich gebracht.

„Kommt zur Sache!“, forderte er Baradia auf. „Was habt Ihr mir zu bieten?“

„Ich will Euch nicht mit Worten, sondern mit Beweisen überzeugen“, erklärte die Priesterin aus Oot mit völlig verändertem Gesichtsausdruck und klirrender Stimme. „Dafür muss ich allerdings für einen kurzen Augenblick meinem Streben nach Güte entsagen.“ Unvermittelt hielt sie ein langes Messer mit einer rötlich schimmernden Klinge in der Hand. Neben dem Hochkönig gab es eine schattenhafte Bewegung. Die beiden Leibwächter, die eben noch wie angewurzelt weit im Hintergrund des Saales gestanden hatten, standen nun plötzlich mit erhobenen und auf Baradia gerichteten Speeren vor ihrem Gebieter.

Auf Baradias Gesicht erschien ein wissendes und zufriedenes Lächeln. Dann durchbohrte sie mit dem Messer die Brust ihrer schmächtigen Dienerin. Als sie das Messer mit einer schnellen Bewegung wieder aus dem Körper des Kindes herauszog, ergoss sich ein Schwall von Blut auf den schwarz polierten Marmorbelag. Leblos sank das Kind zu Boden. Aus dem Beutel, der dem Mädchen aus der Hand gefallen war, zog Baradia ein Tuch hervor und wischte die Messerklinge damit ab. Dann ließ sie den Dolch schnell wieder unter ihrem Gewand verschwinden.

Die beiden Leibwächter erkannten, dass keine unmittelbare Gefahr für ihren Herrscher drohte. Sie ließen ihre Speere sinken und traten zwei Schritte zur Seite, damit Gylbax das Ergebnis der schrecklichen Bluttat sehen konnte. Baradia machte eine einladende Handbewegung in Richtung des Hochkönigs:

„Überzeugt Euch bitte davon, dass sie tot ist. Danach werde ich sie wieder zum Leben erwecken.“ Sie trat einige Schritte beiseite, um dem Hochkönig nicht das Gefühl zu geben, sie könne ihn gefährden.

„Wenn Ihr mir hier eine Komödie vorspielt, werde ich das Gleiche mit Euch machen, was Ihr dem Kind angetan habt“, drohte Gylbax. Dann erhob er sich von seinem Knochenthron, ging zu dem in einer großen Blutlache am Boden liegenden Mädchen und überzeugte sich davon, dass es keine Anzeichen von Leben mehr zeigte. Er warf seinen beiden Leibwächtern einen kurzen Blick zu. Sie nickten bestätigend.

Gylbax schüttelte verständnislos den Kopf und kehrte zu seinem Thron zurück. Baradia zog unterdessen ein seltsames Instrument mit einem kleinen Flüssigkeitsbehälter und einer langen Nadel aus dem Stoffbeutel, der dem Mädchen aus der Hand gefallen war. Sie beugte sich über die Tote und stieß dem Leichnam die Nadel in den Hals. Anschließend presste sie mit Hilfe eines an dem Metallkolben seitlich befestigten Schiebers den Inhalt des Behältnisses in den Körper des Kindes. Wortlos stand sie danach auf und blieb neben dem ausgestreckten Leichnam stehen. Schon nach wenigen Minuten ging mit dem Körper eine seltsame Veränderung vor. Arme und Beine bewegten sich unmerklich.

Als Gylbax schnell hinzutrat, konnte er erkennen wie sich die hässliche Wunde in der Brust des Mädchens langsam zu schließen begann. Dann hob das Kind den Kopf, setzte sich auf und lächelte.

Gylbax war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Er starrte Baradia nur verblüfft mit seinen großen, dunklen Augen an.

„Das ist keine Zauberei“, sagte sie ruhig. „Die Priester des Wissens haben seit Jahrhunderten Heilmittel aus Pflanzen gewonnen. Bisher hatte uns nur noch die Möglichkeit gefehlt, sie auch auf tote Organismen anwenden zu können. Wir sind immer noch nicht in der Lage, Lebewesen wiederzuerwecken, die nach dem vollständigen Verbrauch ihrer Lebenskräfte verstorben sind. Aber das Elixier wirkt, wenn ein gewaltsam unterbrochenes Leben wiederhergestellt werden soll.“

Der Hochkönig war überwältigt.

„Könnt Ihr einen Menschen wiedererwecken, der an der Roten Pest gestorben ist?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Wenn Krankheiten wie auch die Rote Pest langsam die Lebenskräfte aus einem Menschen herausgesaugt haben, wirkt das Mittel nicht“, bedauerte Baradia. „Aber ich habe ohnehin an etwas völlig anderes gedacht.“ Baradia sah den Hochkönig erwartungsvoll an. Aber da dieser anscheinend keine Vorstellung von ihrer Idee hatte, sprach sie sie selbst aus: „Die Schatten der Pylax.“

Die beiden Leibwächter, die eben noch steif und völlig unbeteiligt neben dem Hochkönig gestanden hatten, schienen plötzlich zum Leben zu erwachen. Ihre Hände und ihre Gesichter begannen zu zucken. Das Gesicht des Hochkönigs verfinsterte sich dagegen.

„Die Schatten der Pylax sind nur eine Legende“, behauptete er. „Und auch die Pylax selbst gibt es nicht mehr.“

„Und wie bezeichnet Ihr Eure beiden Leibwächter?“, fragte Baradia forsch. „Ich bin wahrscheinlich Eure beste, ehrlichste und wichtigste Verbündete. Mich könnt Ihr nicht täuschen. Und nur mit meiner Hilfe kann Sindra eine Stärke erlangen, von der nicht einmal die alten Hochkönige zu träumen wagten. Ihr sagt, die Schatten der Pylax seien eine Legende. Helft mir, die Legende zum Leben zu erwecken. Dann werdet Ihr nicht nur der Hochkönig von Sindra sein, sondern der Hochkönig des gesamten Kontinents.“

Gylbax sah nachdenklich auf seine Hände. Dann hob er wieder den Kopf. Baradia erkannte das gierige Funkeln in seinen dunklen Augen. Da wusste sie, dass keine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Nur seine Tarnung war gefallen. Und seine Entscheidung.

„Gehen wir nach Yacudac!“, verkündete er entschlossen mit fester Stimme.

*

Das Maar von Yacudac, ein mit Wasser gefüllter, riesiger Vulkankrater, lag drei Tagesmärsche von der Grenze zu Lumburia entfernt mitten in der Provinz Yacudac. Dort hatten der Sage nach die von lumburischen Ureinwohnern vertriebenen Pylax ihre letzte Zuflucht gefunden. Das Wissen über den Ursprung der Pylax war verloren gegangen. Nach ihrem gescheiterten Versuch, in die Regenwälder Lumburias vorzudringen, hatten sie sich mit den Hochkönigen von Sindra verbündet. Unter deren Herrschaft wurde nach und nach der tropische Regenwald von Yacudac gerodet und die lumburischen Ureinwohner in den Norden abgedrängt.

Im Zentrum der Provinz, rund um das Maar von Yacudac, hatte sich der Wald mittlerweile wieder erholt. Ein breiter Streifen um diese grüne Insel wurde aber auch später immer wieder abgeholzt. Dadurch hatte sich im Laufe der Zeit ein Sandgürtel gebildet, der das Land vor Übergriffen aus Lumburia schützen sollte.

Die Waldinsel von Yacudac, wie der Dschungel rund um das Maar nunmehr genannt wurde, hatte sich zu einem Heiligtum und einer Begräbnisstätte der Pylax entwickelt. Seither durften normale Sindrier und Fremde die Waldinsel nicht mehr betreten. Ausnahmen galten nur für den Hochkönig selbst sowie für Personen, die ihn begleiteten.

Nachdem Baradia mit ihrer kleinen Dienerin und Gylbax mit seinen beiden Leibwächtern den Sandgürtel hinter sich gelassen und die Waldinsel erreicht hatten, wurden sie von zwei großen, dünnen Männern in Empfang genommen. Offensichtlich handelte es sich um Pylax. Der Hochkönig unterhielt sich so leise mit den beiden, dass Baradia nichts verstehen konnte. Anschließend führten die beiden Bewohner von Yacudac die kleine Gruppe der Ankömmlinge auf einem schmalen Fußpfad bis zu dem parabelförmigen Wulst des ehemaligen Vulkankegels, der einen großen Teil des Maares umschloss. Nach Südwesten hin öffnete er sich, und dort ging das Maar in ein Moor über. Während der See gleichsam einem Smaragd in der Sonne glänzte, hatte der Sumpf eine trübe, schwarzbraune Färbung.

Wie Baradia bereits erwartet hatte, führten die Pylax sie nicht zu dem See, sondern zu dem Moor. Aus der Nähe betrachtet war der schlammige, schwarzbraune Untergrund größtenteils von kristallklarem, knöcheltiefem Wasser bedeckt, das einen säuerlichen Geruch verströmte. Dazwischen lagen viele mit Moos und Rietgras überzogene Inselchen.

Gylbax gab den beiden Pylax-Führern ein Zeichen. Behutsam tasteten sie sich daraufhin durch den Morast in das Moor vor und begannen, mit ihren Händen eine der kleinen Erhebungen aufzugraben. Schon kurze Zeit später kam eine menschliche Hand zum Vorschein. Nunmehr gruben die Pylax schneller und förderten bald eine Leiche zutage. Der Tote sah aus als sei er gerade erst verstorben. Baradia konnte erkennen, dass in seiner Brust eine klaffende Wunde vernäht worden war. Es handelte sich zweifellos um einen im Kampf gefallenen Pylax.

Die beiden Führer trugen den steifen Körper aus dem Sumpf und legten ihn vorsichtig neben dem Moor ab.

„Wenn ein Pylax stirbt, zerkaut er eine Kapsel mit einem lähmenden Gift, die in seinem Gebiss versteckt ist. Das Gift konserviert seinen Körper, sodass das Moor ihm nichts anhaben kann“, erklärte Gylbax. „Die Pylax flößen auch bereits Verstorbenen dieses Gift ein. Sie glauben an die Wiedererweckung der Toten. Und wie es scheint, bestätigt sich dieser Glaube jetzt.“

„Zumindest teilweise“, schränkte Baradia ein. „Nur für die im Kampf gestorbenen Toten.“

Baradia kniete neben der Leiche nieder und ließ sich von ihrer Dienerin das Instrument mit der Flüssigkeit geben. Dann schob sie die Nadel langsam in den Hals des Toten. Unter den vier Pylax verbreitete sich eine gewisse Unruhe, während Gylbax erwartungsvoll darauf hoffte, dass der tote Pylax zum Leben erweckt würde. Tatsächlich schloss sich langsam seine Brustwunde und die Haut nahm allmählich wieder die natürliche gelbbraune Färbung der Sindrier an. Aber der Leichnam bewegte sich nicht. 

Enttäuscht sah Gylbax auf Baradia hinab, die nun aus dem Beutel ihrer Dienerin einen kleinen Holzkasten mit eingelassenem Metallgeflecht hervorkramte.

„Für die Wiederbelebung eines Gehirns, das zu lange tot und nicht durchblutet war, reicht das Elixier allein nicht aus. Aber dafür gibt es eine andere Hilfe“, erklärte Baradia und öffnete den kleinen Holzkasten. Gylbax erkannte in dem Kästchen ein schwarzes, raupenförmiges Insekt, das den toten Pylax anglotzte. Nach wenigen Minuten begann dieser, sich plötzlich zu regen. 

Der Hochkönig und Baradia wechselten einen Blick. Beide wussten, was geschehen würde. Soeben war ein erster, unmerklicher Hauch entfacht worden, der sich anschickte, langsam zu einem kräftigen Wind anzuschwellen. Am Ende würde ein verheerender Sturm über den gesamten Kontinent hinwegfegen.

Die vier anderen Pylax fielen auf die Knie, reckten die Arme gen Himmel und stimmten einen monotonen Gesang an. Währenddessen setzte sich der Wiedererweckte langsam auf und schaute mit verwunderten Augen die ihn umgebenden Personen an. Baradia schlug den Deckel des Holzkästchens wieder zu und verstaute es in dem Beutel, den sie ihrer kleinen Begleiterin zuschob.

In der allgemeinen Euphorie ging völlig unter, dass die vermeintliche Dienerin Baradias ihre Augenbinde abgenommen hatte und die seltsame Szenerie durch die schwarzen Sehschlitze ihrer fremdartig gelben Augen in sich aufnahm.




Kapitel 2 – Das Elektral

Es war bereits das vierte Elektral, das der Berater leitete. Aber diesmal lief alles anders.

Der Elektral-Saal befand sich im Untergeschoß des Palasts der Flammen. Am eigentlichen Wahlritual durften traditionell nur der Berater, der Verwalter, die Oberste Strategin sowie die jeweiligen drei Wahlberechtigten der Länder und ein Vertreter der Eisgrafen teilnehmen. Unitor war als Vertreter der Eisgrafen erschienen, aber der Platz des Verwalters blieb leer.

An der Stirnseite des Saales nahmen die Wahlberechtigten hinter den großen Wappenschilden Aufstellung. Entsprechend der geographischen Lage gruppierten sich auf der linken Seite die Vertreter Gatyas, in der Mitte die Vertreter Mithriens und rechts die Vertreter von Zogh. Dieses Mal stand aber lediglich Tansil-Orondinur auf der linken Seite hinter einem der drei Wappenschilde, der ihm bis zur Brust reichte. Er zeigte ein großes „G“ mit den Symbolen der beiden Eisbäume Gatyas. Die Plätze an seiner Seite waren nicht besetzt. Dort standen nur die Schilde der beiden fehlenden Mitglieder des Trios der Weisen. Die Schilde der drei Vertreter Mithriens, nämlich der Fürsten zu Drinh, Marandia und Sokut, zeigten ein großes „M“, in dessen beiden unteren Schenkel je zwei Eisbäume und im mittleren der große Eisbaum von Drinh dargestellt waren. Auf der rechten Seite standen der Herzog der Höhlen, die Königin von Zogh und der Marschall von Sandammon und Sokul mit ihren Schilden, die das große „Z“ mit den Eisbäumen von Knoist und Tidoa links und rechts der Schrägachse des Buchstabens aufwiesen.

Nachdem der Berater das Elektral eröffnet hatte, trat Octora vor und bestätigte, dass sie bei dem gemeinsamen Beschluss des Trios der Weisen von Gatya zugegen war und diesen bezeugen werde.

Sodann befragte der Berater die Versammlung nach Wahlvorschlägen. Traditionell durften die Vertreter aus Zogh sich zuerst äußern, da sie das kleinste Land repräsentierten. Der Marschall von Sandammon und Sokul trat vor und erklärte feierlich:

„Ich schlage Arthania, die Königin von Zogh und Herrscherin der östlichen Hochebenen, zugleich Schirmherrin der Höhlen, der Sümpfe und der südlichen Gefilde, als beste Wahl zur Hüterin der Flammen vor.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann fragte der Berater dem alten Zeremoniell entsprechend: „Gibt es einen Gegenvorschlag aus Gatya?“ 

„Gatya enthält sich“, verkündete Tansil-Orondinur mit fester Stimme, ohne vorzutreten.

„Gibt es einen Gegenvorschlag aus Mithrien?“, fragte der Berater weiter.

Daraufhin trat Fürst Horgat zu Sokut vor und erklärte: „Ich schlage Zallux, Fürst zu Drinh, Spross einer ununterbrochenen Ahnenreihe, die bis auf den großen Gundur zu Drinh, den ersten Hüter der Flammen, zurückgeht, als beste Wahl zum Hüter der Flammen vor.“

Es trat eine kurze, unbehagliche Stille ein. Dann fragte der Fürst zu Sokut: „Darf ich etwas hinzufügen?“

„Das ist nach dem Ritual nicht vorgesehen“, stellte der Berater klar. „Aber das Ritual dient dazu, die anderen Kandidaten zu schützen. Deshalb werde ich Euch das Wort erteilen, falls die Königin von Zogh zustimmt.“

„Die Königin von Zogh möchte hören, was der Fürst zu Sokut zu sagen hat“, antwortete Arthania den förmlichen Gebräuchen entsprechend. Daher ergriff Horgat zu Sokut erneut das Wort:

„Der letzte Hüter der Flammen wurde ermordet. Wir befinden uns in einer außergewöhnlich schwierigen Zeit und haben offenbar mächtige Feinde. Die Fürsten von Mithrien sind der Meinung, dass im Angesicht einer derartigen Bedrohung unser Volk verzagt wäre, wenn die Wahl auf eine Frau fiele. In Mithrien und Gatya werden gewisse Dinge anders wahrgenommen als in Zogh.“

Als er das Stirnrunzeln Arthanias bemerkte, fügte er schnell – in völliger Missachtung des Rituals – hinzu: „Obgleich ich persönlich glaube, dass die Königin von Zogh stärker ist als jeder andere in diesem Saal.“

Ein langes Schweigen trat ein. Jeder hing seinen Gedanken nach. Arthania warf dem Fürsten zu Marandia einen resignierten Blick zu. Aber er vermied es, sie anzusehen. Arthania wusste, dass Taldin zu Marandia eine ganz besondere Schwäche für sie hatte. Genau deshalb würde er nicht sie, sondern Zallux wählen. Das Amt des Hüters war äußerst gefährlich geworden, und Taldin wollte Arthania schützen. Aber lag er damit richtig?

Auf den Gesichtern der beiden anderen Vertreter aus Zogh stand Enttäuschung geschrieben. Sie hegten nicht den geringsten Zweifel, dass gerade in dieser Situation Arthania die Richtige gewesen wäre.

„Lasst uns zur Abstimmung schreiten“, sagte der Berater. „Oder gibt es noch Wortmeldungen?“ Das war nicht der Fall.

Als Tansil-Orondinur nun vortrat, nahm eine Ironie des Schicksals ihren Lauf. Niemand in den Vereinten Nordlanden und am allerwenigsten dieser überaus weise Mann selbst ahnte, dass er als Totengräber der nördlichen Allianz in die Annalen eingehen würde.

„Ich wurde als Sprecher des Trios der Weisen von Gatya bestimmt, diesem Elektral mitzuteilen, dass von den Wahlberechtigten aus Gatya keine Stimme abgegeben wird. Die Oberste Strategin wird bezeugen, dass dieser Beschluss ordnungsgemäß in ihrer Anwesenheit gefasst wurde.“

Octora trat vor. „So ist es“, bestätigte sie. Innerlich bedauerte sie jedoch, dies sagen zu müssen. Anschließend traten nacheinander alle drei Vertreter Mithriens vor und erklärten, dass sie für die Wahl von Zallux zu Drinh zum neuen Hüter der Flammen stimmten. Dann gab der Herzog der Höhlen erwartungsgemäß Arthania seine Stimme, wobei ein nicht zu überhörender, grimmiger Unterton mitschwang. Alle Blicke richteten sich nun auf Arthania.

„Die Königin von Zogh enthält sich der Stimme“, erklärte sie gepresst.

„Damit ist die Wahl entschieden“, proklamierte der Berater. „Der Fürst zu Drinh verliert alle bisherigen Titel und Ländereien. Er ist der neue Hüter der Flammen.“

Die aristokratischen Gesichtszüge des Herzogs der Höhlen verzerrten sich kurzzeitig zu einer wütenden Grimasse. Nach dem Verlust seines Sohnes empfand er auch diese Wahlniederlage als Schicksalsschlag. Aber dass sich das Schicksal gerade anschickte, ihm den nächsten Streich zu spielen, hätte sich Torrgarath in diesem Augenblick nicht vorstellen können. Vielleicht hätte er höhnisch gelacht, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er in nicht allzu ferner Zukunft als der letzte Verfechter der Vereinten Nordlande an der Seite des Mannes stehen würde, dessen Wahl er so sehr missbilligte. 

*

Quintora erwachte und erschrak sofort. Ihre Hände waren gefesselt und ihre Augen verbunden.

„Die Eisgräfin ist aufgewacht“, dröhnte es durch die Stille.

Quintora hörte die Schritte eines Mannes, dann eine Stimme, die weitaus weniger laut, aber genauso tief klang:

„Wenn Sie mir versprechen, uns nicht anzugreifen, bevor wir Ihnen alles erklärt haben, werde ich Ihnen die Fesseln und die Augenbinde abnehmen.“ Es war eindeutig die Stimme des Schurken Shrogotekh.

Quintora brauchte nicht lange zu überlegen. Es handelte sich um ein Angebot, das sie in ihrer jetzigen Lage nicht ausschlagen konnte, und ihr dennoch alle Möglichkeiten offen zu lassen schien.

„Ich verspreche es.“ Trotz des Zugeständnisses war der abweisende Ton in der Stimme der Eisgräfin unüberhörbar.

Nachdem ihr der „Blutwolf“ die Augenbinde entfernt hatte, sah sie in sein großflächiges, vernarbtes Gesicht. Etwa drei Schritte zu ihrer Linken saß der riesige Lumburier und schaute sie neugierig an. Der dritte Mann fehlte.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie überfallen und auf diese Weise misshandelt habe. Aber wir sahen keine andere Möglichkeit, um ohne Komplikationen mit Ihnen ins Gespräch zu kommen“, erklärte der Ureinwohner, nunmehr mit gesenkter Lautstärke.

Quintora massierte ihre Handgelenke. Sie saßen am Waldrand. In einiger Entfernung verlief die Straße nach Kerdaris, und dahinter erstreckte sich die Landschaft felsig und offen bis zum Horizont. Quintora schätzte, dass es später Vormittag war. Der Himmel dräute wolkenverhangen, und von Norden blies ein eisiger Wind.

„Komm raus, Wurluwux!“, dröhnte der Lumburier. „Es macht keinen Sinn, wenn die Eisgräfin uns nicht vertraut.“ Zögernd trat der Angesprochene hinter einem etwa dreißig Meter entfernten Baum hervor und schlich wie ein ertappter Dieb zu den anderen.

„Sie haben mich in Dirtos gesehen, als Sie am Ufer des Quorl mit Saradur verhandelt haben“, sprach Quintora ihn an. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Wir haben sowieso gewusst, dass Sie dort sind“, entgegnete Wurluwux. „Bei der Frau, die Ihnen im Gasthaus den Treffpunkt verraten hat, handelte es sich um eine Vertraute des Barons.“

„Schaddoch?“, fragte die Eisgräfin mit ungläubigem Erstaunen. „Aber Sie gehören doch auch zu seinen Kreaturen.“

„Das ist eine sehr bösartige Formulierung“, rüffelte Shrogotekh. „Wir sind Freunde des Barons.“

„Er ist ein Verbrecher“, beharrte Quintora. „Demnach seid ihr seine Verbrecherfreunde. Wieso wollte er, dass ich Kenntnis von eurem Auftrag erlange?“

„Nein, er ist kein Verbrecher“, widersprach Wurluwux, und in seine stechenden Augen trat ein fanatisches Leuchten. „Er ist unsere einzige Hoffnung. Die Hoffnung Surdyriens.“

„Schaddoch?“, wiederholte Quintora, wobei diesmal ihre Belustigung das Erstaunen deutlich zu übertreffen schien.

„Ja, Baron Schaddoch“, bekräftigte Wurluwux unerschütterlich. „Er gehört einem uralten Adelsgeschlecht Surdyriens an. Die Obesier fürchteten seinen Vater, der sich ihnen widersetzt hatte, so sehr, dass sie seine ganze Familie ausgelöscht haben. Baron Schaddoch hat als Einziger überlebt und konnte entkommen. Er ist untergetaucht und gilt als Herr der Unterwelt. Aber in Wahrheit hat er dieses Schattenimperium nur aufgebaut, um die Obesier zu bekämpfen.“

„Und was hat der hier damit zu tun? Ist der auch ein tapferer Mitstreiter dieses Schattenimperiums?“, fragte Quintora und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Lumburiers.

„Der hier kann sprechen“, donnerte der Ureinwohner. „Und das sogar in Ihrer Sprache, wie Sie vorhin bei gehöriger Aufmerksamkeit vielleicht bemerkt hätten. Wenn Sie etwas von mir wissen wollen, können Sie mich also genausogut selbst ansprechen.“

Quintora ließ sich jedoch nicht beeindrucken und funkelte ihn böse an:

„Ausgerechnet Sie wollen mich maßregeln? Sind Sie nicht derjenige, der geflissentlich übersehen hat, dass dieses Ding da…“ und damit zeigte sie auf sich selbst „…Beine hat, die es kraft eigenen Willens bewegen kann? Also: Warum haben Sie mich betäubt und hierher verschleppt?“

Der Zorn des riesigen Ureinwohners war schlagartig verraucht. Verlegen schaute er vor sich auf den Boden und sagte dann mit ungewöhnlich sanfter Stimme:

„Es tut mir leid. Ich stehe in Ihrer Schuld. Ich gehöre zu einem Volk, das auf dem ganzen Kontinent außer in Lumburia ausgerottet wurde. Deshalb sind wir heute in der Wahl unserer Mittel nicht mehr so gewissenhaft wie dies manchmal wünschenswert wäre. Es ist unser einziges Ziel, weiterhin in Lumburia zu überleben. Deshalb ist es gelegentlich nötig, dass wir uns mit anderen Menschen verbünden, deren eigene Ziele uns helfen, die unsrigen zu erreichen. Wenn es Baron Schaddoch gelingt, Surdyrien von den Obesiern zu befreien, müssen wir nicht mehr befürchten, dass die Obesier sich auch noch nach Lumburia ausbreiten. Das ist jedenfalls meine Meinung. Wir Lumburier sind eigentlich Einzelgänger. Jeder von uns tut nur das, was er selbst für richtig hält. Aber letzten Endes geht es immer darum, unser Überleben zu sichern. Ich kämpfe gegen die Bedrohung aus Obesien. Es gibt andere, die beispielsweise gegen die Bedrohung aus Sindra kämpfen.“

„Aber was hat Ihr Kampf gegen Obesien mit dem Auftrag Saradurs zu tun?“, wollte Quintora wissen. Shrogotekh übernahm die Beantwortung dieser Frage:

„Wir glauben, dass Saradur eigene Interessen verfolgt, aber dennoch mit dem Kollektiv paktiert, um diese durchzusetzen. Wir wollen herausfinden, was er vorhat. Es scheint da um eine ganz große Sache zu gehen.“ Er holte die Karte heraus, die er von Saradur erhalten hatte, und gab sie Quintora. Dabei tippte er mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle in Mithrien:

„An dem eingezeichneten Ort in der Einöde von Clampp haben die Obesier eine versteckte Festung gebaut. Das ist sicherlich kein Äußerer Stützpunkt der Priester des Wissens, denn sonst wären dort keine obesischen Soldaten. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass der Sprecher des Ordens wissentlich gegen die Konvention verstößt. Was ist also so wichtig, dass der zweite Mann des Ordens zum Abtrünnigen wird?“

„Das ist schon das zweite Mal, dass die Obesier versuchen, in Mithrien Fuß zu fassen“, dachte Quintora laut. „Die Oberste Strategin hat eine unterirdische Station in der Nähe von Doront ausgehoben. Einige Zeit vorher sind sämtliche Bewohner eines kleinen Dorfes in der Nähe von Drinh verschwunden. Vielleicht handelt es sich bei den Gefangenen um entführte Menschen aus Sanh.“

„Es ist wohl offensichtlich, dass sich die Aktivitäten der Obesier in erster Linie gegen Ihr Land richten. Dennoch sind auch wir betroffen. Werden Sie uns helfen?“, fragte Wurluwux.

„Einverstanden“, pflichtete ihm Quintora nach kurzer Überlegung bei. „Wir reiten nach Clampp. Aber ich muss unbedingt die Oberste Strategin über die Existenz dieser Festung informieren. Sobald wir die Gefangenen abgeholt haben, werde ich ihr diese Karte durch einen Boten überbringen lassen. Sie muss diese Festung einnehmen, weil dort vielleicht noch mehr Gefangene sind. Wir allein können das nicht schaffen ohne die Gefangenen zu gefährden.“ 

„Wir müssen sowieso nach Modonos, um herauszufinden, was Saradur mit den Gefangenen beabsichtigt“, gab Shrogotekh zu bedenken. „Werden Sie uns begleiten?“ 

„Sie glauben doch wohl nicht, dass ich Sie mit meinen gefangenen Landsleuten allein ziehen lasse“, entgegnete Quintora entschlossen.

*

Nach der Beendigung des Elektrals wurden Boten in alle größeren Städte der Vereinten Nordlande geschickt, um zu verkünden, dass ein neuer Hüter der Flammen gewählt war. In Drinh übernahm Charas, der einzige Sohn des neuen Hüters, das Fürstentum.

Tansil-Orondinur sowie die Vertreter aus Mithrien und Zogh hatten bereits am Tag nach dem Elektral den Quaralpalast verlassen und die Rückreise in ihre jeweilige Heimat angetreten.

Der neue Hüter der Flammen bat Unitor, ihm noch eine Weile bei der Übernahme der Amtsgeschäfte behilflich zu sein. Unitor kam dies gelegen, weil er sich gerade von seinem Freund Crandin die Sindra-Sprache beibringen ließ. Der Berater hatte ihm erzählt, dass er längere Zeit keine Nachrichten mehr von Novotor erhalten habe. Daraufhin hatte Unitor beschlossen, sich nach Sindra zu begeben und Novotor zu suchen. Hierfür waren jedoch zumindest Grundkenntnisse in der Sprache des Landes erforderlich. Kurz vor der geplanten Abreise bat Crandin Unitor, ihn in seiner Wohnung im Gästehaus aufzusuchen. Als Unitor dort eintraf, erklärte Crandin, dass es nicht um den Sprachunterricht ging.

„Unitor“, begann der junge Priester des Wissens etwas umständlich und ging zu einem Schrank. „Ich werde dir jetzt ein Geheimnis anvertrauen. Aber du darfst zu niemandem außer dem Berater darüber sprechen.“

Unitor war neugierig geworden. Seine Neugierde stieg noch als Crandin einen Holzkasten mit einem eingesetzten Metallgeflecht aus dem Schrank entnahm. Der Priester stellte den Kasten auf den Tisch und sagte schnell:

„In diesem Behälter sind Mon’ghale. Sie verstehen jedes Wort, das wir sprechen. Bedenke das stets bevor du etwas sagst.“

Unitor schaute interessiert in den Kasten und sah dort drei graue, raupenähnliche Tiere, die ihn anzustarren schienen.

„Mon’ghale sind Lebewesen aus Obesien, deren eigentliche Herkunft den Priestern des Wissens unbekannt ist“, fuhr Crandin fort. „Sie haben die Fähigkeit, wie Menschen zu denken und sogar die Gedanken von Menschen zu beeinflussen. Nur bei Andersartigen wie etwa bei dir oder bei mir, also bei Menschen mit veränderten Gehirnwellen, versagt die Möglichkeit der Einflussnahme. Mon’ghale sind normalerweise schwarz und können bei geringen Temperaturen, wie sie im Winter im Norden herrschen, nicht existieren. Aber bei diesen grauen Mon’ghalen handelt es sich wahrscheinlich um eine Art, die gegen Kälte unempfindlich ist. Meines Wissens sind sie aus einem Experiment hervorgegangen. Mit ihrer Hilfe wurden der Verwalter und seine Aktuare beeinflusst und zu Taten getrieben wie etwa die Ermordung des Hüters der Flammen und die Gefangennahme der Obersten Strategin.“

„Wer macht so etwas?“, wunderte sich Unitor.

„Das weiß ich noch nicht“, antwortete Crandin. „Aber eigentlich nützt ein Chaos in den Vereinten Nordlanden nur dem Kollektiv von Obesien.“

Unitor betrachtete die Mon’ghale mit einer Mischung aus Ekel und Hass: „Gibt es noch mehr davon im Quaralpalast?“

„Ich glaube nicht“, meinte Crandin. „Aber ich befürchte, dass das sowieso nur der Anfang war. Nachdem das Experiment gelungen ist, wird man die Züchtungsversuche zweifellos mit aller Macht vorantreiben. Ich habe dir das jetzt gesagt und gezeigt, weil ich dich bitten will, mich nach Obesien zu begleiten. Ich möchte herausfinden, wer diese Experimente veranlasst hat und was dahintersteckt. Danach kannst du dann immer noch nach Sindra gehen.“

„Vielleicht braucht aber Novotor meine Hilfe“, wandte Unitor ein.

„Unitor, ich glaube, du verstehst nicht ganz, worum es hier wirklich gehen könnte. Ich habe Grund zu der Annahme, dass jemand versucht, die Eisbäume auszurotten. Das bedeutet aber zugleich auch höchste Lebensgefahr für alle Eisgrafen.“

*

Auf einer Anhöhe hielten die vier Reiter ihre Pferde an. Sie hatten ihr vorläufiges Ziel erreicht. Quintora erschrak als ihr die Größe der Befestigungsanlage bewusst wurde, die in dieser Jahreszeit unter einem dicken, weißen Teppich in der Einöde von Clampp verborgen lag. Mit ihren Begleitern stimmte sie darin überein, dass in dem versiegelten Dokument Saradurs mutmaßlich nur von zwei Personen die Rede war, die die Aufgabe hatten, die Gefangenen abzuholen. Daher erklärten sich die Eisgräfin und der Ureinwohner bereit, auf einem von der Festung weit entfernten Hügel zu warten. Mit ihren Pferden verschanzten sie sich hinter einer hohen Schneewehe.

Zwischenzeitlich hatte Quintora den Namen des Lumburiers erfahren. Dass er ihr seinen vollen Namen verraten hatte, stellte ein außergewöhnliches Zeichen des Vertrauens gegenüber Artfremden dar. Mit vollem Namen hieß er „Ugudag Teket dru banir“, was soviel bedeutete wie „Der Schatten, der jede Spur findet“. Dahinter verbarg sich jedoch viel mehr als die Fähigkeit, bei einer Verfolgung Fußabdrücke und abgebrochene Zweige auszuwerten. Ugudag verfügte über eine extrem ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit und Kombinationsgabe, die es ihm ermöglichten, aus winzigen Details, die andere Menschen übersahen, und sogar aus Stimmungen Zustände abzulesen und darauf aufbauend Entwicklungen vorauszusehen. 

Die beiden Surdyrier ritten zu der getarnten Festung. Ihre Annäherung war schon lange vor ihrer Ankunft am Haupttor bemerkt worden. Eine Abordnung waffenstarrender Soldaten nahm das vom Ducarion Zubarak gesiegelte Dokument entgegen. Die Obesier ließen jedoch Shrogotekh und Wurluwux nicht in die Festung ein. Stattdessen holte einer von ihnen einen Centron, der das Dokument sorgfältig studierte und schließlich fragte: „Sie sind also Surdyrier?“

„Ich bin ein Surdyrier aus Lumbur-Seyth“, stellte Wurluwux richtig und versuchte, stolz zu klingen. Dann raunzte er den Mann unwirsch an: „Und jetzt holen Sie gefälligst die drei Gefangenen, oder sollen wir hier stehen bis wir erfrieren? Da wäre der Verfasser dieses Schreibens sicherlich nicht übermäßig begeistert.“

Nun beeilte sich der Centron und kehrte bereits nach zehn Minuten mit drei Mithriern auf Pferden zurück. Seltsamerweise waren die Männer nicht gefesselt, hatten jedoch einen stumpfen, völlig teilnahmslosen Blick. Wortlos ritten sie zu den beiden Surdyriern. Der Centron wartete, bis sie die Festung verlassen hatten, dann verriegelte er wortlos das Tor.

Quintora und Ugudag hatten genug gesehen. Sie wendeten ihre Pferde und ritten zurück auf die Straße, die von Marandia nach Drinh führte. Außer Sichtweite der Festung erreichten sie die Stelle, wo sie zuvor die Straße verlassen hatten. Dort trafen wenig später auch die beiden Vertrauten Schaddochs mit ihren drei Gefangenen ein, die offenbar keinerlei Fluchtpläne hegten. Stumm ritten sie hinter Quintora und Ugudag her, die nun die Führung übernahmen. Shrogotekh und Wurluwux bildeten den Abschluss. Die seltsame Ausdruckslosigkeit in den Augen der Gefangenen hatte auch der Lumburier sofort bemerkt.

„Mit den Leuten stimmt etwas nicht“, raunte er Quintora zu, nachdem er sein Pferd näher an das ihre herangetrieben hatte. „Ich habe den Eindruck, dass sie irgendwie beeinflusst wurden. Wir sollten vorläufig nicht mit ihnen reden. Vor allem sollten wir nichts erzählen, was uns oder unseren gemeinsamen Interessen schaden könnte, wenn man das in Modonos erfährt.“

Bereits nach zwei Meilen zweigte die Straße, die in dieser Schneewüste kaum noch als solche erkennbar war, nach rechts in Richtung Kerdaris ab. Die Nordländer hatten ihre wichtigsten Verbindungsstraßen mit gemauerten, zwei Meter hohen Steinsäulen markiert, an deren oberen Enden die Bestimmungszeichen der jeweiligen Straßen eingemeißelt waren. Im Winter stellten sie in Landschaften wie der Einöde von Clampp oft die einzigen Orientierungspunkte dar.

Als die Gruppe noch einen Tagesritt von Kerdaris entfernt war, begannen die Ortsfremden allmählich, unter der frostklirrenden Kälte zu leiden. Am schlimmsten betroffen schien der Lumburier, der zwar über eine stahlharte Konstitution verfügte, aber mit Schnee und eisigen Temperaturen überhaupt nicht zurechtkam. Er saß teilnahmslos mit scheinbar eingefrorenem Gesicht auf seinem riesigen Pferd. Auch die beiden Surdyrier hatten zu kämpfen. Shrogotekh hatte ein Tuch um den Kopf gewickelt und seinen spitzen Lederhut mit der breiten Krempe tief ins Gesicht gezogen. Wurluwux trug eine dunkelbraune Pelzmütze mit herabhängenden Ohrenklappen, die ihm viel zu groß war und seinen Wuschelkopf völlig verhüllte. Quintora und die drei Mithrier dagegen schienen von der Kälte nicht sonderlich beeindruckt.

Die Gefangenen hatten auch während der vergangenen Tage keinerlei Anstalten gemacht, sich ihrem Transport in Richtung Obesien durch Flucht zu entziehen. Dann geschah aber etwas äußerst Merkwürdiges. Als einer der Gefangenen während einer von Shrogotekh angeordneten Pause vom Pferd stieg, verharrte er plötzlich mitten in der Bewegung und sprach zum ersten Mal seit Verlassen der Festung von Clampp: „Wo bin ich?“ Verzweifelt sah er sich um und blickte seine Begleiter hilfesuchend an. 

Quintora ritt zu ihm hin. Dabei entdeckte sie neben dem Mann im Schnee ein steif gefrorenes, graues Insekt, das die Form einer großen Raupe hatte. Sie sah den Mithrier an und erkannte in seinen blauen Augen einen Glanz, der zuvor dort nicht vorhanden war.

„Reden Sie kein dummes Zeug! Sie wissen genau, dass Sie ein Gefangener sind und zu Ihrem Bestimmungsort gebracht werden“, erscholl Shrogotekhs Bassstimme. „Wenn Sie sich wehren oder zu fliehen versuchen, hacken wir Ihnen ein Bein ab.“ Ängstlich verstummte der Mann als er die Entschlossenheit in Shrogotekhs grimmigem Gesicht gewahrte.

Der „Blutwolf“ stieß den Mann grob vor sich her und warf Wurluwux einen bedeutsamen Blick zu. Der nickte verstohlen. Während sich die anderen entfernten, bückte sich der „Skorpion“, hob das gefrorene Insekt auf und steckte es in seine Tasche.

Der Vorfall bewog Quintora, die beiden Surdyrier genau im Auge zu behalten. Sie erachtete dies für erforderlich, um die Sicherheit ihrer Landsleute zu gewährleisten. Allerdings war ihr auch bewusst, dass eine ständige Überwachung schon wegen der geplanten Übermittlung der Landkarte an Octora nicht möglich sein würde. Schweren Herzens beschloss sie daher, den Lumburier ins Vertrauen zu ziehen, weil dieser ihr noch am rechtschaffensten erschien. 

Bei der nächsten Rast erklärte sie an Shrogotekh gewandt: „Ich werde nach Modonos mitkommen, aber geben Sie mir jetzt bitte die Karte. Wir alle kennen den weiteren Weg. Ich werde vorausreiten und die Karte ins Botenhaus von Kerdaris bringen, damit die Oberste Strategin über die Festung in Clampp informiert wird. Wir treffen uns dann wieder am Eisbaum von Kerdaris. Der befindet sich vier Meilen außerhalb der Stadt in der Senke von Tarrda. Man kann ihn von der Straße aus sehen.“ Widerwillig und zaudernd zog der „Blutwolf“ die Karte unter seinem Mantel hervor und übergab sie der Eisgräfin.

„Es fällt mir nicht besonders leicht, mich auf diese Weise in Ihre Hand zu begeben“, gab er offen zu. „Wir werden uns außerdem etwas einfallen lassen müssen, um Saradur das Verschwinden der Karte zu erklären, ohne dass er Verdacht schöpft.“

Quintora steckte die Karte wortlos ein. Ihr erschien es am wichtigsten, dass sich die Oberste Strategin so schnell wie möglich um den obesischen Stützpunkt in der Einöde von Clampp kümmern würde. Während sie zu ihrer Stute Tostassa ging, nahm sie kurz den Lumburier beiseite und flüsterte ihm zu: „Passen Sie auf, dass den Gefangenen nichts geschieht!“

Dann ritt die Eisgräfin zum Botenhaus von Kerdaris. Es erwies sich als ein wichtiger Ritt, auch wenn es ihrer Schicksalsgefährtin Octora nicht vorausbestimmt war, noch eine Festung der Obesier in Mithrien einzunehmen.

*

Crandin hatte beschlossen, Unitor nicht mehr aus den Augen zu lassen. Dieser Entschluss stand bereits fest, noch bevor ihn der Berater darum gebeten hatte. Wie ein unsichtbarer Schatten folgte der Priester des Wissens dem Eisgraf auf Schritt und Tritt. Dabei kam ihm zugute, dass die Mon’ghale zwar nicht in der Lage waren, einen Eisgrafen zu beeinflussen, wohl aber seine Gehirnströme wahrzunehmen. Crandin hatte inzwischen herausgefunden, wie er selbst diese Fähigkeit nutzen konnte. Wenn er sich stark konzentrierte, konnte er die Wahrnehmungen der Mon’ghale erspüren, wenn auch nur sehr verschwommen. Aber das reichte aus, um auf geringe Entfernungen den Aufenthaltsort eines anderen Menschen annähernd genau zu bestimmen, ohne ihn zu sehen.

Unitor hatte sich noch nicht endgültig entschieden, ob er nach Sindra oder mit Crandin nach Obesien reisen würde. Der Verwalter hatte vorsorglich im Hafen unterhalb des Quaralpalasts einen wendigen Dreimaster für eine Reise nach Sindra bereitstellen lassen. Inzwischen neigte Unitor aber eher dazu, erst einmal den Ratschlag Crandins zu befolgen und ihn in die Akademie von Modonos zu begleiten.

Crandin hatte von Unitor erfahren, dass ein abschließendes Treffen mit dem neuen Hüter der Flammen für den heutigen Tag bevorstand. Deshalb wunderte er sich, dass Unitor nicht zum Hauptpalast ging, sondern zu einem völlig abgelegenen Ort an der äußeren Mauer nahe der nördlichen Spitze der Festung. Er folgte dem Eisgrafen in gebührendem Abstand. Irgendwie hatte er schon die ganze Zeit eine ungute Ahnung, ohne dass er einschätzen konnte, was dieses beunruhigende Gefühl auslöste. Vielleicht plagte ihn auch nur das schlechte Gewissen. Denn Crandin war klar, dass sein neuer Freund wegen dieser Bespitzelung äußerst aufgebracht gewesen wäre, wenn er davon gewusst hätte.

Unitor verweilte an der Mauer und ließ seinen Blick über die schnell dahinziehenden Wolken und die Weiten des Ozeans schweifen. Vor einer solchen Kulisse mutete alles andere winzig und bedeutungslos an. Das waren die Augenblicke, in denen den meisten Menschen am ehesten die Vergänglichkeit ihrer nur kurz aufflackernden Existenz im Angesicht der ewigen Naturgewalten bewusst wurde.

Crandin machte einen Satz, um hinter dem gemauerten Stützpfeiler eines hoch aufragenden Gebäudes zu seiner Linken in Deckung zu gehen. Dabei strauchelte er über einen am Boden liegenden Ast und konnte sich gerade noch mit Mühe an dem Pfeiler abfangen. Atemlos verharrte er in seinem Versteck, weil er fürchtete, Unitor könnte das Geräusch des knackenden Astes bemerkt haben. Aber dann hörte er Stimmen in einiger Entfernung. Vorsichtig lugte er um den Pfeiler und atmete erleichtert auf.

Unitor hatte ihn nicht bemerkt und war ein Stück weiter gelaufen bis zu einer Stelle, wo sich ein weißer Kreis auf der Mauer befand. Dort erwartete ihn bereits der Hüter der Flammen. Crandin sah wie sich Unitor während des Gesprächs etwas nach vorn über die Mauer beugte und nach unten zeigte, vermutlich zu der Anlegestelle des für seine Reise bestimmten Schiffes. Anstatt dem ausgestreckten Arm mit dem Blick zu folgen, trat der Hüter der Flammen zwei Schritte zurück. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er sein Schwert aus der Scheide und rammte es Unitor in den Rücken. Schnell riss er es wieder aus dem Leib des Eisgrafen heraus, ließ es fallen und ergriff mit beiden Händen die Felljacke Unitors. Der Eisgraf sank auf der Stelle zusammen, unfähig zu jedweder Gegenwehr. Mit einer mächtigen Anstrengung hievte Zallux den Körper des Sterbenden über die Mauer und warf ihn in den tiefen Abgrund. Gehetzt sah er sich um. Da er aber niemand entdecken konnte, hob er beruhigt sein Schwert auf, wischte das Blut ab und steckte die Waffe wieder weg. Dann eilte er in Richtung des nördlichen Scheitelpunktes der Festung davon. Crandin stand wie gelähmt. Eine ganze Weile war er völlig unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

*

Der große Eisbaum von Kerdaris ächzte unter der schweren, weißen Last, die ihm der schneidend kalte Nordwind auferlegt hatte. Die dicken Flocken trieben so dicht, dass Shrogotekh die beiden Pferde erst sah, als er schon beinahe mit ihnen zusammengestoßen wäre. Quintora führte das Packpferd, das sie in Kerdaris beschafft hatte, neben Tostassa her. Es war beladen mit dem Proviant für die Strecke nach Modonos. Der Lumburier übernahm die Zügel der beiden Pferde, während sich Quintora aus dem Sattel schwang. Shrogotekh fasste sie behutsam am Arm und führte sie ein Stück weit von der restlichen Gruppe weg. Dann hielt er ihr seine Handfläche hin, auf der der erfrorene Mon’ghal lag.

„Sie haben das auch bemerkt, nicht wahr?“, wollte er wissen. Die Frage bewies Quintora, dass sie es mit einem scharfen Beobachter zu tun hatte.

„Allerdings“, gab sie zu.

„Wissen Sie, was das ist?“, hakte Shrogotekh nach.

„Ja, sicher“, erwiderte Quintora. „Ich war längere Zeit in Obesien. Das ist ein Mon’ghal. Ein toter Mon’ghal. Nur die Farbe kommt mir etwas seltsam vor. Normalerweise sind sie schwarz. Aber es könnte natürlich sein, dass er durch die Kälte oder beim Erfrieren grau geworden ist.“

„Die Frage sollte eigentlich lauten: Was wissen Sie über Mon’ghale?“, stellte der Surdyrier richtig. „Gibt es da etwas Besonderes?“

„Das ist eine in Obesien weit verbreitete Insektenart. Mir ist nichts Sonderbares aufgefallen, aber ich habe mich auch nie näher mit Insekten beschäftigt. Ungewöhnlich erschien mir nur, dass normalerweise aus Raupen Schmetterlinge hervorgehen, was bei den Mon’ghalen nicht der Fall ist. Aber das sind wohl einfach keine richtigen Raupen, obwohl sie so ähnlich aussehen. Vielleicht handelt es sich um Würmer oder auch um eine eigene Gattung …“, sinnierte Quintora.

„Das ist ganz gewiss eine völlig eigenständige Gattung“, bemerkte Shrogotekh nachdrücklich. „Wir vermuten, dass die Obesier irgendwie mit Hilfe dieser Tiere Menschen beeinflussen. Seit der Gefangene diesen Mon’ghal verloren hat, verhält er sich völlig anders. Wir befürchten, dass er einen Fluchtversuch unternehmen wird. Ugudag hat insgeheim die beiden anderen Gefangenen überprüft. Sie führen noch lebende Mon’ghale mit sich, die übrigens auch eine graue Färbung haben. Wir haben sie ihnen belassen, weil wir glauben, dass sie dann weniger Schwierigkeiten machen. Offenbar wollen sie nach Modonos überführt werden. Seien Sie vorsichtig! Diese Mon’ghale scheinen nicht ungefährlich zu sein.“

„Ich werde versuchen, bei einer günstigen Gelegenheit mit dem Gefangenen zu reden“, entschied Quintora.

„Wurluwux hatte da noch eine andere Idee. Wir könnten den Mann freilassen und Sie an seiner Stelle als dritte Gefangene ausgeben“, schlug der „Blutwolf“ vor.

„Das geht nicht“, erwiderte die Eisgräfin. „Zumindest nicht in Modonos, weil man mich in der Akademie kennt.“

Quintora war keine ungewöhnlich auffällige Erscheinung. Aber ihre sanften Gesichtszüge und die strahlend blauen Augen hinterließen zumindest bei den meisten Männern einen bleibenden Eindruck. Für eine Frau, die unerkannt bleiben wollte, wirkte sich dies natürlich nicht unbedingt vorteilhaft aus.

„Ich werde in der Akademie nicht gemeinsam mit euch auftreten können“, stellte die Eisgräfin klar. „Aber jetzt sollten wir losreiten, damit wir das Grenzgebirge und den nordischen Winter so schnell wie möglich hinter uns lassen. Andernfalls wird es wohl nicht nur für die Mon’ghale große Probleme geben, sondern auch für euren Freund aus Lumburia.“

*

Der Berater sah verwundert auf, als Crandin in sein Zimmer stürmte und die Tür hinter sich ins Schloss warf. Das Gesicht des jungen Priesters war vor Erregung fast genauso rot wie seine Haare.

„Der Hüter der Flammen hat Unitor an der Nordspitze des Palasts erstochen und über die Mauer geworfen“, keuchte er atemlos.

Der Berater sprang auf. Sein Verstand arbeitete blitzschnell: „Jemand hat ihm das Geheimnis der vertauschten Kinder verraten.“

Crandins Worte kamen immer noch stoßweise: „Ich muss versuchen, mit Hilfe der Mon’ghale seinen Körper zu finden.“

„Nimm die nördliche Wendeltreppe!“, befahl der Berater. „Wir treffen uns am Schiff.“ 

Crandin wusste natürlich, dass das Schiff gemeint war, das Unitor nach Sindra hätte bringen sollen. Sofort rannte er los, über die Treppe am Hauptpalast zur Allee der Berater und von dort bis zu der Stelle, wo sich in einer Aussparung der äußeren Mauer der obere Einstieg der Wendeltreppe befand. Ein halbkreisförmiges, angerostetes Geländer wölbte sich nach außen um den Treppeneinstieg und schloss zugleich die Mauerlücke.

Die nördliche Wendeltreppe bestand aus einer gigantischen Stahlkonstruktion, die dreihundert Meter in die Tiefe führte. Sie war an der nördlichen Felsnase des Palastbergs verankert und durch ein massives Gitter gesichert.

Nachdem Crandin schon zweihundert Meter in die Tiefe abgestiegen war, blieb er kurz stehen und konzentrierte sich so gut es ging auf die Mon’ghale. Fast hätte er triumphierend aufgeschrieen als er den undeutlichen Widerhall eines kaum noch wahrnehmbaren Bewusstseins verspürte. Dieses Echo verschwommener Gedanken schürte seine verzweifelte Hoffnung. Womöglich war der Körper Unitors doch nicht bis zum Fuß des Berges abgestürzt und dort zerschmettert worden. Er musste irgendwo in der Nähe sein. Die Mon’ghale konnten also – wie Crandin vermutet hatte - mit Hilfe ihrer geheimnisvollen Fähigkeit auch ein totes Gehirn aufspüren und dessen Funktionen wie durch einen Spiegel mit ihren eigenen Gedanken aufrechterhalten. Crandin drohte den Mon’ghalen, sie zu töten, falls der von Unitors Gehirn ausgehende Widerhall versiegen würde. Dann rannte er weiter die Treppe hinab bis er schließlich den Körper des toten Eisgrafen sah. Dessen dicke Felljacke hatte sich in einem wirren Geäst verfangen, das zu mehreren bizarr gewachsenen Bäumen gehörte. Ihre dicken Wurzeln hatten sich auf einem auskragenden Felsvorsprung festgeklammert. Die leblose Gestalt des Mithriers baumelte hin und her wie eine Fliege in einer Spinnwebe, die der Wind zerrissen hat. Es hatte den Anschein, als könnte der Körper jeden Moment in die Tiefe abstürzen.

Crandin suchte fieberhaft nach einem der Ausstiege in dem röhrenförmigen Gitter, das die Wendeltreppe umschloss. Schließlich fand er einen Auslass etwa drei Meter oberhalb der Leiche des Eisgrafen. Der Verriegelungsmechanismus klemmte, aber als sich der Priester mit Wucht dagegen warf, gab er nach und schwang nach außen auf.

Einer der dicken Äste befand sich in seiner Reichweite. Crandin löste den Strick, der sein olivgrünes Gewand an der Taille zusammenhielt. Er bestand aus einem kunstvoll verschlungenen Tegkhra-Seil, gefertigt aus der enorm belastbaren Faser einer flachsähnlichen Pflanze. Obwohl das Seil äußerst filigran erschien, wies es eine erstaunliche Festigkeit auf. Vollständig aufgerollt war es über zehn Meter lang. Crandin verknotete es auf eine Weise, dass er sich mit einem der gut fünf Meter langen Teilstücke selbst sichern konnte. Dann band er es an einem Gitterstab fest und verankerte es zusätzlich an dem dicken Ast. Schließlich begann er mit dem Abstieg zu Unitors Körper.

Glücklicherweise war Crandin Kletterpartien dieser Art gewohnt. Auf der Suche nach Brutstätten seltener Vögel im Blätterdach der Regenwälder von Oot hatte er schon wesentlich größere Höhenunterschiede überwunden. Aber dennoch gestaltete sich die Bergung der Leiche Unitors ungleich schwieriger. Der eisige Nordwind pfiff Crandin wütend um die Ohren und lähmte seine Hände trotz der ledernen Handschuhe. So dauerte es länger als eine halbe Stunde bis er den Leichnam endlich erreichte. Während er ihn mit Schlingen um die Hüfte und die Schultern sicherte, wäre er beinahe von einer heftigen Sturmbö losgerissen und in die Tiefe geschleudert worden. Verzweifelt krallte er sich im Geäst fest bis der Wind wieder nachließ. Nun konnte er endlich damit beginnen, den Körper Unitors langsam nach oben zu ziehen.

Kurz bevor der junge Priester die Ausstiegsöffnung der Gitterröhre erreichte, hörte er das blecherne Klappern von Schritten, die sich auf der Wendeltreppe von unten her näherten. Rasch klammerte er sich mit einer Hand an einem der Äste fest und zog mit der anderen das Wurfmesser aus dem Ledergürtel seiner Hose. Unbewegt verharrte er und wartete auf den Kopf, der jeden Moment im tiefer gelegenen Bereich der Wendeltreppe auftauchen würde. Als er die schwarze Kapuze sah, atmete er auf und kletterte weiter.

Der Berater half Crandin, den Leichnam Unitors durch die Ausstiegsöffnung auf die Treppe zu ziehen. Die großen Blutflecken auf Vorder- und Rückseite der Jacke des Eisgrafen waren bereits verkrustet. Seine Augen starrten gebrochen ins Leere. Crandin packte den Körper Unitors an den Schultern, der Berater ergriff ihn an den Knien. Dann trugen sie ihn gemeinsam die restlichen Treppenstufen hinab. So erreichten sie die Felsterrasse, die direkt oberhalb des Dreimasters lag, der ursprünglich für Unitors Reise nach Sindra vorgesehen war.

Niemand befand sich an Bord des Schiffes. Crandin und der Berater schleppten den toten Eisgrafen in eine geräumige Kajüte, die eigentlich zur Unterbringung von drei Personen diente. Nachdem sie den Körper und den Holzkasten mit den Mon‘ghalen auf einem der drei Betten festgebunden hatten, reichte der Berater Crandin die Hand und sagte: „Ich werde jetzt gehen und dir die Besatzung des Schiffes schicken. Sie besteht aus sieben Männern, die allesamt vertrauenswürdig sind. Du kannst dich auf sie verlassen.“

„Baradia wird Schwierigkeiten machen“, gab Crandin zu bedenken. „Sie wird mir nicht verzeihen, dass ich aus Oot geflohen bin.“

„Dafür habe ich vorgesorgt. Gib ihr dieses Schreiben!“ Der Berater händigte Crandin eine versiegelte Lederrolle aus. „Ich habe den Kapitän angewiesen, dich direkt in der Bucht vor dem Paradies der Küste an Land zu bringen. Beweise mir einmal mehr, dass du mein Bester bist!“ Mit diesen Worten umarmte die schwarz vermummte Gestalt den jungen Priester des Wissens. Dann drehte sich der Berater um und ging schnellen Schrittes von Bord.

Das für Unitor bestimmte Schiff war das einzige, das vertäut an der Anlegestelle lag. Crandin musste eine Weile warten, bis der Kapitän mit der Schiffsbesatzung eintraf. Während die Matrosen die Leinen einholten und die Segel hissten, konnte der Priester des Wissens erkennen wie der Berater aus einem Lagergebäude im Hafen mehrere Teerfässer herausrollte, die für Schiffsreparaturen bestimmt waren. Nachdem er die Deckel geöffnet hatte, kippte er sie um. Der Teer ergoss sich auf die hölzernen Landungsstege und die breiten Holzbrücken und Treppen, die in mehreren Etagen zu den höher gelegenen Hafengebäuden führten.

Crandins Schiff legte ab, und der Berater winkte seinem Enkel ein letztes Mal zu. Dann setzte er den Teer in Brand. Bald züngelten Flammen an den Stegen und Anlagen empor bis auch die Gebäude Feuer fingen und zuletzt der gesamte Hafenbereich am Fuß des Palastberges lichterloh brannte. Noch aus weiter Ferne konnte Crandin die riesige Rauchwolke sehen, die langsam zum Quaralpalast emporstieg.

Mit Genugtuung stellte der Berater fest, dass die Feuersbrunst im Hafen nicht mehr aufzuhalten war. Hustend eilte er zu dem großen Eisentor, das sich am Fuß des Berges oberhalb einer mit Granitplatten befestigten Rampe befand. Über diese Rampe und durch das anschließende Tor wurden üblicherweise die von den Schiffen angelandeten Güter in den Palast befördert.

Die Rampe setzte sich innerhalb des Palastberges bis zu dessen Vorderseite fort. Rechts und links davon lagen Vorratsräume. Vom Ende der Rampe aus führte eine breite Treppe zu einer großen Kaverne, von der aus man auf verschiedenen Wegen in den eigentlichen Palast gelangen konnte. Der Berater begab sich auf direktem Weg zum Saal der Eisgrafen. Dort erwarteten ihn bereits Septimor und Octora. Beide hatte er noch vor seinem Weg zum Hafen über den Tod Unitors unterrichtet.

Septimor war der Älteste der Eisgrafen. Ebenso wie sein Zwillingsbruder, Fürst Jorgal zu Kerdaris, trug er einen grau melierten Schnurrbart und einen ebensolchen Spitzbart. Sein Haar war nach hinten gekämmt und reichte ihm bis auf die Schultern. Seine blauen Augen hatten einen harten, eisigen Ausdruck angenommen.

„Wir sollten diesen Mörder ergreifen und auf der Stelle öffentlich hinrichten“, verlangte er.

Der Berater versuchte, ihn mit einer beschwichtigenden Geste zu beruhigen: „Wir reden hier vom Hüter der Flammen. Ein solches Recht steht uns nach der Verfassung nicht zu. Wir würden uns damit selbst ins Unrecht setzen und ein Chaos auslösen.“

„Dann müssen wir eben sofort ein neues Elektral einberufen und ihn absetzen. Danach könnte er vor Gericht gestellt werden“, schlug Octora mit belegter Stimme vor. Ihre Augen hatten einen ungewohnten, feuchten Schimmer.

Der Berater schüttelte den Kopf. 

„Das würde alles viel zu lange dauern“, widersprach er. „Bis dahin hätte Zallux den Oberbefehl über die Armee der Vereinten Nordlande an sich gerissen. Ich stimme mit Septimor darin überein, dass die Zeit der Diplomatie vorbei und die Zeit des Handelns gekommen ist. Wir können keinen Mörder und Verräter auf dem Flammenthron der Nordlande dulden. Aber wir müssen überlegt vorgehen und vor allen Dingen schnell. Damit Zallux nicht handeln kann, ist es erforderlich, ihn hier von der Außenwelt abzuschneiden. Septimor, du gehst nach Tanaria und schickst Boten aus, die den Fürsten von Mithrien und dem Trio der Weisen von dem Mord an Eisgraf Unitor berichten. Quartor soll den Passweg zum Quaralpalast mit vertrauenswürdigen Leuten an allen strategisch wichtigen Stellen besetzen. Diese Leute dürfen niemand aus dem Quaralpalast herauslassen und niemand hierher durchlassen mit Ausnahme von Würdenträgern. Ich selbst habe bereits dafür gesorgt, dass keine Schiffe mehr ein- und auslaufen können.“

„Was ist mit Charas zu Drinh?“, warf Octora ein. „Wird er nicht seinem Vater zu Hilfe eilen?“

Der Berater winkte ab: „Charas zu Drinh ist genauso herrschsüchtig wie sein Vater. Er wird für ihn keinen Finger krumm machen. Ich glaube sogar, dass er sich öffentlich gegen seinen Vater stellt, weil er nur so die Hoffnung haben kann, beim nächsten Elektral selbst gewählt zu werden.“

„Das sehe ich auch so“, stimmte Septimor zu.

Dann fuhr der Berater in der Erläuterung seines Plans fort: „Ich gehe mit Manden-Gatas zum Herzog der Höhlen und bitte ihn, sowohl den Pass als auch den Tunnel nach Zogh zu besetzen. Anschließend werde ich Königin Arthania vorschlagen, einen kleinen Teil ihres Heeres nach Sylabit und den Rest nach Sandammon zu verlegen, damit wir jederzeit und überall im Bedarfsfall einsatzbereit sind. Octora, du musst sofort nach Sandammon gehen und den Oberbefehl über die Vereinigte Armee übernehmen, bevor Zallux das versuchen kann. Die Armee sollte unbedingt nach Tredon verlegt werden, um einen Überfall der Obesier zu verhindern, falls die glauben, unsere derzeitige Schwäche ausnutzen zu können. Als Oberste Strategin kannst du der Nachrichtenlage entsprechend völlig frei entscheiden, welche Maßnahmen du dort für geboten hältst. Ich würde dir aber raten, das Heer nicht oberhalb der Sümpfe auf dem direkten Weg nach Tredon zu führen, sondern durch die Schneise von Delamunth, damit diese Truppenbewegung den Obesiern so lange wie möglich verborgen bleibt.“

Der Berater sah die beiden Eisgrafen nacheinander an: „Wenn keine Fragen mehr bestehen, sollten wir aufbrechen. Zallux wird inzwischen das Feuer im Hafen bemerkt haben.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte hämmerten im nächsten Augenblick Fäuste gegen die schwere Eichenholztür.

„Öffnet die Tür! Auf Befehl des Hüters der Flammen!“, erscholl es von draußen.

Der Berater ignorierte die Aufforderung und machte sich an dem runden Kristalltisch zu schaffen.

„Niemand darf diesen Raum betreten. Los, helft mir!“, forderte er die beiden Eisgrafen auf.

Octora und Septimor schoben den schweren Tisch zur Seite. Mit einem gezielten Tritt löste der Berater eine schmale Holzdiele im Boden. In hochgeklapptem Zustand konnte sie als Hebel zum Öffnen einer Falltür benutzt werden, die den Einstieg zu einer Treppe freigab.

„Septimor, dieser Weg endet außerhalb des Palasts, direkt am Pfad nach Tanaria“, erläuterte er und bedeutete dem Eisgrafen mit einer Geste, die Treppe zu benutzen.

Nachdem Septimor in dem Loch verschwunden war, schloss der Berater die Falltür wieder und rückte gemeinsam mit Octora mühevoll den schweren Kristalltisch an seinen ursprünglichen Platz zurück. Danach ging er eilig zur Wand, schob ein kleines Landschaftsgemälde zur Seite und drückte mit der Hand auf eine bestimmte Stelle. Wie von Geisterhand geöffnet schwang eine zuvor nicht einmal durch Fugen erkennbare Tür auf und gab den Blick auf einen Hohlraum frei.

„Dieser Gang führt direkt zum tiefsten Punkt des Sylabit-Tunnels auf der mithrischen Seite“, erklärte der Berater Octora. „Gehe vor, ich komme sofort nach.“

Octora verschwand durch die Tür und ging einige Schritte in dem abknickenden Gang entlang. Dann besann sie sich anders und hielt inne. In diesem Moment hörte sie ein leises, gehässiges Lachen aus dem Saal der Eisgrafen. Das war doch nicht das Lachen des Beraters! schoss es ihr durch den Kopf.

Flink tastete sie sich ein paar Schritte in dem Geheimgang zurück und spähte vorsichtig durch den Türspalt. Aber da hielt sich tatsächlich nur der Berater im Raum auf. Und er hätte sie zwangsläufig gesehen, wenn er in ihre Richtung geschaut hätte. Er bemerkte sie jedoch nicht, weil er ihr den Rücken zuwandte und in eine andere Tätigkeit vertieft war. Mit einem Gegenstand, den Octora nicht erkennen konnte, malte er einen großen, roten Kreis auf den runden Kristalltisch.

*

Also gab es doch gelegentlich Augenblicke, für die sich auch das anstrengende Leben eines Ducarions lohnte. Und das hier schien ein solcher Augenblick zu sein.

Zubarak war erstaunt im Türrahmen stehengeblieben als er den Wasserraum betrat.

„Treten Sie ruhig näher und schließen Sie die Tür. Vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten“, flötete die splitternackte Frau auf dem Rand des mit heißem Wasser gefüllten Badezubers. Sie war nicht mehr ganz jung und sicherlich auch keine atemberaubende Schönheit, aber dennoch durchaus attraktiv. Eine äußerst elegante Erscheinung, zweifellos keine Dirne.

Hoffentlich muss ich sie nicht töten, dachte Zubarak während er die Tür schloss und sich auf die Frau zubewegte wie der Schwarze Panther, der auf seiner Jacke prangte. Immerhin war das hier ein konspiratives Treffen, und der Ducarion der Garde von Modonos wusste immer noch nicht, worum es eigentlich ging. Aber da seine Einladung das Siegel des Ordenssprechers trug, konnte er davon ausgehen, dass zumindest für ihn selbst keine unmittelbare Gefahr bestand.

Die Frau stand auf und zog Zubarak die Jacke mit dem Emblem des Schwarzen Panthers aus. Dabei stieg ihm der verführerische Duft ihres feuerroten Haarschopfs in die Nase. Er wollte sie zu sich heranziehen. Aber die Frau hielt ihn geschickt auf Distanz und knöpfte sein Hemd auf, wobei sie ihm fordernd in die Augen sah. Ungeduldig riss er das halb geöffnete Hemd über seinen Kopf und schmiegte sich an ihren nackten Körper. Mit einer ansatzlosen Bewegung warf die Rothaarige unvermittelt die Jacke und das Hemd des Obesiers in die Wanne. In diesem Agenblick wurde ihm erst bewusst, dass das Wasser Blasen schlug und offenbar siedend heiß war.

Eine Falle! Eine plötzliche Erkenntnis, die sofort in der Hitze verglühte.

Schlagartig erlosch etwas. Zubarak war völlig verwirrt. Vor ihm stand eine nackte Frau. Auf dem kochend heißen Wasser des Badezubers schwammen seine Jacke und sein Hemd – und noch etwas.

„Ihrem Gefährten ist das heiße Wasser wohl nicht so gut bekommen“, spottete die Frau und zeigte auf die Wasseroberfläche, wo ein toter Mon’ghal trieb. Dann schlüpfte sie in einen flauschigen, schwarzen Mantel mit goldenen Stickereien, ging an dem völlig verdutzten Ducarion vorbei, öffnete die Tür und rief auf den Gang hinaus: „Du kannst jetzt hereinkommen.“

Zubarak fuhr herum. 

Unter der Türöffnung stand Saradur und lächelte: „Sebinirt haben Sie ja schon kennengelernt, sozusagen von ihrer besten Seite. Ich hatte Ihnen bekanntlich geschrieben, dass dies ein konspiratives Treffen ist. Da können wir keine artfremden Zuhörer gebrauchen, und schon gar keine, die meinen, selbst die Geschicke Obesiens bestimmen zu müssen. Kommen Sie jetzt! Ihr Hemd und Ihre Jacke bekommen Sie später getrocknet zurück.“

Sebinirt war die Vertreterin der Geldhäuser von Lumbur-Seyth und zugleich die Vertraute des Priesterordens für die Abwicklung von Handelsgeschäften. Aber mit Geld hatte dieses Treffen nichts zu tun. Saradur hatte wissentlich geduldet, dass er von einem alten Geheimbund für dessen Ziele eingespannt worden war. Zumindest glaubte er das. Auf diese Weise hatte er den Zeremonienmeister des Todes entlarvt. Und nun schickte er sich an, den Geheimbund und den Zeremonienmeister für die Verwirklichung seiner eigenen Vorhaben zu benutzen. Aber dazu brauchte er weitere Werkzeuge, mächtige Werkzeuge aus allen Ländern des Kontinents. Der Anfang war gemacht. Heute hatte er die ersten dieser Werkzeuge um sich geschart.

„Wenn wir Erfolg haben wollen, braucht das „Bündnis zur Befreiung“ Mitglieder aus allen Ländern des Kontinents, denn es gibt in allen Ländern Einflüsse, die die Gestaltung einer erstrebenswerten Zukunft behindern“, dozierte der Sprecher des Priesterordens. „Wir brauchen nicht viele, aber mächtige Mitglieder. Der erste Schritt ist getan. Zallux zu Drinh wurde zum Hüter der Flammen gewählt.“

„Dann soll das hier also eine Gründungsveranstaltung sein“, unterbrach Enebenteph die kurze Kunstpause des Ordenssprechers. Enebenteph war die vierte Person an dem rustikalen, für die kleine Gruppe viel zu großen Eichentisch. Der Surdyrier galt als die graue Eminenz von Lumbur-Seyth, obwohl er offiziell nur als Botschafter Surdyriens auftrat. Ihm stand als Einzigem im Konvent von Lumbur-Seyth ein Vetorecht zu. Auf diese Weise konnte er alle Entscheidungen, die in dem Stadtstaat getroffen wurden, zu Fall bringen. Der gemeinsamen Tradition entsprechend sollten dadurch Auseinandersetzungen zwischen den Bruderstaaten verhindert werden. In Wahrheit war Enebenteph jedoch ein treuer Gewährsmann des Kollektivs von Obesien. Von seinem Vetorecht machte er stets dann Gebrauch, wenn irgendwelche Beschlüsse den Obesiern nicht behagten. 

„So ist es“, bestätigte ihm Saradur. „Ideen sterben nicht. Vor vielen Jahren wurde von einem Wanderpriester des Wissens der Geheime Bund von Dunculbur gegründet. Es gibt ihn wohl nicht mehr in seiner ursprünglichen Form. Aber seine Ziele sind es wert, wiederbelebt zu werden.“

Saradur machte erneut eine bedeutsame Pause. Seine Gefolgsleute hatten allesamt noch nie etwas vom Geheimen Bund von Dunculbur gehört. Deshalb konnte er sicher sein, dass sie auch keine Ahnung davon hatten, wie wenig seine eigenen Ziele mit denen des Geheimen Bundes übereinstimmten. Genau genommen wusste er es selbst nicht.

„Bevor wir aber im Einzelnen unsere Ziele definieren und die Wege festlegen, wie wir sie erreichen können, müssen wir vollzählig sein“, erklärte Saradur weiter. „Sebinirt hat von uns allen die besten Verbindungen zu sämtlichen Ländern des Kontinents. Wen wirst du ansprechen?“

„Dolmand-Jakodan aus Gatya, Jekisebek aus Sindra, Baron Schaddoch aus Surdyrien, Thulminth aus Lohidan, Tillbar aus Oot und Dolugon aus Borthul“, beantwortete Sebinirt die Frage, die sie bereits erwartet hatte.

„Baron Schaddoch ist gemeingefährlich und ein Feind Obesiens“, wandte Saradur ein. „Außerdem traue ich ihm nicht.“

„Er wäre noch gefährlicher, wenn er nicht dabei wäre“, gab die zweitreichste Frau aus Lumbur-Seyth zu bedenken.

„Es ist deine Entscheidung“, gestand der Ordenssprecher zu. Aber weder er noch Sebinirt hatten eine Vorstellung davon, wie gefährlich der selbsternannte Baron wirklich war, und dass solche Fehleinschätzungen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten konnten. 





Kapitel 3 – Bündnisse und Täuschungen



Braune, mehrstöckige Zweckbauten beherrschten das Bild in den Vororten von Modonos. Dazwischen lagen staubige Rasenflächen mit verdorrten Gräsern und ein paar schmucklosen Sitzbänken aus rohen Holzbrettern auf Steinfundamenten. Auf einer dieser Bänke saßen zwei Händler, die dem Anschein nach über ein Geschäft debattierten. Der eine trug die dunkelrote Samtkappe eines akkreditierten Kaufmanns aus dem Norden, der andere die Landestracht Borthuls mit einem Band um den Arm, welches die gleiche Farbe hatte wie die Kappe des Nordmanns. In Wahrheit drehte sich ihr Gespräch aber nicht um Handelsgeschäfte.

„Das Kollektiv glaubt, dass Piraten aus Borgoi die Fangflotte Senesia Sidas im Hafen von Tassivedes vernichtet haben. Die Obesier sind im Begriff, einen Vergeltungsschlag gegen die Insel vorzubereiten“, sagte der Mann, dem unter seiner roten Mütze die schwarzen Haare ins Gesicht hingen.

„Dieses Kollektiv besteht anscheinend nur aus Idioten“, erwiderte der andere Mann. „Welches Interesse sollten die Freibeuter an einem solchen Überfall haben? Außerdem liegt in Nottikar ein Teil der Kriegsflotte von Sindra. Ein solches Unternehmen wäre normalerweise glatter Selbstmord. Wer sollte ein derartiges Risiko eingehen, um einen verschlafenen Fischerhafen zu überfallen?“

„Irgendjemand hat die Obesier jedenfalls von dieser Geschichte überzeugt“, vermutete der Mann mit der Mütze. „Die surdyrischen Kriegskoggen in Lumbur-Seyth sollen in Bereitschaft zum Auslaufen versetzt werden.“

„Die surdyrische Flotte ist die obesische Flotte“, sprach der Borthuler eine bekannte Tatsache aus. „Sie ist stark genug, um die Freibeuter zu vernichten und Borgoi zu besetzen.“

„Sie könnten Lokhrit um Hilfe bitten“, schlug der Schwarzhaarige vor.

„Im Gegensatz zu Ihnen bin ich wirklich ein Kaufmann, Graf Sestor“, entgegnete der Borthuler. „Ich würde nie und nimmer quer durch ganz Obesien Lohidan heil erreichen. Ich sehe das realistisch: Wenn Sie uns nicht helfen, werden wir Borgoi verlieren.“

Sestor nickte nachdenklich. Obesien war ein Feind des Nordens. Lokhrit unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Zogh, aber Borthul hatte bisher seine völlige Neutralität bewahrt. Eine Hilfe für Borgoi konnte dies womöglich zugunsten des Nordens verändern.

„Einverstanden“, stimmte der Eisgraf zu. „Aber Sie werden der Kongregation vermitteln, dass der Norden ein Freund Borthuls ist und vielleicht auch einmal Hilfe benötigt.“

„Meine Einstellung kennen Sie, Graf Sestor“, wand sich der Borthuler, dem man ansehen konnte, dass ihm das Ansinnen Sestors äußerst unangenehm war. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ihre Hilfe rettet vielleicht die Freibeuter. Aber Borthul hat offiziell nichts mit Piraten zu tun. Solange nicht die Insel selbst angegriffen wird, wird sich an der Neutralität Borthuls nichts ändern.“

„Gut, ich gehe dieses Risiko ein“, stimmte der Eisgraf dennoch zu. „Ich bitte Sie trotzdem, die Kongregation zu informieren. Möglicherweise wird sich später ja doch noch einmal jemand an meine Hilfe erinnern.“

Der Borthuler atmete erleichtert auf: „Ich gebe Ihnen einen Brief an den Hafenmeister von Lohidan mit. Thulminth ist der mächtigste Mann in Lokhrit. Mit ihm müssen Sie die Sache besprechen.“

Dem Hafenmeister von Lohidan unterstand die größte Flotte des Kontinents. Sie war auf den Meeren genauso gefürchtet wie die Heere seiner Freunde, der Zogh, auf dem Festland.

*

Charas zu Drinh hatte rein äußerlich wenig Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem neuen Hüter der Flammen. Der große, muskulöse Mann, dem man einen hohen Intellekt nachsagte, verfügte aber auch über eine Eigenschaft, deren Wertigkeit die Meinungen spaltete:

Die einen nannten sie Durchsetzungsvermögen, die anderen schiere Brutalität. Zumindest in dieser Eigenschaft deutete sich das enge Verwandtschaftsverhältnis zu seinem Erzeuger und vormaligen Fürsten zu Drinh an.

Vor einigen Tagen hatte ihm ein Bote die Nachricht überbracht, dass sein Vater den Eisgrafen Unitor ermordet habe, und deswegen eine Gruppe mächtiger Personen um den Berater und die Eisgrafen nunmehr versuchten, ihn im Quaralpalast festzusetzen. Offenbar waren sie bestrebt, durch ein erneutes Elektral seine Amtsenthebung zu betreiben. Völlig unbeeindruckt davon führte Zallux jedoch weiterhin zusammen mit dem Verwalter die Regierungsgeschäfte. Der Verwalter stand wieder in Amt und Würden, nachdem in Sylabit geklärt worden war, dass er bei seinen Verfehlungen unter Zwang gehandelt hatte.

Charas zu Drinh dachte unentwegt darüber nach, welche Vorteile er aus dieser neuen Situation schlagen konnte. Durch eine unvorhergesehene Wendung wurde ihm diese Entscheidung abgenommen. Ein vermummter Mann hatte durch die Wachen ausrichten lassen, dass er einen Vorschlag unterbreiten werde, der Charas dabei helfen sollte, die Nachfolge seines Vaters im Quaralpalast anzutreten. Als Treffpunkt hatte der Mann ein altes, verlassenes Gehöft außerhalb von Drinh vorgeschlagen, das mitten auf einer übersichtlichen, kargen Ebene stand.

Der Fürst hatte das teilweise verfallene Hauptgebäude kurz vor der vereinbarten Stunde von seiner Palastwache umstellen lassen. Dann ging er, flankiert von zwei Leibwächtern, hinein und blieb überrascht stehen. Auf einem altersschwachen Stuhl mit einer halb verrotteten Lehne saß eine seltsame Gestalt, eingehüllt in einen dicken, dunkelbraunen Pelz. Von ihrem Gesicht waren nur zwei dunkelrot glühende Augen zu erkennen. Auf dem Boden lag ein gefesselter Mann. Charas fiel sofort auf, dass der Gefangene die blaue Schärpe der Boten trug.

„Ich sehe, Ihr seid ein vorsichtiger Mann. Das gefällt mir“, sagte der Vermummte mit einem nicht zu überhörenden, sarkastischen Unterton. „Aber in meinem Fall ist diese Vorsicht nicht notwendig. Ich habe Euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er deutete auf den gefesselten Boten.

„Wer seid Ihr?“, fragte Charas zu Drinh den Vermummten.

„Das tut nichts zur Sache“, antwortete jener. „Der Bote hier hat eine wichtige Nachricht, die vermutlich für Euren Vater bestimmt ist. Sie stammt von einer Eisgräfin. Mir wollte er sie nicht verraten. Vielleicht ist er Euch gegenüber kooperativer. Ich nehme an, dass diese Botschaft für Euch ungleich wichtiger ist als für mich. Wenn er auch mit Euch nicht sprechen will, habt Ihr sicherlich Mittel und Wege, um ihm die Zunge zu lösen.“

Charas zu Drinh sah zu dem Boten, in dessen Augen die nackte Angst zu erkennen war. Daher befahl er nur knapp: „Sprich!“

„Bitte, Fürst zu Drinh“, flehte der Bote mit leicht zitternder Stimme. „Mir wurde ausdrücklich aufgetragen, die Nachricht ausschließlich dem Hüter der Flammen, dem Berater oder der Obersten Strategin zu überbringen.“

„Mein Vater und ich haben keine Geheimnisse voreinander“, behauptete der Fürst. „Nachrichten, die für ihn bestimmt sind, sind auch für mich bestimmt. Also sprich jetzt!“

Der Bote schien fieberhaft zu überlegen. Charas zu Drinh ging ungeduldig im Zimmer auf und ab bis er schließlich vor dem gefesselten Mann stehenblieb und ihn anherrschte:

„Ich habe nicht ewig Zeit. Also rede endlich!“

Als wiederum keine Antwort kam, zog Charas sein Schwert aus dem Futteral und setzte die Spitze auf den rechten Oberschenkel des Boten: „Sage mir sofort die Nachricht, sonst wirst du deine Stellung aufgeben müssen.“

Ein paar Sekunden herrschte angespannte Stille. Nur das ängstliche Atmen des Boten war zu hören. Dann versenkte Charas zu Drinh sein Schwert langsam in den Oberschenkel des Boten, der vor Schmerzen laut aufschrie. Blut quoll aus der Wunde, während der Fürst das Bein durchbohrte. Dann zog er die Klinge wieder heraus, setzte die Spitze des Schwerts auf den linken Oberschenkel des Boten und schickte sich an, erneut zuzustechen.

„Aufhören!“, brüllte der Bote. „Ich sehe ein, dass Ihr legitimiert seid, die Nachricht zu empfangen.“ Charas zu Drinh zog sein Schwert zurück.

„In der Einöde von Clampp gibt es eine geheime Festungsanlage der Obesier“, berichtete der Bote hastig. „Sie halten dort wahrscheinlich Menschen aus dem Norden gefangen, vielleicht sogar die verschwundenen Bewohner von Sanh. In meiner Tasche findet Ihr eine Karte, auf der die genaue Lage des Kastells verzeichnet ist.“

„Von wem stammt diese Nachricht?“, wollte der Fürst wissen.

„Von der Eisgräfin Quintora“, antwortete der Gefangene schwach. Inzwischen strömte sein Blut stärker aus der Wunde und ergoss sich über den schmutzigen Fußboden.

„Wozu soll diese Anlage dienen?“, hakte Charas zu Drinh nach. Da mischte sich jedoch der Vermummte ein:

„Diese Frage kann er Euch nicht beantworten. Er kann Euch jetzt überhaupt nichts mehr nützen.“

Charas zu Drinh hatte verstanden. Er bückte sich, klopfte dem Boten beruhigend auf die Schulter und zog die Kartusche mit der Karte aus dessen Wams. Dann stieß er ihm mit einer schnellen Bewegung das Schwert mitten ins Herz. Der Bote röchelte kurz und war danach sofort tot. Charas zu Drinh warf dem Vermummten einen vielsagenden Blick zu. Dabei murmelte er:

„Zeugen können manchmal verwirrende Angaben machen, die letztlich niemand etwas nützen und nur unnötige Unruhe stiften.“

„Was den Boten anbelangt gebe ich Euch recht“, nickte der Vermummte. „Aber ich bin kein Zeuge, sondern derjenige, den Ihr braucht, falls Ihr den Wunsch hegt, Hüter der Flammen zu werden.“

„Warum sollte ich einen solchen Wunsch haben?“, fragte der Fürst zu Drinh scheinheilig.

„Haltet mich nicht zum Narren!“, brauste der Vermummte auf. „Hört Euch lieber an, was ich Euch zu sagen habe: Clampp ist nicht die einzige Festung auf Eurem Boden. Es gibt eine weitere, die Euer Vater übernehmen sollte, nachdem sie von den Obesiern errichtet und von der Obersten Strategin ausgehoben wurde. Diese Festung befindet sich hier ganz in der Nähe, bei Doront. Wenn Ihr nicht von Euren Feinden vernichtet werden wollt, müsst Ihr ein Heer aufstellen. Wie uns Euer Vater nun mit seinem Scheitern beweist, braucht man eine Hausmacht, um sich auf dem Flammenthron zu halten. Mit den Festungen von Doront und Clampp habt Ihr dafür die besten Voraussetzungen. Ich könnte die Versorgung eines solchen Heeres durch die Bauern in Nord-Obesien sicherstellen. So, und jetzt sagt bitte Euren Wachen, dass sie nach Hause gehen und sich auf ihre künftigen Aufgaben vorbereiten sollen. Ich werde ebenfalls gehen, aber ich werde wieder da sein, wenn Ihr mich braucht.“

Der Mann im braunen Pelz mit den rotglühenden Augen erhob sich und ging zur Tür hinaus. Charas zu Drinh folgte ihm. Während der Fürst noch unschlüssig hinter ihm dreinschaute, holte der Vermummte einen großen Rappen aus einem benachbarten Stallgebäude und saß auf. Charas gab seinen Männern das Zeichen, ihn ungehindert davonreiten zu lassen. 

*

Orandula-Orondinurs Ankunft in Dukhul gestaltete sich ähnlich triumphal wie ihre Rückkehr aus Oot. Als sich die frühen Nebelschleier gelichtet hatten, konnte sie von der prunkvollen Galeere des Hochkönigs aus die in der Morgensonne glänzenden Türme der Hafenstadt erkennen. Wie schillernde Leuchtfeuer ragten sie aus dem Meer der weißen Gebäude empor. Da ahnte die ehemalige Eisgräfin schon, dass die Stadt auf Befehl des allmächtigen Hochkönigs für ihren Empfang herausgeputzt worden war. Nach wie vor hatte sie große Schwierigkeiten, sich in diesem ganzen Blendwerk aus Pomp und Protz wohlzufühlen; aber das war eben die andere Seite Sindras, die zu akzeptieren sie lernen musste. Gewiss handelte es sich um ein Volk, das auf Äußerlichkeiten Wert legte und gerne seinen Reichtum zur Schau stellte. Aber entsprang ein derart überschwänglicher Liebesbeweis, wie er ihr zuteilwurde, nicht auch einer tief empfundenen Verehrung, die sie nicht enttäuschen durfte? 

Als sie das Schiff im Kriegshafen des Hochkönigs verließ, bildeten jeweils eine Hundertschaft von Fußsoldaten und Reitersoldaten ein Spalier, an dessen Ende sie Jekisebek, der Hafenmeister, und Yxistradojn, der Statthalter von Doinat, in prächtigen Gewändern erwarteten. Jekisebek trug seine Amtskette mit einem goldenen Anker, und Yxistradojn, der Vetter des Hochkönigs, ebenfalls das Symbol seiner herausragenden Stellung, einen Stirnreif aus Rotgold mit blauen Türkisen. Nachdem beide Orandula-Orondinur mit einer Umarmung begrüßt hatten, wie sie in Sindra nur unter höchsten Würdenträgern üblich war, begleitete Yxistradojn sie zu der bereitstehenden Kutsche.

Diesmal lehnte Orandula-Orondinur die ihr angebotene Sänfte dankend ab und schritt stattdessen an der Seite von Argo a Narga zu der prunkvollen Kutsche, wo ihr der Statthalter von Doinat den Schlag öffnete. Sie hätte es vorgezogen, wie damals in Doinat mit liebevoll zugedachten Blumen, anstatt mit waffenstrotzender Ehrerbietung begrüßt zu werden. Und auch ihren künftigen Gemahl hätte sie lieber gesehen als die beiden Stadtfürsten. Aber da ihr die protokollarischen Rituale Sindras immer noch reichlich fremd waren, bemühte sie sich um einen würdigen Auftritt und winkte den zahlreichen Menschen hinter den beiden Linien der Soldaten freundlich zu.

Als sie die Kutsche betrat und Wiilidir dort wartete, hob dies ihre Stimmung. Auch die Fahrt nach Zitaxon verlief wesentlich angenehmer als sie befürchtet hatte. Yxistradojn glänzte als geistreicher Unterhalter. Nach den Gesprächen mit ihm musste sich Orandula eingestehen, dass er wesentlich gebildeter war als sie dies bei einem Mann in seiner Stellung als Oberbefehlshaber der sindrischen Heere erwartet hätte. Obwohl der Statthalter nur wenige Jahre mehr als Gylbax zählte, verfügte er über ein phänomenales Wissen, das auch die Besonderheiten fremder Völker einschloss.

Ihre Ankunft in Zitaxon übertraf noch einmal deutlich das Geschehen nach ihrer Rückkehr aus Oot. Die Bevölkerung der großen Stadt säumte die Straßen schon ab der Allee der Sarkophage und jubelte ihr zu als sei sie bereits die Königin und habe die halbe Welt erobert. Selbst das laute Gekrächze von Syx konnte Orandula-Orondinur kaum noch hören. Die gesamte Bevölkerung Zitaxons schien auf den Beinen zu sein und begleitete die Kutsche bis zum Sternpalast, wo Gylbax auf sie wartete. Er hatte die schwarz-goldene Prunkrobe der Hochkönige angelegt und die Universalkrone aufgesetzt. Sonne und Mondsichel aus massivem Gold prangten auf verschlungenen und gehärteten Stricken in den Farben rot und weiß, die Blut und Knochen der besiegten Feinde symbolisieren sollten.

Gylbax setzte sich wieder einmal über das Protokoll hinweg, indem er auf die Kutsche zurannte und seine zukünftige Gemahlin umarmte als sie gerade ausgestiegen war. Nachdem er sie auf beide Wangen geküsst hatte, trat er zwei Schritte zurück und bekundete: „Das Warten hat sich erneut gelohnt. Du bist noch schöner als in meiner Erinnerung. Ich wünschte mir, dass du mich nie mehr verlassen würdest. Aber was viel wichtiger ist als meine Wünsche: Hast du einen Wunsch?“

Orandula-Orondinur wurde einmal mehr durch die Situation überwältigt. Inzwischen hatte sich die riesige Menschenmenge, die der Kutsche gefolgt war, auf dem großen Platz vor dem Sternpalast versammelt. Leise sagte Orandula-Orondinur zu Gylbax: „Ich würde gerne hierbleiben.“

Das Gesicht des Hochkönigs drückte plötzlich eine Freude aus, wie sie die ehemalige Eisgräfin noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er trat drei Schritte an ihr vorbei und reckte die Faust in die Luft. Sofort trat auf dem großen Platz eine atemlose Stille ein, dass man eine Münze hätte fallen hören können. Dann schrie der Hochkönig, so laut er konnte, seinem Volk zu: „Begrüßt eure neue Königin!“

Sofort brandete donnernder Jubel auf, in dem minutenlang alle weiteren Worte des Hochkönigs und seiner künftigen Gemahlin untergingen.

*

Kristallklares Wasser wurde durchdrungen von schillernden Spiegelungen. Bruchstücke des Lichts einer unendlich weit entfernten Sonne tanzten auf und unter der leicht gekräuselten Oberfläche des Ozeans. In der kleinen, malerischen Bucht tummelten sich Schwärme farbenprächtiger Fische zwischen großen Steinen und kleinen Riffen, die mit Korallen und exotischen Wasserpflanzen überzogen waren. Tief unterhalb des Dreimasters konnte man die fächerförmigen Strukturen des feinsandigen Meeresbodens in allen Einzelheiten erkennen.

Im Hintergrund erhoben sich die Gebäude des Paradieses der Küste. Crandin wusste, dass es sich keineswegs um ein Paradies handelte, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkte.

Nachdem der Dreimaster vor Anker gegangen war, ließen Crandin und Drogunod, der Steuermann von der Halbinsel Beladint, ein Ruderboot zu Wasser. Während sie dem Festland entgegen ruderten, verließ eine Gruppe von sechs Personen das Monasterium und näherte sich ihnen. Crandin und Drogunod legten am Ufer an bevor die Gruppe die Anlegestelle erreicht hatte. Der kräftige Steuermann aus Lokhrit zog das Holzboot weit genug den Sandstrand hinauf, so dass es von der Dünung nicht mehr erfasst werden konnte.

Zwischenzeitlich hatte Crandin die Männer erkannt, die sie in Empfang nahmen. Die Gruppe bestand aus den fünf Leibwächtern Baradias sowie Tillbar, seinem älteren Halbbruder. Die sechs Männer bauten sich vor Crandin und Drogunod in einer Linie auf und versperrten ihnen den weiteren Weg zum Paradies der Küste.

„Was willst du hier, Verräter?“, fauchte Tillbar seinen Halbbruder an.

„Ob ich wirklich ein Verräter bin, können wir später klären“, entgegnete Crandin mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Ich möchte Baradia sprechen.“

„Baradia ist in Sindra, und ich glaube kaum, dass sie bald zurückkehren wird“, erklärte Tillbar.

„Wer leitet das Paradies in ihrer Abwesenheit?“, wollte Crandin wissen.

Tillbar zeigte auf die Leibwächter: „Wie du siehst, tue ich das.“

Crandin überlegte kurz, dann sagte er: „Ich bitte dich, mich ein einziges Experiment durchführen zu lassen. Danach werde ich sofort wieder verschwinden.“

„Du hast unsere Gemeinschaft verraten“, schimpfte Tillbar. „Und jetzt bist Du zurückgekommen, weil du etwas von uns willst. Eigentlich müsste ich dich gefangennehmen und in den Kerker werfen. Das werde ich nicht tun. Aber ich werde dir auch nicht erlauben, das Paradies zu betreten solange Baradia nicht hier ist. Du wirst auf dein Schiff zurückkehren und keinen Fuß mehr auf diesen Boden setzen. Es steht dir frei, auf dem Schiff zu warten bis Baradia zurückkommt. Wenn du trotzdem versuchst, hier nochmals zu landen, werden Agur und seine Leute dich in Stücke hauen.“

Damit drehte Tillbar sich um und schritt zurück zu den Gebäuden der Priester des Wissens. Die Leibwächter Baradias blieben noch eine kurze Weile stehen bis Crandin und Drogunod ihr Boot wieder ins Wasser geschoben hatten und eingestiegen waren. Dann folgten sie Tillbar. Crandin und der Steuermann ruderten mit sorgenvollen Minen zurück zu ihrem Schiff. Dort begann das Warten.

Nachdem drei Tage seit der Begegnung mit Tillbar vergangen waren, bemerkte Crandin, dass sich das Echo abschwächte, das die Mon’ghale in Unitors Gehirn erzeugten. Daraufhin nahm er einen der Mon’ghale aus dem Kasten, verbarg ihn in einer Tasche seiner leichten Leinenhose und machte sich auf die Suche nach Drogunod. Dieser lag gelangweilt in einer Hängematte seiner Kajüte und starrte an die Decke als Crandin eintrat. Der Steuermann setzte sich sofort auf. Crandin kam ihm gerade recht, da er ihm ohnehin seine Sorgen vorhalten wollte:

 „Du weißt, dass die Vorräte nur noch wenige Tage reichen. Spätestens in drei Tagen müssen wir nach Lohidan oder Kumor segeln. Wir können dann ja anschließend wieder hierher zurückkommen.“

Drogunod kannte Crandins Problem nicht. Der Priester des Wissens war gerade deshalb zu ihm gekommen, um herauszufinden, ob die Zeit für eine Fahrt nach Lohidan oder Kumor tatsächlich noch reichte. Dafür musste er den Steuermann als Medium missbrauchen. Verstohlen holte er den Mon’ghal aus seiner Tasche, so dass Drogunod ihn nicht sehen konnte, aber der Mon’ghal die Möglichkeit hatte, den Steuermann zu fixieren. Dessen Augen wurden plötzlich stumpf und ausdruckslos.

„Ich nehme an, Sie haben mich hierhergebracht, weil Sie mit mir reden wollen“, sagte Drogunod. Crandin empfand es nach wie vor als gespenstisches Erlebnis, wenn er sich durch einen Menschen mit einem Mon’ghal unterhielt.

„Ich habe den Eindruck, dass die Hirnströme des Eisgrafen schwächer werden“, vermutete der Priester des Wissens.

„Das ist richtig“, bestätigte der Mon’ghal durch Drogunod. „Wir werden sie höchstens noch etwa vier bis fünf Tage aufrechterhalten können.“

„Sie wissen, dass Sie Ihre Daseinsberechtigung verloren haben, wenn das Echo erlischt“, drohte Crandin.

„Das wissen wir. Aber die Schäden im Gehirn des Eisgrafen werden immer größer. Wir können das nicht aufhalten.“ Die monotone Stimme Drogunods ließ nichts über den Gemütszustand des Mon’ghals erkennen.

„Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte“, stellte Crandin betrübt fest. „Ziehen Sie sich aus dem Gehirn des Steuermanns zurück und übernehmen Sie wieder Ihre Aufgabe!“

Während er den Mon’ghal in seine Tasche steckte, klärte sich der Blick Drogunods.

„Was hast du gerade gesagt?“, fragte er.

„Ich habe nichts gesagt, nur überlegt“, antwortete Crandin. „Wir werden so lange hierbleiben wie dies möglich ist.“

Als Crandin am Morgen des darauffolgenden Tages an der Reling des Schiffes stand und sehnsüchtig zum Paradies der Küste hinüber schaute in der Hoffnung, Baradia könnte endlich zurückgekommen sein, sprach Drogunod ihn erneut wegen der Vorräte an. Der junge Priester wusste, dass der Steuermann recht hatte, und die ganze Besatzung durch weiteres Zögern gefährdet wurde. Die Warterei zerrte jedoch an seinen Nerven, und so fuhr er Drogunod ungehalten an und wies darauf hin, dass der Berater ihm und nicht dem Steuermann den Befehl über das Schiff übertragen hatte.

Insgeheim hatte sich Crandin ständig darüber Gedanken gemacht, ob es eine Möglichkeit gab, gegen Tillbars Willen in die Experimentalräume des Monasteriums einzudringen. Aber er musste derartige Pläne immer wieder begraben. Aufgrund der Lage der Gebäude stand nicht ernsthaft zu erwarten, unentdeckt auch nur in deren Nähe gelangen zu können.

Unterdessen wurde das Gehirnecho Unitors stetig schwächer. Crandin musste sich eingestehen, dass sein kühnes Vorhaben fehlgeschlagen war. Da Unitor ohnehin endgültig verloren schien, konnte er nicht auch noch das Leben der gesamten Schiffsbesatzung aufs Spiel setzen. Deshalb entschloss er sich schweren Herzens, um die Mittagsstunde den Befehl zur Abreise nach Lohidan zu geben.

Zwei Stunden später verließ er seine Kabine und begab sich an Bord. Er hatte die Absicht, die Besatzung auf die Abreise vorzubereiten. Während er in Richtung des Schiffsbugs ging, erfasste er zufällig eine Bewegung an Land. Eine Gruppe von Menschen lief von den Gebäuden des Monasteriums in Richtung der Anlegestelle am Meeresufer. Crandin zählte zwölf Personen. Er beschattete die Augen gegen die Blendung durch das einfallende Sonnenlicht und konnte so erkennen, dass es sich um elf Shondo und einen Mann in einem weißen Gewand handelte.

Einer der Shondo und der Mann im weißen Gewand lösten ein Boot von der Anlegestelle und ruderten auf den Dreimaster zu. Als Crandin erste Einzelheiten in den Gesichtszügen der Männer erkannte, fragte er sich, ob er seinen Augen trauen konnte: Berion und Uggx. Crandin befahl zwei Matrosen, eine Strickleiter hinabzulassen, damit der Höchste Priester und der Shondo an Bord kommen konnten.

Berion begrüßte Crandin mit einer kurzen Umarmung. Dann stellte er sofort die Frage, die Crandin erwartet hatte: „Wie steht es um den Eisgrafen?“

„Äußerst schlecht“, bekannte Crandin. „Das Gehirn stirbt ab. Die Mon’ghale können das Echo nicht mehr lange aufrechterhalten.“

„Ich habe die Leitung des Monasteriums übernommen“, informierte ihn Berion. „Nimm mit Uggx die Leiche und bringe sie in den kleinen Experimentierraum im Westflügel.“

Crandin führte Uggx in die Kajüte, wo sich der Leichnam Unitors befand. Gemeinsam schafften sie den Körper in das Ruderboot, mit dem Berion gekommen war und brachten ihn anschließend an Land. Die Gruppe der Shondo schirmte den Leichnam gegen neugierige Blicke ab, während Crandin und Uggx ihn in den Westflügel des Monasteriums und von dort in den kleinen Experimentierraum im Obergeschoß trugen. Dort legten sie ihn auf einer Holzpritsche ab. Nach etwa zehn Minuten betrat Berion den Raum. In seiner Rechten hielt er einen Glaskolben mit einer langen Spitze aus Silber. Das Gefäß hatte einen doppelten Boden aus zwei Silberplatten, wobei sich die innere mit Hilfe eines langen Griffs verschieben ließ. Auf diese Weise konnte man die graugrüne Flüssigkeit, mit der das Gefäß gefüllt war, aus einem winzigen Loch in der Spitze herauspressen. 

Crandin hatte lange mit sich gerungen, bevor er schließlich doch den Höchsten Priester über das Elixier der Wiedererweckung informiert hatte, dessen Rezeptur Baradia genauso eifersüchtig hütete wie den Odem des Lebens. Als sie mit Conumun und Unitor aus Obesien zurückgekehrt war, hatte Crandin in Conumun zunächst nur einen weiteren Liebhaber Baradias gesehen. Aber bald bemerkte er, dass er den Mann unterschätzt hatte. Conumun verbrachte an den meisten Tagen viele Stunden in einem botanischen Experimentierraum des Monasteriums.

Neugierig hatte Crandin die Gelegenheit genutzt als der Mann aus Xotos diesen Raum einmal für längere Zeit verlassen und dabei seine Aufzeichnungen vergessen hatte. So war Crandin auf die Rezeptur gestoßen, die nun seinem Freund Unitor das Leben zurückbringen sollte.

Berion setzte die Spitze des Gefäßes am Hals des Eisgrafen an und stieß die Nadel durch die Haut. Dann drückte er den Inhalt mit Hilfe des Schiebers in die Blutbahn des noch völlig intakten Körpers. Nach einigen Minuten schon begannen die Finger des Eisgrafen zu zucken.

Zwei große, runde, schwarz glänzende Augen schälen sich aus der konturlosen Dunkelheit. Graue Leere. Lang andauernde, graue Leere. Ein Hauch von Erinnerungen weht durch einen endlos hohlen Raum. Das Nichts zerfließt in zarten Farben, die kräftiger werden, sich zusammenfügen. Eindrücke aus der Vergangenheit, wie Tropfen, verdichten sich in – Bildern? In immer schneller wechselnden Bildern. Ein Blitz, ein Augenaufschlag im grellen Sonnenlicht. Schmerzen. Ein Gesicht. Rote Augen, rote Haare. Crandin!

„Was ist geschehen?“ Für einen Moment zweifelte Crandin daran, dass die Worte tatsächlich aus dem Mund Unitors gekommen waren.

Er antwortete nicht. Er wollte abwarten und sehen, ob Unitors Hirnfunktionen Schaden gelitten hatten. 

Nach einigen Sekunden erinnerte sich Unitor plötzlich: „Der Hüter der Flammen. Warum hat er das getan?“

Da trat der Höchste Priester in sein Gesichtsfeld.

„Berion?“ Ein seltsames Knirschen lag immer noch in der Stimme des Eisgrafen. Er versuchte, seinen Oberkörper etwas anzuheben. Zuerst fiel er wieder auf die Pritsche zurück. Aber beim zweiten Versuch gelang es schon besser. 

„Ja, Unitor“, bestätigte der Höchste Priester. „Wenn dein Körper sich erholt hat, gibt es einiges zu berichten.“

Durch den Schlaf des Todes fühlte sich Unitor wie ein neuer Mensch. Das Elixier hatte die Wunde in seinem Rücken geschlossen als sei sie nie vorhanden gewesen. Jetzt konnte er sich sogar aufsetzen. Als seine Füße den Boden berührten, stemmte er sich in die Höhe. Noch etwas unsicher stand er auf den Beinen. Crandin stützt ihn. Das Kribbeln in seinen Gliedern war kaum noch wahrnehmbar, und nach anfänglichem Wanken wurden seine Schritte sicherer. Berion und Crandin führten ihn in ein abgeschiedenes Besprechungszimmer am Ende des Korridors. Unitor fiel auf, dass an der Wand des Zimmers ein Porträt Berions hing, des Mannes, mit dem er vor noch nicht allzu langer Zeit gemeinsam von hier bei Nacht und Nebel geflüchtet war. Und soeben hatte ihn derselbe Mann von den Toten wiedererweckt. Der Höchste Priester bemerkte Unitors fragenden Blick.

„Du weißt, wo wir sind“, stellte er fest. „Du hast diesen Ort auf unserem Weg hierher wiedererkannt. Baradia ist nicht hier, und du brauchst dich vor ihr auch nicht zu fürchten. Ich habe dafür gesorgt, dass sie uns nichts anhaben kann. Übrigens war ich es, der diese Einrichtung hier gegründet hat. Deshalb das Bild. Aber nun zu deiner ersten Frage: Crandin und ich haben einen Verdacht. Jemand hat Zallux verraten, dass er nicht der wahre Fürst zu Drinh ist.“

„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte Unitor. „Wieso sollte er nicht der Fürst zu Drinh sein?“

„Du musst mir glauben“, verlangte Berion. „Vor vielen Jahren wurde bei einem Feuer in der Burg von Drinh der Säugling der Fürstin gegen einen anderen Säugling vertauscht.“ Crandin nickte bestätigend.

„Woher wollt ihr das wissen?“, fragte Unitor.

„Der Orden der Priester des Wissens zeichnete dafür verantwortlich. Als Leiter dieses Ordens gehört es zu meinen Privilegien, solche Dinge zu wissen“, erklärte Berion.

„Aber was hat das mit mir zu tun?“, fragte Unitor weiter.

„Du bist der direkte Nachfahre Gundurs und damit der echte Fürst zu Drinh. Deshalb wollte Zallux dich beseitigen“, offenbarte ihm Crandin.

Unitor sah ihn ungläubig an: „Das ist unmöglich. Meine Eltern waren einfache Leute in Sanh.“

„Dein Vater war ebenso ein Abkömmling Gundurs wie du. Nur hat er es genausowenig gewusst wie du bis jetzt“, klärte Berion ihn auf.

Als Unitor schwieg, versprach Crandin mit einem Seitenblick auf den Höchsten Priester: „Wir werden dir helfen, dein rechtmäßiges Erbe zurückzubekommen. Ich schulde dir das als der Enkel des Mannes, der für dieses Verbrechen verantwortlich war.“

*

Bei seinem langen Ritt von Modonos nach Lohidan benutzte Sestor die obesische Heeresstraße von der Hauptstadt nach Bogogrant. Die Obesier hatten Straßen durch ihr Land angelegt, auf denen sie schnelle Heeresbewegungen zu allen Grenzen durchführen konnten. Bogogrant lag nur wenige Meilen von der Grenze zu Lokhrit entfernt, oberhalb der Sümpfe im Quellgebiet des Lokh.

Bei der Anlage ihrer Straßen hatten die Obesier auf eine möglichst gerade verlaufende Wegführung geachtet, die zeitraubende Hindernisse vermied. Deshalb kam es Sestor recht merkwürdig vor, dass die Straße kurz hinter der großen Garnisonsstadt Dunculbur am Rande der Obesischen Wüste einen scharfen Bogen nach Süden beschrieb. Die Geländeverhältnisse boten hierfür keinerlei Anlass. Das Land war nur leicht hügelig und der Bewuchs hier in Wüstennähe recht spärlich. Zähe Gräser, Dornensträucher, Sukkulenten und überwiegend verkrüppelte Bäume mit flachen Kronen bestimmten das Landschaftsbild. Sestor hatte sogar den Eindruck, dass die Straße an einigen Stellen bewusst vertieft worden war, um den freien Blick nach Norden zu behindern. Diese außergewöhnliche Streckenführung weckte die Neugierde des geübten Kundschafters. Der Eisgraf ritt bis zum Beginn der Biegung zurück und folgte dann einem gedachten geraden Verlauf der Straße, was sich allerdings wegen der Dornenbüsche als einigermaßen schwieriges Unterfangen erwies. Nach knapp zehn Meilen fand er die Bestätigung dafür, dass er das richtige Gespür gehabt hatte. In einiger Entfernung waren mehrere Gebäudekomplexe zu erkennen, die auf ein obesisches Heereslager hindeuteten.

Vorsichtshalber band Sestor sein Pferd an einem verkrüppelten Baum fest und schlich im Schutz des Gestrüpps näher an die Anlage heran. Es handelte sich eindeutig um einen Stützpunkt der obesischen Armee. Mit Ausnahme der Viper-Flaggen der Geheimen Schar konnte Sestor äußerlich keinen Grund erkennen, warum dieses Lager derart versteckt gehalten und zudem außergewöhnlich gut abgesichert wurde. So hatten die Obesier neben der üblichen Mauer ein zusätzliches, vorgelagertes Stahlgitter um die gesamten Gebäudekomplexe herum errichtet. Die Anlage wies fast doppelt so viele Wachtürme auf wie andere obesischen Festungen, und in dem Bereich zwischen der Mauer und dem Stahlgitter patroullierten zahlreiche Soldaten.

Ansonsten war ein großer Monolith, der im östlichen Bereich des Stützpunktes wie ein Obelisk aufragte das einzig Auffällige. Dennoch wäre Sestor allzu gerne der Sache auf den Grund gegangen. Unwillkürlich musste er an den Ausspruch des Beraters über die Wurzel des Bösen in Obesien denken. Aber er hatte schon auf den ersten Blick erkennen müssen, dass es keine Möglichkeit gab, unentdeckt in die Anlage einzudringen. Außerdem musste er möglichst schnell seine Nachricht nach Lohidan bringen. So entschloss er sich, bei seiner Rückreise aus Lokhrit den gleichen Weg zu nehmen und dann zu versuchen, in dieses mysteriöse Lager hineinzugelangen.

Er holte sein Pferd und ritt in südlicher Richtung zurück, wo er bald wieder auf die zu dieser Zeit fast völlig verlassene Heeresstraße traf.

*

Der langgestreckte Hafen von Lohidan wurde im Süden begrenzt von einer schmalen Landzunge, die weit in den Ozean hinausragte. Am Ende dieser Landzunge stand ein hoher Leuchtturm, das höchste und bekannteste Bauwerk Lokhrits. Nachts wurde die Spitze des Turms befeuert, um den Seefahrern eine Orientierung zu bieten.

An der zum offenen Meer hin gelegenen Seite der Landzunge befand sich ein schlossähnliches Gebäude, der Sitz des Hafenmeisters.

Sestor saß dem dicken Mann in der blau-grünen Tunika in dessen Arbeitszimmer gegenüber, das trotz seiner immensen Ausmaße an eine Kapitänskajüte erinnerte. An drei Wänden hingen Seekarten und überall im Raum waren Schiffsutensilien, wie etwa Hilfsmittel zur nautischen Navigation, verteilt. Die vierte Wand zierte das Banner von Lokhrit, drei weiße Fische auf blauem Grund in der unteren und ein blaues Schiff auf weißem Grund in der oberen Hälfte, dazwischen eine wellenförmige Trennlinie. Vor seiner Wahl zum Hafenmeister war Thulminth fast vierzig Jahre zur See gefahren, zuerst als Steuermann auf einem Handelsschiff und zuletzt als Admiral der Kriegsflotte. Schon die Ausstattung seines Arbeitszimmers ließ erkennen, dass er dieser Zeit bis heute nachtrauerte.

Das von Wetter und Wein gerötete Gesicht des Hafenmeisters schien im Verlaufe der Schilderungen des Eisgrafen ständig dunkler geworden zu sein. Nachdem Sestor seinen Bericht beendet hatte, klopfte Thulminth gedankenverloren mit den Fingern auf die Schreibtischplatte.

„Wenn wir zugunsten Borgois eingreifen, würden wir einen Einmarsch der Obesier provozieren“, gab er zu bedenken. „Allein deren Truppen in Bogogrant sind dreimal so zahlreich wie die gesamte Armee von Lokhrit.“

Aber Sestor ließ diesen Einwand nicht gelten: „Vergessen Sie nicht, dass die Flotte, die die Freibeuter angreift, unter surdyrischer Flagge segelt. Für einen Vergeltungskrieg müssten die Obesier ihre Maske fallen lassen. Außerdem wissen sie inzwischen, dass in Sandammon nicht nur die Streitmacht Ihres Freundes Par.Agdandall steht, sondern auch das Heer der Vereinten Nordlande.“

„Mir wurde berichtet, dass dieses Heer gerade abgezogen wird“, gab der Hafenmeister bekannt.

„Wissen Sie wieso?“, fragte Sestor verwundert.

Thulminth schüttelte den Kopf: „Nein. Da geht es wohl um interne Dinge, die nur die Nordlande betreffen.“

Sestor überlegte kurz bevor er seine Schlussfolgerungen aussprach: „Wenn das gesamte Heer aus Sandammon abgezogen wird, kann es nur nach Tredon verlegt werden. Anderswo gibt es nicht genügend Verpflegungsmöglichkeiten. Aber gerade in Tredon stellt es eine noch viel größere Bedrohung für die Obesier dar. Die werden sich deshalb erst recht hüten, hier einen Krieg anzufangen. Dies umso mehr, als dann immer noch die Heere des Marschalls und der Königin von Zogh in Sandammon liegen. Die Obesier fürchten die Zogh viel mehr als eine gemischte Armee.“

Jetzt dachte der Hafenmeister nach. Deshalb fügte Sestor schnell hinzu: „Was die Zogh an Land sind, sind Sie auf dem Ozean. Sie können jetzt beweisen, dass Lokhrit immer noch die Meere beherrscht.“

Thulminth wog die Argumente des Eisgrafen sorgfältig ab und war schließlich überzeugt: „Ja, Sie haben recht. Ich hätte mich ohnehin nicht dagegen sperren können, meinen Brüdern in Borthul und Borgoi zu Hilfe zu kommen. Aber jetzt fühle ich mich dabei wesentlich wohler.“ Der feiste Hafenmeister grinste und seine kleinen Schweinsäuglein funkelten listig zwischen den aufgedunsenen Augenlidern und Tränensäcken. Er ergriff seinen überdimensionalen Weinkelch und nahm einen tiefen Schluck.

Sestor erhob sich: „Dann kann ich jetzt beruhigt gehen. Wenn Sie erlauben, werde ich noch eine Nacht in Lohidan bleiben, bevor ich morgen die Rückreise antrete.“

Thulminth wischte sich den Mund ab und grinste erneut: „Sie sind ein Freund meiner Freunde und können so lange hierbleiben wie Sie wollen. Ich würde Ihnen sogar anbieten, in meinem Haus zu wohnen, obwohl Sie ein äußerst schlechter Zechkumpan sind, der unsere Weine nicht zu schätzen weiß. Aber ich glaube, Sie werden gleich Ihre Pläne ändern. Gestern ist ein kleiner Dreimaster unter der Flagge der Nordlande in unseren Hafen eingelaufen. Er liegt oben im nördlichen Teil. An Bord sollen angeblich sehr interessante Leute sein. Sie werden sie sicherlich sprechen wollen, zumal Sie dort wohl auch erfahren können, warum das Vereinigte Heer verlegt wird. Ich gebe Ihnen jemanden mit, der Ihnen das Schiff zeigt.“

Sestor strich seine schwarzen Haare aus der Stirn und sah Thulminth an. Der Hafenmeister war noch besser informiert als er gedacht hatte.

„Sie wollen mir nicht sagen wer an Bord ist und worum es geht?“, erkundigte sich der Eisgraf.

„Das könnte ich zwar“, meinte der Hafenmeister lächelnd und zwinkerte mit einem Auge. „Aber ich befürchte, Sie würden mir das nicht glauben. Deshalb müssen Sie es selbst herausfinden.“

Ein Hafenarbeiter begleitete Sestor in den nördlichen Bezirk des zweitgrößten Hafens auf dem Kontinent und setzte ihn dort sogar noch mit einem Ruderboot zu dem schlanken Schiff mit der Flagge der Flammen und Eisbäume über. Sestor wunderte sich, dass an der Reling kein Nordmann erschien, um ihm die Hand zu reichen, sondern ein junger Mann mit rötlichen Augen und roten Haaren.

„Mein Name ist Sestor“, stellte sich der Eisgraf vor. „Der Hafenmeister hat mir geraten, Ihrem Schiff einen Besuch abzustatten.“

Der junge Mann lächelte: „Willkommen, Graf Sestor. Ich heiße Crandin. Ich bin ein Freund Unitors, der gerade von den Toten auferstanden ist. Ich werde Sie zu ihm führen.“

Zuerst hielt Sestor mitten in der Bewegung inne, dann beeilte er sich umso mehr, an Bord zu kommen.

 

In der Kabine des Kapitäns hatte sich eine ungewöhnlich zusammengewürfelte Gesellschaft eingefunden. Der Kapitän war ein ehemaliger Pirat aus Borgoi. Außer ihm befanden sich der lokhritische Steuermann Drogunod, Eisgraf Unitor, der Schnorst von Oot und Berion im Raum. Sestor und Unitor umarmten sich lange und herzlich.

„Ich musste gerade daran denken, was du mir damals in Tharis gesagt hast“, erinnerte sich Unitor und stellte dann Sestor die anderen Männer vor, um anschließend zu fragen: „Was führt dich hierher?“

„Der Hafenmeister hat mir erzählt, dass das Heer der Vereinten Nordlande aus Sandammon abmarschiert sei. Ich habe gehofft, hier Antworten zu finden.“

Die Männer setzten sich, und Unitor schilderte Sestor zunächst alles, was sich seit seiner Flucht aus Oot bis zur Durchführung des Elektrals zugetragen hatte. Danach übernahm Crandin die weitere Berichterstattung über die Ermordung und Wiedererweckung des Eisgrafen.

Sestor benötigte einige Zeit, um die soeben gehörten Ausführungen zu verdauen. Schließlich sagte er: „Ich hatte noch ein kurzes Gespräch mit Novotor bevor er nach Sindra abgereist ist. Dabei erwähnte er deine frappierende Ähnlichkeit mit Gundur zu Drinh. Ich selbst war nie in der Gruft der Hüter.“

Dann berichtete Sestor von seinen eigenen Erlebnissen. Bei der Erwähnung der seltsamen Straßenführung hinter Dunculbur und der Entdeckung der außergewöhnlich gut versteckten und scharf bewachten Lagerfestung der Geheimen Schar unterbrach ihn Berion mehrfach und stellte verschiedene Zwischenfragen, um noch mehr Einzelheiten zu erfahren.

„Wissen Sie etwas darüber?“, fragte Sestor schließlich verwundert.

„Niemand weiß etwas Genaues, und schon gar nicht die breite Masse der Obesier“, antwortete Berion. „Ich könnte mir vorstellen, dass es sich dabei um Tulumath handelt, einen geheimen Stützpunkt des Kollektivs. Nicht einmal mir als Höchstem Priester des Wissens ist es aber bisher gelungen, das Geheimnis zu lüften, das sich dahinter verbirgt.“

Dann drehte er sich zu Uggx um: „Ich muss das jetzt endlich herausfinden. Wirst Du mir dabei helfen?“

Während Uggx noch zögerte, wandte sich Sestor an Berion: „Die Priester des Wissens sind letztlich auch Obesier. Ich verstehe nicht, wieso Sie uns in unserem Kampf gegen Ihre Landsleute beistehen wollen, zumal Sie auch noch der Leiter des Ordens sind.“

Berion lehnte sich in seinem Sessel zurück: „Das ist eine lange Geschichte. Wir Priester des Wissens werden zwar in Obesien geboren …“ Er unterbrach sich und sah Crandin an, dann fuhr er fort: „… jedenfalls in der Regel. Und dort ist auch der Sitz des Ordens. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder von uns zwangsläufig das Kollektiv in seinem Kampf gegen den Rest der Welt unterstützt. Der Orden ist allein der Freiheit des Geistes verpflichtet. So gesehen sind die Obesier sogar eher unsere Feinde als unsere Verbündeten. Solange ich lebe werde ich nicht zulassen, dass die Obesier andere Völker vernichten, aber auch nicht umgekehrt. Nach allem was ich inzwischen weiß, glaube ich nämlich, dass die Obesier nicht von Natur aus schlecht sind. Vielmehr werden ihre Handlungsweisen von irgendetwas oder irgendjemand beeinflusst. Und dabei scheinen auch die Mon’ghale eine Rolle zu spielen, so unglaublich sich dies anhören mag. Unsere Interessen decken sich, weil ich dabei helfen will, das Joch abzuschütteln, das auf Obesien lastet. Dafür arbeite ich seit vielen, vielen Jahren.“

„Der Berater hat gesagt, dass der Orden der Priester des Wissens der Hort des Bösen sei“, warf Unitor ein.

„Nein, so hat das der Berater nie gesagt“, widersprach Berion.

„Woher wollen Sie wissen, was der Berater gesagt hat?“, kam Sestor seinem Mitstreiter zu Hilfe.

Berion zog die Brauen hoch und sah ihn lange an. Dann stand sein Entschluss fest. „Geben Sie mir ein paar Minuten, dann werde ich es Ihnen demonstrieren“, bat er, stand auf und verließ die Kajüte des Kapitäns. Wenige Minuten später öffnete sich die Kabinentür. Eine Gestalt in einem schwarzen Umhang trat ein, von der nur die rotglühenden Augen zu sehen waren. Die beiden Eisgrafen sprangen überrascht auf.

„Ich habe gesagt, dass die Wurzel des Bösen wohl in Obesien sitzt, und dass ich die Priester des Wissens für wesentlich gefährlicher halte als die Obesier“, erklang die dumpfe Grabesstimme des Beraters. „Aber ich habe nie gesagt, dass der Orden der Hort des Bösen sei. Du solltest genauer zuhören, Meister Unitor.“

Die beiden Eisgrafen standen wie erstarrt. Dann schlug der Berater seine Kapuze vollständig zurück und es erschien das lächelnde Gesicht Berions. „Ich habe gelernt, meine Stimme zu verstellen“, sagte er nochmals mit jener Tonlage, die aus einer Gruft zu hallen schien, um danach mit seiner normalen Stimme hinzuzufügen: „Dieses kleine Schauspiel mag euch verdeutlichen, wie gefährlich die Priester des Wissens sind. Aber das bedeutet nicht, dass wir auch alle böse und verkommen sind. Auf einige trifft dies allerdings zu. Deshalb ist es mir auch nie gelungen, den Orden von innen heraus kraft meiner Stellung zu reinigen. Ich musste ein Doppelleben führen, weil ich die Hilfe starker Verbündeter benötigte. Und die brauche ich immer noch.“

Unitor und Sestor hatten sich inzwischen von ihrem Schreck und ihrer Verblüffung erholt. Aber sie waren nach wie vor unfähig, sich zu dem überraschenden Bekenntnis des Höchsten Priesters in irgendeiner Weise zu äußern. Deshalb ergriff Berion erneut das Wort: „Ihr seid die Einzigen, die meine doppelte Identität kennen. Und es wäre zum Vorteil des gesamten Kontinents, wenn das auch so bliebe.“

Anschließend besprachen die Anwesenden das weitere Vorgehen. Während sich Uggx völlig zurückhielt, plädierte Crandin dafür, zuerst Unitor den ihm gebührenden Platz als Fürst zu Drinh zu verschaffen. Berion und die beiden Eisgrafen hielten es dagegen für vordringlich, das Geheimnis von Tulumath zu lüften. Schließlich setzte sich die Mehrheit durch, zumal Tulumath viel näher und gewissermaßen auf dem Weg nach Drinh lag.

*

Das Kollektiv war wütend.

„Wir lassen uns nicht auf diese Art und Weise erpressen“, schimpfte Ares-4.

Senesia Sida sah ihn unbewegt an: „Sie wissen so gut wie ich, dass sich im Handel die Preise nach Angebot und Nachfrage richten. Derzeit ist die Nachfrage nach Ilumit offenbar grenzenlos, während die erschlossenen Vorkommen und die Fördermengen äußerst begrenzt sind. Eine Preiserhöhung um fünfzig von hundert ist daher sehr moderat, weil ich genausogut ein Vielfaches verlangen könnte und auch bekäme. Außerdem muss ich über das Ilumit die Verluste auffangen, die mir durch den Ausfall beim Syndral entstehen.“

Ares-4 schäumte: „Sie können uns doch nicht dafür verantwortlich machen, dass die Piraten Ihre Fangflotte vernichtet haben. Sie wissen, dass wir Vorkehrungen getroffen haben, um dieses Problem ein für alle Mal zu lösen.“

„Die Piraten haben meine Fangflotte nicht vernichtet“, entgegnete Senesia Sida kühl.

„Waaas?“ Ares-4 beugte sich vor und sah sie entgeistert an.

„Das ist der zweite Grund, weshalb ich hier bin“, stellte die Kauffrau klar. „Der angebliche Piratenüberfall war ein Täuschungsmanöver des Hochkönigs von Sindra. Er will alles haben, was ich an Syndral produzieren kann. Deshalb sollen Sie glauben, dass ich keine Pfeilfische mehr fangen kann.“

Ares-2 und Ares-6 sprangen von ihren Plätzen auf.

„Wenn das stimmt, ist es eine eindeutige Kriegserklärung!“, schrie Ares-2.

„Ziehen Sie allen Ernstes in Erwägung, dass ich eigens hierhergekommen bin, um Ihnen eine Lügengeschichte aufzutischen?“, fragte Senesia Sida herablassend.

„Wozu braucht Sindra so viel Syndral?“, wollte Ares-4 wissen.

„Das hat Gylbax mir nicht gesagt“, musste die Minenbesitzerin wahrheitsgemäß einräumen. „Ein Priester des Wissens, den ich befragt habe, meinte, dass man damit die Bewegungsabläufe bestimmter Lebewesen beschleunigen kann. Wenn das beispielsweise bei Transporttieren funktioniert, könnte man viel schneller reisen oder aber auch Kriegszüge schneller durchführen. Aber das sind nur reine Mutmaßungen. Ich habe jedenfalls enorme Verluste, weil ich eine Menge Ilumit in die Syndralherstellung stecken muss, und das zu einem schlechten Preis.“

Nun herrschte betretenes Schweigen im Konferenzzimmer des Kollektivs.

„Können wir jetzt endlich zum Geschäft kommen?“, hakte Senesia Sida nach.

Aber Ares-2 war dazu noch nicht bereit: „Das wäre ein weiterer Grund, um Sindra anzugreifen, bevor sie das Syndral als Waffe gegen uns einsetzen können.“

„Wir können dies später intern besprechen“, mahnte Ares-4. „Hören wir jetzt, was Senesia Sida uns anzubieten hat!“ 

Die heimliche Königin von Lumbur-Seyth ging davon aus, dass sie dieses Spiel gewonnen hatte: „Ich habe Ihnen bereits vorgeschlagen, dass ich Ihnen weiterhin das gesamte Ilumit, welches ich nicht selbst benötige, zu einem angemessenen Preis überlasse. Ich werde Sie auch mit Syndral weiterbeliefern. Im Übrigen läge es wohl in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie meine Minen durch Wachen in geeigneter Weise absichern würden, ohne den Betrieb zu stören. Und Gylbax sollten Sie sich vom Hals schaffen.“

Dann stand sie auf und ging zur Tür.

„Wieso haben Sie Gylbax verraten?“, rief Ares-1 ihr nach.

Langsam drehte sie sich nochmals um: „Weil ich eine Tochter Obesiens bin.“ Der Anflug eines spöttischen Lächelns lag in ihren Mundwinkeln.

„Ich meinte den wahren Grund“, beharrte Ares-1 ärgerlich.

„Den kennen Sie doch. Weil Gylbax nicht bereit ist, meine Preise zu zahlen.“ Damit ging sie hinaus und schloss die Tür, nichtsahnend dass sie soeben mit ihrer grenzenlosen Gier ihr Schicksal besiegelt hatte.

„Können wir die Flotte noch aufhalten?“, fragte Ares-4.

„Ausgeschlossen. Sie ist längst ausgelaufen“, erwiderte Ares-1. „Aber außer Borthul wird es auch kaum jemand stören, wenn Surdyrien Piraten vernichtet. Gylbax ist dagegen wirklich ein ernsthaftes Problem, das wir lösen müssen. Wir müssen Sindra endlich ausschalten.“

„Ich darf daran erinnern, dass das in früheren Zeiten schon mehrfach versucht wurde und immer wieder fehlgeschlagen ist“, wandte Ares-4 ein.

„Da gab es aber auch noch die Pylax“, entgegnete Ares-6. „Wenn wir jetzt zaudern, kann es passieren, dass Sindra mit Hilfe des Syndrals wieder eine Waffe erhält, die den unsrigen überlegen ist. Ich bin sicher, dass Gylbax der Mann ist, der eine solche Waffe auch anwenden würde. Ich schlage vor, dass wir unsere Heere aus Modonos und Gladunos durch die Pforte von Pleeth führen.“

Die Würfel waren gefallen.

Bei der Pforte von Pleeth handelte es sich um einen schmalen Landstreifen zwischen der Quelle der Dyra und dem Dreiländereck, wo die Grenzen von Süd-Obesien, Sindra und Borthul aufeinandertrafen. Nur kurze Zeit später ging sie als die „Pforte des Todes“ in die Geschichte des Kontinents ein.

*

Mit der Anzucht der Roten Mondorchideen in Lumburia gelang Telimur ein voller Erfolg. Als die Keimlinge kräftig genug waren, verpflanzte er einen Teil in den Glaskasten, wo er nach den Anweisungen Senesia Sidas den Grünen Kristall aufgehängt hatte. Wenig später setzten die Pflanzen Knospen an. Telimur entnahm einige der Orchideen und legte sie zur Beobachtung ohne Erde auf einen Tisch in seinem Zimmer. Auch nach mehreren Tagen erschienen die Pflanzen völlig unverändert. Sie wuchsen zwar nicht weiter, welkten aber auch nicht. Qaromar holte sie schließlich ab und verarbeitete sie zu einem Extrakt, dem er Ilumit zusetzte. Nachdem aus den Samen der ersten Generation die zweite herangewachsen war, verpflanzte Telimur erneut einen Teil davon in den Glaskasten mit dem Zenesith.

Im Laufe der Zeit hatte sich Telimur mit Qaromar angefreundet, der ihn als eine Art Schüler zu betrachten schien. Telimur empfand dies aufgrund des ungeheuren Wissensschatzes dieses kauzigen alten Wanderpriesters durchaus als große Ehre. Auf Telimurs zaghafte Frage, warum sich Qaromar als der „letzte Wanderpriester“ bezeichnete, erklärte der Alte fröhlich: „Weil ich der letzte Wanderpriester BIN. Einst hatten die Wanderpriester die Aufgabe, den Kontinent zu erforschen und Vorschläge für die Errichtung und Ausstattung von Monasterien zu erarbeiten. Heute ist praktisch der gesamte Kontinent erforscht – mit Ausnahme Lumburias. Deshalb bin ich hier und ich bin der Einzige, den die Ureinwohner dulden. Sie wollen dieses einzigartige Refugium der ursprünglichen Natur schützen. Ich helfe ihnen dabei, wann immer sie mich brauchen.“

Manchmal nahm der alte Wanderpriester Telimur mit auf seine ausgedehnten Wanderungen durch den unberührten Dschungel. Dort sah Telimur Tier- und Pflanzenarten, von denen er zuvor noch nie etwas gehört, geschweige denn gesehen hatte. Auf einer dieser Wanderungen begegnete Telimur auch zum ersten Mal einem Cerghal. Es war eine dieser prägenden Begegnungen im Leben eines Menschen, die dazu beitragen können, seine Gedanken plötzlich in eine andere Richtung zu lenken. Telimur hatte das Wesen für einen Mon’ghal gehalten und Qaromar gegenüber eine entsprechende Bemerkung gemacht. Der Wanderpriester war daraufhin zunächst verstummt und sehr nachdenklich geworden. Dann aber klärte er seinen Schüler auf, dass die Cerghale wohl die Usprungsform der Mon’ghale verkörperten.

Der Cerghal saß an einem Baumstamm als neben ihm einer der hier äußerst zahlreichen Papageien landete. Telimur glaubte zuerst, der Papagei wolle den Cerghal fressen. Aber dann sah er zu seinem größten Erstaunen, wie der Papagei den Cerghal mit Teilen von Früchten fütterte, die er aus den für die Raupe unerreichbaren Baumwipfeln geholt hatte.

Auf entsprechende Frage Telimurs erzählte ihm Qaromar, dass es sich bei den Cerghalen ursprünglich um eine große Schmetterlingsart handelte, die ihre Fähigkeit zur Verpuppung verloren hatte. Da sie jedoch in ihrem Raupenstadium völlig unfähig war, sich auf Dauer selbst zu versorgen, hatte die Natur sie mit einer einzigartigen Gabe ausgestattet, die ihr ein Leben als Parasit ermöglichte. Die Raupen hatten die Fähigkeit erworben, andere Tiere mit der Kraft ihres Geistes zu beeinflussen, sodass diese sie beschützten und mit Nahrung versorgten. Die einzelnen Cerghalvölker bedienten sich dazu völlig unterschiedlicher Tiere. Qaromar hatte bei seinen Forschungen herausgefunden, dass dies mit der Königin zusammenhing, einer riesigen Raupe, die für den Nachwuchs verantwortlich war. Diese ernährte sich von Pflanzen und Blättern, aber auch von tierischem Aas. Offenbar verhielt es sich so, dass die Königin bestimmte Tiere gefressen haben musste, um an ihren Nachwuchs die Fähigkeit weiterzugeben, genau diese Tiere zu beeinflussen. Die jungen Cerghale krochen direkt nach dem Schlüpfen an einer kleinen Säule hoch, die sich nach oben hin verjüngte. Diese bestand aus steinartig ausgehärteten Körperausscheidungen der Königin. Von der Säule aus tasteten die kleinen Cerghale mit ihren geistigen Schwingungen nach einem Exemplar der Tierart, das in der Lage sein würde, sie künftig zu ernähren. 

Telimur begann zu bezweifeln, dass die Mon’ghale in Obesien nur eine Laune der Natur waren. Einmal blitzte kurz der Gedanke auf, dass eine Manipulation im Spiel sein könnte. Aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, dass es sich tatsächlich um ein schreckliches Spiel handelte. Und noch weniger hätte er sich vorstellen können, wer hinter diesem Spiel steckte. Am allerwenigsten aber hätte er geglaubt, dass er selbst in der Lage sein könnte, dieses Spiel zu beenden.

Auf dem Rückweg verloren sich langsam die Grübeleien Telimurs über die Mon‘ghale. Stattdessen befragte er Qaromar nach Mulmok und der Geschichte der Lumburier. Auch dem Wanderpriester kam der Themenwechsel sehr gelegen. Und so beschrieb er Telimur in einer kurzen Zusammenfassung den Werdegang dieses Volkes. Die Ureinwohner lebten in Kleinfamilien und hatten einst den größten Teil des Kontinents bevölkert. Dann waren sie von Osten her durch kriegerische Vorfahren der heutigen Menschenrassen verdrängt worden. Die geringere Geburtenzahl und der längere Geburtenzyklus erwiesen sich später als die entscheidenden Nachteile der Ureinwohner, die zuletzt nur noch in den unwegsamen Dschungeln Lumburias existierten. Dieses Rückzugsgebiet verteidigten aber die nur noch wenigen Überlebenden und ihre Nachkommen mit aller Entschlossenheit.

Zahlreiche historische Tatsachen waren im Laufe der Zeiten verfälscht worden oder aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen verschwunden. So ahnte Qaromar selbst nicht, dass in seinen Schilderungen der entscheidende Auslöser der lumburischen Tragödie nicht erwähnt wurde: ein kleiner, unscheinbarer, grauer Stein.

Telimur rechnete sich aus, dass sie das Lager in einer Stunde erreicht haben müssten. Er rechnete aber nicht damit, dass sie dort eine böse Überraschung erwartete.

*

Auf dem Marktplatz von Drinh hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Ein Raunen ging durch diese Menge als Charas zu Drinh in einem Prunkharnisch mit goldenen Einlegearbeiten und einem langen, roten Mantel mit Lederbesätzen die Treppe zu dem Podest emporschritt, das für seine Ansprache errichtet worden war. Zu beiden Seiten der Bühne flatterten die weißen Fahnen mit dem roten Wappen von Drinh im kalten Ostwind. Dieses Wappen bestand aus zwei gekreuzten Schwertern unterhalb der stilisierten Trutzburg auf dem Tafelberg.

Dem Fürsten folgten zwei hochgewachsene Ritter seiner Leibgarde, die sich rechts und links von ihm aufbauten.

„Bürger von Drinh!“, rief der Fürst seinen Landsleuten zu. „Wir stehen an einer Zeitenwende. Wie zu der Zeit unseres großen Ahnvaters Gundur sind böse Mächte auferstanden, um uns unser Land und unsere Freiheit zu nehmen. Deshalb müssen auch wir uns erneut erheben und das Böse vertreiben, das bereits mitten unter uns weilt. Wie ihr alle wisst, wurden sämtliche Bewohner des Dorfes Sanh verschleppt. Viele von euch werden dadurch Freunde oder Verwandte verloren haben. Wie ich inzwischen herausgefunden habe, sind das Kollektiv und der Kriegsrat von Obesien dafür verantwortlich. Sie sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, vor unserer eigenen Haustür, nämlich bei Doront, eine geheime Festung zu errichten.“ Wütend schlug er mit der Faust auf das Rednerpult. Dann trat er hinter dem Pult hervor und hob drohend einen Finger. „Die Oberste Strategin hat diese Festung besetzt, aber die Vermissten nicht gefunden. Jetzt habe ich erfahren, dass es noch eine geheime Festung der Obesier gibt: in der Einöde von Clampp. Etwas Derartiges wäre nicht möglich, wenn die Obesier keine Helfer hier in Mithrien hätten. Leider müssen wir davon ausgehen, dass der Fürst zu Kerdaris sie dabei unterstützt, ihre Soldaten und Vorräte in unser Land zu bringen. Liebe Freunde, die Verschollenen von Sanh werden in Clampp festgehalten. Wir müssen sie befreien und danach den Verräter von Kerdaris zur Rechenschaft ziehen!“

Tosender Beifall brandete auf. Mit einer Handbewegung gebot der Fürst nach einer kurzen Weile Einhalt und rief mit geballter Faust und erhobener Stimme:

„Aber dazu brauche ich euch! Jeden Einzelnen von euch! Ich werde ein Heer aufstellen und nach Clampp ziehen!“

Charas zu Drinh ließ seine Worte wirken und fuhr dann fort: „Ihr werdet euch vermutlich fragen, wie ich ein solches Heer unterhalten kann. Es gibt nicht nur schlechte Obesier. Die obesischen Bauern im Norden sind genauso friedliebend wie wir. Ich habe dort mächtige Freunde, die mir helfen, den Nachschub sicherzustellen. Bereits morgen wird der erste Zug mit Nahrungsmitteln aus Nord-Obesien in meiner Burg eintreffen. Jeder der sich verpflichtet, in meinem Heer zu dienen, wird von nun an unentgeltlich verköstigt werden. Außerdem …“ 

Charas zu Drinh zog mit einer großartigen Geste eine Papierrolle unter seinem Mantel hervor, entrollte sie, legte sie auf das Rednerpult und tippte mehrmals mit dem Finger auf das Blatt, das die Menschenmenge nicht sehen konnte: „… habe ich hier eine Zusage des Hüters der Flammen, dass er meinen Feldzug mit den notwendigen Geldmitteln unterstützt.“ Er rollte das völlig leere, unbeschriebene Papier wieder zusammen und verstaute es unter seinem Mantel. 

Ein Mann in einer der vorderen Reihen rief: „Warum schickt er keine Soldaten?“

Scheinbar dankbar nickte der Fürst zu Drinh dem Mann zu und erhob erneut seine Stimme:

„Ich habe zu Beginn erwähnt, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Die Vereinten Nordlande sind groß, und nicht immer kann der Hüter schnell Hilfe leisten. Deshalb ist es nun unsere Aufgabe, das große Werk Gundurs fortzuführen. Wir müssen in wichtigen Teilen unseres Landes Armeen aufstellen. Wenn wir den Verräter von Kerdaris vertrieben und sein Fürstentum übernommen haben, fällt uns mit Tredon das Bollwerk gegen den Süden zu. Auch dies entspricht dem Wunsch des Hüters.“ Theatralisch zeigte er auf seinen Mantel, wo er die leere Papierrolle hineingeschoben hatte. Dann deutete er zum hinteren Rand des Marktplatzes. Als die Menschen die Köpfe drehten, konnten sie dort mehrere Reiter mit blauen Schärpen sehen.

„Das sind die Boten, die der Hüter geschickt hat, damit sie meine Botschaft zu allen treuen Fürsten und Burgverwaltern, aber auch zu unseren Freunden in Gatya tragen. Wer von euch sich mir anschließen will, soll zu meiner Burg kommen und den Treueeid ableisten.“

Mit diesen Worten verließ Charas zu Drinh unter Jubelrufen und dem euphorischen Beifall der Menge die Bühne. Die ersten Freiwilligen gingen erst gar nicht mehr nach Hause, sondern machten sich sogleich auf den Weg zu der Trutzburg auf dem Tafelberg.

Aber längst bevor sie dort ankamen, waren die Reiter mit den Schärpen schon eingetroffen. Sie führten ihre Pferde in den Stall, entledigten sich der blauen Tücher und legten wieder ihre Kleidung an, die sie üblicherweise als Bedienstete des Fürsten trugen. Andere hatten bereits die Aufgabe übernommen, in den Städten und größeren Dörfern des Fürstentums Soldaten für Charas zu Drinh anzuwerben. Gatya, Kerdaris und die übrigen Fürstentümer Mithriens sollten hiervon selbstverständlich keine Kunde erlangen. 



Kapitel 4 – Eine Lawine wird ausgelöst

Seit Quintora mit ihren Begleitern die Grenze nach Obesien über einen schmalen, nicht bewachten Gebirgspfad überschritten hatte, trug sie wieder den braun-weißen Umhang und die Mütze, die sie als Hilfskraft der Akademie von Modonos auswiesen. Immer wieder erregte die ungewöhnlich zusammengesetzte Gruppe unterwegs die Aufmerksamkeit obesischer Kontrollpatrouillen. Saradurs Schreiben und Quintoras Kleidung sorgten jedoch stets dafür, dass die Reisenden mit ihren Gefangenen unbehelligt ihren Weg in die Hauptstadt fortsetzen konnten. 

Eine Woche nach dem Grenzübertritt kamen sie in Modonos an. Noch bevor sie die äußeren Stadtbezirke erreicht hatten, die jenseits der Stadtmauer lagen, trennte sich Quintora vom Rest der Gruppe. Anschließend ritt sie durch das westliche Stadttor zur Akademie, wo sie vorübergehend ihren Platz als Hilfskraft wieder einnahm. 

Shrogotekh blieb zusammen mit Ugudag und den Gefangenen zunächst außerhalb der Stadt. Wurluwux begab sich in die Akademie und ließ sich bei Saradur anmelden. Der Ordenssprecher war hocherfreut, dass die beiden Surdyrier seinen Auftrag schnell und ohne Komplikationen ausgeführt hatten. Als Wurluwux ihm jedoch eröffnete, dass ein Ureinwohner sie begleitete, reagierte Saradur äußerst unwirsch.

„Wie kommen Sie dazu, weitere Personen in die Sache einzuweihen, ohne das vorher mit mir abgesprochen zu haben?“ fuhr er den „Skorpion“ an.

Wurluwux verzog keine Mine und fixierte ihn mit seinen stechenden Augen: „Wenn wir Aufträge erledigen, tun wir das so, wie wir es für richtig halten. Es steht Ihnen frei, sich bei Shrogotekh zu beschweren, aber raten würde ich Ihnen das nicht. Der Blutwolf versteht in solchen Dingen wenig Spaß. Seien Sie froh, dass wir für den Lumburier keine zusätzliche Bezahlung verlangen!“

Saradur war verärgert. Am liebsten hätte er den beiden Surdyriern untersagt, den Ureinwohner auf dem restlichen Weg mitzunehmen. Aber dies wagte er dann doch nicht. Stattdessen ordnete er an, dass Shrogotekh, Wurluwux und Ugudag im Gästehaus der Akademie und die drei Gefangenen in einem gesicherten Trakt im Erdgeschoß eines Nebengebäudes untergebracht werden sollten. 

Am Abend traf sich der Ordenssprecher zu einem gemeinsamen Essen mit den beiden Surdyriern und dem Ureinwohner. Ugudag verhielt sich äußerst wortkarg und versuchte aufgrund einer Empfehlung seiner Begleiter, den Einfältigen zu spielen. Das kostete ihn große Überwindung und stellte im Ergebnis auch ein ziemlich sinnloses Unterfangen dar, weil Saradur über die hohe Intelligenz der Lumburier Bescheid wusste. Genau darin lag letztlich der wahre Grund, warum ihn die Anwesenheit Ugudags störte. Trotz aller Verschlagenheit der beiden Halunken Schaddochs traute er ihnen nicht zu, seinen wohlüberlegten Plan zu durchschauen oder gar durchkreuzen zu können. Bei einem Lumburier hatte er da eher gewisse Zweifel.

„Wo ist die Karte, die ich Ihnen gegeben habe?“, fragte Saradur.

„Sie hatten nicht erwähnt, dass Sie sie wiederhaben wollen“, entgegnete Shrogotekh beiläufig.

„Soll das heißen, dass Sie sie nicht mehr haben?“, brauste der Ordenssprecher auf.

Shrogotekh zuckte die Schultern: „Oben im Norden ist es verdammt kalt. Es hat fast ohne Unterbrechung geschneit, und manchmal ist es uns nicht gelungen, mit den feuchten Zunderkapseln und dem nassen Holz ein Feuer anzumachen. Tja, und da Sie nicht gesagt haben, dass Sie die Karte zurückhaben wollen, habe ich sie auf dem Weg von Clampp nach Kerdaris zum Anzünden eines Feuers benutzt.“

Saradur erweckte den Eindruck als versuche er mühsam, seine vorgebliche Wut gegenüber dem gefährlichen Räuberhauptmann unter Kontrolle zu bringen. Dazu bedurfte es jedoch keiner großen Schauspielkunst. Der Ordenssprecher hatte von vornherein damit gerechnet, dass die Galgenvögel des Barons auch noch versuchen würden, die Karte zu Geld zu machen. Das hätte zu einer ernsthaften Bedrohung seines Experiments in der Einöde geführt. Er hatte die beiden Surdyrier deshalb heimlich in Clampp erwartet und war nach der Übergabe der Gefangenen ihren Spuren in weitem Abstand gefolgt. Bei Kerdaris führte die Spur einer einzelnen Person von der Gruppe weg. Saradur hatte sich daraufhin an die Fersen dieser Person geheftet.

Nachdem die Karte einem Boten des Hüters übergeben worden war, folgte Saradur dem Boten. Nach einer Weile schloss er zu ihm auf und erkundigte sich nach dem Weg zur obesischen Grenze. Während der Bote den Weg auf einer von ihm mitgeführten Karte erläuterte, schlug ihn der Ordenssprecher unvermittelt nieder, fesselte ihn und übergab ihn später dem Fürsten zu Drinh. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass sich nun Charas statt der Obersten Strategin des Stützpunkts in der Einöde von Clampp annehmen würde. So glaubte Saradur, das Fortbestehen der Forschungsstation gesichert zu haben. Anschließend hatte er es trotz seines fortgeschrittenen Alters geschafft, Modonos noch vor Shrogotekhs Gruppe zu erreichen. Die beiden Surdyrier ahnten von alledem nichts. Gemäß dem Plan des Ordenssprechers sollten sie ohnehin nicht mehr zu ihrem Baron zurückkehren. Dafür waren bereits die notwendigen Vorkehrungen getroffen. Alles hing nun nur noch davon ab, dass Saradur seine Rolle überzeugend weiterspielte. Deshalb erklärte er mit griesgrämiger Stimme: „Für den endgültigen Bestimmungsort werde ich Ihnen wieder eine Karte mitgeben müssen. Diesmal sage ich Ihnen ausdrücklich, dass ich sie wieder zurückhaben will. Wenn Sie die Karte erneut verbrennen, müssen Sie damit rechnen, dass das Kollektiv SIE verbrennt.“

Shrogotekh lehnte sich genüsslich im Sessel zurück. Ein niederträchtiges Grinsen huschte über sein hässliches Narbengesicht. „Das haben die schon öfter versucht“, lästerte er. „Und hier sitze ich nun. Im Gegensatz zu denen, die es versucht haben. Aber es wird auch nicht nötig sein, die Karte zu verbrennen; hier in Obesien ist es ja nicht so nass und kalt wie im Norden.“

Das ausdruckslose Gesicht des Ureinwohners ließ keine Regung erkennen. Sein analytischer Verstand hatte aber bereits die richtigen Schlüsse gezogen. Wenn das Kollektiv so großen Wert auf die Karte legte, musste der Bestimmungsort der Gefangenen von großer Bedeutung sein. Das hieß aber zugleich, dass es für die Obesier gefährlich wäre, Fremde mit einem solchen Wissen am Leben zu lassen.

„Wo liegt unser Bestimmungsort?“, fragte Shrogotekh unterdessen.

„Am Rand der Obesischen Wüste. Sie werden etwa so lange benötigen wie von der Grenze Mithriens bis hierher“, erklärte Saradur bereitwillig. Dabei ging er davon aus, dass Shrogotekh wegen des notwendigen Proviants gefragt hatte. „Wir werden alles bereitstellen, was Sie brauchen. Eine kleine Eskorte obesischer Soldaten wird Sie zu Ihrem Schutz begleiten.“

Shrogotekh erkannte sofort, dass es nicht um ihren Schutz ging, und dass er nun gezwungen war, seinen ursprünglichen Plan grundlegend zu ändern.

Als sie am späten Abend zum Gästehaus zurückkamen, wartete Quintora bereits auf die drei Männer. 

„Die Gefangenen sollen in die Nähe der Obesischen Wüste gebracht werden“, berichtete Shrogotekh. „Wir wissen, dass es dort zwei Heerlager gibt: Dunculbur und Tulumath, wobei in den offiziellen Verzeichnissen Tulumath gar nicht existiert. Saradur will uns eine Karte mitgeben und eine obesische Eskorte. Ich frage mich, wozu wir eine Karte benötigen, wenn obesische Soldaten uns begleiten, denen der Bestimmungsort eigentlich bekannt sein müsste.“

„Wenn Tulumath offiziell nicht existiert, könnte es doch sein, dass ihnen der Ort eben deshalb nicht bekannt ist“, überlegte Quintora.

„Wenn das zutrifft, müssen sie uns hinterher alle umbringen, um die Festung auch weiterhin geheim zu halten“, sprach Wurluwux die Schlussfolgerung aus, die Ugudag bereits längst zuvor angestellt hatte.

„Das habe ich mir auch schon überlegt“, stimmte Shrogotekh zu. „Sobald wir die Gefangenen und die Karte abgegeben haben, werden sie uns töten. Wenn wir die Gefangenen aber nicht abliefern, werden wir nie erfahren, was hinter der ganzen Sache steckt. Tun wir es dagegen, sitzen wir in der Falle.“

Nach einer Minute ratlosen Schweigens tönte das Organ des Lumburiers durch die Stille: „Ich habe einen Vorschlag.“ Alle Augen richteten sich auf ihn.

„Können Sie Sempril besorgen?“, fragte er Quintora. Sempril war eine Droge, die Menschen für kurze Zeit willenlos machte. Sie wurde aus der gleichnamigen Pflanze, dem Semprilkraut, gewonnen. Bevor Quintora antworten konnte, fügte er hinzu:

„Wir benötigen aber nicht das zerstoßene Pulver, sondern getrocknete Pflanzen.“

*

Dolbing Loostak war wie die meisten Bewohner der Insel Borgoi ein unmittelbarer Nachkomme seefahrender Einwanderer aus Lokhrit, die vor fast zweitausend Jahren diese Insel als Brückenkopf für die Besiedlung Borthuls benutzt hatten. Er hatte von seinem Vater eine große, aber dennoch wendige Galeere geerbt, die zwei Generationen zuvor mit Unterstützung der Kongregation von Borthul gebaut worden war. Als Gegenleistung für diese Hilfe führte Dolbing, wie schon seine Vorfahren, Transporte und sonstige Aufträge für Borthul aus, die nicht im Rahmen des offiziellen Schiffsverkehrs von der kleinen Handelsflotte des Landes abgewickelt werden konnten. Die Flotte Borthuls hatte nie eine nennenswerte Bedeutung erlangt, weil sich die Bevölkerung auf die Landwirtschaft konzentrierte. Die für das Land wichtigen Nahrungsmittelexporte zu den großen Häfen Lumbur-Seyth, Lohidan und Siimart wurden schon von jeher mit Schiffen des Seefahrervolks von Lokhrit durchgeführt.

Außer Dolbing gab es noch einige unabhängige Schiffseigner auf Borgoi, die Borthul in gleicher Weise zu Diensten waren. Sie hatten es dadurch alle zu großem Wohlstand gebracht, aber das erwies sich zugleich als Fluch. Im Laufe der Zeit stellte sich nämlich heraus, dass die Einnahmen aus diesen Aufträgen nicht mehr ausreichten, um die ständig gestiegenen Kosten für die Unterhaltung der herrschaftlichen Anwesen auf Borgoi sowie für die Schiffe und Mannschaften zu decken. 

Dolbings Urgroßvater hatte eines Tages alle Schiffseigentümer aus Borgoi zu einem Treffen eingeladen. Dies bedurfte großer Überredungskunst, weil sie zuletzt untereinander äußerst zerstritten waren. Aber der Kampf um ihr Überleben hatte sie schließlich geeint. Die Versammlung beschloss, dass sich die Kapitäne fortan als Freibeuter gegenseitig unterstützen sollten. Mit dieser Entscheidung entstand das Piratentum auf Borgoi.

Die Freibeuter griffen meist mit vier oder fünf Galeeren und Karavellen auf hoher See einzelne Handelsschiffe aus Lumbur-Seyth, Sindra oder Surdyrien an. Borthul und Lokhrit duldeten dies stillschweigend mit einem gewissen Wohlwollen, weil solche Überfälle auch die Macht und das Ansehen der Handelsflotte von Lokhrit stärkten, die naturgemäß von den Piraten verschont wurde. So kam es, dass manche Handelshäuser aus Lumbur-Seyth und Surdyrien beim Transport wichtiger Ware eher auf Schiffe aus Lokhrit vertrauten als auf die eigenen.

Nun aber hatten Berichte für Aufsehen gesorgt, wonach die komplette surdyrische Flotte ausgelaufen war, um der Piraterie ein Ende zu bereiten. Diese Nachricht versetzte die Bewohner Borgois in Angst und Schrecken, und zwar nicht nur wegen der mit einem etwaigen Angriff auf die Insel unmittelbar verbundenen Bedrohung. Vor allem sicherten die Freibeuter die Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung. Die Menschen von Borgoi lebten überwiegend vom Fischfang. Die Gewässer um Borgoi waren derart fischreich, dass neben der eigenen Ernährung auch noch genug Ware für den Tauschhandel mit Borthul zur Verfügung stand. Diesen besorgten die freien Kapitäne ebenso wie den Export der Leinenbekleidung, für deren hohe Qualität die Frauen aus Borgoi auf dem ganzen Kontinent gerühmt wurden.

Dolbing Loostak hatte zusammen mit einem weiteren Freibeuter die Aufgabe übernommen, vor dem Westkap von Sindra hinter der Straße von Ludoi zu kreuzen, um die Ankunft der surdyrischen Flotte zu erwarten. An der Schnittstelle des westlichen und des südlichen Meeres gab es häufig schwere Stürme und raue See. Deshalb zogen viele Seefahrer es trotz der vom Hafenmeister von Dukhul erhobenen Durchfahrtabgabe vor, durch die Meerenge von Ludoi in Landnähe um das Westkap zu segeln, wo die Winde dann meist bereits abgeflaut waren. 

Auch die Obesier riskierten nicht, die Hälfte ihrer Flotte schon durch die „Brüllenden Lüfte“ auf der „Todesnaht“ zu verlieren. So bezeichneten die Seeleute die regelmäßigen Stürme auf dem offenen Meer vor dem Westkap und die Schnittstelle der beiden Ozeane. Da Gylbax wusste, dass die surdyrische Flotte Borgoi anzugreifen gedachte, hatte er Jekisebek angewiesen, die Fahrt der Obesier durch die Meerenge nicht zu behindern.

Die beiden freien Kapitäne, die das Banner von Borthul gehisst hatten, zählten zweiundsechzig breite Kriegskoggen der Obesier, die unter surdyrischer Flagge die Meerenge durchsegelten. Es handelte sich um schwere Schiffe, die mit zahlreichen Katapulten bestückt und deren Laderäume mit schweren Stahlkugeln gefüllt waren. Sie kamen deshalb wesentlich langsamer voran als die wendigen Galeeren der Freibeuter. Als Dolbing in Borgoi eintraf, war nach seinen Berechnungen die Kriegsflotte der Obesier mindestens noch eine Tagesfahrt entfernt. Aber leider gab es bisher auch noch nicht das geringste Anzeichen, das auf die ersehnte Hilfe aus Lokhrit hindeutete.

Die Stimmung im Klippenhaus von Trofft wirkte merklich gedrückt, als die freien Kapitäne zu ihrer letzten Versammlung vor dem Eintreffen der gegnerischen Flotte zusammenkamen.

Die Klippen von Trofft bildeten zusammen mit den Wasischen Atollen eine natürliche Barriere vor dem Ort Liquudarion. Der kleine Hafen dieses Ortes war die bevorzugte Anlegestelle der Freibeuter. Den großen Hafen von Tamorinthes an der Meeresstraße von Flagant benutzten sie dagegen nur für die Abwicklung gewerblicher Frachtaufträge. Wer mit einem Schiff in den Hafen von Liquudarion einlaufen wollte, musste das nördliche der vier Wasischen Atolle wegen der dortigen Untiefen in einem weiten, rechtwinkligen Bogen umsegeln. Wegen der vorgelagerten Klippen von Trofft, die südwestlich von Borgoi wie schwarze Zacken eines Drachenrückens aus der Wasischen See ragten, war eine andere Annäherung an Liquudarion von der See her nicht möglich. Durch diese natürlichen Gegebenheiten konnte der Hafen aber bei einer Blockade auch zur Todesfalle werden.

Das Klippenhaus von Trofft kragte auf der östlichsten der Klippen wie ein Adlerhorst aus. Es ermöglichte eine unvergleichliche Rundumsicht auf das Meer, die Klippen und den kleinen Einschnitt im Südwestzipfel der Insel. Von dort aus konnte man das Haus auf dem Riff mit einem Ruderboot erreichen. Der Aufstieg zum Haus fand über eine steile, aus dem Fels herausgehauene Treppe statt.

Die freien Kapitäne genossen an diesem Tag aber nicht das wundervolle Panorama. Stattdessen waren sie in eine Seekarte vertieft, die ausgebreitet auf dem muschelförmigen Tisch lag.

„Das Wetter hilft uns leider auch nicht. Wir müssen deshalb an unserem ursprünglichen Plan festhalten und versuchen, die Obesier vom Land wegzuhalten und ihre Flotte zu dezimieren.“ Bei diesen Worten tippte Dolbing Loostak mit dem Finger auf eine Stelle nördlich der Atolle. „Wir locken sie zwischen Trudirk und der Klinge hindurch. Wenn sie diese Stelle nicht kennen, wird sie das einige Schiffe kosten, denn ihre Kriegskoggen haben wesentlich mehr Tiefgang als unsere Schiffe.“

Bei Trudirk handelte es sich um das nördlichste der Atolle, bei der „Klinge“ um ein von den Freibeutern künstlich geschaffenes Hindernis. Südlich von Trudirk waren vor Urzeiten zwei weitere Atolle im Meer versunken, so dass sie für die Schifffahrt normalerweise kein Hindernis mehr darstellten. Die Piraten hatten dort jedoch etliche Schiffswracks versenkt, die fast bis an die Meeresoberfläche heranreichten und selbst bei klarer See nicht rechtzeitig erkennbar waren. Scharfe Stahlkanten der ineinander verkeilten Wracks wirkten wie eine Säge auf Schiffe, wenn sie darüber hinweg zu segeln versuchten.

„Anschließend laufen unsere beiden Schiffe den Hafen von Liquudarion an“, fuhr Dolbing Loostak fort. „Dorthin können sie uns nicht folgen. Aber sie werden mit Sicherheit versuchen, die Ausfahrt zu blockieren. Dann werden sie vom Heldensturz aus unter Beschuss genommen.“

Der Heldensturz hatte seinen Namen von einem lokhritischen Freiheitskämpfer. Der Sage nach hatte er ganz allein gegen eine Übermacht von Invasoren aus Sindra gekämpft, bis er an den Rand der Steilküste von Liquudarion zurückgedrängt wurde und schließlich von den Felsen ins Meer stürzte. Die Freibeuter, die schon immer eine Blockade ihres Hafenausgangs fürchteten, errichteten im Laufe der Jahre eine gewaltige Anzahl weittragender Katapulte oberhalb der Zufahrt zum Hafenbecken. Im Falle eines Angriffs hatten sie die Möglichkeit, von dort aus Blockadeschiffe mit Steinbrocken und Brandsätzen unter Beschuss zu nehmen.

In einer mehrere hundert Meter langen Lagerhalle waren die hierfür notwendigen Materialien gestapelt worden. Mit Hilfe von Seilwinden und Rutschen konnten sie direkt in die riesigen Löffel der Katapulte befördert werden.

Seit Jahrzehnten empfanden es die Männer der umliegenden Ortschaften nicht nur als wichtige Aufgabe, sondern auch als einzigartigen Spaß, sich in der Bedienung der Katapulte zu üben. Alle drei Jahre fanden Wettbewerbe statt, bei denen die schnellsten und die treffsichersten Schützen anschließend im Rahmen zweitägiger, rauschender Festlichkeiten geehrt wurden.

Dolbing Loostak war für kurze Zeit in seinen Erinnerungen versunken. Als junger Mann hatte er stets am Heldensturz-Schießen teilgenommen und einmal mit seinen Freunden den Zielwettbewerb gewonnen. Die beiden folgenden Tage hatten zu den ausschweifendsten und schönsten seines Lebens gezählt, wenngleich er an den Nachmittag des zweiten Tages praktisch keine Erinnerung mehr hatte. Nun musste er sich aber auf die nahe Zukunft konzentrieren, bei der es nicht um die Teilnahme an Feierlichkeiten ging, sondern um das schiere Überleben.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass die Obesier auf den Gedanken verfallen, Tamarinthes anzugreifen“, betonte er. „Deshalb muss der Hauptteil unserer Gemeinschaft sie unter der Piratenflagge an der Nordspitze vorbei locken. Wenn die Flotte von Lokhrit aber bis dahin nicht hier ist, haben wir keine andere Wahl als die Obesier auf dem offenen Meer zum Kampf zu stellen und ehrenvoll unterzugehen. Ich hoffe, dass sie dann wenigstens so geschwächt sind, dass Borthul einen Überfall auf die Insel und deren Zerstörung verhindern kann.“

*

„Gütige Mutter, der Hochkönig ist eingetroffen.“

Wie üblich war Kwoxit u Dengo vor Baradia auf die Knie gefallen. Die Wiedererweckten verehrten sie wie eine Göttin. Baradia hasste das. Wenigstens hatte sie inzwischen durchgesetzt, dass sie von den Pylax nicht mehr „Heilige Mutter“ genannt wurde.

„Ich habe dir immer wieder gesagt, dass du nicht vor mir knien sollst“, verlangte Baradia ungnädig und zog den Pylax am Arm hoch. „Wenn der Hochkönig sieht, dass ihr vor mir kniet, bringt ihr mich nur unnötig in Gefahr.“

„Kwoxit u Dengo wird die Gütige Mutter beschützen“, erwiderte der Pylax ebenso stolz wie störrisch.

„Nach dem Gesetz müssen die Pylax ausschließlich dem Hochkönig gehorchen. Das Gesetz gilt für dich genauso wie für alle anderen“, wies die „Gütige Frau“ ihn einmal mehr zurecht. Aber sie wusste bereits, dass alle ihre Bemühungen vergeblich sein würden. Kwoxit u Dengo war an einer Gehirnverletzung gestorben. Nach seiner Wiedererweckung wusste er nichts mehr von dem Gesetz und fühlte sich ihm auch nicht verpflichtet.

Der Pylax schlug den Zeltvorhang beiseite und Baradia trat ins Freie. Auf dem Versammlungsplatz zwischen den Hütten war Gylbax XII. gerade inmitten seiner aus zwei Pylax und sechs weiteren Leibwächtern bestehenden Eskorte vom Pferd gestiegen. Freudestrahlend ging er auf Baradia zu.

„Ihr habt Euer Werk vollendet!“, rief er begeistert. „Wie viele sind es?“

„Achthundertneunundzwanzig“, antwortete Baradia. „Damit könnt Ihr die ganze Welt erobern, Hohe Majestät.“

„Ich möchte sie sehen“, verlangte der Hochkönig.

„Sie erwarten Euch bereits“, kündigte die Frau aus Oot an.

Baradia und Kwoxit u Dengo gingen auf dem schmalen Pfad voraus. Gylbax und seine Leibgarde folgten ihnen. Der Pfad endete auf einer Anhöhe, die zu einer großen Wiese hin steil abfiel. Die Bäume im Hintergrund grenzten die Grasfläche vom Maar von Yacudac ab. Auf der Wiese hatten sich achthundertachtundzwanzig Pylax in zwölf Reihen mit je neunundsechzig Männern aufgestellt.

 Als der Hochkönig und Baradia auf dem Hügel erschienen, brach die angetretene Armee in frenetischen Jubel aus, ohne jedoch die Formation auch nur im Geringsten zu verändern. 

„Das schlagkräftigste Heer der Welt jubelt Euch zu“, sagte Baradia zu Gylbax, obwohl sie nicht sicher war, dass die Begeisterung tatsächlich nur ihm galt. Aber der Hochkönig lächelte geschmeichelt und winkte seiner Schattenarmee zu. Dann gab er mit einer Geste zu verstehen, dass er etwas zu sagen hatte.

Der Jubel verebbte, und Gylbax XII. ergriff das Wort: „Schatten der Pylax! Nun, da ihr wiedererweckt wurdet, kann ich Sindra und allen, die uns nachfolgen werden, einen Traum erfüllen. WIR werden die Welt beherrschen und die Gesetze machen, nach denen sich alle Menschen auf dem Kontinent zu richten haben. Wenn wir unsere Mission beendet haben, wird endlich überall Friede und Wohlstand herrschen. Wir werden gemeinsam ausziehen, um eine bessere Welt zu erschaffen!“

Und erneut erscholl ein Beifallssturm. Baradia hatte jedoch den Eindruck, dass er nicht ganz so euphorisch klang wie beim ersten Mal. Der Hochkönig schien dies nicht bemerkt zu haben und winkte seiner Schattenarmee erneut gönnerhaft zu bevor er sich an Baradia wandte: „Ich habe noch einiges mit Euch zu besprechen. Können wir in Euer Zelt gehen?“

Auf dem Rückweg ging er an ihrer Seite und fragte sie leise: „Wieso wohnt Ihr eigentlich nicht in einem Haus?“

„Hohe Majestät, Ihr habt mir einen Auftrag erteilt, den ich nunmehr erfüllt habe. Ich werde deshalb in den nächsten Tagen mit Chrinodilh nach Oot zurückkehren. Ihr werdet sehen, dass das auch in Eurem Interesse liegt.“

Der Hochkönig schwieg bis sie sich allein in Baradias Zelt befanden. Dann erklärte er: „Ich werde die Schatten der Pylax mit Waffen ausstatten. Leider musste ich feststellen, dass nicht genug ihrer Schutzhemden vorhanden sind. Ich will keine unnötigen Verluste riskieren. Aber es gibt da noch ein ganz anderes Problem. Die Pylax sind ungleich schneller als alle anderen Krieger. Diese Schnelligkeit konnte bei den derzeit noch lebenden Pylax durch eine Substanz gesteigert werden, die Syndral genannt wird. Damit sind sie sogar den Lumburiern ebenbürtig. Wisst Ihr etwas darüber?“

„Nein.“ Baradia schüttelte den Kopf.

„Es ist ein Pulver, das aus zermahlenen Pfeilfischen und Ilumit hergestellt wird. Senesia Sida hat mir versprochen, eine große Menge dieser Substanz zu liefern. Die Lieferung ist jedoch immer noch nicht eingetroffen.“

„Senesia Sida ist eine verlogene Giftschlange.“ In Baradias Augen stand der blanke Hass. „Es wäre besser, Ihr würdet Euch nicht auf sie verlassen.“

„Wahrscheinlich habt Ihr recht“, seufzte der Hochkönig. „Bisher hat sie keines ihrer Versprechen gehalten. Aber sie wird dafür bezahlen.“

Baradia sah ihn an, und in ihrem Gesicht war keine Spur von Güte oder Mitleid zu erkennen: „Ihr habt jetzt die Mittel, sie zu vernichten. Macht davon Gebrauch! Aber vergesst nicht, wer Euch diese Mittel beschafft hat. Ich brauche Ilumit, sonst werde ich sterben und Euch nicht mehr helfen können, zum Beispiel bei der Beschaffung von Syndral und dem Extrakt der Wiedererweckung.“ 

Plötzlich verwandelten sich ihre Gesichtszüge wieder und strahlten eine Schalkhaftigkeit aus wie bei einem Mädchen, das gespannt auf die Reaktion nach einem lustigen Streich wartet: „Kommt, ich habe ein Hochzeitsgeschenk für Euch.“

Baradia führte den Hochkönig zu einem kleinen Holzschuppen neben ihrem Zelt. Sie ging kurz hinein und als sie wieder heraustrat hielt sie eine kleine, silberne Dose in der Hand. Mit einem strahlenden Lächeln übergab sie Gylbax den Behälter. Vorsichtig öffnete der Hochkönig den Deckel und sah darin ein grünliches Pulver.

„Was ist das?“, fragte er, offensichtlich ein wenig enttäuscht.

„Das ist mehr wert als alle Reichtümer dieser Welt. Das ist der Odem des Lebens“, klärte Baradia ihn auf. „Diese Menge reicht für zwanzig Jahre – oder für zehn Jahre, wenn Ihr Euch entschließt, es mit Eurer zukünftigen Gemahlin zu teilen. Beginnt mit der Einnahme genau dann, wenn Ihr glaubt, den Höhepunkt Eures Lebens erreicht zu haben.“

Gylbax dachte unwillkürlich an die beabsichtigte Herstellung des Orchideenextrakts in Lumburia und daran, dass er auch von Demur y Sethri viel zu lange nichts gehört hatte. Er würde wohl eine Expedition in den Dschungel von Lumburia entsenden müssen.

„Ich danke Euch sehr, Baradia. Ich stehe tief in Eurer Schuld. Gibt es irgendetwas, das ich für Euch tun kann, bevor Ihr nach Oot zurückkehrt?“

„Allerdings“, erwiderte sie. „Der junge Schatten, der mich vorhin begleitete, Kwoxit u Dengo, war wohl bei einem Kampf nach einer schweren Hirnverletzung gestorben. Er nützt Euch nichts, weil er den Treueeid der Pylax nicht mehr kennt. Ihr solltet ihn entweder töten oder mir überlassen. Ich könnte einen solchen Beschützer gut gebrauchen, wenn ich nach Oot reise. Schließlich wollen wir doch beide sicherstellen, dass Ihr auch künftig mit dem Odem des Lebens versorgt werdet.“

„Nehmt ihn mit“, sagte Gylbax schroff. Dann drehte er sich um und ging mit seiner silbernen Dose davon.

Ein Schatten der Hochkönige befehligt die Armee der Schatten, dachte Baradia mit leiser Ironie als sie ihn dahinschreiten sah. Zufällig fiel ihr Blick auf Kwoxit u Dengo, der mit Chrinodilh unter einer Palme stand und wild gestikulierte, während sie lachte.

Wie es wohl sein würde, mit einem lebenden Toten zu schlafen? sinnierte die Gütige Frau von Oot. Dann sah sie wieder dem Hochkönig nach und dachte: Sicherlich angenehmer und auch weniger gefährlich als mit einem toten Lebenden.

*

Jalbik Gisildawain hatte mit seinen Adleraugen am Horizont mehrere kleine, weiße Punkte erkannt. „Endlich hat das Warten ein Ende“, dachte er. Es lag jedoch auch viel Wehmut in diesem Gedanken angesichts der Tatsache, dass die ersehnte Hilfe aus Lokhrit immer noch nicht eingetroffen war. Der Wind hatte aufgefrischt und trug den Pulk der feindlichen Kriegskoggen schnell heran. Jalbik segelte mit seinem Begleitschiff, einer stattlichen Karavelle seines Vetters, gemächlich entlang den Wasischen Atollen mit vermeintlichem Kurs auf die Bucht von Flagant. Kurze Zeit nach der Entdeckung der Koggen ließen die beiden Kapitäne zusätzliche Segel setzen, so dass es den Anschein hatte als wollten sie fliehen.

Die obesische Flotte reagierte erwartungsgemäß, indem sie ebenfalls volle Segel setzte, den Kurs änderte und nun auf die beiden Freibeuter zuhielt. Jalbik Gisildawain brachte sein Schiff mit einem waghalsigen Manöver so nahe wie möglich an Trudirk heran, während sein Vetter, dessen Karavelle einen geringeren Tiefgang als die Galeere hatte, über die „Klinge“ segelte.

Palagom, der obesische Admiral der surdyrischen Flotte, hatte es sich nicht nehmen lassen, mit seinem Schiff „Gischtadler“ den Verband anzuführen. Er genoss den Ruf eines rücksichtslosen Draufgängers. Im Gegensatz zu den meisten Obesiern scheute er selbst die Ozeane nicht. Das hatte seinen steilen Aufstieg in der Militärhierarchie befeuert und ihn bis zum Admiralsrang und in den Kriegsrat katapultiert. Auch in der jetzigen Situation erwies sich sein Draufgängertum als glückliche Fügung. Mittig an der Spitze des von ihm geführten Verbands brauste seine schwere Kogge unbehelligt zwischen dem Atoll Trudirk und der „Klinge“ hindurch, ebenso die unmittelbar nachfolgenden Schiffe. Da die Formation dahinter aber breiter wurde, kam es zu ersten Zwischenfällen. Zwei Koggen liefen auf die Ausläufer der weiten Sandbank um Trudirk auf, sodass ihre Fahrt abrupt abgebremst wurde. Ein drittes Schiff, das ausweichen wollte, stieß mit einem nachfolgenden zusammen. Das Krachen und Splittern von Holz übertönte das monoton klatschende Geräusch der im Wellengang hüpfenden, schweren Segler. Ein weiteres Schiff rammte die beiden havarierten Koggen. Die Beplankung wurde eingedrückt und die Spanten brachen. Wasser ergoss sich durch das große Loch in den Rumpf des aufgefahrenen Schiffes, das nun schnell zu sinken begann.

Noch wesentlich schlimmer erwischte es die surdyrische Flotte im Bereich der „Klinge“. Dort waren gleich vier Koggen an den unter der Meeresoberfläche nicht erkennbaren Stahlkanten der verkeilten Wracks in voller Fahrt hängen geblieben und aus der Richtung geworfen worden. Drei weitere kollidierten mit den plötzlich zu tödlichen Hindernissen gewordenen Seglern. Einige begannen zu sinken, andere trieben hilflos mit schweren Schäden in die Bucht von Flagant ab.

Während sich die Formation der obesischen Flotte nach diesen Ereignissen völlig auflöste, wendeten die beiden Freibeuter erneut und nahmen Kurs auf den Hafen von Liquudarion.

Palagom ließ schweren Herzens sein Flaggschiff abdrehen, um die Ordnung wiederherzustellen und die Schiffbrüchigen zu retten. Einige der Kriegsschiffe setzten Barkassen aus, die im Meer schwimmende Soldaten und Matrosen auffischten. Dann nahm der Admiral mit einem Teil seiner Flotte die Verfolgung der beiden flüchtigen Piraten wieder auf. Diesmal ging er vorsichtiger zu Werke und ließ die Segel reffen. Um die östlichen Ausläufer der Atolle zu meiden, steuerte er in Küstennähe in die Hafeneinfahrt. Dort gab es an den steil ins Meer abfallenden Felswänden keine Anzeichen für Untiefen. Für Palagom war klar, dass die geflohenen Freibeuter in der Falle saßen, weil sie aus dieser engen Passage nicht ins offene Meer entkommen konnten. Daher ließ er die Segel schließlich vollständig einholen. Damit gab er aber gleichzeitig selbst das verabredete Zeichen für die von seiner Position aus nicht sichtbaren Katapultschützen auf dem Heldensturz. 

Aus allen Katapulten prasselten mächtige Felsbrocken und brennende Pechkörbe wie Hagelschlag auf die beiden hinteren Koggen in der Hafeneinfahrt. Mit donnerndem Krachen durchbrach einer der größten Felsbrocken das Oberdeck und den Rumpf im Heckbereich des hintersten Schiffes, das sich daraufhin manövrierunfähig zur Seite neigte und die schmale Fahrrinne versperrte. Trotzdem versuchten die Mannschaften an den Hilfsrudern der anderen Koggen fieberhaft, ihre Schiffe auf der Stelle zu drehen, während der tödliche Hagel nun auch auf sie niederging.

Für die Freibeuter zahlte sich aus, dass ihre Katapulte am Heldensturz dem Rest der Welt verborgen geblieben waren. In ihrer militärischen Überheblichkeit hatten die Obesier es versäumt, Nachrichten auch über Völker zu sammeln, die ihnen unbedeutend erschienen. Zu sehr hatten sie sich insoweit auf die Priester des Wissens verlassen. Auf der geschmähten Pirateninsel Borgoi gab es aber kein Monasterium. 

Nur wenige Male in seinem Leben hatte Palagom vermeintlich umsichtig agiert. Nun war ihm dies zum Verhängnis geworden. Hilflos hielt er sich an der Reling seines Flaggschiffs fest. Immer noch regneten Felsbrocken herab, obwohl die Kogge bereits deutlich Schlagseite hatte und an mehreren Stellen brannte. Trotz einer leichten Brise von der See her fing sich der von den brennenden Schiffen aufsteigende, beißende Qualm zwischen den Wracks und der Felswand. Dem Ersticken nahe lockerte der Admiral schließlich seinen Griff und stürzte in das für Obesier völlig ungewohnte Element.

Untätig musste der Milesion Krutang aus der Ferne mit ansehen wie sein direkter Vorgesetzter unterging und mit ihm ein nicht unerheblicher Teil der surdyrischen Flotte. Aber einer der wichtigsten Grundsätze, die er von Palagom gelernt hatte, war, dass Aufgeben nicht in Betracht kam. Also versammelte er die letzten fünfunddreißig noch einsatzfähigen Schiffe und ließ sie Kurs auf Tamarinthes nehmen, den Haupthafen von Borgoi. 

Ein bewaldeter Landvorsprung versperrte die Sicht auf die Stadt. Deshalb zog Krutang in Erwägung, weiter nach backbord abzudrehen. Bevor er jedoch das entsprechende Kommando geben konnte, meldete sich der Ausguck im Krähennest: „Piraten steuerbord!“

Der Milesion hatte die Piratenschiffe bereits selbst entdeckt. Sie hatten sich in einem kleinen Meeresarm vor Tamarinthes verborgen gehalten. Erstaunt nahm Krutang zur Kenntnis, dass die Piraten nicht flohen, sondern sich den zahlenmäßig immer noch weit überlegenen Kriegskoggen näherten und das Feuer eröffneten. Er zählte siebzehn Schiffe.

Unterhalb des Oberdecks verfügten die Piratenschiffe über Abschussvorrichtungen für große Feuerspeere. Man wickelte in Pech und einem Baumrindensaft getränkte Tücher um einen schlanken Stahlschaft, der mit Hilfe einer Drahtseil-Spannvorrichtung abgeschossen wurde und eine Entfernung von mehreren hundert Metern überwinden konnte. Den Freibeutern war natürlich klar, dass sie damit an den gegnerischen Kriegsschiffen keine ernsthaften Schäden anrichten konnten. Deshalb drehten sie nach der ersten Salve ab, während die Obesier noch damit beschäftigt waren, kleinere Feuer zu löschen und die eigenen Katapulte auszurichten. Mit Ausnahme einer Galeere, die das Wendemanöver nicht rechtzeitig geschafft hatte, befanden sich die restlichen Schiffe der Freibeuter bereits außer Schussweite als die Obesier das Feuer eröffneten. Die zurückgebliebene Galeere erhielt mehrere schwere Treffer. Auch der Mast des Rahsegels wurde zertrümmert. Krachend stürzte er mit dem zerfetzten Segel auf das Oberdeck, das bereits große Löcher in der Beplankung durch den Beschuss mit schweren Stahlkugeln aufwies. Den Untergang vor Augen legten sich die Ruderer des Freibeuters wie besessen in die Riemen. Unter dem Beschuss der Angreifer zersplitterten mehrere Ruder. Hilflos trieb die Galeere dahin. Drei der surdyrischen Kriegskoggen näherten sich schnell. An Deck tauchten obesische Soldaten auf. Verzweifelt schoss die Mannschaft des Freibeuters einen Pfeilhagel auf die zum Entern bereiten Angreifer ab. Diese ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken. Eine der Koggen krachte mit ihrem stählernen Rammbock seitlich in die Galeere. Die obesischen Soldaten warfen Enterbrücken aus und stürmten das Schiff der Freibeuter. Nur kurze Zeit gelang es den Piraten, die zahlenmäßig weit überlegenen Feinde abzuwehren. Mit Schwertern und Stiftladern drängten die Obesier die Freibeuter in einem wilden Gefecht in Richtung des Schiffshecks ab, während andere obesische Soldaten an mehreren Stellen Feuer legten. Dann zogen sich die Obesier wieder auf ihre Kogge zurück und überließen das brennende Piratenschiff seinem Schicksal. Einige der Freibeuter sprangen ins Meer und klammerten sich dort an Treibholz. Sie mussten zusehen, wie ihre Galeere ausbrannte und langsam in den Fluten versank. Die drei Koggen der Obesier folgten unterdessen dem Rest ihrer verbliebenen Flotte, die die Verfolgung der übrigen Piraten aufgenommen hatte.

Nur wenige Meilen hinter Tamarinthes drehten die freien Kapitäne an der Ostspitze der Insel Borgoi nach Süden ab. Sie hatten die Absicht, die Obesier so weit wie möglich auf das offene Meer hinauszulocken und dann nach Osten zu segeln in der Hoffnung, irgendwo auf die Flotte von Lokhrit zu stoßen. Noch ahnten sie nicht, dass die sehnsüchtig erwartete Hilfe bereits hinter der Ostspitze Borgois lauerte. 

Thulminth hatte mehr als einhundertundfünfzig Kriegsschiffe entsandt, die sich in einem breiten Fjord gesammelt und versteckt hatten. Diese Schiffe waren allesamt mit den gefürchteten Ballonkatapulten ausgestattet, löffelförmigen Abschussvorrichtungen für das berüchtigte Zarrass. Die Zusammensetzung dieser Flüssigkeit wurde in Lokhrit wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Zarrass hatte die Eigenschaft, in jedes offenporige Material einzusickern. Insbesondere Holz wurde dadurch noch leichter entflammbar als Zunder. Für die Verwendung auf Kriegsschiffen wurde Zarrass in sorgfältig eingeölte, dünne Tierhäute gefüllt, die beim Auftreffen auf einem beschossenen Schiff zerplatzten und dadurch ihren gefährlichen Inhalt freigaben. Wenn das getroffene Schiff dann genügend durchtränkt war, konnte mit wenigen gezielten Brandpfeilen eine Flammenhölle entfesselt werden.

Dolbing Loostaks Steuermann brach beim Anblick der lokhritschen Flotte in ein Freudengeheul aus.

„Kurs halten!“, brüllte Dolbing während er zum Heck des Schiffes rannte. Die Obesier hatten den wirklichen Feind offenbar noch nicht gesichtet und verfolgten weiterhin die Freibeuter mit aufgeblähten Segeln. Die hoch aufspritzende Gischt ihrer Bugwellen zeigte die unverminderte Geschwindigkeit. Dolbing veranstaltete einen Freudentanz und warf seinen Dreispitz in die Luft. Mit geübter Bewegung fing er ihn wieder auf, bevor der steife Fahrtwind ihn entführen konnte. Die ersten lokhritischen Schiffe verließen das Fjord und nahmen Kurs auf die Freibeuter, immer noch unsichtbar für die Obesier. Zu diesem Zeitpunkt gab Dolbing das Kommando, nach backbord abzudrehen. Er wäre kein ehrlicher Freibeuter gewesen, wenn er die Situation nur dazu ausgenutzt hätte, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Obgleich die Lokhriter der Hilfe der Piraten nicht bedurften, war es eine Frage der Ehre, ihnen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind beizustehen.

Krutang zeigte sich zunächst nur leicht verunsichert, als mehrere Schiffe in einer Reihe aus einem Fjord hinter der Ostspitze der Insel Borgoi auftauchten. Nachdem die Reihe immer länger wurde, war er alarmiert. Konnte es sein, dass sich dort weitere Freibeuter versteckt hatten, um ihren Freunden zu Hilfe zu kommen? Die fremden Schiffe führten einen leichten Kurswechsel aus und hielten auf die surdyrische Flotte zu. Ihre Reihe schien kein Ende nehmen zu wollen. Da wurde dem Milesion klar, dass die Seeräuber Beistand von einer fremden Macht erhielten. Hatte Borthul insgeheim eine Kriegsflotte aufgebaut? Dann dämmerte ihm die Wahrheit. Entsetzt gab er das Kommando zum Wenden. Aber es kam zu spät. Die ersten Schiffe der Lokhriter befanden sich bereits innerhalb der Reichweite ihrer todbringenden Geschoße und feuerten diese ohne Vorwarnung auf die surdyrischen Koggen ab. Dadurch entstand eine Unordnung, die es den lokhritischen Schiffen ermöglichte, die Obesier in einem weiten Kreis zu umschließen und von allen Seiten Zarrass-Ballone und Brandpfeile in dieses Getümmel zu feuern. Schon eine Stunde später standen die meisten surdyrischen Segel in Flammen. Während es weiterhin Ballone und Brandpfeile hagelte, gelang es den Obesiern nicht, die gegnerische Flotte mit ihren eigenen Geschoßen geordnet anzugreifen. Auch einzelne Ausfallversuche in der Hoffnung, mit den an Bord der Koggen befindlichen obesischen Soldaten lokhritische Schiffe zu entern, blieben wirkungslos. Mit ihren wendigeren Schiffen entzogen sich die Lokhriter immer wieder solchen Bemühungen. Nach zwei Stunden brannten die ersten Koggen lichterloh. Nach vier Stunden war der ungleiche Kampf beendet.

Surdyrische Matrosen und obesische Soldaten, die sich zu retten versuchten, irrten auf den schwer beschädigten Koggen als lebende Fackeln zwischen gähnenden Löchern und Brandherden im dichten Qualm umher, bis sie leblos und verkohlt zu Boden sanken. Nur wenigen gelang es, durch einen beherzten Sprung über die Reling dieser Gluthölle zu entgehen. Aber am Ende erwartete auch sie keine Rettung. Flackernde Trümmerstücke tanzten auf den Wellenkämmen eines durch die Schlacht aufgewühlten Meeres, das die brennenden Schiffe der Obesier ebenso wie die wenigen Überlebenden gierig verschlang.

 

*

 

Trotz des unbarmherzig fortdauernden Beschusses durch die Katapulte des Heldensturzes gelang es den surdyrischen Matrosen eines noch relativ unbeschädigten Schiffes, den Admiral Palagom aus dem Wasser zu fischen. Auf der Kogge, die ihn aufgenommen hatte, übernahm er sofort den Befehl und ordnete an, das Schiff zu wenden. Um ihn herum tobte das Chaos. Schiffe waren zusammengestoßen und gekentert, während Felsen vom Himmel herabstürzten und donnernd Segel, Takelung, Planken und Spanten zerfetzten.

Wracks versperrten die Ausfahrt zur Straße von Flagant. Die Männer aus Borgoi, welche die Katapulte auf dem Heldensturz bedienten, konnten ihr zerstörerisches Werk unbeirrt fortsetzen bis sämtliche Schiffe der Obesier gesunken oder zertrümmert waren. An der Meeresoberfläche trieben schließlich nur noch Wrackteile, an denen sich Überlebende verzweifelt festklammerten.

Auch das zweite Schiff des Admirals war verloren. Bei dem waghalsigen Wendemanöver hatte es eine andere Kogge gerammt, die nun bereits auf Grund lag. Palagom machte zum zweiten Mal Bekanntschaft mit dem nassen Element. Verbissen klammerte er sich am Bruchstück eines Mastes fest. Dieses Mal war seine Hoffnung aber nur von kurzer Dauer. Einer der letzten Felsbrocken, der vom Heldensturz herabgeschleudert wurde, traf den Befehlshaber der obesischen Flotte. Er bemerkte nicht mehr wie er in die Tiefe gerissen wurde.

Jalbik Gisildawain wusste, dass auch die wenigen Überlebenden letztlich keine Chance hatten, dem Tod zu entgehen. Der Hafen von Liquudarion war ebenso wie die Atolle zu weit entfernt, und die Küste am Heldensturz ragte zu steil auf, als dass ein Schiffbrüchiger sie hätte erklimmen können. Die zahlreichen Haie in dieser Gegend würden den Rest erledigen. Aber Jalbik Gisildawain betrachtete sich selbst als stolzen Kapitän und nicht als gewissenlosen Mörder. Er hatte die Obesier in einem erbitterten Kampf in diese Falle gelockt und sie besiegt. Aber jetzt fühlte er sich für die Schiffbrüchigen verantwortlich. Deshalb bat er einige der Fischer von Liquudarion, ihm bei der Bergung etwaiger Überlebender zu helfen. Auf einem Fischerboot fuhr er anschließend mit zwanzig anderen Booten in Richtung der Straße von Flagant. Inzwischen schwiegen die Katapulte auf dem Heldensturz. Kein obesisches Schiff war übriggeblieben, das noch hätte beschossen werden können. Die Schreie der Verwundeten und Ertrinkenden waren verklungen. Die Stille des Todes wurde nur durch das leise, gleichmäßige Plätschern der Wellen durchbrochen.

Bis zum Einbruch der Nacht gelang es Jalbik Gisildawain und den Fischern von Liquudarion, dreizehn obesische Soldaten und drei surdyrische Matrosen zu retten, die sich an dahintreibenden Schiffsteilen festgekrallt hatten. Sie schleppten die Männer, die mehr tot als lebendig waren, in das kleine, nunmehr völlig überfüllte Hospital des Dorfs. Dort mussten die Verletzten teilweise auf dem blanken Bretterboden versorgt werden.

Die Fischer unterstützten die beiden Gehilfinnen des örtlichen Medicus dabei, die Schiffbrüchigen zu entkleiden und in warme Decken zu hüllen. Die nassen Kleider wurden in das Wäschezimmer am Ende des Korridors gebracht, wo Livindra es übernahm, sie über die dort gespannten Seile zu hängen. Die junge Frau ergriff eine der roten Jacken der Obesier und schüttelte sie aus. Während sie sich anschickte, die Jacke aufzuhängen, entdeckte sie ein großes, schwarzes Insekt, das sie anzustarren schien. Zuerst wollte sie das raupenähnliche Tier erschlagen. Dann aber nahm sie es vorsichtig hoch und wärmte es in ihrer Hand. Behutsam schob sie es in eine Tasche ihres Kittels. Dabei achtete sie darauf, dass es noch über den Rand der Tasche hinwegsehen konnte. In diesem Augenblick betrat Jalbik Gisildawain den Raum.

„Ah, Livindra“, sprach er die junge Frau an. „Du hast ja hoffentlich die Klamotten gekennzeichnet, damit sie hinterher den Gefangenen wieder richtig zugeordnet werden können. Sie dürfen nicht die Möglichkeit haben, uns über ihre Rangordnung zu täuschen, falls Dolbing und die anderen die Absicht haben sollten, Lösegelder zu fordern. Ich würde …“ Er brach mitten im Satz ab. So blieb für immer unausgesprochen, was Jalbik Gisildawain vorschwebte. Eben erst war ihm der stumpfe Ausdruck in Livindras Augen aufgefallen, die eigentlich immer einen schelmischen Glanz ausstrahlten. Dann hatte er den Kopf des seltsamen Insekts in ihrer Tasche bemerkt. Langsam griff er nach dem Tier, holte es aus ihrer Tasche und setzte es in seine eigene Brusttasche.

Livindras Blick klärte sich. Jalbik Gisildawain hatte eben eine merkwürdige Bewegung gemacht, so als habe er sie gerade angefasst und seine Hand wieder zurückgezogen. Aber sicherlich handelte es sich um eine Täuschung. Jalbik war ein honoriger Mann und mit einer adretten Frau glücklich verheiratet. Er würde keine fremden Frauen anfassen. Sie konnte sich ja auch nicht an eine Berührung erinnern.

Während sich Jalbik Gisildawain zur Tür umwandte, fiel Livindra der merkwürdig starre Blick seiner Augen auf und der Kopf eines Insekts in seiner Brusttasche. 

Seltsam, dachte sie. Jalbik Gisildawain war einer der wagemutigsten freien Kapitäne, ein Mann, dessen Augen stets unternehmungslustig blitzten. Und dieses Insekt …“ Ihr Blick fiel auf den Wäschestapel.

Da ist ja noch ein solches Insekt, dachte die junge Frau, während Jalbik den Raum verließ.

Dann übernahm erneut eine fremdartige Macht das Denken für Livindra.

*

Der Mann entsprach ziemlich genau dem Bild, das sich Sebinirt von dem schlimmsten Bösewicht des gesamten Kontinents ausgemalt hatte. Ihm fehlte mindestens die Hälfte aller Zähne und ein Bein. Außerdem hatte er eine schiefe Nase.

Auch ihre beiden obesischen Leibwächter waren nicht in der Lage, der Vertreterin der Geldhäuser von Lumbur-Seyth in Anwesenheit dieses Mannes ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Wieso hatte sie ihre beiden Leibwächter überhaupt mitbringen dürfen?

„Sie können versichert sein, dass ich die Ehre zu schätzen weiß, von Ihnen empfangen zu werden, Baron Schaddoch“, säuselte Sebinirt.

Der Mann mit dem Holzbein starrte sie jedoch unvermindert feindselig an.

„Frauen und Geldhäusern traue ich nicht. Und bei Ihnen kommt auch noch alles zusammen“, knurrte er mürrisch. „Deshalb habe ich den Kerl dort zu unserer Besprechung hinzugebeten. Der ist noch viel gefährlicher als ich. Der kann nämlich schreiben.“ Bei diesen Worten brach der Einbeinige in ein schallendes Gelächter aus als habe er gerade den besten Witz aller Zeiten gemacht. Anstandshalber fiel Sebinirt in das Gelächter ein, das daraufhin aber abrupt abbrach. „Der Nichtsnutz heißt Jalbik Truchardin“, grantelte der Kerl mit dem Holzbein weiter und zeigte auf den gutaussehenden, jungen Mann mit den dunklen, gewellten Haaren hinter dem Schreibtisch, der sich offenbar kaum traute, aufzusehen.

Dem Namen nach ein Lokhriter, dachte Sebinirt. Dazu passt auch die gebräunte Haut des Seefahrers. Vielleicht auch ein Pirat aus Borgoi. 

Der junge Mann nickte ihr kurz scheu zu, wagte aber offenbar in Anwesenheit des Oberschurken nicht, etwas zu sagen.

„Also, was wollen Sie?“, herrschte dieser die Vertreterin der Geldhäuser an und wandte sich im gleichen Tonfall an den jungen Mann: „Schreib mit, fauler Hund!“

Hastig griff der Angesprochene zu Papier und Feder.

Reichlich verunsichert begann Sebinirt, ihr Anliegen vorzutragen:

„Mächtige Männer aus vielen Ländern des Kontinents haben ein geheimes Bündnis gegründet, das allen Menschen Sicherheit und Wohlstand bringen soll …“

„Sie sind kein Mann“, unterbrach sie der Einbeinige.

„Das stimmt wohl“, lächelte Sebinirt süßlich. „Ich bin aber insoweit die einzige Ausnahme in diesem erlauchten Kreis. Wir brauchen noch einige wenige Menschen, die über große Macht verfügen, um unsere Ziele verwirklichen zu können. Für mich sind Sie der wichtigste Mann Surdyriens. Deshalb will ich Sie bitten, Mitglied dieses für die Zukunft des Kontinents so bedeutsamen Bündnisses zu werden.“

Die Schmeicheleien beeindruckten den Einbeinigen in keiner Weise. Stattdessen wollte er wissen: „Und wer sind die anderen?“ 

„Wie ich bereits sagte, ist das ein Geheimbund“, betonte die Vertreterin der Geldhäuser. „Deshalb kann ich Ihnen wohl schlecht Namen nennen bevor Sie sich entschieden haben, ebenfalls Mitglied zu werden. Nicht Namen, sondern die Ziele, die wir verfolgen, sollten den Ausschlag für Ihre Entscheidung geben.“

„Die Ziele haben Sie schon genannt“, grollte der Mann mit dem Holzbein. „Nennen Sie mir jetzt die Namen! Ich für meinen Teil habe gelernt, mir niemals mehr Zeit für halbe Sachen zu nehmen. Sehen Sie mich an! Man wird selbst zur halben Sache, wenn man nicht gründlich genug ist. Wollen Sie beim Verlassen dieses Raumes auch so aussehen wie ich? Mit einem halben Gebiss und nur noch einem Bein?“

Die Hände der obesischen Leibwächter zuckten zu den Schwertgriffen. Aber Sebinirt breitete sofort die Arme aus, um sie zurückzuhalten.

„Ich denke, Sie haben ein Anrecht darauf, zu erfahren mit wem Sie sich einlassen. Und als Mann von Ehre werden Sie das auch für sich behalten. Ihr Schreiber …“ Sie zögerte.

„… macht sein verdammtes Maul nur auf, wenn ich es ihm ausdrücklich erlaube, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben“, ergänzte der Einbeinige grob.

„Also gut“, stimmte Sebinirt zu. „Saradur, der Sprecher des Ordens der Priester des Wissens, ist der Gründer des Bündnisses zur Befreiung. Dieses Bündnis steht in der Tradition des Geheimen Bundes von Dunculbur. Weitere Mitglieder sind Enebenteph, den Sie sicherlich kennen, außerdem Zubarak, der Ducarion der Garde von Modonos, Dolmand-Jakodan vom Rat der Weisen Gatyas, die Hafenmeister von Dukhul und Lohidan, Tillbar, der Sohn der Gütigen Frau von Oot, und Dolugon, Vorsitzender der Kongregation von Borthul.“

Die Frau aus Lumbur-Seyth ließ ihre Worte wirken. Dann sah sie dem hässlichen Mann mit der Zahnraffel fest in die Augen: „Wie entscheiden Sie sich?“

Der aber drehte sich zu seinem Schreiber um: „Hast du das alles?“

„Ja“, sagte der hübsche, junge Mann, sodass Sebinirt zum ersten Mal seine angenehm volltönende Stimme hören konnte. Langsam legte er die Feder auf den Schreibtisch zurück. Dann hielt er urplötzlich in jeder Hand einen Schnelllader. Es ratterte los, und die beiden obesischen Leibwächter kippten zur Seite, von Stahlpfeilen durchsiebt.

Sebinirt stand starr vor Schreck. Der junge Mann legte die beiden Schnelllader mit einer bedauernden Geste zur Seite:

„Verzeihen Sie, bitte. Baron Schaddoch vergaß zu erwähnen, dass wir hier nur tote Obesier dulden.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

Der Mann mit dem Holzbein sah Sebinirt ungerührt an: „Ich habe mich entschieden. Ich werde diesem Klüngel von Geisteskranken nicht beitreten. Und jetzt verschwinden Sie!“

Die Vertreterin der Geldhäuser war aber nach wie vor unfähig, sich zu rühren, während sich die Blutlachen ihrer getöteten Leibwächter zunehmend vergrößerten.

Mit freundlicher Stimme bekräftigte der Schreiber: „Der Herr Baron hat gesagt, dass Sie gehen dürfen. Ich an Ihrer Stelle würde eine flotte Gangart wählen, ehe er es sich anders überlegt.“

Nun erwachte Sebinirt wieder zum Leben, fuhr herum und rannte durch die offen stehende Tür in den langen Flur hinter dem Zimmer. Die feuerroten Haare flatterten hinter ihr her wie der Schweif eines Kometen. Es war das letzte Mal, dass sie ein Treffen mit Baron Schaddoch überlebte.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte der Einbeinige grinsend den jungen Mann hinter dem Schreibtisch.

„Nein“, entgegnete jener lächelnd und deutete auf die beiden toten Obesier: „Manchmal bist du eben nur etwas vergesslich. Aber dafür gibt es ja die gefährlichen Schreiber.“

Nach einer Pause meinte er nachdenklich: „Ich glaube, du hattest recht. Das hier war reine Zeitverschwendung. Wir sollten uns mit dieser Eisgräfin, Octora, treffen. Sie ist auf dem Weg nach Tredon.“

Der Mann mit dem Holzbein runzelte die Stirn: „Wie kann ich dir das nur ausreden? Sie ist eine extrem gefährliche Frau.“

Der Schreiber grinste breit: „Ich liebe gefährliche Frauen.“ Und dann fügte er mit völlig ernster Mine hinzu: „Die Frau, die ich brauche, kann gar nicht gefährlich genug sein.“

*

„Du bist schon wieder da“, tadelte der weißhäutige Jüngling mit den goldblonden Locken. „Dabei habe ich dir gerade eben erst gesagt, dass du nicht mehr hierherkommen sollst.“

„Gerade eben erst war vor mehr als vierzig Jahren“, wandte der Besucher ein.

Der Bewohner des unterirdischen Felsenlabyrinths ließ diesen Einwand jedoch nicht gelten: „Vierzig Jahre sind nicht einmal ein Wimpernschlag.“

Alles wirkte unheimlich. Selbst für einen Eisgrafen. Selbst für den erfahrensten Eisgrafen. Selbst für den Eisgrafen, der vor über vierzig Jahren eine andere Welt entdeckt und all die Jahre dieses Wissen für sich behalten hatte.

Septimor konnte sich kaum noch daran erinnern wie er als Fünfzehnjähriger am Berg von Kerdaris in eine tiefe Felsspalte gestürzt war und wie durch ein Wunder überlebte. Oft hatte er sich gefragt, ob es sich wirklich um ein Wunder gehandelt hatte.

Der weißhäutige Jüngling, der sich Rooll nannte, hatte ihn gerettet. Davon war Septimor nach mehr als vierzig Jahren des Nachdenkens überzeugt.

„Ich weiß jetzt, dass du mir damals geholfen hast“, behauptete der Eisgraf. „Heute bin ich hier, um dich zu bitten, meinem Zwillingsbruder zu helfen.“ Erstmals zeigte sich die Andeutung einer Gemütsregung in dem völlig glatten Gesicht Roolls: „Septimor, du weißt nicht, was du da von mir verlangst.“

„Du weißt doch gar nicht, worum es geht“, warf der Eisgraf dem seltsamen Mann vor, der in mehr als vierzig Jahren offenbar um keine Sekunde gealtert war. Dann besann er sich: „Oder weißt du es doch?“

Rooll sah ihn ernst an: „Du bist ein Günstling des Baumes der Seelen. Wenn nicht einmal du in der Lage bist, deinem Bruder zu helfen, verlangst du von mir ein unendlich großes Opfer.“

„Wie meinst du das?“, wollte Septimor wissen.

„Das Eherne Gesetz verbietet mir, in die Abläufe der äußeren Welt einzugreifen“, erklärte Rooll.

„Aber du hast doch auch mich gerettet“, hielt Septimor dagegen.

„Das stimmt“, gab Rooll zu. „Aber dazu musste ich nicht in die Abläufe der äußeren Welt eingreifen. Du bist hier in meine Welt hereingestürzt. Dich zu retten war ich sogar dem Geflecht der alten Wesenheiten schuldig. Ich durfte nicht zulassen, dass ein Günstling des Baumes der Seelen in meiner Welt stirbt.“ Septimor sah schuldbewusst zu Boden: „Ich weiß nicht einmal, ob du überhaupt eingreifen musst. Aber wenn Charas zu Drinh meinen Bruder überfällt, ist er schutzlos. Ich kann kein ganzes Heer aufhalten.“

„Also verlangst du von mir das Opfer?“, drängte Rooll auf eine klare Aussage des Eisgrafen.

Der war nun ziemlich verunsichert: „Würdest du – sterben?“

„Nicht so wie du denkst“, erklärte der Bewohner des Labyrinths. „Der Bewahrer des Ehernen Gestzes würde mir sicherlich zugutehalten, dass ich Charas zu Drinh dadurch gleichzeitig an der Zerstörung des letzten Heiligtums hindern würde. Aber er wird mich dennoch bestrafen.“

„Wer ist der Bewahrer des Ehernen Gesetzes?“, fragte der Eisgraf.

„Das ist mein Zwillingsbruder“, erwiderte Rooll.

Septimor war dermaßen verwirrt, dass er sich zu der von Rooll geforderten Entscheidung nicht in der Lage sah. Schließlich stand er auf und sagte traurig:
 „Ich verlange nicht von dir, dass du Jorgal rettest. Ich überlasse dir die Entscheidung. Aber ich möchte mich wenigstens dafür bedanken, dass du mich gerettet hast. Ich werde auch deinen Wunsch respektieren und nie mehr hierherkommen.“

Rooll sah ihn lange an, und Septimor glaubte, eine gewisse Niedergeschlagenheit in seinen undurchdringlichen, gelben Augen mit den schwarzen Schlitzen zu erblicken. Und die gleiche Niedergeschlagenheit sprach auch aus seinen Worten, mit denen er das Gespräch beendete: „Du würdest mich wahrscheinlich sowieso nicht mehr hier vorfinden. Gehe jetzt!“

Rooll hatte sich längst entschieden.

Septimor verließ den kreisrunden Raum tief im Berg durch einen langen, matt beleuchteten Gang. Überall waren Erzadern zu sehen, aus denen die Menschen in Surdyrien Ilumit gewannen. Niemand durfte je erfahren, dass es auch hier in Kerdaris ein riesiges Ilumit-Vorkommen gab. 





Kapitel 5 – Spiralen der Vernichtung



Seit drei Tagen dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten an. Orandula-Orondinur hatte den Eindruck, dass alle Bewohner Sindras nach Zitaxon gekommen waren. Als sie zusammen mit Gylbax dem Volk von der Dachterrasse des Sternpalasts zuwinkte, konnte sie nicht das Ende der Menschenmenge sehen, die bis tief in das Umland der Stadt reichte.

Gylbax hatte gewünscht, bei der Vermählung die alten Rituale in den Tempeln neu zu beleben. Nachdem Orandula-Orondinur in den Wochen zuvor mit Begeisterung oft stundenlang tief in die alten Schriften über die Geschichte Sindras eingetaucht war, hatte sie ihm gerne diesen Gefallen getan. Genau wie Gylbax selbst erlag sie immer mehr der Faszination dieser uralten Kultur.

Fast ein Jahr war vergangen, seit sie das Angebot des Hochkönigs, ihr das Innere der Gruft von Kostondio zu zeigen, insgeheim belächelt hatte. Aber am Tag zuvor hatte sie dann mit einer atemlosen Spannung den Torbogen durchschritten. Er führte in ein Labyrinth aus schwach beleuchteten Grotten, das normale Sterbliche nicht betreten durften. In diesem Gewirr aus Stalagmiten und Stalagtiten und den scheinbar regellos verteilten Steinsarkophagen beschlich Orandula-Orondinur das Gefühl, in einer Zwischenwelt der Toten zu weilen. Von ihren Sargdeckeln aus verfolgten die starren Abbilder der darin bestatteten Hochkönige jede Bewegung der zierlichen Frau. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn plötzlich ein Verstorbener oder ein Geist aufgetaucht wäre und die Führung durch diese unwirkliche Umgebung übernommen hätte. Aber alles blieb gespentisch still. Selbst das Geräusch ihrer Schritte wurde hier im stumpfen Dämmerlicht von der Grabesruhe aufgesaugt.

Es war ein bizarrer Ausflug während einer Hochzeitszeremonie gewesen. Jedoch hatte sich die ehemalige Eisgräfin inzwischen damit abgefunden, dass in Sindra – anders als in Gatya – ein gesteigertes Bewusstsein für Vergangenheit und Vergänglichkeit die Menschen auf Schritt und Tritt zu begleiten schien.

Orandula-Orondinur zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. Sie lag eng umschlungen mit Gylbax in dem riesigen Bett der Hochkönige. Bei ihren Studien der Geschichte Sindras hatte sie erfahren, dass dieses Bett den früheren Herrschern nicht nur als Schlafstätte, sondern vor allem als Spielwiese gedient hatte. Die Hochkönige kannten keine Tabus. Manchmal hatten sie hier mit ihren Königinnen, manchmal mit ihren Konkubinen, nicht selten mit einfachen Gespielinnen und oft genug auch mit Königinnen, Konkubinen und Gespielinnen gleichzeitig wilde Liebesspiele getrieben. Nicht wenigen Frauen hatten die Ausschweifungen und sexuellen Perversionen einzelner Herrscher in diesem Raum sogar das Leben gekostet.

Orandula-Orondinur konnte dies jedoch nicht abschrecken. Gylbax war anders. Er liebte sie abgöttisch. Tief in ihrem Innersten kannte sie auch den Grund dafür, aber sie verdrängte ihn.

Die in Liebesdingen unerfahrene Frau aus dem Norden durchlebte eine perfekte Hochzeitsnacht. Ihr Herz war ein Spiegel ihres Äußeren, zart und zerbrechlich. Und Gylbax hatte sie nicht genommen wie ein wilder Krieger. Seine Liebe umgab eine Aura der Zärtlichkeit und Beherrschtheit. In der Liebe hatte er sich all das bewahrt, was er im Leben verloren oder vielleicht auch nie besessen hatte. Orandula-Orondinur hatte schon früh seine vorgetäuschte Tapsigkeit und entrückte Weltferne durchschaut. Außerhalb ihrer Zweisamkeit war er hart, unnachgiebig und unantastbar. Aber auch dafür liebte sie ihn. Es gab ihr dieses Gefühl uneingeschränkter Geborgenheit.

Sanft streichelte sie mit ihren Fingern über seinen Körper. Als er sie plötzlich ansah, stand da wieder dieser schelmische Ausdruck in seinem Gesicht, den sie so gern mochte.

„Fast hätte ich vergessen, dass ich ja noch ein Hochzeitsgeschenk für dich habe“, erinnerte er sich.

Orandula-Orondinur setzte sich auf. Was konnte er ihr denn noch schenken? Er hatte sie schon mit den königlichsten Geschenken überhäuft, die sich ein Mensch nur vorstellen konnte: Wiilidir und Syx, die Rüstung der Pylax und sogar den Treueeid von Argo a Narga, von den vielen „alltäglichen“ Geschenken ganz zu schweigen. Und sicherlich hätte er ihr auch das Schwert der Könige geschenkt, wenn dies nicht durch ein uraltes Gesetz verboten gewesen wäre. Hätte Orandula-Orondinur die Fähigkeit besessen, in die Zukunft zu schauen, hätte sie dieses Schwert in der Hand einer anderen Eisgräfin gesehen.

Während sie noch ihren Wachträumen nachhing, war Gylbax bereits aufgestanden. Kurz darauf kam er mit einem silbernen Tablett zurück, auf dem zwei kleine Behälter mit einem grünen Pulver und zwei Gläser mit Wasser standen.

„Habe ich deinen Erwartungen so wenig entsprochen, dass du mich jetzt schon vergiften willst?“ Sie grinste ihn an, aber Gylbax hatte für Scherze dieser Art kein Verständnis. Er schüttelte den Kopf: „Das Gegenteil ist der Fall. Das ist der Odem des Lebens. Ich werde dich nie wieder hergeben.“

Orandula-Orondinur zeigte entschlossen, dass sie bereit war, ihm ohne Vorbehalte zu vertrauen. Fragen konnte sie hinterher immer noch stellen. Sie ergriff das Behältnis, schüttete das Pulver in ihren Mund und leerte das Wasserglas in einem Zug. Gylbax tat es ihr gleich.

„Jetzt hat für uns die Ewigkeit begonnen“, verkündete er feierlich.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Hochkönig ahnte nicht, dass dieses Klopfen den Beginn einer sehr kurzen Ewigkeit eingeläutet hatte.

„Ein Bote aus Doinat wünscht Eure Hohe Majestät zu sprechen. Er hat äußerst wichtige und dringende Nachrichten.“ Es war die durchdringende, vibrierende Stimme des wachhabenden Pylax.

Gylbax bedachte seine Gattin mit einem entschuldigenden Blick. Die Wache würde ihn nicht gestört haben, wenn die Botschaft nicht von überragender Bedeutung gewesen wäre. Es stand für ihn außer Frage, dass sie vom Statthalter kam. Gylbax schlüpfte geschwind in das schmucklose weiße Schlafgewand, das in der Hüfte mit einer bunten Schärpe zusammengebunden wurde, während sich Orandula-Orondinur die Decke über den Körper zog. Dann öffnete er die Tür und ließ den Boten eintreten, der sofort auf die Knie fiel.

„Ich bitte Eure Hohe Majestät um Entschuldigung für die Störung“, jammerte er.

Gylbax packte ihn grob am Oberarm und riss ihn auf die Füße: „Ihr tut nur Eure Pflicht. Diese Kniefälle werde ich abschaffen. Wir sind ein Volk von Kriegern und nicht von Kriechern! Also tragt Eure Botschaft vor!“

„Mein hoher Herr Yxistradojn hat Nachrichten von seinen Augen in Obesien erhalten“, berichtete der Bote, nunmehr mit fester Stimme. „Zwei große Heere sind in Modonos und Gladunos aufgebrochen. Ihr Ziel ist die Pforte von Pleeth.“

Orandula-Orondinur warf ihrem Gemahl einen erschrockenen Blick zu. Da bemerkte sie die höchst seltsame Veränderung in seiner Mimik. In seinen Zügen lag keine Besorgnis, sondern eher Begeisterung. Er schlug sich mit der rechten Faust in die linke Handfläche als hätte er diesen Moment sehnsüchtig erwartet.

„Nimm sofort ein neues Pferd und reite nach Yacudac“, wies er den Boten an. „Durat o Gongos soll mit fünfhundert Mann nach Doinat ziehen und sich dort mit dem Heer des Statthalters vereinigen. Sage dem Königlichen Verweser und Yxistradojn, dass ich sie übermorgen um die Mittagszeit auf der rechten Seite des Sindur bei Sedizal treffe. Das Heer muss bis dahin abmarschbereit sein. Ich gebe dir ein versiegeltes Schreiben mit.“

Als Gylbax sich bereits auf dem Weg zum Schreibtisch befand, wurde ihm bewusst, dass er die Anwesenheit seiner Frau für einen Augenblick völlig vergessen hatte. Er wandte sich zu ihr um: „Liebling, ich …“

„Mein König“, unterbrach sie ihn. „Du hast jetzt wichtige Aufgaben für unser Volk zu erledigen. Ich liebe dich.“

Sie hatte ganz bewusst „unser Volk“ gesagt. Dankbar und glücklich eilte er zu seinem Schreibtisch und begann, den Brief an den Königlichen Verweser von Yacudac aufzusetzen.

*

Selbst der scheue, kleine Mokabi-Affe mit seinen überdimensional großen, lichtempfindlichen Augen sah den riesigen Mann nicht, obwohl dieser nur zwei Meter entfernt im Unterholz vorbeihuschte. Ganz kurz hatte der Mokabi eine fremdartige Witterung aufgenommen, die er aber aufgrund ihrer Flüchtigkeit nicht als Bedrohung einstufte. Zwei Sekunden später hatte er sie schon wieder vergessen. Dabei hätte ein Lufthauch genügt, um ihn zu töten.

Soldun Elkar fur deleen, der „Todeshauch, der stets sein Ziel findet“, tötete völlig geräuschlos und schnell. Ein kurzes Pusten in das dünne Blasrohr reichte hierzu aus. Eine winzige, vergiftete Nadel begann ihr todbringendes Werk schon beim ersten Kontakt mit dem Körper des Opfers. Meist trat die lähmende Wirkung ein bevor das Opfer überhaupt einen Schmerz empfinden konnte.

Der Mokabi hatte das Glück gehabt, dass sich Soldun nicht auf Affenjagd befand. Heute jagte er Gespenster. Neun Gespenster, die in einer Kampfformation, welche sie als den „Eckstein“ bezeichneten, in seinen Wald eingedrungen waren. Vier der in den Augen Solduns abgrundtief hässlichen Geschöpfe bewegten sich eng in der Anordnung einer Raute um ihren Anführer. Die anderen vier sicherten in größerem Abstand nach allen Seiten.

Soldun juckte es in den Fingern. Nur allzu gerne hätte er versucht, mit den Gespenstern allein fertig zu werden. Aber der alte Eremit und Mulmok hatten dringend davon abgeraten und darauf hingewiesen, dass die Gespenster seit neuestem noch viel schneller waren als früher. Aber auch früher hätte er es höchstens mit drei bis vier von ihnen aufnehmen können, nicht aber mit neun. Aus dem Hinterhalt hätte er nur zwei erledigen können, bevor die anderen aufmerksam geworden wären. Dann wären sie blitzartig untergetaucht, und er hätte sie in einem Wald suchen müssen, den sie fast genauso gut kannten wie er selbst.

So blieb Soldun bewegungslos unter dem dichten Busch liegen, spähte hinaus in das trübe, grüne Zwielicht und musste mit ansehen, wie sein Wald von den Gespenstern entweiht wurde. Schnell und geräuschlos entfernten sie sich von seinem Standort. Erst als sie längst zwischen den Bäumen untergetaucht waren, verließ Soldun sein Versteck und eilte auf dem kürzesten, nur den lumburischen Jägern bekannten Weg durch das lichte Unterholz zu dem Lager des letzten Wanderpriesters.

Qaromar hatte insgeheim einen Angriff der Pylax erwartet, aber nicht in dieser Form. Er war sichtlich nervös als er zusammenfasste:

„Neun Pylax sind ein enormes Aufgebot für eine derart kleine Niederlassung wie die unsrige. Die könnten ein ganzes Heer normaler Menschen im Handumdrehen vernichten. Dass sie in Ecksteinformation vorrücken, scheint mir darauf hinzudeuten, dass zumindest der Kerl in der Mitte diese neue Schnelligkeit besitzt.“

„Wann werden sie hier eintreffen?“, wollte Telimur wissen.

„Wenn sie ihre jetzige Marschgeschwindigkeit beibehalten und keine größeren Pausen einlegen: in etwa fünfzehn Stunden“, antwortete Soldun. „Leider gibt es nur zwei Eingeborene in dieser Gegend, die uns helfen können.“

„Was ist mit den Frauen?“, fragte Telimur unbedarft.

Mulmok und Soldun starrten ihn an, sagten aber nichts. Telimur hatte immer noch nicht gelernt, den Gesichtsausdruck und die Gefühle eines Lumburiers zu deuten. Hilflos breitete er die Arme aus: „Sie sind sicherlich auch viel stärker als wir.“

Mulmok versuchte es mit einer Ausrede: „Hier geht es um euren Extrakt. Dafür gefährden wir nicht unsere Frauen.“

„Aber es geht auch um euren Wald“, beharrte Telimur.

„Du bist ganz schön penetrant, kleiner Mann“, schnaubte Mulmok.

„Und es geht auch um dein Leben“, ließ Telimur nicht locker.

„Schluss jetzt!“, fuhr Qaromar dazwischen. „Wir werden nicht das Leben von Frauen aufs Spiel setzen. Basta!“

Telimur hatte den kurzen, resignierten Blick des alten Wanderpriesters vor dem Ausspruch der unwirschen Worte aufgefangen. Da wusste er, dass er ein äußerst heikles Thema berührt hatte und hütete sich, es nochmals aufzugreifen.

„Wir werden den Grünen Kristall und alle anderen wichtigen Dinge aus dem Lager wegschaffen und sie dann hier erwarten“, beendete schließlich Mulmok die Diskussion. „Telimur wird mit mir hierbleiben. Alle anderen sind gegen die Gespenster ohnehin keine Hilfe.“

„Aber Telimur kann dir gegen die Pylax genausowenig helfen wie alle anderen“, protestierte Qaromar. Mulmok ignorierte den Einwand und ergriff Telimur am Arm: „Komm mit, ich habe ein Geschenk für dich.“

Zehn Stunden später war das Lager geräumt. Qaromar hatte die Tür im Gitterzaun offenstehen lassen, um eine überhastete Flucht vorzutäuschen. Soldun hatte für sich und Telimur ein perfektes Versteck hergerichtet, das nicht viel mehr als zwanzig Schritte vom Lagereingang entfernt lag. Mulmok und der andere Lumburier verbargen sich seitlich und im hinteren Bereich außerhalb des Lagers im dichten Gebüsch. Dann begann das Warten. Es dauerte knapp zwei Stunden bis Soldun abrupt den Kopf hob. Telimur nickte einmal kurz. Auch er hatte das Gekreische der Blauhauben-Dschungelkrähe gehört. Diese Krähenart ersetzte im südlichen Teil des lumburischen Urwalds das Läuten von Alarmglocken. Wenn der Vogel eine Bewegung wahrnahm, die er als bedrohlich einstufte, flog er aus den Baumwipfeln auf und warnte die anderen Tiere durch sein Gezeter. In diesem Falle wurde seine Warnung aber nicht nur von den anderen Tieren dankbar aufgenommen.

Übergangslos stand wenig später die aus fünf Pylax bestehende Mitte des „Ecksteins“ vor dem Eingang des Lagers. Spätestens jetzt verstand Telimur, warum die Lumburier die Pylax als „Gespenster“ bezeichneten. Die fünf Krieger aus Sindra waren völlig lautlos und zuvor unsichtbar wie aus dem Nichts aufgetaucht. Soldun hatte Telimur erläutert, dass sich die anderen Pylax, die den inneren Kern der „Eckstein“-Formation abdeckten, von allen vier Seiten an das Lager heranschleichen würden. Erst wenn sie sicher wären, dass das Lager aufgegeben worden war, würde man sie vielleicht zu Gesicht bekommen. Telimur und Soldun blieben völlig reglos liegen, während die Pylax minutenlang die Lage sondierten. Dann gab der Anführer in der Mitte zwei Handzeichen, die vermutlich seinen verborgenen Gefährten galten. Ein kurzer Blick zum Tor hatte ihm für die Feststellung genügt, dass kein Schließmechanismus vorhanden schien. Er gab seinen Begleitern das Zeichen, in das Lager einzudringen.

Im Gegensatz zu Telimur hatte Soldun zwei kurze Bewegungen wahrgenommen, und dadurch zwei der vier äußeren Pylax entdeckt. Der eine von ihnen hielt sich etwa dreißig Meter entfernt in der Nähe des Eingangs im Gestrüpp versteckt, der andere auf mittlerer Höhe des östlichen Gitterzauns. Die fünf Pylax innerhalb des Zaunes schienen nun etwas weniger angespannt, nachdem sie festgestellt hatten, dass das Lager verlassen war. Langsam lösten sie ihre Formation auf und schickten sich an, die Hütten zu durchsuchen.

Soldun befürchtete, dass die beiden von ihm gesichteten Pylax wieder im Unterholz abtauchen und dadurch für ihn unsichtbar werden könnten. Deshalb beschloss er, sofort zu handeln. Während er mit einem kurzen Atemstoß eine winzige Nadel aus seinem Blasrohr abschoss, gab er gleichzeitig Telimur den vereinbarten Wink. Der junge Priester des Wissens stürmte mit katzenhafter Geschmeidigkeit zwischen den Sträuchern hindurch zum Eingang des Lagers, wo er schon Wochen zuvor zusammen mit Qaromar einen ausgeklügelten Absperrmechanismus gut getarnt im Boden versenkt hatte. Nachdem für alle Beteiligten klar geworden war, dass der Hochkönig von Sindra irgendwann auf das Ausbleiben der versprochenen Lebensdroge und von Nachrichten seines Vertrauten reagieren würde, hatten sie sich Gedanken über die Absicherung des Lagers gegen einen feindlichen Überfall gemacht. Ein Ergebnis dieser Überlegungen bestand in der Verriegelung des Zugangs durch eine stabile Metallplatte, die mit Hilfe eines gespannten Stahlhebels vor das vorhandene Tor geklappt werden konnte. Auf diese Weise wurde nicht nur ein Schwachpunkt in der Verteidigung beseitigt, sondern das Lager auch zu einer Falle für Eindringlinge umgestaltet.

Getroffen von dem winzigen Pfeil des Lumburiers zuckte der erste Pylax kurz und fiel dann lautlos vornüber. Zu diesem Zeitpunkt hatte Soldun bereits den zweiten Pfeil abgeschossen, der ebenfalls mit tödlicher Sicherheit sein Ziel fand. Auch der Pylax an der rechten Seite des Lagers kippte um.

Telimur löste den Mechanismus der Stahlplatte aus und spürte einen kurzen Lufzug als sie hochschnellte. Aber er wusste sofort, dass diese Luftbewegung nicht von der Platte ausgelöst worden war. Gleichzeitig fühlte er einen heftigen Stoß gegen seine Brust und stürzte rücklings zu Boden. In seinem olivgrünen Umhang klaffte auf Höhe des Herzens ein hässlicher Schlitz. Dass er darunter das Schutzhemd trug, das Mulmok von Demur y Sethri erbeutet und ihm geschenkt hatte, rettete ihm das Leben.

Soldun sah eine schattenhafte Bewegung, die für ein menschliches Auge nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Die winzige Zeitspanne zwischen dem Abschuss der beiden Giftpfeile war zu lang gewesen. Der Anführer der Pylax hatte aus den Augenwinkeln den zum Eingang stürmenden Telimur bemerkt. Dann hatte er wahrgenommen, wie einer seiner Männer außerhalb des Lagers getroffen wurde und zusammenbrach. Blitzartig hatte er die Lage erfasst und dadurch gelang es ihm, im letzten Augenblich zwischen dem Gitterzaun und der hochklappenden Stahlplatte hindurchzuschlüpfen.

Mulmok hatte Soldun erzählt, welch ungeheure Geschwindigkeit diese neue Generation der Pylax auszeichnete. Aber dass er nicht mehr in der Lage sein würde, wenigstens die Bewegungsabläufe zu erkennen, hätte Soldun nicht für möglich gehalten. Ungestüm schlug er mit seiner mächtigen Faust nach dem Schemen, der plötzlich seitlich von ihm auftauchte. Er verfehlte ihn jedoch um Haaresbreite. Dann spürte er das Schwert, das ihm von hinten in den Hals gestochen wurde. Als er herumfuhr, und der Schmerz einsetzte, war der Anführer der Pylax bereits verschwunden.

Das „Gespenst“, das auf der linken Seite des Lagers seine Kampfgenossen absichern sollte, wurde auf den Angriff des Ureinwohners erst aufmerksam, als Telimur aus seinem Versteck heraussprang und zum Eingang des Lagers hastete. Der Pylax fuhr sofort hoch, um das Vorhaben des Priesters zu vereiteln, aber dazu war es bereits zu spät. Eine schwere Keule krachte auf seinen Schädel herab und beförderte ihn wieder dorthin, wo er erst vor kurzem hergekommen war. Mulmok zog sich sofort in das Gebüsch zurück, nachdem er den Pylax erschlagen hatte. Ein rascher Blick hinter das Lager zeigte ihm, dass dort keinerlei Bewegung herrschte. Dies konnte nur bedeuten, dass auch der andere Ureinwohner den vierten Pylax außerhalb des Lagers nicht entdeckt hatte. Dann sah Mulmok den kurzen Kampf zwischen dem Anführer der Pylax und Soldun mit der anschließenden Flucht des Pylax, nachdem er den Lumburier niedergestochen hatte. Folglich mussten zwei Pylax entkommen sein. Die restlichen vier Überlebenden befanden sich in dem abgeschlossenen Lager und hatten sich dort in Hütten zurückgezogen.

Telimur war zunächst benommen sitzengeblieben, bevor er zu seinem Versteck zurückkroch. Zwei Meter neben der flachen Mulde fand er Soldun mit einer immer noch stark blutenden Halswunde am Boden liegend.Der Lumburier gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Der Pylax hatte mit tödlicher Präzision eine Schlagader getroffen. Mühsam zog Telimur den schweren Leichnam Solduns in das Versteck.

 

*

Qaromar saß mehrere hundert Meter vom Lager entfernt auf einem umgefallenen, mit Efeu überrankten Baumstamm in der Mitte einer kleinen Lichtung. Am Rande dieser Lichtung, wo zuvor nur Buschwerk und von den Bäumen herabhängende Schlingpflanzen zu sehen waren, stand plötzlich übergangslos eine schlanke, hohe Gestalt mit gelbbrauner Haut und einer gebogenen Nase. Zwei dunkle Augen musterten Qaromar.

„Euer Plan ist also nicht aufgegangen“, stellte der Anführer der Pylax leidenschaftslos fest. „Deshalb sitzen Sie hier und wollen mit mir verhandeln.“

„So ist es“, bestätigte Qaromar.

„Der Hochkönig will den Odem des Lebens und den Grünen Kristall“, gab der Pylax bekannt. „Ich will meine Krieger, die in Ihrem Lager gefangen sind. Dann werden wir friedlich abziehen und diesen Wald nicht mehr betreten.“

„Ich könnte Ihnen den Grünen Kristall und den Odem des Lebens geben“, schlug der letzte Wanderpriester vor. „Aber Ihre Krieger sind Gefangene der Lumburier. Auf die habe ich keinerlei Einfluss. Ich gebe Ihnen den Zenesith und das Elixier, wenn Sie versprechen, dass dann niemand mehr getötet wird.“

Qaromar hatte den Anführer der Pylax geködert. Der Befehl des Hochkönigs war vorrangig gegenüber allem anderen. Daher gab der Pylax ohne lange Überlegungen das geforderte Versprechen.

„Ich werde Sie zu dem Kristall bringen“, kündigte der letzte Wanderpriester an und schritt, über seinen Wanderstab gebeugt, auf einem schmalen Dschungelpfad voran. Argwöhnisch schloss sich ihm der Pylax an und sah sich beständig um, obwohl er wusste, dass sein Gefährte sie aus sicherer Entfernung beschattete. Nach etwa einer Meile verließ Qaromar den Pfad und folgte dem Uferverlauf eines leise dahinplätschernden Baches. Kurze Zeit später überschritt er das an dieser Stelle breitere aber seichte Rinnsal auf einigen größeren Steinen. Am gegenüberliegenden Ufer waren hinter einer Böschung die gerundeten Wülste einiger Sandsteinfelsen erkennbar, die sich gegen den starken Pflanzenbewuchs behauptet hatten. Qaromar begab sich zu einem dieser Felsen und gab dem Pylax das Zeichen, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.

Der Pylax blieb wachsam und achtete auf jedes Geräusch, konnte aber weiterhin nichts Verdächtiges wahrnehmen. Der Wanderpriester schob den dichten Bewuchs des Felsens ein wenig zur Seite, sodass eine waagrecht verlaufende Spalte erkennbar wurde. Dort lag der Grüne Kristall und reflektierte mit seinen unzähligen kleinen Schnittflächen die einfallenden Sonnenstrahlen in einem lebhaften und intensiven Gelbgrün auf das stumpfe Dunkelgrün der Blätter des Waldes. Der Pylax kam heran und ergriff den riesigen Edelstein, der für ihn selbst keinerlei Bedeutung besaß. Für die Schönheit des funkelnden Kristalls erübrigte er nicht einen einzigen Blick. 

„Sie haben sich geirrt“, sagte Qaromar leise. „Der Plan ist nun doch noch aufgegangen.“

Der Pylax sah ihn verständnislos an. Dann erlosch schlagartig der Glanz in seinen Augen und er kippte steif vornüber. Qaromar hatte die Oberfläche des Kristalls mit dem durchsichtigen, tödlichen Schleim einer kleinen Schneckenart vergiftet, die sich auf diese Weise vor ihren Fressfeinden schützte. Er hatte vorausgesehen, dass der Pylax den Zenesith anfassen und nicht zuerst einer eingehenden Betrachtung unterziehen würde. Nur dann wäre ihm vielleicht der unscheinbare aber dennoch verräterische Grauschleier an den Kantenlinien der geschliffenen Flächen aufgefallen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Gewässers nahm der Wanderpriester eine schemenhafte Bewegung wahr. Der andere Pylax, der seinem Anführer gefolgt war, erreichte trotz der glatten Steine blitzschnell den diesseitigen Bachrand. Aber die beiden Shondo Senesia Sidas, die sich im Gehölz der Uferböschung versteckt hielten, hatten den Schatten erkannt und sofort das dünne Drahtseil gespannt. Der Pylax geriet ins Straucheln als er sich beim Sprung auf die Böschungskante mit einem Fußknöchel in dem dünnen Draht verfing. Dadurch wurde er für die drei Mivv sichtbar, die wieselflink aus ihrem Versteck hinter den Felsen hervorgekommen waren. Zwei Pfeile durchbohrten den Hals des Pylax, ein weiterer Pfeil sein rechtes Auge. Er zuckte noch als er Qaromar vor die Füße fiel. Der alte Priester hob seinen Wanderstab, ließ die rötlich schimmernde Spitze herausgleiten und rammte dem Gefallenen die getarnte Lanze ins Herz. Der Cirrha-Stahl durchdrang mühelos die gegen alle anderen Materialien widerstandsfähige „Rüstung“ der Pylax.

Als Qaromar mit den Shondo und Mivv zum Lager zurückkehrte, sah er schon von weitem den Rauch. Die beiden verbliebenen Lumburier hatten von außerhalb des Gitters die Hütten, in denen sich die eingeschlossenen Pylax verschanzt hatten, mit Pfeilen in Brand geschossen. Die „Gespenster“ mussten die Deckung verlassen, um nicht selbst zu verbrennen. Dadurch hatten sie jedoch nur einen kurzen Aufschub gewonnen. Mulmok und sein Kampfgefährte waren im Umgang mit dem Blasrohr nicht so geübt wie Soldun. Aber ihre Fähigkeiten reichten, um mit den vergifteten Nadeln die im Lager eingesperrten Pylax an Körperteilen zu treffen, denen ihr legendäres Gewebe keinen Schutz bot. Der Hass zwischen den beiden Rassen war derart unversöhnlich, dass die beiden Ureinwohner keinen der Pylax am Leben ließen und anschließend auch noch deren Leichen verbrannten, um eine erneute Wiedererweckung zu verhindern. 

*

Aus dem ansonsten flachen Gebäude erhob sich eine halbrunde Kuppel, die als Ausguck diente. Clabarus und Trest standen in dieser Beobachtungskuppel und schauten hinaus in die Einöde von Clampp. Aber die sonst so menschenleere und stille Einöde glich in diesen Tagen eher einem bunten Markttreiben. Die Belagerung dauerte nun schon seit einer Woche an. 

Im Kellergewölbe der Festung waren ausreichend Vorräte gelagert, um den ganzen Winter durchzuhalten. Die Obesier hatten von vornherein damit gerechnet, dass ein geordneter Nachschub durch dieses unwirtliche Feindesland während der langen Kälteperiode kaum zu bewerkstelligen sein würde. Deswegen bereitete auch nicht das Versorgungsproblem dem Ducentron und dem Priester des Wissens Kopfzerbrechen, sondern vielmehr das extrem ungleiche Kräfteverhältnis. Die Festung war mit nur einhundertundzwanzig Soldaten bemannt, aber draußen vor den Toren standen mehr als zweitausend Nordmänner.

„Wir müssen verhandeln“, sagte Trest nocheinmal, diesmal eindringlicher. „Sie haben damit begonnen, Katapulte zu bauen. Wenn sie eine Bresche in die Mauer schießen, sind wir alle verloren.“ 

Clabarus schüttelte den Kopf: „Ich habe meine Befehle, und die werde ich befolgen. Aber ich stelle Ihnen frei, dass Sie für sich und Ihre Leute um freies Geleit bitten.“

Trest wusste, dass dies das letzte Wort war. Zwischen dem obesischen Kriegsrat und dem Sprecher des Priesterordens galt eine Absprache, wonach der Ducentron in militärischen Fragen die Entscheidungsgewalt hatte. Und die Übergabe der Festung an einen Feind gehörte zweifellos zu diesen Fragen.

„Ich danke Ihnen und ich muss von diesem Angebot auch Gebrauch machen“, meinte der Priester des Wissens betrübt. „Ich fühle mich für das Leben meiner Leute verantwortlich.“ Damit machte er sich auf den Weg, um als Unterhändler mit den Belagerern zu verhandeln.

Vom fernen Nordmeer her wehte ein eisiger Wind, der Trest beinahe die weiße Fahne aus seiner steifen Hand gerissen hätte. Der Priester blinzelte in die tiefstehende Sonne, die ihn an diesem klaren Tag blendete. Er konnte daher auch nicht genau erkennen, wer die fünf Reiter waren, die sich ihm in leichtem Trab näherten. Erst als sie zehn Meter vor ihm ihre Pferde zum Stehen brachten, sah er, dass es sich bei dem Mittleren um den Fürsten zu Drinh handelte. Charas trug eine braune Lederrüstung mit dem erhabenen Wappen seiner Burg und einen schweren Pelzmantel. Ein Bart hatte in seinem Gesicht zu sprießen begonnen. Anscheinend hatte er geschworen, diesen Bart erst nach der Eroberung der Festung wieder abzunehmen.

„Mein Name ist Trest. Ich bin der wissenschaftliche Leiter dieser Forschungseinrichtung“, stellte sich der Priester vor.

„Das ist keine Forschungseinrichtung, sondern ein nicht genehmigtes, feindliches Kastell auf meinem Grund und Boden“, widersprach der Fürst zornig. „Ich bin Charas zu Drinh, der Fürst dieses Landes. Seid Ihr befugt, über die Übergabe des Kastells zu verhandeln?“

„Nein“, räumte Trest ein. „Ich wollte Euch bitten, gnädigerweise den Priestern des Wissens freies Geleit im Falle eines Abzuges zu gewähren, Eure Hoheit. Wir sind keine Krieger und nicht Eure Feinde.“

„Kommt nicht in Frage“, erwiderte der Fürst barsch. „Ihr tragt für diesen Verstoß gegen unsere Gesetze und die Verletzung unseres Landes und unserer Leute die Mitverantwortung. Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass in dieser Feste Mithrier gefangengehalten werden. Erst wenn Ihr mir die Gefangenen und das Kastell übergebt, werde ich über freies Geleit für Euch und Eure Priester nachdenken. Also geht jetzt zurück und entscheidet Euch bis zum Morgengrauen.“

Der Fürst wendete sein Pferd ab. Seine Begleiter taten es ihm gleich. Da rief ihm Trest verzweifelt nach: „Ich habe Euch ein Angebot zu machen. Aber darüber müssen wir unter vier Augen sprechen.“

Charas zu Drinh hielt kurz inne und sah zurück: „Kommt mit in mein Feldlager. Aber ich sage Euch gleich: Wenn mich Euer Angebot nicht zufriedenstellt, werde ich Euch aufknüpfen lassen.“

Unsicher blickte Trest auf das weiße Tuch in seiner Hand: „Stehe ich nicht unter dem Schutz der weißen Flagge?“

„Da Ihr nicht über die Kapitulation verhandeln konntet, seid Ihr kein Unterhändler“, gab Charas zu Drinh zurück. „Und wenn Ihr mir jetzt folgt sowieso nicht. Es steht Euch völlig frei.“ Der Fürst wollte schon weiterreiten, besann sich aber anders und wandte sich nochmals zu Trest um: „Letzten Endes dürfte das für Euch aber ziemlich gleichgültig sein. Morgen baumelt Ihr sowieso.“

Sodann ritten die Mithrier in ihr Lager zurück. Nach kurzem Zögern entschloss sich Trest, ihnen zu folgen.

 

*

 

Erneut standen Clabarus und Trest in der Kuppel, nachdem der Priester des Wissens erst spät in der Nacht aus dem Lager der Nordländer zurückgekehrt war. Sie sahen hinüber zu den Feuern der Belagerer, die die sternenklare Nacht zusätzlich erhellten.

„Wie weit ist der Feind mit dem Bau der Katapulte?“, wollte Clabarus wissen.

„Das konnte ich nicht sehen“, antwortete Trest ausweichend.

„Und wie sind Ihre Verhandlungen gelaufen?“, fragte der Ducentron.

„Sie sind noch nicht abgeschlossen.“ Trest trat zwei Schritte zurück.

Clabarus starrte weiter unentwegt aus dem Fenster auf die zahlreichen Lagerfeuer der Mithrier: „Was heißt das?“

„Dass ich zuerst Sie töten muss bevor weiterverhandelt werden kann“, murmelte der Priester des Wissens.

Falls der Ducentron diese Worte überhaupt gehört hatte, konnte er darauf nichts mehr erwidern. Ehe er sich versah, ragte die Spitze von Trests Schwert eine Handbreit aus seiner Brust heraus. Blut spritzte auf den Sims der Mauerbrüstung. Der Ducentron wankte. Er versuchte, sich umzudrehen, verlor aber noch während dieser Bewegung das Gleichgewicht und stürzte auf die knarrenden Holzdielen. Ein undeutliches Gurgeln entrang sich seinem Mund, dann verstummte er. Während seine zuckenden Bewegungen erlahmten, beugte sich Trest über die Fensterbrüstung und stieß einen gellenden Pfiff aus. Es handelte sich um das vereinbarte Zeichen für Sidorias und Krakwan.

Der geheime Fluchtweg aus der Festung durch den Getreidekeller wurde nur von einer Wache gesichert. Bisher war dieser Gang ausschließlich für den Transport von Proviant in die Festung benutzt worden. Er endete fünfzig Meter hinter der rückwärtigen Außenwand am Boden einer schmalen, senkrechten Felsspalte. Um ein Eindringen von außen zu verhindern hatten die Erbauer den Gang in der Mitte mit einer Eisentür gesichert, die rund um die Uhr von einem Soldaten bewacht wurde. 

„Was haben Sie hier zu suchen?“, fragte der Wächter argwöhnisch, als er die beiden Priester des Wissens in dem nur spärlich ausgeleuchteten Gang erkannte. Wortlos riss Krakwan den Stiftlader hinter seinem Rücken hervor, legte an und betätigte den Abzug noch bevor der Wächter reagieren konnte. Unmittelbar darauf schoss auch Sidorias einen Stahlpfeil auf den vor Schreck erstarrten Soldaten ab. Röchelnd klappte der Mann zusammen. Mit einem Satz hechtete Krakwan über den Körper des Toten. Sidorias durchsuchte die Kleidung des Wächters bis er den großen Schlüssel gefunden hatte. Er warf ihn Krakwan zu, der daraufhin die Eisentür öffnete. Auf der anderen Seite des Felskorridors erklang bereits das Hallen zahlreicher Schritte. Rasch kehrten die beiden Priester des Wissens in das Gewölbe des Getreidelagers zurück, das wenig später auch Trest durch die Vordertür betrat. Es dauerte nicht lange bis zahlreiche mithrische Kämpfer nun aus dem Geheimgang in den Raum strömten, allen voran Charas zu Drinh in einer goldverzierten Rüstung mit gezogenem Schwert. Wortlos übernahm Trest die Führung der Eindringlinge.

Auf ihrem Weg in den großen Vorhof der Festungsanlage trafen die Nordländer auf keinen Widerstand. Zwei Soldaten flüchteten schreiend als sie erkannten, dass der Feind im Begriff war, mit einer großen Streitmacht durch den einzigen Schwachpunkt in das Bollwerk einzudringen. Nachdem die Mithrier den Hauptgang der Festungsanlage erreicht hatten, teilten sie sich in drei Einheiten auf, die den drei Priestern des Wissens zu den Ausgängen auf den Hof folgten. Die Wachmannschaft sowie ein Teil der obesischen Soldaten hatten sich auf dem mit Fackeln beleuchteten Vorplatz versammelt und stellten sich den Eindringlingen entgegen. Sie versuchten, die Mithrier zurückzudrängen. Nach einem kurzen, erbitterten Kampf mussten sie jedoch vor der Übermacht zurückweichen. Umringt von elf ausgewählten Kämpfern gelang es Charas zu Drinh, sich bis zum Haupttor durchzuschlagen. Einer der Kämpfer warf den Riegel auf, während er von den anderen gegen die verzweifelt vordringende Wachmannschaft der Obesier geschützt wurde. Im nächsten Augenblick brachen alle Dämme. Das große Tor wurde von der draußen wartenden Hauptstreitmacht der Mithrier aufgestoßen. Charas zu Drinh setzte sich an ihre Spitze und kämpfte sich schwertschwingend auf den Vorplatz zurück. Nun gerieten die Obesier zwischen die Reihen der von beiden Seiten nachrückenden Mithrier.

„Der Ducentron ist tot!“, brüllte Trest aus Leibeskräften. „Legt die Waffen nieder!“

Obwohl seine Stimme den Schlachtlärm übertönte, dauerte es noch eine geraume Weile bis der Sinn seiner Worte in das Bewusstsein der obesischen Kämpfer eingesickert war. Dann ebbte das Gefecht langsam ab. Die meisten Obesier ließen zum Zeichen der Kapitulation ihre Waffen fallen und hoben die Arme.

Der Fürst zu Drinh machte mit einem gewaltigen Schrei auf sich aufmerksam: „Auseinander!“ Als sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden ihm zugewandt hatte, gebot er mit einer Bewegung seines Schwerts, dass Sieger und Besiegte eine Gasse bildeten. Durch diese schritt er wie ein Held mit würdevoll erhobenem Haupt. Auf dem Podest vor dem Haupteingang des Gebäudes wurde er von Trest erwartet. Der Priester des Wissens führte Charas anschließend zu einer schmalen Treppe im Inneren der Anlage. Ihnen folgten drei mithrische Soldaten mit Fackeln. Die Treppe endete vor einer massiven Stahltür. Der Priester zog einen Schlüssel aus seinem dunkelblauen Gewand mit dem roten Kreis. Nachdem er ihn im Schloss gedreht und den zusätzlichen Riegel zurückgeschoben hatte, eröffnete sich dem Fürsten der Blick in ein riesiges, kuppelförmiges Verlies, das noch weit größere Ausmaße besaß als das Getreidelager. Im Schein der Fackeln und des durch einige winzige Öffnungen einfallenden Tageslichts konnte Charas zu Drinh eine Vielzahl zerlumpter Gestalten erkennen, die sich überwiegend auf notdürftigen Holzgestellen mit verschlissenen Decken zusammengekauert hatten. In dem stickigen, kalten Raum herrschte eine bedrückende Stille. Das Leid, das Elend und die körperlich spürbare Mutlosigkeit der hier Eingesperrten hätten auf einen empfindsamen Menschen wie ein Keulenschlag gewirkt. Charas zu Drinh hingegen erschienen dies die idealen Rahmenbedingungen für einen großartigen Auftritt zu sein. Er trat ein paar Schritte vor, nahm einem der Soldaten die Fackel aus der Hand und hielt sie so, dass jeder im Raum ihn sehen konnte. 

Dann verkündete er mit erhobener Stimme: „Bürger von Sanh! Mein Name ist Charas zu Drinh. Ich bin euer neuer Fürst und ich bin gekommen, um euch aus dieser Düsternis zu befreien.“ Er vollführte eine raumgreifende Geste und ging zu einer flammenden Rede über, während sich die armen, ausgezehrten Menschen langsam von ihren Holzgestellen erhoben.

Am Ende seiner Ausführungen rafften die Gefangenen alle ihnen noch verbliebenen Kräfte zusammen, um ihrem Befreier Beifall zu zollen. Zufrieden führte Charas zu Drinh die Befreiten auf den Hof, wo seine Kämpfer inzwischen alle überlebenden Obesier zusammengetrieben und entwaffnet hatten. Die Leichen der Gefallenen beider Seiten waren bereits weggebracht worden. 

Flankiert von seinen beiden Heerführern Lergin Drinh und Surval Perinth stieg Charas zu Drinh auf die nur drei Stufen hohe Treppe am Eingangspodest. Dort wandte er sich an die Obesier: „Als rechtmäßiger Landesherr werde ich mit eiserner Faust die Freiheit verteidigen. Heute habe ich gezeigt, wie es denen ergeht, die sich an meinem Land oder an meinen Leuten vergreifen. Es ist aber auch das Privileg eines siegreichen Feldherrn, nach einer gewonnenen Schlacht ein Zeichen der Versöhnung zu setzen. Wir stehen an einer Zeitenwende, und die Herausforderungen des neuen Zeitalters können wir nur gemeinsam bestehen. Allen Obesiern, die guten Willens sind, biete ich an, in mein Heer einzutreten. Ich mache keine Unterschiede in der Behandlung von Menschen, die treu zu mir stehen. Wer aber nicht bereit ist, durch diesen Schritt zu zeigen, dass er seinen Anschlag gegen mein Land bereut, muss die gerechte Strafe für dieses Verbrechen auf sich nehmen. Und das bedeutet: Tod am Galgen.“

Nun wandte er sich an die Befreiten aus Sanh: „Ihr, meine Freunde, habt natürlich auch die Möglichkeit, in mein siegreiches Heer einzutreten. Wer von diesem Angebot Gebrauch macht, braucht sich um seine Zukunft nicht mehr zu sorgen. Selbstverständlich werde ich aber auch niemanden daran hindern, nach Sanh zurückzukehren.“

Die weitaus überwiegende Anzahl der obesischen Soldaten und vierzig Männer aus Sanh schlossen sich dem Heer des Fürsten zu Drinh an. Der Rest der Befreiten, hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen, wollten in ihr Dorf zurückkehren und es wieder mit Leben erfüllen.

Trest und alle anderen Priester des Wissens erwarteten Charas zu Drinh im Hauptgewölbe, wo die Bewohner von Sanh gefangengehalten worden waren. Der Fürst erschien in Begleitung seines Heerführers Lergin Drinh.

„Ich habe alle Ihre Forderungen erfüllt“, betonte Trest. „Werden Sie meinen Leuten freien Abzug gewähren?“

„Ich stehe zu meinen Zusagen. Aber was haben Sie selbst vor?“, fragte der Fürst. „Wenn das Kollektiv oder der Orden von Ihrer Rolle hier erfahren, werden sie nicht sonderlich erfreut sein.“

„Krakwan, Sidorias und ich haben nicht vor, nach Obesien zurückzukehren“, erklärte Trest.

„Hmm“, brummte der Fürst nachdenklich. „Ich könnte eigentlich auch Wissenschaftler gut gebrauchen. Wie wäre es, wenn Sie sich mir anschließen würden?“

„Hätten wir die Wahl, jederzeit aus Ihren Diensten auszutreten, wann immer wir dies wünschten?“, fragte Trest mutig.

„Selbstverständlich. Unter Zwang arbeitende Wissenschaftler taugen nichts“, gestand der Fürst zu. Trest sah die beiden anderen Priester an, die zustimmend nickten.

„Einverstanden“, bestätigte der ehemalige Rektor des Stützpunkts.

Daraufhin wandte sich Charas zu Drinh an die anderen noch im Raum versammelten Priester des Wissens: „Ich habe gehört, dass Sie alle nach Obesien zurückkehren wollen. Wer sich doch noch entschließt, mir zu folgen, muss dies jetzt sofort tun. Mein Heerführer, Lergin Drinh …“ Er zeigte auf den Angesprochenen. „… wird mit Ihnen jetzt gleich die Einzelheiten ihrer Rückreise besprechen.“

Damit drehte er sich um und verließ gemeinsam mit Trest, Sidorias und Krakwan das riesige Gewölbe. Kein einziger der anderen Priester folgte ihm. Lergin Drinh wartete kurz bis die Schritte der vier verklungen waren und sagte dann: „Einen Augenblick noch.“ 

Die Priester des Wissens sahen ihn erwartungsvoll an. Lergin Drinh ging schnell zur Tür, schloss sie, schob den Riegel vor und drehte den Schlüssel im Schloss. Aus dem Inneren des Gewölbes drangen nur ein paar undeutliche, dumpfe Geräusche nach außen.

Aus dem „Augenblick“ Lergin Drinhs wurde eine Ewigkeit für die in Clampp verbliebenen Priester. Trest hatte nicht richtig zugehört. Der Fürst hatte zu keinem Zeitpunkt eine Garantie für freies Geleit gegeben. Letztendlich machte dies aber ohnehin keinen Unterschied: Von jeher hatte Charas zu Drinh die Auffassung vertreten, dass das Erreichen von Zielen wichtiger war als die Einhaltung von Versprechungen.

Als der Morgen dämmerte und eine blassrote Sonne ihre ersten Strahlen in die Einöde sandte, zog Charas zu Drinh, nunmehr frisch rasiert, mit seinem um Soldaten aus Sanh und aus Obesien verstärkten Heer neuen Taten entgegen. Er hatte nie die Absicht gehabt, eine Festung in dieser Einöde dauerhaft zu besetzen.

Im eisigen Nordwind baumelten neun Obesier an eilends zusammgezimmerten Galgen, die im Hof der Festung errichtet worden waren. Die Skelette von vierzehn Priestern des Wissens in einem verschlossenen Gewölbe würden vielleicht nie entdeckt werden, genausowenig wie einige verrottete Mon’ghale in einem vergessenen Experimentierraum. Das Überleben der Ratten im Keller der Festung war dagegen für lange Zeit gesichert.

*

Die „Zuflucht“ galt als eine der größten und übelsten Spelunken in den Nordlanden. Als Octora die Kaschemme betrat, erschien ihr klar, dass dieser Ruf zu Recht bestand. Qualmschwaden waberten durch einen ausgedehnten Raum, der trotz seiner unangenehm hellen Beleuchtung kaum zu überschauen war. An unzähligen Tischen frönten Männer dem Glücksspiel oder betranken sich einfach nur. Zwischen den Tischen wieselten leicht bekleidete Mädchen hin und her, die nach Octoras Eindruck fast ausnahmslos aus Surdyrien und Lumbur-Seyth stammten. Am Ende des breiten Mittelgangs gab es zwei quadratische Bereiche: auf der linken Seite eine viereckige Theke, die fast genauso belagert wurde wie das mit Seilen abgetrennte Geviert auf der rechten Seite. Dort konnte man auf Männer wetten, die bereit waren, sich für Geld zu prügeln. Octora wusste, dass es sogar gelegentlich zu Wettkämpfen mit Waffen kam, die nicht selten auch tödlich endeten. Sie hatte außerdem gehört, dass im Untergeschoß Drogenhöhlen und Bordelle für gut zahlende Gäste bereitstanden.

Während sie sich noch zurechtzufinden versuchte, rief ein großer Mann mit langen, fettigen Haaren und einer hässlichen Zahnlücke von einem Tisch unmittelbar neben ihr: „Seht mal, was wir hier haben! Komm und setz‘ dich zu uns, du graue Schönheit!“

Octora warf ihm einen angewiderten Blick zu, was ihn aber nicht davon abhielt, ihr zwischen die Beine zu grapschen. Während er schwankend aufzustehen versuchte, stieß er ein röhrendes Lachen aus. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss Octora ihn an den Haaren von seinem Stuhl in die Höhe und trat ihm gegen die Fußknöchel, dass beide Beine in die Luft flogen. Krachend schlug sein Körper auf dem Bretterboden auf. Drei der vier Männer an seinem Tisch sprangen auf und wollten sich auf Octora stürzen. Die Eisgräfin hatte aber bereits mit der linken Hand einen breiten Dolch aus dem Gürtel hervorgezogen und mit der Rechten ein Schwert mit rötlicher Klinge. Dieses ließ sie mit einer derart irrsinnigen Geschwindigkeit kreisen, dass nur noch die Andeutung einer runden, rötlich blitzenden Scheibe zu sehen war. Die drei Männer hielten verblüfft inne.

Von der Rückseite des Raumes dröhnte eine markige Stimme, die sogar den in diesem großen Saal herrschenden Lärm übertönte: „Waffen weg!“

Die Gespräche an den Tischen erstarben und es trat eine gespannte Stille ein.

Zwischen dem Kampfgeviert und der Theke standen zwei massige Shondo mit Waffen in den Händen. Bestürzt erkannte Octora, dass es sich um Schnelllader handelte, wie sie eigentlich nur die Armee der Vereinten Nordlande besitzen sollte. Langsam steckte sie das Schwert und den Dolch weg. Zwischen den beiden Shondo erschien nun ein schmaler Mann mit einem Holzbein, der ihnen etwas zuflüsterte. Daraufhin nahmen die Shondo die Waffen herunter. Der Mann mit dem Holzbein machte ein einladendes Zeichen in Richtung der Eisgräfin und zeigte auf eine hinter ihm befindliche Tür. Octoras Aufmerksamkeit entging nicht die kleinste Bewegung während sie durch den Mittelgang auf die drei Männer zuschritt. Einer der Shondo öffnete die Tür, die in einen Flur hinter dem Gastraum führte.

„Ich bin Jalbik Truchardin. Ich hatte nicht erwartet, dass Sie allein kommen“, raunte ihr der Mann mit dem Holzbein zu. Octora bedachte ihn mit einem missbilligenden Seitenblick, während sie nebeneinander durch den Korridor gingen.

„Hat es für Sie so ausgesehen als ob ich Beschützer bräuchte?“, fragte die Eisgräfin.

Der Mann führte sie in ein kleines, stilvoll eingerichtetes Konferenzzimmer, das so gar nicht in diese Umgebung passte. An einem ovalen, auf Hochglanz polierten Wurzelholztisch saß ein junger, gutaussehender Mann mit dunklem, gewelltem Haar. Als Octora eintrat, stand er auf und deutete eine leichte Verbeugung an: „Mein Name ist Schaddoch“, stellte er sich vor.

„Aha, der Verbrecherkönig“, bemerkte Octora in einem vor Geringschätzigkeit triefenden Ton. „Dann sind Sie wohl auch der stolze Besitzer dieser Räuberhöhle?“

„Wenn Sie die „Zuflucht“ so bezeichnen wollen: ja“, gab Schaddoch gleichmütig zurück.

„Falls Sie das als Ihre eigene Zuflucht auserkoren haben, muss ich Ihnen sagen, dass der Ort zwar für Sie passend erscheint, dass wir aber nicht sonderlich glücklich sind, wenn unsere schönen Länder von fremden Verbrechern als Rückzugsgebiet missbraucht werden“, erklärte die Eisgräfin ungnädig.

Schaddoch lächelte sie an: „Haben Sie nicht bisweilen das Gefühl, dass Sie zu schnell über fremde Menschen urteilen, ohne Sie wirklich zu kennen?“

Octora schien ihn mit ihren leuchtend grauen Augen durchbohren zu wollen: „Wie kommen Sie auf die absonderliche Idee, dass ich Wert darauflegen könnte, Sie kennenzulernen? Was erwarten Sie von mir?“

Schaddoch hielt ihrem Blick stand: „Hilfe.“

„Hilfe wobei? Wollen Sie auf den Pfad der Tugend zurückfinden?“, spottete die Eisgräfin. „Ich könnte Sie gefangen setzen lassen. In Mithrien gibt es Besserungsanstalten für fehlgeleitete Menschen. Aber nach allem was ich über Sie gehört habe, sind Sie ein hoffnungsloser Fall. Vielleicht wäre es am besten, Sie einfach in den Kerker von Tredon zu werfen.“

Schaddoch nickte ernst: „Ja, das wäre eine Möglichkeit. Aber damit würden Sie die Hoffnungen vieler Menschen zerstören.“

„Menschen?“, ätzte Octora. „Die Hoffnungen des Abschaums vielleicht.“

Nun lag plötzlich ein äußerst missmutiger Ausdruck in Schaddochs Gesicht: „Sie sollten jetzt aufhören, mich zu beleidigen. Ich bin ein Freiheitskämpfer und ich kämpfe für alle freiheitsliebenden Menschen in Surdyrien und Lumbur-Seyth.“

Octora brach in ein schallendes Gelächter aus. 

Als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, fügte er hinzu: „Die Leute in Surdyrien nennen mich Baron Schaddoch. Genau genommen bin ich Prinz Schaddoch. Wenn es in Surdyrien und Lumbur-Seyth noch die Monarchie gäbe, wäre ich der erste Anwärter auf den Thron, nachdem die Obesier meine gesamte Familie ausgelöscht haben. Ja, derzeit bin ich wirklich nur der König der Unterwelt. Warum, glauben Sie wohl, habe ich diese Rolle so bereitwillig übernommen? Denken Sie an die Möglichkeiten, die ich dadurch hatte. Ich habe insgeheim eine Armee aufgestellt, die über ganz Surdyrien und Lumbur-Seyth verteilt ist und in der Lage wäre, die Obesier aus Surdyrien hinauszuwerfen. Ich brauche nur noch jemand, der mir gegen eine dann möglicherweise zu erwartende Invasion aus Obesien beisteht.“

Octoras Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen: „Nehmen wir einmal an, Ihre Geschichte stimmt: dann erwarten Sie also von mir, dass ich Ihnen zum Thron von Surdyrien verhelfe?“

„Ich glaube, Sie haben mich nicht richtig verstanden“, widersprach Schaddoch. „Ich sagte, ich bin ein Freiheitskämpfer, und das meine ich ernst. Ich will keinen Thron. Deshalb nenne ich mich auch nicht „Prinz Schaddoch“. Ich will Freiheit für Surdyrien. Ich will keine fremden Besatzer in meinem Land, und schon gar keine Obesier. Ich hasse sie und bekämpfe sie, seit sie meine Familie getötet haben. Gemeinsam hätten Sie und ich die Macht, den Kontinent von einer Plage zu befreien. Das müssten Sie als Oberste Strategin der Nordlande doch am allerbesten begreifen.“

Als Octora schwieg, fuhr er fort: „Wenn Sie mir helfen, befinden Sie sich übrigens in guter Gesellschaft. Meine beiden wichtigsten Leute sind zurzeit mit Eisgräfin Quintora unterwegs.“

Octora sah überrascht auf. 

Schaddoch kam ihrer Frage zuvor: „Quintoras Nachricht hat Sie also nicht erreicht. Ich hatte das schon befürchtet. Saradur, der Sprecher des Priesterordens, ist der Mann, der in Wirklichkeit hinter den geheimen Festungen in Mithrien steckt. Den Äußeren Stützpunkt in Doront haben Sie ja erobert, aber es gibt zumindest noch einen anderen, nämlich in der Einöde von Clampp. Saradur hat in Surdyrien geeignete Männer gesucht, die Gefangene aus Clampp nach Obesien bringen. Und wer Kontakte zur Unterwelt von Surdyrien oder Lumbur-Seyth aufnehmen will, trifft eben meistens auf mich. Da habe ich ihm meine besten Männer vermittelt, weil ich wissen will, wozu Saradur die Gefangenen in Obesien braucht. Quintora hat Saradur beschattet und dadurch ist sie mit meinen Männern zusammengetroffen. Naja, ich habe ein wenig nachgeholfen und sie auf die richtige Spur geführt. Jedenfalls arbeitet sie jetzt mit den beiden zusammen.“

Octora ordnete rasch die soeben erhaltenen Informationen: „Das alles ist möglicherweise von großer Bedeutung für die Nordlande. Aber was hat das mit Surdyrien zu tun?“

Schaddoch setzte sich an den ovalen Tisch und fuhr sich mit einer Hand gedankenverloren durch sein welliges Haar: „Sehen Sie, mein Ziel ist es, die Obesier aus Surdyrien hinauszufegen. Und momentan ist die Gelegenheit so günstig wie noch nie. Aber ich will die Obesier auch dauerhaft aus Surdyrien heraushalten. Und dazu brauche ich die Nordlande. Das ist der Pakt. Wenn der zweithöchste Priester eine Verschwörung inszeniert, kann deren Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir müssen also unbedingt herausfinden, was die Obesier mit den Gefangenen vorhaben. Das erledigt Quintora mit Shrogotekh und Wurluwux. Den Rest müssen wir erledigen.“

Schaddoch sah Octora an, die nachdenklich den Kopf gesenkt hatte.

„Ich weiß, was Sie gerade denken“, behauptete er. „Sie wollen mit Ihrem Heer, das Sie in Tredon stationiert haben, nach Clampp ziehen, weil Sie glauben, dass dort vielleicht noch mehr Gefangene sein könnten. Aber das wäre strategisch äußerst unklug, wenn Sie diese Anmaßung verzeihen.“

Nun setzte sich auch Octora und sah ihm etwas versöhnlicher in die Augen: „Warum sollte ich das nicht tun?“

„Wenn die Nachricht Sie nicht erreicht hat, hat sie mit Sicherheit den Berater oder den Hüter der Flammen erreicht“, mutmaßte der Baron. „Also sind schon geeignete Maßnahmen für einen Angriff auf Clampp veranlasst. Falls der Berater und der Hüter Truppen aus Tredon benötigt hätten, wären Sie verständigt worden. Glauben Sie mir, in Surdyrien liegt auch der Schlüssel für die Zukunft der Nordlande. In den letzten Jahren sind enorme Mengen Ilumit nach Obesien geflossen. Ich weiß nicht genau, was die mit dem Zeug machen, aber ich weiß, dass der Löwenanteil zu den beiden Geheimstationen in Mithrien transportiert wurde. Es ist wiederholt vorgekommen, dass die Transporte überfallen wurden.“ Schaddoch machte eine nicht ganz ernst gemeinte Geste der Unschuld. Dann fügte er verschwörerisch hinzu: „Ich bin jetzt ziemlich sicher, wo wir die Obesier am wirkungsvollsten treffen können: in Groch.“

Octora war ganz offensichtlich nicht überzeugt: „Wieso? Und wie sollte das gehen? In Groch ist nicht nur eine Mine, sondern auch ein außergewöhnlich gut befestigtes Heerlager der Obesier.“

„Sogar das größte in Surdyrien. Sie müssen es eben erobern.“ Schaddoch sagte dies mit einer Gleichmütigkeit als würde er gerade über das Wetter sprechen. Octora sah ihn dagegen an als sei er gerade verrückt geworden: „Wieso ich? Das würde Krieg mit Obesien bedeuten.“

Schaddoch grinste: „Sie vergessen, dass Groch in Surdyrien liegt. Offiziell gibt es keine Besatzung durch Obesien. Folglich kann ein Überfall auf Groch nicht als Kriegserklärung gegen Obesien bewertet werden. Ich könnte durchaus selbst Groch erobern. Aber ich möchte Ihnen die Gelegenheit geben, den Obesiern zu zeigen, dass der Norden nicht mit sich spaßen lässt. Sie unterbrechen damit die Ilumit-Versorgung, sodass weitere Äußere Stützpunkte im Norden keinen Sinn ergeben. Ich sehe zu, dass ich die Kontrolle über die restlichen Minen in Surdyrien bekomme. Ich gehe ebenfalls davon aus, dass die Obesier normalerweise ihren Leuten in Surdyrien zu Hilfe eilen würden. Aber derzeit haben sie ganz andere Probleme. Ihre gesamte Flotte wurde von den Lokhritern vor Borgoi vernichtet, und ihre größten Heere ziehen von Modonos und Gladunos nach Sindra. Obesien hat es noch nie geschafft, Sindra zu erobern, und sie werden es auch diesmal nicht schaffen. Wie ich also bereits gesagt habe: Die Gelegenheit ist so günstig wie noch nie. Ich muss deshalb jetzt zuschlagen. Ich habe zwar nur ungefähr zehntausend Soldaten, aber das müsste reichen, um alle Garnisonen der Obesier in den Städten zu überrennen. Und selbst wenn die Obesier in Sindra siegen: Solange SIE mit Ihren fünfundzwanzigtausend Leuten in der Nähe sind, werden sie keinen Angriff wagen.“

„Siebenundzwanzigtausend“, verbesserte ihn Octora. „Das ist ein äußerst wichtiger Unterschied. Ich habe nämlich auch zweitausend Reiter aus der Armee der Königin.“

Nun lächelte Schaddoch siegessicher. Octora hätte ihm die wahre Stärke ihres Heeres nicht verraten, wenn sie nicht entschlossen gewesen wäre, mit ihm zu paktieren.

Nachdem die Eisgräfin nun das wahre Gesicht des Barons kennengelernt hatte, musste sie sich eingestehen, dass er eigentlich äußerst gut aussah. Und das Gleiche galt für seinen Plan.

 Aber da gab es einen kleinen Schönheitsfehler.

*

„Elefantenbuckel“ wurde von den Einheimischen die markante Anhöhe genannt, hinter der sich die Ebene von Pleeth scheinbar endlos wie ein Ozean aus Gras und niedrigem Gestrüpp ausbreitete. Weit draußen im Norden verdrängte sie auch das dunkle Dyra-Moor, das hier noch ziemlich nah an den „Elefantenbuckel“ heranreichte. Die Anhöhe ermöglichte eine einzigartige Rundumsicht über dieses Flachland, das sich nach allen Seiten ohne nennenswerte Erhebungen bis zum Horizont erstreckte.

Aber die drei Reiter auf der Anhöhe interessierten sich nur für eine Richtung: den Nordosten. Von dort aus wälzten sich zwei gigantische Heere auf die Pforte von Pleeth zu. Ihre Vereinigung war zwischen der Quelle der Dyra und dem Dreiländereck erfolgt, wo die Grenzen Obesiens, Borthuls und Sindras aufeinandertrafen. Die riesige Streitmacht schien jedoch zumindest zwei der drei Männer nur mäßig zu beeindrucken.

„Ist das alles?“, grinste Gylbax XII., der sich bereits für den anschließend geplanten Triumphzug herausgeputzt hatte. Die leichte Rüstung aus glänzend vergoldetem Sirconit und schwarzen Lederbesätzen an den Gelenken wäre ohne das darunter getragene Gewebe der Pylax nicht einmal in der Lage gewesen, ihn vor Pfeilen zu schützen, geschweige denn vor Schwertern oder Lanzen. Statt eines Helmes trug er die hohe Krone der Hochkönige mit den goldenen Aufsätzen von Sonne und Mond.

Der Statthalter von Doinat zu seiner Rechten, der offiziell die Befehlsgewalt über die sindrische Landstreitmacht innehatte, trug eine kampftaugliche Rüstung aus poliertem Stahl mit rotgoldenen Verzierungen, die aber ähnlich prunkvoll war wie die seines Hochkönigs. In dieser Gesellschaft fiel der dritte Reiter fast noch mehr auf, weil seine lange, dünne Gestalt in eine schlichte, elfenbeinfarbene Leinenkombination mit einem gleichfarbenen, völlig unscheinbaren Überwurf gehüllt war. Aber ihm sollte es vorbestimmt sein, die Schlacht zu entscheiden: Durat o Gongos, der den Titel „Königlicher Verweser des Alten Reiches von Yacudac“ trug.

„Es sind mehr als fünfzigtausend Obesier. Wir haben nicht einmal zwanzigtausend Männer“, versuchte Yxistradojn die Euphorie des Hochkönigs zu dämpfen.

„Aber wir haben fünfhundert Pylax. Die sind allein schon mehr wert als fünfzigtausend Obesier“, gab der Hochkönig unbeirrt zurück. „Wir greifen jedoch erst an, sobald sie die Grenze von Sindra überschritten haben. Es darf auf keinen Fall heißen, wir hätten einen Angriffskrieg geführt. Sobald das Heer der Obesier geschlagen ist, ziehen wir uns zurück. Ich werde in Lumbur-Seyth erwartet.“

Der Hochkönig dachte an die Flotte, die er bereits nach Lumbur-Seyth beordert hatte, um dort den Hafen abzuriegeln und eine Flucht Senesia Sidas zu verhindern. Er wendete sein Pferd und galoppierte zu seiner Armee am Fuße des „Elefantenbuckels“. Der Statthalter von Doinat schüttelte verständnislos den Kopf und warf erst dem heranrückenden Heereszug der Obesier und dann dem Königlichen Verweser von Yacudac einen zweifelnden Blick zu. Der Pylax aber erklärte stolz im Brustton der Überzeugung: „Der Hochkönig hat recht.“

Durat o Gongos harrte auf dem „Elefantenbuckel“ aus bis die Obesier mit der ihnen eigenen, stoischen Gleichförmigkeit die sindrische Grenze überschritten hatten. Dann schoss er einen Brandpfeil ab und ritt zum Fuß des Hügels auf der dem anrückenden Heer abgewandten Seite. Dort stieg er vom Pferd und setzte zum „Schnellen Lauf der Pylax“ an. 

Durch das Syndral wurde sein Lauf derart beschleunigt, dass der Königliche Verweser für die Obesier nicht zu erkennen war. Das Gleiche galt für weitere achtzig Pylax, für die das Syndral noch gereicht hatte. Sie eilten gleichzeitig im „Schnellen Lauf“ dem feindlichen Heer entgegen und begannen, ihr tödliches Werk zu verrichten. Wie ein unsichtbarer Sturmwind rasten sie durch die feindlichen Linien und mähten alles nieder, was sich in ihrer Reichweite befand. Beim Anblick der vermeintlich ohne Feindeinwirkung tot umfallenden Soldaten brach in den vordersten Schlachtreihen der Obesier ein Tumult los. Dies nutzten die restlichen vierhundertundzwanzig Pylax sowie dreitausend berittene sindrische Soldaten. Auch sie stürzten sich nun auf die Vorhut des Feindes. 

Der Milesion Snetek befehligte den rechten Flügel des obesischen Heeres. Gemeinsam mit dem mittleren Keil aus Modonos und dem linken Flügel aus Gladunos rückt er vor, weil die Obesier an dieser Stelle noch keinen Widerstand erwarteten. Die Sindrier hatten sich in der Vergangenheit stets die landschaftlichen Vorteile zunutze gemacht, die ihnen die ausgedehnten Waldgebiete um den Sindur fern der Ebene von Pleeth boten. Dass hinter dem „Elefantenbuckel“ ein Heer aufmarschiert war, hielt der kommandierende Feldherr für ein Täuschungsmanöver. Khlogat, der Ducarion aus Modonos, hatte daher angeordnet, dass der von Snetek befehligte Flügel zwischen der Anhöhe und dem sumpfigen Quellgebiet der Dyra hindurchziehen und sich hinter dem Hügel wieder mit der Hauptstreitmacht vereinigen sollte. Für Snetek kam es daher völlig überraschend als sein Flügel von dem aus zwölftausend Mann bestehenden Hauptheer der Sindrier angegriffen wurde.

Aus einem für die Obesier immer noch nicht erkennbaren Grund hatte sich zwischen dem „Elefantenbuckel“ und ihrer rechten Flanke plötzlich eine Schneise gebildet, die mit Leichen übersät war. Dort sickerte das sindrische Heer ein und drängte den rechten Flügel der obesischen Armee in Richtung der Sümpfe ab. Fußsoldaten wurden von der zurückweichenden Reiterei niedergetrampelt. Tief dröhnende Hornsignale und die gellenden Schreie Sterbender und Verwundeter mischten sich in den Schlachtlärm.

Der Vormarsch des mittleren Keils war inzwischen ebenfalls ins Stocken geraten, weil die Soldaten weiterhin reihenweise von den für sie nicht sichtbaren Pylax niedergemacht wurden. Nun gab Gylbax den eigentlichen Angriffsbefehl. Die sindrische Reiterei stieß gegen die Spitze des obesischen Hauptheers vor. Es entstand ein heilloses Durcheinander übereinander stürzender Körper, das den Vormarsch der Obesier vollständig zum Erliegen brachte. Die Lage wurde schließlich derart unübersichtlich, dass Gylbax die Kriegstrompeten zum Zeichen der Umkehr blasen lassen musste. Seine Reiterei zog sich daraufhin wieder zurück. Allein die Pylax wüteten weiter in den Reihen der feindlichen Vorhut.

Die ursprünglich zehntausend Soldaten des rechten Flügels der Obesier kämpften mit dem Rücken zum Sumpf gegen eine an dieser Stelle nunmehr zahlenmäßige Übermacht der Sindrier. Snetek hatte schnelle Hilfe von Khlogats Hauptteil des Heeres erwartet. Als diese ausblieb, entschloss er sich, zu der Anhöhe zu reiten, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Der Milesion befand sich in Begleitung eines Ducentrons und dreier Cinquonen. In gestrecktem Galopp hielten sie auf den Hügel zu. Plötzlich surrte ein Pfeil nahe am Kopf des Milesions vorbei und riss einen der drei Cinquonen aus dem Sattel. Nur zwei Sekunden später stürzte der vor Snetek reitende Ducentron vom Pferd. Da wurde dem Milesion klar, dass sindrische Bogenschützen den Waldgürtel am Fuß der Anhöhe besetzt hatten und als Deckung benutzten. Sein Nebenmann hatte dies wohl gleichzeitig erkannt und zerrte von Panik ergriffen dermaßen hart am Zügel, dass sich sein Pferd überschlug und ihn unter sich begrub. Snetek versuchte, dies zu vermeiden, indem er bei weiterhin rasendem Galopp seinen Schecken in einem weiten Bogen abwendete. Er trieb das Tier nun noch mehr an, um aus der Reichweite der Pfeile zu gelangen. Während das Pferd dahinflog kamen die dunklen Ränder der Dyra-Sümpfe wieder in Sichtweite. Snetek atmete auf und warf einen Blick zurück. Jetzt konnten ihm die Pfeile nichts mehr anhaben. Er parierte seinen Schecken zu einem leichten Trab durch und näherte sich dem Schlachtfeld. Plötzlich begann das sonst so zuverlässige Pferd, wilde Sprünge zu vollführen. Obwohl sich der Milesion krampfhaft festklammerte, wurde er aus dem Sattel geschleudert. Benommen blieb er einige Sekunden am Boden liegen. Als er die Augen wieder aufschlug sah er in ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht mit fast schwarzen Augen und einer außergewöhnlich gebogenen Nase.

Das zahlenmäßig überlegene Heer aus Sindra drängte den rechten obesischen Flügel immer weiter bis zum Rand der Sümpfe zurück. Wenn sich an vereinzelten Stellen der breiten Kampffront die Lage zum Nachteil der Sindrier zu verschlechtern drohte, waren unvermittelt die kaum sichtbaren Schatten zur Stelle und wendeten den Verlauf der Schlacht.

Die ersten Obesier stürzten rücklings in den Quellsumpf der Dyra und wurden von ihren schweren Rüstungen immer tiefer in den tückischen Morast gezogen. Yxistradojn erkannte, dass die Schlacht an dieser Stelle entschieden war. Er ließ eine Kette von annähernd eintausend Soldaten zurück, die die versprengten Reste des rechten obesischen Flügels vernichten sollten. Dann eilte er mit seiner übrigen Armee dem Hochkönig und dem Königlichen Verweser zu Hilfe.

Beim Eintreffen Yxistradojns befand sich auch das Hauptheer der Obesier bereits in Auflösung. Eine mehrere hundert Meter breite, bis zur Pforte von Pleeth reichende Fläche war mit Leichen übersät, die sich teilweise wie Dämme stapelten. Die Reiterei der Sindrier hatte sich nach einer zweiten Angriffswelle erneut zurückgezogen, sodass die obesischen Fußtruppen nicht wussten, wogegen sie überhaupt kämpften. Schließlich wurde es in der Pforte von Pleeth sogar so beengt, dass sich selbst die Pylax vorübergehend aus den Kämpfen heraushalten mussten. Yxistradojn ließ daraufhin die Bogenschützen nachrücken und veranlasste, dass auch seine Fußsoldaten Schwert gegen Bogen tauschten. Ein Hagel von Brandpfeilen sorgte dafür, dass in den mittleren Schlachtreihen des Feindes Panik ausbrach. Bei dem Versuch, zu flüchten, trampelten viele Obesier ihre eigenen Landsleute nieder, die sich noch auf dem Vormarsch befunden hatten.

Die Befehle der beiden Ducarions von Modonos und Gladunos erreichten ihre Soldaten nicht mehr. Widersprüchliche Hornsignale dröhnten über das Schlachtfeld. In planloser Flucht lösten sich die ursprünglich geordneten Formationen der verbliebenen Heeresteile auf. An einen geordneten Rückzug war nicht mehr zu denken. Überstürzt und ohne Rücksicht auf ihre Kameraden versuchten die obesischen Soldaten, sich auf das Territorium ihres Heimatlandes zu retten. Gylbax gab daraufhin die Anweisung, dem noch teilweise verschont gebliebenen Heeresteil aus Gladunos zu folgen, um auch diesem möglichst hohe Verluste zuzufügen. Die Pylax und die Reiterei des Statthalters verfolgten die Obesier bis tief in deren Land und hinterließen eine viele Meilen lange Spur der Verwüstung und des Todes. Als sie auf Befehl des Hochkönigs endlich die weitere Verfolgung aufgaben, zählten die obesischen Heere nicht einmal zehntausend Überlebende. Die Verluste auf Seiten Sindras nahmen sich demgegenüber verhältnismäßig gering aus. Dennoch waren immerhin fast zweitausend Soldaten der sindrischen Armee und vier Pylax ums Leben gekommen.

*

Dem Hochkönig gelang es nur mühsam, sich seine Wut nicht anmerken zu lassen. Der Grund seiner Verärgerung bestand darin, dass es seiner Armee lediglich gelungen war, einen der obesischen Befehlshaber lebend gefangen zu nehmen.

Gylbax saß in seiner prunkvollen Rüstung auf dem vergoldeten Hochsitz einer prächtigen, von sechs Schimmeln gezogenen Karrosse und winkte seinem jubelnden Volk zu. Nahezu alle Einwohner von Zitaxon hatten sich eingefunden und säumten zu beiden Seiten die Allee der Sarkophage. Zu Füßen des königlichen Sitzes in der Kutsche hatten Handwerker sofort nach der Schlacht einen Käfig eingebaut, in dem nun der obesische Milesion Snetek zusammengekauert hockte.

Vor dem Wagen des Hochkönigs ritten der Statthalter von Doinat und der Königliche Verweser des Alten Reiches von Yacudac. Hinter der Kutsche folgten einige Auserwählte der Schattenarmee und des Heeres. Als der Triumphzug den Tempel des Himmelsgewölbes erreicht hatte, ließ Gylbax anhalten.

Orandula-Orondinur stand auf der Dachterrasse des Großen Sternpalasts. Sie sah die riesige Menschenmenge, die sich im Bereich der beiden Tempel zusammenballte. Einzelheiten konnte sie nicht erkennen. Zuvor hatte ihr Argo a Narga einmal mehr Unterricht in den Gesetzen und Gebräuchen Sindras erteilt. Solange ein Kriegszug andauerte, war es der Königin verboten, den Hochkönig zu sehen, damit dieser nicht von seinen Pflichten abgelenkt würde. Und da der Hochkönig beschlossen hatte, sofort nach Lumbur-Seyth weiterzuziehen, galt sein Kriegszug als noch nicht beendet. Orandula-Orondinur durfte ihn daher nicht sehen. Sie konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Dabei ahnte sie nicht, was ihr erspart blieb.

Mit stolz erhobenem Haupt bestieg Gylbax die breite Granittreppe zum Tempel des Himmelsgewölbes. Auf der obersten Stufe angekommen winkte er erneut seinem Volk zu, das vor Begeisterung raste. Dann gab er seiner Eskorte einen Wink. Zwei Wachen zerrten Snetek aus seinem Käfig und übergaben ihn an Yxistradojn und Durat o Gongos, die ihn flankierten und die Treppe hochführten. Auf dem obersten Treppenabsatz drehten sie ihn so, dass er dem Hochkönig Auge in Auge gegenüberstand. Dann traten sie fünf Schritte zurück. Bevor Snetek überhaupt begriffen hatte, was hier vorging, holte Gylbax mit dem Speer des Zitaxon aus und schleuderte ihn mit einer solchen Wucht auf den Milesion, dass er dessen Brust durchbohrte und zur Hälfte aus dem Rücken wieder austrat. Der Obesier sank auf die Knie und kippte vornüber auf die oberste Treppenstufe. Das Volk tobte.

Gylbax stellte dem gefallenen Obesier einen Fuß auf den Rücken und zog den Speer aus seinem Körper heraus. Danach ließ er sich unter den tosenden Ovationen der Sindrier vom Königlichen Verweser ein Tuch reichen, an dem er die blutige Speerspitze abwischte. Er reckte den blitzenden Speer in die gleißende Sonne, wie es der Überlieferung nach Zitaxon einst getan hatte als er vom Jäger zum Krieger geworden war.

*

Das Kollektiv hatte darauf bestanden, dass Shrogotekhs Gruppe auf ihrer weiteren Reise von acht obesischen Elitekämpfern unter der Führung des Centrons Jukediru begleitet wurde. Auch dem Centron war der Bestimmungsort des Gefangenentransports nicht bekannt. Er hatte jedoch die Weisung erhalten, die Heeresstraße von Modonos nach Bogogrant zu nehmen. Diese bisweilen recht belebte Straße stellte die zentrale Verbindungsachse Nord-Obesiens zwischen dem Westen und dem Osten dar.

Nachdem Quintora erkannt hatte, dass der Gefangenentransport diese Route nahm, folgte sie in weitem Abstand und hielt sich außer Sichtweite. Zweihundert Meilen hinter Modonos begann in östlicher Richtung das „Zerklüftete Land“, welches sich bis zur Obesischen Wüste fortsetzte. Bizarre rote Gesteinsformationen wechselten mit kargen Ebenen. Den heißen Sommern konnten hier nur ausgedörrte Gräser, Agaven und ein breites Spektrum unterschiedlichster Sukkulenten trotzen, die in ihren Wuchsformen ähnlich bizarr waren wie die sie umgebenden Felsen. Die Trockenheit hatte diesen in seiner rauen Schönheit einzigartigen Landstrich in der Mitte des Kontinents bisher vor einer Besiedelung durch Menschen bewahrt.

Gegen Abend des vierten Tages der Reise schien sich im Westen ein dunkler Vorhang vor dem Himmel zusammengezogen zu haben. Vereinzelte Blitze und ein fernes Grollen deuteten auf ein heraufziehendes Gewitter hin. Quintora ahnte, dass es sich um einen der gefürchteten Sandstürme handelte, die hier oft ohne Vorwarnung losbrachen. Sie stieg eilig von ihrem Pferd ab und wickelte sich in ihren leichten Seidenmantel. Dann suchte sie mit ihrer Stute Tostassa Schutz hinter einem breiten Felsblock, der einsam aus einem Geröllfeld aufragte.

Wenig später begann völlig übergangslos ein heftiger Sturm. Eine Stunde lang peitschte der Wind Sand und die in ariden Gegenden heimischen Wüstenkronen durch die Luft. Diese kranzförmige Pflanzenart kam ohne Wurzeln aus, weil sie zum Überleben nur den Tau der kühlen Nächte benötigte. Da sie dem Sturm keinen Widerstand entgegensetzte, konnte er ihr nichts anhaben. Dass die sonderbaren Pflanzen nun häufiger auftraten, zeigte Quintora, dass sie sich der Wüste bis auf höchstens zwei Tagesritte angenähert hatte. Eigentlich sollte das nun auch der Zeitpunkt sein, in dem der Lumburier seinen Plan auszuführen gedachte.

Nachdem der Sandsturm sich gelegt hatte, war die Kälte gekommen. Die beiden Surdyrier und ihr von Saradur verfügter „Geleitschutz“ hatten sich deshalb darauf verständigt, ein Lagerfeuer zu entzünden. Währenddessen ging Ugudag zu seinem Pferd und holte aus der Packtasche einige getrocknete Pflanzen heraus, die er auf dem Boden ausbreitete. Dann begann er, unter einem monotonen Singsang um die Pflanzen herumzutanzen.

Jukediru lehnte sich hinüber zu Shrogotekh. „Was macht der Kerl da?“, fragte er leise.

„Der hat panische Angst vor Stürmen“, erklärte Shrogotekh. „So etwas gibt es im Dschungel von Lumburia nicht. Er glaubt, dass sie von bösen Geistern geschickt werden. Wenn er die bösen Geister besänftigen will, bringt er ihnen ein Opfer. Er beschwört dann zum Beispiel Pflanzen aus seiner Heimat und wirft sie ins Feuer. Wir sollten ihn einfach gewähren lassen bevor er durchdreht.“

Jukediru seufzte und warf dem Ureinwohner einen verständnislosen Blick zu. Dann schaute er wieder kopfschüttelnd die beiden Surdyrier an: „Haben Sie überhaupt irgendwelche Vorteile, wenn Sie mit solch einem Halbwilden durch die Gegend ziehen?“

„Er ist stark und redet nicht viel“, grinste Wurluwux.

Jukediru nickte verstehend, während Ugudag seine getrockneten Pflanzen zusammenklaubte, an das Lagerfeuer trat und sie hineinwarf. Sofort stieg eine große Rauchwolke auf. Einer der anderen Obesier, der die Unterhaltung zwischen seinem Centron und den Surdyriern nicht mitbekommen hatte, sprang auf und griff nach seinem Schwert.

„Lass die Waffe stecken!“, befahl Jukediru. „Dieser Tanz geht in Ordnung. Ich habe das erlaubt.“

Unwirsch setzte sich der Soldat wieder hin und starrte den Lumburier feindselig an. Der ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und verkündete mit einer großspurigen Geste: „Die Dämonen haben sich gerade verabschiedet.“ Dann stapfte er in Richtung der etwas abseits untergebrachten drei Gefangenen davon.

Jukediru verbarg seine Unsicherheit, indem er weiter ins Feuer starrte. Welche Dämonen hatten sich verabschiedet? Wo war er und wie war er überhaupt hierhergekommen? Vor ihm auf dem Boden lag ein seltsam zusammengekrümmter Mon’ghal.

„Wir sollten uns jetzt schlafen legen“, schlug Shrogotekh vor. „Morgen haben wir wieder eine anstrengende Wegstrecke vor uns.“ Er gähnte und streckte sich aus. Wurluwux tat es ihm gleich und zog sich die Decke bis unter das Kinn. Die acht Obesier waren allesamt etwas verstört, beschlossen aber jeder für sich, dass es wohl das Beste sei, nicht aufzufallen. Vielleicht würden sie am nächsten Morgen ja aufwachen und wieder wissen, was hier überhaupt ablief. Daher legten auch sie sich hin. Einer gab noch eine kurze Missfallensäußerung von sich, weil er sich versehentlich auf einen Mon’ghal gelegt und diesen zerquetscht hatte.

Ugudag ergriff den Gefangenen, der bereits seit ihrem Aufbruch in Kerdaris bei klarem Bewusstsein war, aber bisher beharrlich geschwiegen hatte. Da der Mann sich trotz seiner Fesseln zur Wehr setzen wollte, zischte der Lumburier ihm zu: „Sie haben nichts zu befürchten. Ich bringe Sie jetzt von hier weg zu jemandem, der Ihnen die ganze Situation erklären wird.“

Da gab der Mithrier seinen Widerstand auf, zumal er eingesehen hatte, dass er gegen den riesigen Ureinwohner sowieso nichts ausrichten konnte. Außer Sichtweite des Lagers nahm der Lumburier dem Gefangenen die Handfesseln ab, sodass er sich nun völlig frei bewegen konnte.

Nach einem Fußmarsch von etwa zwanzig Minuten war im Mondlicht eine kleine Geröllhalde zu erkennen, auf der ein großer Felsklotz thronte. Neben einem Pferd saß eine in einen Seidenmantel gewickelte Gestalt. Mit ihrem Rücken an den Fels gelehnt, lächelte sie Ugudag zu: „Diesmal hätten Sie mich nicht überrumpeln können.“

„Das hatte ich auch nicht vorgehabt“, gab der Lumburier zurück. Zu seinem Begleiter gewandt erklärte er: „Das ist die Eisgräfin Quintora aus Sokut. Sie haben sie ja schon kennengelernt.“

Der Mann war zunächst sprachlos. Dass Quintora aus Mithrien stammte, konnte aufgrund ihrer eisblauen Augen nicht bezweifelt werden.

„Eine Eisgräfin?“, stammelte er.

„So ist es“, entgegnete Quintora. „Würden Sie mir freundlicherweise auch Ihren Namen verraten? Ich nehme an, Sie stammen aus Sanh?“

„Das ist richtig“, sagte der Mann stockend. „Mein Name ist Kwaras Sanh.“

Nun erzählte Quintora, warum sie sich den beiden Surdyriern angeschlossen hatte. Zuletzt stellte sie die Frage, die sie selbst am meisten interessierte: „Was ist mit den anderen Entführten geschehen?“

„Ich weiß es nicht“, erklärte der Mithrier bedauernd. „An die Entführung selbst kann ich mich nicht erinnern. Zuerst wurden wir alle in eine große unterirdische Höhle gebracht. Später haben die Obesier die Gefangenen aufgeteilt. Ich kam an einen anderen Ort. Dort habe ich irgendwann wieder die Erinnerung verloren. Mein Gedächtnis setzte erst wieder ein als wir uns bereits auf dieser Reise befanden, irgendwo im Norden. Es war sehr kalt und hat geschneit. Sie waren dabei.“

„Ja, in Kerdaris“, bestätigte Quintora. „Ich werde Ihnen jetzt erklären, wie wir weiter vorgehen. Ugudag hat die Mon’ghale ausgeschaltet. Er glaubt, dass sich unsere obesischen Begleiter jetzt nicht mehr an ihren Auftrag erinnern können und auch nicht mehr an die Gefangenen. Ich werde deshalb Ihren Platz bei den Gefangenen einnehmen, weil ich herausfinden will, was der Zweck dieser seltsamen Mission ist. Noch heute Nacht werde ich auch die beiden anderen Mitgefangenen informieren.“

Ugudag übernahm die weitere Darlegung des Plans:

„Die obesischen Soldaten haben eine schriftliche Anweisung des Kollektivs, worin der Bestimmungsort unserer Reise genannt ist. Die Surdyrier werden ihnen das Dokument heute Nacht wegnehmen. Darin steht nämlich auch, dass die Obesier meine Begleiter und mich töten müssen, weil unser Bestimmungsort geheim bleiben soll. Wir drei können also auch nicht zu diesem Ort mitkommen, weil man dort entweder gar nichts von uns weiß oder davon ausgeht, dass wir beseitigt wurden. Deshalb müssen wir uns kurz vorher absetzen. Wir werden unserer obesischen Eskorte gegenüber behaupten, dass dies der Anweisung des Kollektivs entspricht. Sie selbst werden uns in ausreichendem Abstand folgen, damit die Obesier Sie nicht bemerken. Wenn ich mich mit den beiden Surdyriern abgesetzt habe, werden Sie wieder zu uns stoßen. Alles andere müssen wir kurzfristig entscheiden, sobald wir wissen, was uns am Bestimmungsort erwartet.“

*

Baradia sehnte sich danach, endlich wieder das Paradies der Küste zu sehen. Den ganzen Vormittag hatte sie an der Reling des großen Hausboots gestanden, das ihr der Hochkönig zusammen mit der für die Bedienung des Schiffes notwendigen Besatzung zur Verfügung gestellt hatte. Unentwegt hatte sie nach den Gebäuden in der kleinen Bucht Ausschau gehalten.

Seltsam, dachte sie. Jedesmal wenn ich weg war, freue ich mich mehr darauf, endlich wieder zuhause zu sein.

Im Paradies der Küste fühlte sie sich zuhause, seit sie als zwölfjähriges Kind dorthin gekommen war. An ihren Geburtsort in Obesien hatte sie keinerlei Erinnerung mehr, und auch die Erinnerungen an ihre frühe Kindheit in Sylabit waren völlig verblasst. Dennoch kam sie mit gemischten Gefühlen zurück, weil sie ahnte, dass dies auch der Ort sein würde, an dem die Fehler der Vergangenheit sie eines Tages einholen könnten. Und mit klarem Blick erkannte sie auch die Zerbrechlichkeit ihrer relativen Unsterblichkeit. Für diese Unsterblichkeit hatte sie viel geopfert, zu oft auch Liebe und Moral. Brachten immer härtere Kämpfe nicht auch immer mächtigere Feinde hervor?

Aus den Augenwinkeln warf sie einen Blick hinüber zu diesem seltsamen Paar, dem sie insgeheim ihr Leben anvertraut hatte. Instinktiv spürte Baradia, dass sie auf dieser Welt keine besseren Beschützer haben konnte. Aber konnte man ihnen auch vertrauen?

Das stumme Mädchen mit den gelben Augen lachte ein lautloses Lachen. Der Pylax mit dem beschädigten Gehirn, der eigentlich längst tot war, schien das kleine Geschöpf zu vergöttern. Während die anderen Pylax wie zu Stein erstarrten, wenn sie nicht gerade kämpften, versuchte Kwoxit u Dengo ständig, das schmächtige Mädchen aufzuheitern.

Die anderen Pylax würden ihn sicherlich verstoßen, wenn sie sein albernes Benehmen sehen könnten, dachte Baradia, aber dann verbesserte sie sich: Nein, was ist daran albern, wenn man einem anderen Menschen eine Freude machen will?

Chrinodilh liebte nichts mehr auf dieser Welt als wenn Kwoxit u Dengo aus dem Stand einen doppelten Salto schlug. Und Kwoxit u Dengo liebte nichts mehr auf der Welt als wenn Chrinodilh fröhlich lachte. Und es war ein inniges Verhältnis, weil nur sie beide ihre wahren Geheimnisse kannten.

Baradia lächelte. Sie hätte eifersüchtig auf die beiden sein müssen. Seit fast einhundertundfünfzig Jahren jagte sie der einen großen Liebe nach und hatte sie immer noch nicht gefunden. Aber sie hatte ja noch so viel Zeit …

Und dann tauchte ihre andere große Liebe auf: das Paradies der Küste. 

Als Baradia an Land ging, wurde sie von einer Abordnung der Priester des Wissens empfangen. In ihrem Schlepptau befand sich eine Horde kleiner Shondo und Mivv, die begeistert schreiend herumhüpften. Baradia nahm sich die Zeit, jeden einzeln zu begrüßen. Aber sie hatte sofort auch wahrgenommen, dass ausgerechnet Tillbar, dem sie das Monasterium während ihrer Abwesenheit anvertraut hatte, zu ihrer Ankunft nicht erschienen war. Sie konnte eine solche Respektlosigkeit nicht dulden, wenn sie ihr Gesicht nicht verlieren wollte. Aber viel schlimmer wog, dass sein Verhalten sie wirklich schmerzte. Deshalb fiel ihre Anweisung auch wesentlich schroffer aus als sie beabsichtigt hatte: „Tandras, du gehst zu Tillbar und sagst ihm, dass ich ihn in einer halben Stunde im Refaktorium erwarte!“ Tandras wollte schon losrennen, aber da hielt ihn Baradia nochmals zurück:
 „Und sage ihm, wenn er nicht pünktlich ist, kann er den Ornat gleich abgeben.“

Tillbar kam zehn Minuten zu spät. Er trug Stiefel und die für eine Reise durch die Savanne übliche Lederkleidung. Den Ornat hatte er in der Hand zusammengeknüllt und warf ihn Baradia vor die Füße: „Ich werde gehen, Mutter. Als du nicht hier warst, sind Berion und Crandin gekommen. Niemand außer mir wäre bereit gewesen, dich zu verteidigen. Ich habe hier nur noch gewartet, um mich von dir zu verabschieden. Jetzt kann ich gehen.“

„Warte!“ Baradia senkte den Kopf und dachte lange nach. Dann blickte sie Tillbar geradewegs in die Augen: „Sage mir ganz ehrlich, was du willst.“

Eine steile Stirnfalte verriet Tillbars Zorn und Verständnislosigkeit: „Das weißt du doch ganz genau. Ich will die Unsterblichkeit. Und ich will eine Welt, in der für Berion und Crandin kein Platz ist. Und dafür werde ich kämpfen, hier oder anderswo.“

Baradia senkte den Blick und starrte verlegen auf ihre Fußspitzen: „Ich wollte Berion töten. Aber es war ein Fehlschlag. Ich glaube, man kann ihn nicht töten.“

„Ich kenne jemanden, der es könnte“, widersprach Tillbar und sah ihr fest in die Augen.

Baradia reagierte entsetzt nachdem sie begriffen hatte, wen er meinte: „Nein! Man kann seinen Vater töten. Aber niemand tötet seinen Sohn.“

Tillbar zuckte die Achseln: „Wir sind eine außergewöhnliche Familie. Niemand weiß das besser als du.“ Baradia sank in sich zusammen.

„Hier geht es nicht um die Familie“, erklärte sie mit weinerlicher Stimme. „Insgeheim hatte ich gehofft und damit gerechnet, dass es mir nicht gelingt, Berion zu töten. Wenn er stirbt, versinkt der gesamte Kontinent im Chaos.“

Tillbar blieb völlig unbeeindruckt vor ihr stehen: „Das Chaos hat bereits begonnen. Und dafür hast du gesorgt. Gylbax von Sindra hat den größten Teil des obesischen Heeres vernichtet. Als Nächstes wird er Surdyrien und Lumbur-Seyth erobern und ganz nebenbei meine liebe Tante töten. Auch dafür bist du verantwortlich. Vielleicht solltest du endlich einmal zu deinen Taten stehen. Du hast doch auch meinen Vater umgebracht, oder etwa nicht? Trotzdem bin ich bereit, dir zu helfen. Aber willst du dich nicht endlich auch einmal zu denen bekennen, die dir die Treue halten?“

Baradia biss sich auf die Lippen, und in ihren Augen standen Tränen. Schließlich sagte sie: „Also gut. Aber dann müssen wir auch das letzte Paradies noch in eine Festung verwandeln.“

Tillbar blieb unnachgiebig: „Hier steht jemand, der das kann. Also lass uns anfangen!“ 





Kapitel 6 – Verfluchte Vermächtnisse



Nicht einmal tausend Männer befanden sich im Gefolge Baron Schaddochs als er von Lumbur-Seyth aus überfallartig in Surdyrien einmarschierte. Wie ein Flächenbrand verbreitete sich die Kunde, dass er gekommen war, um die Surdyrier von dem Joch Obesiens zu befreien. Die Zahl seiner Gefolgsleute nahm beständig zu. Er erreichte Lauros mit einem Heer von mehr als dreitausend Berittenen und Fußsoldaten. Die Stadt fiel ihm kampflos zu, weil die zahlenmäßig weit unterlegenen Obesier aus ihren Befestigungsanlagen geflohen waren. Mit wehenden Fahnen liefen die surdyrischen Truppen zu Baron Schaddochs Armee über. Inzwischen wusste das ganze Land, dass der Hochkönig von Sindra die zwei größten obesischen Heere an der Pforte von Pleeth vernichtend geschlagen hatte. Damit war der Nimbus der obesischen Unbesiegbarkeit zerstört.

Die meisten obesischen Soldaten hatten sich nach Groch und Albiros zurückgezogen. Dort gab es unter dem Deckmantel der Kooperation mit Surdyrien gemeinsame Heerlager, in denen allerdings die Obesier das Sagen hatten.

Auch während des weiteren Vormarschs des Barons setzten sich die meisten Surdyrier aus den von Obesien eingerichteten Garnisonen ab und warteten darauf, sich seiner Armee anschließen zu können.

In all diesen Wirren blieb völlig unbemerkt, dass Octora von Tredon aus mit einer großen Streitmacht der Nordlande inzwischen den Garth überschritten hatte und sich von Gatya aus auf Groch zu bewegte. Ihre Hilfe für Surdyrien und die Schutzgarantie für die künftige Freiheit des Landes hatte sie davon abhängig gemacht, dass ihr die Anlagen von Groch für die Stationierung eigener Soldaten zur Verfügung gestellt würden. Insgeheim verfolgte Octora aber das Ziel, die für die Nordlande so gefährlichen Ilumit-Vorkommen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Hinter Lauros teilte Schaddoch seine Streitmacht, die inzwischen auf mehr als fünftausend Kämpfer angewachsen war. Er selbst zog auf der Straße in Richtung Dirtos, um zuerst die Präfektur in der Hauptstadt zu besetzen und dann das obesische Lager in den Bergen von Albiros anzugreifen. Seinen General Trepsilghan schickte er mit achthundert Männern zur Unterstützung Octoras nach Groch.

In den Hügeln von Groch hatten die Obesier weitläufige Befestigungen errichtet, die die felsigen Steilhänge ergänzten. Trepsilghan kannte die Anlage und wusste, dass er allein mit achthundert Männern nicht in der Lage sein würde, sie einzunehmen. Er wartete daher auf Octora und beschränkte sich darauf, mit seiner kleinen Armee die drei Zugänge zu der Bergfeste abzuriegeln. Zwei Tage später traf Octora mit zweitausend Reitern ein, der Vorhut eines Heeres von viertausend Fußsoldaten.

Die Oberste Strategin erteilte zunächst den Auftrag, die gesamte Festung genau zu kartographieren. Dadurch erhoffte sie, Rückschlüsse auf Schwachstellen und die Verteilung der Besatzung innerhalb der Anlage ziehen zu können. Von Trepsilghan ließ sie sich auch die Lage der Minen innerhalb des Stützpunkts erläutern. Daraus folgerte sie, dass sich einer der Stollen unter der äußeren Mauer hindurch bis außerhalb des zentralen Festungshügels erstrecken musste. Dieser bot sich als unauffälliges Einfallstor in das Innere der Festung an. Nun konnten die eigentlichen Vorbereitungsarbeiten beginnen. Sie dauerten nicht einmal fünf Stunden.

Das Scheppern der Spitzhacken war verklungen. Jetzt hörte man nur noch das Knistern vieler Schritte auf gefrorenem Laub. Octora und Trepsilghan schritten an der schmalen Felsspalte entlang, die die Soldaten des Generals unter der Grasnarbe freigelegt hatten. Schließlich erreichten sie die Stelle, wo sich der Riss leicht verbreiterte. Trepsilghan entzündete eine Fackel und hielt sie über den Spalt. Ihr Lichtschein verlor sich in der Tiefe. Octora warf einen Stein hinunter. Es dauerte einen Moment, bis das dumpfe Geräusch seines Aufpralls zu vernehmen war.

„Hier ist es“, erklärte sie mit Bestimmtheit. Sie trat zwei Schritte zurück. Dann begann die Luft über dem Spalt zu flirren. Er vergrößerte sich rasch bis er kreisrund war. Andächtig bestaunte der General dieses Phänomen, das er bisher immer für ein Ammenmärchen gehalten hatte. Die große, grauhäutige Frau erschien ihm nun noch unheimlicher als zuvor. Octora sah durch das Loch hinab. Es maß etwa acht Meter Tiefe. Sie befahl dem General und seinen Männern, vier Sturmleitern hinunter zu lassen. Gemeinsam kletterten sie dann mit Dryd Wantari und einem der Soldaten bis auf den Grund der Öffnung, der zugleich den Boden eines hohen, schmalen Stollens darstellte. Offenbar war dieser Stollen schon vor längerer Zeit stillgelegt worden. Dryd Wantari gab mit seiner Fackel den an der Oberfläche wartenden Soldaten einen Wink. Dann schloss er sich den drei anderen an, während die Soldaten Trepsilghans nun ebenfalls in den Schacht einstiegen. 

Octora folgte mit ihren Begleitern der Hauptrichtung des Stollens und ignorierte abzweigende Gänge. Nach etwa zweihundert Metern erreichten sie den Ausgang. Das ungesicherte Mundloch war halb verschüttet. Der Ausstieg ins Freie befand sich unweit eines großen Lagerhauses, dessen maroder Zustand ebenfalls darauf hindeutete, dass man diesen Teil des Bergwerkkomplexes insgesamt stillgelegt hatte. Die nahegelegene Außenmauer bestärkte Octora in ihrer Annahme, dass sie sich unmittelbar am nordöstlichen Rand der aus mehreren Minen und Festungen bestehenden, riesigen Anlage befanden. Nirgendwo waren Soldaten oder Arbeiter zu sehen. Dennoch ging die Oberste Strategin davon aus, dass sie beobachtet wurden.

Trepsilghans Soldaten versammelten sich nahe des Schachtausgangs auf der freien Fläche vor den Gebäuden. Octora begab sich mit Dryd Wantari zu der etwa vierzig Meter entfernten Mauer. Dort schuf sie mit dem „vernichtenden Blick“ einen Durchgang, der breit genug für drei Reiter war. Durch diese Bresche strömten die Krieger der Königin mit ihren wehenden Mänteln ins Innere der Befestigungsanlage. Octora ließ sich ihr Pferd bringen und setzte sich an die Spitze der Reiterei. Trepsilghan, ebenfalls hoch zu Ross, ließ seine Fußsoldaten über die kniehoch mit Unkraut überwucherte, ehemalige Transportstraße in Richtung der zentralen Befestigungsanlagen abmarschieren. Vor den Armeen lag ein breites, gerodetes Feld. Weit dahinter erhob sich das von einer zusätzlichen Schutzmauer umgebene Hauptkastell. Auf der Mauer konnte Octora eine hektische Betriebsamkeit erkennen. Ihre Annäherung war längst wahrgenommen worden. Dryd Wantari stieß zweimal in sein mächtiges Horn. Auf dieses Zeichen hin ließ General Trepsilghan seine Fußsoldaten nach links abschwenken. Octora hatte die Absicht, eine erste Angriffswelle von Berittenen loszuschicken, um mehr über die Abwehrtaktik des Feindes zu erfahren, bevor dann der Angriff mit der Hauptstreitmacht erfolgen sollte. Da öffnete sich das große Tor. Ein einsamer Reiter mit einer weißen Fahne erschien.

„Sie wollen verhandeln“, bemerkte Dryd Wantari überflüssigerweise.

„Welch ein Glück, dass ich über einen derart scharfsinnigen Feldherrn verfüge“, lästerte Octora.

Dryd Wantari brummelte etwas in seinen Bart. In seinem Blick lag jedoch kein Ärger.

„Komm, alter Knochensack, wir reiten dem Unterhändler entgegen“, sagte Octora fröhlich und gab ihrem Pferd die Sporen. Als General Trepsilghan dies bemerkte, ritt er von der anderen Seite aus auf den Unterhändler zu. Derweil befanden sie sich noch immer außerhalb der Reichweite der feindlichen Bogen- und Stiftladerschützen. Bei ihrer Annäherung stellte Octora fest, dass der Unterhändler die Kleidung und Abzeichen eines surdyrischen Centrons trug. Die Surdyrier hatten die militärische Rangordnung unverändert von den Obesiern übernommen.

„Sie sind widerrechtlich in surdyrisches Territorium eingedrungen“, hielt der Centron Octora und Dryd Wantari vor. „Was wollen Sie?“

„Verschwenden Sie nicht meine Zeit“, entgegnete Octora. Dann zeigte sie auf den inzwischen ebenfalls herangekommenen General. „Das ist General Trepsilghan, Befehlshaber der Armee des Barons Schaddoch. Wir wollen, dass Sie uns die Festung Groch und Ihre Waffen übergeben. Wir gewähren Ihnen freien Abzug.“

„Der Präfekt dieser Festung, will persönlich mit Ihnen verhandeln“, erklärte der Unterhändler. „Sind Sie bereit, mit mir zu kommen?“

„Es gibt nichts zu verhandeln“, erwiderte Octora abweisend. „Außerdem rede ich sowieso nicht mit Marionetten. Sagen Sie dem tatsächlichen Befehlshaber, damit meine ich natürlich den betreffenden Obesier, dass er sich mit mir hier treffen kann, um den Ablauf der Übergabe zu besprechen.“

„Ich werde das so weitergeben“, versprach der Unterhändler. „Aber da wäre noch etwas: Weder der Präfekt noch der Milesion sind bereit, sich abtrünnigen Surdyriern zu ergeben. Sie verhandeln nur mit Leuten aus dem Norden.“

„Hüten Sie Ihre Zunge!“, keifte Trepsilghan. „Wir sind keine Abtrünnigen, im Gegensatz zu euch Speichelleckern der Obesier. Ich bin der General des Barons Schaddoch und werde an der Unterredung teilnehmen.“

„Ich befürchte, dass unter diesen Voraussetzungen keine Besprechung stattfinden kann“, bedauerte der Unterhändler.

„Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, bin ich bereit, allein mit meinem Feldherrn zu kommen“, gestand Octora zu.

„Das werden Sie nicht!“, brauste Trepsilghan auf. „Ich handle im Auftrag des Barons Schaddoch.“

Dryd Wantari wendete sein Pferd in Richtung des Generals und stützte seine rechte Gesichtshälfte auf die Hand als würde er krampfhaft nachdenken: „Baron was? Wer ist das bloß? Mir kommt es gerade so vor, als ob ich den Namen schon einmal gehört hätte.“ Dann fuhr sein Kopf hoch als habe ihn eine plötzliche Erleuchtung überkommen: „Ach ja, tatsächlich. Ist das nicht der Kerl, der uns händeringend gebeten hat, diese Festung für ihn zu erobern und ihm künftig Beistand zu leisten?“ 

Der General ließ sich jedoch von dieser Posse nicht beeindrucken.

„Ich werde an dieser Unterredung teilnehmen, oder sie wird nicht stattfinden“, stellte er klar.

Nun war plötzlich jegliche Gutmütigkeit aus Wantaris Zügen gewichen. In seiner Rechten lag wie aus dem Nichts eine riesige, doppelschneidige Axt. Mit zornig verzerrtem, hochrotem Gesicht und donnernder Stimme fuhr er den General an: „Sie haben wohl nicht gehört, was die Oberste Strategin entschieden hat. Sagen Sie mir, dass Sie schwerhörig sind, sonst mache ich Sie im Angesicht Ihrer Soldaten einen Kopf kürzer.“ Dabei schwang er drohend die Doppelaxt. Gleichermaßen wütend wendete daraufhin Trepsilghan sein Pferd und galoppierte zu seiner Armee zurück.

„Es will mir einfach nicht gelingen, dich dazu zu bewegen, Probleme mit Diplomatie und Beredsamkeit zu lösen“, lächelte Octora.

„Wieso?“, grinste Wantari zurück. „Das habe ich doch gerade getan. Ich habe zu überzeugenden Argumenten gegriffen.“ Ostentativ wog er die Axt in seiner Hand.

Octora schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Unterhändler zu. „In einer halben Stunde an dieser Stelle“, bestimmte sie. „Sagen Sie das dem Milesion.“ 

 

*

 

Zumindest äußerlich hätten die beiden Befehlshaber der Festungsanlage von Groch nicht unterschiedlicher sein können. Der Surdyrier war ungefähr halb so groß und breit wie der Obesier. Mit seinem dünnen Schnurrbart und seiner spitzen Nase wirkte der Präfekt auf Octora wie eine etwas zu groß geratene Maus.

Demgegenüber hatte der Milesion eher gewisse Züge eines Büffels, insbesondere den vorstehenden Unterkiefer, außergewöhnlich große Nasenlöcher und deutlich hervortretende Knochenwülste über den Augen, auf denen schwarze Augenbrauen wild wucherten.

„Ihr Verhalten stellt einen kriegerischen Akt gegen Surdyrien dar“, warf der Präfekt der Obersten Strategin vor.

„Ich befürchte, dass es Surdyrien in der Form, wie Sie es kennen, schon bald nicht mehr geben wird“, gab Octora zurück. „Ich habe aber hier nicht gewartet, um mich auf Debatten mit Ihnen einzulassen. Entweder Sie übergeben mir die Festung freiwillig oder ich werde sie mir nehmen.“

„Sie sind eine Eisgräfin, nicht wahr?“, fragte der Obesier.

„So ist es“, bestätigte Octora. „Ich nehme an, Ihre Wachen haben gesehen wie ich die Lücke in die äußere Mauer gebrochen habe. Das Gleiche werde ich mit der inneren tun. Dazu muss ich nicht einmal in die Reichweite Ihrer Schützen kommen.“

„Wir ergeben uns unter einer Bedingung“, erklärte der obesische Milesion. „Die Bedingung ist, dass Sie uns nicht an Baron Schaddoch ausliefern. Wir möchten von Ihren Leuten über Gatya nach Nord-Obesien gebracht werden.“

„Ich will auch kein unnötiges Blutvergießen“, stimmte Octora zu. „Wie viele Männer haben Sie?“

„Es sind rund fünfhundert Soldaten und zweihundert Minenarbeiter“, antwortete der Präfekt. „Die surdyrischen Soldaten wollen mit dem Milesion gehen, weil sie die Rache Schaddochs fürchten. Die Minenarbeiter können sich frei entscheiden, ob sie hierbleiben oder mit uns gehen wollen.“

„Ich bin einverstanden“, erklärte Octora. „Gehen Sie zurück und sorgen Sie dafür, dass die Tore geöffnet und die Waffen abgegeben werden. Meine Reiter werden Sie vor General Trepsilghan beschützen.“

Während der Surdyrier und der Obesier zur Festung zurückritten, sagte Octora zu Wantari: „Du übernimmst die Entwaffnung. Anschließend soll Dryd Drommidex die Gefangenen mit tausend Reitern bis zur obesischen Grenze bringen. Mit den restlichen tausend Reitern halte ich Trepsilghan in Schach. Falls Drommidex auf unsere Fußtruppen trifft, kann er sie mit Ausnahme von tausend Mann nach Tredon zurückschicken.“

„Alles klar“, bestätigte Wantari. „Ich sehe dich in der Festung, kleines Schneckchen.“

Octoras Gesicht verzerrte sich vor Wut, während der Dryd bereits in gestrecktem Galopp davonjagte. Sie hasste es, wenn er sie so nannte. Es erinnerte sie daran, dass dieser riesige, selbst bei den Zogh gefürchtete Krieger sie schon als Baby versorgt hatte. Wegen ihrer Verpflichtungen für die Völker von Zogh hatten ihre leiblichen Eltern zumeist keine Zeit gehabt. Wenigstens hatte Wantari damit aufgehört, sie „mein kleines Nacktschneckchen“ zu nennen. Seit ihrer Geburt hatte er sie wie seinen Augapfel behütet und beschützt. Mehr als einmal war er sogar mit der Königin in Streit geraten, weil er sich zu sehr in die Rolle eines verständnisvollen Vaters gesteigert und manchmal versucht hatte, das kleine Mädchen vor den strengen und harten Ritualen und Gesetzen in Zogh zu bewahren. Bei diesen Gedanken musste Octora unwillkürlich wieder lächeln. Sie liebte diesen alten Brummbär mehr als ihre leiblichen Eltern, und er war der einzige Mensch, dem sie jederzeit bedenkenlos ihr Leben anvertrauen würde. 

Der überwiegende Teil der Reiterei folgte bereits Wantari zur Festung, wo sich das Tor geöffnet hatte. Den verbliebenen Reitern befahl Octora, sich ihr anzuschließen. In einer weit ausholenden Zangenbewegung schob sich die Eisgräfin mit ihrem Gefolge zwischen die Befestigungsmauer und das Fußheer Schaddochs. Zu spät durchschaute Trepsilghan das Manöver. Wutentbrannt ritt er zu Octora.

„Was soll das?“, schnaubte er sie an. „Wir sind Verbündete.“

„Sie hatten von Baron Schaddoch den Auftrag, mir bei der Einnahme der Festung zu helfen“, konstatierte Octora kühl. „Da Sie diesen Auftrag nun erfüllt haben, dürfen Sie zu Ihrem Baron zurückkehren. Sicherlich wird er Sie dringend für die Eroberung des Restes von Surdyrien benötigen.“ Der Hohn in Octoras Stimme war kaum zu überhören, nicht einmal für einen wenig empfindsamen Mann wie Trepsilghan.

„Das werden Sie noch bereuen“, prophezeite er aufgebracht. Aber Octora blieb völlig gelassen. Sie zog das Schwert von Umbursk hervor und ließ es mit einer Schnelligkeit kreisen, dass es der Andeutung einer rötlichen Scheibe glich. Unschlüssig versperrte ihr der General weiterhin den Weg, bis die Eisgräfin ihn schließlich drohend anknurrte: „Verschwinden Sie, sonst mache ich Sie einen Kopf kürzer.“

*

 

Shrogotekh und Jukediru führten den kleinen Zug auf der Straße nach Bogogrant an. Dahinter folgten jeweils einer der Gardisten mit einem der Gefangenen, darunter auch Quintora. Den Abschluss bildeten Wurluwux, Ugudag und die vier restlichen Gardisten. Da allen Obesiern die Erinnerung an die Zeit vor der Vernichtung ihrer Mon’ghale fehlte, hatten sie den Austausch Kwaras Sanhs gegen die Eisgräfin nicht bemerkt.

Die zuvor kerzengerade Straße beschrieb plötzlich einen scharfen Bogen in südliche Richtung. An dieser Stelle hielt Shrogotekh sein Pferd an und sah erwartungsvoll zu dem Centron hinüber. Der schaute unsicher zurück.

„Sie erinnern sich doch daran, dass Saradur Ihnen die Order gab, die Botschaft des Kollektivs an dieser Stelle zu öffnen?“, vergewisserte sich Shrogotekh, der natürlich wusste, dass sich Jukediru an gar nichts erinnerte. Er zeigte auf die Satteltasche des Obesiers.

„Ach ja“, brummte der Centron, als sei ihm die Anweisung des Ordenssprechers gerade wieder eingefallen. Der ganze Zug kam zum Stillstand. Jukediru griff in seine Satteltasche und zog ein Dokument heraus, welches das Originalsiegel des Kollektivs trug.

Wurluwux hatte das ursprüngliche Dokument vor zwei Nächten gestohlen. Wie zu erwarten war, besagte der Befehl des Kollektivs, dass die Gardisten die beiden Surdyrier und Ugudag hier an dieser Stelle töten und anschließend mit den Gefangenen von der Straße abweichend in gerader Linie nach Tulumath reiten sollten. Wurluwux kam zugute, dass Quintora alle zur Fälschung des Dokuments notwendigen Materialien anlässlich ihres Aufenthalts in der Akademie von Modonos besorgt hatte. Bereits während der ersten Abwesenheit Saradurs hatte sie sich Zugang zu dessen Arbeitsräumen verschafft und diese durchstöbert. Dabei hatte sie festgestellt, dass der Sprecher einen Original-Siegelstein und Originalpergament des Kollektivs besaß. Angesichts der Intrigen, für die der Priesterorden berüchtigt war, fand sie das damals nur mäßig bemerkenswert. Sie hatte sich jedoch wieder daran erinnert, als Ugudag in der Akademie erwähnte, dass den Gardisten der Bestimmungsort ihrer abschließenden Reise in einem versiegelten Dokument mitgeteilt worden war. Daraufhin hatte sie aus dem Arbeitszimmer des Sprechers den Siegelstein und drei Bogen Pergament entwendet. Hinterher fragte sich Quintora, ob das an Jukediru übergebene Dokument tatsächlich vom Kollektiv herrührte oder nicht vielleicht sogar von Saradur selbst. Für ihre jetzige Mission erschien dies allerdings bedeutungslos.

Wurluwux musste in Betracht ziehen, dass der Befehlshaber von Tulumath bereits durch einen Boten auf die Ankunft der Gefangenen vorbereitet worden war. In diesem Falle wusste er dann aber auch, dass die Gefangenen nur von obesischen Gardisten begleitet wurden. Der „Skorpion“ änderte daher die Anweisung des Kollektivs hinsichtlich der Ermordung dahingehend ab, dass die beiden Surdyrier und der Ureinwohner außerhalb der Festung bleiben sollten.

Jukediru sah auf, nachdem er die Mitteilung gelesen hatte: „Wir müssen Sie und Ihre beiden Gefährten jetzt hier zurücklassen. Der Zutritt zu dem Stützpunkt, zu dem die Gefangenen verbracht werden, ist für Fremde strikt verboten. Wenn Sie wollen können Sie nach Modonos zurückreiten. Ich nehme an, Sie werden dort auch Ihre Bezahlung erhalten.“

*

Bei Tulumath handelte es sich nicht um irgendein geheimes Feldlager, sondern um den Hauptstützpunkt der Geheimen Schar. Das wusste Jukediru allerdings nicht. Daher war er einigermaßen erstaunt, dass er als Befehlshaber der Festung einen Ducarion vorfand, wo er eher einen Ducentron oder höchstens einen Milesion erwartet hätte. 

Nach dem Begrüßungsritual sah ihn der Ducarion misstrauisch an: „Wieso hat man Sie geschickt? Das wäre eigentlich ein Auftrag für die Geheime Schar gewesen.“

„Das weiß ich nicht“, antwortete Jukediru wahrheitsgemäß und legte dem Leiter des Stützpunkts das Dokument mit dem Siegel des Kollektivs vor. Der Ducarion verzog die Mundwinkel, nachdem er das Dokument gelesen hatte. Dann holte er aus seiner Schreibtischschublade eine kleine Phiole und träufelte einige Tropfen des Inhalts sowohl auf den Siegellack als auch auf das Pergament, die sich beide daraufhin violett verfärbten.

„Hm, das Dokument ist echt“, meinte Brondik offensichtlich ein wenig überrascht. „Also überstellen Sie die Gefangenen in die geschlossenen Aufenthaltsräume. Mein Centron wird Sie begleiten.“

Stirnrunzelnd sah der Ducarion Jukediru nach. Es ärgerte ihn, dass er die Machenschaften dieses seltsamen Priesters nicht durchschaute, der zweifellos der Drahtzieher des bevorstehenden Experiments war. Noch mehr erzürnte ihn die Tatsache, dass der Ordenssprecher offenbar unter dem Schutz des Kollektivs stand. Er selbst glaubte jedenfalls nicht daran, dass die Verfütterung von Menschen aus dem Norden an die „Große Mutter“ die nächste Generation der Mon’ghale mit Eigenschaften ausstatten könnte, die das Überleben im Norden ermöglichen würden.

Die Bewachung Quintoras und ihrer Mitgefangenen wurde von einem Cinquon des Stützpunkts mit zehn Soldaten übernommen. Jukediru verließ den Verwaltungssitz in Begleitung eines Centrons und brachte die drei Mithrier zu einem flachen Gebäude am nördlichen Ende eines großen Übungsplatzes. Die ebenerdig gelegenen Zimmer hatten vergitterte Türen und Fensteröffnungen. Im Übrigen vermittelten sie aber eher den Eindruck normaler Aufenthaltsräume als von Kerkerzellen. Quintora konnte dies gleichgültig sein. Solange keine Spiegelsicherung vorhanden war, stellte wegen ihrer besonderen Fähigkeiten keine Art von Gefängnis ein wirksames Hindernis dar. Vorläufig hatte sie außerdem sowieso nicht die Absicht, auszubrechen und zu fliehen. Zuerst galt es, in Erfahrung zu bringen, was die Obesier mit ihren Gefangenen vorhatten.

Zwei Tage musste sie sich gedulden, dann wurde sie abgeholt. Quintora erschrak. Von den beiden anderen Gefangenen war nichts zu sehen. Eigentlich hatte sie angenommen, dass ihnen ein gemeinsames Schicksal bevorstehen würde.

„Wo bringen Sie mich hin? Was ist mit den anderen?“ Mit diesen Fragen wollte die Eisgräfin herausfinden, was mit ihren beiden Landsleuten geschehen sollte oder bereits geschehen war. Der obesische Cinquon antwortete ihr jedoch nicht einmal. Stumm ging er voraus, während Quintora von zwei Soldaten flankiert und gezwungen wurde, ihm zu folgen. Nun fiel ihr auch erstmals der seltsame Monolith auf, in dessen Richtung sie sich bewegten. Aber ihr kurzer Marsch endete wesentlich früher am vergitterten Eingang eines kleinen, etwa drei Meter hohen, quadratischen Steingebäudes. Der Cinquon entriegelte die Tür, sodass Quintora eine Treppe sehen konnte, die in die Tiefe hinab führte. Wortlos schoben die Soldaten sie zur Treppe. Sie folgte dem Cinquon über zweiundzwanzig Stufen bis zu einer massiven Bronzetür, die mit einem großen, weißen Kreis gekennzeichnet war. Der Cinquon schloss die Tür auf, schubste Quintora in die Dunkelheit und schloss die Tür wieder ab. Dann konnte sie hören, wie seine Schritte sich auf der Treppe entfernten.

Bereits nach kurzer Zeit hatten sich Quintoras Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt. Sie stellte fest, dass sie sich in einem langen, dunklen Gang befand, der nach hinten etwas heller wurde. Daher bewegte sie sich mit vorsichtigen Schritten in die Richtung, aus der das Licht einfiel. Nach hundert Metern nahm die Lichtstärke zu und leuchtete den Gang mehr aus als dies mit Fackeln möglich gewesen wäre. Quintora gelangte in einen großen Raum, von dem mehrere Seitengänge abzweigten. Sie entschloss sich, ihre bisherige Richtung beizubehalten. Nun offenbarte sich ihr auch das faszinierende System dieser Beleuchtung. Es handelte sich um eine Kombination aus Silberspiegeln und geschliffenen, glasklaren Kristallen, die offenbar irgendwo das Tageslicht auffingen und durch die Gänge warfen. Quintora bemerkte, dass sich an den Wänden seltsame Zeichnungen befanden. Außer allerlei Getier waren auch menschliche Wesen dargestellt, die eine deutliche Ähnlichkeit mit den Ureinwohnern aus Lumburia aufwiesen. Nachdem sie aber nicht hergekommen war, um Zeichnungen zu studieren, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Verlauf des Tunnelsystems zu. Sie passierte einen zweiten Verteilerraum, von dem aus drei Wege in verschiedene Richtungen weiterführten. Wenig später fand sie sich erneut an einem Knotenpunkt. Keiner der vier Korridore verlief jedoch geradeaus. Nach kurzer Bedenkzeit wählte die Eisgräfin den äußeren rechten, der mit einer sanften Neigung weiter in die Tiefe abfiel. Als sie ihre Wahl schon zu bereuen begann, erreichte sie einen großen, kuppelförmigen Raum, in dem eigenartige Metallgegenstände herumlagen. Der Sinn dieser fremdartigen Apparaturen erschloss sich Quintora aber auch nach längerer Betrachtung nicht. Lediglich bei einem seltsamen Gerät mit zwei Rädern hatte sie die vage Vorstellung, dass man ein solches Ding vielleicht dazu benutzen konnte, um in diesen Tunneln schneller voranzukommen. Noch während Quintora in den Gegenständen herumkramte, vernahm sie ein schleifendes Geräusch. Es näherte sich aus der genau gegenüberliegenden Gangöffnung. Gebannt schaute die Eisgräfin in den betreffenden Tunnel, der anscheinend unmittelbar hinter der Öffnung abknickte. Daher konnte sie immer noch nichts erkennen, obwohl das Geräusch schon recht laut geworden war. Ein heftiger Schreck durchzuckte sie. Eigentlich hatte sie angenommen, auch hier unten aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten völlig sicher zu sein. Nun aber begann sie zu zweifeln. Aus dem Gang kroch ein monströses Lebewesen, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einer riesigen Raupe besaß. Es bewegte sich genau auf sie zu. Aus dem kreisrunden Kopf ragte ein gefährlich wirkender, leuchtender Stachel. Als das Ungetüm seinen riesigen Rachen mit zwei Reihen spitzer Zähne aufriss, erschien Quintora der Stachel plötzlich weniger bedrohlich. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass das Ungeheuer es auf sie abgesehen hatte. Schweren Herzens, aber inzwischen wieder völlig ruhig, entschloss sie sich, die Kraft ihres „vernichtenden Blicks“ anzuwenden. Leicht schimmernde Lichtfelder waberten zu dem Riesenwurm und hüllten seinen Kopf in eine flimmernde Blase. Die monströse Raupe schien gegen eine Wand gestoßen zu sein. Sie verharrte mitten im Raum als die Blase in sich zusammenfiel. Nun folgte für Quintora eine jähe Ernüchterung. Der Kopf des Monstrums war völlig unversehrt. Die scheinbar grundlosen Zweifel der Eisgräfin bestätigten sich. Zwei tellergroße, schwarze Augen, die zuvor nur stumpfsinnig geglotzt hatten, funkelten jetzt bösartig. Dann riss die Bestie erneut den Rachen auf. Quintora verspürte ein lähmendes Entsetzen und nie gekannte Hilflosigkeit. Sie sah sich außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

„In meiner Anwesenheit versagt diese Waffe“, erklang eine sanfte Stimme. Sowohl Quintoras Kopf als auch der der Bestie fuhren herum. Vor einem der beiden Eingänge auf der rechten Seite des Kuppelsaals stand ein magerer, junger Mann mit goldgelben Locken und schneeweißer Haut. Sein einziges Kleidungsstück bestand in einem knielangen Rock.

Die Monsterraupe hatte ihre Überraschung schneller überwunden als Quintora und bewegte sich erneut auf die Eisgräfin zu. Mit ein paar schnellen Schritten eilte der schmächtige Mann zu dem gigantischen Wesen, packte es und warf es wie ein Spielzeug gegen die Wand der Felskuppel. Dort blieb das Ungeheuer benommen liegen. Im Gegensatz dazu stand Quintora zwar noch, war aber offenbar genauso verstört wie das Ungeheuer. Langsam kam der Mann auf sie zu: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich hätte dir längst etwas antun können, wenn ich das gewollt hätte.“ 

Quintoras Unsicherheit wuchs indes noch zusätzlich, als sie in seine fremdartigen, gelben Augen mit den schmalen, krokodilartigen Sehschlitzen blickte. 

„Wer oder was sind Sie?“, fragte die Eisgräfin alarmiert.

„Belassen wir es der Höflichkeit halber beim „wer“. Ich bin ein Mensch wie du, wenngleich ich mich auf einer anderen Existenzebene befinde. Aber das würdest du nicht verstehen“, entgegnete der Mann und fügte sogleich hinzu: „Sagen wir deshalb einfach, dass ich ein sehr alter Mensch bin.“ 

Als Quintora schwieg, fuhr er fort: „Mein Name ist Tholulh. Ich bin der Erbe und Bewahrer dieses unterirdischen Reiches. Es birgt einen großen Schatz, der zugleich aber auch ein großer Fluch ist.“ Er zeigte auf eine bestimmte Stelle an der Kuppeldecke, wo eine graue Erzader deutlich aus dem rostfarbenen Gestein herausstach.

„Ihr nennt das Ilumit. Es verändert Lebewesen. Als diese Kreatur …“ Tholulh zeigte auf das immer noch benommen am Boden liegende Scheusal: „… hergebracht wurde, war sie völlig harmlos. Dann wurden ihr Menschen zum Fraß vorgeworfen, damit ihre Nachkommenschaft die Fähigkeit erlangte, die Gehirne von Menschen beeinflussen zu können. Inzwischen hat ihre Brut ein ganzes Volk dort oben unterjocht. Mir ist nicht gestattet, in die Geschicke der äußeren Welt einzugreifen. Aber als du hier hereingekommen bist, war das die Bestätigung, dass die Abkömmlinge dieses Geschöpfs zu gierig geworden sind. Sie bedrohen jetzt die gesamte Welt, sogar das noch übrig gebliebene Geflecht der alten Wesenheiten. Zu diesem Geflecht gehören auch die uralten Stammbäume, die die Seelen der Verstorbenen aufnehmen und bis zur Wiedergeburt beschützen. Du weißt, wovon ich rede, denn du bist mit deiner Waffe selbst eines ihrer Werkzeuge. Die Nachkommen dieses Cerghals hier wollen die Bewahrer der Seelen vernichten, damit sie auch dein Volk versklaven können. Deshalb stelle ich dir frei, zu tun, was du für richtig hältst. Wenn ich jetzt gehe, wird deine Waffe durch nichts mehr behindert. Sobald du mein Reich verlassen hast, werde ich es für alle Zeiten vor den Menschen verschließen.“ Mit diesen Worten entfernte sich der eigenartige Mann, während die riesige Raupe sich langsam wieder zu regen begann. Quintora hatte kurz nachgedacht und eine Entscheidung getroffen. So sehr sie es auch hasste, ein Lebewesen zu töten, so notwendig erschien ihr das nun, um ihr Land und ihre Leute zu schützen. Und die wartenden Seelen …

Dennoch hätte sie es nicht fertiggebracht, die Mutter der Mon’ghale zu vernichten, solange diese wehrlos war. Aber das Monstrum machte es ihr leicht, indem es erneut auf sie zu kroch und den Rachen mit den messerscharfen Zähnen aufriss. Quintora spürte den heißen Brodem der Bestie und zugleich das bekannte Kribbeln in ihrem Nacken. Wieder flimmerte die Luft, aber dieses Mal perlten die Schwingungen nicht wirkungslos ab. Die irisierende Blase reichte nur, um den Kopf und ein Stück des Vorderleibs der Riesenraupe zu erfassen. Für einen Augenblick kam es Quintora so vor, als ob die stumpfen Telleraugen sie mit einer unendlichen Traurigkeit anblickten.

Im nächsten Moment verschwanden der Kopf und ein Teil des Vorderleibs. Der verbliebene Teil des Körpers zuckte noch ein paar Mal hin und her und blieb dann bewegungslos liegen. Dunkles, zähes Blut ergoss sich in pulsierenden Stößen auf den Felsboden. Dann war alles vorbei.

Quintora verließ auf dem gleichen Weg, der sie hierhergeführt hatte, diesen Ort des Grauens, der eigentlich als Geschenk einer längst untergegangenen Hochkultur an ihre Nachwelt dienen sollte. Mit dem „vernichtenden Blick“ beseitigte die Eisgräfin die Bronzetür am Fuß der Treppe.

Als sie sich auf der Treppe nochmals umdrehte, war das Loch verschwunden. Eine massive Felswand ließ nicht mehr erahnen, dass es hier jemals einen Zugang gegeben hatte.

Die Eisgräfin rechnete damit, dass ihr der schwierigste Teil ihrer Aufgabe erst noch bevorstand. Sie musste zunächst die beiden anderen Gefangenen befreien, sofern diese überhaupt noch lebten. Danach mussten sie zu dritt aus dem äußerst effektiv gesicherten Lager der Geheimen Schar entkommen. Beides würde schier unüberwindliche Schwierigkeiten aufwerfen, weil sich selbst nachts überall in der Festung Soldaten aufhielten.

Daher war Quintora völlig überrascht, als sie sich an die Wand des würfelförmigen, kleinen Gebäudes drückte und vorsichtig durch die vergitterte Tür spähte. Das vor ihr liegende Gelände schien menschenleer. Lediglich an einer nahe gelegenen Zisterne stand ein Wachposten, der ihr aber den Rücken zukehrte. Von irgendwo her glaubte sie, Kampflärm zu hören. Rasch nutzte sie die Gunst der Stunde, löste das Schloss der Gittertür auf und hastete im Schutz mehrerer flacher Kasernen zu dem großen Platz, hinter dem das Gefängnis lag. Auch dort standen lediglich zwei Wachen in der Nähe des Verwaltungsgebäudes. Sie sahen verstohlen zu der südwestlichen Ecke des Grenzzauns hinüber. Quintora konnte immer noch nicht erkennen, was sich dort abspielte, weil ihr die Sicht durch einen Seitentrakt des Verwaltungsgebäudes versperrt war. So gelangte sie jedoch unbemerkt zu dem Bauwerk, in dem ihre Landsleute gefangen gehalten wurden. Da sie wusste, wo sich die Zimmer ihrer Mitgefangenen befanden, zerstörte sie mit dem „vernichtenden Blick“ die Vergitterungen an den Fenstern. In den Öffnungen erschienen unmittelbar darauf die Köpfe der beiden Mithrier. Quintora winkte ihnen zu und bedeutete ihnen, sich ihr anzuschließen. 

Geschickt kletterten ihre Landsleute ins Freie und folgten ihr.

*

Shrogotekh, Wurluwux und Ugudag waren natürlich nicht nach Modonos zurückgeritten. Sie warteten bis Kwaras Sanh eintraf. Dann folgten sie den Gardisten und Gefangenen in weitem Abstand bis in die Nähe der Festung Tulumath. Auf einem Hügel, der sich knapp eine halbe Meile von der Festung entfernt befand, verschanzten sie sich im Dickicht. Von dort aus beobachteten sie wie die Gardisten und Gefangenen durch die beiden Tore im Zaun und in der Mauer in den Stützpunkt eingelassen wurden.

Die doppelte Absicherung der Anlage mit einem Gitterzaun und einer Mauer war angesichts der scharfen Bewachung für vier Menschen, die nicht über die Gabe des „vernichtenden Blicks“ verfügten, praktisch ein unüberwindliches Hindernis. Diesmal hatte selbst der Lumburier keinen erfolgversprechenden Plan.

„Wir werden wohl oder übel auf die Eisgräfin warten müssen“, meinte er resigniert.

Am Nachmittag des folgenden Tages bemerkte Ugudag ein kurzes Aufblitzen in der Ferne, weit außerhalb der Festungsanlage. Offenbar war die Sonne von einem metallischen Gegenstand reflektiert worden. Der Lumburier kletterte noch höher den Hügel hinauf und robbte bis zum Rand eines teilweise mit niedrigen Büschen bestandenen Felsvorsprungs, indem er geschickt jede Deckungsmöglichkeit ausnutzte. Nach einiger Zeit erspähte er einen Tross von mindestens vierzig Reitern, die sich äußerst vorsichtig im Schutz der Hügel und des Bewuchses in den Taleinschnitten und Senken auf Tulumath zu bewegten. Da den Reitern die Festung offensichtlich bekannt war und sie sich trotzdem verborgen hielten, konnte es sich aus Sicht des Ureinwohners um potentielle Verbündete handeln. Die Reiter verschwanden schließlich hinter einem Hügel und kamen nicht mehr hervor. Dies veranlasste Ugudag zu der Annahme, dass sie dort ein Lager aufgeschlagen hatten. Er zog sich von dem Felsvorsprung zurück und begab sich zu seinen Gefährten. 

„Es nähern sich fünfundvierzig Reiter“, berichtete er. „Die meisten sind sehr groß. Ich glaube, dass es sich um Shondo handelt. Die Art, wie sie sich bewegen, deutet darauf hin, dass sie keine Freunde der Obesier sind und irgendetwas im Schilde führen. Ich werde sie aufsuchen.“

„Ist das nicht viel zu gefährlich?“, gab Wurluwux zu bedenken.

„Das Risiko ist überschaubar“, erwiderte Ugudag. „Mit ein paar Shondo werde ich fertig.“

„Aber nicht mit fünfundvierzig“, beharrte Wurluwux.

„Es ist nett von dir, dass du dir Sorgen um mich machst“, lächelte der Lumburier. „Ich werde vorsichtig sein.“ 

Wurluwux wusste, dass damit die Diskussion beendet war. Wenn ein Ureinwohner sich erst einmal ein Vorhaben in den Kopf gesetzt hatte, konnte man ihn hiervon in aller Regel nicht mehr abbringen.

Beim Einsetzen der Abenddämmerung brach Ugudag zum Lagerplatz der fremden Reiter auf. Die kraftlosen Strahlen einer fast vollständig hinter dem Horizont versunkenen Sonne tauchten das sanfte Hügelland in ein zunehmend verblassendes Zwielicht. Für den Lumburier stellte die anbrechende Dunkelheit keine nennenswerte Schwierigkeit dar. Die Augen der Ureinwohner zeichneten sich durch eine außergewöhnlich hohe Lichtempfindlichkeit aus.

Das Lager der fremden Reiter befand sich in einem kleinen Talkessel hinter einem Hügel. Ugudag pirschte sich lautlos heran. Er konnte fünf rund um das Lager verteilte Wachposten ausmachen. Es handelte sich tatsächlich um Shondo.

Vier kleine Lagerfeuer warfen geisterhaft flackernde Lichtschimmer auf die Gesichter der um sie herum versammelten Personen. An einem dieser Feuer saßen fünf Männer, von denen aber nur einer dem Volk der Shondo angehörte. 

Diese fünf Männer waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, bis plötzlich neben ihnen die tiefe, fast dröhnende Stimme des Lumburiers erscholl, der es geschafft hatte, sich unbemerkt mitten in das Lager zu schleichen: „Der Mann, der es als seine Aufgabe ansieht, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Und dazu auch noch zwei Eisgrafen. Welch eine Freude!“ 

Im Bruchteil einer Sekunde waren sämtliche Gespräche verstummt. Einundvierzig von ihren Plätzen aufgesprungene Shondo hielten silbrig glänzende Äxte in den Fäusten. Neben dem Lagerfeuer Berions stand eine riesige Gestalt, von der niemand wusste, wie sie hierher hatte gelangen können ohne entdeckt zu werden.

„Ugudag Teket dru banir, mein Freund“, rief Berion aus. „Du bist wirklich ein Schatten. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie sich ein solch riesiger Krieger unsichtbar machen kann. Setz dich zu uns! Ich freue mich so, dich zu sehen.“ Und dann sagte er mit lauter Stimme, zu den Shondo gewandt: „Steckt Eure Äxte weg, das ist ein Freund.“

Als Ugudag sich setzte war er immer noch fast so groß wie die Eisgrafen und die Priester des Wissens in stehender Haltung.

„Wo kommst du her?“, fragte Berion. „Ach, bitte entschuldige. Das hier sind die Eisgrafen Unitor und Sestor; Uggx, der Schnorst von Oot und mein Enkel Crandin“, stellte der Höchste Priester seine Begleiter vor und sagte dann zu diesen: „Und mein Freund hier heißt mit kurzem Namen einfach Ugudag.“

Der ergriff dann auch das Wort: „Was die beiden Eisgrafen am meisten interessieren wird: Auch ich bin mit einer Eisgräfin unterwegs. Ihr Name ist Quintora. Ich glaube, wir sind hier an einem Ort, wo sich das weitere Schicksal des Kontinents entscheiden könnte. Sonst wärt ihr wohl nicht ebenfalls hier. Ich will euch zuerst meine Geschichte erzählen. Sie ist lang, aber wir haben ja die ganze Nacht Zeit …“

Nacheinander erzählten Ugudag, Crandin und Sestor, was sie an diesem schicksalsträchtigen Ort zusammengeführt hatte. Als der Lumburier das Lager verließ, dämmerte es bereits im Osten. Ein verhangener Himmel sandte ein fahles, rötliches Halblicht in die Ausläufer der Obesischen Wüste. Es kündigte den Morgen eines neuen Tages an, der für die Völker des Kontinents eine Wendung einläuten sollte.

*

Nachdem der Aufstand Baron Schaddochs gegen die Obesier losgebrochen war, hatte Hochkönig Gylbax XII. gerade erst Surdyrien erreicht. Auf Anraten seines Vetters Yxistradojn stoppte er daraufhin den Vormarsch seines gewaltigen Heeres. Der Statthalter von Doinat überredete den Hochkönig, zunächst die weitere Entwicklung abzuwarten. Wie Yxistradojn vorausgesehen hatte, war es dem Baron gelungen, Dirtos und Albiros zu überrennen und die Obesier aus dem Land zu jagen. In der Präfektur von Dirtos hatte Schaddoch ein vorläufiges Hauptquartier eingerichtet, von wo aus er die Verwaltung des Landes neu organisieren wollte. Der hochgebildete und friedliebende Statthalter von Doinat betrachtete dies als günstige Gelegenheit, ohne kriegerische Auseinandersetzungen die Kontrolle über die Minen Surdyriens übernehmen zu können. Schließlich stellte allein die Schattenarmee der Pylax eine Bedrohung dar, der sich kein vernünftiger Mensch widersetzen konnte. 

Das Zelt des Hochkönigs im Feldlager von Salpent im südlichen Surdyrien hatte die Größe der Wohnhäuser von Zitaxon, war aber wesentlich luxuriöser ausgestattet. Einmal mehr schäumte Gylbax vor Wut, obgleich der Statthalter von Doinat seine Worte wohlweislich sorgfältig gewählt hatte. Gylbax blieb vor Yxistradojn stehen und schien ihn mit seinen unergründlichen Augen verschlingen zu wollen.

„Wie kann diese nordische Hexe es wagen, in Surdyrien einzumarschieren und nach dem Ilumit zu greifen?“, tobte der Hochkönig. „Mein Entschluss steht fest. Ich werde sämtliche Ilumit-Minen auf dem gesamten Kontinent besetzen. Zuerst werde ich diese Giftspinne aus Lumbur-Seyth zerquetschen und dann diese nordische Hexe, und dann jeden, der sich mir noch in den Weg stellt.“

Yxistradojn war der geifernde Hochkönig unheimlich, aber er sagte nichts. Als Gylbax sich umdrehte, wischte sich der Statthalter schnell dessen Speichel aus dem Gesicht.

Dann fasste er all seinen Mut zusammen: „Darf ich mir trotz Eures verständlichen Zorns eine Frage erlauben, Hohe Majestät?“

Gylbax ging noch weitere drei Schritte. Dann warf er sich in einen Sessel und sah den Statthalter tadelnd an: „Ich will nicht, dass Ihr mich „Hohe Majestät“ nennt. Ihr seid nicht nur mein Vetter, sondern auch mein bester Freund. Ihr könnt immer offen sprechen und fragen. Auch Euer Amt verpflichtet Euch dazu. Was täte ich bloß ohne Euch?“

Seit kurzem hatte Yxistradojn den Eindruck, seinen Hochkönig nicht mehr wirklich zu kennen. Deshalb wusste er auch nicht, ob die Worte in diesem Augenblick tatsächlich ernst gemeint waren. Dennoch rang er sich zu der Frage durch, die nach seiner Einschätzung eine enorme Brisanz barg: „Werdet Ihr die Königin darüber unterrichten, dass Ihr gegen die Eisgräfin Octora zu Felde ziehen wollt?“

Gylbax blickte schuldbewusst auf seine Fingernägel.

„Die Königin ist eine Göttin“, murmelte er schließlich. „Und sie ist jetzt Sindrierin. Deshalb würde sie meine Mission gutheißen. Aber ich liebe sie so sehr, dass ich sie mit derart hässlichen Dingen nicht belasten will. Ihr seid der Einzige, der von diesem Vorhaben weiß. Und dabei soll es auch bleiben.“

Als Yxistradojn schwieg, fuhr Gylbax fort: „Es wird ein langer Kriegszug. Deshalb habe ich auch die gesamte Schattenarmee mitgenommen. Wenn ich Surdyrien und Lumbur-Seyth unterworfen habe, werde ich den Norden in die Schranken weisen und zuletzt auch noch Modonos einnehmen.“

„Ihr wollt den gesamten Norden erobern?“, fragte Yxistradojn erschrocken.

„Habe ich das gesagt?“, begehrte der Hochkönig auf. „Ihr müsst mir besser zuhören! Ich brauche den Norden nicht zu erobern; es reicht, wenn ich die Armeen in Groch und Tredon vernichte. Dann werde ich meine Königin als die Königin des Nordens einsetzen. Sie stammt aus einem der ältesten Geschlechter Gatyas. Wenn die Nordländer die Macht der Pylax zu spüren bekommen haben, werden sie sich Orandula unterwerfen. Vielleicht wird unser Sohn einmal die ganze Welt beherrschen.“

Yxistradojn bezweifelte, dass all dies Orandulas Wünschen entsprach. Aber er hütete sich aus gutem Grund, etwas Derartiges auszusprechen. 

*

Berion und Ugudag kamen zu dem gleichen Schluss: Bei Tulumath handelte es sich nicht um eines der üblichen Heerlager. Gegen eine solche Annahme sprach allein schon der ungewöhnliche Umfang der Sicherheitsvorkehrungen. Der Ureinwohner war zudem überzeugt, dass es sich auch nicht nur um die Befehlszentrale der Geheimen Schar handelte, sondern dass hier etwas verborgen wurde, das von außergewöhnlicher Bedeutung für ganz Obesien war.

Seit er sich mit den beiden Surdyriern und dem Mithrier in das Lager der Shondo begeben hatte, diskutierten sie das weitere Vorgehen. Berion, die beiden Eisgrafen und Uggx sprachen sich für einen offenen Angriff auf Tulumath aus.

„Selbst, wenn Quintora etwas herausfinden kann, wird es ihr bei dieser Menge von Soldaten kaum gelingen, das Lager zu verlassen. Wenn wir den Stützpunkt erobern würden, könnten wir in aller Ruhe nach Hinweisen suchen, warum die Gefangenen dahin gebracht wurden. Vielleicht ist das ja aber auch schon geklärt“, fasste Sestor seine Einschätzung zusammen.

„Auch mit zwei Eisgrafen und einem Lumburier sind fünfzig Leute einfach nicht genug, um eine derart gut gesicherte Festung einzunehmen“, widersprach Wurluwux.

„Was meinst du, Ugudag?“, fragte Berion den Ureinwohner.

Der Lumburier kratzte sich an seiner fliehenden Stirn und meinte schließlich: „Vielleicht könntet ihr Wurluwux überzeugen, wenn ihr ihm darlegt, wie ihr die Festung anzugreifen gedenkt.“

Berion stand auf, ging zu seinem Pferd und holte aus der Satteltasche einen großen Stiftlader.

„Ein Schnelllader“, stellte Shrogotekh fest.

Berion blieb wie angewurzelt stehen. „Woher wissen Sie das?“, fragte er verblüfft.

„Die Spinne ist nicht die Einzige, die mit solchen Dingern Handel treibt“, erwiderte Wurluwux an Shrogotekhs Stelle.

„Nennen Sie sie nicht so!“, verlangte Berion ärgerlich.

„Dinger?“, fragte Wurluwux verdutzt.

„Nein, Senesia Sida“, stellte Berion klar.

„Warum nicht?“, wollte Wurluwux wissen, immer noch verwundert.

Berion biss sich auf die Unterlippe: „Das spielt jetzt keine Rolle. Wer handelt noch mit Schnellladern?“

„Ihr Stellvertreter“, grinste Shrogotekh. Der Höchste Priester starrte ihn fassungslos an, aber Shrogotekh winkte ab: „Es gibt jetzt Wichtigeres. Wie also wollen Sie den Angriff durchführen?“

Da Berion nicht redete, sondern offenbar immer noch über das soeben Gehörte nachsann, übernahm Crandin die Erläuterung des Plans: „Wir sind alle im Besitz von Schnellladern. Die beiden Eisgrafen werden mit dem „vernichtenden Blick“ Löcher im Gitterzaun und in der Mauer erzeugen. Dann werden die Shondo die Wachen niederschießen und das Lager stürmen. Innerhalb des Lagers sind unsere Schnelllader den Waffen der Obesier weit überlegen. Außerdem können Unitor und Sestor sogar Gebäude zum Einsturz bringen. Wir sind jetzt immerhin neunundvierzig Männer, und ich habe noch nie gehört, dass jemand im offenen Kampf einen Lumburier besiegen konnte.“

Es trat Stille ein, und jeder schien die Erfolgsaussichten abzuwägen. Schließlich fragte Berion: „Wer ist immer noch gegen den Plan?“

Wurluwux war der Einzige.

*

Der Angriff lief zunächst ab wie Crandin vorausgesagt hatte. Aus ihrer Deckung im Gebüsch heraus schossen die Shondo die Wachposten nieder, die sich in dem Geländestreifen außerhalb der Mauer befanden. Währenddessen rissen die beiden Eisgrafen mit ihren besonderen Fähigkeiten eine breite Lücke im äußeren Gitterzaun auf. Durch diese Lücke stürmten die Angreifer in Richtung der nicht besetzten Mauer. Lediglich in den Wachtürmen saßen vereinzelte Beobachtungsposten. Die Obesier wurden völlig überrumpelt. Zu lange hatten sie geglaubt, dass ihre geheime Anlage niemandem bekannt war. Auch dass jemand mitten in Obesien eine stark gesicherte Festung angreifen könnte, lag weit außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Deshalb dauerte es trotz ihrer gründlichen militärischen Ausbildung viel zu lange bis sich endlich eine Gruppe von Soldaten formiert hatte, die den Shondo planvollen Widerstand entgegenzusetzen gedachte. Unterdessen hatten Unitor und Sestor bereits an der südwestlichen Ecke der Festung die Mauer zum Einsturz gebracht.

Wie aufgescheuchte Hühner rannten Soldaten der Geheimen Schar zu der teilweise eingestürzten Mauer, durch die nun die Angreifer vorrückten. Reihenweise wurden die Verteidiger von den Schnellladern niedergestreckt. Die Shondo fächerten sich auf und drangen weiter in das Innere des Stützpunkts ein. Eine größere Gruppe von Soldaten der Geheimen Schar hatte sich am Rande des Übungsplatzes gesammelt und stellte sich unter der Führung eines Centrons den Shondo entgegen. Der Angriff der Dschungelmenschen geriet dadurch ins Stocken. Die meisten Magazine ihrer Schnelllader waren mittlerweile leer. Einige Shondo warfen daraufhin die Waffen weg, anstatt die Magazine nachzuladen. Mit ihren Äxten stürzten sie sich auf die obesischen Soldaten. Wegen der Nahkämpfe hatten die nachrückenden Dschungelmenschen kein freies Schussfeld mehr, und so erlitten die Angreifer erste Verluste.

Aus dem nördlichen Bereich der Festung kam eine obesische Reiterschar über den großen Übungsplatz herangeprescht. Zur gleichen Zeit näherten sich von der anderen Seite zwei Hundertschaften von Fußsoldaten mit Speeren. Uggx teilte die ihm verbliebene Gruppe von fünfundzwanzig Männern auf und befahl, beide herannahenden Einheiten unter Beschuss zu nehmen.

Unitor und Sestor standen etwas abseits und waren gerade im Begriff, einen Seitentrakt des Verwaltungsgebäudes zum Einsturz zu bringen. Da gewahrte Unitor drei Schatten an der sonnenbeschienenen Fassade. Die Personen selbst konnte er zunächst nicht erkennen, weil sie die Deckung eines Gebäudes ausnutzten. Dann sprangen die drei Personen aus ihrer Deckung heraus. Unitor ließ den Schnelllader sinken und schrie ihnen zu: „Quintora, hier herüber!“

Durch den Schrei war auch Sestor auf die drei Mithrier aufmerksam geworden. Zwei Obesier, die mit erhobenen Schwertern den Flüchtenden nachsetzten, mähte er mit seinem Schnelllader nieder. In diesem Augenblick stürzte der gesamte Seitentrakt des Verwaltungsgebäudes mit einem donnernden Grollen in sich zusammen. Eine riesige Staubwolke breitete sich schnell aus und verhüllte Teile des Kampfgeschehens. Einige Reiter konnten der sich wie eine Springflut auf den Übungsplatz ergießenden Schuttlawine nicht mehr ausweichen und wurden mitsamt ihren Pferden unter den Trümmern begraben.

Quintora hatte die gesamte Situation blitzartig erfasst. Sie eilte mit ihren beiden Begleitern auf Unitor und Sestor zu, während sie rief: „Ihr könnt euch zurückziehen! Schnell! Es ist alles geklärt!“

„Rückzug!“ brüllten Unitor und Sestor wie aus einem Munde. Quintora und die beiden Mithrier rannten an ihnen vorbei durch die Bresche in der Mauer auf den Gitterzaun zu.

Crandin gab Uggx ein Zeichen, der daraufhin mit seiner dröhnenden Stimme ebenfalls einen Rückzugsbefehl schrie. Ugudag stand immer noch mitten im Kampfgetümmel wie ein Turm und warf mit Obesiern um sich, um einigen stark bedrängten Shondo Luft zu verschaffen.

Unitor und Sestor konzentrierten sich auf einen Vorratsspeicher, der auf Steinsäulen errichtet war. Nachdem sie mit ihren „vernichtenden Blicken“ vier Säulen aufgelöst hatten, fiel auch dieses Gebäude krachend in sich zusammen und blockierte den Durchgang für die nachrückenden Fußtruppen. 

Ugudag und die acht Shondo, die den Nahkampf überlebt hatten, zogen sich durch die Mauerlücke zurück. Unitor und Sestor folgten ihnen eilig. Uggx hatte sich mit sechs seiner Männer mitten in dem Landstreifen zwischen der Mauer und dem Gitterzaun aufgestellt, um den Rückzug seiner restlichen Gefolgsleute zu decken. Als die Obesier in der Mauerlücke erschienen, um die Verfolgung aufzunehmen, wurden sie von Uggx und den sechs Shondo mit Schnellladern unter Beschuss genommen bis die Mauerlücke mit Leichen verstopft war.

Dann trat auch der Schnorst von Oot mit seinen sechs Getreuen den endgültigen Rückzug an.

Hinter dem Gitterzaun wartete Kwaras Sanh mit den Pferden.

„Reite zurück nach Oot, wir sehen uns!“, rief Berion Uggx zu während er sich in den Sattel schwang. Diesmal irrte der Höchste Priester. Es war ihre letzte Begegnung.

Uggx und seine Shondo-Krieger galoppierten dem südöstlichen Rand der Obesischen Wüste entgegen. Alle anderen schlugen die Richtung nach Modonos ein. Sie hielten sich aber fernab der alten Heeresstraße, weil sie befürchteten, dass der Ducarion der Geheimen Schar sie durch einen Teil seiner Armee verfolgen lassen würde. 

Obwohl Berion und Wurluwux ihre Gefährten ständig zur Eile antrieben, konnten nun endlich auch die vier Mithrier aus dem kleinen Dorf Sanh ihrer Wiedersehensfreude freien Lauf lassen. Zwei Wochen dauerte ihr Ritt, der größtenteils durch unwegsames Gelände führte. Noch bevor die Weggenossen aber Modonos erreichten, trennten sich ihre Wege erneut.

„Ich gehe nach Modonos. Ich muss versuchen, endlich diesen verkommenen Saradur unschädlich zu machen“, erklärte Quintora und fügte mit einem Seitenblick auf Berion hinzu: „Auch wenn das vielleicht ein herber Verlust für den Priesterorden ist.“ 

Der Höchste Priester grinste und nickte der Eisgräfin aufmunternd zu. Dann wandte er sich an Unitor: „Unitor, du solltest mit Crandin und deinen Freunden aus Sanh nach Drinh reiten und deine Ansprüche auf das Fürstentum geltend machen. Der Norden braucht dich dort. Vielleicht sogar als Hüter der Flammen. Betrachte das als Wiedergutmachung.“ Erneut hatte der Höchste Priester geirrt.

Sestor und Ugudag entschlossen sich, Shrogotekh und Wurluwux nach Dirtos zu begleiten, um dort die Surdyrier in ihrem Freiheitskampf zu unterstützen.

Dann sahen alle Berion erwartungsvoll an. Der lächelte nunmehr müde und erklärte: „Ich habe den verschlossenen Eingang zum Tunnelsystem von Tulumath gesehen. Dort war ein roter Kreis aufgemalt. Ich werde nach Lumburia gehen, um jemanden zu trösten, der ein großes Spiel verloren hat.“

Nach zwei Irrtümern beging Berion auch noch einen Fehler. Ein einziger Fehler kann aber selbst für einen Unsterblichen zu viel sein.

Während der Wirren der Kämpfe in Tulumath hatte der Höchste Priester in seiner unerschütterlichen Ruhe die Zeit gefunden, einen roten Kreis an der Stelle aufzutragen, wo vormals ein weißer Kreis vorhanden war. Er hatte ihn mit Blut gezeichnet wie die alten, im „Buch der Vorzeit“ gesammelten Schriften es verlangten. Berion glaubte, den entscheidenden Sieg errungen zu haben. Das erwies sich als sein dritter und entscheidender Irrtum. 





Kapitel 7 – Neue Allianzen



Wie die strahlende Helligkeit der Sonne während des Tages, so begleitet das Licht der Gegenwart den Menschen auf seinem Weg, an dessen Ende die schwarze Nacht der Zukunft lauert. Vor jedem Schritt liegt die düstere Dämmerung des heraufziehenden Abends. Menschen treten in das Licht der Gegenwart und gehen gemeinsam ein Stück des Weges. Einige werfen Steine auf diesen Weg, andere helfen, Steine beiseite zu räumen. Viele Menschen verschwinden unterwegs plötzlich wieder in der Schwärze der Nacht. So ist auch der Weg der Völker, nur ungleich länger als der Weg des Einzelnen. Manchmal verbinden sich die Wege der Völker und laufen dann wieder auseinander. Aber auch am Ende dieser Wege steht das Tor der Zukunft, schwarz und dräuend. Erzählungen sind Erinnerungen, die das Licht der Gegenwart festhalten wollen. Aber Erinnerungen verblassen in der Dämmerung des vergangenen Morgens. Und die Vergangenheit selbst folgt Menschen und Völkern und deckt den dunklen Mantel des Vergessens über die bereits zurückgelegte Strecke des Weges.

Der Rektor von Dunculbur liebte die Schriften Selazidangs, des großen, sindrischen Gelehrten. Ihm war es völlig gleichgültig, dass Obesien und Sindra eine traditionelle Feindschaft verband. Ebenso gleichgültig waren ihm die Forschungen, die in seinem Monasterium betrieben wurden, das in Priesterkreisen hinter vorgehaltener Hand abwertend als „Kriegsmonasterium“ bezeichnet wurde. Er hatte das Amt in Dunculbur nur angenommen, weil es eine perfekte Tarnung darstellte, und weil hier vor vielen Jahren von fünf herausragenden Persönlichkeiten der „Geheime Bund von Dunculbur“ gegründet worden war. Wehmütig erinnerte sich der Rektor an die Tragik dieses Geheimbundes, der dem Wohle der Menschen dienen wollte, und dann unter dem verhängnisvollen Einfluß eines unscheinbaren Steins zu einer schrecklichen Bedrohung entartete.

Mit noch größerer Wehmut dachte er an den sehr ähnlichen Verlauf seines eigenen Leidensweges zurück. Lange schon bedrückte ihn eine Ahnung, die ihn letztlich nicht getrogen hatte. Aber er musste sich eingestehen, dass er sich dieser Erkenntnis erst mehrere Leichen zu spät geöffnet und dabei selbst der Warnung des Höchsten Priesters nicht die ihr angemessene Beachtung geschenkt hatte.

In einer ersten Gefühlsaufwallung wollte er den braunen Brief mit dem weißen Kreis zerknüllen. Aber dann besann er sich eines Besseren und legte ihn fein säuberlich auf den Stapel.

Wie zu befürchten stand, war er von seinem alten Weggefährten getäuscht worden. Es gab keine vom Geflecht der alten Wesenheiten angeordneten Vergeltungsakte. Damit hatten sich die schlimmsten Befürchtungen des alten Mannes bewahrheitet.

Der nächste Gang fiel ihm unendlich schwer, obwohl er nur aus ein paar Schritten bestand. Er holte die sonderbare Kristallstatue aus dem schmalen Schrank hinter seinem Lehnstuhl und trat damit ans Fenster. Die Blätter des riesigen Ölbaums rauschten im Wind. Es war ein friedliches, beruhigendes Rauschen, das es dem alten Mann erleichterte, seinen Geist in das Glas zu versenken. Auf den polierten Flächen des Objekts erschienen plötzlich verzerrte Bilder mehrerer Morde. Das gleichförmige Rauschen schien jäh ungestüm zu werden und zu einem Sturm anzuschwellen. Dann verblassten die Bilder, und erneut war nur noch ein sanftes Rascheln zu hören.

Mit einem heiseren Schrei stieg eine Krähe aus dem Baum auf.

Der alte Mann stellte das gläserne Gebilde in den Schrank zurück. Er hatte wohl soeben sein letztes Todesurteil verhängt. Dieses Mal aber nicht über einen vermeintlichen Feind, sondern über einen vermeintlichen Freund. Und zum ersten Mal hatte er einem Opfer nicht die Gunst der Warnung gewährt. Kein weißer Kreis. 

Die Krähe war rabenschwarz.

*

 

Bei der Akademie von Modonos handelte es sich um ein weitläufiges Konglomerat von vielen einzelnen Gebäuden völlig unterschiedlicher Größen und Formen. Dadurch unterschied sie sich auffallend von sämtlichen anderen Bauwerken in der obesischen Hauptstadt, wenngleich auch sie aus dem gleichen Material, einem braunen Gestein, bestand. Alle Gebäude der Akademie waren auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden. Am südöstlichen Rand des Gebäudekomplexes gab es einen Rundbau, der die Bezeichnung „Der Innere Zirkel“ trug. Sein Name hatte nichts mit seiner Lage zu tun, sondern mit seiner Bestimmung. Das Recht seiner Benutzung war ausschließlich dem „Inneren Zirkel“ der Priester des Wissens vorbehalten, einer Führungselite, zu der außer dem Höchsten Priester und seinem Stellvertreter alle Rektoren der Inneren und Äußeren Monasterien gehörten. Als sichtbares Zeichen ihrer Stellung trugen die Mitglieder des Inneren Zirkels einen roten Kreis auf ihrem Ornat, das beim Höchsten Priester die Farbe weiß hatte, bei seinem Stellvertreter die Farbe schwarz und bei allen anderen Mitgliedern des Inneren Zirkels dunkelblau war.

Bei der Errichtung des Rundbaus hatte der Standesdünkel des Inneren Zirkels einen perfiden Höhepunkt erreicht und die Bauplanung durchdrungen. Konzentrisch nebeneinander angelegte Flure verbanden die Räume des „Allerheiligsten“. Nur die breiteren, luxuriös ausgestatteten Flure durften von den Mitgliedern des Inneren Zirkels und den von ihnen ausgewählten Gästen benutzt werden. Die parallel hinter Trennwänden verlaufenden, schmalen und schlichten Korridore waren dagegen für die Hilfskräfte und das Bedienungspersonal vorgesehen. Gerechtfertigt wurde diese Ausgrenzung mit dem Anspruch, dass die Elite der Priester vor unbefugten Augen und Ohren geschützt werden sollte.

Nun ist es aber gerade die Eitelkeit, die bisweilen das nüchterne Denken und einen wirksamen Selbstschutz zu Grabe trägt. Quintora hatte sich köstlich über diese Fehlplanung amüsiert und sie rigoros ausgenutzt. Sie konnte sich als akademische Hilfskraft völlig ungestört in den Zweitkorridoren bewegen. Zwar vermochte sie nicht zu hören, was auf den Hauptgängen gesprochen wurde; aber am Ende der Flure befanden sich Türen zu den Besprechungsräumen, um die Bedienung der Zirkelmitglieder durch Hilfskräfte zu ermöglichen. Und die wichtigen Besprechungen fanden naturgemäß in diesen Räumen statt und nicht in den Korridoren.

Quintora hatte sich aus den Lagerräumen der wissenschaftlichen Apparaturen ein Hörrohr besorgt. An eine Tür gepresst konnte man damit auch leise geführte Gespräche in dem dahinter gelegenen Raum unschwer belauschen.

In den Monasterien der Priester des Wissens gab es keinerlei Anwesenheitspflichten. Im Gegenteil entsprach es den allgemeinen Gepflogenheiten, dass sich Priester im Rahmen ihrer Studien und Forschungsprojekte häufig an unterschiedlichen Orten aufhielten. Irgendwelcher Kontrollen bedurfte es auch deshalb nicht, weil die Priester von Natur aus äußerst wissbegierig und strebsam waren. In den Monasterien fanden sie ideale Bedingungen vor, die von den wissenschaftlichen Einrichtungen und Materialien bis hin zur unentgeltlichen Verköstigung reichten. Da das Gleiche für wissenschaftliche Hilfskräfte anderer Rassen und Länder galt, war die lange Abwesenheit Quintoras nicht aufgefallen.

Gleich nach ihrer Ankunft in Modonos hatte sie wieder damit begonnen, Saradur engmaschig zu überwachen. Bereits am zweiten Tag nach ihrer Rückkehr beobachtete sie, wie der Ordenssprecher an der Schwelle zum Zirkelbau mit zwei höchst interessanten Personen zusammentraf. Bei der einen handelte es sich um Zubarak, den Ducarion der Garde von Modonos und zweitwichtigsten Mann im Kriegsrat, aber die Anwesenheit der anderen Person erschien Quintora noch weitaus bemerkenswerter. Es war nämlich niemand anderes als einer ihrer Weggefährten auf der letzten Etappe der gerade zu Ende gegangenen Reise: Crandin. Dies kam ihr in höchstem Maße verdächtig vor, weil sie über das Zusammentreffen nicht unterrichtet worden war, obgleich Crandin wusste, dass sie sich in der Akademie aufhielt, um Saradur auszuspionieren.

Quintora kannte inzwischen die Gewohnheiten des Ordenssprechers. Sie eilte auf dem entsprechenden Parallelgang zu dem Konferenzzimmer voraus, das Saradur für derartige Anlässe zu benutzen pflegte. Atemlos vor Spannung presste sie ihr Hörrohr an die Tür der Bediensteten und konnte kaum erwarten bis die Unterredung begann. Das Herz schlug ihr bis zum Hals noch ehe sie endlich das Geräusch der benachbarten Tür zum Hauptgang vernahm. Dumpf fiel diese ins Schloss.

 Dann erklang auch schon Saradurs Stimme: „Der Bote, den ich Ihnen geschickt habe, hat mir gesagt, dass Sie sich in Begleitung des Eisgrafen Unitor befinden.“

Crandin: „Warum haben Sie mich hierher gerufen?“

Saradur: „Sie stehen auf der falschen Seite.“

Crandin (lachend): „Sie haben ein erstaunliches Selbstvertrauen für einen Mann, der gerade zwei entscheidende Schlachten verloren hat. Aber wie kommen Sie darauf, dass ich auf einer Seite stehe?“

Zubarak: „Sie haben geholfen, die Gute Mutter von Tulumath zu töten.“

Saradur: „Und Ihre Mutter hat die Schatten der Pylax wiedererweckt und damit diesen Größenwahnsinnigen von Sindra entfesselt.“

Crandin: „Sie können mich nicht dafür verantwortlich machen, was Baradia tut. Sind Sie wirklich so verzweifelt, dass Sie sich jetzt an mich wenden? Was hätten Sie mir schon zu bieten? Die Spiele alter Männer interessieren mich nicht.“

Saradur: „Lumburia ist anscheinend unangreifbar, aber jetzt gehört uns auch noch der Norden. Die Schattenarmee ist nur eine Laune des Schicksals, und Gylbax eine unbedeutende Randnotiz der Geschichte. Glauben Sie mir: Er wird vernichtet werden, und seine Schattenarmee wird dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen ist.“

Crandin: „Der Norden gehört euch noch lange nicht. Sie vergessen Octora und die Zogh. Und ich werde Unitor zurückbringen. Sie können mich nicht daran hindern.“

Saradur: „Ich will Sie ja gar nicht daran hindern. Unitor wird dort schon sehnsüchtig erwartet. Aber, Crandin, Sie sollten ernsthaft über mein Angebot nachdenken. Berion darf nicht getötet werden, Sie schon.“

Crandin: „Soll das eine Drohung sein?“

Saradur: „Ich würde Sie nie bedrohen, weil ich weiß, dass Sie sich früher oder später für unsere Seite entscheiden werden. Auch ich distanziere mich von dem Spiel der alten Männer, wie Sie das nennen. Ich stehe für einen Neuanfang. Und Sie halte ich für den wahren Hoffnungsträger des Ordens. Ich biete Ihnen Lumburia. Die Lumburier sind besiegbar, wenn auch nicht mit Gewalt. „Freundschaft“ heißt das Zaubermittel. In Lumburia liegt der Schlüssel des Kontinents und alles, was für Sie schon immer wichtig war.“

Crandin: „Was denn? Etwa das da? Ich paktiere nicht mit Parasiten.“

Zubarak: „Nach allem was ich von Ihnen gehört habe, bin ich davon ausgegangen, dass Sie Respekt haben vor andersartigen Lebensformen.“

Crandin: „Da haben Sie völlig recht. Aber Parasiten sind eine minderwertige Lebensform, vor allem wenn sie bestrebt sind, ganze Völker geistig zu versklaven. Nachdem das Ungeheuer von Tulumath vernichtet wurde, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis Ihre Art ausstirbt.“

Zubarak: „Für mich ist diese Besprechung beendet. Ich werde …“

Crandin: „Sie werden garnichts …“

Plötzlich gab es einen derart lauten Tumult im Konferenzraum, dass Quintora das Hörrohr von ihrem Ohr wegreißen musste, um eine Beschädigung des Trommelfells zu vermeiden. Der Lärm dauerte aber nur kurz an und ebbte dann schlagartig ab. Daher hielt Quintora erneut das Hörrohr an die Tür. Zuerst konnte sie nur Saradurs schweres Schnaufen vernehmen. Dann hechelte er: „Das hätten Sie nicht tun sollen.“

Quintora atmete auf. Nach dem Verlauf des Gesprächs musste sie nicht befürchten, entdeckt zu werden. Aber der Inhalt dieser Unterredung war ihr in weiten Teilen ein Rätsel. Sie wollte schon weggehen, als Zubaraks Stimme erklang: „Wo bin ich hier?“

Crandin: „Bringen Sie ihn hier raus. Wenn die Mon’ghale aus dem Spiel bleiben, können wir vielleicht doch noch zusammenfinden.“

Saradur: „Aber ich brauche die Mon’ghale. Gerade im Norden.“

Crandin: „Überlegen Sie es sich. Ich bin sicher, dass wir gerade im Norden keine Mon’ghale gebrauchen können.“

Dann trat nachdenkliche Stille ein. 

Nach einer Weile meldete sich Zubarak zu Wort: „Würden Sie mir jetzt endlich erklären, wo ich hier bin?“

Saradur: „Ich denke darüber nach.“

Zubarak: „Wieso? Wissen Sie auch nicht, wo wir sind?“

Aber Saradurs Worte hatten natürlich Crandin gegolten. Die Schritte der drei Männer entfernten sich. Sie ließen einen toten Mon’ghal und eine völlig verstörte Eisgräfin zurück.

*

Die Königin von Zogh schloss zu Dryd Regytak auf. Er befand sich an der Spitze eines Zuges von fünfzig Reitern, der sich durch die Schneise von Delamunth nach Westen schlängelte. Bei Dryd Regytak handelte es sich um den jüngsten der zehn Getreuen. Arthania hatte ihn ganz bewusst für diese Mission ausgewählt. Von allen Getreuen verehrte er die Königin am meisten, obwohl er noch nicht geboren war, als sie auf den Schild gehoben wurde. Sein Verhalten ihr gegenüber entsprach dem eines dankbaren Sohnes zu einer vorbildlichen Mutter.

Die Königin galt als die Beschützerin von Zogh. Dryd Regytak sah in ihr die Beschützerin des gesamten Nordens. Im Laufe der Zeit hatte sich diese Sichtweise schließlich auch bei den anderen Getreuen durchgesetzt. Nur Arthania selbst hatte sich lange gegen diesen Anspruch gewehrt. Erst als der Marschall von Sandammon nächtelang der Königin zuredete, in der Stunde der Not für das Amt der Hüterin zu kandidieren, zeigte sich, dass ein steter Tropfen den Stein höhlt. Arthania hatte schließlich nachgegeben, obgleich noch nie eine Frau dieses Amt bekleidete. Im Nachhinein musste sie erkennen, dass ihre Kandidatur ein Fehler gewesen war, vielleicht nicht in der Sache selbst, aber gewiss im Hinblick auf ihr persönliches Ansehen.

Nach ihrer Abstimmungsniederlage hatten der Marschall und Dryd Regytak mit der gleichen Hartnäckigkeit versucht, sie von der Richtigkeit ihrer vorausgegangenen Handlungsweise zu überzeugen, wie sie zuvor versucht hatten, sie zu der Kandidatur zu bewegen. Und sie hatten wiederum Erfolg. Die Königin war jetzt bereit, sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Arthania sperrte sich entschlossen dagegen, nochmals selbst das Hüteramt anzustreben. Mit derselben Inbrunst hatte sie aber gleichzeitig beschlossen, Zallux zu Drinh aus diesem Amt zu verjagen. Und sie würde das nicht mit Gewalt tun, sondern den dornenreichen Weg beschreiten, den die Gesetze der Vereinten Nordlande vorsahen. Dazu brauchte sie Verbündete. Sie hatte Dryd Regytak nicht mitgenommen, weil er ihr am besten bei ihrem Vorhaben helfen konnte. Vielmehr erschien es ihr wichtig, gerade ihm, der die Zukunft von Zogh maßgeblich mitgestalten würde, ein gutes Beispiel zu geben.

Vor der Königin hatte bereits Dryd Nobbeth mit seiner hundertköpfigen Standarte die Schneise von Delamunth durchquert. Er hatte den Auftrag, nach Tredon zu reiten und die zweitausend Zogh-Krieger zurückzuholen, die Arthania ihrer Tochter ausgeliehen hatte. Später würden der Rest des königlichen Heeres und ein Teil der Armee des Marschalls sich Arthania in Mithrien anschließen.

Jetzt aber ritten die Königin und Dryd Regytak mit der Hälfte der Grünen Standarte nach Sokut. 

Dryd Nobbeth wähnte sich auf dem Weg nach Tredon, aber er würde nach Groch weiterreiten müssen, um seinen Auftrag zu erfüllen, einen schicksalhaften Auftrag, der vieles verändern würde.

In den Chroniken von Mithrien, die in der Harlang-Bibliothek des Quaralpalasts aufbewahrt wurden, war die Bergfeste von Sokut als erste Burganlage der Nordlande erwähnt. Die Fürsten zu Sokut nannten sie deshalb stolz „die Wiege der Geschlechter“, während sie im Volksmund schlicht als „die Felsennester“ bezeichnet wurde.

Die Burganlage erstreckte sich über zwei bewaldete Bergrücken, zwischen denen eine tiefe Schlucht gähnte. Eine breite Steinbrücke mit einem hölzernen Mittelsteg, der bei Bedarf hochgezogen werden konnte, überspannte die Schlucht und verband die beiden Teile der Burg. Nur ein einziger Weg führte steil bergauf zum Eingangstor der Vorderburg, das ebenfalls durch eine Zugbrücke zusätzlich gesichert war. Arthania stand allein an der jenseitigen, steil abfallenden Felswand. Ihre Eskorte hatte sie angewiesen, zweihundert Schritte entfernt auf der gerodeten Bergkuppe vor der Burg zu warten.

Mit sorgenvoller Miene befahl Horgat zu Sokut, die Brückenklappe herunterzulassen. Ihm war bewusst, dass seine achtzig Ritter nicht in der Lage sein würden, gegen fünfzig Zogh die Burg zu halten, wenn die Grauhäute erst einmal die Anlage betreten hatten.

Aber Arthania kannte solche Bedenken und ritt deshalb allein über die Zugbrücke. Nachdem sie den Innenhof erreicht hatte, winkte sie Fürst Horgat zu und rief: „Ihr könnt die Brücke jetzt wieder hochziehen.“

„Und was ist mit Euren Leuten?“, fragte der Fürst höflich.

„Sie werden dort drüben warten“, antwortete die Königin. „Ich muss eine wichtige Angelegenheit mit Euch besprechen und ich möchte nicht, dass Ihr Euch bedroht fühlt und vielleicht denkt, nicht frei entscheiden zu können. Außerdem wird mein Besuch ohnehin nicht lange dauern.“

„Ich treffe stets die Entscheidungen, die ich für richtig halte, auch wenn sie sich leider manchmal hinterher als falsch herausstellen“, lächelte Horgat und spielte damit auf das letzte Elektral an. „Die Brücke bleibt unten. Euer Gefolge ist in meiner Burg willkommen.“

„Ich bedanke mich für Eure Gastfreundschaft“, erwiderte Arthania. „Aber ich kann wirklich nur ein kurzes Gespräch mit Euch führen und muss danach gleich weiterreiten.“ Echtes Bedauern schwang in ihrer Stimme mit. Sie schätzte Fürst Horgat als aufrichtigen und geradlinigen Mann. Aber mit ihren Gedanken und ihrem Herzen befand sie sich schon bei ihrem nächsten Reiseziel, das leider noch sehr weit entfernt war.

Der mithrische Fürst geleitete die Königin von Zogh in den Empfangssaal des vorderen Burgteils, wo er sich um eilige Besucher zu kümmern pflegte, die nicht die Absicht hatten, längere Zeit in der „Wiege der Geschlechter“ zu verweilen.

Als sie allein waren, sagte Arthania: „Horgat, ich bin nicht hier, um Eure Wahl zu kritisieren. Aber Ihr habt sicher gehört, dass Zallux den Eisgrafen Unitor ermordet hat.“

„Ja, das habe ich gehört“, bestätigte Horgat. „Aber ich habe auch gehört, dass Unitor wieder am Leben sein soll, was immer das bedeutet.“

„Wie kann ein Toter wieder zum Leben erwachen?“, fragte Arthania verblüfft.

„Man sagt, die Priester des Wissens in Oot hätten das getan“, erwiderte der Fürst.

Arthania musterte ihn und ahnte, dass die Nachricht aus einer sicheren Quelle stammte.

„Wisst ihr das von Eurer Tochter?“, sprach sie ihre Vermutung aus.

Horgat nickte: „Quintora hat ihn gesehen. Sie hat mir einen Boten geschickt.“

Nach einer kurzen Pause erklärte Arthania: „Wenn das stimmt, ist meine Mission noch wichtiger als ich dachte. Ich brauche fünf Stimmen, um ein Elektral einzuberufen.“

Der Fürst von Sokut lehnte sich zurück und verzog wissend das Gesicht: „Ich bin die erste Station auf Eurem Weg.“

„Es geht nicht darum, dass ich mir den langen Weg nach Gatya ersparen will“, stellte die Königin klar. „Mir ist es wichtig, dass die Fürsten Mithriens hinter meinem Begehren stehen. Und ich möchte auch einen Mithrier im Flammensaal.“

Die blauen Augen unter den buschigen, weißen Brauen schienen in Arthania hineinsehen zu wollen. Als sie genug gesehen hatten, zupfte Horgat nervös an seinem weißen Bart: „Ihr habt an mich gedacht, nicht wahr? Aber ich will meinen Besitz hier nicht verlieren. Ich habe schon meine einzige Tochter für den Norden hergeben müssen.“

Arthania ließ diesen Einwand nicht gelten: „Auch ich habe meine einzige Tochter für den Norden hergeben müssen.“

Der Fürst beugte sich vor. Auf seiner Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet: „Ich will genausowenig wie Ihr einen Mörder und Betrüger auf dem Flammenthron, auch wenn der Mordanschlag vielleicht fehlgeschlagen ist. Schließen wir also einen Kuhhandel ab: Ich unterstütze Euer Gesuch, aber Ihr lasst mich als Wahlvorschlag aus dem Spiel. Überredet Taldin zu Marandia, wenn Ihr unbedingt einen Mithrier haben wollt. Denn nach Drinh könnt Ihr ja wohl kaum gehen.“

Das freundliche Gesicht der Königin war plötzlich steinhart geworden: „Ich werde auch nach Drinh gehen.“

Mit einem Mal wurde Horgat zu Sokut klar, warum die Tradition der kriegerischen Zogh verlangte, dass sie von einer Königin angeführt wurden.

*

Zwei Stunden hatte Senesia Sida in ihrer Überheblichkeit den Mann aus Lauros warten lassen. Es waren genau die beiden Stunden, die ihr am Ende fehlten.

„Was will Phylgor schon wieder?“, fragte sie den unscheinbaren Surdyrier ungehalten, nachdem sie sich endlich bequemt hatte, ihn zu empfangen.

„Er hat mich beauftragt, Ihnen auszurichten, dass Hochkönig Gylbax mit einem großen Heer und mehreren hundert Pylax in Surdyrien einmarschiert ist“, berichtete der Abgesandte des Mannes, der die Geldhäuser der reichsten Frau im Nachbarland leitete.

Senesia Sida sah den Boten erschrocken an: „Wieso in Surdyrien?“ Aber auf diese Frage konnte der Mann keine Antwort geben.

Gylbax blockierte mit seinen Kriegsschiffen seit Tagen den Hafen von Lumbur-Seyth. Bisher gab es hierfür keine Erklärung. Senesia Sida hatte von vornherein in Betracht gezogen, dass dies Teil eines gigantischen Eroberungsfeldzuges war. Aber dessen eigentliches Ziel hatte sie stets in Obesien vermutet. Nun dämmerte ihr plötzlich, dass es sich dabei nicht nur um einen Eroberungsfeldzug, sondern zum Teil auch um einen Rachefeldzug handeln könnte. Wie konnte es auch anders sein? Diese verfluchte Baradia hatte dem größenwahnsinnigen Hochkönig die für ein solches Vorhaben nötige Waffe in die Hände gespielt. Und mit Sicherheit hatte diese Schlange aus Oot die günstige Gelegenheit genutzt, sich mit ihm zu verbünden. Senesia musste sich eingestehen, dass sie selbst nicht anders gehandelt hätte. Obesien war die falsche Wahl gewesen. An der Pforte von Pleeth hatte sie bereits den Kampf auf Leben und Tod gegen die verhasste Halbschwester verloren.

Einen Moment lang dachte die Kauffrau über eine kaufmännische Lösung nach. Der Hochkönig hatte es auf ihre Minen und ihr Vermögen abgesehen. Wieso sollte er jedoch verhandeln, wenn er jetzt die Mittel hatte, sich einfach zu nehmen was er wollte? Außerdem war er unberechenbar und zutiefst verletzt. Senesia Sida verwarf den Gedanken an eine kaufmännische Lösung und entschloss sich zur Flucht. Sie schickte nach Ekog, ihrem Shondo-Leibwächter. An seiner Seite verließ sie nur mit einer kleinen Tasche das herrschaftliche Anwesen durch einen versteckten Hinterausgang. Ein schmaler, gewundener Pfad führte durch den künstlich angelegten, kleinen Wald, der fast bis zur Strandpromenade am Ufer des Lumbur-Stroms reichte. Dort lag stets ein kleines Schiff vor Anker, das ständig zum Auslaufen bereitgehalten wurde. Es verfügte über zwei komplette Besatzungen, die im Wechsel ihren Bereitschaftsdienst verrichteten. Üblicherweise war es allerdings für unaufschiebbare Geschäftsfahrten vorgesehen. Senesia Sida hatte nie daran gedacht, dass sie es einmal für eine überstürzte Flucht benötigen könnte.

Am Rande des künstlichen Waldes hielt Ekog seine Herrin zurück und beobachtete eine kurze Weile das Treiben auf der Strandpromenade. Alles lief dort in der gewohnten Art und Weise ab. Abgesehen von der Seeblockade hatten die Wirren des kontinentalen Krieges Lumbur Seyth noch nicht erreicht. Die Kutschen und Spaziergänger auf der Promenade bewegten sich im Gegensatz zur Hektik innerhalb der Stadt mit der ihnen hier eigenen Gemächlichkeit. Ekog nickte Senesia Sida zu, dann überquerten sie gemeinsam die breite Prachtstraße. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine schmale Steintreppe, die hinunter zur Anlegestelle am Ufer des Lumbur führte.

An Bord des Schiffs war keine Bewegung zu erkennen. Dies erschien aber auch nicht weiter verwunderlich. Vermutlich dösten die Besatzungsmitglieder an Deck und genossen die angenehm wärmenden Sonnenstrahlen des frühen Nachmittags. Ekog stieg die Leiter hoch und half seiner Herrin an Bord. Senesia Sida atmete auf. Aber dann durchzuckte sie ein Schreck. Nirgendwo an Deck war jemand zu sehen. Sie eilte zur Kapitänskajüte. Auch der Shondo hatte Verdacht geschöpft. Er zog sein großes Beil aus dem Gürtel und folgte der Kauffrau.

Der Kapitän lag in seiner Hängematte.

„Wachen Sie auf!“, rief Senesia Sida empört. „Wir müssen sofort weg von hier.“

Der Kapitän rührte sich nicht. Ein dumpfer Knall ließ Senesia Sida herumfahren. Auf den Planken vor der Kajüte lag Ekog. Das Beil war seiner Hand entglitten. Blut sickerte aus einer Halswunde. Senesia Sida verspürte einen Lufthauch an ihrer rechten Seite. Als sie sich erneut umdrehte sah sie in ein scharf geschnittenes Gesicht mit schwarzen Augen und einer auffällig gebogenen Nase.

„Die Flucht ist zu Ende“, erklärte der Pylax leidenschaftslos. „Sie werden gemeinsam mit mir hier in Lumbur-Seyth auf den Hochkönig von Sindra warten. Ich befürchte, dass das für Sie zu einer höchst unerfreulichen Begegnung wird.“

Gylbax war der letzte Mensch, den Senesia Sida zu sehen wünschte. Der Hochkönig hatte die Absicht, ihr genau diesen Wunsch zu erfüllen.

 

*

 

Als die Obesier Schaddochs gesamte Familie getötet und ihn gejagt hatten, empfand er das schreckliche Gefühl der Todesangst. Danach war er hart geworden und hatte niemals wieder Angst verspürt. Er hatte jeden Kampf angenommen in der sicheren Erwartung, ihn zu gewinnen.

Nun erlebte er zum zweiten Mal, dass sich diese fürchterliche Angst langsam durch seine Eingeweide fraß, als jene kalten Augen auf ihm ruhten, schwarz wie ausgeglühte Kohlen. Jetzt hatte er tatsächlich das Gefühl, dem Tod ins Auge zu sehen.

Neben Schaddoch standen Shrogotekh und Wurluwux, seine treuen, in vielen Auseinandersetzungen erprobten Gefährten, die ihm schon ein manches Mal in den schwierigsten Situationen beigestanden hatten. Und im Hintergrund saß dieser Mann mit seiner besonderen Fähigkeit, die ihn fast unbesiegbar machte. Die schwarzen Haare hingen ihm ins Gesicht. Lässig hatte er die Beine auf den Schreibtisch gelegt. Er jedenfalls schien keine Furcht zu spüren. Aber Schaddoch wusste, dass sie alle vier zusammen nichts gegen den Gesandten ausrichten konnten, der ihn fixierte wie eine giftige Spinne ihr gelähmtes Opfer.

Durat o Gongos hatte es persönlich übernommen, die Botschaft seines Hochkönigs in die Residenz von Dirtos zu übermitteln. Baron Schaddoch wohnte vorübergehend in diesem ehemaligen Schloss seiner Vorfahren. Von hier aus hatte die surdyrische Schattenregierung ungezählte Jahre die Befehle der Obesier ausgeführt. Nun hatte sich ihr erbittertster Feind angeschickt, die Verwaltung des von ihm befreiten Landes zu organisieren bis eine funktionierende Selbstverwaltung des Volkes eingerichtet sein würde. Aber jetzt schien es, dass diese Bestrebungen zum Scheitern verurteilt waren.

„Gylbax XII., jüngster Spross des göttlichen Geschlechts derer von Zitaxon, Hochkönig von Sindra, Beschützer der Freiheit und aller Völker, lässt Ihnen, Baron Schaddoch, die große Ehre zuteilwerden, in dem vom obesischen Joch befreiten Staat von Surdyrien die Stellung des Verwalters zu übernehmen“, deklamierte der Pylax.

Schaddochs verkrampfter Gesichtsausdruck zeigte allzu deutlich, was er von dieser „Ehre“ hielt. Mühsam unterdrückte er seine Wut, die inzwischen die Angst verdrängt hatte.

„Ich brauche Bedenkzeit“, stieß er hervor. „Wir sind in einem Land, in dem erst einmal die Verhältnisse völlig neu geordnet werden müssen.“

„Gerade deshalb ist der Hochkönig auf Ihre Hilfe angewiesen“, stellte der Pylax sachlich fest. „Ich hoffe, Sie treffen die richtige Entscheidung. Ich gebe Ihnen einen Tag Bedenkzeit. Morgen um die gleiche Zeit werde ich wieder hier sein. Bis dahin muss eine Entscheidung gefallen sein. Falls Sie glauben, aus irgendwelchen Gründen diese wichtige Verantwortung nicht selbst übernehmen zu können, dürfen Sie eine geeignete Person bestimmen, die das an Ihrer Stelle tut. Alles andere wäre aber nicht akzeptabel. Das ist der Wille des Hochkönigs, Seiner Hohen Majestät Gylbax XII.“

Damit wandte sich der „Königliche Verweser des Alten Reiches von Yacudac“ zur Tür und verließ das Arbeitszimmer des Barons. Schaddoch wusste natürlich genau, was der Hochkönig und sein oberster Pylax unter „nicht akzeptabel“ verstanden. Jetzt ließ er seinem Zorn freien Lauf. Er schlug wütend mit der Faust auf die Tischplatte, dass Shrogotekh und Wurluwux unwillkürlich zusammenzuckten, während Sestor nur eine Braue hob.

„Ich werde nicht zulassen, dass eine Fremdherrschaft durch eine andere ersetzt wird. Ich habe nicht einen jahrelangen Freiheitskampf geführt, um jetzt Surdyrien diesem Irren zu übergeben“, tobte der Baron.

„Er hat mit der Hälfte seiner Schattenarmee die zwei größten Heere der Obesier massakriert. Jetzt zieht er mit zehntausend Soldaten und achthundert Pylax durch unser Land. Wir haben ihm absolut nichts entgegenzusetzen“, mahnte Wurluwux. „Du wirst wohl oder übel erst einmal sein Angebot annehmen müssen.“

„Das werde ich nicht tun“, lehnte Schaddoch kategorisch ab. „Ich werde nach Groch fliehen und Octora bitten, uns zu helfen.“

„Gegen die Schattenarmee ist auch Octora machtlos“, warf Sestor ein. „Ich befürchte, dass Gylbax sich ohnehin gegen sie wenden wird. Warum sollte er sonst mit zehntausend Soldaten und der gesamten Schattenarmee in Surdyrien einmarschiert sein? Für dieses Land hätten zehn Pylax genügt. Entweder will er gegen die Nordlande ziehen oder gegen Obesien, oder – was ich leider glaube – gegen beide. Ich gehe zu Duotora nach Sindra. Sie ist vielleicht die Einzige, die diesen Wahnsinn beenden kann.“

„Wir können nicht alles aufgeben“, schimpfte Shrogotekh und warf zornig seinen verbeulten Lederhut auf den Tisch. „Wir brauchen jemand, der weiß, was hier vorgeht und zumindest ein klein wenig Einfluss auf den Gang der Dinge nehmen kann. Ich werde hierbleiben. Wenn keiner von uns dazu bereit wäre, würde Gylbax uns sowieso alle töten.“

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Der riesige Ureinwohner stürzte herein und brüllte mit seiner dröhnenden Stimme: „Wo ist dieses dreckige Gespenst?“

Wurluwux sah ihn mit einem schiefen Grinsen an: „Deswegen hatte ich dich weggeschickt. Du hättest uns alle umgebracht. Glaubst du vielleicht, dass du achthundert Pylax allein aufhalten kannst?“

Ugudag beruhigte sich sofort. 

Schaddoch sah ihn an: „Du solltest entweder zurück nach Lumburia gehen oder mit mir nach Groch.“

„Ich muss meine Leute warnen“, meinte Ugudag nachdenklich. „Für den Fall, dass Gylbax auf die Idee kommt, unsere Grenze zu verletzen.“

„Und was wirst du tun?“ fragte Schaddoch, an Wurluwux gewandt.

„Ich werde Shrogotekh Gesellschaft leisten. Ein Verwalter kann schließlich nicht alles alleine machen. Er braucht einen Helfer, vor dem die Pylax und der Großkönig erzittern.“

Der müde Scherz nötigte Schaddoch nicht einmal ein Lächeln ab. Obgleich der kleine, vorsichtige Mann stets voller Überraschungen steckte, war er dennoch der Allerletzte, den sich Schaddoch als tollkühnen Helden vorstellen konnte. Das Lachen musste er später nachholen.

*

„Ich werde sterben“, flüsterte das Mädchen in der Alten Sprache.

Kwoxit u Dengo schüttelte den Kopf: „Das werde ich nicht zulassen.“

„Du kannst nichts dagegen tun“, erwiderte sie niedergeschlagen. Sie erinnerte sich daran, wie sie zum ersten Mal in einem Bett gelegen hatte und am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Jetzt würde sie alles dafür geben, wieder aufstehen zu können. Seit sie Modonos verlassen hatte, war sie jeden Tag ein ganz klein wenig schwächer geworden. Sie hatte es Baradia nicht gesagt. In Zitaxon, als Baradia sie erstochen hatte, hatte sie gehofft, dass nun endlich alles vorbei sei. Nach der Wiedererweckung war sie dann aber plötzlich wieder so stark wie in Modonos gewesen. Anschließend hatte jedoch alles wieder von vorne angefangen, und ihre Kraft versiegte zusehends. An diesem Morgen hatte sie nicht einmal mehr ihren Becher mit Wasser hochheben können. Baradia hatte daraufhin Kwoxit u Dengo gebeten, sie zu Bett zu bringen.

Der Pylax saß auf dem Bettrand und suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, Chrinodilh zu helfen. „Versuche dich daran zu erinnern, was in den feuchten Gängen anders war als danach“, insistierte er zum wiederholten Male. 

Chrinodilh dachte angestrengt nach. „Da war – Elith“, sagte sie zögernd. „Ich habe manchmal etwas von dem Elith abgekratzt und gegessen.“ Dann dämmerte es ihr schlagartig: „Auch in der Mischung, mit der Baradia euch und mich wiedererweckt hat, befand sich Elith.“

„Elith“, wiederholte der Pylax.

Chrinodilh wusste nicht, wann und wo sie diesen Namen gehört hatte. Aber sie wusste ja auch nicht, wieso sie die „Alte Sprache“ sprechen konnte.

„Das ist ein pulveriges, graues Erz“, fügte sie hinzu.

„Ich weiß was Elith ist“, entgegnete der Pylax. „Es gab mehrere Höhlen mit Elith-Adern in Yacudac. Eines Tages konnte mein Volk den Eingang nicht mehr finden. Hier im Paradies der Küste bewahrt Baradia Elith auf. Sie nennt es „Ilumit“. Der Aufbewahrungsort ist streng geheim, aber ich werde ihn finden.“

„Tu das nicht!“, flehte Chrinodilh.

Es war Berion selbst gewesen, der das Gerücht gestreut hatte, bei dem Paradies der Küste handele es sich um einen Altersruhesitz der Priester des Wissens. Das Ganze hatte sich letztlich als kluger Schachzug erwiesen. Es widersprach der wissbegierigen und tatendurstigen Natur der Priester, sich zurückzuziehen und geduldig auf ihr Lebensende zu warten. Daher mieden sie das Monasterium von Oot wie eine ansteckende Krankheit, zumal es sich an einem völlig abgelegenen Ort des Kontinents befand. Auf diese Weise hatte Berion es geschafft, zusammen mit seiner Tochter Baradia und einigen handverlesenen Priestern ohne Kenntnis des Inneren Zirkels das größte Forschungslabor der bekannten Welt aufzubauen und anschließend für seine eigenen Zwecke zu nutzen.

Als es ihm dann vermeintlich auch noch gelungen war, den Kampf gegen die Sterblichkeit zu gewinnen, verlor er das Interesse am Paradies der Küste und wandte sich anderen Aufgaben zu. Baradia hatte dagegen stets geahnt, dass der „Odem des Lebens“ nur einen Teilerfolg im Kampf gegen die Sterblichkeit darstellte, einem Kampf, den sie geradezu mit Besessenheit führte. Deshalb hatte sie nur allzu gerne die Herrschaft über das Monasterium von Oot übernommen. Auf diesem Weg hatte sie schließlich auch herausgefunden, dass es sich bei Ilumit um die außergewöhnlichste Substanz handelte, die es überhaupt gab. Und da sie glaubte, erst am Anfang eines Weges zu sein, der ewige Schönheit und absolute Unsterblichkeit verhieß, hütete sie ihren Vorrat an Ilumit wie ein Drache seinen gestohlenen Schatz.

Baradia blieb der Größenwahn und die Sprunghaftigkeit des Hochkönigs von Sindra nicht verborgen. Er schien jedoch der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der in der Lage und willens war, ihr eine dauerhafte Versorgung mit Ilumit zu gewährleisten.

Das Versteck ihres letzten Restes dieser Wundersubstanz hatte sie selbst vor ihrem Lieblingssohn Tillbar und ihrem Leibwächter Kwoxit u Dengo geheim gehalten. Das Ilumit lagerte in dem am besten bewachten Trakt des Hauptlabors. Selbstverständlich wusste auch die aus Shondo und Mivv bestehende Wachmannschaft davon nichts.

Vor seinem Tod vor mehr als dreitausend Jahren galt Kwoxit u Dengo als der genialste Feldherr der Pylax. Nur sein jugendliches Alter hatte bis dahin seinen Aufstieg zum Königlichen Verweser von Yacudac verhindert. Auch den Lumburiern, die zwei Schlachten hintereinander gegen die Pylax verloren hatten, waren die strategischen Fähigkeiten des jugendlichen Feldherrn nicht verborgen geblieben. Deshalb hatten sie im entscheidenden Kampf in einer keilförmigen Formation die Reihen der Pylax durchbrochen, sich auf Kwoxit u Dengo gestürzt und ihm den Schädel eingeschlagen, bevor die nachrückenden Pylax sie vertreiben konnten.

Die Ureinwohner kannten zwar die Prophezeiung von der Wiedergeburt der Schatten, aber sie glaubten nicht daran. Dennoch saß ihre Furcht vor dem jungen Feldherrn so tief, dass sie in seinem Fall sichergehen und verhindern wollten, dass er in einem etwaigen späteren Leben nochmals von seinen Talenten Gebrauch machen würde. Die Pylax verloren letztlich die Schlacht, aber sie schafften es, die Leiche ihres geliebten Anführers zu bergen und im Moor von Yacudac beizusetzen.

Nun zeigte sich, dass es nicht gelungen war, die Genialität des jungen Feldherrn vollends zu zerstören. Seine analytische Denkweise hatte ihm sofort gesagt, dass sich das Ilumit voraussichtlich am bestbewachten Ort des Monasteriums befinden würde. Er hatte sich daher ohne Umwege genau dorthin begeben.

Im Vorraum des eigentlichen Labors saßen zwei Shondo und zwei Mivv, jeweils Mann und Frau, die die Benutzer des Labors beim Verlassen der Räumlichkeiten überprüften.

Der Pylax wartete längere Zeit bis endlich sowohl die Eingangstür als auch die auf der gegenüberliegenden Seite befindliche Tür zum Labor gleichzeitig kurz geöffnet wurden. Sofort raste er mit der ihm eigenen Schnelligkeit unsichtbar für das Wachpersonal durch den Kontrollraum. Bereits einen Wimpernschlag später befand er sich im Labor und ging an dessen Rückwand hinter einem Tisch in Deckung. In dem großen Raum hielten sich nur wenige Priester des Wissens auf. Sie waren derart in ihre Studien und Experimente vertieft, dass auch sie Kwoxit u Dengo nicht bemerkten. 

Der Pylax konzentrierte sich auf die Tür in der rückwärtigen Wand. Von einem früheren Besuch dieser Räumlichkeiten mit Baradia wusste er, dass hinter dieser unverschlossenen Tür ein langgestreckter Lagerraum lag, wo die für alle Arten von Versuchen notwendigen Apparaturen und Materialien aufbewahrt wurden. Behände wie ein Wiesel huschte er zu der Tür, öffnete sie, schlüpfte hindurch und schloss sie wieder.

Vor ihm erstreckte sich nun eine ausgedehnte Halle. Auf hohen Regalen lagerten die unterschiedlichsten Geräte und Behältnisse. Kwoxit u Dengo hatte sich auf eine längere Suche eingestellt. Er beschloss, den etwas breiteren Mittelgang zunächst zu meiden, weil ihn dort jeder hätte sehen können, der das Lager durch die einzige Tür betrat. Hastig begab er sich zum linken der beiden parallel zum Mittelgang verlaufenden Durchgänge zwischen den Regalen.

Völlig unvermittelt stand er dort einer Person gegenüber, die mindestens genauso überrascht war wie er selbst: Tillbar. Dann fiel sein Blick auf Tillbars Hände, die eine silberne Kartusche umklammerten: das Gefäß mit Baradias Ilumit.

„Was suchst du hier?“, fragte Tillbar verwundert.

Blitzartig trat Kwoxit u Dengo hinter den Priester des Wissens und wendete einen Kampfgriff der Pylax an, der kurzzeitig die Blutzufuhr zum Gehirn des Gegners unterbrach und dadurch das Opfer betäubte. Geschickt fing er Tillbar auf, als dieser in sich zusammensackte. Dann nahm er den Behälter an sich und vergewisserte sich, dass dieser tatsächlich das gesuchte Ilumit enthielt. Er verbarg ihn unter seiner weiten Leinenjacke und glitt vorsichtig aus der Tür zum Lagerraum zurück ins Labor. Dort versteckte er sich wieder hinter einem der Tische bis die Tür zum Kontrollraum geöffnet wurde. Pfeilschnell verließ er das Labor. Noch während seines Laufes erkannte er, dass die Zugangstür des Kontrollraums zum äußeren Flur geschlossen war. Er riss sie daher auf und verhielt sich als habe er den Raum gerade von außen betreten.

„Ist Baradia hier?“, fragte er den ihm am nächsten stehenden Shondo scheinheilig.

„Nein“, antwortete dieser kurz angebunden.

Kwoxit u Dengo schüttelte den Kopf in gespielter Verwunderung und verließ den Kontrollraum. Dann rannte er auf dem kürzesten Weg zu Chrinodilhs Zimmer. Er musste damit rechnen, dass Tillbar jederzeit entdeckt werden konnte. Dessenungeachtet würde Baradias Sohn ohnehin in spätestens zehn Minuten wieder aufwachen.

Chrinodilh sah den Pylax erstaunt an, als dieser den Behälter öffnete.

„Wir haben jetzt keine Zeit“, keuchte er. „Du musst etwas davon essen. Anschließend müssen wir schnellstens von hier verschwinden. Wenn sie uns finden, werden sie versuchen, uns zu töten. Ich möchte auf keinen Fall Baradia verletzen.“

Chrinodilh schluckte etwas von dem Ilumit und fühlte sich bereits nach wenigen Sekunden deutlich besser. Währenddessen füllte der Pylax einen kleinen Teil des grauen Pulvers in eine zierliche Schatulle, die Chrinodilh aus Sindra mitgebracht hatte. Das Gefäß Baradias mit dem Rest des Ilumits ließ er zurück. Er nahm das hagere Mädchen in die Arme und hastete mit ihr den langen, leeren Flur entlang bis zu der Tür, die ins Freie führte. Dort verfiel er in den „Lauf der Pylax“ quer durch die weiten Felder bis zu der Bruchkante, wo der Küstenstreifen endete und der höher gelegene Urwald begann. Bei dieser rasenden Geschwindigkeit konnte Chrinodilh die in den Feldern arbeitenden Shondo und Mivv nur noch als vorbeifliegende Farbkleckse erkennen. 

„Wo willst du hin?“, fragte sie als beide den Rand des Urwalds erreicht hatten.

„Das Elith wird nur eine Zeitlang reichen“, antwortete der Pylax. „Ich kenne einen Ort, wo es fast unendlich viel davon gibt. Aber der ist noch weit entfernt. Zuerst müssen wir den Dschungel durchqueren, danach halb Obesien.“

„Baradia wird uns verfolgen und auch die Shondo verständigen“, wandte Chrinodilh ein.

„Ich fürchte mich vor niemandem“, verkündete Kwoxit u Dengo stolz. „Schon gar nicht, wenn ich in Begleitung einer Göttin der Alten Welt bin.“

Als der Pylax vor mehr als dreitausend Jahren geboren worden war, verehrte sein Volk noch die Alten Götter. Die Hochkönige von Sindra hatten dies später verboten. Aber er konnte sich nach wie vor genau an die detailgetreuen Felszeichnungen in den Höhlen von Yacudac erinnern, an die weißen Götter mit ihren goldenen Haaren und den gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen.

*

„Du hast anscheinend ein Talent dafür, dich ständig mit ziemlich tragischen Gestalten und Versagern einzulassen, Watschelentchen“, brummte Dryd Wantari mit einem schiefen Grinsen, das aber den harten Ausdruck seiner Augen nicht erreichte. Octora warf ihm einen wutentbrannten Blick zu. 

Bevor sie jedoch protestieren konnte, fuhr Schaddoch den Dryd angriffslustig an: „Gylbax ist wohl kaum mit zehntausend Mann und achthundert Pylax wegen mir hier. Fangen Sie endlich einmal an, Ihren Quadratschädel zu benutzen!“

Schnell trat Octora zwischen die beiden Streithähne, ehe Wantari auf Schaddoch losgehen konnte. Der Dryd funkelte den Baron feindselig an.

„Nein, wegen einem Taugenichts wie Ihnen braucht er bestimmt kein solches Aufgebot“, grantelte der Zogh gehässig. „Was ist das nur für ein Land, das sich auf einen derart schrägen Vogel verlässt?“ 

„Ruhe jetzt!“, brüllte Octora und kam damit einer scharfen Entgegnung des Barons zuvor. „Können wir uns jetzt endlich wieder wie Erwachsene unterhalten?“

Nach kurzem Zögern ließen sich Dryd Wantari und Schaddoch fast gleichzeitig auf ihre Stühle fallen. 

„Warum zieht Ihr die Besatzungstruppe nicht nach Tredon zurück?“, wollte Dryd Nobbeth von Octora wissen.

„Solange ich nicht weiß, was Gylbax vorhat, bleibe ich hier“, entgegnete die Eisgräfin trotzig und warf Schaddoch einen Seitenblick zu. „Außerdem gibt es ein Abkommen zwischen dem Norden und dem Baron. Er hat Anspruch auf unseren Schutz, und wir haben Anspruch auf Groch.“ Schaddoch sprang erneut von seinem Stuhl auf und wollte aufbegehren, ließ sich aber sofort wieder wortlos zurücksinken.

Octora sah ihn mit ihren mysteriösen, grauen Augen an. Ein Hauch von Traurigkeit, aber auch grimmige Entschlossenheit schienen darin zu liegen: „Baron, würden Sie uns bitte kurz allein lassen?“

Schaddoch war noch nie in seinem Leben von einer Frau herumkommandiert worden. Aber diese große, in ihrer Unnahbarkeit schöne Frau, die wie ein Monument wirkte, duldete keinen Widerspruch. Gleichzeitig faszinierte sie ihn, und ganz nebenbei verkörperte sie die letzte Hoffnung seines Volkes. Mit dem Gang eines geschlagenen Hundes schlich der stolze, gutaussehende Spross einer uralten Königsfamilie, Herr der Unterwelt und strahlender Befreier seines Landes, aus dem Zimmer. Als die Tür ins Schloss fiel, wandte sich Octora an Dryd Nobbeth: „Und in einer solchen Situation wollen Sie mir zweitausend Zogh-Reiter wegnehmen?“

„Eintausendneunhundert“, berichtigte Dryd Wantari. „Die schwarze Standarte bleibt hier.“

„Wantari, das wäre Hochverrat“, rief Dryd Nobbeth. „Die Getreuen haben den Befehlen der Königin jederzeit und überall widerspruchslos zu gehorchen.“

Dryd Wantari fuhr aus dem Stuhl hoch wie von einer Schlange gebissen.

„Als du noch geglaubt hast, dein Pimmel sei nur zum Pissen da, habe ich von der Königin den Befehl erhalten, ihre Tochter mit meinem Leben zu beschützen. Genau das habe ich getan, seit das Kind das Licht der Welt erblickte. Und genau das werde ich auch weiterhin tun. Davon werde ich mich weder von dir noch von sonst irgendetwas oder irgendjemand abhalten lassen“, donnerte Wantari. In seiner Erregung war er auf Dryd Nobbeth losgegangen und hatte ihm einen gewaltigen Stoß versetzt. Nobbeth stolperte über zwei Stühle, stürzte und blieb auf dem Hosenboden sitzen. 

„Wantari, ich meine es doch nur gut“, schrie der jüngere Getreue und streckte hilflos die Arme aus. „Wenn du dem Befehl der Königin nicht gehorchst, wirst du brennen.“

„Niemand wird brennen“, brüllte Wantari, und dann fügte er mit etwas leiserer, trauriger Stimme hinzu: „Wir werden sowieso alle sterben.“

Sekundenlang sprach niemand ein Wort, während sich Dryd Nobbeth mühsam aufrappelte und schließlich einen erneuten Anlauf nahm, um den alten Kämpen zu überzeugen: „Du solltest wenigstens an deine Soldaten denken und ihnen die Gelegenheit geben, den Flammen zu entgehen.“

„Einverstanden“, erwiderte Dryd Wantari. „Morgen früh werden wir sie befragen. Wer gehen will, kann gehen.“

Nachdem Dryd Nobbeth gegangen war, sagte Octora leise, mit Tränen in den Augen: „Danke für deine Treue, du lieber Bär. Aber ich kann nicht zulassen, dass sie dich verbrennen. Die Gesetze von Zogh dulden keine Ausnahmen.“

Dryd Wantari sah sie an, und diesmal stand der Schalk in seinen Augen: „Wenn sie mich verbrennen würden, könnte ich dich ja nicht mehr beschützen. Und was würde dann aus dir werden, du kleines, tapsiges, hässliches Entlein? Du würdest doch nie einen anderen Beschützer finden. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die Oberste Strategin zu bitten, mich in diesen gemischten Sauhaufen aufzunehmen, der sich Armee der Vereinten Nordlande nennt. Die Gesetze der Nordlande stehen über denen von Zogh. Soldaten der Allianz dürfen nicht verbrannt werden. Hast du etwa schon vergessen, dass ich auch dein Lehrer bin?“

Noch nie hatte Octora einen Mann so ungestüm umarmt und geküsst wie diesen derben Krieger, den die Königin nach den Gesetzen von Zogh zum Ersatzvater ihrer Tochter bestimmt hatte.

Am darauffolgenden Morgen ließ Dryd Wantari die hundert Krieger der „Schwarzen Standarte“ im Beisein von Dryd Nobbeth antreten. Jeder der Getreuen hatte eine Kerntruppe von hundert Reitern, die zwar auch unter dem Oberbefehl der Königin standen, über die er aber ansonsten frei verfügen konnte. Die Zugehörigkeit zu dem jeweiligen Dryd ergab sich aus einer bestimmten Flaggenfarbe, unterlegt mit der Eiszapfenkrone. Die Flagge Wantaris wies einen schwarzen Untergrund auf.

Dryd Nobbeth erklärte den Reitern Wantaris die Anordnung der Königin und wies darauf hin, dass ihr Befehlshaber sich weigerte, dieser Anweisung nachzukommen. Er hob hervor, dass die Reiter trotzdem der Königin Gehorsam schuldeten und jeder verbrannt würde, der ihren Befehl nicht befolgte. Dennoch fand sich nicht ein einziger Mann bereit, mit Dryd Nobbeth zu reiten. Resigniert zog dieser daraufhin mit den restlichen eintausendneunhundert Männern ab. Er war vor allem deshalb unglücklich, weil er den alten Haudegen über alles schätzte. Der Tod des Alten würde eine große Lücke hinterlassen.

Entsprechend seiner Ankündigung gegenüber Octora unterbreitete Dryd Wantari seinen Leuten den Vorschlag, in den Dienst der Vereinten Nordlande einzutreten. Drei Stunden später gab es in Groch keine Reiter der Königin mehr. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verbrannte Wantari die Schwarze Standarte.

*

Jetzt hieß sie also nur noch Orandula. Vor seinem Feldzug nach Surdyrien und Lumbur-Seyth hatte Gylbax sie zu dieser Namensänderung gedrängt. Er hatte argumentiert, dass das sindrische Volk die Bezeichnung einer fremdländischen Stadt im Namen seiner Königin als Makel empfinden könnte. Orandula hatte schließlich seinem Drängen nachgegeben, obwohl es ihr nicht einmal möglich gewesen war, mit ihrem Gatten selbst zu sprechen. Die Gesetze Sindras untersagten ihm während eines Feldzuges den persönlichen Kontakt zu seiner Ehefrau. Einmal mehr hatte der treue Yxistradojn als Bote des Hochkönigs und Vollstrecker seines Willens herhalten müssen. Obwohl es sich bei dem Statthalter von Doinat um einen liebenswürdigen und äußerst gebildeten Mensch handelte, wirkte er auf Orandula irgendwie undurchschaubar. Es war ihr zu keinem Zeitpunkt gelungen, ihm auch nur die geringste Reaktion, geschweige denn Meinungsäußerung zu entlocken, was er von dem Wunsch seines Vetters hielt. Auch seine fast schwarzen Augen blieben undurchdringlich. Schließlich hatte Orandula aufgegeben. Die Namensänderung wurde im Rahmen einer aufwändigen Zeremonie im Tempel der Gi vollzogen. An Orandulas Seite stand – mit unbewegtem Gesicht – Yxistradojn.

Das Volk von Sindra war einmal mehr in Begeisterungsstürme ausgebrochen; allerdings hatte dazu wohl auch die unentgeltliche Verteilung von Nahrungsmitteln während der Zeremonie beigetragen. Hinterher drängte sich Orandula jedenfalls nicht die Einschätzung auf, noch beliebter als zuvor zu sein. Aber auf jeden Fall fühlte sie sich einsamer als zuvor, weil sie den Eindruck gewann, auf diese Weise ein weiteres Stück ihrer Heimat verloren zu haben.

Während ihrer Zeit als Eisgräfin schien es ihr, als ob sie mit den vielen Seelen ihres Eisbaums verbunden sei. Als Orandula-Orondinur hatte sie wenigstens noch dieses Empfinden eines inneren Bandes zu ihrem Geburtsort und den Freunden dort. Nun war auch dieses Band durchschnitten, und sie lebte hier in einem fremden Land mit lauter fremden Menschen. Und auch von Gylbax, dem Mann, für den sie alles geopfert hatte, trennte sie nun eine Entfernung, die einer halben Ewigkeit gleichkam.

So empfand sie es als schwachen Trost, dass sie auf den einzigen Vertrauten wartete, der ihr, abgesehen von den Tieren, noch geblieben war. Orandula saß in einem der „Räume der Träume“ im Erdgeschoß des Sternpalasts und wartete auf Argo a Narga. Dieses Mal hatte sie die Räume der Träume nicht wegen deren magischer Ausstrahlung als Treffpunkt gewählt, sondern weil sie sich völlig ungestört und unbeobachtet mit dem Pylax unterhalten wollte.

Als er schließlich kam, bemerkte sie seinen leicht verwunderten Gesichtsausdruck. Früher hatte sie nie eine Regung in den wie Masken wirkenden Gesichtern der Pylax ausmachen können. Inzwischen war ihr zumindest Argo a Narga so vertraut, dass sie seine Mimik durchaus zu deuten wusste.

„Ich habe dich hergerufen, weil wir hier nicht belauscht werden können“, erklärte Orandula. „Ich habe eine Bitte.“

„Ihr seid meine Königin. Ihr könnt mir befehlen“, entgegnete der Pylax.

„Auch wenn ich den Namen meines Geburtsorts abgelegt habe, so hat sich dennoch in meinem Inneren nichts verändert“, stellte Orandula klar. „Ich liebe die Freiheit und ich respektiere die Freiheit der anderen Menschen. Deshalb befehle ich nicht, sondern ich bitte. Außerdem betrachte ich dich nicht als einen Diener, sondern als einen Freund. Das weißt du.“

„Aber Ihr wisst auch, dass mir diese Denkweise Schwierigkeiten bereitet“, rechtfertigte sich der Pylax. „Nennt mir Eure Bitte, Königin.“

„Es heißt, dass die Pylax untereinander keine Geheimnissse haben und alles wissen, was auch alle anderen wissen. Ist das richtig?“, fragte Orandula.

„Ja, das stimmt“, bestätigte Argo a Narga.

„Seit meiner Rückkehr aus Oot habe ich nichts mehr von dem Eisgrafen Novotor gehört. Angeblich hat er einen Auftrag bekommen und ist seither spurlos verschwunden. Gibt es unter den Pylax vielleicht irgendjemand, der etwas über diesen Auftrag weiß?“

Ein leichtes Zucken in den Augenwinkeln des Pylax und eine viel zu lange Pause verrieten Orandula, dass etwas nicht stimmte.

Schließlich bekannte Argo a Narga leise: „Der Eisgraf ist tot.“

Orandula fuhr in die Höhe und vergaß alle Zurückhaltung: „Was weißt du? Was ist passiert?“

Wieder eine längere Pause. Dann die kratzende, leicht vibrierende Stimme des Pylax: „Demur y Sethri hat ihn getötet.“

Orandula sank in den Sessel zurück. „Warum?“, hauchte sie.

„Der Hochkönig hat es befohlen“, erwiderte der Pylax äußerlich ungerührt. Aber in seiner Stimme schwang deutliche Missbilligung.

Orandula war entsetzt. Sie wusste, dass der Pylax die Wahrheit sagte. Sie benötigte eine geraume Weile, um das soeben Gehörte zu verarbeiten. Tränen traten in ihre Augen, Tränen des Zorns und Tränen der Verzweiflung.

„Weshalb hat er das getan?“, stieß sie schluchzend hervor.

„Er war eifersüchtig“, erklärte Argo a Narga. „Er glaubte, Ihr wäret in den Eisgrafen verliebt. Er dachte, dass er Euch nur bekommen könnte, wenn er den Eisgrafen beseitigt.“

Während Orandula weiterhin erfolglos gegen die Tränen ankämpfte, murmelte der Pylax: „Als Königin von Sindra solltet Ihr alles wissen. Darauf habe ich als Euer Beschützer auch meinen Eid abgelegt.“ Er zog eine der Fackeln, die den Raum beleuchteten, aus der Halterung, ging zur Tür und bedeutete Orandula, ihm zu folgen. Sie liefen durch einen langen Flur, von dem mehrere Türen abzweigten. Am Ende dieses Flurs öffnete der Pylax eine Tür, die wie ein kleines Portal wirkte. Auf beiden Seiten waren Säulen in die Wand eingelassen, die einen Vries mit der Darstellung eines Totenschädels trugen. Eine schmale Treppe führte in die Tiefe. Argo a Narga ging voran und leuchtete für Orandula die Treppe mit der Fackel aus. Sie endete in einem Gewölberaum, von dem aus mehrere Gänge ebenerdig in verschiedene Richtungen weiterführten. Der Pylax steckte die Fackel in einen messingbeschlagenen Halter und ging in den ersten Gang auf der linken Seite, wo er die erste Tür entriegelte. 

Während er dies tat, erklärte er: „Wir sind jetzt auf der Ebene der Besiegten. Ihr steht vor dem Trophäenzimmer von Hochkönig Volgork III.“

Orandula warf einen Blick in das Zimmer. Fingerdicker Staub und unzählige Spinnweben hatten sich angeschickt, einen Mantel des Vergessens über eine mehr oder weniger unrühmliche Vergangenheit auszubreiten. Noch aber war es ihnen nicht gelungen, den langen Tisch mit den beiden unbesetzten Kopfenden vollständig zu verbergen. Orandula erschauderte. Auf vierzehn Stühlen, jeweils sieben zu beiden Längsseiten, saßen vierzehn mumifizierte Menschen. Es war wohl die trockene Kälte hier unten, die dazu beigetragen hatte, ihre Körper vollständig zu erhalten. Eine letzte Mahlzeit, die Mahlzeit des Todes, eingefroren im Strom der Zeit.

Die ehemalige Eisgräfin wandte sich entsetzt ab. Der Pylax verriegelte die Tür, nahm die Fackel aus der Halterung und ging erneut voran, diesmal zu einem Korridor, der hinter der Mitte des Raumes auf der rechten Seite begann. Es schien Orandula eine Ewigkeit zu dauern, die sie hinter dem Pylax herlief. Dieser Ort hier unten löste bei ihr eine derartige Beklommenheit aus, dass sie kein Wort hervorbrachte.

Alle paar Meter waren Türen in die Wände des Korridors eingelassen. Orandula ahnte, dass es sich um ähnliche Zimmer wie das von Volgork III. handelte. Ihre Ahnung wurde zur Gewissheit, als Argo a Narga an der vorletzten Tür des Ganges auf der rechten Seite stehenblieb und auch diese entriegelte.

Orandula bot sich der schrecklichste Anblick ihres Lebens. Das Zimmer war eine exakte Kopie desjenigen von Volgork, jedoch ohne Staub und Spinnweben. An dem Tisch saßen allerdings nur zwei mumifizierte Personen. Aus feindlichen Lagern im Leben waren sie im Tode vereint, obwohl sie sich nie persönlich kennengelernt hatten: Snetek, der obesische Milesion, und Novotor, der Eisgraf aus Gatya. 

Argo a Narga brauchte nicht zu erwähnen, wer dieses Trophäenzimmer eingerichtet hatte. Orandula hätte es ohnehin nicht mehr gehört. Ohnmächtig sank sie in die Arme ihres Leibwächters.

*

Diese ausdruckslosen Gesichter mit den Hakennasen machten Wurluwux krank. Und dieser unberechenbare Hochkönig mutete noch unheimlicher an. Gylbax hatte darauf bestanden, ihm und Shrogotekh das Heer zu zeigen, das am Rand der Ebene von Dirtos sein Lager aufgeschlagen hatte. Von einem Hügel aus konnte man die gewaltige Armee überblicken. Aber es waren nicht die zehntausend Männer des Statthalters von Doinat, die Wurluwux Kopfzerbrechen bereiteten. Diese allein hätten seiner Einschätzung nach trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit nicht gegen Schaddochs Kämpfer und Octoras Reiter bestehen können. Wurluwux malte sich aus, was die achthundert Pylax der Schattenarmee anrichten konnten, wenn sie losgelassen und wie unsichtbar rotierende Dämonen über ein Heer normaler Soldaten herfallen würden.

Der Hochkönig erriet die Gedanken der beiden Surdyrier: „Für Lumbur-Seyth benötige ich nur ein paar hundert Soldaten und eine Handvoll Pylax. Der Rest des Heeres wird hierbleiben. Ihnen stehen Durat o Gongos und so viele seiner Männer zur Verfügung wie Sie brauchen, um sämtliche Minen des Landes unter Ihre Kontrolle zu bringen. Um Groch kümmere ich mich selbst, wenn ich aus Lumbur-Seyth zurück bin.“

Wurluwux bemerkte, dass der Königliche Verweser von Yacudac ihn scharf beobachtete, während die starren Blicke der Leibwächter des Hochkönigs ins Nirgendwo gerichtet zu sein schienen.

„Kann ich mich auf Sie verlassen?“, fragte Gylbax die beiden Surdyrier mit Nachdruck.

„Mit der freundlichen Unterstützung Eurer Männer dürfte die Übernahme der Minen keine Schwierigkeiten bereiten, Hohe Majestät“, erwiderte Wurluwux diplomatisch.

„Gut“, bestätigte Gylbax befriedigt und fügte beiläufig hinzu: „Der Königliche Verweser von Yacudac wird während meiner Abwesenheit in eurer Residenz wohnen, damit er euch Hilfe leisten kann, wann immer ihr sie benötigt. Da er die Befehlsgewalt über die Armee der Schatten hat, muss er leider auch alle eure Anweisungen bestätigen. Es tut mir leid, dass ich euch so viel Ungemach bereite. Glaubt mir, dass selbst ich unter diesen verstaubten Gesetzen und Gebräuchen leide und sie lieber heute als morgen abschaffen würde. Aber bedauerlicherweise geht das nicht.“

Unter dem argwöhnischen Blick des Königlichen Verwesers bemühten sich die beiden Surdyrier krampfhaft, ihr unendliches Mitleid für den armen, in solchen Konventionen gefangenen Herrscher zum Ausdruck zu bringen. Wurluwux atmete hörbar auf, als der Hochkönig endlich das Zeichen zur Rückkehr nach Dirtos gab und die Posse damit beendet war.

Am darauffolgenden Tag ritt Gylbax mit vierhundert Soldaten und zwanzig Pylax nach Lumbur-Seyth. Wurluwux und Durat o Gongos sahen ihnen vom Fenster des großen Ratssaales der Residenz aus nach. Wer die beiden so einträchtig nebeneinander gesehen hätte, hätte glauben können, es handele sich um gute Freunde. Seltsamerweise ließ der Königliche Verweser Wurluwux nicht aus den Augen seit er in die Residenz gekommen war.

Wurluwux befürchtete, dass Durat o Gongos ihr Spiel durchschaute. In seiner Gegenwart fühlte er sich eingeengt wie in einer der von den Folterknechten Obesiens benutzten Zwangsjacken. Aber obwohl er glaubte, ständig eine Schlinge um den Hals zu haben, rang er sich schließlich zu einer bedeutungsschweren Frage durch. Inzwischen war der Hochkönig mit seiner kleinen Armee im Staub von Dirtos verschwunden.

„Sie können mich nicht leiden, stimmt’s?“ Wenn Wurluwux es darauf anlegte, klang er stets wesentlich einfältiger als er wirklich war.

Der Kopf des Pylax, der gerade vom Fenster zurücktrat, zuckte herum wie der Kopf einer Schlange auf Beutejagd. Seine schwarzen Augen starrten den Surdyrier bedrohlich an. Dennoch glaubte Wurluwux, für den Bruchteil einer Sekunde das Aufblitzen von Überraschung und Erstaunen in diesen Augen gesehen zu haben. 

„Solche Gefühle kenne ich nicht“, stellte der Pylax mit seiner rasselnden Stimme klar. „Ich versuche nur, mich dagegen zu schützen, dass Sie mich töten.“

Wurluwux sah ihn völlig entgeistert an. Im Grunde hatte er nicht damit gerechnet, dass der Pylax überhaupt mit ihm reden würde. Dass dieser sich selbst aber auch noch in einer Verteidigungssituation wähnte, verlieh dem Surdyrier den Mut, die Unterhaltung fortzusetzen.

„Bevor ich überhaupt nach meinem Schwert greifen könnte, hätten Sie mir schon den Kopf abgeschlagen“, vermutete er. „Wenn Sie glauben, ich wollte Sie töten, könnten Sie mich einfach hier und jetzt umbringen.“

„Nein, so einfach ist das nicht“, entgegnete der Königliche Verweser. „Niemand kann gegen die Vorsehung aufbegehren. Der Hochkönig braucht Sie. Wenn ich versuchen würde, Sie zu töten, wäre dies mein eigener Tod. Dann wäre die Vorsehung erfüllt.“

Als Schaddoch vor Jahren Shrogotekh immer wieder bedrängt hatte, den Platz seines Stellvertreters gemeinsam mit Wurluwux, einem fliegenden Händler aus Lumbur-Seyth, einzunehmen, hatte Shrogotekh verletzt und verständnislos reagiert. Der „Blutwolf“ sah im „Skorpion“ zunächst nur einen lächerlichen Feigling. Mit einer Geduld, die Außenstehende bei Schaddoch nie vermutet hätten, hatte er Shrogotekh erklärt und mit Beispielen belegt, dass Wurluwux nicht ängstlich, sondern vorsichtig war und sofort das Heft des Handelns an sich riss, sobald er eine günstige Situation durchschaut hatte. Und dabei kam er stets seinen Gegenspielern zuvor, weil er über eine schnellere Auffassungsgabe verfügte als jeder andere Mensch, den Schaddoch kannte. Da Shrogotekh im Gegensatz zu seinem Äußeren eine außergewöhnliche Intelligenz auszeichnete, erkannte auch er schließlich die Qualitäten des kleinen Mannes aus Lumbur-Seyth, und aus den beiden waren die besten Freunde geworden.

Im gleichen Augenblick, als der Königliche Verweser seinen fatalen Fehler beging, hatte Wurluwux die ausweglose Situation realisiert, in der sich der Pylax zu befinden glaubte. Ohne Zustimmung des Hochkönigs durfte er weder seinen Gesprächspartner noch Shrogotekh töten.

„Sie treiben doch nur ein Spiel mit mir“, sagte Wurluwux scheinbar beleidigt und zog wie zur dramatischen Bestätigung seiner Worte umständlich sein Schwert aus der Scheide. Durat o Gongos hatte seinen verhängnisvollen Fehler immer noch nicht erkannt und wollte etwas erwidern. Aber dazu kam er nicht mehr. Ohne Zögern rammte ihm Wurluwux den kalten Stahl in den Leib. Der Pylax blickte ihn erschrocken an. Während er langsam zur Seite kippte, riss Wurluwux das Schwert aus seinem Körper und stieß nochmals zu. Im Tod zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht des Königlichen Verwesers von Yacudac ab. Die tief in seinem Inneren verankerte Prophezeiung hatte recht behalten: Niemand kann gegen die Vorsehung aufbegehren.

 

*

 

Shrogotekh blickte erschrocken auf. Wurluwux stürmte in sein Zimmer, das fernab der öffentlich genutzten Räume der Residenz lag. Dabei stieß er aus Unachtsamkeit einen Stuhl um, der rumpelnd zu Boden polterte. 

„Wir müssen unsere Pläne ändern“, hechelte der „Skorpion“, völlig außer Atem. Als Shrogotekh den Gesichtsausdruck seines langjährigen Freundes sah, war er alarmiert.

„Was ist passiert?“, fragte er angespannt.

„Ich habe den Königlichen Verweser umgebracht“, stieß Wurluwux hervor.

Shrogotekh ließ sich in seinen Sessel zurückfallen und wollte schon ein herzhaftes Lachen anstimmen. Aber dann hielt er bestürzt inne. Seine Augen weiteten sich und stierten Wurluwux entsetzt an.

„Nein!“, sagte er tonlos.

Der „Skorpion“ nickte bedächtig: „Doch.“

„Wie hast du das fertiggebracht?“, stammelte Shrogotekh, immer noch ungläubig.

„Das spielt jetzt keine Rolle“, entschied Wurluwux, der sich mittlerweile wieder gefasst hatte. „Allein der Anblick dieser Schatten ist mir derart unheimlich, dass jedesmal das Gefühl in mir aufsteigt, mich zur Wehr setzen zu müssen.“

„Wir müssen fliehen, sonst töten sie uns“, verlangte Shrogotekh gehetzt.

„Nein“, widersprach Wurluwux. „Wir müssen nur die Leiche verschwinden lassen. Dann werden wir sagen, dass wir keine Ahnung haben, wo er ist. Das löst auch unser Problem mit den Minen. Solange der Königliche Verweser verschwunden ist, kann er auch keine Anweisungen genehmigen, die uns deren Besetzung ermöglichen würden.“

Das leuchtete Shrogotekh ein. Wurluwux führte ihn zu dem Archivzimmer unweit des großen Ratssaals, wo er den Leichnam des Königlichen Verwesers in ein großes Tuch eingeschlagen hatte. Gemeinsam schleppten sie den leblosen Körper in den Kaminraum im Erdgeschoß, der für die Beheizung des Mitteltrakts der Residenz während der kalten Jahreszeit vorgesehen war. Der riesige Kamin ermöglichte den Aufbau eines regelrechten Scheiterhaufens. Am Ende des Tages blieb von dem gefürchteten Pylax, der mit seinem Hochkönig ausgezogen war, die Welt zu erobern, nur noch ein Häuflein rauchende Asche übrig. 





Kapitel 08 – Schicksalhafte Begegnungen


Der Anblick des Tafelbergs, auf dem die gewaltige Burg Drinh thronte, löste bei Unitor zwiespältige Gefühle aus. Er mochte immer noch nicht recht glauben, dass er der rechtmäßige Eigentümer dieses titanischen Bauwerks sein sollte. Die Anlage erschien ihm wie ein bedrückendes Sinnbild der kolossalen Verantwortung, die ab dem Zeitpunkt ihrer Übernahme auf ihm lasten würde. Zudem stellte er sich die Frage, ob es überhaupt möglich sein konnte, gleichzeitig die Funktionen eines Eisgrafen und eines Fürsten von Mithrien auszuüben.

Seine Unsicherheit hatte indes eine weitere Ursache. Bisher war es ihm noch nicht vergönnt gewesen, alle Eisbäume zu besuchen. In den langen Nächten im Kerker von Modonos hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Am Ende konnte er sich nicht mehr des Verdachts erwehren, dass es seinerzeit besser gewesen wäre, auf dem Landweg über Kerdaris nach Lauros zu reisen anstatt über den Seeweg und Lumbur-Seyth. Und nun hatte er erneut den gleichen Fehler begangen, obwohl ein Abstecher nach Kerdaris nur einen geringen Umweg mit sich gebracht hätte. 

Er teilte Crandin diese Überlegungen mit, aber erwartungsgemäß hatte der Priester des Wissens hierfür keinerlei Verständnis.

„Unitor, es ist nicht die richtige Zeit, um verpassten Gelegenheiten nachzutrauern“, erklärte Crandin kategorisch. „Dein Land wird durch die Experimente des Kollektivs von Obesien bedroht, und jetzt auch noch vom Hochkönig von Sindra. Auf dem Flammenthron sitzt ein Mörder, und das wichtigste Fürstentum Mithriens wird von einem Usurpator beherrscht. Wir haben jetzt keine Zeit für Pilgerreisen.“

Unitor senkte den Kopf und ritt schweigend weiter. Sie waren nur noch zu zweit, seit die drei Männer aus Sanh sie verlassen hatten, um in Doront und Drinh Verwandte und Freunde aufzusuchen. So folgten die beiden Reiter dem Flusslauf des Benedan in der Absicht, ganz allein auf sich gestellt die drittgrößte Burganlage Mithriens einzunehmen.

 

*

 

Charas zu Drinh fluchte. Dass ihn ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt ein Eisgraf aufsuchte, kam ihm ungelegen. Aber vermutlich hing auch dies mit dem Elektral zusammen, welches die Königin von Zogh nach den Berichten der Boten gegen seinen Vater einzuberufen gedachte. Diesen Informationen entprechend befand sie sich gerade auf dem Weg nach Marandia zu Fürst Taldin. Charas bezweifelte nicht, dass der Fürst ihr Anliegen unterstützen würde. Aber würde er auch bereit sein, selbst für das Amt des Hüters der Flammen zu kandidieren? Der Fürst zu Sokut hatte es abgelehnt. Das wusste Charas. Wenn auch Fürst Taldin zu Marandia ablehnen würde, müsste Arthania ihm, Charas zu Drinh, den Flammenthron anbieten. Und wenn ihm der Flammenthron nicht auf diese Weise in den Schoß fiele, würde er dafür kämpfen. Aber dazu brauchte er Verbündete. War es vielleicht doch ein Wink des Schicksals, dass ihn gerade jetzt der Eisgraf aufsuchte?

Charas zu Drinh empfing seine beiden Gäste mit ausgesuchter Höflichkeit und ließ ihnen die erlesensten Speisen und Getränke auftischen, die die Burgküche zu bieten hatte.

„Sie haben ja ein außergewöhnlich großes Heer hier aufgestellt“, äußerte Unitor beiläufig während des üppigen Mahls.

„Wir können offen reden“, entgegnete der Fürst. „Ich weiß nicht, ob die Gerüchte stimmen, wonach mein Vater versucht hat, Sie umzubringen. Aber ich hatte noch nie ein gutes Verhältnis zu ihm. Und jetzt, da die Vereinten Nordlande von außen bedroht werden, unternimmt er nichts. Es erschien mir daher angebracht, den Schutz meines Fürstentums selbst in die Hand zu nehmen.“

„Aber das ist doch garnicht ihr Fürstentum“, sagte Crandin kauend, ohne aufzuschauen. Er bemerkte daher auch nicht den verstörten Blick, den Unitor ihm zuwarf.

„Wie bitte? Was wollen Sie damit sagen?“, fragte Charas zu Drinh den Priester des Wissens entrüstet. Der aber ließ sich überhaupt nicht beirren und aß erst einmal unbeeindruckt weiter. Dann legte er sein Besteck zur Seite und sah dem Fürsten in die Augen: „Wozu fragen Sie mich das? Saradur, der Sprecher unseres Ordens, hat Ihnen das alles doch schon haarklein erklärt. Unitor, würdest du uns einen Moment allein lassen?“

Unitor war verwirrt. Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was sein Freund beabsichtigte. Aber da er wusste, dass Crandin stets äußerst überlegt handelte, stand er, immer noch ein wenig zögerlich, auf und verließ wortlos die Tafel. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, sagte Crandin zu dem ebenfalls völlig überraschten Fürsten: „Sie wollten doch offen reden. Aber das ist nicht möglich, solange der Eisgraf hier ist.“

„Hat Saradur Sie geschickt?“, fragte Charas.

„Das hätte er gerne“, entgegnete Crandin. „Saradur ist völlig unbedeutend. Ich bin im Auftrag eines wirklich bedeutenden Mannes hier.“

Auf dem Flur vor der Tür erklang ein lautes Geräusch, als ob jemand gestürzt sei.

„Das war Unitor“, erklärte Crandin. „Ich habe ihm ein Betäubungsmittel ins Essen geschüttet. Sie brauchen ihn nur noch aufzusammeln.“

„Weshalb sind Sie hier?“, fragte der Fürst gequält. 

Aber Crandin ging auf diese Frage nicht ein: „Mir wurde berichtet, dass diese Burg über ein Verlies mit verspiegelten Wänden verfügt. Sorgen Sie dafür, dass Unitor dort eingekerkert wird. Er darf aber auf keinen Fall getötet werden. Morgen reiten wir mit Ihrer gesamten Streitmacht nach Clampp. Und damit meine ich auch all die Leute, die Sie in Doront untergebracht haben.“

„Und wozu soll das gut sein?“, erkundigte sich Charas.

„Kein vernünftiger Mensch in Mithrien nimmt Ihnen Ihr Märchen über die Landesverteidigung ab“, eröffnete ihm Crandin schonungslos. „Jeder weiß, dass Sie es auf das Fürstentum von Kerdaris abgesehen haben – zunächst einmal. Die Königin von Zogh ist auf dem Weg nach Marandia. Glauben Sie wirklich, dass Taldin und die Königin es zulassen werden, dass Sie Kerdaris annektieren? Momentan ist die Königin nur mit einer halben Standarte unterwegs, aber sie zieht ihre Heere zusammen, die sich teilweise in Tanaria, in Svoraven und in Tredon befinden. Auch der Marschall von Sandammon und Sokul wird zu ihr stoßen. Wenn die Armeen erst einmal vereinigt sind, ist es zu spät. Sie müssen Taldin und die Königin vorher überfallen, also spätestens in Clampp.“

Der Fürst war erst einmal sprachlos. Dann fragte er verunsichert: „Woher wissen Sie das alles?“ Crandin schaute an Charas zu Drinh vorbei und blinzelte.

„Von mir“, erklang es krächzend vom Fenster her. Charas zu Drinh fuhr herum. Auf dem Fenstersims saß ein großer, grauer Papagei. Auf seiner Brust konnte man einen weißen Kreis erkennen.

*

Einerseits hatte Crophzal eine erbärmliche Angst, aber andererseits war er froh, dass das Ende einer äußerst unangenehmen Situation bevorstand. Seit mehr als zwei Wochen hatte die Kriegsflotte von Sindra den Hafen von Lumbur-Seyth abgeriegelt. Wichtige Geschäfte konnten nicht ausgeführt werden, und Crophzal selbst hatte bereits Unsummen verloren. Er war schließlich nicht nur der Vorsitzende des Konvents, sondern auch einer der bedeutendsten Kaufleute des Stadtstaates.

Wehmütig sah er hinüber zu der Ehrentribüne, wo ausgerechnet die Plätze der beiden Personen nicht besetzt waren, denen er am ehesten zugetraut hätte, Lumbur-Seyth in dieser schicksalsschweren Stunde beistehen zu können. Zum einen fehlte Senesia Sida, die außerhalb Lumbur-Seyths „die Spinne“ genannt wurde. Für die Handelsgilde galt Senesia Sida als der alles überstrahlende Stern des kleinen Landes. Und auch Crophzal hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sein Platz eigentlich ihr zugestanden hätte. Aber sie hatte ihn schon vor vielen Jahren aus Zeitmangel abgelehnt, woraufhin man ihr wenigstens einen Platz auf der Ehrentribüne und ein außerordentliches Mitspracherecht eingeräumt hatte. Und dann fehlte auch noch Wurluwux, der König der fliegenden Händler, von dem gemunkelt wurde, dass er zu dem mächtigen Untergrundimperium des Barons Schaddoch gehörte. In Lumbur-Seyth kam man an Baron Schaddoch genausowenig vorbei wie an Senesia Sida. Crophzal hatte stets die Auffassung vertreten, dass das auch gut so war. Jetzt zweifelte er erstmals daran. Und mit ihm wohl auch die übrigen Mitglieder des Konvents: der dicke Bäcker, den die Handwerkergilde in diese Versammlung entsandt hatte, der Flottenbesitzer, dem auch große Teile der Hafenanlagen gehörten, Sebinirt, die Vertreterin der Geldhäuser, ferner der Befehlshaber der Stadtgarde, das Oberhaupt der Schreibergilde und der „Botschafter“ Enebenteph. Letzterer war zwar gebürtiger Surdyrier, aber jedermann wusste, dass er die Interessen Obesiens vertrat. Er hatte als Einziger in diesem Konvent ein Vetorecht und konnte damit alle Entscheidungen zu Fall bringen. 

Heute wird ihm das nichts nützen, dachte Crophzal.

Als ein Saaldiener die hohe, fast bis zur Decke reichende Tür des mit Pomp und Protz überladenen Versammlungsraums öffnete, hielten die Anwesenden hinter ihren aus Edelhölzern gefertigten Rednerpulten den Atem an. Ein eher unscheinbarer junger Mann betrat mit fünf hochgewachsenen, schlanken Gefolgsleuten den Saal. Mit einer beiläufigen Geste schlug der junge Mann seinen dünnen, hellblauen Seidenumhang zur Seite, so dass seine alles andere als unauffällige Prunkrüstung zum Vorschein kam.

„Seine Hohe Majestät, der jüngste Spross des göttlichen Geschlechts derer von Zitaxon, Hochkönig Gylbax XII. von Sindra, Beschützer der Freiheit und aller Völker“, verkündete der Saaldiener die eingeübte Vorstellung, wobei er mit dem vergoldeten Stab einer Standarte, die das Wappen der Hochkönige trug, zweimal laut vernehmlich auf den Boden klopfte.

Gylbax winkte demonstrativ ab und ergriff sofort selbst das Wort.

„Es tut mir außerordentlich leid, dass ich ihren wichtigen Hafen blockieren musste“, entschuldigte er sich mit weicher Stimme. Der Flottenbesitzer biss sich auf die Unterlippe, um nicht herauszuplatzen, dass Lumbur-Seyth der WICHTIGSTE Hafen des Kontinents war. Und Crophzal hielt mühsam den Vorhalt zurück, dass ja niemand den Hochkönig zu dieser Blockade gezwungen hatte.

Gylbax begab sich nun zu der etwas erhöhten Kanzel für Gastredner, von der aus er den gesamten Saal überblicken konnte. Dann begann er mit seinem Schauspiel: „Wie Sie alle wissen, hat Obesien mein Land angegriffen. Sindra befindet sich also in einem Überlebenskampf. In einem solchen Kampf braucht man verlässliche Verbündete. Ich bin heute hierhergekommen, um Sie zu bitten, meinem Volk in seinem Kampf beizustehen.“

Die Mitglieder des Konvents warfen sich wechselseitig kurze Blicke zu. Offensichtlich wusste bis jetzt noch niemand, was er von dieser Ansprache des Hochkönigs halten sollte.

 Nach einer kurzen Pause fuhr Gylbax fort: „In der Stunde der Not hatte ich mich auch an Senesia Sida gewandt, die ihnen allen bekannt ist. Senesia Sida hat Verträge mit mir abgeschlossen, aber sie hat mich hintergangen und keinen einzigen davon eingehalten. Ist es üblich hier in Lumbur-Seyth, dass Verträge nicht eingehalten werden?“

Bei dieser letzten Frage hatte der Hochkönig deutlich die Stimme erhoben und sah Crophzal auffordernd an. Dieser schaute zuerst unsicher zurück. Dann wich er dem Blick des Hochkönigs aus, der jedoch sofort nachhakte: „Crophzal, Sie sind der Sprecher dieses Konvents, also sprechen Sie!“

Der Angesprochene nahm nun seinen ganzen Mut zusammen und erwiderte mit fester Stimme: „Die Sache mit Senesia Sida ist mir nicht bekannt. Aber ich kann mich dafür verbürgen, dass kein Mitglied meiner Gilde Euch hintergehen würde, Hohe Majestät.“

Diese Äußerung bot Gylbax keine Angriffsfläche, da Senesia Sida nicht Mitglied der Handelsgilde war. Seine Stimme klang nun wieder etwas versöhnlicher: „Ich nehme Sie beim Wort. Senesia Sida hat aber nicht nur mich hintergangen, sie hat auch das Volk von Sindra verraten, indem sie vor dem Kollektiv von Obesien falsches Zeugnis abgelegt und dadurch einen Angriff auf mein Land herausgefordert hat. Ich bin auch hierhergekommen, um Senesia Sida ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Ich habe den Hafen abgesperrt, weil sie auf einem Schiff fliehen wollte, aber meine Pylax haben sie gefasst. Zur Wiedergutmachung werde ich den gesamten Besitz Senesia Sidas beschlagnahmen. Darüber hinaus werde ich sie aber auch selbst bestrafen und dadurch ihnen allen hier und dem gesamten Kontinent demonstrieren, wie künftig mit Verrätern verfahren wird. Ich darf sie alle bitten, mir zu folgen.“

Eingeschüchtert folgten die Konventsmitglieder und die Ehrengäste des Konvents dem Hochkönig vor das Gebäude, wo sindrische Soldaten bereits eine kleine Sitztribüne vorbereitet hatten. Etwa zwanzig Meter entfernt stand ein Holzbock, auf den ein Sattel aufgeschnallt war.

Während die unfreiwilligen Zuschauer auf der Tribüne Platz nahmen, kam eine Kutsche herangerumpelt. Nachdem sie angehalten hatte, öffneten vier Soldaten des Hochkönigs den Schlag und zerrten Senesia Sida heraus. Die Soldaten führten die reichste Frau der Welt zu dem vorbereiteten Gestell und beugten sie über den Sattel. Dann banden sie ihre Hände und Füße an den Ständern des Holzgestells fest. Ein Pylax aus der Leibwache des Hochkönigs trat zu Gylbax und reichte ihm eine Peitsche aus verknoteten Lederriemen. Zwei der Soldaten zogen Senesia Sida die Röcke hoch. Das nackte Gesäß der heimlichen Königin von Lumbur-Seyth war bizarr emporgereckt. Die rohen Soldaten des Hochkönigs gaben ihre Weiblichkeit preis, die die mächtige Kauffrau bis dahin stets nur mit kühler Berechnung eingesetzt hatte. Unter anderen Umständen wären lüsterne Männer wie der dicke Abgesandte der Handwerkergilde begeistert gewesen. Alle Zuschauer des makabren und peinlichen Schauspiels ahnten jedoch, dass hier etwas Furchtbares seinen Lauf nahm.

 Dann begann der Hochkönig, mit der Peitsche auf den entblößten Rücken Senesia Sidas einzuschlagen bis er mit blutigen Striemen überzogen war. Zunächst hatte sie die Zähne zusammengebissen, aber dann schrie sie vor Schmerz. Nachdem Gylbax endlich aufgehört hatte, gab er den vier Soldaten, die Senesia Sida herbeigeschleppt hatten, einen Wink. Vor den Augen des Konvents und seiner Ehrengäste schändete daraufhin jeder der vier Soldaten die schönste Frau der Welt. Anschließend lösten sie ihre Fesseln, entkleideten sie vollständig und banden sie mit einem langen Seil an den Sattelknauf eines bereitstehenden Pferdes. Einer der Soldaten stieg auf und galoppierte los. Senesia Sida stürzte und wurde auf dem Steinpflaster hinter dem Pferd hergeschleift. Der klappernde Hufschlag verklang, als der Reiter in eine Seitenstraße der breiten Allee einbog. In einem weiten Kreis galoppierte er um das Zentrum der Stadt mit seinen prächtigen Gebäuden. Dabei konnte er nicht sehen, wie sich im Augenblick ihres Todes die Gesichtszüge Senesia Sidas veränderten. Als der Soldat schließlich zur Zuschauertribüne zurückkam, war der Körper der Kauffrau völlig zerschunden, blutüberströmt und fast nicht mehr zu erkennen. Ihr Gesicht dagegen wirkte seltsamerweise völlig unversehrt. Aber es handelte sich nicht um das Gesicht, das die Menschen von Lumbur-Seyth in Erinnerung hatten. Es waren die mumienartigen Züge einer weit über hundertjährigen Frau. Entsetzt starrten die Zuschauer auf der kleinen Tribüne die Leiche an. Sie trösteten sich jedoch mit dem Gedanken, dass das da nicht die von ihnen verehrte Senesia Sida, der leuchtende Stern von Lumbur-Seyth, sein konnte.

Verärgert erfasste auch Gylbax, dass seine Bestrafungsorgie wohl doch nicht ganz die erhoffte Wirkung gehabt hatte. Wortlos eilte er mit zornigen Schritten zu seiner prunkvollen Kalesche und fuhr in Richtung Surdyrien davon. Zurück blieben ein sindrischer „Berater“ des Konvents, der den surdyrischen Botschafter von Obesiens Gnaden ersetzen sollte, und drei zum Schutz des „Beraters“ abgestellte Pylax.

*

Sein Lachen klang herzlich, obwohl ihm eigentlich gar nicht zum Lachen zumute war, genausowenig wie den anderen drei Personen im Turmzimmer. Immer noch kichernd fragte Schaddoch: „Und warum hast du nicht auch gleich noch die anderen achthundert beseitigt?“

„Ein paar wollte ich noch für dich übriglassen“, grinste Wurluwux.

Octoras Blick wanderte vom Fenster des Turmzimmers über die Hügel von Groch.

„Er will die Minen, also wird er als nächstes hierher kommen“, seufzte sie.

Schaddoch trat zu ihr und legte ihr sanft die Hand auf den Arm: „Auch mit tausend Kriegern könnt Ihr ihn hier nicht aufhalten. Er hat achthundert Pylax und zehntausend Soldaten. Ich entbinde Euch von Eurem Schutzversprechen. Ihr könnt Groch nicht halten, weder für Euch noch für uns.“

Octora sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an: „Ich werde eher sterben als ein Versprechen zu brechen.“

„Wenn Ihr hier sterbt, nützt Ihr unserer Sache nichts mehr“, insistierte Schaddoch, der die Zwangslage der Eisgräfin nun in ihrem vollen Ausmaß erkannt hatte. „Wenn Ihr Euch dagegen nach Tredon zurückzieht, habt Ihr vielleicht immer noch die Möglichkeit, Euer Versprechen einzulösen.“

„Der Junge hat recht“, fuhr Dryd Wantari dazwischen. „Wir ziehen uns nach Tredon zurück und schicken Boten zur Königin und nach Sandammon.“

„Beide Heere können nicht rechtzeitig in Tredon sein“, widersprach Octora. „Außerdem wären selbst die vereinten Heere der Nordlande der Schattenarmee des Hochkönigs unterlegen.“

„Dann ziehen wir uns eben noch weiter zurück, bis wir auf die anderen Heere aus Zogh treffen. Das alles ist immer noch besser als gleich hier abgeschlachtet zu werden“, schimpfte Dryd Wantari. „Wenn du nicht freiwillig mitkommst, stecke ich dich in einen Sack wie eine widerspenstige Katze.“

„Pass auf, dass dir die widerspenstige Katze nicht die altersschwachen Augen auskratzt, du nutzloser Fleischberg“, gab Octora nun plötzlich entschlossen zurück. „Rufe die Leute zusammen und brenne die Minen nieder! Das Scheusal soll keine Freude mit seinen Eroberungen haben.“

„So gefällst du mir schon viel besser, Watschelentchen“, schmunzelte Wantari.

„Darf ich mit euch mitkommen?“, fragte Schaddoch. „Hier kann ich derzeit ohnehin nichts mehr bewirken.“

„Ihr seid ein freier Baron, wenn auch ein ziemlich verkommener“, erwiderte Octora. „Ihr könnt gehen wohin Ihr wollt, solange Ihr uns nicht im Weg herumsteht.“

„Ich werde mich bemühen“, versicherte Schaddoch lächelnd und erntete einen anerkennenden Blick des alten Wantari.

„Ihr scheint der Gräfin zu gefallen“, brummte er. „Normalerweise belastet sie sich nicht mit Leuten, die vom Kriegshandwerk nichts verstehen.“

„Ich habe schon viele Schlachten geschlagen, wenngleich auch die meisten im Untergrund. Außerdem habe ich Surdyrien erobert, und sei es auch nur vorübergehend“, erinnerte Schaddoch. „Aber vor allen Dingen kenne ich jemanden, vor dem selbst die Pylax zittern.“ Mit gespieltem Stolz sah er hinüber zu Wurluwux.

„Ich werde nach Dirtos zurückkehren“, stellte der „Skorpion“ klar. „Irgendjemand muss ja wohl Shrogotekh beschützen, wenn der größenwahnsinnige König aus Lumbur-Seyth zurückkommt. Außerdem warten dort noch achthundert Pylax auf mich.“

Am folgenden Morgen begannen Octora und Dryd Wantari mit ihrem Heer den Rückzug nach Tredon. Schaddoch schloss sich ihnen an, während Wurluwux die Rückreise nach Dirtos antrat. Fetter, schwarzer Qualm lag über den Hügeln von Groch. Die Minen brannten.

*

Schon seit einigen Tagen hatte Saradur die Angewohnheit entwickelt, pünktlich um die Mittagszeit die Akademie von Modonos zu verlassen und sich gemeinsam mit dem Rektor zur Einnahme des Mittagsmahls in eine nahegelegene Schänke zu begeben. Quintora hatte dann stets etwa eine Stunde Zeit, um in seinen Räumlichkeiten weitere Nachforschungen anzustellen. Dies konnte sie ungestört tun, da sich außer ihr niemand wagte, die Räume des Sprechers in dessen Abwesenheit zu betreten. Quintora ging dennoch besonders vorsichtig zu Werke. Sie verließ sich nicht einfach darauf, dass Saradur an seiner Gewohnheit festhielt, sondern beobachtete stets seinen Weggang und seine Einkehr in die Schänke. Erst danach suchte sie seine Arbeitsräume auf. Nach einigen Tagen war sie schließlich zu der Einsicht gelangt, dass es in diesen Räumen nichts Neues mehr zu entdecken gab. Sie hatte jedoch herausgefunden, dass der Sprecher auch noch über ein Studierzimmer in der Bibliothek verfügte, die sich in den Katakomben befand. Den Schlüssel zu diesem Raum bewahrte Saradur in einem Schrank seines Arbeitszimmers versteckt auf.

Nachdem sich Quintora vergewissert hatte, dass der Sprecher mit dem Rektor wie jeden Tag in das Gasthaus gegangen war, huschte sie in sein Arbeitszimmer, holte dort den Schlüssel und nahm die nächstgelegene Treppe zu den Katakomben. Die Treppen und Gänge im tiefer gelegenen Zentralbereich der Bibliothek wurden von Ralumon-Bändern ausgeleuchtet, so dass man sich in diesem unterirdischen Reich recht gut orientieren konnte. Um diese Tageszeit wirkten die Gänge wie ausgestorben. Quintora begegnete niemand. Daher wurde sie auch nicht beobachtet als sie sich unerlaubterweise Zutritt zu dem Studierzimmer des Ordenssprechers verschaffte.

Beim Betreten des Raumes sah sie sich plötzlich einer Person gegenüber. Die Eisgräfin benötigte eine Sekunde, um zu erfassen, dass es sich um ihr eigenes Spiegelbild handelte. Schnell zog sie die Tür zu und verschloss sie sicherheitshalber. Dann schaute sie sich in dem äußerst karg möblierten Zimmer um, in dem sich nur ein kleiner Lesetisch mit einem bequemen Lehnstuhl, zwei Schemel und ein leeres Regal befanden. Der riesige Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte und eine Breite von drei Metern aufwies, war offenbar die Frontverkleidung eines eingebauten Schrankes. Quintora schloss dies daraus, dass er auf Seitenblenden aus Holz aufsaß, die knapp einen halben Meter in das Zimmer ragten.

Erst auf den zweiten Blick stellte sie fest, dass auf dem Lesetisch ein dicker, in stark abgegriffenes Leder gebundener Wälzer lag. Neugierig schlug sie das Buch auf und erschrak. Es handelte sich offenbar um ein monumentales Werk über die Eisbäume. Als sie darin blätterte, fand sie heraus, dass in mehreren Kapiteln auch die Geschichte der Eisgrafen beschrieben war. Sie erinnerte sich daran, eine Abschrift dieses Buches einmal in der Harlang-Bibliothek des Quaralpalasts gesehen zu haben.

Da es im frei zugänglichen Bereich des Raumes ansonsten nichts von Bedeutung zu erkunden gab, entschloss sich Quintora, den eingebauten Schrank zu öffnen. Jedoch befanden sich weder an der Vorderseite noch im seitlichen Bereich Griffe oder ähnliche Öffnungsvorrichtungen. Deshalb legte sie ihre Hände flach auf den Spiegel und versuchte, ihn zur Seite, nach oben und nach unten zu verschieben. Er gab jedoch in keiner Richtung nach. Als sie daraufhin ihre Hände zurückziehen wollte, gelang ihr dies nicht. Es fühlte sich an als wären sie festgeklebt. Völlig verwirrt stemmte Quintora ihren Fuß im Bodenbereich gegen den Schrank und versuchte erneut, die Hände frei zu bekommen. Dies führte dazu, dass nun auch noch ihr linker Fuß an der Spiegelfläche haftete. Da sie eine über den Knöcheln geschnürte Fußbekleidung aus Leder trug, konnte sie den Fuß nicht befreien. Erst als ihr bewusst wurde, dass sie wegen des Spiegels den „vernichtenden Blick“ nicht einsetzen konnte, wurde ihr auch klar, dass sie in eine Falle getappt war. 

Während sie noch überlegte, wie sie sich aus dieser misslichen Lage befreien könnte, erklang hinter ihr eine Stimme: „Schauen Sie sich nicht um und versuchen Sie nicht, den „vernichtenden Blick“ anzuwenden, sonst werde ich Sie erschießen, Eisgräfin Quintora. Sie können mich im Spiegel sehen.“

Das war nicht einmal nötig. Quintora hatte den Mann bereits an seiner schneidenden Stimme erkannt. Um seine Drohung zu unterstreichen, trat Saradur ein wenig zur Seite, so dass die Eisgräfin auch den angelegten Stiftlader sehen konnte.

„Trotz Kerdaris sind Sie mir auf den Leim gegangen“, stellte der Ordenssprecher selbstgefällig fest, ohne dass Quintora wusste, was er damit meinte. Dann kam er auch schon gleich zur Sache: „Ich will Ihnen eigentlich nichts tun, sondern nur mit Ihnen reden. Es wäre für uns beide einfacher und angenehmer, wenn Sie mir versprechen würden, mich nicht anzugreifen, solange wir uns in der Akademie befinden.“ 

„Sie sind der schlimmste Feind des Nordens“, stieß Quintora trotzig hervor.

„Da täuschen Sie sich. Ich mag vielleicht der schlimmste Feind des Nordens gewesen sein“, entgegnete Saradur mit einer gewissen Überheblichkeit. „Aber das war bevor Gylbax von Sindra angefangen hat, die obesische Armee zu vernichten. Wir haben jetzt einen gemeinsamen Feind. Deshalb möchte ich Ihnen ein zeitlich befristetes Bündnis vorschlagen. Außerdem wird es Sie interessieren, zu hören, dass sich der Eisgraf Unitor in großer Gefahr befindet – wieder einmal.“

Quintora überdachte blitzschnell ihre Situation und sah ein, dass sie keine Wahl hatte: „Also gut, ich verspreche Ihnen, dass ich Sie in der Akademie nicht angreifen werde.“

„Dieser Raum hier gehört zur Akademie“, betonte Saradur. 

„Das ist mir bekannt“, entgegnete Quintora.

Saradur legte den Stiftlader beiseite und zog ein kleines Fläschchen aus einer Tasche seines Gewands.

„Ich habe den Spiegel mit einer klebrigen Substanz präpariert, mit der eine fleischfressende Pflanzenart Insekten fängt“, erklärte er. „Für ihre Befruchtung braucht die Pflanze aber einen kleinen Käfer. Dieser Käfer sondert ein Sekret ab, welches eine Anhaftung an der Pflanze verhindert. Wissenschaft kann man nur betreiben, wenn man die Natur als Lehrmeisterin akzeptiert.“

Er goss das Sekret aus dem Fläschchen zwischen den Spiegel und Quintoras Hände sowie den Schuh, woraufhin sofort die Klebewirkung aufgehoben wurde.

„Warum liest ein Mann wie Sie, der den Norden vernichten will, Bücher über Eisbäume?“, wollte die Eisgräfin wissen.

„Weil man seine Feinde kennen sollte. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, dass ich den Norden vernichten will“, stellte der Ordenssprecher richtig.

„Wieso glauben Sie, dass die Eisbäume Ihre Feinde sind?“, fragte Quintora weiter.

Saradur setzte sich in den Lehnstuhl und zeigte auf einen der Schemel. Aber Quintora zog es vor, stehen zu bleiben.

Dann begann er mit fanatisch leuchtenden Augen seine Erläuterungen. Die Eisgräfin bemerkte sofort, dass er über sein Lieblingsthema referierte.

„Ich will offen zu Ihnen sein. In dieser Welt gibt es noch etliche Relikte aus längst vergangenen Epochen. Man nennt sie nicht von ungefähr das „Geflecht der alten Wesenheiten“. Dazu gehören auch die Eisbäume. Solche Relikte haben die Eigenschaft, sich an Wertesystemen der Vergangenheit festzuklammern, die nicht mehr in unsere Zeit passen. Ich gehöre zu einer Gruppe von Leuten, die die Auffassung vertreten, dass dieses Geflecht beseitigt werden muss, um dem Kontinent Fortschritt zu ermöglichen.“

Quintora sah ihn völlig verständnislos an. Dies veranlasste ihn, in seinen Erklärungen fortzufahren: „Manche dieser Relikte sind nicht nur hinderlich, sie sind auch gefährlich und voller Zerstörungskraft. Denken Sie nur an die Schattenarmee des Hochkönigs. Ich weiß, dass Sie das in Bezug auf die Eisbäume anders sehen. Aber lassen Sie uns die Eisbäume vorübergehend einfach ausklammern bis unser gemeinsamer Feind geschlagen ist. Er wird als Nächste die Oberste Strategin angreifen.“

Quintora blieb misstrauisch: „Woher wollen Sie das wissen? Und was ist mit Unitor?“

„Was ist mit unserer Allianz?“, stellte Saradur die Gegenfrage.

Die Eisgräfin zögerte immer noch: „Was erwarten Sie von mir?“

„Wenn jemand in der Lage ist, Gylbax aufzuhalten, dann ist es der Norden“, behauptete der Ordenssprecher. „Er muss aber alle seine Kräfte bündeln: das Vereinte Heer, die Reiter der Königin, die Armee des Marschalls, die Höhlen-Zogh und das Heer von Drinh, am besten auch noch kleinere Armeen wie die von Marandia oder die Ihres Vaters, falls dazu die Zeit noch reicht.“

„Drinh und mein Vater haben keine nennenswerten Armeen“, wandte Quintora ein.

„Da irren Sie sich zumindest was Drinh anbelangt“, widersprach Saradur. „Charas hat auf meine Veranlassung hin ein großes Heer aufgestellt, sogar mit Reiterei. Ich selbst habe törichterweise dafür gesorgt, dass ihm Pferde aus Nord-Obesien zur Verfügung gestellt wurden. Es gibt sogar Obesier, die in seiner Armee Dienst tun. Aber in der jetzigen Situation ist Charas nicht mehr länger tragbar. Er ist völlig außer Kontrolle geraten und wird einen Krieg unter den Fürstentümern anzetteln. Unitor muss seinen Platz einnehmen. Er ist ohnehin der wirkliche Fürst zu Drinh. Und dort braucht er Sie jetzt.“

Saradur verschwieg natürlich den maßgeblichen Grund seiner Verärgerung. Charas zu Drinh hatte sich nicht als das willfährige Werkzeug erwiesen, das der Ordenssprecher benötigte, um seine Vorhaben im Norden in die Tat umzusetzen. Der Fürst führte sich vielmehr auf wie ein Priester des Wissens, indem er rücksichtslos eigene Interessen verfolgte. Dennoch war er zurzeit das geringere Problem. Der bevorstehende Kriegszug des Hochkönigs von Sindra bereitete dem Ordenssprecher wesentlich mehr Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte.

Da Quintora nichts sagte, fuhr Saradur fort: „Sie wissen, dass sich Unitor nach Drinh begeben wollte, um sein Geburtsrecht einzufordern. Anscheinend wurde er aber verraten und sitzt jetzt dort im Kerker. Sie sind meines Erachtens die Einzige, die ihn befreien kann.“

Quintora durchschaute die Absichten des Sprechers. Aus seiner Sicht war es das Beste, wenn sich die Heere des Nordens und des Hochkönigs gegenseitig vernichteten. Dadurch würde Obesien nicht nur von dem zu erwartenden Angriff der Sindrier verschont bleiben, sondern zugleich auch noch die absolute Vormachtstellung auf dem Kontinent erlangen. Aber hatte sie eine Alternative?

*

Die breiteste Stelle des Lumbur-Stroms mit Ausnahme des Flussdeltas fand sich oberhalb des Dreiländerecks von Lumburia, Sindra und Surdyrien. Unmittelbar hinter der Stelle wo der Strom nur noch die Grenze zwischen Lumburia und Surdyrien darstellte, verzweigte er sich in mehrere Arme, die einige Felsinseln umspülten. Das surdyrische Ufer und drei dieser Inseln waren durch Hängebrücken miteinander verbunden. Zwei Drittel der Flussbreite konnten auf diese Weise überquert werden. Zur Überwindung des breitesten, träge am lumburischen Ufer dahinfließenden Arm des Stroms musste man jedoch eine Fähre benutzen. Diese bestand aus einem Floß, dessen Seilzug zwischen der letzten Insel und dem gegenüberliegenden Ufer verankert war.

Das Floß lag an der Anlegestelle auf der lumburischen Seite. Für Berion, der sich zu Fuß bis zu der letzten, durch eine Hängebrücke erschlossenen Insel begeben hatte, befand es sich in unerreichbarer Ferne. Unmittelbar hinter der Uferböschung begann der scheinbar undurchdringliche Regenwald. Die hohen Bäume wurden noch weit überragt von zwei Felsnadeln, die „Das Tor von Lumburia“ genannt wurden.

Berion saß bereits seit mehr als zwei Stunden auf dem höchsten Punkt der Insel bis im Wald hinter der Anlegestelle endlich einer der riesigen Ureinwohner auftauchte und sich zu der Fähre begab. Während der Lumburier das Floß vom Liegeplatz löste und in Bewegung setzte, stand Berion auf. Er stieg den kleinen Hang bis zur Anlegestelle der Fähre auf der Insel hinab und hob die Hände, um dem Lumburier zu zeigen, dass er nicht bewaffnet und in friedlicher Absicht gekommen war. Es dauerte nur eine kurze Weile, bis der riesige Fährmann mit kräftigen Stößen seiner Stake, die fast die Ausmaße eines kleinen Baumstamms besaß, das Floß zu der Insel übergesetzt hatte. Dort vertäute er es an der Landestelle, richtete sich auf und sah Berion wortlos an. 

Da dem Höchsten Priester die Gepflogenheiten der Ureinwohner geläufig waren, sagte er: „Ich bitte um die Genehmigung, Lumburia betreten zu dürfen, um meinen Vater zu besuchen.“

Obwohl der Fährmann Berion kannte, fragte er dem lumburischen Wächterritual entsprechend: „Haben Sie jemand, der sich für Sie verbürgt?“

„Ugudag Teket dru banir und Mulmok Niled sof sohar“, antwortete Berion.

Der Ureinwohner nickte: „Bei zwei Bürgen dürfen Sie gleich mitkommen. Sie kennen die in meinem Land geltenden Bräuche und werden sie befolgen?“

„Ich kenne die Bräuche und werde sie befolgen“, bestätigte Berion.

Der Fährmann, zuckte die Schultern: „Tut mir leid, Berion, aber Sie wissen ja, dass keine Ausnahmen gemacht werden dürfen.“

„Ich danke Ihnen, dass Sie mir den Zutritt erlauben“, entgegnete Berion höflich und folgte dem riesigen Fährmann auf das Floß. Der Lumburier löste die Seile und schob die Fähre mit seinen kraftvollen Stößen über den zäh wie eine Schlammmasse dahinfließenden Lumbur zurück zu der Anlegestelle am anderen Ufer.

Berion zögerte kurz, bevor er das Land betrat. Noch nie hatte er ein solches Gefühl gehabt, so als ob er mit diesem Schritt seinen endgültigen Bestimmungsort erreicht hätte. Hastig schüttelte er dieses Gefühl ab und folgte dem Fährmann zu der Uferböschung. Als er zwischen den beiden Felsnadeln hindurchging, war ihm bewusst, dass er nun eine völlig andere Welt betrat. Ein schmaler Pfad führte in das grüne Halbdunkel des dichten Urwalds. Berion zwang sich, weiterzugehen, obwohl ihn erneut diese düstere Vorahnung befiel. Ihm dünkte als würde der Dschungel diesmal darauf warten, ihn zu verschlingen.

*

Die schwarze Burg von Marandia wirkte wie das kantige Gesicht eines Königs, der eine weiße Krone aus Schnee trug. Hier oben im hohen Norden war noch nichts davon zu spüren, dass sich der harte Winter langsam seinem Ende zuneigte. Müde und mühsam stapften die Pferde von Dryd Regytaks halber Standarte auf die Burg zu. Arthania und ihre Reiter hatten ihre schweren Fellmäntel eng um sich geschlungen, nachdem das Schneetreiben wiedereingesetzt hatte.

Ein einzelner Reiter kam ihnen von der Burg entgegen. An seinem großen, braunen Hengst mit der breiten, weißen Blesse erkannte die Königin schon von weitem, dass es sich um den Fürsten selbst handelte.

„Euer Bote ist bereits vorgestern hier eingetroffen. Seid willkommen und bringt Eure Männer an die wärmenden Feuer. Ich habe bereits ein Lager in meiner Burg vorbereiten lassen“, begrüßte Fürst Taldin die Königin gutgelaunt.

„Habt Dank“, erwiderte Arthania. „Ihr seid der beste Mann des Nordens.“

Er lächelte hintergründig: „Ich hoffe, Ihr habt noch immer die gleiche Meinung wenn Ihr meine Burg verlasst.“

In einer langen Prozession ritten die Krieger der Königin über die aus schwarzen Steinquadern gemauerte Brücke, die die Felsspalte vor dem Eingang der schwarzen Burg überspannte. Das aus armdicken Eisenstreben bestehende Fallgatter war hochgezogen. Hinter der Burgmauer kämpfte sich eine große Rauchwolke, die aus vielen Feuern gespeist wurde, mühsam gegen die Masse der herabschwebenden Schneeflocken in höhere Gefilde empor. Auch das massive, schwarze Stahltor, das sich schon vielen Feinden kalt und abweisend entgegengestellt hatte, stand weit offen. Arthania genoss den Blick auf die einladende Atmosphäre des vom Fürsten vorbereiteten Zeltlagers mit den behaglichen Feuern und den lustig flatternden, bunten Wimpeln an den Gestängen. 

Nachdem die Königin abgestiegen war, übergab sie die Zügel ihrer Stute an Dryd Regytak und schloss sich Taldin zu Marandia an. Derweil begann ihr Gefolge bereits, sich in dem gastlichen Lager einzurichten.

Anders als bei den meisten Burgen im Norden gab es in Marandia nur einen schmucklosen Eingang, zu dem eine hohe, steile Treppe hinaufführte. An jedem Winkel dieser Anlage konnte ein aufmerksamer Beobachter erkennen, dass er es mit einem in vielen Schlachten erprobten Zweckbau zu tun hatte. In früheren Zeiten hatte er vor allem als Bollwerk gegen die Piraten des Nordmeers gedient, die inzwischen aber längst von der Bühne der Geschichte verschwunden waren. Der jetzige Fürst wurde nicht nur als gutmütiger und weiser Mann gerühmt, sondern auch für seine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Gastfreundschaft. Deshalb steckte dieser Ort voller Gegensätzlichkeiten.

Auch wenn Arthania in den Nordlanden als harte Kriegerin galt, so war sie dennoch eine Frau. Deshalb bemerkte sie auf Schritt und Tritt, dass Taldin im Inneren der Burg einen verzweifelten Kampf gegen die trostlose Düsternis der schwarzen Gemäuer führte. Die Böden waren mit Teppichen in hellen, freundlichen Farben ausgelegt. An den Wänden prangten großflächige Gemälde und textile Wandbehänge, vorwiegend mit Jagdmotiven. Statt mit Hilfe der sonst gebräuchlichen Fackeln wurden die Räume durch Stand- und Hängeleuchten mit unzähligen Kerzen in ein zauberhaftes Licht getaucht. In einigen Räumen befanden sich sogar mit Wasser gefüllte Steinbecken, in denen bunte Fische schwammen. Anstelle der in anderen Burgen allgegenwärtigen Waffen und Rüstungen fanden sich in jedem Zimmer Regale voller Bücher, Musikinstrumente und Kunstgegenstände.

Taldin blieben die sehnsüchtigen Blicke Arthanias nicht verborgen. Und nun, da sie allein waren, kehrte auch die alte Vertraulichkeit zurück.

„Jeder von uns Mächtigen hat eine Aufgabe zu erfüllen“, erinnerte der Fürst. „Du bist nun einmal die Schutzpatronin des Nordens. Und ohne dich wäre das alles hier garnicht möglich.“

Arthania warf ihm einen dankbaren Blick zu: „Du willst mich trösten. Das ehrt dich. Ohne deine Klugheit säße ich vielleicht jetzt im Flammensaal und könnte mich nicht so frei gegen das heraufziehende Unheil stellen. Aber deiner Klugheit ist es auch geschuldet, dass ich jetzt hier bin und dir eine Bitte vortragen muss.“

„Auch wenn der Anlass deines Besuchs nicht erfreulich ist, so bin ich dennoch für jeden Anlass dankbar, der dich hierher führt“, lächelte der Fürst und seine Augen strahlten als er Arthania ansah. Aber dann bildete sich eine Falte auf seiner Stirn: „Du willst ein Elektral einberufen und Zallux absetzen.“

Taldin war in einem der kleineren, gemütlichen Zimmer stehengeblieben und lud die Königin durch eine Handbewegung ein, auf einem der mit dunkelblauem Samt bezogenen Sessel Platz zu nehmen. Arthania nahm das Angebot bereitwillig an. Ein zuvor nicht sichtbarer Diener kam herbeigeeilt und hielt der Königin ein Tablett mit einer Auswahl mehrerer Getränke hin. Arthania nahm ein Glasgefäß mit dem unverkennbaren, orangefarbenen Tee, der aus getrockneten, exotischen Früchten zubereitet wurde. Er galt als eine der Spezialitäten, die man nirgendwo in gleicher Qualität wie in Marandia bekommen konnte.

„Er ist köstlich“, strahlte Arthania nachdem sie genippt hatte. „Schon wieder etwas, worum ich dich beneide. Aber jetzt fällt es mir nur noch schwerer, meine Bitte vorzutragen.“

Taldin setzte seine Tasse hart ab. Er ahnte nun, worauf die Königin hinauswollte: „Das kann nicht dein Ernst sein, Arthania. Meine Aufgabe ist es, über den einzigen Hafen Mithriens zu wachen. Es fällt mir bereits äußerst schwer, diese Verantwortung zu tragen.“

Arthania blieb jedoch hartnäckig: „Niemand ist geeigneter als du. Ich sagte dir bereits, dass du der beste Mensch im Norden bist. Und du bist außerdem der Klügste.“

Taldin wehrte diesen Vorstoß symbolisch mit zwei ausgestreckten Händen ab: „Deine Meinung von mir ehrt mich, auch wenn ich sie nicht teile. Aber selbst wenn dem so wäre, so gehört doch viel mehr als Güte und Klugheit dazu, drei Länder zu einen und zu schützen. Schon dieses Fürstentum hat mir mehr als einmal meine Grenzen gezeigt. Nein, Arthania, ich würde dir gerne helfen, aber ich werde auf keinen Fall eine Aufgabe übernehmen, der ich mich nicht gewachsen fühle. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt richtig ist, zum jetzigen Zeitpunkt ein Elektral zu verlangen.“

Arthania musterte ihn befremdet: „Wie kommst du darauf? Findest du es etwa richtig, dass ein Mann auf dem Flammenthron sitzt, dem die Gesetze und moralischen Werte des Nordens nichts bedeuten?“

Taldin nickte verstehend: „Du weißt es also noch nicht. Ich hatte das schon befürchtet.“

„Was weiß ich nicht?“, wunderte sich Arthania. 

„Charas zu Drinh hat eine große Armee aufgestellt und zwei ehemalige Stützpunkte der Obesier erobert, darunter eine Festung in der Einöde von Clampp, die eigentlich zum Fürstentum von Kerdaris gehört“, berichtete Taldin. „Jorgal zu Kerdaris hat mich durch einen Boten um Hilfe gebeten. Wenn Charas auf derart rücksichtslose Weise die Besitzverhältnisse missachtet, steht zu befürchten, dass er auch Kerdaris selbst anzugreifen gedenkt. Da Jorgal im Recht ist, kann ich ihm die erbetene Hilfe nicht abschlagen. Aber meine kleine Streitmacht ist dem großen Heer, das Charas aufgestellt hat, hoffnungslos unterlegen. Und Jorgal hat nur seine Burgwache.“

Arthania stand auf und ergriff die Hand Taldins. In ihren grauen Augen stand plötzlich diese unbeugsame Härte, für die die Krieger aus Zogh berüchtigt waren: „Ich werde das für dich erledigen. Da ich damit rechnete, nach Gatya ziehen zu müssen, hatte ich bereits Boten losgeschickt, die meine Heere zu der großen Brücke am Garth beordern. Ich werde ihnen bis Clampp entgegenreiten.“

„Da siehst du es. Du bist klüger als ich“, stellte Taldin fest. „Du wusstest bereits im Voraus, dass ich dein Ansinnen ablehnen würde.“

Arthania lächelte: „Aber den Versuch war es wert.“

„Ich danke dir für deine gute Meinung von mir. Und ich danke dir, dass du mir deine Hilfe angeboten hast, aber …“ Der Fürst kaute nervös auf seinen Lippen. „Du wirst mir nicht helfen können. Du weißt immer noch nicht alles.“

Arthania ließ sich wieder in ihren Sessel sinken und vermied es, die Frage zu stellen. Stattdessen nahm sie einen tiefen Schluck des Tees, der mittlerweile nur noch lauwarm, aber unverändert wohlschmeckend war. 

Daher fuhr Taldin fort: „Hier in Marandia erreichen uns nicht nur die Meldungen der Boten, sondern auch die Berichte und Gerüchte der Flussschiffer und Seefahrer. Nach allem was ich gehört habe, ist der Hochkönig von Sindra mit einer großen Schattenarmee der Pylax unterwegs, um Surdyrien und Lumbur-Seyth zu erobern. Deine Tochter ist aus Groch geflohen und unterwegs nach Tredon.“

Die Königin war bestürzt: „Octora? Bist du sicher? Aber ich dachte, es gibt keine Pylax mehr.“

„Angeblich wurde die Schattenarmee von einer Priesterin des Wissens wiedererweckt“, erzählte der Fürst. „Mit ihrer Hilfe hat Gylbax XII. zwei ihm zahlenmäßig weit überlegene Heere der Obesier vernichtet. Anschließend ist er nach Surdyrien gezogen. Dort hatte zuvor Schaddoch einen Aufstand gegen die Obesier angezettelt. Deine Tochter hat anscheinend die Gelegenheit genutzt und während dieser Wirren die Festung und Minen von Groch eingenommen, die sie nun aber wieder aufgegeben hat. Wenn Octora sich zurückzieht, wird sie vermutlich von einem übermächtigen Gegner angegriffen. Ich glaube nicht, dass sie vor den Obesiern nach Tredon geflohen wäre, schon garnicht jetzt, da die Obesier derart geschwächt sind.“

Arthania saß lange Zeit reglos in ihrem Sessel, während es hinter ihrer leicht gefurchten Stirn fieberhaft arbeitete. Schließlich sagte sie mit heiserer Stimme: „Du hast gesagt, ich sei die Schutzpatronin des Nordens. Schon deshalb kann ich nicht zulassen, dass du für eine völlig sinnlose Sache stirbst. Ich werde nach Drinh gehen und von Charas verlangen, dass seine Armee gemeinsam mit mir nach Tredon zieht, um der Obersten Strategin beizustehen. Eine Ablehnung würde ich als Hochverrat ansehen. Die Sache mit Kerdaris können wir hinterher regeln, ebenso das Elektral.“

Taldin nickte nachdenklich.

„Ich habe vorhin nur gesagt, dass ich es ablehne, als Hüter der Flammen zu kandidieren. Ansonsten werde ich aber jeden Antrag unterstützen, den du für richtig hältst. Du kannst immer auf mich zählen“, versicherte er der Königin.

Die Züge und die Stimme Arthanias wurden übergangslos wieder ganz weich als sie sagte: „Weißt du, was ich bei alledem am meisten bedaure?“

Taldin sah sie fragend an. Nun lächelte die Königin schelmisch wie ein junges Mädchen: „Dass ich deine Gastfreundschaft nur noch heute Nacht in Anspruch nehmen kann.“

*

Als Crandin am Morgen nach seinem Eintreffen in der Burg Drinh aufwachte, fand er eine Schriftrolle mit dem Siegel des Fürsten auf dem Stuhl neben seinem Bett. Er entrollte sie und las folgenden Text:

Crandin, meine Sache ist zu wichtig, als dass ich sie in die Hände eines abtrünnigen Priesters des Wissens legen könnte. Ich habe den Verdacht, dass ihr beide die Absicht hattet, mich zu verraten. Verlassen Sie meine Burg um die Mittagszeit. Falls Sie versuchen, den Eisgrafen zu befreien, werden meine Wachen Sie töten. Das Dokument trug die Unterschrift „Charas, Fürst zu Drinh und Kerdaris“.

Da wusste Crandin, dass sein schöner Plan fehlgeschlagen war. Er sprang aus dem Bett, kleidete sich geschwind an und verließ sein Zimmer. Auf dem Gang erwarteten ihn jedoch zwei Soldaten des Fürsten mit gezückten Schwertern.

„Um die Mittagszeit!“, herrschte ihn einer der Wächter an. Daraufhin zog sich Crandin wieder in das Zimmer zurück. Nach kurzer Zeit angestrengten Nachdenkens trat er ans Fenster und stieß einen schrillen Pfiff aus. Nur Sekunden später erschien der graue Papagei in der Fensteröffnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Charas zu Drinh mit einer Armee von über dreihundert Berittenen und zweitausendachthundert Fußsoldaten erst einen kleinen Teil der geplanten Wegstrecke zurückgelegt.

Die weiße Burg von Kerdaris war in ihrer Bauweise völlig einzigartig und wirkte hier im Norden wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt. Auf einem zerklüfteten Berg errichtet verfügte sie über keinerlei Schutz- und Wehranlagen. Sie bestand aus fünf kreisrunden Gebäuden und achtzehn schlanken Rundtürmen mit spitzen Dächern, wobei diese Gebäude scheinbar völlig willkürlich angeordnet und untereinander durch unzählige schmale, überdachte Steinbrücken verbunden waren. Dem Auge des Betrachters blieben die zahlreichen Gänge verborgen, die das Innere des Berges wie ein Labyrinth durchzogen. Diese Anlage hatte vor vielen Jahrhunderten ein Ritterorden errichtet, dessen Mitglieder sich die „Ritter im Berg“ nannten und einem geheimnisvollen Gott der Unterwelt huldigten. Wie die Burg in den Besitz des Fürstengeschlechts von Kerdaris gelangt war, galt nach wie vor als eines der ungeklärten und nicht belegten Ereignisse in der Geschichte Mithriens.

Weder Charas zu Drinh noch seine beiden Heerführer Lergin Drinh und Surval Perinth konnten sich dem beklemmenden Gefühl entziehen, das der Anblick dieser seltsamen, eher an einen Tempel als an eine Burg erinnernden Anlage vermittelte. Dieser Eindruck wich aber bei Charas schnell wieder der Sicherheit, die sich mit dem Wissen verband, ein Heer von mehr als dreitausend Kämpfern im Rücken gegen ein unbefestigtes Schloss zu führen.

Als auf der Felsrampe, die den Eingang zu der Anlage bildete, zwei Unterhändler mit weißen Fahnen erschienen, lächelte Charas seinen beiden Heerführern zu: „Ich glaube, ihr könnt mich ab sofort „Fürst zu Drinh und Kerdaris“ nennen. Durch dieses Fürstentum bekommen wir die Möglichkeit, unsere Armee deutlich aufzustocken und in Tredon unterzubringen. Ich werde mir auch neue Titel für euch einfallen lassen müssen.“

Einer der beiden Unterhändler, der die blaue Kappe des Burgvogts trug, begrüßte Charas: „Willkommen in Kerdaris, Fürst zu Drinh. Was führt Euch hierher?“

„Ich hasse unnötiges Geplänkel“, schnaubte Charas. „Ich verlange die Übergabe dieser Burg.“

„Mein Herr hat das bereits befürchtet“, gab der Burgvogt resigniert zu. „Er bittet Euch, zu ihm zu kommen, um die Kapitulationsbedingungen auszuhandeln.“

„Ich werde Euch mit meinen beiden Heerführern begleiten“, stimmte Charas zu Drinh zu. „Wenn einem von uns auch nur ein Haar gekrümmt wird, wird meine Armee die Burg und den ganzen Berg in Schutt und Asche legen.“

Charas war bekannt, dass dem Fürsten zu Kerdaris der Ruf einer übertriebenen Vorsicht und Ängstlichkeit vorauseilte. Ganz bewusst verzichtete er darauf, ausdrücklich freies Geleit zu verlangen, weil er schon die geringsten Anzeichen von Schwäche vermeiden wollte. Selbstsicher folgte er dem Burgvogt zum kleinen Ratssaal, dem Allerheiligsten der Burg von Kerdaris. Auf dem Weg dahin, der durch mehrere Türme und über mehrere Brücken führte, konnte er immer wieder Blicke auf die zahlreichen Gitterkäfige erhaschen, in denen der Sage nach die „Ritter im Berg“ Feinde und Ketzer an den Türmen emporgezogen hatten, wo sie dann zum Fraß für die Raben hängen blieben.

Im kleinen Ratssaal erwartete Jorgal zu Kerdaris den Fürsten zu Drinh. Zu seiner Rechten saß ein hoch aufgeschossener, dünner Mann mit einer auffallend gebogenen Nase und sandfarbener Haut. Zu seiner Linken saß ein Jüngling mit außergewöhnlich schönen Gesichtszügen, die von einer goldenen Lockenpracht umrahmt wurden. Seine Haut war blütenweiß und seine Augen geschlossen als würde er schlafen. 

Das erzürnte den Fürsten zu Drinh so sehr, dass er ihn andonnerte, noch bevor Jorgal ihn begrüßen oder die beiden Personen vorstellen konnte: „Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand bei meiner Ankunft schläft.“

„Ich schlafe nicht“, widersprach der Jüngling mit einer seltsamen Betonung in der weichen Stimme. Als er die Lider aufschlug, erschraken Charas und seine beiden Begleiter. Die gelb funkelnden Augen mit senkrechten, schwarzen Sehschlitzen schienen zu einem Raubtier oder Reptil zu gehören. Aber Charas fand sofort zu seiner Überheblichkeit zurück und dachte nicht daran, sich Furcht einflößen zu lassen.

„Willkommen in meiner Burg, Fürst zu Drinh“, begrüßte Jorgal, der inzwischen aufgestanden war, seinen ungebetenen Gast. „Was führt Euch zu mir?“

„Ich bin hier, um Eure Burg und Euer Fürstentum zu übernehmen“, erwiderte Charas ohne Umschweife. „Schickt die beiden Männer hier weg. Ich verhandle nur mit Euch.“

Jorgal zu Kerdaris ignorierte diese Aufforderung.

„Das ist ein Gesandter des Hochkönigs von Sindra“, erklärte er mit Blick auf den Mann zu seiner Rechten. Dann deutete er mit einer Geste auf den Mann zu seiner Linken: „Und das ist Rooll. Er lebt schon seit sehr langer Zeit in dieser Burg.“ Nun wandte er sich wieder an Charas: „Nennt Ihr mir wenigstens den Grund, warum Ihr mein Fürstentum annektieren wollt?“

„Es gibt fünf Fürstentümer in Mithrien, aber nur drei Stimmen im Elektral“, argumentierte Charas widerwillig. „Das sind also zwei Fürstentümer zu viel. Ich werde auch Tanaria übernehmen.“

„Aber es gibt fünf Eisbäume“, wandte Jorgal ein. „In Zogh und Gatya gibt es nur jeweils zwei Eisbäume aber auch drei Stimmen. Die Stimmverteilung für das Elektral beruht auf der Willkür menschlicher Gesetze