Prolog

Tinsdal, der greise Herrscher der Sterzen des Ostens, saß zusammengesunken auf seinem steinernen Thron. Seine wachsamen Augen, denen selbst im hohen Alter noch die Sehschärfe eines Gebirgsadlers erhalten geblieben war, hatten in der Ferne ein unregelmäßiges Blinken am Himmel wahrgenommen. Mit Hilfe seines Zeichendeuters schleppte sich der Herrscher zu dem kleinen Fenster in der dicken Granitwand. Auf einer Felsplatte des mächtigen Kijanduk-Massivs, gewissermaßen auf dem Dach der Welt, hatten Tinsdals Ahnen eine uneinnehmbare Festung errichtet. Einen Augenblick lang glaubte der Sterzenkönig, eine silberne Kugel auf seine wuchtige Burg zurasen zu sehen. Bereits einen Lidschlag später war die Silberkugel von einem Flammenschweif eingehüllt und flog weit am Aralt-Gebirge vorbei in Richtung Westen, dorthin wo die Dun ein gewaltiges Reich errichtet hatten.
Früher gab es auch kleinere Stämme der Dun in diesem Hochgebirge, das von ihnen „Zok“ genannt wurde. Mit dem Laufe der Zeit waren sie jedoch ausgestorben, weil Tinsdals Vorfahren, die Einwanderer aus dem westlichen Teil der nördlichen Hochebenen, besser mit den eisigen Temperaturen der langen Winter zurechtkamen.
Tinsdal sah der Feuerwalze nach bis sie verschwand.
„Ein Zeichen“, murmelte der Zeichendeuter. „Wir sollen das Gebirge verlassen und dem Feuer folgen.“
In den mündlichen Überlieferungen der Sterzen gab es keine Berichte, wonach jemals ein Zeichendeuter geirrt hatte. Daher verließen sie das Aralt-Gebirge und zogen weiter in den Süden. Zurück blieben die Kinder, die sie mit den Dun gezeugt hatten. Es handelte sich um Menschen, die von den Dun die hohe Statur und von den Sterzen die ebenmäßigen Gesichtszüge und weißen Haare geerbt hatten. Sie überlebten in den Höhlen des Aralt und verbreiteten sich Jahrtausende später über die Hochebenen bis zum Ostmeer.

*

Daruk weilte in Derfat Timbris als die riesige Feuerwalze am Abendhimmel erschien und schließlich am Horizont tief im Süden erlosch. Dem König der Dun brachte sie eine Erleuchtung, die ungezählte Generationen überdauerte.
Vor der Zeit seines Großvaters hatte es zuletzt nur noch in der Mitte des Kontinents einige versprengte Stämme der Dun gegeben, die eine völlig unvorhergesehene Fügung des Schicksals davor bewahrte, zwischen den kriegerischen Sterzen des hohen Nordens und den riesenhaften Ureinwohnern aufgerieben zu werden. Mit Ausnahme der kalten Nordlande besiedelten die Ureinwohner, die sowohl den Dun als auch den Sterzen an Kraft und Intelligenz überlegen waren, die gesamte Festlandsfläche des Kontinents. Eines Tages suchte ein Stammesführer der Ureinwohner, der sich „Thefur dorsu nal ransi“ nannte, Daruks Großvater auf. Er zeigte ihm einen unscheinbaren grauen Stein mit glitzernden, kleinen Einschlüssen und behauptete, dass dieser Stein eine Botschaft der Sterne beinhalte. Danach seien die Dun dazu ausersehen, die Herrschaft über den gesamten Kontinent zu übernehmen. Er selbst habe die Aufgabe, sie dabei zu unterstützen. Um zu beweisen, dass er die Wahrheit sprach, überfiel er mit seinem Stamm einen anderen Stamm seines eigenen Volkes und vernichtete ihn. Taril, dem Großvater Daruks, gelang es daraufhin mit Hilfe seines ungewöhnlichen Verbündeten, die Stämme der Dun zu vereinen. Gemeinsam bekämpften sie die Ureinwohner überall auf dem Kontinent und trieben sie immer weiter zurück zum Ort ihrer Herkunft, den Regenwäldern jenseits des Lumbur-Stroms. Aus allen Teilen des Kontinents schlossen sich Dun-Stämme Taril an, der schließlich über das gewaltigste Heer befahl, das der Kontinent jemals gesehen hatte.
Dann erfuhr Taril, was der Name des mit ihm verbündeten Ureinwohners in seiner eigenen Sprache bedeutete: „Der Sternenbote, der mit dem Stein tötet.“ Von da an keimte bei dem Anführer der Dun die Furcht auf, dass ein Mann, der danach strebte, sein eigenes Volk zu vernichten, sich auch gegen ihn wenden könnte. Also gab er seinen Vertrauten den Befehl, Thefur und seine engsten Gefolgsleute zu töten. Sie wurden einige Nächte später im Schlaf erschlagen.
Noch im Tod hielt Thefur den grauen Stein umklammert. Taril ließ ihm die Hand abhacken und nach Charak Dun bringen. Dort wurde sie mit dem eingeschlossenen Stein jahrtausendelang als Heiligtum aufbewahrt, gleichsam als Symbol für die Errettung und den Aufstieg der Dun.
Tarils Enkel ahnte, dass der gewaltige Flammenschweif am Himmel etwas Wichtiges zu bedeuten hatte. Er durfte genauso wenig in Vergessenheit geraten wie die Taten seines Großvaters, der das Riesenreich der Dun begründet hatte. Deshalb beauftragte Daruk den königlichen Schreiber, die Ereignisse aufzuzeichnen.
Der Chronist begab sich zu der Festung Charak Dun, die der Großvater des Königs mit Hilfe der Ureinwohner den Sterzen entrissen hatte. Dort ritzte er die Geschichte der Eroberung des Kontinents durch die Dun und die Botschaft von der Erscheinung der riesigen Feuerwalze in die Wand eines Kellergewölbes. Tausende von Jahren später wurde sie in ein Buch übertragen, in dem sich bereits andere Aufzeichnungen befanden. Eigentlich hätte der Bericht des königlichen Schreibers am Anfang dieses Werkes stehen müssen, das als das „Buch der Vorzeit“ bekannt wurde. Lange blieb es verschollen, ehe einige wenige Gelehrte seinen wahren Wert erkannten.
Unter anderem enthielt der Bericht des Schreibers auch die erste Erwähnung des Dunsteins, der das Schicksal einer todgeweihten Welt verkörperte.






 


 Kapitel 1 – Die ewige Gefangene

 
Obwohl Crandin beschlossen hatte, den Nachlass seines Urgroßvaters nicht anzunehmen, strahlte das unscheinbare Zimmer im Monasterium von Dunculbur eine geradezu magische Anziehungskraft auf den jungen Priester des Wissens aus. Immer wieder kam er hierher zurück und holte die seltsame Hinterlassenschaft des letzten Wanderpriesters aus ihrem Versteck. Aber weder der angeblich so geheimnisvolle wie gefährliche Dunstein noch die Karte mit allen bekannten Ilumit-Vorkommen des Kontinents übten diese unerklärliche Faszination auf ihn aus, sondern das Bildnis einer jungen, blonden Frau. Der kühle, berechnende Crandin hatte sich tatsächlich in die uralte Zeichnung einer Frau verliebt. Wenn man den Briefen Qaromars Glauben schenken durfte, war diese Frau seit mehr als zweihundert Jahren in einer Höhle eingesperrt und konnte nicht sterben.
Nur wenige Tage nachdem Roxolay dem Erben des letzten Wanderpriesters, den viele Jahre für ihn aufbewahrten Schlüssel ausgehändigt hatte, legte er sein Amt als Rektor des Monasteriums nieder und verließ Dunculbur mit unbekanntem Ziel. Er verabschiedete sich nur kurz von Crandin, offenbarte ihm dabei aber die Beweggründe seines Handelns. Das Monasterium von Dunculbur genoss bei der obesischen Obrigkeit höchstes Ansehen. Im Orden selbst war es jedoch äußerst umstritten, weil sich die Priester des Wissens dort ausschließlich mit der Erforschung militärisch nutzbarer Dinge befassten. Für einen Zeremonienmeister des Todes erfüllte ein derartiger Ort in idealer Weise alle Voraussetzungen zur Ausübung seines Amtes, einschließlich der notwendigen Tarnung. Für einen geläuterten Zeremonienmeister stellte er dagegen nur noch eine schwere seelische Belastung dar.
Nachdem mit Roxolay der einzige Mensch weggegangen war, den Crandin an diesem Ort schätzen gelernt hatte, beschloss auch er, das Monasterium zu verlassen. Ein letztes Mal betrachtete er den unheimlichen Dunstein, wobei er sich sorgsam davor hütete, ihn zu berühren. Allein vom Anblick her hatte dieser Stein nichts Bedrohliches; er wirkte sogar überaus unscheinbar, wie ein abgeschliffener, flacher Kieselstein. Nur die winzigen Einschlüsse, die jedoch fast die gleiche hellgraue Farbe hatten wie die restliche Oberfläche, unterschieden ihn von anderen Kieselsteinen. Einmal hatte Crandin auch festgestellt, dass sie im Dunkeln leuchteten. Er ließ den gefährlichen Stein wieder in den Beutel zurückgleiten und verstaute ihn in seinem Versteck. Dann entnahm er der kleinen Kassette die vier Zeichnungen, die die mutmaßlichen Mitbegründer des Geheimen Ordens von Dunculbur darstellten. Er steckte sie zusammen mit der Karte in die Außentasche seines Reisemantels. Die Eintragungen der Ilumit-Minen interessierten ihn dabei nicht, wohl aber das ebenfalls eingezeichnete Gefängnis der blonden Frau. Es musste sich im äußersten Süden von Zogh befinden, irgendwo im Hügelland in unmittelbarer Nähe der Sümpfe und der Grenze von Lokhrit. Obgleich Qaromar ihn in seinen Briefen dringend vor der tödlichen Gefahr gewarnt hatte, die mit einem Besuch der Gründer verbunden war, konnte der Erbe des letzten Wanderpriesters der Verlockung nicht widerstehen. Er musste die blonde Frau aufsuchen.
Crandin benutzte die alte Heeresstraße nach Bogogrant, die ziemlich verlassen wirkte. Das Kollektiv von Obesien hielt sich in letzter Zeit mit kriegerischen Unternehmungen zurück. Dieser aus sieben Mitgliedern bestehende Regierungsrat des Landes wusste, dass die neue Königin von Zogh nur auf eine Gelegenheit wartete, um für die Ermordung ihrer Mutter durch die Garde von Modonos Vergeltung zu üben. Inzwischen hatten die Obesier einsehen müssen, dass sie den Heeren des Nordens unterlegen waren.
Kurz hinter Bogogrant überquerte Crandin die Grenze nach Lokhrit und folgte anschließend dem Mittelgebirge, das im Süden entlang der Sümpfe verlief. Drei Tagesritte später erreichte er Zogh. Auch wenn er zunächst keinen der gefürchteten Krieger zu Gesicht bekam, wusste Crandin, dass er beobachtet wurde. Seit die Mutter der jetzigen Königin getötet worden war, ließ ihr Vater Par.Agdandall, der Herrscher des Südens, der die Bezeichnung „Marschall von Sandammon und Sokul“ trug, die Grenzen zu Lokhrit noch schärfer bewachen. Zogh und Lokhrit verband zwar traditionell eine enge Freundschaft; da es sich bei den Lokhritern aber um äußerst friedliebende Menschen handelte, hatte sich der vernachlässigte Norden ihres Territoriums zu einem Sammelbecken für Räuber, Wegelagerer und allerlei zwielichtiges Volk entwickelt. So kam es, dass immer häufiger Krieger des Marschalls die Grenze überschritten, um das auch für Reisende gefährliche Gesindel in Schach zu halten. Die Lokhriter betrachteten das nicht als Grenzverletzung, sondern bekundeten sogar offen ihre Wertschätzung für diese Hilfeleistung.

Auf der letzten Etappe vor seinem Ziel musste Crandin einen schmalen Pass überwinden. An einer der Engstellen geschah das, was er schon die ganze Zeit erwartet hatte: Er sah sich plötzlich zwei großgewachsenen, grauhäutigen Männern gegenüber, die auf ihren kleinen Bergpferden noch wuchtiger und furchterregender wirkten als zu Fuß. Crandin brauchte sich gar nicht erst umzusehen, um zu wissen, dass ihm auch der Rückweg versperrt war.
„Mein Name ist Crandin“, kam er einer entsprechenden Aufforderung der Zogh zuvor. „Ich bin ein Freund des Eisgrafen Unitor. Auch den Marschall von Sandammon und Sokul kenne ich gut. Er hat mir erlaubt, jederzeit sein Land zu betreten.“
Einer der beiden Krieger, offenbar der Anführer der Patrouille, gab den Männern, die Crandin den Rückweg versperrten, einen Wink. Unmittelbar darauf erklang das unverkennbare Geräusch sich entfernenden Hufschlags.
„Ich werde Ihre Aussage überprüfen. Hrodolkar wird Sie begleiten, bis ich die Bestätigung des Marschalls habe“, erklärte der mutmaßliche Anführer, wendete sein Pferd und ritt davon, während sich der andere Mann Crandin anschloss.
Anfänglich überlegte Crandin, wie er seinen Begleiter loswerden könnte. Er verwarf diesen Gedanken aber schließlich wieder, weil er wohl ohnehin von versteckten Spähern überwacht wurde. Außerdem war sein Vorhaben dermaßen gefährlich, dass es nicht schaden konnte, einen kampferprobten Zogh in der Nähe zu haben. Jetzt musste er nur noch einen Weg finden, seine Absicht unbeobachtet in die Tat umzusetzen. Unbeirrt ritt er weiter seinem Bestimmungsort entgegen, einer der größten Erhebungen in diesem von gelben Dunstschleiern aus den Sümpfen durchzogenen Mittelgebirge.

Als Crandin sein Ziel erreichte, schickte sich die Sonne gerade an, hinter den Hügeln zu verschwinden. Das von den Nebelschwaden gedämpfte Licht reichte gerade noch aus, um einen schmalen Felsspalt in halber Höhe der nächstgelegenen Erhebung wahrnehmen zu können.
„Wir sollten uns hier irgendwo ein Lager suchen“, meinte der rothaarige Priester beiläufig. „Der letzte Teil meines Weges wird mich morgen nach Sokul führen.“ Er trieb sein Pferd zwischen einige niedrige Sträucher, scheinbar auf der Suche nach einem geeigneten Nachtlager. Dann sah er vermeintlich zufällig nochmals zu der Felswand hoch und deutete auf die Spalte, die er bereits längst zuvor entdeckt hatte.
„Ich werde dort hochgehen“, sagte er zu Hrodolkar. „Ich glaube, hinter dem Riss befindet sich eine Höhle. Das erscheint mir sicherer als hier draußen. Sie können gerne mitkommen.“
Der Zogh erkannte sofort, dass der Felsspalt nicht breit genug für ihn war, wohl aber für Crandin. „Ich werde hierbleiben und auf die Pferde aufpassen“, bestimmte er.
„Wie Sie meinen.“ Crandin zuckte die Achseln, drehte sich um und begann, den Felshang hinaufzusteigen. Hrodolkar sah ihm nach, bis sich der Priester des Wissens schließlich durch den engen Höhleneingang gezwängt hatte. Wenig später erhellte der Schein eines Feuers den dunklen Spalt. Der Zogh band die Pferde fest und legte sich beruhigt auf einen kleinen Teppich aus verdorrten Gräsern. Ohne Pferd würde Crandin bei einem etwaigen Fluchtversuch nicht weit kommen. Außerdem gab es noch einige weitere Beobachtungsposten der Zogh in dieser Gegend.
Crandin verspürte jedoch nicht im Geringsten die Absicht, sich davonzustehlen. Nachdem er eine Fackel entzündet hatte, schichtete er trockenes Holz auf und setzte es in Brand. Im Schein des Feuers erkannte er die dunklen, unregelmäßigen Wände der Höhle, die auf den ersten Blick keine Besonderheiten aufzuweisen schienen. Erst bei näherer Betrachtung fiel ihm ein etwas mehr als hüfthoher Geröllhaufen an der rückwärtigen Wand auf. Er ahnte, dass er sein Ziel erreicht hatte und räumte das Gestein beiseite. Der Geröllhaufen verbarg ein etwa gleich großes, mit Steinbrocken zugemauertes Loch. Die unscheinbaren Mörtelfugen des getarnten Gemäuers konnten nur von jemand bemerkt werden, der genau danach suchte. Ein unbefangener Betrachter hätte wohl angenommen, dass die Steine durch einen natürlichen Felskamin herabgefallen waren und sich am Boden der Höhle aufgetürmt hatten. Crandin wusste es besser. Er musste aber gleichzeitig einsehen, dass er ohne Werkzeug nicht in der Lage sein würde, die künstliche Barriere zu beseitigen. Somit traf es sich gut, dass er seinem unfreiwilligen Begleiter Sokul, die zweitgrößte Stadt im Süden von Zogh, als sein Reiseziel genannt hatte. Crandin streckte sich auf dem bemoosten Boden der Höhle aus und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen kletterte der Priester des Wissens beim ersten Tageslicht den Felshang hinab. Der aufmerksame Hrodolkar hatte bereits beide Pferde gesattelt. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Sokul. Die Stadt lag hinter den Ausläufern des neben den Sümpfen verlaufenden Hügellandes. Auf den Sümpfen lastete unverändert der gleiche, diesige Schleier wie am Vortag. Er rührte von den Wasser- und Schwefeldämpfen der vulkanischen Tätigkeit her, die in diesem Bereich immer noch herrschte. Die ausgedehnte Ebene hinter Sokul, durch die sich ein kleiner Nebenfluss des Drulh schlängelte, konnte man dagegen auf etliche Meilen bis zum Horizont überblicken. Über Sokul selbst hing eine ähnlich rauchgeschwängerte Luft wie über den Sümpfen. Die Stadt war das Zentrum der Metallverarbeitung in Zogh. Dort saßen die besten Schmiede, Wagner, Blechner und Harnischmacher des Nordens.
An der Bergflanke führte ein gewundener Pfad ins Tal, dem Crandin und Hrodolkar folgten. Auch auf dem steilen und geröllübersäten Abstieg fanden die trittsicheren Bergpferde mit erstaunlicher Gelassenheit ihren Weg. Crandin und Hrodolkar vermieden jede Art von Einwirkung, um die Tiere nicht in ihrem gleichmäßigen Schritt zu stören. Dennoch überkam Crandin, der im Gegensatz zu dem Zogh nicht mit Pferden aufgewachsen war, in jeder der scharfen Windungen ein mulmiges Gefühl. Noch bevor sie die Talsohle erreicht hatten, sahen sie einen Reiter, der ihnen auf der weiten Ebene in schnellem Galopp entgegenkam. Er trug einen Lederpanzer und einen wehenden Mantel mit einem eingestickten weißen Ross, dem Emblem des Marschalls. Crandin und Hrodolkar erwarteten ihn am Fuß der Berge. Als er sich ihnen bis auf wenige Meter genähert hatte, winkte er dem Priester des Wissens freundlich zu.
„Nach der Beschreibung müssen Sie Crandin sein“, sagte er. Crandin nahm an, dass wohl sein unverkennbar feuerroter Haarschopf das eigentliche Erkennungszeichen darstellte, was er auch sofort indirekt bestätigt bekam: „Aber beantworten Sie mir dennoch eine Frage: Waren Sie schon einmal in Zogh?“
„Vor einiger Zeit besuchte ich mit Eisgraf Unitor das „Areal der Allianz“ in Sandammon“, gab Crandin bereitwillig Auskunft, wobei er zurückdachte an das riesige, getarnte Heerlager der ehemaligen Armee der Vereinten Nordlande. „Der Marschall hat mich ...“
Der Ankömmling winkte ab: „Ich bitte Sie, die Unannehmlichkeiten zu verzeihen, die wir Ihnen bereitet haben. Sie können sich ab sofort völlig frei in Zogh bewegen. Der Marschall wünscht Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und würde sich freuen, wenn Sie die Zeit fänden, ihn in der Festung von Trebazinth zu besuchen.“
„Vielleicht wird dies schon bald der Fall sein“, entgegnete Crandin höflich. Aber wenngleich ihm der freundliche Herrscher des südlichen Zoghgebiets äußerst sympathisch war, hatte er nicht die Absicht, ihn auf seiner jetzigen Reise aufzusuchen. Die blonde Frau auf der Zeichnung hatte vollständig Besitz von seinen Gedanken ergriffen. Aber der Grund bestand nicht nur in dem Bildnis. Mit seinen besonderen Fähigkeiten als Spiritant stand Crandin im Begriff, einen kleinen Zipfel des Tuches zu lüften, das furchterregende Zusammenhänge verbarg: Zusammenhänge, die einfache Menschen in eine Starre des Schreckens versetzten. Die blonde Frau war nicht nur eine unwirkliche Schönheit; sie bewahrte den Schlüssel des Verstehens, das tief in die Vergangenheit des Kontinents reichte.
Während die beiden Zogh-Krieger zurück in das Hügelland ritten, trabte Crandin auf dem schmalen Weg durch die Ebene geradewegs nach Sokul. Er hatte kaum die Stadt betreten, da fand er auch schon einen Händler, der genau die Metallgerätschaften verkaufte, die er suchte: einen schweren Hammer, Meißel, eine Spitzhacke und eine massive Brechstange. Mit diesem Werkzeug ausgerüstet kehrte der Priester des Wissens noch am gleichen Tag zu der Höhle zurück, in der er die vorausgegangene Nacht verbracht hatte.
Crandin hatte nun nicht mehr das Gefühl, dass er beobachtet wurde. Einmal begegneten ihm zwei Zogh-Krieger mit dem Wappen des Marschalls auf seinem Weg. Sie nickten ihm jedoch nur kurz und freundlich zu und setzten anschließend ihren Weg zielstrebig fort.
Danach traf er auf keinen Menschen mehr bis er schließlich den Berg mit der geheimnisvollen Höhle erreicht hatte. Er führte sein Pferd durch das Gebüsch bis zum Fuß des steilen Hanges, wo die Sträucher in einer kleinen Mulde wesentlich dichter standen. Dort konnte man das Tier vom Pfad aus nicht mehr sehen. Crandin nahm ihm den Sattel ab und band es neben einem kleinen Wasserloch fest. Dann machte er sich daran, das in Sokul erworbene Werkzeug in die Höhle zu schaffen. Zweimal musste er den anstrengenden Aufstieg bewältigen bis er die gesamte Ausrüstung in die Felsgrotte transportiert hatte. Als er mit seiner Arbeit begann, begann es draußen zu dämmern. Im schwachen Widerschein des allmählich verblassenden Tageslichts schlug Crandin auf den künstlich errichteten Steinhaufen ein. Da der Mörtel bröselte, kam er schnell voran.
Offenbar war es Qaromar, der mutmaßlich dieses Hindernis errichtet hatte, eher um eine gute Tarnung als um die Festigkeit gegangen. Den Grund hierfür erkannte Crandin, als er die Steinanhäufung endlich durchbrochen hatte und auf dem Boden durch die von ihm geschaffene Öffnung kroch. Das Loch erweiterte sich zu einem mannshohen Gang, der aber nach wenigen Metern durch eine Wand aus Ziegelsteinen versperrt wurde. Die Mauer bestand aus mehreren Schichten. Crandin musste den Rest des Tages und die ganze Nacht schuften bis er am nächsten Morgen endlich bis zur letzten Schicht durchgedrungen war. Eigentlich hatte er eine Pause einlegen wollen. Plötzlich vernahm er jedoch, dass sich der Klang der Hammerschläge veränderte. Daraufhin arbeitete er wie besessen weiter. Endlich stürzte die letzte Ziegellage in sich zusammen und gab den Blick in die Fortsetzung des dunklen Ganges frei.
Crandin ergriff seine Fackel. Während der Arbeit hatte er sie in einen Metallring gesteckt, der wohl im Zuge des Mauerbaus angebracht worden war. Vorsichtig tastete er sich durch den finsteren Felskorridor. Hinter einer scharfen Biegung sah er sich plötzlich einem aus armdicken Metallstäben bestehenden Gitter gegenüber. Aber nicht dieses Gitter schockierte ihn, sondern der Anblick der dahinter kauernden Gestalt.
„Nicht ganz das was du erwartet hast“, erklang eine jugendliche Stimme. Sie stand jedoch in grausigem Gegensatz zu dem Geschöpf, das die Worte gesprochen hatte. Die faltige Haut klebte an einem Totenschädel und ließ nicht einmal die Bestimmung des Geschlechts zu. Aus dem eingefallenen Gesicht der Mumie starrten zwei unheimliche, tief in den Höhlen liegende Augen Crandin an. Sie waren fast so hell wie die schneeweiße Haut. Die Iris hob sich nur durch einen schwachen Gelbschimmer von der weißen Hornhaut ab. Der bis auf die Knochen ausgemergelte Körper wurde von einem völlig zerschlissenen, schmutzigen Umhang nur unvollständig bedeckt. Lediglich einige goldgelbe Haarsträhnen, die von dem ansonsten kahlen Schädel herabhingen, nährten Crandins Verdacht, dass es sich tatsächlich um die Frau auf dem Bild handeln konnte.
Zunächst unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen, stellte er sich selbst die Frage: Was habe ich eigentlich erwartet? Schließlich stammelte er: „Wer – wer seid Ihr?“ Die Antwort kam sofort, mit messerscharfer Logik: „Du weißt doch, wer ich bin. Du bist nicht zufällig hier, sondern hast nach mir gesucht.“
Crandin versuchte, sich zu rechtfertigen: „Ich habe diesen Ort auf einer Karte entdeckt. Aber ich weiß nicht wirklich, wer Ihr seid.“
Das ausgezehrte Geschöpf, das an eine lebende Leiche erinnerte, gab sich damit nicht zufrieden: „Woher hast du diese Karte?“
„Von meinem Urgroßvater“, antwortete der Priester des Wissens wahrheitsgemäß.
„Dann bist du der Urenkel Qaromars“, stellte das Wesen sachlich fest. „Lebt er noch?“
Crandin setzte sich auf den Boden: „Nein. Ich habe ihn nie kennengelernt. Die Karte stammt aus seinem Nachlass, den er in Dunculbur versteckt hatte.“
Die mumienhafte Gestalt jenseits des Eisengitters setzte sich mit Mühe nun ebenfalls auf. Dann sprach sie mit ihrer wohlklingenden Stimme: „Mein Name ist Siridindar. Ich habe zusammen mit deinem Urgroßvater und drei weiteren Personen einen geheimen Bund gegründet, dessen Aufgabe es sein sollte, das uralte Wissen einer längst untergegangenen Zivilisation neu zu beleben. Dieses Wissen ist jedoch so mächtig, dass es den Geist sterblicher Menschen sprengt.“
„Hat es auch Euren Geist gesprengt?“, stellte Crandin die Frage, die ihn bereits zuvor wochenlang beschäftigt hatte.
Siridindar lachte kurz auf. Es war ein wissendes, humorloses Lachen. „So also lautete Qaromars Erklärung, warum er mich hier eingesperrt hat“, folgerte sie ohne die Andeutung einer Emotion. „Ich habe ihn immer davor gewarnt, den Dunstein zu berühren. Aber er hat es wohl doch getan. Urteile selbst: Ich lebe hier seit über zweihundert Jahren. Qaromar ist tot. Ich werde auch am Ende der Zeiten noch hier leben, wenngleich das nicht wirklich ein Leben ist, wie du es kennst. Aber ich lebe in einem schier unendlichen Wissen. Das genügt mir. Meine Körperlichkeit ist ziemlich bedeutungslos. Wirke ich auf dich als sei ich geistesgestört?“
„Nein“, musste Crandin zugeben. „Aber Ihr seid in den zweihundert Jahren gealtert. Wie soll das mit Eurem Körper weitergehen?“
Siridindar lachte erneut: „Du hast die Zeichnungen Qaromars gesehen. Der Körper ist nur eine Hülle und hat mit der Unsterblichkeit nichts zu tun. Die Alterung verläuft am Anfang schnell und dann immer langsamer. Wenn es in dieser Höhle Elith gäbe, würde ich immer noch aussehen wie auf dem Bild, das du gesehen hast.“
„Elith?“, fragte Crandin.
„Heutzutage nennen sie es Ilumit. Es hemmt den Alterungsprozess der Hülle. Auch bei dir würde es vielleicht wirken. Aber es verleiht keine Unsterblichkeit, nur Wohlbefinden.“ Crandin fand, dass es an der Zeit war, eine weitere Frage zu stellen, die ihn schon seit dem ersten Brief seines Urgroßvaters nicht mehr losließ und sein weiteres Handeln bestimmen würde: „Was würdet Ihr tun, wenn ich Euch befreite?“
Die Antwort kam für Crandin völlig unerwartet: „Nichts. Ich würde hierbleiben.“
„Aber wieso?“, wollte er wissen.
„Sieh mich an!“, forderte ihn Siridindar auf. „Würdest du so unter Menschen gehen wollen? Ich bin zwar unsterblich, aber eben eine unsterbliche Frau, falls du verstehst, was ich damit meine.“
Crandin kaute auf seiner Lippe herum. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen: „Kann ich Euch irgendwie helfen? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass mein Urgroßvater Euch Unrecht angetan hat. Der Mann, der ihn tötete, sagte, dass er am Ende wahnsinnig war. Ich möchte dieses Unrecht wiedergutmachen.“
„Bring mir eine Handvoll Ilumit!“, verlangte Siridindar.
„Was bewirkt das?“, fragte Crandin unsicher. „Ihr sagtet, es hemme den Alterungsprozess, der bei Euch sowieso keine Rolle mehr spielt.“
„Ja“, bestätigte Siridindar. „Es verhindert bei vielen Lebewesen die Alterung. Aber bei Unsterblichen kehrt es den Alterungsprozess um bis zu dem Stadium, in welchem dem Körper das Elith entzogen wurde.“
Ein kurzes Zögern und ein unmerkliches Zucken seiner Mundwinkel genügte Siridindar, um Crandin zu durchschauen: „Qaromar hat dir gesagt, dass ich gefährlich sei und dass du mich nicht befreien darfst. Womit wurde er getötet?“
Beide standen auf. Während Crandin sich dem Gitter näherte, zog er den Dolch, den Telimur ihm gegeben hatte, aus seinem Gürtel. Er hielt ihn hoch, sodass Siridindar ihn sehen konnte. Selbst hier im Halbdunkel der Höhle war das rötliche Glitzern des Cirrha-Stahls noch zu erkennen.
„Torr-barakt“, murmelte die Unsterbliche wissend. „Hol das Werkzeug, mit dem du die Mauer eingerissen hast!“ Crandin steckte den Dolch wieder weg und ging gehorsam zu der zerstörten Ziegelwand zurück, wo die Werkzeuge lagen. Mit dem Hammer aus Sokul kehrte er zurück. Siridindar hatte ihre skeletthafte, weiße Hand um einen Gitterstab gelegt.
„Schlag mit dem Hammer auf meine Hand!“, befahl sie Crandin. Aber der zögerte: „Nein, das kann ich nicht tun.“
„Tu es mir zuliebe“, bat Siridindar.
Nach längerer Überlegung klopfte Crandin vorsichtig mit dem Hammer auf die knochige Hand. Er erwartete einen Schmerzensschrei, aber Siridindar lachte nur und forderte ihn auf: „Schlag gefälligst richtig zu! Du bist doch ein Mann, oder?“
Dass sie den ersten Schlag verkraftet hatte, ermutigte Crandin, und er schlug etwas fester zu. Wiederum erfolgte keine Reaktion, außer dass die mumienhafte Frau ihm ärgerlich vorhielt: „Nein, so geht das nicht. Das, was ich dir zeigen will, geht nur, wenn du mit voller Kraft zuschlägst.“
Entschlossen schlug Crandin nun heftig mit dem Hammer auf die weiße Hand. Siridindar zuckte erneut nicht im Geringsten, und ihre Hand blieb völlig unversehrt. Während der Priester des Wissens noch staunte, wies ihn Siridindar an: „Und jetzt den Dolch, aber bitte sehr vorsichtig!“
Zögernd näherte sich Crandin mit dem Cirrha-Messer.
„Ritz meinen Finger an!“, forderte Siridindar ihn auf. Als Crandin ihre Weisung behutsam befolgte, trat sofort ein Blutstropfen aus der winzigen Wunde aus. Schnell zog er den Dolch zurück.
Siridindars kaum zu erkennenden Lippen verzogen sich zu einem unmerklichen Lächeln: „Wie du siehst, bist du keineswegs wehrlos gegen mich, solange du gut auf deine Torr-barakt-Klinge aufpasst.“
„Ich werde Euch das Ilumit so schnell wie möglich beschaffen“, versprach Crandin.  Nachdem er in die Grotte hinter dem Felsspalt zurückgekehrt war, entfaltete er Qaromars Karte, um zu sehen, wo sich das nächstgelegene Ilumitvorkommen befand. Er brauchte nicht lange zu suchen. Offenbar gab es in dem Mittelgebirge südlich der Sümpfe gleich mehrere kleinere Erzadern. Die nächste befand sich seiner Schätzung nach nicht einmal vier Wegstunden entfernt.

*

Nachdem Hrodolkar Crandin verlassen hatte, ritt er auf dem verschlungenen Pfad zurück zu dem Mittelgebirge bei Sokul, das bei den Zogh die Bezeichnung „Togaloides“ trug, was wortgetreu übersetzt „Dunstkuppeln“ bedeutete. Samajedes, der Gesandte des Marschalls von Sandammon und Sokul, begleitete ihn.
„Ich glaube, dass der Priester des Wissens hierher zurückkehrt“, meinte Hrodolkar nach einer Weile.
„Der Marschall hält dies auch für möglich“, stimmte Samajedes zu. „Er hat angeordnet, dass wir ihn zu seinem eigenen Schutz im Auge behalten sollen. Er darf es aber auf keinen Fall bemerken und denken, der Marschall misstraue ihm.“
Die beiden Zogh hatten nun einen hochgelegenen Bergrücken erreicht, von dem aus sie die Ebene überblicken konnten. Crandin war nur noch als winziger Punkt in der Ferne erkennbar, der schon fast die Außenbezirke von Sokul erreicht hatte.
Samajedes schaute sich um: „Wir sollten uns hier ein Versteck suchen.“
Hrodolkar schüttelte den Kopf: „Wenn wir ihm später folgen, ist die Entdeckungsgefahr zu groß. Ich habe einen besseren Vorschlag. Es gibt da einen Ort, den er meiner Meinung nach wieder aufsuchen wird. Dort in der Nähe können wir uns verbergen und in aller Ruhe abwarten.“ Samajedes wusste, dass der Marschall für die Grenzpatrouillen nur Krieger mit einer besonderen Beobachtungsgabe ausgesucht hatte. Obgleich er gegenüber Hrodolkar weisungsbefugt war, akzeptierte er daher sofort dessen Vorschlag. Gemeinsam begaben sie sich auf den Pfad, der von Ost nach West quer durch die Dunstkuppeln führte.
Vor einer der höheren Erhebungen auf der linken Seite des Weges hielt Hrodolkar sein Pferd an und deutete auf eine Felsspalte in halber Höhe des Berghangs. „Dort hat er übernachtet“, berichtete er. „Er hat so getan, als habe er die Höhle rein zufällig entdeckt. Aber er hatte zuvor schon nach ihr Ausschau gehalten. Wenn er in die Togaloides zurückkehrt, wird er diesen Ort wieder aufsuchen.“
Hrodolkar behielt Recht. Nur wenige Stunden nachdem sich die beiden Krieger etwa zweihundert Meter von dem Berg entfernt in einer Senke verborgen hatten, kehrte Crandin zurück und schleppte seine Gerätschaften in die Höhle. Geduldig harrten die Zogh den Rest des Tages und die gesamte darauffolgende Nacht aus, bis der Priester am späten Vormittag des anschließenden Tages die Höhle wieder verließ.
„Sollen wir ihm beide folgen?“, fragte Hrodolkar.
„Nein“, erwiderte Samajedes. „Da er das Werkzeug hiergelassen hat, wird er wohl auf jeden Fall zurückkommen. Du behälst ihn im Auge und ich sehe nach, was es mit dieser Höhle auf sich hat.“
Crandin bestieg sein Pferd und ritt davon. Hrodolkar folgte ihm unauffällig in gebührendem Abstand. Samajedes ging zu dem Berg und erklomm den Hang bis zu der Felsspalte. Zuerst glaubte er, dass er nicht hindurch passen würde. Für Hrodolkar wäre es unmöglich gewesen, sich hineinzuzwängen. Obgleich Samajedes schlanker war als sein Begleiter, benötigte er mehrere Minuten bis es ihm endlich gelang, durch den Riss zu schlüpfen. Sein Blick fiel sofort auf das Loch im Hintergrund der Höhle. Auch dort gelang es ihm nur mit äußerster Mühe, hindurchzukriechen. Anschließend musste er sich liegend über die zerschlagenen Ziegelsteine schieben, die Crandin im Gang verteilt hatte. Nach Überwindung des Steinhaufens konnte er endlich wieder aufstehen. Gebückt tastete er sich um die Biegung des Ganges bis er schließlich an dem Stahlgitter angelangt war. Zuerst erschrak er, aber dann übermannte ihn die Enttäuschung: Auf dem Boden jenseits des Gitters lag bewegungslos eine mumifizierte Leiche. Samajedes versuchte, an den Gitterstäben zu rütteln, aber sie gaben nicht nach. Auch einen Öffnungsmechanismus konnte er nirgendwo erkennen. Hier vermochte er nichts mehr auszurichten. Also beschloss er, sich zurückzuziehen. Dass der Priester des Wissens hier eine Leiche bergen wollte, erschien ihm zwar merkwürdig, aber alles andere als bedeutungsvoll. Er konnte nicht ahnen, dass das gleich in mehrfacher Hinsicht einen tödlichen Irrtum darstellte.
Wiederum benötigte Samajedes geraume Zeit bis er den gleichen Weg zurückgelegt hatte, den er gekommen war und sich erneut durch den Höhleneingang gezwängt hatte. Das Licht über den Dunstkuppeln wurde zusehends trüber. Graue Wolken zogen auf, und die Kraft der Sonne begann allmählich nachzulassen.
Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu. Samajedes begab sich zurück in das Versteck auf der anderen Seite des Pfades und wartete auf Hrodolkar. Er wartete zugleich auf seine letzte Nacht in dieser Welt.

*

Mit dem Cirrha-Dolch war es für Crandin ein Leichtes gewesen, aus einer in der Wand der Höhle verlaufenden Ilumit-Ader das graue Erz herauszukratzen und ein mehr als handgroßes Leinensäckchen zu füllen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichte er den Felshang mit Siridindars Höhle. Unablässig zogen die trüben Dunstschleier von den Sümpfen kommend über die Togaloides hinweg.
Behände kletterte Crandin im verblassenden Licht des zu Ende gehenden Tages den Felshang empor. Er schob sich durch den Riss in der Bergwand hindurch und stieg über die angehäuften Bruchsteine hinweg. Dann sah er sich erneut der lebenden Mumie gegenüber, die hinter dem Gitter saß und ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen erwartungsvoll anblickte.
Triumphierend schwenkte Crandin das Leinensäckchen mit dem Ilumit.
„Du bist mein Retter“, erklang die wohltönende weibliche Stimme aus den nur noch als dünne Linien erkennbaren Lippen des Totenschädels. „Du wirst es nicht bereuen.“
Crandin schob das Säckchen zwischen den Gitterstäben hindurch. Danach zog er seinen Mantel aus und schubste ihn ebenfalls wortlos in das Verlies. Siridindars Gesicht verzog sich zu einem grimassenhaften Lächeln.
Dann sagte sie: „Würde es dir etwas ausmachen, in der Höhle zu warten bis ich dich rufe?“
„Nein, nein“, versicherte Crandin verlegen und beeilte sich, den Gang zu verlassen.
Nur wenige Minuten später ertönte bereits der von dem Priester des Wissens sehnsüchtig erwartete Ruf. Zum Gitter zurückgekehrt erstarrte Crandin. Vor ihm stand eine wunderschöne junge Frau mit blütenweißer, straffer Haut, vollen Lippen und goldblonden Haaren, die ihr in engelsgleichen Locken bis auf die Schultern fielen. Allein ihre blassgelben Augen hatten sich nicht verändert. Nun war auch ihr spöttisches Lächeln deutlich erkennbar:
„Als du mich zum ersten Mal gesehen hast, warst du weniger entsetzt als jetzt.“
„Es tut mir leid, dass ich mich so unbeholfen verhalte“, beeilte sich Crandin zu entschuldigen. „Aber Eure Schönheit hat mich sprachlos gemacht. Ihr seid noch viel schöner als auf der Zeichnung.“
Er griff in die Seitentasche seiner Jacke und zog die beiden Schlüssel hervor. Dann trat er zu der Gittertür und suchte die beiden Aussparungen, in die die Schlüsselgriffe passen sollten. Er fand sie auf der rechten Seite in halber Höhe des Gitterrahmens, aber sogleich muteten sie ihn zu flach an. Und als er die Griffe in die Ritzen schieben wollte, gelang ihm dies nicht.
„Qaromar hat die Schlösser versiegelt, nicht wahr?“, Siridindars Frage war eher eine Feststellung. „Gehe ein paar Schritte zurück!“ Zögernd gehorchte Crandin. Siridindar packte das tonnenschwere Stahlgitter mit beiden Händen, riss es mit einem einzigen Ruck aus der Verankerung und lehnte es gegen die Wand des Ganges als handele es sich um ein dünnes Holzbrett.
Crandin erstarrte als habe ihn ein Blitzschlag getroffen. Siridindar sah ihn mitleidig an.
„Was du gerade gesehen hast, hat vor allem mit Wissen zu tun, weniger mit Kraft“, erklärte sie. „Und du hast nun hoffentlich auch bemerkt, dass du nicht das Tor zur Hölle geöffnet hast, wie Qaromar dich glauben machen wollte. Komm jetzt!“ Sie legte ihm sanft den Arm um die Schulter und begleitete ihn in den vorderen Höhlenraum. Dort sah sie sich kurz um.
„Bitte häufe die Steine wieder vor dem Loch auf!“, bat sie Crandin. „Während du das tust, werde ich kurz hinausgehen, um mich wieder an die Freiheit und die Luft zu gewöhnen. In einer halben Stunde werde ich zurück sein.“
„Es ist Nacht!“, wandte Crandin ein.
„Ich sehe auch in der Nacht“, entgegnete Siridindar. Und nun wurde ihm zum ersten Mal richtig bewusst, dass sich in ihrer schwach gelblich leuchtenden Iris keine runden Pupillen, sondern schmale, schwarze Sehschlitze befanden, die ihn an die Augen einer Katze erinnerten. Für Crandin, der schon immer der Faszination anderer Lebewesen erlag, machte dies Siridindar nur noch attraktiver und begehrenswerter. Abrupt wandte er sich ab und begab sich an die Arbeit. Siridindar schlüpfte durch den schmalen Spalt ins Freie und spürte zum ersten Mal seit mehr als zweihundert Jahren wieder einen frischen Wind auf ihrem Gesicht.

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Nachdem Crandin erneut durch die Spalte in der Bergwand verschwunden war, kehrte Hrodolkar in das Versteck der beiden Zogh zurück.
Samajedes berichtete ihm flüsternd, was er in der Höhle vorgefunden hatte.
„Eine Mumie?“, fragte Hrodolkar verständnislos. „Was will er damit? Er ist übrigens zu einer weiteren Höhle geritten und hineingegangen. Nachdem er sie verlassen hatte, habe ich mich dort umgesehen. Aber da war nichts Besonderes.“
Samajedes dachte nach und sagte schließlich: „Vielleicht sucht er nach Grabbeigaben. Das Gitter in der Höhle sollte vermutlich als Schutz gegen Grabräuber dienen. Dennoch ist es merkwürdig, dass die Mumie einfach auf dem Boden lag und nicht in einem Sarkophag.“
Hrodolkar schüttelte den Kopf: „Er ist ein Priester des Wissens. Er sucht sicherlich nicht nach Reichtümern, eher nach irgendeinem Artefakt.“
Samajedes sah den Späher überrascht an: „Natürlich. Das ist wohl die Lösung!“ Er überlegte kurz und eröffnete dann Hrodolkar seinen Plan: „Wir werden hier bleiben bis der Priester die Höhle verlässt. Dann wirst du ihm folgen, während ich nach Sokul zurückreite und dem Marschall Bericht erstatte. Ich glaube zwar nicht, dass Crandin schon heute in der Nacht aufbrechen wird, aber dennoch werden wir abwechselnd wachen.“
Samajedes übernahm die erste Wache. Er lehnte sich gegen einen Felsbrocken und sah hinüber zu dem Spalt in der Bergwand. Hrodolkar legte seinen Reitermantel ab, wickelte sich in seine Decke und streckte sich auf dem Boden aus. Immer noch sinnierte er darüber nach, was der Priester des Wissens wohl genau in der Höhle gesucht haben mochte und ob er es wohl gefunden habe. Im fahlen Licht des bleichen Mondes war die Umgebung auch für das geübte Auge des Kundschafters nur noch verschwommen erkennbar. Plötzlich erklang eine weibliche Stimme unmittelbar hinter den beiden Zogh: „Bitte, Sie müssen mir helfen!“
Die beiden Krieger fuhren herum und rissen instinktiv ihre Schwerter aus den Gürteln. Aber dann steckten sie sie wortlos wieder weg. Nur wenige Meter entfernt stand eine völlig unbekleidete und unbewaffnete junge Frau mit schneeweißer Haut und langen, goldblonden Locken. Ungläubig gingen die beiden Zogh-Krieger zwei Schritte auf die Frau zu, die sich ihnen ebenfalls zögernd näherte. Doch dann machte sie plötzlich eine schnelle, katzengleiche Bewegung, erreichte blitzschnell die beiden Männer, ergriff ihre Köpfe und schlug sie mit einer derartigen Wucht gegeneinander, dass die Schädelknochen mit einem hässlichen Geräusch barsten.

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Crandin war mit seiner Arbeit gerade fertig geworden, als Siridindar durch den Felsspalt hereingeschlüpft kam. Sie hatte seinen viel zu weiten Mantel in der Taille mit einem Pferdestrick zusammengebunden.
„Was hast du nun vor?“, fragte sie Crandin.
Er setzte sich auf den Boden und versuchte, die Frage zu beantworten, obgleich er sich selbst noch nicht recht schlüssig war: „Der Innere Zirkel hat Saradur zum Höchsten Priester des Wissens bestimmt, nachdem auch mein Großvater dem Vernehmen nach getötet wurde. Ich halte das für fatal. Saradur ist ein Mann der Zwietracht, der den Kontinent erneut in Kriege stürzen könnte. Er verfolgt nur eigennützige Ziele. Aber allein kann ich ihm nicht die Stirn bieten. Deshalb habe ich mit dem Gedanken gespielt, einen eigenen Orden zu gründen, der ausschließlich den ursprünglichen Zielen der Priester des Wissens verpflichtet ist.“
„Der Geheime Bund von Dunculbur war eine solche Bewegung“, entgegnete Siridindar. „Der äußere Unterschied zu einem reinen Priesterorden bestand darin, dass auch Menschen anderer Herkunft Mitglieder werden konnten. Du solltest das Erbe Qaromars antreten. Dass er gescheitert ist, weil er einen falschen Weg eingeschlagen hat, solltest du nur als Warnung, nicht als Hindernis begreifen.“
„Was ist mit den anderen Gründern?“, wollte Crandin wissen.
Siridindar begann, nachdenklich an ihren Fingernägeln herumzukauen, eine Geste, die sie wie ein kleines Mädchen erscheinen ließ. Schließlich sagte sie mit einem Ton von Bitterkeit in der Stimme: „Man sollte sie zumindest vorläufig auf keinen Fall befreien. Es könnte durchaus möglich sein, dass Qaromar auch sie nur weggesperrt hat, weil er befürchtete, sie könnten ihn entlarven. Aber wenn er Recht hatte, und auch nur einer der anderen den Dunstein berührt hat, könnte ihre Befreiung zu einer Katastrophe führen. Das müssten wir zuerst herausfinden, denn der Dunstein verkörpert etwas unendlich Böses. Und dieses Böse kann offenbar durch bloße Berührung übertragen werden.“ Da hielt sie inne und runzelte die Stirn: „Jetzt rede ich schon von „wir“. Dabei weiß ich nicht einmal, ob du überhaupt willst, dass ich dich begleite.“
„Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen“, platzte Crandin heraus, um gleich erklärend hinzuzufügen: „Ich selbst habe ja keinerlei Kenntnisse über den Geheimen Bund.“
„Gut“, lächelte Siridindar. „Aber wenn ich dich begleiten soll, müsstest du mir zunächst einmal ordentliche Kleidung beschaffen. Damit…“ Sie zeigte auf seinen Mantel, den sie trug: „…kann ich nur nachts die Höhle verlassen.“
„Selbstverständlich“, stimmte Crandin beflissen zu. „Aber wohin werden wir dann gehen? Und was sind die Ziele des Geheimen Bundes?“
„Viele Fragen“, seufzte Siridindar und setzte sich nun ebenfalls auf den Boden. „In der Tradition der Priester des Wissens hatte der Geheime Bund von Dunculbur einen Äußeren Stützpunkt gegründet, wo seine Mitglieder ungestört Forschungen betreiben konnten. Dies geschah an einem völlig abgelegenen Ort auf der Insel Rukumor. Dort befindet sich auf dem Berg Zwobulak, dem zweithöchsten Berg der Insel, eine alte Felsenburg. Der Geheime Bund hat sie wiederhergerichtet und ausgebaut. Rukumor erschien uns als ein ideales Refugium, nicht nur, weil es eine wunderschöne Insel ist, sondern auch, weil sie zu Lokhrit gehört und es dort kein obrigkeitliches Staatsgefüge gibt. In der Hauptstadt Kumor lebte ein Taubenzüchter. Mit der Hilfe seiner Vögel konnte man die anderen Ordensmitglieder überall auf dem Kontinent verständigen. Unsere Ziele waren eigentlich sehr einfach, aber dennoch unendlich schwer zu erreichen: Wir wollten Frieden und Wohlstand in allen Ländern schaffen. Aber um das zu erreichen, muss man einen unmittelbaren Einfluss auf jeden bekommen, der große Macht ausübt.“
Nun erschien dem Priester des Wissens die Zeit reif für die Fragen, derentwegen er nächtelang nicht schlafen konnte, und die ihm bisher niemand zu beantworten vermocht hatte: „Woher kommt der Dunstein und was passiert, wenn man ihn berührt?“
Siridindar stützte ihren Kopf mit der Hand. Ihr war klar, dass sie Crandin enttäuschen würde: „Das weiß ich nicht, weil ich ihn nicht berührt habe. Aber dennoch glaube ich, die Antwort zu kennen: Der Dunstein stammt nicht von dieser Welt. Niemand weiß, wie er hierhergekommen ist. Er trägt eine Krankheit in sich, die die Menschen befällt, die ihn berühren. Bei den Sterblichen löst er den Drang zur Vernichtung aus. Genau betrachtet geht es aber nur darum, die Zeitspanne bis zu einem ohnehin unausweichlichen Schicksal, nämlich dem Tod, zu verkürzen. Wer den Dunstein berührt tötet aber nicht einfach andere Menschen. Er arbeitet vielmehr einen Plan aus, ganze Völker zu vernichten. Deshalb kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass er nicht von einem Einzelnen geschaffen wurde, sondern von einer ganzen Rasse, und zwar wohl als Waffe, die gegen andere Rassen eingesetzt werden kann. Oder besser gesagt: als Waffe, die andere Rassen gegen sich selbst einsetzen. Ich glaube nicht, dass der Dunstein hier auf dem Kontinent gezielt benutzt werden sollte. Er ist wohl eher zufällig hierher gelangt. Aber allein der Umstand, dass er sich hier befindet und unzerstörbar ist, dürfte aus der Sicht der Sterblichen eine große Gefahr darstellen, wenngleich er letztlich nur ihre Lebensdauer verkürzt. Aber gerade dadurch, dass er dazu bestimmt ist, massenhaft die Lebensdauer Einzelner zu verkürzen, löscht er ganze Völker aus.“
Crandin starrte lange auf den staubigen Höhlenboden vor seinen Füßen, ohne ihn aber wirklich wahrzunehmen. Er musste daran denken, was Roxolay ihm einst über den Dunstein erzählt hatte. Siridindars brillante Schlussfolgerungen hatten ihm weitere Erkenntnisse gebracht, aber dadurch war ihm der Stein nur noch viel unheimlicher geworden. Schließlich stand er auf und sagte in einem Ton, der zwischen euphorischer Freude und abgrundtiefer Furcht schwankte: „Ich werde dir angemessene Kleidung besorgen. Dann gehen wir nach Rukumor.“
Seine Freude galt der Tatsache, dass er eine ebenso bildschöne wie überirdisch starke und kluge Frau, die angeblich auch noch unsterblich war, als Begleiterin gewonnen hatte; seine Furcht galt der Tatsache, dass er dazu verdammt schien, einen unscheinbaren Stein zu besitzen, dem eine unfassbare Vernichtungskraft innewohnte.

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Im Morgengrauen ritt Crandin nach Sokul, um Kleidung für Siridindar zu besorgen. Am Rand der Dunstkuppeln hielt er sein Pferd an einem abgestorbenen Baum an, der seine kahlen, bleichen Äste hilflos ausgestreckt hatte, als wolle er nach den letzten Tropfen des Lebens greifen. Von der Ebene stieg ein leichter Nebel auf, so dass Crandin nicht bis nach Sokul sehen konnte. Aber sein Blick war ohnehin nicht auf das scheinbar endlose Tal gerichtet, sondern nach oben. Er schaute zu einem von wabernden Dunstbändern durchzogenen Himmel auf, die der nahe Vulkansumpf freigesetzt hatte. Noch während Crandin das Firmament absuchte, vernahm er neben sich in dem abgestorbenen Baum ein flatterndes Geräusch.
„Guten Morgen, Crandin.“ Der graue Papagei mit dem weißen Ring auf der Brust war nur fünf Meter von ihm entfernt gelandet.
„Hallo, mein Freund“, begrüßte Crandin den Vogel. „Wie sieht es im Norden aus?“
„Unitor lässt dir ausrichten, dass er etwas äußerst Wichtiges mit dir zu besprechen hat“, berichtete der Papagei. „Er fragt, wo er sich mit dir treffen kann.“
Crandin überlegte kurz. Wenn der Eisgraf die eigentliche Botschaft nicht durch den Papagei übermitteln wollte, musste es sich tatsächlich um eine sehr wichtige Angelegenheit handeln.
„Sage ihm, er soll zur Insel Rukumor kommen!“, wies er den grauen Vogel an. „Er wird mich dort in einer ehemaligen Felsenburg auf dem Berg Zwobulak finden. Sage ihm auch, dass es vielleicht besser ist, wenn er sich unterwegs und auf Rukumor nicht als der Fürst zu Drinh zu erkennen gibt. Auch ich habe wichtige Nachrichten für ihn.“
Der Papagei schlug mit den Flügeln: „Ich werde am besten gleich losfliegen.“
„Warte!“, hielt ihn Crandin zurück. „Da wäre noch etwas: Unitor soll unbedingt das Schwert von Umbursk tragen. Und vielleicht kannst du ihn ja auch begleiten.“
Auf dem Kontinent gab es nur noch zwei Schwerter, die aus dem alles durchdringenden Cirrha-Stahl geschmiedet waren. Eines davon hatte Arthania, die ermordete Königin von Zogh, dem Eisgrafen Unitor geschenkt. Das andere befand sich im Besitz der Eisgräfin Octora, der Tochter der Königin, die inzwischen die Nachfolge ihrer Mutter angetreten hatte.
Nachdenklich sah Crandin dem grauen Papagei nach, als er sich in die Lüfte erhob und in Richtung der Sümpfe davonflog.

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Warum er bei der Wahl des Hüters der Flammen nicht wahlberechtigt war, hatte Jorgal zu Kerdaris nie hinterfragt. Er hatte diese Tatsache auch nie als Makel empfunden. Nun gereichte es ihm zum Verdienst, die Geschicke seines Nachbarlandes Gatya in einer für die Nordlande entscheidenden Epoche maßgeblich beeinflusst zu haben. Dort saß jetzt dank seiner Mithilfe eine zierliche, fast zerbrechlich wirkende Frau auf dem Thron, die als die Mächtigste des Kontinents galt. Seit die Eisgräfin Octora den Hochkönig Gylbax XII. von Sindra bei seinem Versuch, Mithrien zu erobern, getötet und seine Schattenarmee vernichtet hatte, gab es außerhalb von Yacudac nur noch wenige, versprengte Pylax auf dem Kontinent. Und auf direktem oder indirektem Wege verfügte die kindliche, hübsche Königin von Gatya über fast alle diese legendären Krieger, die wegen ihrer Schnelligkeit als nahezu unbesiegbar galten. Damit war Duotora noch weitaus mächtiger als die Königinnen der beiden anderen Nordlande zusammen, Quintora von Mithrien und Octora, die Gebieterin der kriegerischen Zogh. Wenn indes Macht der Herrscherin von Gatya etwas bedeutet hätte, wäre sie längst nach Sindra zurückgekehrt und hätte dort als designierte Hochkönigin das Erbe ihres getöteten Ehemannes Gylbax angetreten. Auf diese Weise hätte sie auch über Yacudac gebieten können, die Heimat der Pylax. Vor allem aber hätte sie das brüchige Machtvakuum beenden können, das nunmehr dort herrschte. Yxistradojn, der Vetter des letzten Hochkönigs, war formaler Regent von Duotoras Gnaden, hatte jedoch mit dieser Stellung im Verhältnis zu den Pylax noch nicht den historischen Anspruch, die bedingungslose Treue des Königlichen Verwesers von Yacudac einfordern zu können.
Für die Feinde des Nordens war es fatal, dass Duotora sich für Gatya entschieden hatte. Die drei Eisgräfinnen hatten als Königinnen ein Bündnis geschmiedet, das weitaus schlagkräftiger und unangreifbarer erschien als die von Gundur zu Drinh dreihundert Jahre zuvor ins Leben gerufene Vereinigung der drei Nordlande, die sein Nachfahre, der Eisgraf Unitor, unter Mithilfe der Fürsten von Mithrien und des Vaters der jetzigen Königin von Gatya beendet hatte.
Jorgal zu Kerdaris gab sich indessen keinen Illusionen hin. Als Inkarnation der Vorsicht und der Wachsamkeit ging er davon aus, dass die Feinde des Nordens insgeheim bereits an Plänen arbeiteten, diese Eintracht zu zerstören. Aber selbst für ihn überschritt es die Grenzen der Vorstellungskraft, dass Menschen mit den besten Absichten die tödlichste Gefahr darstellen konnten. So kannte er beispielsweise auch nicht die Rolle, die die treuen Begleiter Königin Arthanias unbewusst bei ihrer Ermordung gespielt hatten.
Fürst Jorgal war der Besitzer der außergewöhnlichsten Burg im Norden. Sie bestand aus einem Konglomerat unterschiedlich hoher Rundtürme mit überdachten Verbindungsbrücken, deren Anblick geradezu verstörend auf den Betrachter wirkte. Jorgal selbst sah die Burg nur als Leihgabe an. Er stand damit in der Tradition seiner Vorfahren, die einen guten Grund hatte. Vor unendlich langer Zeit war die Burg ein Tempel gewesen. Jorgal ahnte das, ohne es wirklich zu wissen. Aber seit kurzem wusste er, dass die Burg einen Schatz barg, von dessen Bedeutung er zunächst keine Vorstellung hatte. Es handelte sich um ein Kleidungsstück aus einem mäßig dehnbaren, fremdartigen Material, dessen hellgrau irisierende Farbe nahezu durchsichtig wirkte. Mit diesem sonderbaren Umhang konnte man den gesamten Körper bedecken. Jorgal hatte es durch Zufall in einem abgelegenen, verschlossenen Raum des Turmes gefunden, in dem die Kleidungs- und Waffenvorräte aufbewahrt wurden. Das merkwürdige Gewand hing an einem Holzkreuz mitten in dem ansonsten leeren, kleinen Zimmer.
Gemeinhin pflegte Jorgal zu Kerdaris das Abendmahl gemeinsam mit seinem Burgvogt und dem Pylax Kwoxit u Dengo einzunehmen. Dieses Mitglied der legendären Kriegerkaste aus Sindra war auf allerlei seltsamen Umwegen in die Burg des Fürsten gelangt. Jorgal hatte nicht die geringste Vorstellung von dem wahren Alter des Pylax, der bereits über dreitausend Jahre zählte und nach einer Wiedererweckung gerade sein zweites Leben lebte. Dennoch hatte der Fürst instinktiv die unglaubliche Weisheit hinter der jugendlichen Fassade seines Gastes durchschaut. Darin lag auch der Grund, weshalb Jorgal an diesem Abend nach dem Weggang des Burgvogts entschied, den Pylax in sein Geheimnis einzuweihen und ihm das unlängst entdeckte Kleidungsstück zu zeigen.
Jorgal hatte sich inzwischen an die scheinbar völlig ausdruckslose Mimik des Mannes mit der gelblichen Hautfarbe, der auffällig gebogenen Nase und den fast schwarzen Augen gewöhnt. Daher erschrak er regelrecht angesichts der Reaktion, die der Anblick des Kleidungsstücks bei dem Pylax auslöste. Dessen dunklen Augen waren wie sein Mund weit aufgerissen und seine Arme ausgestreckt, als sei das Gewand ein böser Geist, der ihn heimsuchte. Schließlich stammelte Kwoxit u Dengo: „Das Eidgewand von Yacudac.“
„Was hat es damit auf sich?“, fragte der Fürst atemlos.
Kwoxit u Dengo näherte sich bedächtig und mit staunender Ehrfurcht dem irisierenden Kleidungsstück, nachdem er sich wieder gefasst hatte.
Dann begann er zu erzählen: „Die Frauen meines Volkes stellen ein Gewebe her, für das unter anderem die Spinnfäden der Grauen Riesenspinne verwendet werden. Man nennt es die „Rüstung der Pylax“, und es hält jedem Angriff stand, sogar den Metallpfeilen der Obesier und den Zähnen der gefährlichsten Tiere, nur nicht Cirrha-Stahl. Dieses Gewand hier wurde aber zu einer Zeit gewoben, an die sich selbst die ältesten Pylax nicht mehr erinnern können. Es ist das einzige, das auch von Cirrha-Stahl nicht durchdrungen werden kann. Aber es birgt noch ein weiteres Geheimnis: Als sich die Pylax mit Sindra verbündeten, hat der letzte König von Yacudac dem damaligen Hochkönig von Sindra, Cedephrastes II., zum Zeichen der Treue dieses Gewand übergeben. Als weiteres Zeichen der Unterwerfung legte er die Königswürde nieder und nannte sich fürderhin nur noch Königlicher Verweser von Yacudac im Dienste des Hochkönigs. Aber auch Cedephrastes hat einen Eid geschworen, nämlich die Pylax vor ihren Nachbarn, den Lumburiern, zu beschützen. Das ist jedoch noch nicht alles. Cedephrastes bekräftigte, dass das Eidgewand von Yacudac auch beide Seiten wieder von ihrem Schwur entbinden könne, wenn dies dem Willen eines späteren Hochkönigs oder des Königlichen Verwesers von Yacudac entspräche. Dieses Gewand ist also ein mächtiges Artefakt, das nicht nur den Körper des Trägers, sondern auch zwei Völker schützt. Würde der Pakt widerrufen, käme es wohl unweigerlich zum Krieg zwischen Sindra und Yacudac. Außerdem würden beide Völker ihren Schutz gegen ihre äußeren Feinde verlieren.“
„Und wie ist das Gewand hierhergekommen?“, wunderte sich Jorgal zu Kerdaris, wobei er davon ausging, dass der Pylax ihm diese Frage nicht würde beantworten können.
Aber Kwoxit u Dengo lieferte zumindest den Ansatz einer Erklärung: „Cedephrastes wollte in weiser Vorausschau die Auflösung des Bündnisses für alle Zeiten verhindern. Er ernannte zu diesem Zweck einen Hohepriester, dessen einzige Aufgabe die Verwahrung des Eidgewandes darstellte. Ihm befahl er, das Gewand an einem sicheren Ort, weit entfernt von Sindra, zu verstecken. So wussten nur noch die Hochkönige, wo es sich befand. Meiner Meinung nach könnte es sich bei dem Aufbewahrungsort um Charak Dun oder Derfat Timbris gehandelt haben, vorgeschichtliche Kultstätten des Volkes von Dunstein. Im Laufe der Jahrhunderte geriet jedoch dieser Aufbewahrungsort, der sich ursprünglich jedenfalls irgendwo in Nord-Obesien befunden haben soll, in Vergessenheit. Ich glaube, dass das Gewand später einem fremden Eroberer in die Hände fiel, vielleicht einem Eurer Vorfahren. Sicherlich war es nicht so, dass Eure Ahnen einfach das Artefakt geraubt haben, sondern sie müssen sich mit den Nachkommen der Hohepriester verbündet haben. Andernfalls wäre ihnen die Bedeutung des Gewands verborgen geblieben, denn die Hohepriester hätten sie Feinden niemals verraten.“
Der Fürst glaubte zu wissen, was der Pylax meinte. Die Art und Weise, wie das Gewand hier aufbewahrt wurde, bewies eine hohe Wertschätzung.
Kwoxit u Dengo hatte jedoch noch eine ganz andere Erklärung parat: „Eure Burg ist in Wahrheit ein Tempel, der auf einem Ort errichtet wurde, in dem altvordere Götter wohnen.“
Jorgal sah überrascht auf: „Ihr sprecht von Rooll?“
„Rooll war einer von ihnen“, erwiderte der Pylax betrübt. „Es gibt noch andere: Chrinodilh und Tholulh, der Bewahrer des Ehernen Gesetzes.“
Beide Männer verfielen in ein langes, nachdenkliches Schweigen. Der Pylax löste schließlich seinen Blick von dem Eidgewand und sah Jorgal prüfend an. Dabei machte er eine Entdeckung, die bisher nicht an die Oberfläche seines Bewusstseins vorgedrungen war. Er zögerte auch nicht, sie sogleich auszusprechen: „Die Nachkommen der Hohepriester und die nordischen Eroberer haben sich vereinigt. Ihr habt die blauen Augen der Mithrier, aber ansonsten seht Ihr eher aus wie ein Sindrier. Ihr seid ganz gewiss ein Nachfahre der Hohepriester.“
Nun hob auch Jorgal den Blick, und seine Augen begannen zu leuchten.
„Ihr habt ein altes Geheimnis gelüftet, von dem ich selbst nichts wusste“, sprach er fließend in der „Sprache der Könige“, von der er zuvor kein Wort beherrscht hatte.
„Behaltet es für Euch“, mahnte Kwoxit u Dengo in der gleichen Sprache. „Jeder, der den Aufbewahrungsort des Eidgewandes kennt, kann mit diesem Wissen eine Katastrophe auslösen.“

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Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen. Nach diesem Motto hatte Saradur oft in seinem langen Leben gehandelt. Das war mit ein Grund dafür, dass er nun das Amt des Höchsten Priesters des Wissens bekleidete. Manche mochten ihn vielleicht als Meister der Intrige bezeichnen; aber ein Mann, der ebenso beharrlich wie rücksichtslos seine Ziele verfolgt, macht sich darüber wenig Gedanken. Diese Gleichgültigkeit, die er im Gegensatz zu vielen anderen Menschen auch den Zeichen von Wertschätzung wie Beliebtheit und Ansehen entgegenbrachte, war ebenfalls ein wichtiger Baustein seines Erfolges. Wer keinerlei Rücksicht darauf nimmt, was andere von ihm halten, ist in seinen Entscheidungen kaum noch eingeschränkt.
Mit unermüdlicher Überzeugungsarbeit hatte der Höchste Priester schließlich doch noch geschafft, was er anfänglich für unmöglich gehalten hatte: vier einander nicht wohlgesonnene Menschen mit völlig unterschiedlichen Interessen in einem Raum zusammenzubringen. Dass diese Zusammenkunft nicht im Inneren Zirkel der Akademie von Modonos stattfand, sondern in einem kleinen Raum des Monasteriums von Oot, welches seine Bewohner als „das Paradies der Küste“ bezeichneten, hatte er dafür gerne in Kauf genommen. Wichtig schien ihm nur, dass alle seinem Ruf gefolgt waren: Baradia, die sich gerne „die Gütige Frau von Oot“ nennen ließ, aber in seinen Augen eine Hexe war, Uggx, das Oberhaupt der Dschungelmenschen, und Nulpir a Tomax, der Königliche Verweser von Yacudac, den inzwischen viele bereits als König der Pylax ansahen.
Baradia, die Saradur für den Tod ihres Lieblingssohnes Tillbar verantwortlich machte, trug ihren Groll offen zur Schau. Sie hatte sich demonstrativ in ein schwarzes, streng geschnittenes und hochgeschlossenes Gewand gekleidet und auf die sonst bei ihr üblichen Orchideen im Haar verzichtet.
Saradur wusste, dass sie die schwierigste Gesprächspartnerin sein würde.
„Ich danke euch allen, dass ihr hierhergekommen seid“, begrüßte er die Anwesenden und fuhr dann an Baradia gewandt fort. „Und vor allem danke ich dir, Baradia, dass du als Gastgeberin bereit warst, mich zu empfangen. Deshalb möchte ich aber eines gleich vorweg klarstellen: Für mich war Tillbar ein treuer Weggefährte, der sich mit aller Kraft für unsere gemeinsamen Ziele eingesetzt hat. Er ist für all das gestorben, was wir beide für richtig und wichtig hielten. Nicht ich bin für seinen Tod verantwortlich, sondern die Verräter aus Lohidan und Sandammon. Auch ich trauere um ihn, und wenn er noch leben würde, wäre diese Zusammenkunft unnötig.“
Saradur strich sich eine seiner mit weißen und grauen Haaren durchsetzten, dunklen Strähnen aus dem hageren, kantigen Gesicht. Seine dunkelroten, fanatisch leuchtenden Augen funkelten Baradia herausfordernd an, und die markanten Furchen in seinen Zügen erschienen noch tiefer als sonst. 
Als die Gastgeberin nicht antwortete, unternahm er einen neuen Anlauf: „Baradia, ich mache keinen Hehl daraus, dass ich dich in diesen schweren Stunden brauche. Und ich bin nicht mit leeren Händen gekommen.“
„Was willst du?“, fragte die Angesprochene kurz angebunden.
„Ich möchte, dass du meine Stellvertreterin wirst und meine Nachfolgerin als Sprecherin des Ordens“, bot er ihr an. Damit hatte er sie nun doch überrascht.
„Die Priester des Wissens sehen in mir eine Ketzerin, die nicht bereit ist, sich in die Strukturen des Ordens zu fügen. Und damit haben sie auch recht“, erklärte Baradia nach einer kurzen Bedenkzeit kategorisch. „Außerdem bin ich nicht bereit, nach Modonos zu gehen.“ Auch wenn ihr das Angebot schmeichelte, hegte sie eine tiefe Abneigung gegen das Gefüge des Ordens und nicht minder gegen die Hauptstadt Obesiens.
„Du müsstest nicht nach Modonos gehen“, gestand ihr Saradur zu. „Ich bin sogar der Meinung, dass du dem Orden hier viel mehr nützen kannst. Und du müsstest mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich das, was ich jetzt sage, völlig ernst meine: Der Orden braucht dringend eine Erneuerung. Vieles von dem, das du getan hast, war wesentlich besser als das, was innerhalb des Ordens abgelaufen ist. Gemeinsam könnten wir den Orden in eine bessere Zukunft führen.“
Baradia lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Um ihre Mundwinkel zuckte ein wissendes, verächtliches Lächeln: „Das alles sagst du nur, weil du den Odem des Lebens von mir willst.“
Saradur schüttelte ernst den Kopf: „Da irrst du dich. Aber damit wären wir beim Thema: Ja, ich will den Odem des Lebens, aber nicht von dir. Deshalb habe ich auch den Königlichen Verweser von Yacudac hergebeten. Ich brauche Verbündete für eine Allianz gegen Lumburia. Ich will den Grünen Kristall und Qaromars Stab von dort holen.“
„Dieses Opfer kann ich von meinem Volk nicht verlangen“, lehnte Nulpir a Tomax ab. „Selbst wenn wir die Lumburier besiegen könnten, wäre das mit unsäglichen Verlusten verbunden.“
Saradur beugte sich vor. Wieder fiel ihm eine Haarsträhne ins Gesicht, das nun ganz nah vor dem des Pylax war. Mit leiser, eindringlicher Stimme fragte er: „Sie haben doch sicherlich schon von dem Eidgewand von Yacudac gehört?“
Der Pylax starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.
„Wo ist es?“, stieß er schließlich hervor.
Saradur trat zwei Schritte zurück und verschränkte die Arme vor der Brust: „Ich habe lange in der Bibliothek der Akademie suchen müssen. Aber den wichtigsten Hinweis habe ich in der Harlang-Bibliothek gefunden als ich im Quaralpalast war. Die Hochkönige haben das Gewand aus Sindra wegbringen lassen. Der letzte belegte Aufenthaltsort eines Hohepriesters war in Nord-Obesien, nahe der mithrischen Grenze. Ich habe jedoch einen Verdacht, welchen weiteren Weg das Gewand genommen haben könnte.“ Er wandte sich nun an Baradia und Uggx, die beide völlig verständnislos dreinschauten.
„Das Eidgewand von Yacudac ist ein mächtiges, altes Artefakt. Es ist vermutlich ausschließlich aus den Spinnfäden der Grauen Riesenspinne gewoben und kann von keinem bekannten Material durchdrungen werden, nicht einmal von Cirrha-Stahl. Wer dieses Schutzgewand trägt, ist praktisch unverwundbar und daher auch von den Lumburiern nicht zu besiegen. Aber es hat auch eine überragende historische Bedeutung.“ Bei den letzten Worten sah Saradur den Königlichen Verweser von Yacudac erwartungsvoll an. Nulpir a Tomax erklärte: „Die Pylax haben auf dieses Gewand den Hochkönigen von Sindra die Treue geschworen. Sie können aber diesen Schwur mit Hilfe des Gewands auch wieder rückgängig machen.“ Nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Aber das würde ihre Existenz gefährden. Ohne die Hilfe Sindras könnten die Ureinwohner die Pylax vernichten.“
Saradur lächelte triumphierend und fragte den Königlichen Verweser: „Würden sie das versuchen, wenn sie wüssten, dass die Pylax im Besitz des Eidgewands sind?“
„Das Eidgewand schützt nur seinen jeweiligen Träger“, antwortete Nulpir a Tomax. „Deshalb haben meine Vorfahren es gegen den Schutz Sindras eingetauscht.“
Der Höchste Priester winkte ab: „Sie unterschätzen die Möglichkeiten des Ordens. Ich könnte Sie mit modernsten Waffen ausrüsten und Ihnen ganze Heere aus Obesien beschaffen. Es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit bis Lumburia untergeht.“
Uggx hatte während des gesamten Gesprächsverlaufs nur unruhig zugehört. Jetzt erschien ihm die Zeit reif für die einzige Frage, die ihn interessierte: „Und wozu brauchen Sie mich?“
Saradur nickte zur Bestätigung, dass er dies ohnehin gerade darlegen wollte: „Ich habe drei Ilumit-Minen von Baron Schaddoch gekauft. Wir müssen sie in Betrieb nehmen. Viele der Bergarbeiter in Surdyrien sind Shondo. Der Orden kann ihnen bessere Arbeitsbedingungen bieten als sonstwo. Uggx, Sie müssen aus Ihrer Nische als Schnorst von Oot hervortreten und die Verantwortung für Ihr gesamtes Volk übernehmen, auch soweit es in anderen Ländern lebt. Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, die Kontrolle über die wichtigste Substanz zu gewinnen, die diese Welt zu bieten hat: Ilumit. Da sind nämlich auch noch die Minen, die im Besitz Senesia Sidas standen. Auch wenn Schaddoch sie beschlagnahmt hat, sind die Besitzverhältnisse ungeklärt. Schaddoch hat seinem Volk versprochen, Gerechtigkeit in Surdyrien einzuführen. Wer einen solchen Anspruch erhebt, kann nicht einfach fremdes Eigentum annektieren.“ Er wandte sich wieder an Baradia: „DU solltest Anspruch auf diese Minen erheben. Du warst ihre Halbschwester und damit ihre nächste lebende Verwandte. Die Surdyrier müssen einen solchen Anspruch anerkennen. Das gilt natürlich für das gesamte Erbe Senesia Sidas. Ich werde dir dabei helfen.“
Baradia musste in diesem Augenblick an Berion denken, ihren Vater, zu dem sie viele Jahre ein sehr getrübtes Verhältnis gehabt hatte. Er hatte ihr lange verschwiegen, dass Ilumit bei manchen Menschen den Alterungsprozess aufhält, allerdings ohne Einfluss auf die Sterblichkeit zu haben. Dann hatten beide herausgefunden, dass Ilumit, vermischt mit dem Extrakt der Roten Mondorchidee, sogar die Sterblichkeit besiegen konnte. Sie nannten diese Mischung den „Odem des Lebens“. Die Roten Mondorchideen mussten während der Wachstumsphase der Strahlung eines Zenesiths ausgesetzt werden. Auf dem Kontinent gab es nur zwei große, für diesen Zweck geeignete Exemplare dieses grünen Kristalls. Einer befand sich im Besitz Baradias, der andere in Lumburia. Da wegen des begrenzten Raumes, in dem der Kristall wirkte, stets auch nur eine kleine Menge der Unsterblichkeitsdroge erzeugt werden konnte, war es von vornherein zu Verteilungskämpfen gekommen. Baradia erkannte nun die Möglichkeit, diese Verteilungskämpfe dauerhaft zu beenden. Durch einen Pakt mit Saradur konnte es gelingen, den zweiten Zenesith und die Kontrolle über die Minen zu erlangen. 
Schließlich fragte sie ihn: „Nimmst du Ilumit?“
„Erst seit kurzem“, bekannte Saradur. „Sonst würde ich körperlich völlig verfallen bevor ich den Grünen Kristall aus Lumburia habe und den Odem des Lebens herstellen kann.“
„Es wird noch längere Zeit dauern bis du den Kristall hast und mit der Orchideenzucht beginnen kannst“, meinte Baradia. „Ich wäre bereit, dich bis dahin mit meinem Odem des Lebens zu unterstützen, aber unter einer Bedingung.“
„Die wäre?“, fragte der Höchste Priester des Wissens mit einer plötzlich erwachten Gier in den Augen.
„Ich will Rache für Tillbar“, verlangte Baradia.
„Einverstanden“, stimmte Saradur sofort zu.
Die „Gütige Frau von Oot“ ließ jedoch nicht locker: „Und wie gedenkst du vorzugehen?“
Saradur ließ sich in den nächsten Sessel sinken und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Dann erläuterte er seinen Plan: „Wenn wir Nulpir a Tomax helfen, das Eidgewand von Yacudac zu bekommen, ist sein Volk wieder frei. Dann wird er uns helfen, den Marschall von Sandammon und Sokul zur Strecke zu bringen. Den Hafenmeister von Lohidan übernehme ich selbst. Nachdem du ja das Amt der Ordenssprecherin ablehnst, werde ich für die Besetzung einen anderen Rektor vorschlagen, der ganz begierig darauf ist. Dafür ist er sicherlich auch bereit, mit einem Mörder nach Lohidan zu gehen. Das ist unsere Vereinbarung, jeder bekommt was er will.“
Einzig Nulpir a Tomax schien noch nicht restlos überzeugt. Er senkte den Kopf und dachte nach. „Das ist eine schwere Entscheidung“, sagte er schließlich. „Aber das Volk von Yacudac kann von mir verlangen, dass ich diese einzigartige Gelegenheit nutze.“



Kapitel 2 – Die Auswahl der Gesandten

 Tergald ahnte, dass die Obrigkeiten diesseits und jenseits der Grenze einen schweren Fehler begingen, indem sie Rabenstein ignorierten. Gewiss, Rabenstein schien nur eine freie Schule hinter größtenteils eingefallenem Gemäuer zu sein. Vor zwanzigtausend Jahren war das völlig anders. Damals hieß Rabenstein noch Charak Dun, eine große Festungsanlage, die weithin sichtbar auf einem sanften Hügel über einer gerodeten Ebene thronte. Die Erbauer hatten auf dieser Anhöhe eine umlaufende, fünf Meter hohe Mauer errichtet, diese innen bis zur Mauerkrone aufgefüllt und auf der so entstandenen Terrasse die Burg erbaut. Jetzt sah man Rabenstein erst wenn man unmittelbar davor am Fuß des Hügels stand. Der dunkle Wald Timbur hatte die Ebene zurückerobert. Von den ehemals neun wuchtigen Gebäuden der Festungsanlage waren sechs eingestürzt und nur drei halbwegs erhalten geblieben.

Tergald hatte an Bord eines lokhritischen Schiffes von Rabenstein gehört. Voll Wissbegier war er mit völlig falschen Erwartungen hierher gekommen. Dieser Ort hatte nichts mit einer klassischen Schule gemein. Es gab insbesondere keinen Unterricht im herkömmlichen Sinne. Genaugenommen handelte es sich um eine reine Begegnungsstätte, gegründet von einem jungen Priester des Wissens namens Telimur. Inzwischen stand sie unter der Leitung des alten Roxolay und zweier geheimnisvoller Helfer.

Bei Roxolay handelte es sich ebenfalls um einen ehemaligen Priester des Wissens, der sich jedoch von seinem Orden losgesagt hatte. Tergald erinnerte sich, dass ein anderer Schüler einmal erwähnte, der alte Mann sei sogar Rektor des höchst umstrittenen Kriegsmonasteriums von Dunculbur gewesen.

Roxolay war Tergalds Mentor. Jeder Fremde, der sich für einen uneingeschränkten Zugang zu Rabenstein bewarb, wurde für eine gewisse Zeit einem Mentor zugeteilt. Dieser hatte die Aufgabe, den Novizen die Werte zu vermitteln, für die Rabenstein stand. Bevor der Mentor aber über die Aufnahme eines Schülers entscheiden durfte, musste der Bewerber zunächst noch eine schwierige Aufgabe meistern.

Im Laufe nur weniger Monate entwickelte sich Rabenstein zu einer Pilgerstätte der Unzufriedenen, die den Kontinent in einen schöneren und friedlicheren Ort verwandeln wollten. Die aufgenommenen Mitglieder der Schule wurden kostenfrei von einer großen Landwirtschaft versorgt, die mehrere Bauernfamilien aus Borthul zwanzig Meilen von der Burg entfernt aufgebaut hatten. Da die Bauern auch Erzeugnisse nach Mithrien lieferten, standen sie unter dem Schutz Königin Quintoras, so dass sie widerwillig auch von den Obesiern geduldet wurden, obgleich sich die Ländereien in der fruchtbaren Tiefebene auf nordobesischem Territorium befanden.

Novizen, die sich um eine Aufnahme in die Schule bemühten oder auch einfach nur in Rabenstein leben wollten, halfen entweder in der Landwirtschaft oder beim Wiederaufbau der uralten Gebäude, die allerdings in völlig veränderter Form neu entstanden. Anstelle der wuchtigen, eckigen Formen, die den Eindruck von Wehrhaftigkeit vermittelten, beherrschten nun verspielte, rundliche und abgeschrägte Linien das Bild. Roxolay pflegte zu sagen: „Ihr seid in der Gestaltung völlig frei. Aber bitte bedenkt stets, dass dies kein Ort des Fleisches, sondern ein Hort des Geistes und ein Symbol des Glücks werden soll. Es ist der Geist, der alles überdauert.“

Tergald hielt sich seit über einem Jahr in Rabenstein auf. Erst kurz nachdem Roxolay vor wenigen Monaten dort angekommen war, galten die neuen Regeln. Und jetzt befand sich Tergald als erster Proband auf seinem letzten Weg zu seinem Mentor. Seine innere Anspannung stieg mit jedem Schritt. Am heutigen Tag sollte er seine Aufgabe zugeteilt bekommen, deren Erfüllung darüber entschied, ob er ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft von Rabenstein sein würde.

Roxolay bewohnte eine kleine Kemenate in dem einzig noch vollständig erhaltenen der ehemals vier karoförmig angeordneten Festungstürme. Der alte Mann hatte nur noch wenige weiße Haare, die völlig wirr von seinem überwiegend kahlen Schädel herabhingen, der Tergald an einen Totenschädel erinnerte. In den dunkelroten Augen des ehemaligen Rektors brannte jedoch immer noch ein unergründliches, lebendiges Feuer. Seine Bewegungen und Gesten hatte er auf ein gezieltes Mindestmaß reduziert, was sie aber umso gewichtiger erscheinen ließ. Als Tergald eintrat, zeigte der alte Priester auf einen abgestoßenen Holzstuhl mit einem völlig abgewetzten Lederbezug.

„Setz dich, mein Sohn!“ krächzte der Alte. „Du bist hier, weil du für die Gemeinschaft von Rabenstein eine Aufgabe erfüllen willst. Aber ich muss dich warnen: Meiner Meinung nach handelt es sich um eine sehr schwierige und gefährliche Aufgabe. Allerdings gehen die Meinungen völlig auseinander. Rooll glaubt, die Aufgabe sei einfach. Obwohl er eigentlich immer recht hat, denke ich, dass er dieses Mal die Sache falsch einschätzt.“

Rooll war einer der beiden geheimnisvollen Helfer Roxolays. Tergald hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Es hieß, dass er völlig zurückgezogen in einer Höhle im Wald nahe Rabenstein lebte und in keiner Weise am Gemeinschaftsleben teilnahm. Lediglich ausgewählten Personen wie Roxolay gab er gelegentlich einen Ratschlag. Rooll stand in dem Ruf, mehr zu wissen als jeder andere. Dies gab Tergald einen gewissen Rückhalt, und er sah den Alten standhaft an als dieser fragte: „Bist du sicher, dass du die Mission übernehmen willst?“

Tergald bejahte die Frage mit fester Stimme. Was dann aber kam, erschütterte ihn bis ins Mark: „Bring uns das Schwert der Könige!“ Der Novize erbleichte. Es gab nur zwei Schwerter aus dem rötlichen Cirrha-Stahl auf dem Kontinent. Diese Schwerter durchdrangen jedes bekannte Material, sogar die sagenumwobene Rüstung der Pylax. Das Schwert der Könige war eines dieser beiden. Die Eisgräfin Octora und jetzige Königin von Zogh hatte es Gylbax, dem letzten Hochkönig von Sindra, abgenommen, nachdem sie ihn in der Einöde von Clampp getötet hatte. Octora galt als die beste Kämpferin auf dem Kontinent, und mit dem Schwert der Könige war sie praktisch unbesiegbar. Sie hatte es sich sogar leisten können, dem Eisgrafen Unitor das Schwert von Umbursk zurückzugeben, das ihre Mutter Arthania ihm einst geschenkt hatte. Aber gerade deshalb würde sie niemals freiwillig auf ihr jetziges Schwert verzichten, das sie in einem Kampf um Leben und Tod gewonnen hatte.

Tergald war klar gewesen, dass die Bewerber schwierige Aufgaben erfüllen mussten, um in die Gemeinschaft von Rabenstein aufgenommen zu werden. Aber was ihm nun abverlangt wurde, schien praktisch unmöglich. Dennoch sagte er gepresst: „Ich werde versuchen, mich des Auftrags würdig zu erweisen.“

Mit gesenktem Haupt trottete er zu dem zerstörten Ostflügel des ehemaligen Palas. Das eingestürzte Dach hatte man vorübergehend durch eine Holzkonstruktion ersetzt. In diesem Gebäude befanden sich die Stallungen. Dort stand auch Ibildag, das fuchsrote Bergpferd, das Tergald vor zwei Jahren einem fahrenden Händler aus Svoraven von der Heuer abgekauft hatte, die ihm nach seiner Zeit als Seemann in den Diensten der lokhritischen Flotte ausgezahlt worden war.

Ibildag wieherte aufgeregt als sein Besitzer die Stalltür öffnete. Beruhigend klopfte Tergald dem alten Hengst auf den Hals und sattelte ihn. Dann verließen beide die Schule von Rabenstein bevor die Sonne den Zenit erreicht hatte.

Als Seemann hatte Tergald gelernt, sich am Stand der Sonne und der Gestirne zu orientieren. Sein Ziel war Zogh; das lag im Osten. Obwohl die hohen Fichten und Tannen in diesem Teil des Waldes die Sonne fast völlig abschirmten und nur gelegentlich einen Schattenwurf zuließen, fand sich Tergald in der Düsternis zurecht. Nach einem sechsstündigen Ritt auf dem tiefen Moosteppich hatte er den Rand des dunklen Timbur erreicht. Nun lagen die ausgedehnten Wiesen Nord-Obesiens frei vor ihm, einem einsamen Reiter auf dem Weg nach Zogh, wo er einer übermächtigen Königin ihren kostbarsten Besitz entreißen sollte.

 

 

*

 

Als die junge Frau das Gesicht des Gefangenen sah, konnte sie sich nicht vorstellen, dass dieser Mann einfach nur ein gemeiner Dieb sein sollte. Er schaute sie aus seinen rötlichen Augen interessiert an. Obwohl er in einer engen, kalten Zelle kauerte, umspielte ein wohlwollendes und zufriedenes Lächeln seine Lippen. Er schien auch nicht verwundert, dass der hünenhafte Gefängniswärter auf ein Zeichen der jungen Frau das schwere Stahlgitter öffnete. In ihrem einfachen, grob gewebten Leinenkleid und mit ihrem kurzgeschnittenen, blonden Haar wirkte die Frau eigentlich nicht wie eine Gebieterin, die die Berechtigung besaß, Befehle zu erteilen. Sie trat in die Zelle, zog sich den zweiten Holzschemel heran und setzte sich dem Gefangenen gegenüber. Auf ihren erneuten Wink entfernte sich der Wächter.

„Haben Sie keine Angst vor mir?“, erkundigte sich der Gefangene belustigt.

„Warum sollte ich Angst vor Ihnen haben?“, fragte die Frau zurück.

„Immerhin habe ich den gefährlichsten Mann des Kontinents getötet“, behauptete der Gefangene, wobei sein Gesicht nun sehr ernst wirkte.

Die junge Frau sah ihn mit ihren eisblauen Augen durchdringend an: „Sie sind kein Aufschneider. Also sind Sie doch gefährlich.“ Der Mann lehnte sich zurück, und da blitzte wieder dieses freundliche Lächeln auf.

„Nicht für Sie. Und nicht nur wegen Ihres vernichtenden Blicks. Sie wissen das.“Nun wirkte die Frau etwas verwirrt. Was hatte er mit dem „vernichtenden Blick“ gemeint? Dass sie ihn so scharf gemustert hatte? Als „vernichtenden Blick“ bezeichnete man auch die Gabe der Eisgrafen, allein mit der Kraft ihrer geistigen Fähigkeiten feste Materie auflösen zu können. 

Während sie noch nachdachte, vollführte er eine Geste der Entschuldigung und erklärte: „Ich bin nicht nur ein Mörder und Dieb, sondern auch jemand, den man bei den Priestern des Wissens einen „Gesprächsforscher“ nennt. Sie würden das als „Folterknecht“ bezeichnen. Aber weil ich das bin, habe ich sofort bemerkt, dass Sie keine Verhörspezialistin sind. Also: wieso sollte man Sie bei einem höchst gefährlichen Gefangenen wie mir ein Verhör durchführen lassen? Die Antwort kann nur lauten: weil Sie das wollten. Aber wem ist es wohl erlaubt, sich allein zu einem Gefangenen in eine Zelle zu begeben? Und welche Frau würde das wagen?“

Die Frau nickte: „Sie sind außergewöhnlich schlau. Warum wollten Sie das Buch stehlen?“

Der Gefangene lachte: „Weil ich dachte, ich sei außergewöhnlich schlau.“

„Und jetzt glauben Sie das nicht mehr?“, hakte die Frau nach.

„In gewisser Weise schon“, schränkte der Gefangene selbstbewusst ein. „Aber ich konnte nicht damit rechnen, dass Sie hier auftauchen und mich entwaffnen würden.“

„Entwaffnen?“, fragte sie verblüfft.

„Ja“, bestätigte der Mann, der seinen rötlichen Augen nach zu urteilen ganz offensichtlich ein Priester des Wissens war. „Wenn Sie nicht diejenige wären, die Sie sind, würde ich jetzt sagen, dass ich mich in Sie verliebt habe.“ Die Frau sah ihn verwirrt und ungläubig an, was ihn zu der Äußerung veranlasste: „Auch wenn ich ein Dieb und Mörder bin, so glaube ich, von mir behaupten zu dürfen, dass ich dennoch immer auch grundehrlich war.“

Die Frau wechselte das Thema, das ihr immer unangenehmer zu werden begann und besann sich auf den Grund ihres Hierseins: „Meine Frage ist noch nicht beantwortet. Warum wollten Sie das Buch stehlen?“

Die Antwort enthielt jedoch für sie nur neue Rätsel: „Ich habe die Begegnungsstätte von Rabenstein gegründet. Dort werden wichtige Artefakte zusammengetragen.“

Aus einem Grund, den sie nicht begreifen konnte, fand die blonde Frau den jungen Mann sympathisch. Dieses Gefühl hatte sie in seiner Gegenwart sofort befallen. Sie ahnte, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zuging, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Dennoch hatte sie den Eindruck, dass sie trotz dieses Gefühls immer noch in der Lage war, folgerichtig zu denken. Seine Vergangenheit interessierte sie nicht wirklich. Der Versuch, ein Buch zu stehlen, stellte aus ihrer Sicht keine Tat dar, die es rechtfertigte, einen Menschen längere Zeit in einem Kerker einzusperren. Schließlich fragte sie ihn: „Geben Sie mir einen Grund, Sie aus dem Gefängnis zu entlassen?“

Der Priester des Wissens ergriff die Gelegenheit: „Ich gebe Euch zwei Gründe, Majestät. Erstens habe ich seinerzeit dabei geholfen, Euren Freund Unitor vor der Hinrichtung in Modonos zu bewahren und zweitens werde ich Euch sagen, was es mit dem Buch auf sich hat.“ Auf seinem Gesicht erschien ein breites Grinsen als er hinzufügte: „Ich war zwar ehrlich, aber den wahren Grund, warum ich das Buch in Sicherheit bringen wollte, habe ich Euch noch nicht verraten.“

Königin Quintora legte die Stirn in Falten: „Es gibt keinen Ort, der sicherer ist als der Quaralpalast. Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Telimur“, antwortete der Priester des Wissens.

„Werden Sie mir versprechen, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, wenn ich Sie aus dem Gefängnis entlasse?“, wollte die Königin wissen. Telimur nickte ernst: „Seit ich Euch gesehen habe, habe ich beschlossen, so lange in Eurer Nähe zu bleiben wie Ihr dies wünscht.“

Quintora bemerkte, dass sie errötete. Um dies vor Telimur zu verbergen, stand sie schnell auf, wandte sich zu der Gittertür um und rief nach der Wache.

Die angerostete Tür quietschte in den Scharnieren. Verwundert hielt der Wächter sie offen während die Königin und der Gefangene gemeinsam den Kerker verließen. Als sie nebeneinander durch den breiten Gang im Keller des Quaralpalasts schritten, erkundigte sich Quintora: „Wie sind Sie überhaupt in den Palast gekommen, ohne dass mir Ihre Anwesenheit gemeldet wurde?“

„Ich habe Unitor in Drinh besucht und mir von ihm ein Empfehlungsschreiben für ein Studium in der Harlang-Bibliothek geben lassen, das ich dem Verwalter vorgelegt habe“, antwortete Telimur. „Unitor wusste natürlich nicht, was ich vorhatte.“

„Ich habe auch mehrfach in dem „Buch der Vorzeit“ gelesen. Was ist so Besonderes daran? Es steckt voller Rätsel und Ungereimtheiten“, meinte Quintora.

Telimur blieb stehen und hielt sie am Ärmel fest. Dann flüsterte er: „Es ist das Mächtigste und zugleich Gefährlichste aller Artefakte. Wer es richtig zu lesen weiß, erhält Antworten auf Fragen, mit denen er die Welt aus den Angeln heben kann.“

 

*

 

Roxolay war verwundert, dass jemand zu derart später Stunde an die Tür seines Turmzimmers klopfte. Sein Erstaunen vergrößerte sich noch, als er die Tür öffnete.

„Rooll?“, fragte er ungläubig.

Der weißhäutige Mann mit den goldgelben Locken, der das Aussehen eines Jünglings besaß, aber unermesslich alt war, schob Roxolay sanft zurück in sein Zimmer und schloss die Tür.

„Es muss etwas Schlimmes geschehen sein, wenn du deine Höhle verlässt und nach Rabenstein kommst“, mutmaßte der ehemalige Rektor von Dunculbur.

„Schlimmer als du dir vorstellen kannst“, orakelte Rooll. „Offenbar beabsichtigt Crandin, den Geheimen Bund von Dunculbur wiederzuerwecken. Der Taubenzüchter von Traffagoss wurde benachrichtigt, dass das alte System der Nachrichtenübermittlung neu belebt werden soll. Crandin ist zur Zinnburg auf Rukumor unterwegs.“

Roxolay sah ihn verständnislos an: „Die Burg gehört zu Crandins Erbe. Ich bin davon überzeugt, dass er den Dunstein gemieden hat und nichts Böses im Schilde führt.“

Rooll schüttelte den Kopf: „Es geht nicht um Crandin. Die Tauben!“

Langsam dämmerte Roxolay die Erkenntnis. Die Nachrichtenübermittlung durch die Tauben war nur ihm und den Gründern bekannt. Dass auch Rooll davon wusste, wunderte ihn längst nicht mehr. Der weißhäutige Mann überraschte ihn ständig mit der Kenntnis von Dingen, die ihm eigentlich nicht bekannt sein konnten. Er musste eine Informationsquelle besitzen, von deren Vorhandensein selbst der Meister der Todeszeremonie nichts ahnte.

„Allein hätte Crandin den Taubenzüchter nicht finden können“, verdeutlichte Rooll seinen Verdacht.

 Roxolay weigerte sich jedoch immer noch, das Ungeheuerliche zu akzeptieren: „Die Gründer sind entweder tot oder weggesperrt. Und ich habe ihm nichts verraten.“

Hätte der Meister der Todeszeremonie den Blick der gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen deuten können, hätte er darin so etwas wie Mitleid erkannt. Rooll hatte beschlossen, Roxolay mit der schrecklichen Wahrheit zu konfrontieren: „Crandin muss einen der Ordensgründer befreit haben. Und nun bedenke bitte: Zwei von ihnen waren Ausgestoßene wie ich.“

Aus Roxolays Gesicht wich jegliche Farbe. Kreidebleich unternahm er einen verzweifelten Versuch, gegen die ganze Tragweite dieser Feststellung anzukämpfen: „Aber du setzt dich doch auch nur für gute Dinge ein, die den Menschen nützen.“

„Ich habe ja auch nicht den Dunstein berührt“, stellte Rooll klar. „Außerdem kann ich selbst nicht ermessen, ob nicht auch ich mich irgendwann verändere. Falls Crandin tatsächlich Udontroth oder Siridindar befreit hat, wird das Verderben über den Kontinent hereinbrechen.“

„Kannst du das nicht verhindern?“, fragte Roxolay entsetzt.

Rooll machte eine Geste der Ablehnung: „Ich habe dir erklärt, dass ich nicht noch einmal in die Geschicke der Äußeren Welt eingreifen darf. Ich wurde aus meiner Welt vertrieben, weil ich einmal gegen das Eherne Gesetz verstoßen habe. Beim zweiten Mal wäre die Verbannung unweigerlich endgültig.“

Obgleich Rooll Roxolays wichtigster Ratgeber war, wusste der ehemalige Rektor von Dunculbur noch immer so gut wie nichts über diesen völlig andersartigen Menschen. Falls man Rooll überhaupt als Mensch bezeichnen konnte, was der ehemalige Rektor inzwischen manchmal bezweifelte. Rooll wollte oder durfte nichts über sich preisgeben.

Nach mehreren erfolglosen Nachfragen hatte sich Roxolay mit dieser scheinbaren Geheimniskrämerei abgefunden.

„Aber es muss doch etwas geben, was wir tun können“, insistierte er.

Rooll nickte: „Das, was wir ohnehin schon beabsichtigt hatten. Wir müssen das Buch der Vorzeit, den Dunstein, das Eidgewand von Yacudac und alle noch vorhandenen Waffen aus Cirrha-Stahl hierher bringen. Nichts davon darf den Gründern in die Hände fallen. Wir können auch nicht zulassen, dass derart wankelmütige und unzuverlässige Menschen wie Baradia über solche Dinge wie Zenesithe oder die Rezeptur der Wiedererweckung verfügen. Du musst so schnell wie möglich weitere Novizen ausschicken, auch wenn du glaubst, dass sie noch nicht so weit sind.“

„Das Eidgewand von Yacudac?“, fragte Roxolay überrascht.

„Ja“, bestätigte Rooll. „Es befindet sich in Kerdaris.“

Der ehemalige Meister der Todeszeremonie hatte von diesem Artefakt gehört, es aber für verschollen gehalten. Es machte seinen Träger unantastbar. Nicht auszudenken, wenn der oder die Falsche das Gewand tragen würde.

 

*

 

 

Die Zeiten, in denen ihn die Anwesenheit attraktiver Frauen erregt hatte, waren für Roxolay längst vorbei und vergessen. Aber es gab da eine Ausnahme – oder vielleicht sollte man besser sagen: zwei. Allerdings verunsicherte den ehemaligen Rektor nicht die verführerische Art und Weise, wie Orhalura und Teralura in ihren kurzen, roten Wollkitteln die Beine übereinandergeschlagen hatten. Vielmehr lag einer der Gründe darin, dass er das Gefühl hatte, einem Spiegelbild gegenüber zu sitzen: Die Zwillinge waren äußerlich praktisch nicht voneinander zu unterscheiden und hatten dazu auch noch den gleichen Habitus im Auftreten. Aber zusätzlich ging von ihnen etwas aus, das selbst Roxolay als geübter Spiritant nicht eindeutig einzuordnen vermochte. Wenn es der Versuch einer untauglichen Beeinflussung durch geistige Kräfte gewesen wäre, hätte er dies eigentlich bemerken müssen. War es am Ende gar kein untauglicher Versuch?

Gemeinsam hatten die Zwillinge das Monasterium von Bogogrant geleitet, obwohl jede von ihnen erst knapp über dreißig Jahre zählte. Bogogrant galt als Anlaufstelle für Priester des Wissens, denen andere Monasterien in ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung zu einseitig erschienen und denen auch das Leben in der Hauptstadt Modonos und der dortigen Zentralakademie nicht behagte. Vor allem aber pflegte Bogogrant enge Beziehungen zu dem weltoffenen Äußeren Stützpunkt in Lokhrit, und zwar nicht nur wegen der räumlichen Nähe. Hinter vorgehaltener Hand wurde das Monasterium von Bogogrant als das „Monasterium der Rebellen“ bezeichnet.

Nachdem Orhalura und Teralura von Rabenstein gehört hatten, stand außer Frage, dass dies der richtige Ort für ihre weitere Tätigkeit sein würde: eine völlig offene Einrichtung außerhalb der Regeln des Ordens, wo von außergewöhnlich begabten Menschen Forschungen ohne jedwede Beschränkungen betrieben werden konnten.

Nun wunderten sie sich darüber, wieso ihr Mentor sie schon nach erst sechswöchigem Aufenthalt zu einem Aufnahmegespräch gebeten hatte. Mit ihrer besonderen Fähigkeit erkannten die Zwillinge, dass Roxolay ein Spiritant war. Hatte auch er etwas bemerkt? Die ungewöhnliche Aufgeregtheit des früheren Meisters der Todeszeremonie an diesem Tag wäre aber wohl auch jedem unbegabten Menschen nicht verborgen geblieben. Sie führte jedoch paradoxerweise dazu, dass sich Orhalura und ihre Schwester sofort entspannten, zumal in Aussicht stand, als vollwertige Mitglieder von Rabenstein aufgenommen zu werden. Ihre Stimmung verschlechterte sich indessen beträchtlich als Roxolay ihnen eröffnete, wo sie ihren Auftrag durchführen sollten. Es handelte sich so ziemlich um den letzten Ort, den sie sich gewünscht hätten: Dunculbur! Ausgerechnet das „Kriegsmonasterium“, das die Zwillinge von allen Monasterien am meisten verabscheuten.

„Ich fürchte, es kommt noch schlimmer“, bekannte Roxolay. „Wenn wir den Dunstein nicht bekommen, könnte dem Kontinent die größte Katastrophe aller Zeiten bevorstehen. Und Sie beide sind offen gestanden die Einzigen, denen ich einen Erfolg bei dieser Mission zutraue.“

„Welche Bewandtnis hat es mit diesem Stein?“, fragte Orhalura, nachdem sie sich zuvor durch einen kurzen Blick mit ihrer Schwester verständigt hatte, wer die Frage stellen sollte. Für ihre Gesprächspartner war es stets verwirrend, wenn die Zwillinge gleichzeitig sprachen. Beide warfen wie auf Kommando mit einer Kopfbewegung ihre rotblonden Haarmähnen in den Nacken.

„Der Dunstein stellte das zentrale Heiligtum eines Volkes dar, das in der Erinnerung unserer Vorfahren nach diesem Stein benannt wurde“, erzählte Roxolay. „Dieses Volk muss einst den Kontinent beherrscht haben. Wie Sie wissen, kann man beeindruckende Zeugnisse seines Wirkens überall finden. Rabenstein gehört übrigens auch dazu. Früher hieß dieser Ort Charak Dun. Ich vermute, dass der Stein einst sogar hier aufbewahrt wurde, bevor man ihn nach Derfat Timbris brachte, wo Qaromar, der letzte Wanderpriester, ihn gefunden hat. Irgendwann ist das Volk vom Dunstein schlagartig vom Kontinent verschwunden. Heute kennt anscheinend niemand mehr den Grund, und auch die alten Schriften geben keinen Aufschluss darüber.“ Roxolay holte mit einem geräuschvollen Atemzug tief Luft bevor er fortfuhr: „Meiner Meinung nach wurde der Dunstein verehrt, weil er die Feinde jenes Volkes vernichtet hat. Aber dann ist er ihm selbst zum Verhängnis geworden.“

Der alte Mann schaute die Zwillinge erwartungsvoll an. Er wusste, dass in Bogogrant auch „Grenzwissenschaften“ betrieben wurden wie die Erforschung des Geistes, der Gestirne und ungeklärter Phänomene. 

Wiederum verständigten sich die Schwestern mit einem Blick, und diesmal ergriff Teralura das Wort: „Von den Wanderpriestern wissen wir, dass an entlegenen Stellen des Kontinents schon Steine und Erzbrocken aus Materialien gefunden wurden, die dort nicht vorkommen und auch sonst noch nirgendwo entdeckt wurden. Eine naheliegende Theorie besagt, dass sie von den Sternen herabgefallen seien. Uns ist zwar nicht bekannt, dass solche Steine jemals über geheimnisvolle Kräfte verfügten, aber völlig ausgeschlossen erscheint das nicht. Denken Sie beispielsweise an das Ilumit, das bestimmte Eigenschaften von Lebewesen verändert, oder an den „vernichtenden Blick“ der Eisgrafen, mit dem sie feste Materie auflösen können. Einige Leute in Bogogrant glauben sogar, dass Mon’ghale Menschen beeinflussen.“ Sie warf ihrer Schwester einen bedeutungsvollen Blick zu und fuhr fort: „All das ist keine Zauberei, wie manche sagen. Wir können ja auch die Strahlen der Sonne nicht sehen, obwohl wir sie spüren, und obwohl sie Dinge verändern. Deshalb bezeichnen wir in Bogogrant die Quelle von Einflüssen, die nicht sichtbar sind, aber dennoch Auswirkungen haben, als Strahlungen. Vielleicht sendet der Dunstein eine solche Strahlung aus.“

Roxolay nickte: „Vielleicht. Aber diese Strahlung wirkt nur, wenn jemand den Stein berührt.“

„Ist das wirklich bewiesen?“, wandte Orhalura ein. „Möglicherweise wirkt sie bei Berührung auch einfach nur viel stärker. Oder auf verschiedene Lebewesen unterschiedlich, so wie Ilumit. Aber was macht den Stein nun so gefährlich?“ 

„Nachdem Qaromar ihn gefunden hatte, gründete er mit vier anderen …“ Roxolay kratzte sich nachdenklich am Kinn. „… Es fällt mir schwer, sie alle als Menschen zu bezeichnen. Also diese Fünf gründeten den „Geheimen Bund von Dunculbur“. Es war ihr Ziel, mit Hilfe des Dunsteins Frieden und Wohlstand auf dem Kontinent zu schaffen. Das haben sie sich wohl tatsächlich vorgenommen, aber alles kam anders. Was genau geschah, weiß ich nicht. Jedenfalls hat Qaromar behauptet, die vier anderen Gründer hätten den Dunstein berührt. Dadurch sollen sie unvorstellbare Kräfte erlangt, aber sich auch völlig verändert haben. Angeblich haben sie die Ziele des Bundes verraten und wollten eine neue Weltordnung nach ihren eigenen Vorstellungen schaffen. Irgendwie ist es Quaromar gelungen, seine ehemaligen Mitstreiter an abgelegenen Orten wegzusperren. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie ihm dies gelungen ist, wenn sie tatsächlich so mächtig und unverwundbar waren. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, neige ich zu der Annahme, dass Qaromar schon damals die gleichen Fähigkeiten besaß, die er den vier anderen Gründern zuschrieb. Auf irgendeine Weise hat er sie jedenfalls überlistet.“

„Was ist aus ihm geworden?“, fragten die Zwillinge wie aus einem Munde.

„Offenbar war er nicht unverwundbar und auch nicht unsterblich“, erwiderte Roxolay. „Er wurde getötet.“

„Von wem?“, wollten die Priesterinnen wissen.

Roxolay zögerte kurz, obwohl er wusste, dass er die Wahrheit sagen musste. Schließlich offenbarte er leise: „Von dem Mann, der diese Schule ins Leben gerufen hat.“

Es trat eine längere Stille ein. Dann ergriff der Meister der Todeszeremonie erneut das Wort: „Qaromar hatte eine Kammer im Monasterium von Dunculbur, wo er den Dunstein aufbewahrte. Er hat seinen Urenkel, einen Priester des Wissens namens Crandin, zu seinem Erben bestimmt. Neuesten Berichten zufolge müssen wir davon ausgehen, dass Crandin einen Gründer aus seinem Gefängnis befreit hat und den Geheimen Bund wiederbeleben will. Ihr müsst den Dunstein holen und hierherbringen, bevor er in falsche Hände gerät. Nur hier kann er sicher verwahrt werden.“

„Im Kriegsmonasterium werden keine Fremden geduldet“, gab Orhalura zu bedenken. „Wie sollen wir da hineinkommen?“

Roxolay lächelte spöttisch: „Ich könnte jetzt sagen, dass es genug denkbare Möglichkeiten gäbe, etwa Ihre weiblichen Reize oder Ihre Verwechslungsfähigkeit auszuspielen. Aber eigentlich denke ich, dass es genügt, wenn Sie eine Ihrer zahlreichen sonstigen Begabungen anwenden. Hineinzukommen ist für Mitglieder des Inneren Zirkels ohnehin eine Leichtigkeit. Schwierig ist nur, dort so lange geduldet zu werden, bis Sie die Gelegenheit haben, den Dunstein zu entwenden. Aber ich bin mir sicher, dass Ihnen da etwas einfallen wird. Sie brauchen ja nur eine Ihrer besonderen Fähigkeiten als militärisch bedeutsam darzustellen. Cradok, der neue Rektor des Monasteriums, ist zwar intelligent, jedoch weit davon entfernt, ein Genie zu sein. Vor allem aber besitzt er keine besonderen Begabungen.“ Da wussten die Zwillinge, dass der alte Fuchs sie durchschaut hatte. 

Roxolay erhob sich mühsam, ging zu seinem hohen Wandschrank und entnahm ihm zwei eiserne Gegenstände, die an Schlüssel erinnerten. Er legte sie auf die Tischplatte und sagte nachdenklich: „Damit können Sie sowohl Qaromars Raum selbst als auch das Bodenversteck öffnen. Entweder hat der letzte Wanderpriester sogar dem von ihm selbst ausgewählten Erben misstraut oder er hat mir die Zweitschlüssel gegeben, weil er diesen Augenblick vorausgesehen hat …“ Plötzlich hielt Roxolay inne, und seine Züge verdüsterten sich noch mehr, als er ergänzte: „… und dies Teil eines dämonischen Plans ist.“ Gebückt verharrte er eine Weile mit den Händen auf den Schlüsseln. Dann richtete er sich entschlossen auf, schob den Zwillingen die Schlüssel zu und sagte mit fester Stimme: „Aber uns bleibt keine andere Wahl als das Risiko einzugehen. Der Dunstein darf auf keinen Fall in Dunculbur bleiben.“

 

*

 

Erstmals seit Jahrtausenden herrschten in Sindra ungeklärte Machtverhältnisse, nachdem die Eisgräfin Octora den letzten Hochkönig Gylbax XII. aus der Dynastie des Zitaxon getötet hatte. Seine Gemahlin, die Eisgräfin Duotora, die entsprechend dem Testament des Hochkönigs seine Nachfolge hätte antreten sollen, war stattdessen dem Ruf des Nordens gefolgt und Königin von Gatya geworden. Bevor sie Sindra verließ, hatte sie den Vetter des letzten Hochkönigs, Yxistradojn, gebeten, bis zu ihrer Rückkehr die Regentschaft zu übernehmen. Für Yxistradojn, der selbst aus der Dynastie von Zitaxon stammte, wäre es ein Leichtes gewesen, sich in dieser Situation zum Hochkönig proklamieren zu lassen. Aber er hatte dies nicht getan, weil er über Wesenszüge verfügte, die in dieser Dynastie Seltenheitswert besaßen: Ehrlichkeit, Standhaftigkeit und Bescheidenheit. Dass er diese Tugenden auch bewusst lebte, verdankte er einem Mann: Selazidang, seinem Lehrer, den er liebte wie einen Vater. Selazidang galt als der bedeutendste Gelehrte Sindras und hatte einen Ruf erlangt, der weit über die Grenzen des Landes hinausreichte. Daher war Yxistradojn auch nicht verwundert als Selazidang ihm einen Brief vorlegte, der von einem Priester des Wissens aus Nord-Obesien stammte.

Unter Gylbax hatte Yxistradojn als Statthalter von Doinat und Oberbefehlshaber der Heere Ränge bekleidet, die ihn zum zweitmächtigsten Mann in Sindra machten. Da er zwar dem Wunsch Duotoras entsprechend die Regentschaft übernahm, sich aber nicht als der Nachfolger des Hochkönigs ansah, zog er nicht in die alte Hauptstadt Zitaxon um, sondern blieb in Doinat. Dies war ihm auch deshalb leichtgefallen, weil der schreckliche Knochenthron der Hochkönige nun wieder in Zitaxon stand. Und vor allen Dingen hätte er seinen väterlichen Freund und wichtigsten Ratgeber, Selazidang, nicht zu einem Umzug in die Hauptstadt bewegen können. Der Gelehrte liebte Doinat, die Stadt der schönen Künste und Wissenschaften.

Selazidang hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und lächelte Yxistradojn an: „Seht Ihr, nun haben wir vertauschte Rollen. Jetzt benötige ich Euch als Ratgeber.“

Der Regent sah nachdenklich auf den Brief und las ihn nun zum zweiten Mal:

Verehrter Selazidang! Schon seit vielen Jahren weiß ich, dass Ihr einer der bedeutendsten Wissenschaftler unserer Zeit seid. Ich dachte, dass ich Euch leider nie kennenlernen würde, da wir in verfeindeten Ländern leben, und ich sogar bis vor kurzem noch das für die obesische Obrigkeit wichtigste Monasterium leitete, nämlich das berüchtigte Kriegsmonasterium von Dunculbur. Zuletzt hatte ich das aber nur noch getan, weil ich einem ehemaligen Freund versprochen hatte, dort seinen Erben zu erwarten. Nun bin ich frei, habe Dunculbur verlassen und widme mich in jeder Sekunde meines langsam zu Ende gehenden Lebens nur noch einem Kampf: dem Kampf für den Frieden. Dabei wurde ich maßgeblich beeinflusst von Schriften, die Ihr verfasst habt. Ich leite jetzt eine freie Schule in Nord-Obesien an einem Ort, den Ihr unter dem Namen Charak Dun kennt. Wir nennen unsere Schule „Rabenstein“. Hier habe ich von einem Fund gehört, der für Frieden und Freiheit von großer Bedeutung sein könnte, gerade auch für Euer Land. Es handelt sich um das Eidgewand von Yacudac, das in Kerdaris aufgetaucht ist. Wenn Ihr helfen wollt, unsere Welt, so wie wir sie kennen, vor dem Untergang zu bewahren, solltet Ihr hierherkommen. Ich warte auf Euch. Euer Bewunderer, Roxolay.

„Könnte das ein falsches Spiel sein?“, fragte Yxistradojn. „Das Eidgewand ist seit vielen Jahrhunderten verschollen. Und den Priestern des Wissens traue ich nicht, vor allem keinen aus Dunculbur.“

„Ich habe nichts, was für Obesien interessant sein könnte“, entgegnete Selazidang. „Aber wenn das Eidgewand tatsächlich wieder aufgetaucht ist, könnte das gerade in der jetzigen Situation zu schwerwiegenden Umwälzungen führen. Es würde den Pylax die Möglichkeit geben, ihren Schwur zu widerrufen.“

Yxistradojn dachte nach. Bei dem Sieg der Eisgräfin Octora über die Armeen des Hochkönigs war die Schattenarmee der Pylax fast vollständig aufgerieben worden. Aber es gab immer noch einige in alle Winde versprengte Angehörige dieser einst als unbesiegbar geltenden Kriegerkaste. Einige standen im Dienst der Königin von Gatya, einige waren durch einen Treueschwur an Shrogotekh und Wurluwux, die Vertrauten des Barons Schaddoch von Surdyrien, gebunden.

Die meisten Sorgen bereitete aber die Entwicklung in Sindra selbst, wo es noch etliche Pylax in Yacudac und Zitaxon gab. Bisher hatte die Allianz zwischen Yxistradojn und Nulpir a Tomax, dem Königlichen Verweser von Yacudac, gehalten. Aber würde das auch noch gelten, wenn es dem Königlichen Verweser mit Hilfe des Eidgewandes möglich sein würde, zum König der Pylax aufzusteigen? Nach dem Tod Gylbax XII. gab es keinen Hochkönig mehr, dem er Treue schuldete.

Nach allem, was Yxistradojn gehört hatte, ging es den nicht mehr sehr zahlreichen Ureinwohnern Lumburias nur noch darum, ihr eigenes Überleben zu sichern. Sie stellten daher keine ernsthafte Bedrohung mehr für die Pylax dar. Folglich war die Kriegerkaste auch nicht mehr auf die alte Allianz mit Sindra angewiesen. Bei genauer Betrachtung hatte das Land seinen bisherigen Verbündeten nichts entgegenzusetzen, zumal der Großteil seines Heeres nach der vernichtenden Niederlage in Mithrien zu Baron Schaddoch übergelaufen war. Yxistradojn war der Oberbefehlshaber einer Armee, die es nicht mehr gab. Selazidang hatte die Gedanken des Regenten erraten. Seine Entscheidung stand nun fest: „Ich werde gehen.“

„Ihr solltet nicht wegen mir gehen“, hielt Yxistradojn ihm vor.

„Ich gehe wegen Sindra“, erwiderte der Gelehrte. Aber ausnahmsweise sagte er die Unwahrheit. Freilich ging er wegen seines Schülers. Dieser verkörperte all das, was Sindra endlich den Beginn eines besseren Zeitalters bescheren konnte. Und diese Gelegenheit für eine Wende durfte er nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bewusst sprach Selazidang nicht aus, wohin er gehen würde. Nicht nach Rabenstein.

 

*

 

Wahrscheinlich war es der Größenunterschied, der in diesem Fall den kleinen Unterschied ausmachte. Bis auf Giirk mieden die Novizen von Rabenstein die große Hütte, die oberhalb der Mauer, weit entfernt von den Gebäuden der ehemaligen Festung stand. Dort wohnte der riesige, furchteinflößende Ureinwohner aus Lumburia, der äußerst unangenehm werden konnte, wenn er den Eindruck hatte, nicht ausreichend respektiert zu werden. Darin lag auch der Grund, warum er sich bisher lediglich ein einziges Mal bereiterklärt hatte, als Mentor einen Novizen zu betreuen: Giirk, einen kleinen, immer gutgelaunten Mivv, einen Steppenmenschen aus Oot. Mulmok, der Lumburier, schätzte den aus seiner Sicht winzigen Mivv, der nicht die geringste Furcht vor ihm hatte und ihm dennoch stets mit dem nötigen Respekt, häufig aber auch mit Humor begegnete. Deshalb war Mulmok traurig, weil er seinen Novizen nun längere Zeit nicht mehr sehen würde und vor allem, weil er ihm einen äußerst gefährlichen Auftrag geben musste.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich der Lumburier mit seiner dröhnenden Stimme. „Aber wir haben sonst niemanden, der sich in Oot unauffälliger bewegen könnte.“

Oot war ein großes, dünn besiedeltes Land im Südosten des Kontinents. Seine Urbevölkerung bestand aus zwei sehr gegensätzlichen Volksgruppen, den schwarzen Shondo in den Dschungeln des nördlichen Landesteils, und den Reiterhorden der Mivv, den Bewohnern des Südlichen Steppengürtels.

Der Mivv zupfte an seinem langen, roten Ziegenbart und fuhr sich mit der Hand über den rasierten Schädel: „Ich falle bestimmt nicht auf, weil mich niemand kennt. Schließlich bin ich noch nie dort gewesen.“ 

Giirk war in Surdyrien aufgewachsen, wo seine Familie in einem Bergwerk gearbeitet hatte. Weil ihm seine Mutter nach dem Tod des Vaters dieses Los ersparen wollte, hatte sie ihn nach Rabenstein geschickt. Auf welche Weise sie von Rabenstein erfahren hatte, wusste selbst Giirk nicht. Aber ihre Vorstellungen von dieser „Schule“ waren letztlich genauso falsch wie die der meisten anderen, die hierherkamen. 

„Aber jedenfalls freue ich mich, dass es mir auf diese Weise möglich ist, das Land meiner Vorfahren kennenzulernen. Was soll ich dort tun?“, fragte Giirk fröhlich.

„Es gibt dort einen Ort, der „das Paradies der Küste“ genannt wird“, erklärte Mulmok. „Aber das ist in Wahrheit kein Paradies, sondern ein sehr gefährlicher Äußerer Stützpunkt der Priester des Wissens, der sich der Kontrolle des Ordens entzogen hat. Dort herrscht Baradia, die „die Gütige Frau“ genannt wird, aber ebenfalls alles andere als eine gütige Frau ist.“

„Das hört sich an wie eine spiegelverkehrte Welt“, unterbrach ihn Giirk. „Ist das überall so in Oot?“

Mulmok lächelte: „Nein, nur im Paradies, welches keines ist. Baradia besitzt einen grünen Kristall, einen Zenesith. Den hat einst ihr Vater gestohlen. Es spricht also nichts dagegen, dass er ihr wieder weggenommen wird. Aber der zweite Teil der Aufgabe ist ungleich schwieriger: Baradia besitzt nämlich auch eine Rezeptur, mit deren Hilfe man Tote wiedererwecken kann, wenn sie durch äußere Verletzungen gestorben sind. Mit diesem Mittel wurde die Schattenarmee von Yacudac wiedererweckt, die glücklicherweise von Königin Octora endgültig vernichtet wurde. Diese widernatürliche Rezeptur muss verschwinden, damit etwas Derartiges nie wieder geschehen kann. Das ist aber immer noch nicht alles: Nicht einmal Baradia selbst weiß, dass sich ein weiteres, mächtiges Artefakt in ihrem Besitz befindet, der Dolch des Sedenestris. Er wurde im alten Sindra von dem legendären Meister Uriquahar zusammen mit dem Schwert von Umbursk aus Cirrha-Stahl für Hochkönig Sedenestris I. geschmiedet. Nach dessen Tod legte sein Sohn, Sedenestris II., Schwert und Dolch als Grabbeigabe in den Sarkophag seines Vaters, der sich in der Gruft von Kostondio in Zitaxon befindet. Damit sollte der verstorbene Hochkönig in der Lage sein, sich im Jenseits seiner Feinde zu erwehren. Da Sedenestris II. sich aber auch im Diesseits seiner Feinde erwehren wollte, beauftragte er den Schmied Uriquahar, für ihn ein gleichartiges Schwert und einen gleichartigen Dolch aus Cirrha-Stahl anzufertigen. Uriquahar führte den Auftrag aus und schuf das Schwert und den Dolch der Könige. Der erste Dolch und das Schwert des Sedenestris, das nach seinem späteren Fundort „Schwert von Umbursk“ genannt wurde, sind später von Grabräubern entwendet worden und auf Umwegen nach Zogh gelangt. Den Dolch schenkte der Herzog der Höhlen Berion, dem Vater Baradias, der in Zogh das Monasterium von Sylabit gründete. Das Schwert von Umbursk gab Arthania, die damalige Königin von Zogh, dem Eisgrafen Unitor, der nun Fürst zu Drinh ist. Den Dolch der Könige hat ein späterer Hochkönig während einer Schlacht verloren. Baradia hat ihn Jahrhunderte später gefunden, ohne aber seinen wirklichen Wert zu erkennen. Sie benutzte ihn rein zufällig, um Chrinodilh vor den Augen des Hochkönigs Gylbax zu erstechen. Sie wollte dem Hochkönig damit die Wirksamkeit des Wiedererweckungselixiers beweisen. Sie hat nie erfahren, dass sie Chrinodilh mit einem anderen Messer, das nicht über eine Cirrha-Klinge verfügt, nicht hätte erstechen können. Und auch der Hochkönig hat bei dem für ihn völlig überraschenden Ablauf der Geschehnisse nicht bemerkt, dass die Tat mit dem Dolch seiner Vorfahren ausgeführt wurde.“

Giirk benötigte einige Zeit, um das soeben Gehörte zu verarbeiten. Schließlich meinte er: „Es existieren sicherlich Abschriften der Rezeptur, und es wird Leute geben, die sie kennen. Ich glaube nicht, dass man so etwas vernichten kann.“

„Baradia hat gewiss eifersüchtig darüber gewacht, dass nur sie selbst im Besitz dieses Wissens ist“, vermutete Mulmok.

„Und wenn nicht?“, bohrte Giirk.

Mulmok verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wegen seiner fliehenden Stirn und dem hervorstehenden Unterkiefer jeden anderen als den kleinen Mivv in Furcht und Schrecken versetzt hätte. Dann stand er auf, ging zu einer großen Truhe, holte zwei aus Metall bestehende Behältnisse heraus, stellte sie vor Giirk auf den Tisch und sagte mit belegter Stimme: „Dann musst du das Monasterium zerstören.“

 

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„Sie sehen müde aus“, stellte Korvinag mitfühlend fest. Obwohl sich Roxolay tatsächlich völlig ausgebrannt fühlte, musste er unwillkürlich lächeln. Der Einsiedler aus Borthul schien die ganze Last der Welt auf seinen Schultern zu tragen. Das wahre Alter des Besuchers vermochte Roxolay nicht einzuschätzen, aber er hatte Grund zu der Annahme, dass Korvinag noch älter war als er aussah. Mit seinen weißen Haaren und seinem gebeugten Rücken wirkte er so niedergedrückt, dass der knorrige Stock, auf den er sich stützte, zu brechen drohte.

Vor vielen, vielen Jahren gehörte Korvinag kurzzeitig der Kongregation von Borthul an. Dann hatte er sich aber zurückgezogen und in einer kleinen Klause am Waldrand weit außerhalb einer winzigen Ortschaft jahrzehntelang in völliger Abgeschiedenheit gelebt. Von Zeit zu Zeit ging er auf Wanderschaft, erkundete das Quellgebiet des Tephral, durchstreifte die Ebene von Pleeth bis zum Sindur und folgte der Dyra bis zu ihrer Mündung in den Lumbur. Schließlich hatte er von der Landwirtschaft in Rabenstein gehört und gelangte auf diesem Umweg in die eigentliche Schule. Roxolay wusste indessen, dass der Alte keineswegs so gebrechlich war wie er nach außen wirkte.

„Wenn ich einige Probleme weniger hätte, würde ich vor Vitalität strotzen wie Sie“, behauptete der Schulleiter sarkastisch. „Aber vielleicht können Sie ja eines davon lösen.“

„Das hört sich nicht nach einer altersentsprechenden Aufgabe an“, vermutete Korvinag.

„Das kommt darauf an“, orakelte Roxolay. „Es geht um ein Ziel, das weder mit Stärke noch mit überragender Intelligenz zu erreichen ist, allenfalls mit Freundlichkeit und Beharrlichkeit.“

Korvinag überlegte nur kurz: „Das klingt nach Lumburia.“ Roxolay sah ihn ungläubig an: „Es gelingt Ihnen immer wieder, mich zu verblüffen.“

Korvinag wiegelte ab: „Das war einfach. Die Lumburier sind allen anderen Menschen auf dem Kontinent an Stärke und Intelligenz überlegen.“

Der Meister der Todeszeremonie schüttelte den Kopf: „Das können Sie nur sagen, weil Sie Rooll nicht kennen. Aber wie dem auch sei: Letztendlich haben Sie recht. Die Gemeinschaft braucht zwei Artefakte aus Lumburia: Einen faustgroßen Zenesith und den Wanderstab Qaromars. Das Problem ist, dass keine Fremden mehr nach Lumburia dürfen, und sogar Mulmok nicht.“

„Und Sie glauben allen Ernstes, dass die Ureinwohner mir die Artefakte geben?“, fragte der Borthuler verwundert. Roxolay zuckte die Achsel: „Es käme auf einen Versuch an. Wenn Sie nicht in deren Land eindringen, wird man Sie nicht angreifen. Sie sind der Einzige hier, dem ich zutraue, geduldig auf jede Art von Gewalt zu verzichten. Und genügend Ausdauer haben Sie als Einsiedler auch bewiesen. Sagen Sie es mir, wenn Sie glauben, dass es noch einen anderen Weg gibt.“

Korvinag sah Roxolay lange in die Augen, so als suche er dort nach einer Lösung. Schließlich nickte er: „Wenn Sie keinen anderen Weg gefunden haben, werde ich erst recht keinen finden. Sie wissen das.“

 

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Im Osten begann ein milchiges Licht, die Dunkelheit aufzulösen. Ardenastra, die sich nun Tritoria nannte, fröstelte. Sie konnte sich einfach nicht an diese Schafskälte gewöhnen, obwohl sie aus einem kalten Land stammte. Aber dort war sie wohlbehütet im Schoß der Höhlen aufgewachsen, bis sie auszog, um den Mann aufzuspüren, den sie für den Tod eines geliebten Menschen zur Verantwortung ziehen wollte.

Unterwegs hatte sie beschlossen, ihren Namen zu ändern, weil vielen Menschen, besonders in den Nordlanden, ihr wirklicher Name bekannt war und ihre Herkunft verriet. Deshalb nannte sie sich nun Tritoria. Sie verband damit auch etwas Symbolisches. Den wahren Grund ahnte sie bisher aber selbst noch nicht.

Tritoria beschloss, die kleine Feuerstelle nochmals zu beleben, um sich vor Anbruch des kommenden Tages aufzuwärmen. Sie wickelte sich gähnend aus ihrer Decke, ging etwas tiefer in den Wald und sammelte Zweige und trockenes Holz. Mit drei großen Holzscheiten unter dem rechten Arm und einem Bündel Reisig in der Linken machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem Nachtlager. Bei der Annäherung bemerkte sie eine dünne Rauchsäule. Dies weckte ihren Argwohn. Sie hatte das Lagerfeuer mit Steinen umbaut und sorgfältig darauf geachtet, dass es sich nicht ausbreiten konnte. Auch war nicht genügend restliches Holz in dem Steinkreis vorhanden gewesen, das sich hätte selbst wieder entzünden können. Leise legte sie die aufgesammelten Äste nieder, zog ihr Schwert und verbarg sich hinter einem Baum. Dann duckte sie sich, ließ sich auf den Boden gleiten und bewegte sich schlangengleich zwischen den niedrigen Büschen auf die Feuerstelle zu. Nun konnte sie auch das Knistern der Flammen vernehmen. Als sie aus ihrer Deckung herausspähte, erkannte sie, dass einige armdicke Äste in dem Steinkreis aufgeschichtet waren und das Feuer, das sie neu entzünden wollte, bereits brannte. Hinter der Feuerstelle saß ein junger, weißhäutiger Mann mit goldblonden Locken und blickte lächelnd genau in ihre Richtung. 

„Sie brauchen das Schwert nicht“, rief er. „Wenn ich die Absicht gehabt hätte, Ihnen etwas anzutun, hätte ich wohl kaum Ihr Lagerfeuer wieder angezündet.“

Tritoria erhob sich zögernd und trat aus dem Gebüsch heraus: „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Rooll“, erwiderte der Jüngling. „Aber das wird Ihnen wohl nichts sagen. Sie wollen nach Rabenstein?“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte Tritoria verblüfft.

Rooll zuckte gleichmütig die Schultern: „Jeder, der im Wald Timbur umherstreift, will nach Rabenstein.“

Tritoria zeigte auf das Lagerfeuer: „Will auch jeder Feuer machen?“

„Nur diejenigen, die weggehen, um Holz zu holen und dabei ihre Sachen an der Lagerstatt zurücklassen“, erwiderte der weißhäutige Mann. „Und ihr Pferd. Ich bin ein guter Beobachter, aber ich kann keine Gedanken lesen. Das haben Sie doch angenommen, oder?“ Tritoria steckte ihr Schwert weg und setzte sich dem seltsamen Mann gegenüber an das knisternde Feuer. Nun fiel ihr erstmals auf, dass er merkwürdig gelbe Augen mit schwarzen Sehschlitzen hatte, wie ein gefährliches Reptil. Aber ansonsten wirkte er völlig harmlos.

„Gehören Sie zur Gemeinschaft von Rabenstein?“, wollte Tritoria wissen.

„Nur in gewisser Weise“, entgegnete Rooll. „Ich wohne hier in der Nähe und habe ein paar Freunde in der Schule.“

„Wie komme ich am schnellsten dorthin?“, erkundigte sich die große Frau mit der grauen Haut.

„Um zu finden, was Sie suchen, brauchen Sie nicht dorthin zu gehen“, erwiderte Rooll.

Tritoria kniff ein Auge zusammen und verzog den Mund: „Sie können also doch Gedanken lesen?“

Rooll lächelte sie an.

„Nein. Sie glauben, den Namen Tritoria gewählt zu haben, damit niemand Sie als Ardenastra erkennt, die Tochter des Herzogs der Höhlen. In Wahrheit aber sind Sie einer Eingebung gefolgt.“

Tritoria starrte den seltsamen Jüngling sprachlos an. Der fuhr ungerührt fort: „Es gibt ein Geflecht der alten Wesenheiten. Der Baum der Seelen von Tidoa setzt große Hoffnungen in Sie. Offen gestanden bin ich da anderer Meinung. In der Geschichte der Eisgrafen ist es noch nie vorgekommen, dass ein Günstling einem anderen nach dem Leben trachtete.“

„Ich bin keine Eisgräfin“, stellte Tritoria richtig. Inzwischen war ihr klar geworden, dass sie vor dem geheimnisvollen Mann offenbar nichts verbergen konnte. „Und ich trachte Unitor nicht nach dem Leben.“

„Sie belügen sich selbst“, widersprach Rooll mit Nachdruck. „Ihre Suche wird von Rachegelüsten bestimmt. Sie sind die Tochter Torrgaraths und haben den Verlust ihres Bruders nie verwunden. Aber all das geht mich nichts an.“

„Weshalb sind Sie dann hier?“, fragte Tritoria ungläubig.

Rooll sah sie ernst an: „Ich will Ihnen sagen, wo Sie Unitor finden können.“

„Was?“ Nun kannte ihr Erstaunen keine Grenzen. „Und was bezwecken Sie damit? Sie missbilligen doch, dass ich ihn suche.“

„Das habe ich nicht gesagt“, stellte Rooll klar. „Ich würde nur missbilligen, wenn Sie ihn töten würden. Aber es haben sich Dinge ereignet, die es erforderlich machen, dass Sie ihn suchen und finden.“

Tritoria schwieg und sah ihn abwartend an.

„Der gesamte Kontinent befindet sich in großer Gefahr“, offenbarte ihr Rooll. „Nur wenn alle Artefakte der Macht nach Rabenstein gebracht werden, haben wir vielleicht die Stärke, diese Gefahr abzuwehren. Eines dieser Artefakte ist das Schwert von Umbursk, eine Klinge aus Cirrha-Stahl, die im alten Sindra geschmiedet wurde. Der Eisgraf Unitor hat sie derzeit in Besitz. Er befindet sich allerdings auf dem Weg zu seinem Freund Crandin nach Rukumor, und es ist wichtig, dass er ihn erreicht. Auf der Insel Rukumor gibt es eine Felsenburg, die dem Geheimen Bund von Dunculbur gehört. Wir müssen wissen was dort vorgeht. Im Namen der Gemeinschaft von Rabenstein bitte ich sie, Unitor auf seinem Weg dorthin zu begleiten und ihn zu beschützen. Erst danach soll das Schwert hierhergebracht werden.“

„Meine Mission wäre es also, zuerst Unitor nach Rukumor zu begleiten und dann das Schwert von Umbursk hierher zu bringen?“, vergewisserte sich Tritoria. Sie hatte die Schwachstelle entdeckt. Sobald sie ihren Bestimmungsort erreicht hatten, ging es nur noch um das Schwert und nicht mehr um den Fürsten zu Drinh. Was ihn anbelangte hatte sie dann freie Hand.

Mit seinem unergründlichen Blick bestätigte Rooll die von ihr sorgfältig gewählte Beschreibung des Auftrags. Dabei war ihr zwar nicht klar, ob er die Schwachstelle erkannt hatte und bewusst in Kauf nahm, aber das konnte ihr gleichgültig sein. Ihr erschien allein bedeutsam, dass sie sich auf diese Weise die Möglichkeit erkaufte, Vergeltung für ihren Bruder zu üben.

Rooll ließ sich nichts anmerken während er sie weiter auf die Mission vorbereitete.

„Die vom Geheimen Bund umgebaute Burg befindet sich auf dem Berg Zwobulak, im Süden der Insel. In dieser Burg halten sich vermutlich Menschen auf, die weitaus gefährlicher sind, als Sie sich überhaupt vorstellen können. Unitors Freund Crandin, ein rothaariger Priester des Wissens, befindet sich womöglich in Begleitung einer Person, deren Äußeres dem meinen ähnelt. Es handelt sich entweder um einen Mann namens Udontroth oder um eine Frau namens Siridindar. Hüten Sie sich vor dieser Person und kommen Sie ihr nicht zu nahe. Sie sollen nur feststellen, was auf dem Berg Zwobulak gerade geschieht. Danach müssen Sie sich und das Schwert sofort in Sicherheit bringen.“

Tritoria war eine Zogh, und zudem eine von höchstem Geblüt. Bei ihrer Erziehung hatte ihr Vater größten Wert daraufgelegt, dass sie den Willen entwickelte, jeder Herausforderung zu trotzen. Roolls Warnungen hatte sie nur mit halbem Ohr zugehört. Ihre Gedanken kreisten nach wie vor um die Frage, auf welche Weise sie Vergeltung für den Tod ihres Bruders üben könnte.

 

*

 

Es war erneut eine lange Nacht gewesen. Telimur hatte ein ganzes Kapitel im „Buch der Vorzeit“ durchgearbeitet, aber wie immer blieben dabei viele Fragen offen. Weite Teile des gewaltigen Werkes bestanden aus scheinbar unzusammenhängend zusammengetragenen Legenden und Gleichnissen, die nur immer wieder neue Fragen und Rätsel aufwarfen.

Nach zwei Stunden Schlaf fühlte er sich schon wieder einigermaßen wach. Draußen dämmerte es bereits. Rötliche Lichtschimmer fielen auf die Wände seines Schlafraums. Zu seinem größten Leidwesen hatte Telimur die Königin seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Sie hatte ihm eine kleine, karg möblierte Wohnung in einem derzeit nicht genutzten Gesindehaus des Quaralpalasts zugewiesen und ihm das „Buch der Vorzeit“ zum Studium überlassen. Aber sie hatte auch keinen Hehl daraus gemacht, dass er streng bewacht wurde.

„Sie können den Quaralpalast verlassen wann immer Sie wollen. Aber das Buch bleibt hier“, hatte Quintora ihm kategorisch erklärt, nachdem sie entschieden hatte, ihn nicht länger als Gefangenen zu betrachten. Sich selbst gegenüber leugnete sie aber auch nicht, dass sie ihn auf diese Weise auf die Probe stellen wollte. Dann dämmerte ihr jedoch, dass ihre Strategie einen Denkfehler aufwies: Möglicherweise blieb ja Telimur nur wegen des Buches hier. Nach zwei Wochen beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen.

Telimur gähnte und streckte sich. Inzwischen erhellten die ersten Sonnenstrahlen sein Zimmer und malten goldene Flecken an die weiß gekalkte Wand über der Längsseite der Schlafpritsche. Müde kroch der Priester des Wissens unter seiner Decke hervor und dehnte seinen Rücken. Dann ging er hinaus auf den winzigen Balkon. Ein kühler Wind blies ihm ins Gesicht. Er schaute zuerst hinüber zu der fernen Gebirgskette des gewaltigen Aralt-Massivs, die hinter dem wolkenverhangenen Vorgebirge aufragte. Dann sah er kurz hinunter auf die gepflasterte Gasse zu seinen Füßen. Sie lag still und menschenleer im Licht des beginnenden Tages. Auf den zweiten Blick fiel ihm jedoch eine Gestalt auf, die unbeweglich an einer Hauswand lehnte und vollständig in einen grauen Kapuzenmantel eingewickelt war. Ihr Gesicht konnte er vom Balkon aus nicht erkennen.

Telimur wusste, dass die Königin Wächter abgestellt hatte, um ihn im Auge zu behalten. Aber die vermummte Gestalt schien keiner dieser Wachsoldaten zu sein. Dennoch gewann der Priester des Wissens den Eindruck, dass der Fremde es auf ihn abgesehen hatte. Er fasste den Entschluss, diesen Verdacht zu überprüfen und zog sich zunächst in sein Zimmer zurück. Dort versteckte er rasch das „Buch der Vorzeit“ in einem Geheimfach neben seiner Schlafstätte, das Quintora ihm für die Aufbewahrung der wertvollen Schrift empfohlen hatte. Er schlüpfte in seine Leinenkleidung und streifte den olivgrünen Ornat der Priester des Wissens über. Als er jedoch die Gasse betrat, musste er feststellen, dass die Gestalt im grauen Kapuzenmantel verschwunden war.

Unschlüssig sah sich Telimur um. Dabei spürte er die belebende Wirkung des frischen Morgenwinds, der durch die Schluchten zwischen den Gebäuden des Quaralpalasts strich. Gedankenversunken schlenderte er die gepflasterte Gasse hinauf zur Allee der Berater. Mittlerweile belebten sich die Gassen und Straßen. Immer mehr Menschen begaben sich zu ihren Arbeitsplätzen in den kleinen Läden und Handwerksbetrieben.

Auch Soldaten der Palastwache erschienen nun vereinzelt auf den Straßen und Plätzen. Zu den Fußgängern gesellten sich Frauen und Männer mit Eseln und Karren, die Obst, Gemüse, Schlachttiere, Kleidungsstücke und allerlei sonstige Handelsware zu dem großen Markt schafften, der zweimal wöchentlich in den Arkaden stattfand.

Telimur schaute sich mehrmals verstohlen um, konnte aber die Gestalt im grauen Kapuzenmantel nirgendwo entdecken. Dennoch wurde er das unbestimmte Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Derartige Gefühle trogen ihn im Allgemeinen nicht. 

Vor den Arkaden bog er nach links in eine schmale Gasse ein, die an einem der zahlreichen öffentlichen Brunnen vorbeiführte. Dort hatte der Bewohner eines Hauses die Außentür kurzzeitig offenstehen lassen. Er befand sich gerade auf dem Weg zu dem Brunnen, um zwei Schöpfgefäße mit Wasser zu füllen. Telimur huschte durch die offenstehende Tür in den dunklen Hausflur und wartete. Noch bevor der Mann den Brunnen erreicht hatte, hastete die Gestalt im grauen Mantel an der offenen Tür vorbei. Telimur verließ den Hauseingang, mischte sich unter eine Personengruppe und heftete sich an die Fersen des Vermummten. Dieser beschleunigte seine Schritte, vermutlich um zu dem Priester des Wissens aufzuschließen, den er immer noch vor sich wähnte. Kurze Zeit später blieb die verhüllte Gestalt kurz stehen und sah sich verunsichert um, nachdem sie den Verfolgten immer noch nicht wiederentdeckt hatte. Diesen Augenblick nutzte Telimur, trat von hinten an die Gestalt heran und riss ihr die Kapuze vom Kopf. Noch während sie herumfuhr, erstarrte der junge Priester vor Schreck: Der kurze, blonde Haarschopf der Königin! Quintora war genauso überrascht wie er. Ihre eisblauen Augen musterten ihn voller Verlegenheit. Telimur überwand als Erster seine Sprachlosigkeit: „Habt Ihr nicht genügend Leute, um mich zu beschatten, Majestät?“

Quintora ging auf die ironische Frage nicht ein. „Kommen Sie, ich muss mit Ihnen reden“, sagte sie, nachdem sie sich gefasst hatte, hakte sich bei ihm unter und zog ihn sanft mit sich. Über eine steile Treppe erreichten sie den höchstgelegenen Wehrgang des Palasts, der die Dachgeschoße einer Reihe von Gebäuden miteinander verband. An einer Stelle, von der aus man den Wehrgang nach beiden Seiten mehr als fünfzig Meter einsehen konnte, ließ sich Quintora auf die Fundamentstufe der Mauer nieder und zog Telimur zu sich herab. Beide saßen nun nebeneinander und lehnten an der Mauer wie zwei vom Spiel erschöpfte Kinder.

„Was haben deine Studien ergeben?“, fragte die Königin. 

Telimur errötete ob dieser vertraulichen Anrede, antwortete aber sogleich: „Ich habe viel gelesen, aber wenig verstanden. In Rabenstein gibt es gelehrte Männer und Frauen, die sicherlich das eine oder andere der Rätsel in den Legenden dieses Buches lösen könnten. Drei dieser Menschen haben mir zu der Einsicht verholfen, dass zumindest die Lösung einiger Rätsel in dem Buch von lebenswichtiger Bedeutung für alle Völker des Kontinents ist.“ Er sah Quintora tief in die Augen. Da sie schwieg, fügte er hinzu: „Aber ich habe Euch mein Wort gegeben, das Buch nicht zu stehlen. Und daran werde ich mich halten.“ Quintora schaute nachdenklich zu Boden, während sie mit einem kleinen Stöckchen ominöse Zeichen in den Staub malte. Dann blickte sie plötzlich wieder auf und sah ihn an. Telimur hatte das Gefühl, dass ihre eisblauen Augen sein Herz berührten und seine Seele in Wallung versetzten. 

Ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie sagte: „Was würdest du davon halten, wenn wir das Buch gemeinsam stehlen würden?“

Telimur wurde durch diesen Vorschlag dermaßen überrascht, dass seine Worte völlig anders ausfielen als die Empfindungen, die ihn gerade übermannten: „Das geht nicht, Ihr seid die Königin!“

Quintora schüttelte energisch den Kopf: „Bevor ich zur Königin gekrönt wurde, war ich eine Eisgräfin, die ein abenteuerliches Leben geführt hat. In meinem Herzen bin ich noch immer eine Eisgräfin, und meine Bestimmung ist es, Schaden von den Nordlanden fernzuhalten. Wenn ich das glaube, was du mir gerade gesagt hast, kann ich meine Bestimmung als Eisgräfin nur erfüllen, indem ich mit dem Buch nach Rabenstein gehe. Oder willst du mich nicht mitnehmen?“

Telimur warf ihr einen entrüsteten Blick zu: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich nie mehr von Euch trennen.“

„Nenne mich Quintora und benutze die vertrauliche Anrede, wenn wir allein sind“, verlangte die Königin. „Ich benötige drei Tage, um die Abreise vorzubereiten und einen Stellvertreter zu bestimmen …“

Auf dem Wehrgang erschien ein Wächter. Als er die beiden Personen sah, die mit dem Rücken an der Wand angelehnt auf der Fundamentstufe saßen, glitt seine Hand zum Schwertgriff und er beschleunigte gleichzeitig seinen Gang. Laut rief er Quintora und Telimur zu: „Was habt ihr da zu suchen? Dies ist ein Wehrgang und kein Nest für Turteltauben!“ Mit ausgreifenden Schritten kam er drohend näher. Fünf Meter vor den beiden Sitzenden schien es als sei er gegen eine Wand gelaufen.

„Verzeiht, Majestät, ich … äh …“, stotterte er verwirrt.

„Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, wenn Ihr hier Eure Pflicht erfüllt“, fiel ihm Quintora lächelnd ins Wort. „Aber auch eine Königin braucht gelegentlich einmal Abgeschiedenheit zum Nachdenken und zu einem Gespräch mit ihrem Berater.“

„Selbstverständlich. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr nicht gestört werdet, Majestät“, versicherte der Wächter beflissen. Telimur sah dem Soldat nach, der mit hastigen Schritten davoneilte. Als er sich außer Sichtweite befand, wandte sich der Priester des Wissens wieder zu Quintora um. Die Worte, zu denen er gerade ansetzen wollte, blieben ihm im Hals stecken. Zwei eisblaue Augen waren plötzlich so nah, dass sie ihn zu verschlingen drohten. Dann küsste ihn die Königin. 




Kapitel 3 – Schatten der Vergangenheit

 Die mächtige Festung von Dukhul, die größte in allen südlichen Ländern des Kontinents, diente seit Anbeginn der Seefahrt als Sitz des Hafenmeisters von Sindra. Jekisebek, der Hafenmeister und drittmächtigste Mann des Landes, war einer von vielen, die den Tod des letzten Hochkönigs zutiefst bedauerten, weil mit ihm zugleich die hochfliegenden Träume von einer erneuerten Vorherrschaft Sindras auf dem gesamten Kontinent begraben werden mussten. Er war jedoch gleichzeitig einer der ganz wenigen, die sich damit nicht abfinden wollten. 

Jekisebek liebte die Aussicht von dem kleinen Balkon vor seinem Arbeitszimmer, von dem aus man die beiden Häfen der Stadt und die Meerenge von Dukhul bis zur Insel Ludoi überblicken konnte. Sogar das tiefe Blau des offenen Westmeers hinter der großen Insel war bei klarem Wetter noch zu erkennen.

Der Blick des Hafenmeisters blieb an einem unscheinbaren Segelschiff im Handelshafen hängen. Dieses Schiff hatte eine außergewöhnliche Fracht an Bord, eine Fracht, von der sich Jekisebek die Erfüllung seiner Träume erhoffte. Die Segel waren bereits gesetzt.

Der Meisterdieb hatte gute Arbeit geleistet. Dafür gebührte ihm die versprochene Belohnung. Jekisebek galt keineswegs als Mann, der uneingeschränkt zu seinen Versprechungen stand. Aber in diesem Fall gebot es die Weitsicht, die gegebene Zusage einzuhalten. Während der Hafenmeister den Balkon verließ und in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ertastete er in der Tasche seiner schweren Brokatjacke den prall gefüllten Beutel mit den fünfzig Kupfermünzen.

Entsprechend der Anordnung Jekisebeks hatte die Wache den von ihm erwarteten Besucher in das kleine Privatmuseum mit der erlesenen Waffensammlung geleitet und dort allein gelassen. Er betrat von seinen Privatgemächern aus durch einen zweiten Eingang den Raum. Bereits unter dem Türrahmen stockte sein Schritt und das Blut gefror ihm in den Adern. Zuerst fiel sein Blick auf den Meisterdieb, dessen Körper in zwei Teilen, durch einen glatten Schnitt im Hüftbereich durchtrennt, auf dem Boden lag.

Der Fluch der toten Hochkönige, schoss es dem Hafenmeister durch den Kopf. Dann nahm er bewusst den Mann wahr, der neben einer türähnlichen Öffnung in der Holzvertäfelung der Wand stand. Dieser geheime Zugang zu seinem Privatmuseum war bis dahin nicht einmal Jekisebek selbst bekannt gewesen.

„Mein Name ist Xaranth. Ich bin ein Bewacher der Gruft“, erklang die unangenehme, an eine Säge erinnernde Stimme des Fremden. Er war außergewöhnlich groß und hager und trug eine hohe, silberne Mitra sowie ein silbrig schimmerndes Gewand mit roten und schwarzen Bändern. Seine Gesichtszüge mit der gebogenen Nase und der gelblichen Haut erinnerten an einen Pylax. Aber da stachen diese seltsamen Augen hervor: nicht dunkel, sondern gelb mit schwarzen Sehschlitzen.

Noch furchterregender als der Mann selbst war jedoch das Instrument, das er in der rechten Hand hielt. Es erinnerte an eine Sense aus kalt blinkendem Stahl. Der Stiel lief in einer Spitze aus, die der Fremde auf den Boden gestützt hatte. Vom breiten Sensenblatt tropfte Blut herab. Es bedurfte keiner besonderen Vorstellungskraft zur Beantwortung der Frage, wo dieses Blut herrührte.

Jekisebek hatte es die Sprache verschlagen. Er war nicht einmal fähig, nach den Wachen zu rufen. Allerdings hätte er dies ohnehin nicht gewagt.

„Wo ist der Leichnam?“, fragte die sägende Stimme.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, jammerte der Hafenmeister und streckte schützend seine Arme vor seinem aufgedunsenen Körper aus.

Der Bewacher der Gruft trat zwei schnelle Schritte auf Jekisebek zu. Die Sense lag jetzt plötzlich waagrecht in der Luft, während er weit ausholte.

„Warten Sie!“, schrie der Hafenmeister verzweifelt. „Da unten in dem Schiff!“ Er deutete aus dem Fenster zum Frachthafen. Ein kurzer Blick genügte beiden, um festzustellen, dass sich das Schiff bereits in Fahrt befand und unter voller Besegelung die Hafenausfahrt fast erreicht hatte.

„Halten Sie es auf!“, verlangte Xaranth.

„Das geht nicht mehr“, zeterte Jekisebek.

Ein hässliches Zischen erklang, als die Sense durch die Luft schnitt. Entleibt fiel der Hafenmeister in zwei Teilen zu Boden.

 

*

 

Yxistradojn lief es eiskalt über den Rücken. Er war einer von wenigen Menschen, die die alten Geschichten kannten. Dennoch hatte er deren Wahrheitsgehalt stets bezweifelt. Zumindest hatte er bis jetzt geglaubt, dass es diese Beauftragten der alten Hochkönige längst nicht mehr gäbe, wenn es sie denn jemals gegeben hatte.

Aber nun musste er sich eines Besseren belehren lassen. Der Mann, der vor ihm stand, hätte sich nicht vorzustellen brauchen. Yxistradojn wusste auch so, dass es sich um einen der legendären Bewacher der Gruft handelte.

Nachdem wiederholt Sarkophage der Hochkönige in der Gruft von Kostondio geplündert worden waren, hatte der dreizehnte Hochkönig geheimnisvolle Männer beauftragt, die Sarkophage in der Gruft von Kostondio zu bewachen.

Während der nächsten zweihundert Jahre wurden daraufhin immer wieder entleibte Menschen vor dem Portal des Eingangsgebäudes aufgefunden. Sie trugen Schilder um den Hals, die sie als Grabräuber entlarvten. Schließlich kamen die Plünderungen völlig zum Erliegen.

Jahrhunderte später waren die Bewacher der Gruft in Vergessenheit geraten. Dies führte allerdings dazu, dass in der Zeit der Dextolk-Dynastie erneut Grabräuber durch von ihnen ausgeschachtete, unterirdische Stollen in die Gruft von Kostondio eindrangen.

Unter Dextolk II. wurden vereinzelt entleibte Leichen vor der Gruft aufgefunden. In der Regierungszeit seines Sohnes kam es dann zu einer regelrechten Schlacht. Eine große Bande von Grabräubern drang schwerbewaffnet in die Gruft ein, offenbar in der Annahme, die Bewacher erfolgreich bekämpfen zu können.

Am nächsten Morgen lagen zweiundsechzig verstümmelte Leichen vor dem Portal.

Seither hatte es keine Übergriffe mehr gegeben, obgleich die Bewacher der Gruft erneut in Vergessenheit geraten waren. Dazu hatte auch beigetragen, dass kurze Zeit später die verstorbenen Hochkönige nicht mehr in der Gruft von Kostondio, sondern in der Allee der Sarkophage beigesetzt wurden.

„Mein Name ist Xaranth. Ich bin einer der Bewacher der Gruft“, erklärte der seltsam gekleidete Mann mit sägender Stimme. Seine unheimlichen, gelben Augen waren auf Yxistradojn gerichtet, der nun all seinen Mut zusammennahm.

„Legen Sie das weg! Sie reden mit dem Herrscher von Sindra“, verlangte er und zeigte auf das sensenförmige Instrument in der Hand Xaranths.

„Bitte verzeiht, Regent von Sindra“, schnarrte die Stimme des Bewachers der Gruft. „Das ist mir nicht erlaubt. Aber ich versichere Euch, dass ich von der Salastra hier in Euren Räumen keinen Gebrauch machen werde.“

„Weshalb seid Ihr hier?“, wollte der Statthalter von Doinat wissen.

„Die Totenruhe wurde gestört“, erklärte Xaranth. „Ich musste den Hafenmeister Jekisebek hinrichten, der dafür verantwortlich war. Er hat den Leichnam des Hochkönigs Gylbax XII. aus seinem Sarkophag entwenden lassen.“

„Was?“, rief Yxistradojn fassungslos.

„Der Leichnam wurde auf ein Schiff gebracht, das sich bereits auf hoher See befindet“, berichtete der Bewacher. „Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes muss die Option der Umkehr ausgeübt werden.“

Der Statthalter schüttelte den Kopf: „Ich kenne einen großen Teil der alten Schriften. Aber ich weiß nicht, was die Option der Umkehr ist.“

Xaranth trat einen Schritt näher: „Wenn eine Grabbeigabe oder gar die Leiche eines Hochkönigs entwendet wird, trifft der Herrscher die Entscheidung, ob er selbst die zur Rückführung erforderlichen Maßnahmen trifft oder sie den Bewachern der Gruft überlässt. Wie entscheidet Ihr Euch?“

Yxistradojn atmete auf. Diese Entscheidung fiel ihm leicht. 

 

*

 

Broxot senet tar agdan – der Blitz, der verbrennt und erleuchtet. Hatten diejenigen, die ihm diesen Namen gegeben hatten, seinen Werdegang vorausgesehen? In seiner Jugend war Broxot ein leidenschaftlicher Kämpfer, der unsichtbar hinter dem Fährmann das Tor von Lumburia bewachte. Mit zunehmendem Alter hatte er ein Maß an Weisheit erlangt, das selbst für einen Lumburier außergewöhnlich war. Seine Stimme bekam immer mehr Gewicht im Rat der Ältesten, bis er schließlich als Autorität galt. Eine derartige Rolle hatten die Ureinwohner, notorische Einzelgänger, jahrhundertelang von keinem ihrer Volksgenossen akzeptieren können. Broxot aber stand in einem derartigen Ansehen, dass man ihm die Verwahrung der Artefakte anvertraut hatte, die nach der Ermordung Berions und Qaromars in Lumburia zurückgeblieben waren.

Dabei hatten die Lumburier aber eine entscheidende Kleinigkeit übersehen: Broxot brachte das Vertrauen, das er selbst genoss, auch allen seinen lumburischen Mitmenschen entgegen. Und das hatte sich nun als fataler Fehler erwiesen.

Ugudag sah Broxot in die seltsam geröteten Augen. Auf dem Boden glommen und rauchten noch die Überreste des brennenden Säckchens, das er durch den rundum verlaufenden Fensterschlitz in die Hütte des ältesten Ureinwohners geworfen hatte.

„Es tut mir leid, Broxot“, entschuldigte sich Ugudag mit fester Stimme. „Aber wie jeder andere von uns habe ich immer das getan, was ich in Ansehung der Interessen unseres Volkes für das Richtige gehalten habe. Und das gedenke ich auch weiterhin zu tun.“

Broxot saß unbeweglich auf dem dunklen Holzstuhl. Der Drogendampf hatte ihn körperlich gelähmt, aber er konnte jedes von Ugudags Worten verstehen. 

  „Sage allen anderen, dass ich das Pulver der Unsterblichkeit besorgen werde. Du wirst der Erste sein, der sie erlangen wird. Nur wenn die Weisesten unseres Volkes ewig leben, werden wir auf Dauer in der Lage sein, uns gegen unsere äußeren Feinde wirksam zu verteidigen.“

Es hatte lange Zeit gedauert bis dieser Entschluss gereift war. Der Überlebenskampf der Ureinwohner schien nach Ugudags Einschätzung nahezu aussichtslos geworden zu sein. Aber war es wirklich nur dieser Kampf, der Ugudag zu seinem rücksichtslosen Vorgehen bewogen hatte? Insgeheim hatte er sich nur allzu bereitwillig der vermeintlichen Einsicht hingegeben, dass er selbst als unermüdlicher Kämpfer zur Elite derjenigen gehörte, die sich die Unsterblichkeit als Waffe verdient hatten. Die Möglichkeit, dass er mit seinem Bestreben auch eigennützige Ziele verfolgte, schloss Ugudag aus. Nachdem er sich erst einmal zu seiner Entscheidung durchgerungen hatte, stellte er sie nicht mehr in Frage.

Mit schnellen Schritten durchquerte er die Hütte des Ältesten und stieß die unverschlossene Tür zu dessen Schlafraum auf. Die aus dicken, biegsamen Bambusstäben geflochtene Truhe mit den Artefakten stand neben der Lagerstatt des Ureinwohners. Ugudag öffnete den Deckel. Sofort erhellte das unwirkliche, grüne Leuchten des Zenesiths den kleinen Raum. Neben dem Kristall lagen der Stab des letzten Wanderpriesters mit der tödlichen Cirrha-Spitze und mehrere Schutzhemden der Pylax aus dem Gewebe, welches mit Ausnahme von Cirrha-Stahl allen Materialien standhielt. 

Wie Ugudag bereits befürchtet hatte, waren die von Senesia Sidas Leuten zurückgelassenen Reste des getrockneten Orchideenextrakts, der von Eingeweihten als der „Odem des Lebens“ bezeichnet wurde, vom Ältestenrat vernichtet worden. Das stellte für Ugudag trotz einer entsprechenden Vorahnung eine herbe Enttäuschung dar, denn er hatte bis zu diesem Augenblick inständig gehofft, bereits jetzt die Unsterblichkeit zu erlangen, von der er sich einredete, dass er sie zur Bewältigung seiner sich selbst gestellten Aufgaben benötigen würde. Rasch raffte er die Artefakte zusammen, stopfte sie in den mitgebrachten Jutesack und verließ eilig die Hütte des alten Broxot. Sein vorläufiges Ziel lag auf der anderen Seite des breiten Lumbur-Stroms.

 

*

 

Seit sechs Tagen saß der zerbrechlich wirkende Alte mit den weißen Haaren auf der höchsten Erhebung des namenlosen Inselchens mitten im Fluss. Es war die letzte Insel, die man vom surdyrischen Ufer aus über Hängebrücken erreichen konnte. Für den Rest des Weges wurde eine Fähre benötigt. Jedenfalls verhielt sich das früher so, als Fremde noch das Land der Ureinwohner betreten durften. Nun schien die Fähre endgültig außer Betrieb zu sein. Nur mit einem dicken Strick an der Anlegestelle gesichert, dümpelte sie herrenlos neben der kleinen Landebrücke. Korvinag betrachtete versonnen seinen knorrigen Stock. 

Tekkuk, der Fährmann, beobachtete aus seinem versteckten Unterstand hinter der Uferböschung den Borthuler, seit dieser auf der kleinen Insel angekommen war. Er hatte Mitleid mit dem gebeugten, alten Mann, der sich nur einmal am Tag mühsam erhob und kurz verschwand, wahrscheinlich um seine Notdurft zu verrichten. Gelegentlich knabberte er an irgendwelchen Wurzeln herum und ab und zu trank er einen Schluck aus seinem mit Wasser gefüllten Lederschlauch. Ansonsten saß er nur da und starrte abwechselnd auf seinen Stock und zum „Tor von Lumburia“, den beiden Felsnadeln, die die Vegetation hinter der Uferböschung weit überragten.

Tekkuk war sicher, dass der Alte keine Bedrohung für ihn darstellen würde, und so siegte schließlich das Mitleid. Am Nachmittag des sechsten Tages kam der Fährmann aus seiner Deckung heraus und begab sich zu der Anlegestelle. Er löste den Strick, mit dem das große Floß angebunden war, prüfte kurz das Führungsseil und stieß sich dann mit der Stake ab. Erst als Tekkuk die Anlegestelle auf der Insel erreicht hatte, erhob sich der alte Borthuler und kam ihm in gebückter Haltung entgegen gehumpelt. Der lumburische Fährmann sah in ein Gesicht, das seine Offenheit und Freundlichkeit durch alle Stürme des Lebens hindurch bewahrt hatte.

„Mein Name ist Korvinag“, sagte der alte Mann mit zittriger Stimme. Aber da wusste der Ureinwohner bereits, mit wem er es zu tun hatte: der berühmte Einsiedler aus Borthul, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, mit der Natur in Einklang zu leben.

„Was führt Sie hierher?“, Unwillkürlich hatte Tekkuk seine Stimme gesenkt. Irgendwie hegte er die Besorgnis, dass der aus seiner Sicht winzige, gebrechliche Mann fortgeblasen werden könnte, wenn er mit seiner gewohnten Lautstärke zu ihm sprechen würde.

Der Alte schien die Gedanken des Fährmanns erraten zu haben und lächelte: „Ich bin wie der Halm, der sich im Sturm beugt während der Baum abbricht. Sie brauchen keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Ich bin hier, weil ich von einem weisen Mann geschickt wurde, um etwas zu erbitten.“

„Sie wissen aber, dass Sie Lumburia nicht betreten dürfen. Es gibt keine Ausnahmen“, erklärte Tekkuk, nunmehr mit der üblichen Lautstärke, die Korvinag als dröhnend empfinden musste. „Was wollen Sie erbitten?“

„Es geht um zwei äußerst gefährliche Gegenstände, die sich in Lumburia befinden, aber Ihrem Volk nicht gehören“, erwiderte Korvinag. „Ich weiß, dass die Ureinwohner keine Diebe sind. Der Mann, der mich schickt, will die Gegenstände nur, um sie sicher zu verwahren.“

„Sie irren sich“, entgegnete Tekkuk.

Der Borthuler sah den Fährmann fragend an, während er überlegte, worauf sich dessen Behauptung beziehen sollte. 

Tekkuk löste das Rätsel sogleich auf: „Der Grüne Kristall und der Stab des Wanderpriesters befinden sich nicht mehr in Lumburia. Und zumindest einen Dieb scheint es unter den Ureinwohnern doch zu geben, nämlich denjenigen, der die beiden Artefakte gestohlen hat.“

Die Weisheit in Korvinags Augen wich schierer Enttäuschung. Tekkuk sah ihn mitleidig an: „Die Ältesten wollten die Artefakte hierbehalten, gerade weil sie dort draußen eine viel größere Gefahr darstellen. Insbesondere wenn sie in die falschen Hände gelangen.“

„Es ist nicht der Grüne Kristall, der mir Sorgen macht, sondern der Stab des letzten Wanderpriesters“, bekannte Korvinag. „Und es ist auch nicht nur die versteckte Spitze aus Cirrha-Stahl, sondern vor allem seine ungeklärte Herkunft.“

Der Fährmann sah den Borthuler erschrocken an. Es gab eine Möglichkeit, Ugudag aufzuspüren und vielleicht auf diese Weise den Stab zurückzuerhalten. Was war das kleinere Übel? Der Stab stellte offenbar eine noch größere Bedrohung dar als er befürchtet hatte. Aber rechtfertigte das auch, ein altes Geheimnis preiszugeben, das die Lumburier jahrtausendelang sorgfältig gehütet hatten?

Korvinag sah dem Fährmann an, dass er nicht nach einer Lösung suchte, sondern bereits einen Plan hatte und nun mit sich rang, ob er diesen Plan offenbaren durfte. Der alte Mann hielt sich zurück und störte nicht die Überlegungen Tekkuks. Nach einer Weile traf der Lumburier endlich eine Entscheidung. Mit seiner dröhnenden Stimme bat er den Alten: „Warten Sie hier!“

Und erneut begann für Korvinag das Warten. Ruhe, Geduld und Genügsamkeit waren jedoch seine Stärken. Roxolay musste vorausgesehen haben, dass es für die Erfüllung seines Auftrags auf diese Tugenden ankam. 

Zwei Tage musste Korvinag warten. Dann kam der Fährmann zurück. In seiner Begleitung befand sich ein Wesen, das selbst den alten Einsiedler fast aus der Fassung gebracht hätte: die größte Graue Riesenspinne, die ein Nicht-Lumburier jemals gesehen hatte. Ihr fast kugelförmiger Leib hatte einen Durchmesser von mehr als einem halben Meter, und ihre kräftigen Beine waren noch länger. Sowohl ihr grau behaarter Hinterleib als auch ihr fast kahler Vorderleib wiesen seltsame grüne Muster auf. Die zehn schwarzen Augen schienen starr auf den Borthuler gerichtet, während sich die beiden langen, bedrohlich wirkenden Kiefertaster in ständiger Bewegung befanden. Langsam kroch sie auf Korvinag zu.

Der Borthuler rührte sich nicht. Als die Spinne nur noch fünf Schritte von ihm entfernt war, machte er zwei schnelle Schritte in ihre Richtung. Blitzschnell wich das Tier mehrere Meter zurück.

Der Fährmann lachte laut auf: „Sie ist nicht daran gewöhnt, dass jemand auf sie zu geht. Normalerweise kann sich ihre Beute bei ihrem Anblick nicht mehr aus ihrer Schockstarre lösen.“ Anscheinend wirkte die Anwesenheit des Lumburiers beruhigend auf die Spinne, die sich nun langsam wieder annäherte.

„Dieses Tier verfügt über unglaubliche Wahrnehmungsfähigkeiten und ist außerdem sehr wehrhaft“, erklärte Tekkuk. „Ihre Fangfäden können nur durch ihr eigenes Sekret wieder aufgelöst werden. Sie könnte die Spur des Diebes verfolgen und Ihnen helfen, die Artefakte zu finden. Aber es gibt eine Bedingung!“

Korvinag sah den Fährmann stumm an. Er hatte sich bereits zusammengereimt, was nun kommen würde. Gleichzeitig hatte sein waches Gehirn aber Zusammenhänge durchschaut, welche die Ureinwohner jahrtausendelang sorgfältig als Geheimnis gehütet hatten: Die Graue Riesenspinne produzierte die Fäden, aus denen die Pylax ihre Schutzhemden gewoben hatten. Diese konnten jedoch, im Gegensatz zum Eidgewand, von Cirrha-Stahl durchdrungen werden! Wegen ihres seltenen Vorkommens wurden die Spinnfäden von den Pylax nur als Verstärkung eines anderen Gespinstes benutzt. Aber in Kombination mit anderen Materialien waren die Fäden der Spinne nicht mehr stark genug, um auch Cirrha-Stahl standzuhalten.

Wer das wusste, hatte eine tödliche Waffe gegen die Pylax, von der diese nichts ahnten und sich stattdessen einer trügerischen Sicherheit hingaben. Ein ausgeklügelter Betrug der Lumburier, mit dem sie gezielt eine Schwachstelle bei ihren Erzfeinden geschaffen hatten. Der Wanderstab stammte aus Lumburia!

Der wache Geist des alten Mannes erfasste aber auch sofort, dass er die Lösung eines Rätsels gegen zwei neue Rätsel eingetauscht hatte. War dieses seltsame Metall mit seinen derart außergewöhnlichen Eigenschaften tatsächlich eine Art von Stahl oder etwas gänzlich anderes, fremdartiges? Und wieso gab es nur eine als Wanderstab getarnte Lanze? War diese Waffe am Ende nicht von einem Volk, sondern von einer einzigen Person geschaffen worden, die das Geheimnis des Cirrha-Stahls kannte?

„Die Artefakte müssen hierher zurückgebracht werden, nicht nach Rabenstein“, verlangte der Fährmann.

„Ich bin einverstanden“, stimmte der alte Einsiedler mit versteinertem Gesicht zu. „Aber woher weiß die Spinne, was von ihr erwartet wird?“

So sanft wie möglich ergriff der Ureinwohner die Hand Korvinags und führte sie in Richtung der Spinne. Langsam kroch das Tier näher und betastete die Hand mit seinen Fühlern, die in klauenförmigen Haken endeten. In ihren schwarzen Augen lag dabei ein seltsamer Glanz.

„Sie wird Ihnen jetzt folgen, wo immer sie hingehen.“ In der Stimme des Fährmanns schwang eine gewisse Wehmut mit. Dann gab er sich jedoch einen Ruck: „Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Reise, Korvinag, und hoffe, Sie und Isquas bald wohlbehalten wiederzusehen.“

Also hat die Spinne sogar einen Namen, dachte Korvinag und war sich sicher, dass Tek ihm nicht alles über dieses erstaunliche Wesen offenbart hatte.

 

 

*

 

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Quintora wirklich wie eine Königin. Die runden Tautropfen an den dunklen Ästen schimmerten noch schöner als die teuersten Perlen. Gleich flüssigem Gold drangen vereinzelte Sonnenstrahlen durch das Blätterdach und ergossen sich auf den Waldboden und über das schmale Gesicht des immer noch friedlich schlafenden Begleiters der Königin von Mithrien. Als er schließlich die Augen aufschlug, erschien sofort ein Lächeln auf seinem Gesicht.

„Jedesmal wenn ich aufwache, und du immer noch bei mir bist, bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich schon wach bin oder noch träume“, schwärmte Telimur.

„Ich hoffe, du willst mir damit nicht sagen, dass ich für dich ein Albtraum bin“, erwiderte Quintora und legte drohend die Hand auf ihren Schwertknauf. Aber auch in ihrem Gesicht stand ein glückliches Lächeln.

Telimur stützte seinen Ellbogen auf das grüne Moos, das nachgab wie ein dicker Teppich aus weichem Samt: „Ich liebe dich.“

Wieder hatte Quintora dieses Gefühl als ob sie ganz allein mit dem Priester des Wissens in einem Paradies schwebte. Sie zog die Beine an, umschlang die Knie mit ihren Armen und sah Telimur durchdringend mit ihren eisblauen Augen an.

„Sage mir, dass du das nicht bewusst tust!“, verlangte sie. Telimur schaute sie überrascht an. Er hatte sofort verstanden, was sie meinte.

„Es sind meine Gefühle, die du spürst“, murmelte er. „Ich kann das nicht steuern. Für mich ist das viel schlimmer als für dich. Ich weiß nicht, ob du mich ebenfalls liebst oder ob du nur meine eigene Liebe wie ein Echo widerspiegelst.“

Quintora stand auf, ging zu ihm und ergriff seine Hand.

„Du solltest weder mich noch deine eigene Macht unterschätzen“, erklärte sie. „Ich bin schutzlos, wenn du bei mir bist. Würde ich das für jemand riskieren, dem ich nicht vertraute?“

Auf Telimurs Gesicht zeichnete sich Erschrecken ab.

„Der vernichtende Blick?“, stieß er hervor.

Quintora nickte stumm. In seiner Gegenwart war sie nicht in der Lage, diese herausragende Fähigkeit der Eisgrafen anzuwenden. 

„Aber ich bin kein Teil des Geflechts“, wandte er ein.

„Vielleicht ist dir das nur nicht bewusst“, entgegnete sie. „Möglicherweise ist das bei Priestern des Wissens anders als bei Eisgrafen. Du hast besondere Fähigkeiten und du weißt das. Du verzauberst meine Stimmungen, aber du kannst nicht in meine Gedanken eindringen. Ich kann immer noch frei entscheiden.“

„Aber ich will dich gar nicht beeinflussen“, protestierte Telimur, um nach kurzem Zögern eindringlich zu fragen: „Vertraust du mir nur oder liebst du mich?“

Statt einer Antwort schlang die Königin ihre Arme um ihn und küsste ihn.

Aber hatte ihre Liebe eine Zukunft? Waren sie nicht beide Auserwählte mit der Aufgabe, ihre jeweiligen Völker zu schützen? Entsprang ihre Gemeinsamkeit vielleicht nur dem Umstand, dass beide Völker vom gleichen Feind bedroht wurden, gegen den sie sich verbünden mussten?

Auf ihrem Weg nach Rabenstein hatten sie am Vortag die Grenze zu Obesien überschritten. In ihrem gemeinsamen Gepäck befand sich das „Buch der Vorzeit“, das Gefährlichste aller Artefakte, das einem Eingeweihten ein unermessliches Wissen vermitteln konnte.

 

*

 

Das kleine Feuer reichte kaum aus, die kalten Glieder so zu erwärmen, dass sie dem eisigen Tod widerstehen konnten. In dieser kargen und lebensfeindlichen Umgebung gab es kaum Pflanzen und demnach auch nicht genügend Holz, mit dem man die Flammen über längere Zeit aufrechterhalten konnte. Tergald zweifelte ob er den nächsten Tag erleben würde. Dabei hatte er schon den größten Teil der Schneise von Delamunth überwunden, die wichtigste Verbindungsstrecke zwischen Mithrien und Zogh durch das Aralt-Gebirge.

Längst hatte der Novize von Rabenstein die Grenze überschritten und befand sich auf dem Territorium des Herzogs der Höhlen, der als einer der drei Herrscher von Zogh über die in den Höhlen des Gebirges ansässige Urbevölkerung gebot. Bevor die Wirren des kontinentalen Krieges auch die ehemals vereinten drei Nordlande erfasst hatten, galten die Verhältnisse in Zogh, dem kriegerischsten dieser drei Länder, als stabil. Bis dahin konnte das Verhältnis der Königin der Hochebenen, dem Herzog der Höhlen und dem Marschall von Sandammon und Sokul untereinander nachgerade als innig bezeichnet werden. Dann aber war es zu einem Zerwürfnis zwischen Arthania, der Königin, und Torrgarath, dem Herzog, gekommen, obgleich beide nur das Beste für den Norden gewollt hatten. Arthania fiel wenig später einer Verschwörung zum Opfer, angezettelt von Saradur, dem nunmehr Höchsten Priester des Wissens und scheinbar treuer Vasall des Kollektivs von Obesien. Octora indes, die Tochter und Nachfolgerin der Königin, machte Torrgarath für den Tod ihrer Mutter mitverantwortlich, wiewohl er an der Verschwörung in keiner Weise beteiligt war. 

Bitter enttäuscht hatte sich der Herzog in sein ausgedehntes Reich unterhalb der gewaltigen Gipfel des Aralt-Gebirges zurückgezogen. Anscheinend hatte sich das Schicksal gegen ihn gewandt. Nachdem sein Sohn Tritor in Erfüllung seiner Pflichten als Eisgraf ermordet worden war, hatte nun auch seine Tochter Ardenastra ihn verlassen, um ungerechtfertigten Rachegelüsten nachzugehen.

So blieb Torrgarath bei der Verwaltung seines unübersichtlichen, unterirdischen Reiches nur die Hilfe Zobireks, seines letzten noch lebenden Verwandten außer seiner Tochter. Zobirek war der Sohn seines früh verstorbenen Bruders.

Er trat dafür ein, das gegenwärtige Zerwürfnis zu nutzen, um die Eigenständigkeit und den Einfluss der Höhlen-Zogh zu stärken. Torrgarath dagegen strebte eine Versöhnung mit Octora an und war zu diesem Zweck mit einer kleinen Gefolgschaft aufgebrochen, um die Königin in ihrem Heerlager in Knoist aufzusuchen. Nur widerwillig und auf Drängen des Herzogs hatte sich Zobirek bereiterklärt, an dieser Mission teilzunehmen. In Wahrheit war er jedoch entschlossen, sie zu sabotieren. Gemeinsam mit seinem Freund, dem gefürchteten Krieger Senzidon hatte er freiwillig die Aufgabe übernommen, als Kundschafter vor dem Tross des Herzogs das Gelände zu sichern.

Von alledem wusste Tergald nichts. Sein einziges Bestreben in dieser klirrend kalten Nacht galt dem Überleben. Er versuchte, immer nur kurze Zeit zu schlafen, um dann wieder Holz nachlegen und das überlebenswichtige Feuer bis in die frühen Morgenstunden in Gang halten zu können.

Zwei Stunden nach Mitternacht übermannte den Lokhriter erneut die Müdigkeit. Er fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem er womöglich nie wieder aufgewacht wäre, hätte ihn nicht das Schnauben seines treuen, alten Hengstes Ibildag aus diesem Dämmerzustand an der Schwelle des Todes herausgerissen. Als Tergald mühsam die eisverkrusteten Augen aufschlug, sah er im Schein des ausgehenden Feuers in zwei hellgraue Gesichter, in denen sich wilde Verwegenheit spiegelte.

„Steck die Waffe weg, Senzidon, der Kerl ist sowieso mehr tot als lebendig“, erklang eine raue Stimme.

Tergald blinzelte und erkannte einen Mann, der eine riesige, doppelschneidige Axt in den Gürtel schob. Dann ergriff der andere den Lokhriter am Kragen und zog ihn in die Höhe.

„Wie heißt du und woher kommst du?“, verlangte der Mann mit der rauen Stimme zu wissen.

„Mein Name ist Tergald, und ich komme aus Lokhrit“, gab der Novize aus Rabenstein bereitwillig Auskunft.

„Und was willst du im Aralt?“, hakte der andere nach.

„Ich bin auf dem Weg zur Königin“, bekannte Tergald. Die beiden Zogh brachen in ein schallendes Gelächter aus, das sich wie rasselndes Gestein anhörte.

„Und was willst du von ihr?“, fragte der Mann, den der andere Senzidon genannt hatte.

Tergald hatte nun die Fassung wiedergewonnen. Er beschloss, die Flucht nach vorne anzutreten: „Wer seid ihr überhaupt, dass ihr mir solche Fragen stellt?“

Die Hand Senzidons zuckte erneut zu seiner Doppelaxt, aber der andere hielt ihn zurück und erklärte: „Mein Name ist Zobirek. Ich bin der Stellvertreter des Herzogs, der der Herrscher über dieses Land ist. Also beantworte jetzt die Frage!“

„Mein Auftrag ist es, die Königin von Zogh zu bitten, mir das Schwert der Könige zu geben.“ Tergald zweifelte selbst daran, dass dies ein erfolgversprechender Weg sein würde, seine Mission zu Ende zu bringen.

Die beiden Zogh sahen sich zuerst verblüfft an, dann brachen sie erneut in ein brüllendes Gelächter aus. Als sie sich wieder beruhigt hatten, gab Zobirek seinem Begleiter mit einer Kopfbewegung ein Zeichen. Senzidon trat unauffällig hinter Tergald.

„Der Bursche ist die ideale Ablenkung, falls ich Torrgarath tatsächlich beseitigen muss“, murmelte Zobirek. Im nächsten Augenblick knallte der Kristallhammer Senzidons gegen die Schläfe des völlig unvorbereiteten Lokhriters. Tergald stürzte wie vom Blitz gefällt bewusstlos zu Boden.

 

*

 

Unruhig wälzte sich Quintora auf die Seite. Das freundliche Gesicht Telimurs, das sie soeben noch liebevoll angesehen hatte, war plötzlich verschwunden. Stattdessen sah sie nun in das Gesicht des Lumburiers, der sie vor Jahren aus einem Waldstück irgendwo in Gatya entführt hatte und später zu einem ihrer besten Freunde geworden war: Ugudag teket dru banir, der „Schatten, der jede Spur findet“. Stand er schon wieder im Begriff, sie zu entführen? Obwohl es ein Traum war, erkannte Quintora die Ungereimtheit. Die Entführung in Gatya gehörte der Vergangenheit an. Sie lag zwar auch jetzt wieder schlafend in einem Waldstück, aber nicht in Gatya sondern irgendwo in Nord-Obesien im Wald Timbur, nur noch einen knappen Tagesritt von Rabenstein entfernt.

Tostassa schnaubte kurz. Quintora erwachte für einen Moment. Es herrschte nach wie vor tiefe Dunkelheit, aber sie lag immer noch auf dem angenehm kühlen und weichen Waldboden. Kein Lufthauch regte sich. Eine tiefe Stille hatte sich in dem Wald ausgebreitet. Fast auf der Stelle schlief die Königin wieder ein. Aber ihre Träume wurden beunruhigender. Telimur kam nicht mehr darin vor.

Als sich die ersten Lichtschimmer am östlichen Himmel abzeichneten, wachte Quintora endgültig auf. Verwirrt stellte sie fest, dass sich die Bäume dunkel und drohend über ihr erhoben. Das war nicht das Paradies, in dem sie an jedem Morgen der letzten Tage aufgewacht war. Erschrocken fuhr sie hoch. Sie wusste es bereits, noch bevor sie es sehen konnte. Neben ihr lag Telimurs Decke, nicht aber der Priester selbst. Verstört sprang Quintora auf und rannte zu ihrer Stute. Auch das Pferd Telimurs war verschwunden. Ein unwillkürlicher Griff in ihre Satteltasche verstärkte ihre Verwirrung nur noch mehr. Sie ertastete das „Buch der Vorzeit“. Telimur wäre nicht freiwillig ohne den größten Schatz der Menschheit weggegangen. Und nach allem, was sie in den letzten Tagen mit ihm erlebt hatte, glaubte sie auch nicht, dass er ohne seinen persönlichen Schatz weggegangen wäre. Aber wenn hier ein Überfall stattgefunden hätte, wäre alles nur noch rätselhafter erschienen: Wer konnte einen Menschen völlig lautlos überwältigen und entführen? Und wer hätte die Königin von Mithrien und das Buch der Bücher zurückgelassen?

Quintora suchte die Umgebung ab; sie konnte jedoch nicht die geringste Spur finden. Es hatte den Anschein als ob Telimur mitsamt seinem Pferd vom Erdboden verschluckt worden wäre. Schlagartig fiel der Königin ihr Traum wieder ein, der Traum vom „Schatten, der jede Spur findet“. Auch wenn Ugudag nicht der Entführer sein konnte: Barg dieser Traum irgendeinen Hinweis?

Quintora wartete zwei Stunden, aber Telimur kam nicht zurück. Sie hatte auch nicht damit gerechnet. Er wäre nicht heimlich weggegangen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Das hätte nicht zu ihm gepasst. Der Priester musste verschleppt worden sein. Da sie nicht die geringsten Anhaltspunkte für seinen Aufenthaltsort besaß, beschloss sie, die gemeinsam begonnene Reise allein fortzusetzen. Rabenstein konnte nur noch einen knappen Tagesritt entfernt sein. An diesem Ort hatte Telimur gewirkt bis er zum Quaralpalast aufgebrochen war, um das „Buch der Vorzeit“ zu stehlen. Vielleicht konnte sie an dieser von ihm gegründeten Wirkungsstätte Hinweise auf seinen Verbleib finden.

 

*

 

„Xilu!“, echote es in seinem Geist. „Xilu!“ Der geruhsame Dämmerzustand war beendet. Xilu krümmte und streckte sich. „Du musst jetzt wach bleiben und uns helfen!“, hallte es durch sein Bewusstsein. „Wir sind jetzt bald in Dunculbur.“

Vier rote Augen in zwei riesigen, vertrauten Gesichtern sahen ihn an. Xilu liebte und hasste diese Gesichter gleichermaßen. Sie ermöglichten, dass er sich im Gegensatz zu seinen Artgenossen den erholsamen Dämmerzustand leisten konnte. Aber er war anders als seine Artgenossen. Und er ahnte, dass auch dafür die beiden riesigen Gestalten verantwortlich waren, die ihn hegten und pflegten und wie einen wertvollen Schatz hüteten und versteckten. Eine große Hand ergriff Xilu vorsichtig und ließ ihn in eine Tasche gleiten, die zu einem Kleidungsstück gehörte, das eine der beiden Riesengestalten umhüllte. Dann sprang die Gestalt auf den Rücken eines Vierbeiners, noch viel größer als sie selbst. Xilu wusste, was jetzt kommen würde. Er würde in luftiger Höhe dahinfliegen, wohl so ähnlich wie seine Vorfahren vor unvordenklichen Zeiten, als ihnen in ihrem zweiten Leben noch Flügel wuchsen und sie zwischen bunten Blumen und grünen Blättern umher schweben konnten. Xilus Artgenossen hatten jetzt kein zweites Leben mehr, dafür aber die Fähigkeit, in den Geist anderer Wesen eindringen und deren Gedanken neu ordnen zu können. Aber selbst das war bei Xilu anders. Er konnte sich nie entscheiden, in welches der beiden vertrauten Gesichter er schauen sollte, und wohl deshalb konnte er auch nicht in ihre Gedanken eindringen. Nur wenn die beiden ihm halfen, konnte Xilu in den Geist anderer Menschen mit roten Augen sehen.

 

Über dem Meer aus Sand erhob sich in der Ferne ein rundes, wuchtiges Gebäude. Das Monasterium von Dunculbur umschloss wie ein riesiger Ring einen Teil der Oase Serfetras’gor am Rand der Obesischen Wüste. Errichtet aus dem Sandstein der nahe gelegenen Rachnel-Felsen hatte es die gleiche rotbraune Farbe wie die umgebende Wüste.

„Das ist das Monasterium von Dunculbur“, sagte die Riesengestalt. Nun fiel Xilu erstmals auf, dass die zweite Riesengestalt zurückgeblieben war. Obwohl er dies nicht sehen konnte, fühlte er wie die Gegenwart des zweiten Geistes schwächer wurde.

Orhalura zügelte ihr Pferd vor dem Tor des Monasteriums. Eine Wolke feinen Staubes hüllte sie ein und verflog dann langsam wieder wie ein Schleier, der sich auflöst.

Das schwere Metalltor schwang auf und gab einen rechteckigen Raum frei. Umgeben von hohen Mauern hatte er offensichtlich die Funktion einer Schleuse.

In den vier Ecken standen obesische Soldaten mit dem Abzeichen des Wüstenskorpions auf den Helmen hinter Brustwehren aus massiven Holzbalken. Ihre Stiftlader zielten auf Orhalura. Beim Anblick des dunkelblauen Gewandes mit dem roten Kreis, dem Sinnbild des „Inneren Zirkels“, senkten sie ihre Waffen.

Ihre Blicke blieben jedoch weiterhin auf Orhalura gerichtet und verfolgten aufmerksam jede ihrer Bewegungen. Aus der Mitte des Vorhofes näherten sich zwei junge Priester des Wissens der ehemaligen Rektorin, die nun langsam unter dem Tor hindurch ritt.

„Mein Name ist Orhalura“, stellte sie sich vor. „Und wie ihr seht, bin ich ein Mitglied des Inneren Zirkels. Ich möchte den Rektor dieses Monasteriums um ein Gespräch ersuchen.“

Nach der Konvention des Ordens durfte selbst ein Rektor einem anderen Mitglied des Inneren Zirkels ein Gespräch nicht verweigern. Orhalura hatte aber sofort den Eindruck gewonnen, dass man hier in Dunculbur die Konvention auf sehr eigenwillige Weise auslegte. Denn auch die Anwesenheit obesischer Soldaten in einem Monasterium war in der Konvention eigentlich nicht vorgesehen.

Während sie absaß, ergriff einer der beiden jungen Priester die Zügel ihres Pferdes. Der andere machte eine einladende Geste in Richtung einer in die Mauer auf der rechten Seite eingelassenen Stahltür. Sie öffnete sich unmittelbar darauf wie von Geisterhand betätigt. Orhalura durchschritt die Tür und befand sich nun innerhalb des Monasteriums in einem breiten Korridor, der kreisförmig hinter der Außenmauer verlief. Zur Linken schloss sich an einen offenen Durchgang ein Raum mit mehreren Sitzgelegenheiten und Tischen an. Er erlaubte einen Blick in einen lichtdurchfluteten Innenhof. Orhalura konnte den Stamm und die untersten Äste eines riesigen Ölbaums erkennen. Bevor sie sich versah, schien ihr Bewusstsein hinweggespült zu werden. Statt des Ölbaums erschienen vor ihrem geistigen Auge die verflochtenen Weiden am Ufer des Spiegelsees von Bogogrant. Diese Weiden waren eine Laune der Natur. Sie wuchsen derart eng beieinander, dass sie auf größere Entfernung wie ein einzelner, gigantischer Baum wirkten.

Aus der Nähe betrachtet schien es sich um Spiegelbilder zu handeln, deren uralte, verdrehten Äste ineinander verwoben waren und sich wechselseitig schützten und stützten. Orhaluras Gedanken schweiften ab zu ihrer Zwillingsschwester Teralura, die sie vorsichtshalber an ihrem letzen Rastplatz vor Dunculbur zurückgelassen hatte. Sie fehlte ihr schon jetzt, obwohl sie selbst eine äußerst intelligente und wehrhafte Frau war, die an sich keiner fremden Hilfe bedurfte. Aber darum ging es auch nicht. Teralura war ein Teil von ihr. Ohne sie fühlte sich Orhalura irgendwie unvollständig.

Der junge Priester riss sie aus ihren Gedanken: „Bitte nehmen Sie im Warteraum Platz. Ich werde Sie bei Rektor Cradok anmelden.“

Für einen Augenblick glaubte Orhalura, ihn nicht richtig verstanden zu haben. Dann fasste sie ihn mit hartem Griff am Ärmel seines Gewandes. 

„Warten – anmelden?“, fauchte sie ihn an und warf die rotblonde Haarmähne in den Nacken. Auf ihre Lippen trat ein boshaftes Lächeln während die rötlichen Augen des jungen Priesters plötzlich glasig wurden.

„Ich – äh – werde Sie natürlich sofort zu ihm bringen“, stammelte er. Als sie ihn freigab, schritt er tapfer voraus zu einer Treppe, die in das Obergeschoß führte. Dort erstreckte sich eine ringförmige, überdachte Balustrade an der Innenseite des Rundbaus entlang. Auf der offenen Seite lag der Innenhof mit dem mächtigen Ölbaum, auf der anderen Seite konnte Orhalura durch große Fenster in üppig ausgestattete Räumlichkeiten blicken. Wenig später erreichten sie eine edle Holztür mit aufwändigen Messingbeschlägen und dem Wappen des Inneren Zirkels.

Als der junge Priester gegen die Tür klopfte, wurde sie unsanft aufgerissen. In der Türöffnung erschien ein älterer Priester mit dunkelroten Augen, einer langen, spitzen Nase und schütterem, leicht angegrautem Haar.

„Was fällt Ihnen ein?“, brüllte er den Jüngeren an. „Wie kommen Sie dazu, gegen die Sicherheitsregeln des Monasteriums zu verstoßen?“ Und in einem nicht minder barschen Ton stellte er mit Blick auf Orhalura die Frage: „Wer ist das?“

„Ich – äh – ich …“, begann der junge Priester zu stottern. „Das – äh – ist …“

Da wich der glasige Ausdruck aus seinen Augen und er starrte Cradok bestürzt an. Der aber lächelte plötzlich und winkte freundlich ab: „Ach, lassen Sie nur. Das geht schon in Ordnung.“ Dann sah er Orhalura mit stumpfem Blick an und gab die Tür frei: „Kommen Sie doch bitte herein, verehrte Schwester.“

Betroffen und völlig verwirrt schlich der junge Priester von dannen, während Orhalura selbstsicher das kleine Reich des Rektors betrat. Cradok bot ihr einen Stuhl an, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Dann ließ er sich hinter seinem aus schwarzem Ebenholz gefertigten Schreibtisch nieder.

Wie weggewischt verschwand der stumpfe Ausdruck aus seinen Augen, und nun schien er völlig verunsichert. Aber er fasste sich schnell und gelangte zu der Einschätzung, dass es eigentlich kein Fehler gewesen sein konnte, eine derart gutaussehende Priesterin hereingebeten zu haben.

Orhalura schlug in bewährter Manier ihre Beine übereinander. Dies lenkte den Rektor nun endgültig von den Selbstzweifeln an seinem vorausgegangenen Handeln ab.

„Mein Name ist Orhalura. Ich war zusammen mit meiner Schwester Leiterin des Monasteriums von Bogogrant“, eröffnete ihm die ehemalige Rektorin.

Cradok zog missbilligend eine Braue hoch: „Warum haben Sie diese Stellung aufgegeben?“

„Ich bin auf eine interessante Sache gestoßen, die man in gewisser Weise auch militärisch nutzen kann. Deshalb bin ich hier“, erwiderte die Priesterin ausweichend.

„Das beantwortet nicht meine Frage“, beharrte der Rektor.

„Ich konnte meine Forschungen nicht innerhalb eines Monasteriums durchführen“, versuchte Orhalura zu erklären.

Diese Aussage verstärkte aber das Misstrauen Cradoks nur noch mehr: „In Bogogrant sind militärische Forschungen verpönt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie und Ihre Schwester diese Einstellung maßgeblich unterstützt haben.“

Statt einer Antwort griff Orhalura in eine Tasche ihres Gewands, holte den Mon’ghal hervor und setzte ihn auf die Schreibtischplatte. Cradok sah ihn stirnrunzelnd an: „Was soll das?“

„Das ist mein Freund Xilu“, lächelte die ehemalige Rektorin von Bogogrant.

Der Leiter des Monasteriums schaute sie bestürzt an: „Sind Sie – beeinflusst?“

Orhalura fixierte ihn ohne etwas zu entgegnen. Da dämmerte Cradok langsam die Erkenntnis: „Er hat den jungen Priester beeinflusst – und mich auch.“ Zornig sprang der Rektor von seinem Stuhl hoch und holte zu einem Faustschlag aus. Aber Orhalura, die damit gerechnet hatte, war noch schneller. In ihrer Hand lag plötzlich ein zierlicher Stiftlader, genau auf Cradoks Brust gerichtet.

„Denken Sie nicht einmal daran“, drohte sie leise. „Er könnte Sie jetzt auch beeinflussen. Also setzen Sie sich hin und hören Sie mir zu!“

Langsam ließ sich Cradok in seinen Stuhl zurücksinken: „Was Sie da tun ist nicht nur widerwärtig und verboten, es ist auch unsagbar gefährlich.“

„Letzteres bringen militärische Forschungen so mit sich“, erwiderte Orhalura leichthin. „Aber es gibt kein Verbot. Warum sollte es nicht widerwärtig sein, dass die obesische Bevölkerung von Mon‘ghalen beeinflusst wird, wohl aber ihre Feinde?“

„Wir sind keine Feinde der obesischen Bevölkerung!“, brauste Cradok auf.

„Das habe ich ja auch nicht gesagt“, stellte Orhalura klar. „Überlegen Sie doch mal: Mon’ghale können Priester des Wissens normalerweise nicht beeinflussen. Wenn dieser Mon’ghal aber uns beeinflussen kann, müsste er in der Lage sein, beispielsweise auch Eisgrafen zu beeinflussen.“

„Das ist eine Hypothese, die durch nichts zu belegen ist“, beanstandete der Rektor mit einem angewiderten Blick zu dem Mon’ghal.

„Noch nicht. Außer mit logischen Überlegungen. Warum, glauben Sie, habe ich das Monasterium von Bogogrant verlassen?“, hielt Orhalura ihm vor. „Entscheiden Sie sich, ob Sie an meinen Forschungen interessiert sind.“

Lauernd sah sie ihn an, während er überlegte. Das regierende Kollektiv war von Mon’ghalen beeinflusst. Wenn er eine solche Gelegenheit, Obesien zu alter Stärke zurückzuführen, ungenutzt verstreichen ließe, würde man ihn dafür zur Verantwortung ziehen. Die anderen Monasterien standen völlig außerhalb des obesischen Machtgefüges. Für Dunculbur galt dies nicht.

Wortlos stand Cradok auf, ging zu einem kleinen Wandschrank, holte einen Schlüssel heraus und reichte ihn Orhalura: „Zimmer zwei/vier. Das ist in diesem Geschoß, nur drei Zimmer weiter.“

Orhalura wäre es lieber gewesen, wenn sie ein Zimmer im Kellergeschoß bekommen hätte, in der Nähe des ehemaligen Geheimzimmers von Qaromar. Aber sie wusste, dass das nach der Konvention nicht möglich war. Als Mitglied des Inneren Zirkels musste sie standesgemäß untergebracht werden. Diese Regel galt sogar in Dunculbur. Drei Zimmer von den Räumlichkeiten des Rektors entfernt lag ohnehin schon an der Grenze zur Beleidigung. Allerdings nur, wenn man den Mon’ghal außer Betracht ließ.

Auf welch dünnem und gefährlichem Eis Orhalura sich bewegte, war nur ihr selbst und ihrer Zwillingsschwester bekannt. Cradok ging selbstverständlich davon aus, dass der Mon’ghal ihn beeinflusst hatte. Wie hätte er die Wahrheit auch ahnen sollen? Aber was würde geschehen, wenn Xilu das Spiel durchschaute? Auch der Mon‘ghal glaubte, dass er den Anweisungen Orhaluras entsprechend die Priester des Wissens beeinflusste. Das jedoch war eine Täuschung. Xilu stellte nur das Medium dar, das die Zwillingsschwestern benötigten, um die anderen Priester unmittelbar zu beeinflussen. Orhalura war eine Spiritantin. 

 

*

 

Schweren Herzens hatte Teralura eingesehen, dass sie zurückbleiben musste. Der Auftrag war zu wichtig als dass die Leben der Schwestern gleichzeitig gefährdet werden durften. Nachdem Orhalura die Münze geworfen hatte, akzeptierte Teralura zähneknirschend ihre Niederlage. Das Staatswappen auf der Oberseite bedeutete, dass sie warten musste, während ihre Schwester versuchen würde, den Dunstein aus Dunculbur zu entwenden.

Mit jedem Tag fiel es ihr schwerer, dem Monasterium fernzubleiben und nichts über das Befinden Orhaluras in Erfahrung bringen zu können. Verzweifelt suchte sie in Gedanken nach einer Möglichkeit, dies zu ändern.

Fünf Tage später tauchte diese Möglichkeit in Gestalt eines einsamen Reiters auf. Hoch über seinem Kopf kreiste ein grauer Vogel. Teralura erfasste mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten sofort, dass es zwischen dem Reiter und dem Vogel eine Verbindung gab. Als sich der Reiter ihrem Standort bis auf dreißig Meter genähert hatte, trat sie auf den sandigen Weg und hob die Arme zum Zeichen dafür, dass sie nichts Böses im Schilde führte. Der Mann ritt unbeirrt weiter. Die blauen Augen des gebürtigen Mithriers strahlten in einem sympathischen, jungenhaften Gesicht. Teralura spürte sofort, dass diesen Mann eine Aura des Besonderen umgab. 

Er hielt sein Ross unmittelbar vor ihr an und lächelte: „Eine Priesterin ganz allein in der Wüste?“

Teralura lächelte zurück: „Ein Mann des Nordens in Begleitung eines Papageis: Das scheint mir nicht minder bemerkenswert.“

„Ihr habt eine scharfe Beobachtungsgabe. Oder steckt da mehr dahinter?“, fragte der Mann unverblümt.

„Das werde ich Euch verraten, wenn Ihr mir einen Gefallen tut, Mann des Nordens“, erwiderte die Priesterin. „Oder habt Ihr einen Namen?“

„Ich bin in einer wichtigen Mission unterwegs, die es nicht zulässt, dass ich Euch meinen Namen nenne, so gerne ich das auch täte“, erwiderte der Nordmann. „Aber welchen Gefallen kann ich Euch erweisen?“

„Zwei Wegstunden entfernt von hier liegt das Monasterium von Dunculbur. Von der nächsten Anhöhe aus könnt Ihr es schon sehen“, erklärte Teralura. „Dort weilt meine Zwillingsschwester, die ebenfalls in einer geheimen Mission unterwegs ist. Glaubt Ihr, Euer grauer Freund könnte ihr eine Nachricht von mir überbringen und mir anschließend mitteilen, ob es ihr gut geht?“ Der freundliche Nordmann erklärte sich hierzu sofort bereit. Auf diese Weise erfuhr Teralura, dass ihre Schwester noch nicht die Gelegenheit gefunden hatte, den Auftrag Roxolays auszuführen, aber dies während der kommenden drei Tage zu tun gedachte.

Eine Stunde nachdem der hilfsbereite Mithrier seine Reise in Richtung Bogogrant fortgesetzt hatte, erschien eine große Reiterin mit hellgrauer Haut und langen, weißen Haaren auf der Heeresstraße. Sie ritt in die gleiche Richtung wie der Nordmann. Teralura blieb in ihrem Versteck als sie spürte, dass diese Frau keine Aura der Freundlichkeit umgab. Sie strahlte Rachsucht aus und Mordlust.





Kapitel 4 – Sonnenstrahlen und dunkle Wolken


 

Aufgrund seiner überragenden strategischen Befähigung war Crescal zum kommandierenden Ducentron von Tirestunom aufgestiegen. Tirestunom lag im äußersten Nordwesten Obesiens und galt als vorgeschobene Bastion gegen den Norden. Seit Surdyrien den Obesiern durch Baron Schaddoch entrissen worden war, erlebte die strategische Bedeutung Tirestunoms einen erheblichen Aufschwung. 

Bis zu seinem Unfall während der militärischen Ausbildung wurde Crescal von seinen Vorgesetzten kaum beachtet. Dann traf ihn während einer nächtlichen Übung ein verirrter Stahlbolzen aus einem Stiftlader am Kopf. Dass er überhaupt überlebt hatte, kam einem Wunder gleich. Nach seiner Genesung trat seine besondere Begabung erstmals zutage, und sein steiler Aufstieg begann. Die Verletzung der linken Gehirnhälfte führte aber gleichermaßen zu einer schwerwiegenden Wesensveränderung. Dieser Umstand war in seiner gesamten Tragweite sogar dem Mon’ghal verborgen geblieben, dem die Aufgabe zukam, Crescal zu lenken.

Der Ducentron empfing seine beiden Gäste auf der Terrasse, die um den quadratischen Hauptturm knapp unterhalb des höchsten Punktes verlief und eine Rundumsicht auf die weitläufige Festungsanlage ermöglichte. Bei klarem Wetter konnte man sogar bis zur Surdyrischen Tiefebene sehen. An diesem Tag herrschte jedoch zeitweise feiner Nieselregen, und ein diesiger Schleier verhinderte die grandiose Weitsicht. Die Flagge mit dem Wolf von Tirestunom, dem Wahrzeichen des sechsten und kleinsten der obesischen Heere, flatterte knatternd über dem Turm in einer steifen Brise, die vom Norden her auffrischte. 

Der braune Mantel Crescals mit dem Emblem des Wolfs und den Rangabzeichen eines Ducentrons umwehte die Gestalt des Kommandanten als er schnellen Schrittes auf seine Besucher zuging, die ihn am Eingang zur Terrasse erwarteten. Einer der Männer trug ebenfalls einen langen, braunen Mantel, allerdings mit dem Symbol des Adlers, dem Wappentier der Äußeren Armee. Obwohl Asiligan in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Äußeren Armee dem Kriegsrat von Obesien angehörte, betrachtete Crescal ihn als die tragischste Gestalt in den Entwicklungen der letzten Jahre. Der Milesion war sein Vorgesetzter und Vorgänger als Oberbefehlshaber des Heeres von Tirestunom gewesen, ehe das Kollektiv ihn zum Nachfolger des in Mithrien ums Leben gekommenen Befehlshabers des Geheimstützpunkts von Doront ernannt hatte. Innerhalb kürzester Zeit wurde dann jedoch die Äußere Armee sowohl aus Mithrien als auch aus Surdyrien vertrieben. Nun saß Asiligan als Oberbefehlshaber eines Heeres, das keine Aufgaben mehr hatte, tatenlos in der Hauptstadt Modonos herum. 

Der andere Mann trug eine schlichte Lederkombination mit der Ziffer 3 an der Brust. Es handelte sich um Ares-3, eines der sieben Mitglieder des regierenden Kollektivs. Dies veranlasste Crescal sofort zu der Annahme, dass Asiligan wieder in seine frühere Stellung als Befehlshaber von Tirestunom eingesetzt werden sollte. Selbst diese Annahme vermochte den Ducentron jedoch nicht in geringster Weise zu verunsichern.

„Ich begrüße Sie, Ares-3 und Milesion Asiligan“, sagte er mit fester und freundlicher Stimme. „Seien Sie willkommen in Tirestunom.“ Und mit einem Lächeln fügte er an Asiligan gewandt hinzu: „Fühlen Sie sich wieder wie zuhause.“

„Das ist nur ein Kurzbesuch, verehrter Ducentron“, stellte Asiligan klar und zerstreute damit Crescals Bedenken. „Ich habe darauf bestanden, dass ich als Mitglied des Kriegsrats an diesem Besuch teilnehmen durfte, dessen Anlass Ihnen Ares-3 nun gleich verraten wird.“

Ares-3 setzte ein feierliches Gesicht auf und reichte Crescal die Hand: „Ich bedanke mich für den freundlichen Empfang. Ich habe die Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kollektiv und der Kriegsrat von Obesien beschlossen haben, Sie zum Milesion der Sechsten Armee zu ernennen.“

Damit hatte Crescal eigentlich gerechnet bevor er Asiligan gesehen hatte. Er versuchte, Überraschung zu heucheln, aber seine Reaktion ging unter in den überschwänglichen Glückwünschen des Befehlshabers der Äußeren Armee, der ihn seit ihrer gemeinsamen Tätigkeit in Tirestunom ins Herz geschlossen hatte. Nachdem die allseitige Freude etwas abgeklungen war, sagte Crescal: „Ich bin überaus glücklich und bedanke mich für diesen außerordentlichen Vertrauensbeweis. Aber, wenn Sie erlauben, möchte ich Ihnen zuvor einen Vorschlag unterbreiten.“

Da kam es wieder durch! Die von den Mon’ghalen aufrechterhaltene Ordnung beruhte auf Unterwürfigkeit, striktem Gehorsam und Selbstaufopferung. Sie kontrollierten die Denkabläufe der Obesier bis in den letzten Gehirnwinkel. Wieso war es nur möglich, dass Crescal in einer solchen Situation Eigeninitiative entwickeln konnte? Ares-3 und Asiligan sahen sich ratlos an.

Der Ducentron schien dies nicht zu bemerken und fuhr ungerührt fort: „Wenigstens die Verleihung einer militärischen Position, die die automatische Mitgliedschaft im Kriegsrat mit sich bringt, sollte von einer Großtat abhängig gemacht werden, mit der der Bewerber sich eine solche Ehre selbst verdient.“

Nun trat eine längere Pause ein. Schließlich fragte Ares-3: „Und welche Großtat wollen Sie vollbringen, verehrter Ducentron?“

Crescal deutete entschlossen in Richtung der Surdyrischen Tiefebene: „Ich werde Baron Schaddoch töten.“

Asiligan machte eine abwehrende Handbewegung: „Daran sind schon viele gescheitert als die Umstände noch ungleich günstiger waren.“

Der Ducentron ließ jedoch den Einwand nicht gelten: „Bei denen handelte es sich um angehende Leichen und nicht um einen angehenden Milesion.“

Ehe Asiligan weitere Bedenken vortragen konnte, packte Ares-3 ihn am Arm und sagte zu Crescal gewandt: „Versuchen Sie Ihr Glück! Das Kollektiv erwartet Sie in Modonos, sobald Sie bereit sind, Ihre Ernennung zum Milesion anzunehmen.“

Er drehte sich um und zog Asiligan hinter sich her. Stumm und mit schnellen Schritten eilten sie die Wendeltreppe des Turms hinab. Auf einem der Treppenabsätze blieb Ares-3 stehen.

„Dieser Mann steht nicht vollständig unter unserer Kontrolle“, stellte er fest.

Asiligan nickte: „Das mag sein. Aber Crescal ist dennoch ein treuer Soldat und ein erstklassiger Stratege. Durch unsere letzten Niederlagen ist Tirestunom wichtiger denn je. Vielleicht ist er genau der Mann, den wir jetzt brauchen. Denken Sie nur: Wenn wir in den Schlüsselpositionen Leute wie ihn gehabt hätten, die in der Lage gewesen wären, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und eigenständig zu bekämpfen, wäre es zu diesen Niederlagen möglicherweise nicht gekommen. Wir verlassen uns viel zu sehr auf die Priester des Wissens, die nur ihre eigenen Ziele verfolgen, und die wir überhaupt nicht kontrollieren können!“

Ares-3 war nicht überzeugt: „Solche tollkühnen Unternehmungen bringen nichts. Sie werden sehen, dass er scheitert. Und falls er tatsächlich lebend zurückkommt, glaube ich, dass die Mehrheit des Kollektivs die Sache genauso sieht wie ich: Es wäre der Anfang vom Ende, wenn wir zulassen würden, dass sich normale Obesier ganz oder auch nur teilweise unserer Kontrolle entziehen. Ich befürchte, wir werden ihn beseitigen müssen, falls er wider Erwarten in Surdyrien Erfolg hat.“

Ares-3 beging einen Denkfehler. Der Anfang vom Ende hatte bereits begonnen. Und das Kollektiv hatte nichts dagegen unternommen.

 

*

 

Bei Nacht und Nebel überschritt Crescal die Grenze nach Surdyrien. In seiner Begleitung befanden sich lediglich ein Centron und zwei erfahrene, ehemalige Soldaten der Äußeren Armee, die ihm von Asiligan empfohlen worden waren. Verkleidet als Händler aus Lumbur-Seyth reisten sie auf der belebten Handelsstraße von Bondras nach Dirtos durch die Surdyrische Tiefebene.

Dirtos war die Hauptstadt Surdyriens seit ein Jahrhundert zuvor die größte Stadt des Kontinents, Lumbur-Seyth, ihre Unabhängigkeit erklärt hatte und nunmehr einen eigenen Stadtstaat an der Mündung des Lumbur-Stroms ins Westmeer bildete. Zwischen Surdyrien und Lumbur-Seyth bestanden jedoch nach wie vor enge Beziehungen. Baron Schaddoch, der vom surdyrischen Volk gewählte Übergangsregent, war der letzte Spross des ehemaligen Königsgeschlechts von Surdyrien und Lumbur-Seyth. Während der Fremdherrschaft der Obesier hatte er sich nach der Ermordung seiner Familie im Untergrund verborgen bevor er zum unangefochtenen König der Unterwelt aufstieg. Mit Hilfe der Eisgräfin Octora, der jetzigen Königin von Zogh, war es ihm während des kontinentalen Krieges gelungen, die Obesier aus Surdyrien zu vertreiben. Er residierte in der ehemaligen Präfektur von Dirtos und hatte vom Volk den Auftrag erhalten, eine Verfassung auszuarbeiten und die Verwaltung des Landes neu zu ordnen. Sein Hass auf die ehemaligen Besatzer schien jedoch ungebrochen.

„Ich halte es nach wie vor für viel zu gewagt, dass Sie sich als künftiges Mitglied des Kriegsrats in diese Gefahr begeben.“ Der Centron Mesitaz hatte wieder einmal sein Lieblingsthema aufgegriffen. „Man sagt, Schaddoch könne Obesier riechen, und noch nie habe einer überlebt, der ihn zu Gesicht bekommen hat.“

Crescal spielte gelangweilt mit einem Aststück in den glühenden Überresten des Lagerfeuers. „Tun Sie mir den Gefallen und vergessen Sie jetzt endlich Ihre Bedenken“, verlangte er sichtlich genervt. „Oder glauben Sie etwa, ich würde jetzt noch zurückweichen?“

Resigniert schaute Mesitaz in die Glut. Die beiden anderen Mitglieder des Todeskommandos hatten sich bereits in ihre Decken gewickelt und neben dem niedergebrannten Feuer ausgestreckt.

Mesitaz entschloss sich, das Thema nochmals von einer anderen Seite anzupacken: „Was gewinnen wir, wenn Schaddoch tot ist?“

Crescal funkelte ihn wütend an: „Sind Sie wirklich derart naiv, dass Sie das nicht verstehen? Schaddoch ist die Integrationsfigur des gesamten Landes. Ohne ihn wird in Surdyrien ein Chaos ausbrechen. Oder warum glauben Sie, dass Asiligan diese Mission erlaubt hat? Sie gibt seiner Äußeren Armee die Existenzberechtigung zurück.“

Nun schwieg Mesitaz. Etwas versöhnlicher erklärte der Ducentron: „Ich weiß, dass Sie sich um mich Sorgen machen. Aber vertrauen Sie darauf: Ich werde diese Mission überleben. Und das wird nicht zu Ihrem Schaden sein.“ Mit einer entschiedenen Geste wischte er alle weiteren Bedenken beiseite und beendete die Diskussion. Er wickelte sich nun ebenfalls in seine Decke und bereits wenig später kündeten tiefe Atemzüge von einem offenbar tiefen Schlaf.

Mesitaz übernahm absprachegemäß die erste Wache. Ein fahler Lichtschimmer im Westen, der sich gegen die stockdunkle Nacht behauptete, verriet, dass die Hauptstadt keine Tagesreise mehr entfernt lag. 

Entgegen dem äußeren Anschein schlief Crescal aber nicht. Zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Die Zeit lief ihm davon. Bewusst hatte er an den beiden Vortagen mehrmals Reiseproviant bei fliegenden Händlern am Wegesrand eingekauft. Wenn wenigstens einer davon nur halbwegs aufmerksam gewesen wäre, hätten ihm die braunen Augen des Ducentron, die seine obesische Herkunft verrieten, auffallen müssen.

Crescal ging davon aus, dass es ihm niemals gelingen würde, als freier Mann auch nur in die Nähe des Barons zu gelangen. Allerdings spielte er tatsächlich ein gewagtes Spiel. Auch als Gefangener waren seine Überlebenschancen eher als gering einzustufen. Alles hing letztendlich von seiner Geistesgegenwart ab. Zwei Stunden später musste der Ducentron tatsächlich seiner Müdigkeit Tribut zollen. An den beiden Vortagen hatte er sich bis in die frühen Morgenstunden wachgehalten. Am entscheidenden Tag gelang ihm dies nicht.

Das fahle Licht der fernen Stadt war immer schwächer geworden und schließlich vollständig erloschen. Dafür kündigte sich die in Kürze aufgehende Sonne mit einem matten, roten Leuchten am östlichen Horizont an. Crescal erwachte durch ein dumpfes Geräusch. Er wollte in die Höhe fahren als er neben sich das verzerrte Gesicht eines seiner Begleiter gewahrte. Noch bevor der Ducentron die beabsichtigte Bewegung ausführen konnte, hatten sich zwei Männer auf ihn geworfen und seinen Dolch aus dem Gürtel gerissen.

„Ich ergebe mich!“, schrie Crescal und blieb bewegungslos liegen. Die beiden Männer hielten ihn an den Armen fest, während ein Dritter hinzutrat. Crescal erkannte die Rangabzeichen eines Cinquons. Noch immer hatten die Surdyrier also seit der obesischen Besatzungszeit an der übernommenen Militärhierarchie nichts verändert.

„Mein Name ist Crescal“, stieß der Obesier hervor. „Ich bin der kommandierende Ducentron von Tirestunom und möchte zu Baron Schaddoch. Bitte lassen Sie meine Männer am Leben!“

„Ich glaube eher, Sie sind ein Lügner“, gab der surdyrische Cinquon zurück. „Aber wie dem auch sei: Einen Besuch bei Baron Schaddoch hat noch kein Obesier überlebt. Sie sollten vielleicht über Ihren Wunsch noch einmal nachdenken.“ Der Surdyrier grinste breit. Aber Crescal erwiderte mit unumstößlicher Entschlossenheit: „Baron Schaddoch soll entscheiden, ob ich ein Lügner bin. Ich habe eine sehr wichtige Nachricht für ihn. Und dafür nehme ich jedes Risiko auf mich.“

Der Obesier hielt den Surdyriern bereitwillig seine Hände hin, damit sie ihn fesseln konnten. Ein rascher Blick zeigte ihm, dass seine Gefährten bereits zu einem Ochsenkarren abtransportiert wurden. Einer von ihnen war bewusstlos oder tot, die beiden anderen gefesselt. Mesitaz blutete aus einer klaffenden Wunde an der Stirn und stolperte mehr als er lief. 

Das surdyrische Überfallkommando bestand aus annähernd zwanzig Soldaten. Die restliche Wegstrecke nach Dirtos verbrachte Crescal an diesem Tag gefesselt in einem vergitterten Fuhrwerk. Was mit seinen Begleitern weiter geschah, konnte er nicht erkennen.

 

*

 

Er hatte es also geschafft. In einem elegant eingerichteten Raum der ehemaligen Residenz von Dirtos stand Crescal Baron Schaddoch gegenüber.

Wer den gutaussehenden, jungen Mann mit seinem sorgsam gepflegten, gewellten Haar sah, konnte sich nur schwer vorstellen, dass er eine Karriere als Verbrecherkönig hinter sich hatte und von den Obesiern, die ihn früher das „Phantom“ genannt hatten, nun als „die reißende Bestie von Surdyrien“ bezeichnet wurde.

Schaddoch hatte Crescal die Fesseln für diese Unterredung abnehmen lassen.

Der Ducentron wusste dennoch, dass er trotz seiner langjährigen Kampferfahrung dem Baron hoffnungslos unterlegen war. Und dann standen da zusätzlich noch die beiden schmalen, hochgewachsenen Männer mit ihren gebogenen Nasen und unheilvoll glitzernden, schwarzen Augen im Hintergrund des Zimmers. Crescal zweifelte nicht daran, dass es sich um Pylax handelte, jene sagenhaften sindrischen Krieger, die aufgrund ihrer übermenschlichen Schnelligkeit mit einer ganzen Armee fertigwerden konnten.

Nicht viel weniger beeindruckend wirkte der hünenhafte Mann mit dem vernarbten Gesicht und dem verbeulten Spitzhut, den der Baron als seinen „Blutwolf“ vorgestellt und sich dabei über das Wappentier des Heeres von Tirestunom lustig gemacht hatte. 

Schaddoch ging es bei diesem Gespräch jedoch nicht darum, den Gefangenen in Furcht und Schrecken zu versetzen. Wenn er wichtige Unterredungen führte, legte er großen Wert auf eine zweite Meinung und zog deshalb zumeist einen seiner Vertrauten hinzu. Hätte Crescal diese Gepflogenheit gekannt, wäre ihm schon zu Beginn des Gesprächs bewusst gewesen, dass der Baron es für wichtig hielt.

„Sie behaupten also, der kommandierende Ducentron von Tirestunom zu sein?“, stellte Schaddoch den Obesier zur Rede.

„Ich behaupte das nicht nur, ich bin es“, gab Crescal selbstbewusst zurück. „Und das Kollektiv hat mir sogar angeboten, mich zum Milesion zu ernennen. Aber das habe ich abgelehnt mit der Begründung, dass ich zuerst eine Heldentat vollbringen will.“

Der Baron starrte ihn ungläubig an: „Eine Heldentat?“

„Tja …“, lächelte der Ducentron. „Denen habe ich gesagt, dass ich Sie umbringen werde. Aber in Wirklichkeit werde ich Obesien befreien.“

Noch nie zuvor hatte Shrogotekh, der „Blutwolf“, seinen langjährigen Weggefährten derart fassungslos gesehen. Schaddoch rang um Worte, fand aber keine. Stattdessen griff der Obesier auffällig langsam in seine Brusttasche und förderte mit zwei Fingern einen Mon’ghal zutage. Er hielt ihn in die Höhe, sodass jeder der Anwesenden das Tier sehen konnte.

„Das ist die Plage, von der ich Obesien zu befreien gedenke“, verkündete Crescal, warf den zappelnden Mon’ghal zu Boden und zertrat ihn mit seinem Stiefelabsatz. 

Eine atemlose Stille kehrte ein, die erst nach einer ganzen Weile von Baron Schaddochs Worten durchbrochen wurde: „Setzen Sie sich!“

Gehorsam ließ sich Crescal an dem quadratischen Wurzelholztisch nieder. Schaddoch setzte sich ihm gegenüber. Shrogotekh blieb stehen. Er hielt es nun zum ersten Mal nicht mehr für unmöglich, dass der seltsame Gefangene der erste Obesier sein könnte, der eine Begegnung mit Schaddoch lebend überstehen würde.

„Wieso konnte der Mon’ghal Sie nicht beeinflussen?“, wollte der Baron wissen.

„Ich habe bei einer Militärübung eine Hirnverletzung erlitten“, erklärte der Ducentron. „Das hat mir zu der Erkenntnis verholfen, dass wir ein versklavtes Volk sind. Auch wenn Sie viele meiner Landsleute getötet haben: Für mich sind Sie ein Held. Sie haben Ihrem Volk die Freiheit gegeben, und das Gleiche möchte ich für mein Volk tun. Dafür brauche ich Ihre Hilfe.“

Schaddoch kaute auf seiner Unterlippe. Ein Bündnis mit einem Obesier? Vor wenigen Minuten noch wäre das für ihn schlichtweg unvorstellbar gewesen. Nach dem Mord an seiner Familie hatte er jahrelang mit Inbrunst die Rolle des unbeugsamen Rächers gelebt. Aber nun schien der staatsmännische Weitblick gefordert zu sein, der ihm in die Wiege gelegt worden war. Ging die latente Kriegsgefahr nicht auf die letztlich von den Mon’ghalen vorangetriebene Ausdehnungspolitik Obesiens zurück? Musste nicht befürchtet werden, dass die Mon’ghale irgendwann auch Surdyrien überschwemmen würden? Bislang war dies wohl allein deshalb noch nicht geschehen, weil ihre Zahl nicht reichte, um zusätzlich die gesamte Bevölkerung eines weiteren Landes zu versklaven. 

Das Misstrauen gegen alles, was aus Obesien kam, war bei Baron Schaddoch tief verwurzelt. Daher fragte er: „Welche Garantien könnten Sie mir geben, falls ich Sie unterstütze?“

Crescal hatte diese Frage erwartet. „Ich habe eine Frau und zwei Töchter, die ich in Sicherheit bringen muss, ehe ich mein Vorhaben umsetze. Sie könnten sie schützen“, bot er an. „Damit hätten Sie mich völlig in der Hand. Zudem wäre ich bereit, Ihnen auch noch eine tödliche Waffe zur Bekämpfung der Mon’ghale in die Hand zu geben.“

Schaddoch dachte lange nach. Schließlich warf er dem „Blutwolf“ einen hilfesuchenden Blick zu. Der wog leicht den Kopf hin und her bevor er dann fast unmerklich nickte. Das gab den Ausschlag. Schaddoch ging zögernd um den Tisch und hielt zum ersten Mal in seinem Leben einem Obesier die Hand hin: „Wir haben eine Vereinbarung.“

Crescal erhob sich und drückte die Hand des Surdyriers: „Sie werden das nicht bereuen, Baron Schaddoch. Ich hätte nur noch eine bescheidene Bitte.“

Schaddoch sah ihn misstrauisch an: „Welche?“

Crescal lächelte: „Lassen Sie meine Begleiter unversehrt nach Obesien zurückkehren. Ich brauche sie dort dringend. Aber ohne die Mon’ghale.“

 

*

 

Wie eine Schlange glitt sie zum Rand des Gebüschs, das die kleine Lichtung auf zwei Seiten umgab. Auch wenn sie Geräusche verursacht hätte, wären diese vom Plätschern und Gurgeln des kleinen Flusses übertönt worden, der Lokhrit seinen Namen gegeben hatte. Kleine Schaumkronen schmiegten sich zitternd an die großen Geröllbrocken, die der Lokh über Jahrtausende aus dem Mittelgebirge um Bogogrant abgeschwemmt hatte. Für dieses bescheidene Naturschauspiel hatte sie aber keinen Blick übrig. Ihre Aufmerksamkeit galt der reglosen Gestalt, die sich am gegenüberliegenden Waldrand für eine kurze Rast ausgestreckt hatte. Der Kopf des Mannes wurde durch einen Zipfel seiner Decke verhüllt. Irgendwie war sie froh, dass sie bei dem, was jetzt folgen würde, nicht in seine Augen sehen musste.

Mit erzwungener Ruhe brachte sie den tödlichen Stiftlader in Anschlag. Tief in ihrem Inneren tobte ein wütender Kampf zwischen dem Schwur der Rache und dem Schwur der Ehre. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich danach, diesen Mann zu töten. Aber da war auch dieses Versprechen, das sie einem ihr völlig fremden Wesen gegeben hatte. Sie konnte fast körperlich spüren, wie die gelben Augen in dem weißen Gesicht sie missbilligend ansahen. Und sie konnte den unausgesprochenen Vorwurf hören: Du bist verantwortlich für die Vernichtung allen Lebens auf diesem Kontinent.

Sie empfand als ob ihr Finger unter dieser Last der Verantwortung zerbrechen würde, sollte sie versuchen, ihn zu krümmen. Eine Träne lief über ihre Wange während sie den Stiftlader beiseitelegte. Den Abzug nicht zu betätigen bedeutete Verrat an ihrem toten Bruder. Dennoch zwang sie sich, aufzustehen und dem Mann gegenüberzutreten, der dort am Waldrand lag und friedlich zu schlafen schien.

„Eine kluge Entscheidung“, erklang es hinter ihr.

Tritoria fuhr herum. Da stand der Mann, den sie auf der anderen Seite der Lichtung wähnte, und den sie noch vor wenigen Augenblicken töten wollte. In seinen blauen Augen stand jedoch weder Vorwurf noch Triumph. Diese Augen wirkten viel älter als das Gesicht, in dem sie sich befanden. Aber als sie Tritoria bewusst wahrnahmen, ging eine seltsame Veränderung mit ihnen vor. 

Wäre Tritoria nicht selbst so überrascht gewesen, hätte sie hämische Worte für diesen Mann gefunden, der ihr so schlau eine Falle gestellt hatte, aber nun mit offenem Mund vor ihr stand. Für einige Augenblicke sah sich Unitor außerstande, einen vernünftigen Satz hervorzubringen. Der Papagei hatte ihn gewarnt, dass eine Frau ihn verfolgte. Aber auf das Äußere dieser Frau war er in keiner Weise vorbereitet gewesen. Da stand sie nun – eine große Frau mit hellgrauer Haut, leuchtend grauen Augen und langen, weißen Haaren. Mit ihren hohen Wangenknochen und den ebenmäßigen, strengen Zügen hätte sie fast ein Ebenbild der Königin von Zogh sein können. Sie war lediglich ein wenig jünger, geringfügig kleiner und etwas hellhäutiger als Octora.

„Wer bist du?“, fragte Unitor verblüfft.

„Ich bin Tritoria, eine Rächerin, die versagt hat“, antwortete die Frau niedergeschlagen mit belegter Stimme.

„Wieso hattest du die Absicht, mich zu töten. Ich kenne dich nicht einmal“, wunderte sich Unitor. Aber wie das Licht des gerade heraufziehenden Morgens dämmerte ihm die Erkenntnis, noch bevor Tritoria es aussprach: „Ich bin die Tochter des Herzogs der Höhlen, dessen Sohn wegen dir getötet wurde.“

Unitor biss sich auf die Lippe. Tritor war bei dem Versuch gestorben, ihn in Modonos aus den Händen der Obesier zu befreien. Genau wie Octora machte also jetzt auch Tritoria ihm den Vorwurf, dass er durch seine Ungeschicklichkeit diese Situation heraufbeschworen hatte.

Unitor senkte den Kopf: „Es tut mir leid, und ich kann dich verstehen. Warum hast du mich nicht getötet?“

Tritoria war nicht bereit, diese Frage zu beantworten. „Wie hast du mich bemerkt?“, fragte sie stattdessen.

Unitor zeigte in das Geäst eines dreißig Meter entfernten Baumes, wo ein großer, grauer Papagei mit einem weißen Ring auf der Brust saß: „Das ist Zilch, der Freund eines Freundes. Er zeigt mir den Weg und auch meine Feinde.“

„Den Weg nach Rukumor?“, fragte Tritoria

Unitor sah sie überrascht an: „Für eine Attentäterin weißt du erstaunlich viel über mich.“

Wiederum ging Tritoria auf die versteckte Frage nicht ein. „Ich werde dich nach Rukumor begleiten“, sagte sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Ich verspreche, dich nicht zu töten bis ich meine Aufgabe erledigt habe.“

„Was ist deine Aufgabe? Und weshalb sollte ich dir glauben?“, wollte Unitor wissen.

„Meine Aufgabe ist es, einen Mann namens Udontroth oder eine Frau namens Siridindar zu finden“, erwiderte Tritoria. „Die Antwort auf deine zweite Frage ist: Du hast das Wort einer Eisgräfin.“

 

*

 

Crandin fühlte sich in eines der Märchen versetzt, die ihm seine Mutter während seiner Kindheit oft vorgelesen hatte. Vor ihm wogte ein Meer aus Blumen, das bis zu dem fernen Berg reichte, auf dem sich die Zinnburg erhob. Und neben ihm lag Siridindar, unbekleidet in ihrer unwirklichen, jugendlichen Schönheit. Ihre glatte, weiße Haut und ihre ebenmäßigen Züge erinnerten ihn an eine Statue aus poliertem Alabaster. Aber sie war keineswegs so kalt wie Stein. Wenn sich ihre Körper vereinigten, ereignete sich weitaus mehr als eine leidenschaftliche Ekstase. Ein Teil seiner besonderen Wesenheit schien in sie einzufließen, und Lebensenergie schien aus ihrem Körper in den seinen zu strömen. 

Siridindar musste seine Gedanken erraten haben. „Das ist das Geheimnis der Liebenden“, hauchte sie. „Es ist ein Geben und Nehmen. Die Liebe macht uns immer ähnlicher.“

Unwillkürlich blickte er an sich herab. Sofort erscholl ein glockenhelles Lachen, das bis in die letzen Winkel seines Kopfes hallte. „Das wird sich nicht verändern!“ Crandin lief rot an, obwohl er nicht sicher war, ob sie die Worte wirklich gesprochen hatte, oder ob sie nur in seinem Geist erklangen.

„Aber zieh dich jetzt an! Wir müssen den letzten Teil unseres Weges zurücklegen.“ Diese Worte hatte sie wirklich ausgesprochen. Und es lag eine seltsame Betonung auf dem „letzten Teil“. Die gelben Augen glitzerten hart, aber das konnte und wollte Crandin nicht sehen.

Langsam stand er auf und zog seine Hose und sein Leinenhemd an. Er streifte den Überwurf mit dem weißen Kreis über den Kopf und verknotete das Tegkhra-Seil um seine Hüfte, während auch Siridindar zu seinem Leidwesen ihre Kleider wieder anlegte. Anschließend gingen sie Seite an Seite quer über die ausgedehnte Blumenwiese bis zum Fuß des Berges Zwobulak. Im Vergleich zu den großen Burgen des Nordens und den weitläufigen Festungsanlagen der Obesier wirkte die Zinnburg eher klein und bescheiden, aber mit ihren vielen Erkern und Winkeln handwerklich beeindruckend.

„Die Burg hat ihren Namen nicht von den Zinnen, sondern von den Metallplatten, mit denen die Dächer eingedeckt sind“, erklärte Siridindar. „In Lokhrit regnet es häufig. Daher mussten die Menschen hier Mittel und Wege finden, um sich nachhaltig gegen Feuchtigkeit zu schützen. Qaromar hat die Burg vor vielen Jahren für den Geheimen Bund von Dunculbur gekauft. Die Besitzurkunde von Rukumor ist übrigens der einzige Beleg für die Existenz dieses Bundes auf dem gesamten Kontinent.“

Ein breiter Weg führte in einer langen Schleife sanft ansteigend zu der Zinnburg. Bereits in halber Höhe bot sich ein überwältigender Ausblick auf die exotische Insel. Je höher man kam, desto weiter wurde die Sicht bis man schließlich in der Ferne sogar die Gestade der Meere erkennen konnte.

Die Burg selbst machte einen unbewohnten Eindruck, gerade so als hätten die letzten Bewohner sie fluchtartig verlassen. Offenbar war niemand auf den Gedanken gekommen, sie in Besitz zu nehmen, obwohl das Tor weit offenstand. Es gab auch keine Anzeichen von Zerstörung. Trotz der einigermaßen verwilderten Außenanlagen wirkte alles seltsam ordentlich und aufgeräumt. Bei näherem Hinsehen erkannte Crandin, dass die Gebäude vor noch nicht allzu langer Zeit umgebaut worden waren. Schon das äußere Erscheinungsbild vermittelte den Eindruck, dass die Burg zuletzt eher zum Wohnen als zu Verteidigungszwecken diente.

Siridindar schritt zielsicher durch das geöffnete Tor zu dem zentralen Bauwerk, das den ursprünglichen Erbauern als Palas gedient haben mochte. Fünf weiße Marmorstufen, die hier eher wie ein Fremdkörper wirkten, ermöglichten den Zugang zu einer zweiflügeligen, mit Kupfer beschlagenen Tür, die ein seltsames Ornament auf dem rechten Türflügel zierte. Es handelte sich um ein Wirbelrad mit fünf goldenen Segmenten auf schwarzem Grund. Siridindar bemerkte Crandins neugierigen Blick.

„Das ist das Symbol des Geheimen Bundes von Dunculbur“, erklärte sie.

Crandin hatte sofort die Symbolik begriffen: „Welches der fünf Segmente bist du?“ Siridindar antwortete nicht. Sie zog stattdessen den unverschlossenen Türflügel mit dem Wirbelrad nach außen auf. Sodann betraten sie einen riesigen Saal mit etlichen langen Holztischen, an denen nach Crandins Schätzung sicherlich mehr als zweihundert Personen Platz finden konnten.

„Es scheint niemand hier zu sein“, wunderte sich der Priester des Wissens. „Aber es sieht nicht so aus, als sei die Burg schon lange verlassen.“

„Ich werde mich umsehen“, bestimmte Siridindar und deutete auf eine Tür an der Stirnseite des großen Raumes. „Dort hinten sind die Küche und eine Zisterne. Früher gab es hier einen Verwalter. Ich glaube nicht, dass sich daran etwas geändert hat. Ich werde versuchen, ihn zu finden. Die Anlage ist aber mit ihren Höfen und Gärten ziemlich unübersichtlich und weitläufig. Es wird wahrscheinlich längere Zeit dauern, bis ich zurückkomme. Du könntest uns eine kleine Mahlzeit zubereiten.“

Während sich Crandin zu der Tür an der Stirnseite begab, verließ Siridindar den Speisesaal über eine Seitentreppe, die auf eine umlaufende Galerie im oberen Drittel des hohen Raumes führte. Von der Galerie aus gelangte sie zu einem Durchgang, hinter dem eine Wendeltreppe eine Verbindung zu den tiefer gelegenen Geschoßen herstellte. Sie folgte dieser Treppe, die in einen dunklen, kühlen Korridor mündete. Nach wenigen Schritten begann ein erneuter Abstieg. Er endete an einer schweren Eisentür, die deutliche Verrostungen aufwies. Die Verriegelung ließ sich nicht mehr betätigen. Als Siridindar heftig zog, brach der Riegel aus der Verankerung. Daraufhin versetzte sie der Tür einen kräftigen Tritt, der sie aus den Angeln riss. Mit lautem Poltern schlug sie auf dem Boden auf. Eine Wolke von Staub stieg auf. Geschmeidig wie ein Panther hechtete die weißhäutige Frau über die Tür hinweg und stand bereits kurz darauf vor einer Vergitterung aus armdicken, eng nebeneinander in Boden und Decke eingelassenen Stahlstäben.

Siridindars Augen, die auch die in diesem Kellergeschoß herrschende Dunkelheit durchdringen konnten, erblickten hinter dem Gitter eine dürre Gestalt, die verkrümmt auf dem schmutzigen Boden lag. Mit äußerster Anstrengung stützte sich das Wesen auf seine dünnen Arme. Ihm misslang jedoch, sich aufzurichten, und so sackte es kraftlos wieder in sich zusammen. Zwei hohle, gelbliche Augen waren in einem völlig ausgemergelten Schädel auf Siridindar gerichtet.

„Eigentlich hatte ich beabsichtigt, dich hier verrotten zu lassen. Aber wahrscheinlich ist es besser, wenn du getötet wirst.“ Die mitleidlose Stimme der Frau mit den goldblonden Locken stand in krassem Gegensatz zu ihrem engelhaften Aussehen. Die auf dem Boden zusammengekauerte Gestalt gab nur heisere, unverständliche Laute von sich. Siridindar griff in ihr Gewand, zog ein kleines Säckchen hervor und warf es zwischen den Gitterstäben hindurch.

„Ich erwarte dich in unserer Turmkemenate“, kündigte sie an, drehte sich um und entfernte sich aus dem ungastlichen Verlies, während die ausgezehrte Gestalt sich auf das Säckchen stürzte wie ein Raubtier auf seine Beute.

Bei der Kemenate handelte es sich um ein behagliches Kaminzimmer in einem kleinen Turm, der nachträglich auf die südliche Ecke des Palas aufgesetzt worden war. Siridindar klopfte den Staub von einem der mit rotem Samt bezogenen Sessel und ließ sich darin nieder. Sie brauchte nicht lange zu warten. Bereits zehn Minuten später erschien ein schlanker Mann, der jedoch über ausgeprägte Muskeln verfügte. Er hatte ein zerschlissenes Gewand um seine Hüften gewickelt. Seine Haut strahlte blütenweiß wie die Siridindars, und auch seine lockigen Haare wiesen die gleiche goldgelbe Farbe auf wie die ihren.

„Wo ist unsere Tochter?“, war seine erste Frage.

Ärgerlich wischte Siridindar über die Tischplatte: „Das weiß ich nicht, Udontroth. Es gibt jetzt Wichtigeres. Qaromar ist tot. Hat er dich da unten eingeschlossen?“

„Ja, er hat mich überlistet“, bestätigte der Mann. „Warum bist du erst jetzt gekommen?“

„Weil er auch mich weggesperrt hat, wie alle anderen Gründer“, erwiderte Siridindar und erzählte in knappen Worten die Geschichte ihrer Befreiung durch Crandin.

Als sie geendet hatte, verlangte Udontroth kategorisch: „Du wirst den Priester des Wissens töten. Nachdem du ihn sowieso schon ausgesaugt hast, brauchen wir ihn nicht mehr.“

Siridindar grinste: „Du bist eifersüchtig. Aber es gibt kein „wir“ mehr. Der Priester war ein Spiritant. Ich musste seine Fähigkeiten ableiten, um mich selbst zu schützen. Dich habe ich befreit, obwohl ich glaube, dass das ein Fehler ist. Aber ich werde auf keinen Fall von dir Befehle entgegennehmen. Wenn du wirklich glaubst, dass er getötet werden muss, kannst du das ja selbst tun. Ich werde jedenfalls nicht mehr in die äußeren Abläufe eingreifen als dies unbedingt nötig ist. Ich halte es für gefährlich, den Bewacher des Ehernen Gesetzes durch völlig überflüssige Handlungen zu verärgern.“

„Was ist mit Murbolt und Virkagon?“, wollte Udontroth wissen.

„Qaromar hat sie ebenfalls eingesperrt. Er glaubt, sie hätten den Dunstein berührt. Wenn das stimmt, werden wir sie töten müssen“, meinte Siridindar.

Udontroth verzog das Gesicht zu einer hämischen Grimasse: „Es gibt kein „wir“ mehr. Wenn du wirklich glaubst, dass sie getötet werden müssen, kannst du das ja selbst tun. Ich habe wichtigere Dinge zu erledigen.“

Lügner, dachte Siridindar. Du fürchtest dich vor Virkagon. Aber auch sie hatte ihn belogen.

 

*

 

Die buschigen Augenbrauen und der mächtige, weiße Schnurrbart des Herzogs waren mit Eiskristallen verkrustet. Prandorak, der vorausreitende Herold, hielt das Banner der Höhlen krampfhaft mit seiner steifen Hand umklammert. Auf dem schmalen, abschüssigen Felspfad, der sich in engen Serpentinen an der Flanke des Dobross-Massivs hinabschlängelte, begann die letzte Teilstrecke der Schneise von Delamunth. Sie endete am Fuß des Aralt-Gebirges. Es war zugleich der gefährlichste Teil dieses Verbindungskorridors zwischen Mithrien und Zogh.

Neben der tiefen Schlucht des Dobross, einem schwindelerregenden Steilhang, verbreiterte sich der Pfad kurzzeitig. Zobirek lenkte sein Pferd neben das des Herzogs und bedeutete ihm, dass er mit ihm sprechen wollte. Gleichzeitig gab er Senzidon ein Zeichen, der daraufhin mit seinen dreißig Höhlen-Kriegern dem vorausreitenden Prandorak folgte.

„Ich hoffe, es geht nicht wieder um das leidige Thema“, grantelte der Herzog.

„Unsere Leute werden deinen Ritt zu Königin Octora als Zeichen der Unterwerfung deuten. Das verletzt ihren Stolz. WIR sind der Ursprung des Volkes“, hielt ihm Zobirek jedoch erneut vor. 

„Die Krieger der Hochebenen sind uns nicht nur zahlenmäßig überlegen“, entgegnete der Herzog. „Wir können nicht leugnen, dass die Königin mit ihren Heeren die stärkste Macht in Zogh darstellt. Wenn wir Stärke nach außen demonstrieren wollen, brauchen wir Einigkeit nach innen.“

„Aber Einigkeit unter deiner Führung“, beharrte Zobirek.

„Der Marschall von Sandammon und Sokul steht treu zu seiner Tochter“, wandte Torrgarath ein.

„Die Verhältnisse im Süden sind nicht so stabil wie sie scheinen“, gab Zobirek zu bedenken. „Es gibt führende Männer in der Armee des Marschalls, die seine bedingungslose Treue zu der Königin nicht teilen und erkannt haben, dass der Süden das Zünglein an der Waage ist. Auch ich will keinen Krieg mit Octora. Aber der weitaus größte Teil unseres Volkes lehnt es ab, von der Königin bevormundet zu werden. Und wir haben jetzt die einzigartige Gelegenheit, die Verhältnisse zu verändern.“

Der Herzog schüttelte den Kopf: „Es ist der falsche Zeitpunkt für eine solche Debatte. Die Königin ist verletzt. Wir können jetzt keinen Bruch im Gefüge der Völker riskieren. Wir brauchen stattdessen ein Zeichen der Versöhnung. Ich werde dieses Vorhaben zu Ende bringen.“

Zobirek biss grimmig die Zähne zusammen. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er lenkte nun sein Pferd wieder hinter das des Herzogs. Der steilste Teil des Abstiegs hatte begonnen; der Pfad war wieder eng geworden. Zur Linken der Krieger gähnte der Abgrund des Dobross. Auch ohne die Nebelfetzen, die aus der Tiefe langsam heraufstiegen, wäre die Talsohle nicht zu erkennen gewesen.

Plötzlich erklang der Ruf des vorausreitenden Standartenträgers: „Anhalten! Da vorne liegt ein Mann!“ 

Ein Fremder, kein Zogh, lag mit einer blutenden Kopfverletzung neben der Kante des Pfades.

„Zurückbleiben!“, rief Senzidon, sprang von seinem Pferd und quetschte sich zwischen Prandorak und der aufsteigenden Felswand zur Rechten hindurch, während er die doppelschneidige Axt aus dem Gürtel zog. „Das könnte eine Falle sein!“ Torrgarath zügelte ebenfalls sein Pferd. Für Zobirek war der Augenblick gekommen, in dem er eine weitreichende Entscheidung treffen musste. Vergeblich hatte er versucht, den Herzog von seinen Plänen zu überzeugen. Torrgarath hatte sich gegen ihn entschieden, also schien es jetzt nur folgerichtig, wenn er, Zobirek, sich gegen den Herzog und für sein Volk entschied. Dass der Herzog sterben musste, war bedauerlich, aber unvermeidbar. Eine günstigere Gelegenheit würde es auf dieser Reise nicht mehr geben.

Zobirek trieb sein Ross an und drängelte sich zwischen den Berg zur Rechten und den Herzog zur Linken, der dadurch noch mehr zu der abfallenden Steilwand hin weggedrängt wurde.

Zuerst glaubte Torrgarath, sein Neffe wolle nur an ihm vorbeireiten, um zu Senzidon zu gelangen. Als Zobirek stattdessen neben ihm blieb und den Druck gegen ihn verstärkte, erfasste der Herzog das Vorhaben seines Neffen. Aber da war es bereits zu spät.

Die Hufe des herzoglichen Schlachtrosses scharrten auf dem glatten Gestein und verloren schließlich den Halt.

„Zobirek!“ Ein verzweifelter Schrei, in den sich Wut und Enttäuschung mischten. Mitsamt seinem Hengst stürzte der Herzog der Höhlen in den Abgrund.

Die Begleiter des Herzogs fuhren herum und sahen erstarrt Ross und Reiter hinterher, die wild um sich schlagend rasend schnell in der Tiefe verschwanden. Senzidon nutzte diesen Augenblick und versetzte von allen anderen unbemerkt dem Fremden mit der Kopfverletzung einen heftigen Stoß, der ihn über die Kante des Felspfades hinweg ebenfalls in den Abgrund beförderte.

„Wir müssen den Herzog suchen!“, brüllte Zobirek, der anscheinend als Erster die Sprachlosigkeit angesichts des unfassbaren Geschehens überwunden hatte. 

Senzidon schwang sich wieder in den Sattel seines Pferdes. „Los jetzt!“, schrie er den immer noch völlig konsternierten Herold an. Daraufhin ritt Prandorak so schnell los wie dies der schmale, steile Abstieg zuließ. Die anderen Krieger folgten ihm. In der allgemeinen Verwirrung verschwendete keiner mehr einen Gedanken an den verschwundenen Fremden mit der Kopfverletzung.

„Wir brechen den vorgesehenen Ritt zur Königin nach Knoist ab. Wir müssen jetzt den Herzog suchen, auch wenn wir nicht die Hoffnung haben dürfen, ihn lebend zu bergen“, verkündete Zobirek. An einer Weggabelung befahl er Prandorak, zu den nahe gelegenen Höhlen des Srakado-Massivs zu reiten und mit einer Hundertschaft zum Dobross zurückzukehren, um den Gefolgsleuten des Herzogs bei der Suche nach der Leiche zu helfen.

Dann winkte er Senzidon heran und flüsterte ihm zu: „Nimm dir so viele Männer wie du brauchst und begib dich auf die Suche nach Ardenastra. Du weißt, was zu tun ist. Die Männer müssen absolut vertrauenswürdig sein.“ Senzidon nickte. Seine Hand glitt über die Schneide seiner Doppelaxt. Er wendete sein Pferd und ritt zurück in die Schneise von Delamunth. Dort wählte er sieben Männer aus und setzte mit ihnen den Abstieg fort. Zobirek übernahm die Spitze der verbliebenen Reiter. Sein Ziel war nun ein völlig anderes als beim Aufbruch.

 

*

 

Selazidang spielte geistesabwesend an dem von ihm selbst entwickelten Instrument herum, welches es erlaubte, den Lauf der mit bloßem Auge nicht sichtbaren Gestirne zu erkunden. Zum ersten Mal in seinem langen Leben hatte der hochangesehene Gelehrte aus Sindra einen Verrat verübt. Statt zu Roxolay nach Rabenstein hatte er sich zu der einzigartigen Burg des Fürsten zu Kerdaris begeben. Damit hinterging er den Mann, von dem er die Nachricht erhalten hatte, die seiner Einschätzung nach für das Überleben seines Schülers Yxistradojn von ausschlaggebender Bedeutung war. Er hatte diese Entscheidung sorgsam abgewogen und schließlich die Überzeugung gewonnen, dass in diesem Falle der Zweck ausnahmsweise die Mittel heiligte.

Jorgal, der Fürst zu Kerdaris, nahm bereitwillig und ohne Zögern den Astronom aus Sindra in seine Dienste. Jorgal hegte eine ausgeprägte Vorliebe für okkulte Wissenschaften. Und auch der wichtigste Mann an seiner Seite, der Pylax Kwoxit u Dengo, zeigte sich davon begeistert, einen Gelehrten aus seiner Heimat in Kerdaris zu wissen. Der Fürst vertraute inzwischen in vielen Dingen nahezu blind auf die Meinung des Pylax. Der freundlich aufgenommene Gast erwies sich zusehends als zuverlässiger und kaum überwindbarer Beschützer.

Er verfügte nicht nur über eine geradezu übernatürliche Schnelligkeit und Kampfkraft, sondern auch über eine strategische Genialität, die seit dreitausend Jahren als unübertroffen galt. Weder der Fürst noch sein Beschützer ahnten, dass der Gelehrte aus Sindra in Wahrheit in der Absicht gekommen war, das sorgsam gehütete Eidgewand zu entwenden.

In seinen Gedanken versunken bemerkte Selazidang nicht, dass der Fürst das Turmzimmer betreten hatte.

„Guten Abend, Herr Astronom“, durchbrachen die Worte Jorgals die Stille im Arbeitszimmer des Gelehrten.

Selazidangs Kopf zuckte hoch: „Guten Abend, Hoheit. Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?“

Der Fürst lächelte entschuldigend: „Ich wollte Euch nicht stören. Ihr hattet mich durch den Burgvogt um eine Unterredung gebeten.“

„Verzeiht die Vergesslichkeit eines alten Mannes“, entschuldigte sich Selazidang. Seine Verwirrung resultierte aus dem Umstand, dass Fürst Jorgal zu ihm gekommen war, anstatt ihn zu sich zu bestellen. Schnell fügte er hinzu: „Ihr habt mich tatsächlich überrascht. Ich hatte Euch hier nicht erwartet. Gestattet Ihr mir, dass ich eine Bitte ausspreche?“

„Aber natürlich“, gestand der Fürst bereitwillig zu.

„Die Wissbegier liegt in der Natur des Gelehrten“, erklärte Selazidang. „Ich habe viele alte Schriften meines Landes gelesen. In einer davon ist erwähnt, dass die Spur des Eidgewandes von Yacudac hierher nach Kerdaris führte. Wisst Ihr etwas darüber?“

Ein kurzes Aufblitzen in den Augen Jorgals zeigte Selazidang, dass der Fürst sehr wohl etwas wusste. Aber sein Schweigen zeigte, dass er dieses Wissen für sich behalten wollte.

 Nach einer längeren Pause sagte der Fürst: „Ich glaube, es steht mir nicht zu, mich über das zentrale Objekt zweier fremder Kulturen zu äußern. Bitte versteht das.“

Selazidang senkte demütig den Kopf. Mit einem aufmunternden Lächeln und Kopfnicken verließ der Fürst das Turmzimmer und begab sich auf direktem Weg zu Kwoxit u Dengo. Der Pylax stand gerade im Begriff, ein Feuer im großen Kamin des Tafelzimmers zu entzünden.

„Der Gelehrte aus Sindra hat nach dem Eidgewand gefragt“, berichtete Jorgal aufgeregt.

Sofort griff diese Erregung auf den Pylax über: „Was weiß er?“

„Er sagt, in einer alten sindrischen Schrift habe er gelesen, dass die Spur des Gewandes hierher führe“, fasste der Fürst zusammen.

Kwoxit u Dengo schüttelte den Kopf: „Das ist nicht möglich. Wenn das wahr wäre, hätten die Hochkönige oder die Pylax das Gewand längst gefunden. Habt Ihr ihm gesagt, wo es ist?“

„Selbstverständlich nicht“, erwiderte Jorgal leicht gekränkt.

„Wir sollten sofort danach sehen“, schlug der Pylax vor und überging damit die Verärgerung des Fürsten. Dieser nickte und ging voraus. Der Pylax folgte ihm durch mehrere Türme und über die sie verbindenden Brücken bis sie in dem Turm angekommen waren, der überwiegend für die Einlagerung von Waffen, Rüstungen und Kleidern genutzt wurde. Dort bestiegen sie die steile Treppe zu der kleinen Kammer, dem Aufbewahrungsort des Eidgewands. Jorgal zog einen großen Schlüssel aus der Seitentasche seiner langen Jacke, steckte ihn in das Schloss der schwarzen Holztür und dreht ihn mit beiden Händen. Quietschend und knarrend schwang die Tür nach innen auf und gab den Blick auf den einzigen Einrichtungsgegenstand des kleinen Zimmers frei: das einfache Holzkreuz, an dem das unscheinbare, graue Gewand hing. Beide Männer versanken kurzzeitig in die Betrachtung des dünnen, leicht irisierenden Gewebes, das seinen Träger unverwundbar machte und nicht einmal von Cirrha-Stahl durchdrungen werden konnte. Das Eidgewand von Yacudac.

Der Fürst war noch immer in die Betrachtung des sagenumwobenen Artefakts vertieft, als die viel schärferen Sinne des Pylax eine Luftbewegung wahrnahmen. Selbst wenn Jorgal die gleiche Wahrnehmung gehabt hätte, hätte er sie nicht einzuordnen vermocht. Kwoxit u Dengo wusste dagegen genau, worum es sich handelte. In seinen Augen zeichnete sich blankes Entsetzen ab, während er sich langsam umdrehte. Am Fuß der Treppe standen sieben Pylax, in ihrer Mitte Nulpir a Tomax, der Königliche Verweser von Yacudac.

 

*

  

Nachdem Jorgal das Arbeitszimmer des Gelehrten verlassen hatte, dachte Selazidang nicht im Geringsten daran, sich mit dessen ausweichender Antwort zufrieden zu geben. Unauffällig folgte er dem Fürsten und hielt sich dabei außer Sichtweite. Er hatte sich bereits zusammengereimt, dass Jorgal zum Tafelzimmer unterwegs war, um dort Kwoxit u Dengo zu treffen. Dahinter stand eine recht einfache Überlegung: Wäre er an der Stelle des Fürsten gewesen, hätte auch er den Pylax aufgesucht, weil es sich bei diesem um den Einzigen in Kerdaris handelte, der vielleicht aufgrund seiner Herkunft etwas über die alten Schriften von Sindra und die angebliche Erwähnung des Eidgewands wissen konnte. Der Gelehrte war sich auch fast sicher, dass die beiden nach ihrem Gespräch das Bedürfnis haben würden, das geheimnisvolle Artefakt aufzusuchen.

Die Bewohner der ehemaligen Tempelanlage, des jetzigen Fürstensitzes, hatten sich längst an den Anblick des merkwürdigen Astronomen aus Sindra gewöhnt: wie er versonnen in seinem nachtblauen Leinengewand durch die Türme und über die Brücken wandelte, mit dem langen Rohr in der Hand, das er häufig von wechselnden Standorten aus auf den Himmel richtete.

Obwohl Selazidang äußerst erregt war, bemühte er sich, den Anschein zu wahren, als sei er in seine Studien vertieft. Da er die Örtlichkeiten inzwischen genau kannte, brauchte er nicht bis zum Tafelzimmer zu gehen. Er wusste, wo Jorgal und Kwoxit u Dengo nach dem Verlassen des Raumes zwangsläufig vorbeikommen würden.

 

*

 

Eine weitere Person kannte die Örtlichkeiten fast so gut wie der Gelehrte aus Sindra: Ziskal i Dunn. Hochkönig Gylbax hatte anlässlich seines Feldzuges nach Mithrien den Pylax als Botschafter nach Kerdaris geschickt, um Fürst Jorgal um eine wohlwollende Neutralität in den bevorstehenden Kämpfen zu bitten. Obwohl Kerdaris kein ernst zu nehmender Gegner für die Schattenarmee darstellte, verfolgte Gylbax den Hintergedanken, dass er für die von ihm angestrebte Regentschaft seiner Ehefrau Orandula über Gatya verlässliche Verbündete insbesondere in der mithrischen Grenzregion benötigte. Da ihm gar nichts anderes übrig blieb hatte Jorgal gute Miene zu diesem Spiel gemacht, zumal er seinerzeit selbst einen Überlebenskampf führen musste. Daher hatte ihm Ziskal i Dunn auch beigestanden, als der ehemalige Fürst zu Drinh Kerdaris angriff. Gylbax hatte schließlich seinen Krieg und sein Leben verloren. Ziskal i Dunn kehrte nach Yacudac zurück. Vor wenigen Tagen war er jedoch für einen kurzzeitigen Besuch in Kerdaris eingetroffen. Eingedenk der damaligen Hilfe hatte ihn Jorgal mit offenen Armen empfangen. Er hätte dies nicht getan, wenn er gewusst hätte, was der Pylax im Schilde führte. 

Ziskal i Dunn hatte kein gutes Gefühl als er den Auftrag des Königlichen Verwesers von Yacudac ausführte. Aber er war ihm zu Gehorsam verpflichtet und durfte Befehle, auch wenn deren Ausführung ihm widerstrebte, nicht in Frage stellen. So hatte er Nulpir a Tomax mit seinen Begleitern heimlich in die Festung von Kerdaris eingelassen und nun beschattete er Selazidang, von dem er wusste, dass es sich um den Lehrmeister Yxistradojns, des Regenten von Sindra, handelte.

Der Gelehrte ahnte nicht, dass er selbst verfolgt wurde während er Jorgal und Kwoxit u Dengo verfolgte. Die Brückenpfeiler, die gleichzeitig die Bedachungen der Verbindungsbrücken zwischen den Türmen trugen, boten ideale Deckungsmöglichkeiten. Selazidang hastete in sicherem Abstand hinter dem Fürsten und dem Pylax her, bis diese den Turm erreicht hatten, der vorwiegend als Lagerstätte für Waffen und Kleidung diente. Hier hätte der Astronom das Eidgewand nicht vermutet, weil das einfach zu naheliegend erschien. Manchmal sind eben die einfachsten Verstecke auch die besten, dachte er.

Jorgal und Kwoxit u Dengo bestiegen eine schmale Treppe zu einer wuchtigen, schwarzen Holztür. Selazidang hatte genug gesehen. Er war nun sicher, dass sich das Eidgewand hinter dieser Tür befand. Die Gelegenheit schien dem Gelehrten aus Sindra günstig, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Als er sich umdrehte schaute er in zwei schwarze Augen. Ein dünnes Schwert blitzte kurz auf, bevor es ihn durchbohrte.

 

*

 

„Dieses Gewand gehört dem Volk von Yacudac.“ Die heisere Stimme des Königlichen Verwesers vibrierte durch den Innenraum des Turmes. „Du hast gegen die Gesetze deines Volkes verstoßen, Kwoxit u Dengo!“

„Ich diene einer Weißen Göttin. Sie steht über dem Volk von Yacudac“, erwiderte der Pylax.

Jorgal zu Kerdaris war bei den Worten des Königlichen Verwesers herumgefahren. Bis vor kurzem hätte er sie noch nicht einmal verstehen können. Seine anfängliche Erstarrung löste sich schnell.

„Ich bin der Nachfahre der Hohepriester“, verkündete er laut in der „Sprache der Könige“. „Die Verwahrung des Gewands wurde meiner Blutlinie durch die alten Hochkönige und den Ersten Königlichen Verweser anvertraut.“

„Ich bin der Nachfahre der Könige von Yacudac, in deren Auftrag das Gewand gewoben wurde“, hielt Nulpir a Tomax dagegen. Die Speerspitzen der sieben ungebetenen Gäste blinkten unheilverkündend.

„Du bist ein Vasall des Hochkönigs“, schrie Kwoxit u Dengo.

„Und der Anführer eines Aufstandes“, ergänzte Jorgal.

Nulpir a Tomax schüttelte den Kopf: „Es gibt keinen Hochkönig mehr. Die Verhältnisse in Sindra sind schon zu lange ungeklärt. Wem sollte ich Treue schulden? Yxistradojn, einem Regenten, der das Amt des Hochkönigs nicht anstrebt? Oder Orandula, die sich jetzt wieder Duotora und „Königin von Gatya“ nennt? Die von Hochkönig Gylbax als seine Nachfolgerin auserkoren wurde, aber ihr Amt nicht antritt? Nein! Es wird höchste Zeit, dass das Volk von Yacudac sein Schicksal wieder selbst in die Hand nimmt. Und dazu braucht es das Eidgewand. Wenn ihr es nicht herausgebt, werdet ihr sterben. Und ihr werdet beide in Schande sterben. Du, Kwoxit u Dengo, weil du dich gegen dein Volk stellst, und der Fürst zu Kerdaris, weil er sich gegen seine Bestimmung auflehnt, das Eidgewand nur zu verwahren bis es rechtmäßig herausverlangt wird.“

Kwoxit u Dengo sah Jorgal zu Kerdaris unsicher an.

Schließlich zuckte der Fürst die Achsel: „Es gibt tatsächlich keinen Hochkönig, für den ich das Gewand verwahren müsste. Und du bist in Wahrheit kein Pylax mehr.“ Er spielte damit auf die Kriegsverletzung an, die zum Tod des ehemaligen Feldherrn geführt hatte. Durch sie hatte Kwoxit u Dengo gleichzeitig in seinem zweiten Leben eine Individualität erlangt, wegen der er sich schon zu Lebzeiten Gylbax XII. nicht mehr den Hochkönigen in Treue verbunden fühlte.

„Gib ihnen, was sie wollen!“, verlangte der Fürst von seinem Freund. Zögernd begab sich Kwoxit u Dengo in den Aufbewahrungsraum, nahm das Eidgewand vorsichtig mit gebührendem Respekt von dem Ständer und überbrachte es Nulpir a Tomax.

„Es war richtig, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden“, versuchte der Königliche Verweser ihn zu trösten. Aber der große Feldherr zweifelte. Mit schnellen Schritten und ihrer Beute entfernten sich die Eindringlinge von Yacudac aus Kerdaris.

Nun fiel Jorgal erstmals die Blutlache ins Auge, die sich hinter dem ersten Pfeiler der an den Lagerturm anschließenden Brücke gebildet hatte und ständig vergrößerte. Geschwind eilte er zu der Stelle und erschrak, als er die am Boden liegende Gestalt in dem nachtblauen Gewand erkannte.

Kwoxit u Dengo erreichte Selazidang noch vor dem Fürsten. Behutsam drehte er den Körper auf den Rücken und musterte mit einem Stirnrunzeln die kleine Wunde in der Brust des Gelehrten, aus der das Blut austrat.

„Es gibt keinen Zweifel, dass der Stich mit einem Schwert der Pylax ausgeführt wurde. Offenbar ist Selazidang ihnen in die Quere gekommen. Aber eines verstehe ich nicht“, wunderte sich der Pylax.

„Was?“, fragte Jorgal unbedarft.

„Pylax stechen um zu töten“, sinnierte Kwoxit u Dengo. „Sie treffen immer mit absoluter Präzision. Aber diese Wunde hier ist nicht einmal lebensgefährlich, fast so, als sei der Stich mit Bedacht genau an dieser Stelle ausgeführt worden. Aber wozu hat er dann überhaupt gestochen?“

„Vielleicht hat sich Selazidang gewehrt“, mutmaßte der Fürst.

Der Pylax sah ihn mitleidig an: „Meine Volksgenossen sind ungleich schneller als jeder erfahrene Krieger. Das hier ist nur ein alter Mann, der nicht einmal mit einer Waffe umzugehen versteht. Nein, das war Absicht!“

Jorgal ging darauf nicht weiter ein: „Wir müssen die Blutung zum Stillstand bringen.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ziskal i Dunn die Burg von Kerdaris längst verlassen. Er hatte die Worte des Königlichen Verwesers gehört und sogleich erkannt, dass ein neues Zeitalter für Sindra anbrechen würde. Die althergebrachten Strukturen der Ordnung verloren ihre Gültigkeit. Das war nicht mehr seine Welt. Jetzt erfüllte es ihn mit Genugtuung, dass er Selazidang absichtlich nur leicht verletzt hatte.

 

*

 

Beiden war klar: Diese seltsame Begegnung hätte unter anderen Umständen vielleicht tödlich geendet. Die stattliche, blonde Frau musterte den alten Mann, von dem sie wusste, dass er für den Tod mehrerer Eisgrafen verantwortlich war. Sie hatte viel im „Buch der Vorzeit“ gelesen und sie hatte lange Unterhaltungen mit dem Geliebten geführt, den sie nun suchte. Durch die Lektüre und die Gespräche hatte sich vor ihrem geistigen Auge ein Bild geformt, das einen der gefährlichsten Menschen darstellte, die der Kontinent je gesehen hatte: den Meister der Todeszeremonie. Diesem Mann saß sie nun gegenüber und sie war froh, dass er nichts ahnte. Er wusste nicht, dass sie ihn erkannt hatte.

„Da irren Sie sich, Majestät“, sagte er plötzlich übergangslos. „Ich weiß sehr wohl, dass Sie wissen, wer ich bin.“ Quintora erstarrte, aber der alte Mann, dessen Kopf einem Totenschädel glich, lächelte unvermindert freundlich und fügte hinzu: „Sie können mir nichts tun, und ich kann Ihnen nichts tun. Gleichartige Waffen versagen bei Menschen mit gleichartigen Befähigungen. Deshalb musste ich mich ja auch immer Dritter bedienen, um meine angeblichen Feinde zu töten. Aber das ist eine lange Geschichte, und die wollen Sie bestimmt nicht hören. Ich freue mich, dass Sie Telimur lieben. Er hat eine solche Liebe verdient. Und diese Liebe ist meines Erachtens stark genug, dass Sie ihn finden werden.“

Quintora hatte Mühe, die Sprache wiederzufinden: „Sie können Gedanken lesen?“

„Nein, nicht wirklich“, antwortete Roxolay ausweichend. „Sagen wir, ich verfüge über eine Gabe, die mit dem „vernichtenden Blick“ der Eisgrafen zu vergleichen ist. Nur bewirkt diese Gabe etwas völlig anderes, keine Vernichtung, sondern etwas, das man als Einfühlung bezeichnen könnte. Aber deswegen sind Sie ja nicht hierhergekommen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo Telimur sich aufhält. Hier ist er jedenfalls nicht, sonst könnte ich seine Anwesenheit spüren.“

Quintora fühlte, dass der alte Mann die Wahrheit sprach. Es blieb für sie aber ein Rätsel, wie ein derart gütiger und aufrichtiger Mensch zum Zeremonienmeister des Todes hatte berufen werden können. Aber vielleicht waren auch gerade diese Eigenschaften der Grund dafür, dass ihn das Geflecht der alten Wesenheiten für diese Stellung ausgewählt hatte.

„Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass er tatsächlich hier ist“, stellte Quintora klar. „Aber ich hatte die Hoffnung, dass Sie mir bei meiner Suche weiterhelfen könnten.“ Roxolay schaute nachdenklich aus dem Fenster.

„Vielleicht kann ich das wirklich“, meinte er nach einer kurzen Weile. „Ich habe immer noch Freunde im Inneren Zirkel. Daher weiß ich, dass Saradur nach Oot gereist ist. Irgendetwas braut sich dort zusammen. Es ist nur so eine Ahnung, aber oft liege ich damit richtig.“

Die Königin seufzte: „Das hört sich nach einem Strohhalm an. Aber ich werde ihn wohl ergreifen müssen.“

„Retten Sie Telimur!“, verlangte der Meister der Todeszeremonie. „Er ist der gute Geist dieser Einrichtung. Ich bin nur ein böser Geist.“

Quintora sah ihm aufmunternd in die Augen: „Sie wissen, dass das nicht stimmt.“

„Tun Sie nicht so als könnten Sie Gedanken lesen“, erwiderte Roxolay schelmisch, wurde aber sofort wieder ernst: „Allein kommen Sie in Oot nicht weit. Hier in Rabenstein weilen zwei Shondo, die darauf brennen, eine Aufgabe zu bekommen. Sie sind damals mit Telimur aus Lumburia hierhergekommen. Genau wie Sie würden die beiden alles tun, um Telimur zu finden. Nehmen Sie sie mit! Ihre Namen sind Yruk und Drak. Voraussichtlich werden Sie nicht umhinkommen, sich auch zum „Paradies der Küste“ begeben zu müssen. Das ist ein Monasterium der Priester des Wissens, das von Berion gegründet wurde und jetzt von seiner Tochter Baradia geleitet wird. Sehen Sie sich vor Baradia vor! Wir haben einen Steppenmenschen namens Giirk mit einem geheimen Auftrag in das „Paradies der Küste“ geschickt. Er ist der Einzige, dem Sie dort vertrauen können.“

Quintora bedankte sich, aber das ließ Roxolay nicht gelten: „Sie brauchen sich nicht zu bedanken, Majestät. Ich bekomme von Ihnen eine Gegenleistung, die mehr wert ist als alles andere.“ Die Königin sah ihn fragend an. „Das Buch der Vorzeit“, ergänzte der ehemalige Rektor.

Quintora war entschlossen, die Herausgabe des Buches zu verweigern, aber Roxolay kam ihr zuvor: „Es ist der bedeutendste Schatz der Menschheit. Wollen Sie wirklich riskieren, dass er auf einer derart gefährlichen Reise verlorengeht oder in falsche Hände gerät? Sobald Sie zurück sind, reden wir darüber, wo das Buch endgültig aufbewahrt werden soll.“

Quintora konnte sich dieser Logik nicht entziehen. Längst fühlte sie sich nicht mehr als Königin von Mithrien sondern als Eisgräfin, die eine Mission zu erledigen hatte. Aber dieses Mal betraf die Mission nicht die Verteidigung der Nordlande, sondern die Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück.

 

*

 

Als Lumburier war er an dieses Gefühl innerer Zerrissenheit gewöhnt. Es lastete schwer auf einem Individuum mit ausgeprägten Eigenheiten, seine ganze Kraft in den Dienst eines Volkes stellen zu müssen. Glücklicherweise ging es nur um das Ziel, das nackte Überleben dieses Volkes zu sichern; wie jeder Einzelne diesen Kampf führte, blieb ihm selbst überlassen. Ugudag glaubte, seinen richtigen Weg gefunden zu haben. Aber war er wirklich richtig? Gelegentlich flammte dieses Gefühl der Unsicherheit mit mächtiger Kraft in ihm auf. Zuletzt schien es sogar immer schlimmer zu werden.

Er sah hinüber zu der verhüllten Gestalt auf dem zweiten Pferd, und da wurde es ihm bewusst: Seine Zweifel waren schier unüberwindlich geworden seit er diesen unfreiwilligen Begleiter hatte.

Wenn es ihm tatsächlich gelang, Unsterblichkeit zu erringen, stellte er sich damit nicht gegen sein Volk? Ugudag wischte diesen Gedanken schnell beiseite. Er spürte plötzlich eine Gefahr. Er empfand sie wie eine Erlösung.

Der Lumburier hielt sein Pferd und das seines stummen Begleiters an. In dem Dschungel, der nun vor ihm lag, hatte sich etwas bewegt. Shondo bewegten sich in ihrer natürlichen Umgebung völlig unauffällig. Wenn Ugudag also eine Bewegung bemerkt hatte, musste er trotz seines überragenden Wahrnehmungsvermögens davon ausgehen, dass er es mit einer größeren Gruppe von Dschungelmenschen zu tun hatte.

Diese Einschätzung bewahrheitete sich nur wenige Augenblicke später. Mindestens dreißig der schwarzen Männer mit ihren pechschwarzen Haarmähnen tauchten plötzlich aus dem Unterholz auf und versperrten ihm den Weg. Drohend waren ihre Pfeile und Speere auf ihn gerichtet. Ugudag blieb völlig gelassen.

„Ich möchte mit eurem Anführer sprechen“, verlangte er. Ein Shondo, der im Gegensatz zu seinen Gefährten ein Leopardenfell trug, trat nun ebenfalls aus den Büschen heraus. „Was willst du hier?“, fragte er den Lumburier unfreundlich. 

„Ich bitte um deine Gastfreundschaft“, erwiderte Ugudag. „Vielleicht habe ich ein wertvolles Geschenk für dich. Aber darüber sollten wir unter vier Augen sprechen. Ich bin völlig unbewaffnet.“ Ugudag hob die Arme, um seine Aussage zu bekräftigen.

„Du bist selbst die schlimmste Waffe“, entgegnete der Shondo misstrauisch.

„Ich komme in Frieden“, betonte der Lumburier nochmals. „Du hast dreißig Männer, die mich töten könnten, wenn ich dich belügen würde.“ Ohne weitere Worte ging der Shondo auf Ugudag zu, blieb jedoch auf halber Strecke zwischen seinen Männern und dem Ureinwohner stehen. Der Lumburier stieg von seinem Pferd und begab sich zu dem Anführer mit dem Leopardenfell. Er überragte den großen Shondo noch um einen ganzen Kopf.

„Ich habe gehört, dass in den Wäldern von Oot Unzufriedenheit herrscht“, begann der Lumburier. „Dem Schnorst sollen seine eigenen Angelegenheiten wichtiger sein als diejenigen seines Volkes.“

„Ich kann nicht erkennen, was das einen Lumburier angeht“, gab der Shondo kurz angebunden zurück.

„Mein Name ist Ugudag“, sagte der Ureinwohner in unvermindert freundlichem Ton. „Ich will mich nicht in die Angelegenheiten der Shondo einmischen. Ich suche nur einen Verbündeten.“

„Einen Verbündeten? Wozu?“, wollte der Dschungelmensch wissen.

„Das Volk der Shondo hat das gleiche Problem wie das Volk von Lumburia: Wir haben keine Freunde“, erklärte Ugudag. „Wenn unsere Völker überleben sollen, muss etwas geschehen. Wir brauchen beide starke Anführer, die die begrenzte Zeit überdauern, die ein Sterblicher zur Verfügung hat.“

„Es heißt, der Schnorst von Oot sei unsterblich“, wandte der Shondo ein.

„Viele glauben, dass dem Schnorst von Oot sein Volk gleichgültig sei. Wie steht es mit dir?“, fragte Ugudag provokativ.

„Ich bin nicht unsterblich“, entgegnete der Shondo ausweichend.

„Vielleicht können wir das ändern“, orakelte der Lumburier. „Wie lautet dein Name?“

„Mein Name ist Logg“, antwortete der schwarze Mann mit dem Leopardenfell.

„Du musst dich entscheiden, Logg“, forderte Ugudag ihn auf. „Du hast mich als Erster der Shondo gefunden. Das ist ein Zeichen. Ich könnte uns beiden die Unsterblichkeit verschaffen.“




Kapitel 5 – Beginn einer Rebellion


Es begann als Triumphzug eines einzelnen Reiters. Ganz Tirestunom jubelte dem angehenden Milesion zu, der allein die breite, durch seitliche Gitterzäune gesicherte Allee entlang trabte. Die von hohen Buchen mit dunkelgrünem Laub beschattete Promenade endete übergangslos an einem vom gleißenden Sonnenlicht überfluteten, trichterförmigen Platz, der von einem flachen Wachgebäude begrenzt wurde. Dahinter erhob sich wie ein drohender Finger der Hauptturm der Festungsanlage.

Crescal winkte seiner Armee zu. Jedermann kannte inzwischen die Geschichte von der angeblichen Ermordung Baron Schaddochs. Crescal hatte eine Vision, von der niemand hier etwas ahnte. Er wollte der Funke sein, der einen Flächenbrand verursachen würde. Und die nichtsahnenden Jubler waren dazu ausersehen, die ersten Flammen zu sein, die er entzünden würde.

 

 

*

 

Das fahle Licht des anbrechenden Tages spiegelte sich im See von Tirestunom. Das exakt rechtwinklige Gewässer mit einer Länge von einer Meile und einer Breite von einhundert Metern war vor zwanzig Jahren von Soldaten der Garnison auf Befehl des damaligen Ducarions künstlich angelegt worden. Crescal hatte den Sinn dieser Anlage nie verstanden. Aber jetzt bildete sie den Ausgangspunkt für ein Vorhaben, das ganz Obesien in den Grundfesten erschüttern sollte.

Der Ducentron hatte die gesamte Besatzung des Heerlagers in den frühen Morgenstunden antreten lassen, fast viertausend Soldaten. Sie hatten sich auf der Exerzierfläche vor dem See versammelt. Crescal begab sich in seinen Befehlsstand, einen erhöhten Holzverschlag auf dem mittigen Hügel vor dem Exerziergelände. 

Mit lauter Stimme verkündete er: „Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen. Surdyrien befindet sich in Aufruhr. Noch heute werden wir zu einem Gewaltmarsch aufbrechen. Da wir bei unserem Kriegszug mit einem Teil des Heeres den Quorl schwimmend durchqueren müssen, werde ich die fünfhundert besten Schwimmer in einer Einheit zusammenfassen.“

Crescal winkte die Gruppe der Centronen herbei, die in der Nähe des Befehlsstandes bereitstanden. „Sie sammeln die Mon’ghale ein“, ordnete er an. „Bringen Sie sie in die Messe. Danach begeben Sie sich zur Kleiderausgabe. Dort werden unsere Männer auf mein Kommando hin die Kampfbekleidung für den Einsatz abholen. Geben Sie für das Landheer die schweren Rüstungen und für die Schwimmer das leichte Leder aus!“

Die Offiziere machten sich auf den Weg, um die Anordnung zu befolgen. Währenddessen sah Crescal zu, wie seine Mannschaften für das Wettschwimmen antraten. In geübter Präzision bildeten jeweils fünfzig Soldaten eine Reihe und sprangen auf Befehl eines Cinquons in das kalte Wasser. Auf der gegenüberliegenden Seite wartete der zweite Cinquon der jeweiligen Hundertschaft, um die sechs schnellsten Schwimmer festzustellen.

Nach einer Weile verließ Crescal den Befehlsstand. Er schlenderte gemächlich zum Gemeinschaftshaus, wo sich die Speisesäle der Offiziere und die Messe, der große Tagungsraum des Kommandostabs, befanden. Zielstrebig ging er durch den breiten Korridor bis zu der hohen Rundbogentür an dessen Ende. Er zog die Tür auf und verschloss sie hastig wieder, nachdem er den Raum betreten hatte. Dann schob er den inneren Riegel vor. Langsam drehte er sich um und ließ seinen Blick durch den großen Saal schweifen, wo normalerweise die Konferenzen zur Planung der Tagesabläufe und Einsätze stattfanden. Überall auf den Tischen, Stühlen, auf dem Boden und an den Wänden saßen Mon’ghale.

Achtlos ging Crescal zu einem Stuhl in der Nähe und zertrat dabei mehrere der raupenartigen Lebewesen. Mit einer wischenden Handbewegung fegte er die Mon’ghale von der Sitzfläche und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Der Ducentron spürte wie der anfänglich nur leichte Druck in seinem Kopf beständig zunahm. Ein dröhnendes Gewirr undeutlicher Stimmen schien ihm etwas eingeben zu wollen. Crescal ignorierte jedoch den sich verstärkenden Druck. Er fischte mit der Hand in der großen Außentasche seiner ledernen Schutzjacke bis er ein dünnes Holzröhrchen fühlte. Vorsichtig zog er es heraus und betrachtete es liebevoll. Dieses völlig unscheinbare Instrument war sein Schlüssel für die Eroberung Obesiens. Er setzte das Röhrchen an die Lippen und blies zuerst sanft und dann kräftig und ausdauernd hinein. Ein schrilles Pfeifen breitete sich in dem großen Saal aus. Die Vibrationen des hässlichen Geräuschs reichten bis in die hintersten Winkel. Reihenweise zerplatzten die Mon’ghale.

Nun konnte Crescal seinen Soldaten offenbaren, dass sein nächstes Ziel nicht in Surdyrien sondern in Modonos lag. 

 

*

 

Keiner der Weggefährten Thulminths hätte sich daran erinnern können, dass dieser Mann selbst in den schwierigsten Situationen jemals länger als ein paar Sekunden gebraucht hatte, um seine Entscheidungen zu treffen. Nicht zuletzt dieser Entschlossenheit hatte er es zu verdanken, dass er zum Admiral der lokhritischen Kampfflotte und im vorgerückten Alter schließlich auch noch zum Hafenmeister von Lohidan aufgestiegen war, den beiden Positionen, die die meiste Macht im mächtigsten Seefahrerland des Kontinents verkörperten.

Aufgrund seiner beträchtlichen Leibesfülle wirkte der gemütliche Mann rein äußerlich alles andere als reaktionsschnell und entscheidungsfreudig. Und seit er gemeinsam mit seinem besten Freund, dem Marschall von Sandammon und Sokul, den Attentäter Tillbar umgebracht hatte, stand er auch im Begriff, diese herausragenden Eigenschaften immer mehr einzubüßen. Es war das Wissen und die schleichende Angst, dass ihm nun äußerst einflussreiche Menschen auf dem Kontinent, allen voran Baradia, die Mutter Tillbars, und Saradur, der Höchste Priester des Wissens, nach dem Leben trachteten. Selbstverständlich hatte Thulminth die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft. Überall in seiner Residenz im Hafen von Lohidan waren Wachen verteilt, und nur strikt durchsuchte und unbewaffnete Personen wurden zu dem Hafenmeister vorgelassen. Aber dennoch gab es nun immer häufiger Situationen, in denen eine ausgeprägte Unschlüssigkeit Besitz von ihm ergriff. So geschah es auch in diesem Augenblick. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen ging Thulminth in seinem riesigen, an eine Kapitänskajüte erinnernden Zimmer im Zentralbau der Hafenresidenz auf und ab. Das Zimmer befand sich im dritten Obergeschoß des Gebäudes, das nur durch eine schmale Promenade vom Hafenbecken getrennt war. Die beiden Leibwächter, die die Besucher angemeldet hatten, sahen sich gegenseitig erstaunt und ratlos an, während der Hafenmeister weiterhin in seinem Arbeitszimmer herumirrte.

Was konnten der Fürst zu Drinh und ein Mitglied des Inneren Zirkels der Priester des Wissens von ihm wollen? Vor allem der Priester bereitete ihm Unbehagen, da es sich vermutlich um einen Gefolgsmann Saradurs handelte. Schließlich wischte Thulminth seine Bedenken zur Seite. Als Hafenmeister durfte er sich nicht die Blöße geben, zwei unbewaffnete, hochgestellte Persönlichkeiten nicht zu empfangen.

„Bringen Sie die beiden herein“, ordnete der Erste Mann Lohidans und damit von ganz Lokhrit an. Als die zwei Leibwächter gehen wollten, hielt er einen von ihnen zurück: „Sie nicht. Sie bleiben hier. Setzen Sie sich da hinten in den Sessel und tun sie so als ob Sie mitschreiben würden!“ Es war ein seltsames Pärchen, das in das Arbeitszimmer des Hafenmeisters geführt wurde. Tokon, der ehemalige Rektor des Monasteriums von Porigunom und jetzige Sprecher des Priesterordens, erinnerte mit seiner Hakennase und dem struppigen weißen, nach außen abstehenden Haarkranz Thulminth unwillkürlich an einen Geier. Der Fürst zu Drinh war stämmig und untersetzt und hatte eher den Habitus eines Handwerkers oder Spielmanns als den eines Mitglieds des mithrischen Hochadels.

Thulminth ließ sich nicht anmerken, dass er seinen Gästen misstraute. Freundlich bot er ihnen einen Willkommenstrunk an, den sie aber dankend ablehnten. Vermutlich hatte sich die Geschichte von der Vergiftung Tillbars auf dem gesamten Kontinent herumgesprochen.

„Was führt zwei derart wichtige Männer in diesen unbedeutenden Teil der Welt?“ fragte Thulminth neugierig, wobei er sich insgeheim wunderte, wieso ein Priester des Inneren Zirkels mit einem mithrischen Fürsten gemeinsame Sache machte.

„Es sind Geschäfte, die die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringen“, dozierte Tokon. „Und Lokhrit ist alles andere als unbedeutend. Bei den erforderlichen Transporten auf dem Seeweg hat der Orden früher mit Senesia Sida aus Lumbur-Seyth zusammengearbeitet. Sie hatte die größte Handelsflotte dort und war eine Tochter des früheren Höchsten Priesters.“

Sofort musste der Hafenmeister an Baradia denken, die andere Tochter des verstorbenen Berion und zugleich seine schlimmste Feindin. Ihn mutete daher befremdlich an, dass der Priesterorden in Erwägung zog, Frachtaufträge künftig an die lokhritische Handelsflotte zu vergeben. Andererseits war Senesia Sida, die ehemals reichste Frau der Welt, tot, und die Besitzrechte an ihren Schiffen ungeklärt. Zunächst hatte Hochkönig Gylbax XII. von Sindra ihren gesamten Besitz annektiert, danach Baron Schaddoch, der Regent Surdyriens. Lokhrit besaß demgegenüber schon immer die sicherste Flotte der Welt, zumal mit den Freibeutern von Borgoi ein Beistandspakt bestand. Das wiederum schien durchaus ein nachvollziehbarer Grund, Seefrachtaufträge an Lohidan zu vergeben.

Der Hafenmeister lächelte. Er hatte doch das richtige Gespür gehabt, als er dem surdyrischen Schiff des Rektors erlaubt hatte, direkt vor der Hafenresidenz anzulegen. Er sah hinüber zu der beeindruckenden Kogge, die aus den ehemaligen Beständen der surdyrischen Kriegsflotte stammte. Das Kollektiv von Obesien hatte diese Flotte während der Zeit der Besetzung Surdyriens finanziert. So verwunderte auch nicht, dass dieses Schiff dem Priesterorden zur Verfügung stand. Bevor Thulminth das Einlaufen in den Hafen gestattete, hatte er dafür gesorgt, dass die Kogge gründlich untersucht worden war. Dabei hatten seine Leute nicht die geringsten Anzeichen einer Bewaffnung entdecken können.

Dieses Schiff wäre ein leichtes Ziel für die Freibeuter gewesen. Zu ihrem Glück sind sie aus dem Norden gekommen, dachte der Hafenmeister. Wenn man ins Geschäft kam, musste er dem Orden eine Flagge geben, die die Piraten von einem Angriff auf die Kogge abhalten würde. Obesien war zugleich das größte, aber auch das einzige Land auf dem Kontinent, das keinen Zugang zu den Meeren hatte. Daher waren die Obesier und auch die Priester des Wissens auf die Zusammenarbeit mit einer Seemacht angewiesen.

Der leere Mastkorb der Kogge schwankte im Wind. Die Entfernung zum Arbeitszimmer des Hafenmeisters betrug nicht einmal fünfzig Meter. Am Hauptmast des Schiffes flatterte eine blaue Flagge mit einem roten Kreis, dem Kennzeichen des Inneren Zirkels der Priester des Wissens. Tokon trug ein Gewand mit den gleichen Farben und dem gleichen Symbol. Er hatte den Blick des Hafenmeisters und dessen Lächeln richtig gedeutet.

„Ja“, bestätigte er. „Das ist das einzige Schiff, über das wir verfügen. Der Orden hat ein Abkommen mit Mithrien geschlossen, das den Transport von Gütern aus Bogogrant über Sandammon nach Tanaria und Marandia vorsieht. Der Seeweg ist hierfür besser geeignet, sicherer und schneller als der Landweg. Wären Sie bereit, uns zu helfen?“

„Wir leben davon, dass wir anderen Menschen helfen“, grinste Thulminth. „Ich schlage vor, dass Sie mit meinem Ersten Sekretär, der zugleich der Disponent der Handelsflotte ist, die näheren Einzelheiten vereinbaren. Mein Schreiber wird sie zu ihm bringen.“

Der angesprochene Leibwächter erhob sich im Hintergrund des Raumes. Schnell fügte der Hafenmeister hinzu: „Aber wenn das Geschäft abgeschlossen ist, müssen wir es begießen.“ Verschmitzt zwinkerte er mit den Augen: „Damit es wächst und gedeiht.“

Der Rektor und der Fürst reichten Thulminth die Hände, bedankten sich freundlich und folgten dem angeblichen Schreiber. Die Tür fiel ins Schloss. Der Leibwächter ging auf dem breiten, pompösen Korridor voran in Richtung der geschwungenen Doppeltreppe, die zur tiefer gelegenen Etage des schlossähnlichen Gebäudes führte.

Der Hafenmeister begab sich noch einmal zum Fenster und sah zu der Kogge hinüber. Dort standen jetzt drei Männer in dem leicht schwankenden Mastkorb. Sie trugen alle die olivgrünen Gewänder einfacher Priester des Wissens. In ihren Händen lagen Schnelllader. Als dem Hafenmeister dies bewusstwurde, war es bereits zu spät. Krachend durchschlugen die spitzen Stahlbolzen die Scheibe. Von mehr als zwanzig Geschoßen getroffen kippte Thulminth zur Seite. Er war bereits tot bevor sein Kopf den dicken Bodenteppich aus Borgoi berührte.

 

*

 

Der Schritt des lokhritischen Leibwächters war derart flott, dass sich Tokon anstrengen musste, um an seiner Seite zu bleiben. Der Fürst konnte den beiden kaum noch folgen. Völlig unvermittelt stellte der Rektor dem Leibwächter ein Bein. Der Lokhriter wurde von dieser unvorhergesehenen Handlung dermaßen überrascht, dass er der Länge nach auf dem Boden des menschenleeren Korridors aufschlug. Mit einer Behändigkeit, die ihm kein Außenstehender zugetraut hätte, stürzte sich der andere Mann auf den Leibwächter, schlang ihm seinen muskulösen Arm um den Hals und brach ihm mit einem kräftigen Ruck das Genick. 

Als er sich vergewissern wollte, ob der Lokhriter wirklich tot war, fuhr ihn Tokon an: „Kommen Sie jetzt endlich, Zallux! Wir müssen verschwinden!“

 

*

 

Lange Zeit wehrte sich sein Körper gegen das Erwachen. Der immer noch in ihm glimmende Lebensfunke gewann aber schließlich die Oberhand. Er versuchte, die Augen zu öffnen. Da blendete ihn eine flimmernde Helligkeit. Sofort schloss er wieder die Lider. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinem ganzen Körper aus. An einer Stelle aber war dieses Stechen, das alles andere überlagerte. Später wurde ihm bewusst, dass es sich um seine linke Schulter handelte. Trotz der beißenden Kälte machte er keine Anstalten, sich zu erheben. Am liebsten wäre er wieder eingeschlafen, für immer. Bevor er in den ersehnten Schlaf fiel erinnerte er sich an seinen Namen: Tergald.

Etwas zupfte ihn mehrfach am Arm, dann plötzlich am rechten Ohr. Mühsam und verärgert öffnete Tergald erneut einen Spalt breit die Augen. Durch den schmalen Schlitz sah er den Kopf eines schwarzen Raben.

 

*

 

Tralk hatte in großer Höhe weite Kreise gezogen, um an den Hängen des Aralt-Gebirges etwas Essbares zu entdecken. Er sah eine Herde von Steinböcken, aber keine verendeten oder kranken Tiere. So dehnte er seine Kreise immer weiter aus bis er schließlich auf einer breiten Felsnase eine Gestalt liegen sah. Tralk verzehrte kein menschliches Aas, wenn sich dies irgendwie vermeiden ließ. Darin unterschied er sich von vielen seiner Artgenossen. Aber wenn er nicht bald etwas finden würde, würde er nicht umhin kommen, sich an dieser Leiche zu sättigen. Er landete neben dem Körper des Zweibeiners. Verkrustetes Blut klebte in dessen Haaren. Die Kopfwunde schien jedoch nur oberflächlich zu sein. Der Rabe spürte die Wärme, die von dem reglosen Mann noch ausging. Entweder war er soeben erst gestorben oder vielleicht gar nicht tot. Wenn er tatsächlich noch lebte, würde Tralk erst recht nicht an ihm knabbern. 

Lebende Menschen waren manchmal amüsante Spielgefährten. Tralk hüpfte um den Mann herum und konnte nun mit seinem Schnabel den schwachen Hauch erspüren, der sich der Nase des Bewusstlosen entrang. Er würde unweigerlich erfrieren, wenn er noch viel länger hier im verharschten Schnee liegenbleiben würde. Der Rabe zupfte ihn am Arm bis er kurz die Augen aufschlug, aber sofort wieder schloss. Tralk zupfte daraufhin etwas ungestümer und zerrte schließlich mit dem Schnabel an seinem Ohr. 

Der kleine Sohn des Bergführers hatte immer fürchterlich geschimpft und wütend nach ihm geschlagen, wenn er ihn an den Ohren gezupft hatte. Aber weil er stets sofort wieder wegflog, war es dem Kleinen nie gelungen, den Raben auch nur zu berühren. Tralk hatte immer viel Spaß bei diesem lustigen Spiel gehabt. Es zeigte ihm, dass er mit seiner Beobachtungsgabe und Schnelligkeit dem kleinen Jungen weit überlegen war. Der schlaue Vogel erkannte, dass er all diese Fähigkeiten jetzt nicht benötigte. Dieser Mann hier würde noch lange nicht in der Lage sein, nach ihm zu schlagen. Also blieb Tralk einfach sitzen und wartete darauf, dass der Mensch nochmals die Augen öffnen würde. Und das tat er endlich auch.

Tergald bemühte sich krampfhaft, die Lider offen zu halten. Er blinzelte den Raben an, der nun aufgeregt mit den Flügeln schlug. Trotz des stechenden Schmerzes in seiner Schulter kämpfte sich der Lokhriter langsam und mühevoll mit zusammengebissenen Zähnen in eine sitzende Haltung. Er stützte sich mit dem rechten Arm ab und blickte sich um. Was er sah erschreckte ihn in höchstem Maße. Er saß auf einem mit verkrustetem Firn überzogenen Felsvorsprung. Nicht weit von seinen Füßen entfernt fiel die Steilwand nahezu lotrecht in die Tiefe ab. Dicke Wolken, die unter ihm vorüberzogen, hinderten den Blick zum Fuß des Berges. Im Norden erhoben sich weitere, schneebedeckte Gipfel. Die Sonne war hinter der Felswand in seinem Rücken verschwunden. Dennoch musste es noch mitten am Tag sein.

Langsam kam die Erinnerung zurück. Er musste den Aralt überqueren, um von Mithrien nach Zogh zu gelangen. Dabei hatte er sich auf dem Abstieg vom Dobross befunden, dem letzten Teil der Schneise von Delamunth. Dann war er von zwei Höhlen-Zogh gefangen genommen und gefesselt am Rand eines Weges abgelegt worden. Der schmale Pfad führte zu den Ausläufern des Gebirges hinab, hinter denen sich die Hochebenen ausdehnten. Dort, weit im Nordosten, lag sein Ziel: Knoist, die Residenz Königin Octoras. Aber dieser Ort war noch Hunderte von Meilen entfernt und in seiner jetzigen Situation ohnehin unerreichbar. Nun sickerte auch die Erinnerung an seinen Auftrag wieder in sein Bewusstsein ein. Er hatte sich nach Rabenstein begeben in der Überzeugung, dass sich dort das Schicksal der Menschheit entscheiden würde. Wo diese Überzeugung herrührte, vermochte er nicht zu sagen. Als Novize hatte er gelobt, das Schwert der Könige nach Rabenstein zu bringen. Aber je näher er sich an sein Ziel herantastete, desto weiter schien es sich von ihm zu entfernen.

Der Rabe schwang sich aus dem verkrusteten Schnee hoch und flatterte krächzend um Tergalds Kopf.

Zuerst wolltest du mich fressen, aber jetzt willst du mir helfen, dachte Tergald und hob den Blick. Wie zur Bestätigung flog der Rabe zu einem Felsvorsprung, der aus der steilen Wand auskragte. Dort ließ er sich nieder.

Wieso habe ich eigentlich den Sturz überlebt? fragte sich der Lokhriter. Einer der beiden Männer, die ihn gefangen genommen hatten, hatte ihn mit einem Stoß absichtlich in den Abgrund befördert. An den Sturz konnte er sich nicht mehr erinnern, wohl aber an den Beweggrund des Mannes: Sein Gefährte, Zobirek, hatte den Herzog der Höhlen mitsamt seinem Pferd vom Weg abgedrängt und dadurch in die Tiefe geworfen. Er hatte einen der drei Herrscher von Zogh vorsätzlich ermordet!

Nun konnte Tergald auch den Verlauf des Pfades oberhalb seines Standorts erkennen. Beim Sturz musste er gegen den Felsvorsprung geprallt sein, auf dem der Rabe nun saß. Der Schmerz in seiner Schulter! Ja, so musste es gewesen sein. Danach war er auf die Felsnase geschleudert worden, wo er sich nun mit schmerzverzerrtem Gesicht und leisem Wimmern erhob. Der verharschte Schnee hatte den Sturz gedämpft und schlimmere Verletzungen verhindert. Tergald sah zu dem Raben hoch, der ihn erwartungsvoll anzustarren schien. Die seitliche Bruchkante des steilen Pfades war nur etwas mehr als zehn Meter entfernt, aber sie verlief schräg nach unten. Dies bedeutete, dass er sie auch erreichen konnte, wenn er nahezu waagrecht kletterte. Tergald entstammte einer Seefahrerfamilie. Berge zu erklimmen war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Aber wenn es darum ging, Vorsätze oder Versprechungen zu erfüllen, entwickelte er ein erstaunliches Maß an Zielstrebigkeit und Wagemut. Bei alledem bewahrte er aber stets auch seine Gabe zu klarem Denken und akribischer Planung. Sollte Roxolay diese Fähigkeiten erkannt haben, als er ihn für diese Mission ausgewählt hatte? Der Novize sondierte und erwog in aller Ruhe die Möglichkeiten, die sich ihm für das Erreichen des Pfades boten. Erst als seine Betrachtungen zu einer klaren Vorstellung geführt hatten, nahm er den schwierigen Anstieg in Angriff.

Tralk hatte die ganze Zeit über geduldig gewartet, gerade so als sei ihm klar, dass Tergald für sein Vorhaben eine längere Bedenkzeit benötigte. Genau beobachtete er anschließend die Bewegungen des Lokhriters und den Weg, den er einschlug, um den Pfad zu erreichen. Instinktiv war ihm bewusst, dass jede Störung des Novizen für diesen lebensgefährlich sein konnte. Daher verhielt er sich weiterhin völlig ruhig. 

Tergald achtete darauf, vor jedem weiteren Schritt einen sicheren Halt zu finden. Es gelang ihm, seine Schmerzen auszublenden und jeden Blick in die Tiefe zu vermeiden. Inzwischen hatte er den Bereich verlassen, in dem ihn die Felsnase bei einem Absturz wieder aufgefangen hätte. Sie lag nun seitlich neben ihm. Zu seinen Füßen gähnte der wolkenverhangene Abgrund. Jeder unbedachte Tritt konnte sein Ende bedeuten. Aber daran dachte Tergald nicht. Sorgfältig prüfte er die Größe der Unebenheiten und Risse in der Steilwand und die Festigkeit des Gesteins bevor er mit seinen Händen und Füßen den nächsten Halt ertastete. Länger als eine Stunde dauerte sein Aufstieg bis zum Rand des Weges.

Tergald erschien dies wie eine kleine Ewigkeit. Mit letzter Kraft klammerte er sich an der Felskante fest und schob sich Zentimeter um Zentimeter auf den Pfad zurück, von dem ihn Senzidon hinabgestoßen hatte.

Als der Lokhriter in Sicherheit war, flog der Rabe auf. Krächzend vollführte er einen wilden Flug über dem Kopf Tergalds, der sich völlig erschöpft neben dem steinigen Grat ausgestreckt hatte. Dann landete Tralk auf dem Unterarm des Novizen.

„Danke“, stammelte Tergald mit feuchten Augen. Durch eine glückliche Fügung hatte er den Sturz überlebt. Aber ohne die Hilfe des Raben hätte ihn das letztlich nichts genutzt.

Erneut flog Tralk auf. Diesmal gewann er schnell an Höhe. Da Tergald sich nicht als geeignet erwiesen hatte, seinen Hunger zu stillen, musste er sich nun endlich nach anderweitiger Nahrung umsehen. Einmal mehr würde er sich mit einer dieser hässlichen, fetten Pelzmäuse begnügen müssen, die überall in den Spalten und Löchern des Aralt-Gebirges lebten. Er hatte aber bereits beschlossen, sich danach wieder diesem seltsamen Fremden anzuschließen, der völlig anders aussah als die ernsten, kriegerischen Zogh. Mit ihm konnte man bestimmt mehr Spaß haben.

Unterdessen rappelte sich Tergald erneut auf und begann den Abstieg. Einen kleinen Teil des Weges legte er nun schon zum zweiten Mal zurück. Er erinnerte sich an den Ritt bevor ihn die beiden Höhlen-Zogh aufgespürt hatten. Zwei Stunden später erreichte er diese Stelle, eine kleine Senke rechts des Weges. Obwohl dieser Ort mit einer schlimmen Erinnerung für ihn verbunden war, erstrahlte Tergald vor Freude. Friedlich graste Ibildag vor der Gipfelwand des Dobross. Die Zogh hatten den alten Hengst dort einfach stehen lassen. Das Pferd hatte seinen Besitzer wohl ebenfalls erkannt. Es hob den Kopf und wieherte. Dann kam es auf ihn zugelaufen.

 

 

*

 

In dem langgestreckten Korridor herrschte eine unheilvoll anmutende Düsternis. Die Pechfackeln an den Wänden warfen ein zuckendes Licht auf die beiden hohen Gestalten, die nebeneinander den Gang entlang schritten. Von ihren silbernen Gewändern und Mitras wurde das unruhige Licht gespenstisch reflektiert. Hinter einem Rundbogen öffnete sich eine weite Krypta mit zahllosen Sarkophagen, die die beiden Gestalten mit zielsicheren Schritten hinter sich ließen. Erneut betraten sie einen langen Korridor, der an einer schweren Holztür endete. Von innen war sie mit einem dicken Eisenriegel gesichert. Von außen konnte sie nicht geöffnet werden.

Eine der Gestalten hob ihr sensenartiges Instrument und schlug dreimal gegen die Tür. Knarrend schwang sie nach innen auf und gab den Blick frei in einen schmucklosen, rechteckigen Raum. Auf dessen gegenüberliegenden Seite stach eine große, goldene Pforte ins Auge. In dem Raum befanden sich zwei weitere Gestalten mit silbernen Gewändern. Die beiden Ankömmlinge gesellten sich zu ihnen. Gemeinsam nahmen sie an dem Tisch in der Mitte der Kammer Platz. 

„Die gestohlene Leiche des letzten Hochkönigs wird mit einem Schiff nach Oot verbracht“, verkündete einer der beiden Neuankömmlinge mit einer Stimme, die wie das schabende Geräusch einer Säge klang. 

„Was hat das mit uns zu tun?“, schnarrte einer der anderen, die sich bereits zuvor in dem Raum befunden hatten. „Du musst einen guten Grund dafür haben, so viel Bosheit und Mordlust in einem Raum zu versammeln, Xaranth.“ Xaranth überging die versteckte Drohung, die in diesen Worten lag.

„Baradia verfügt über die Möglichkeit, den Hochkönig wiederzuerwecken“, entgegnete er. „Dies könnte das gesamte Gefüge durcheinanderbringen.“

„Auch wir können uns nicht unserer wahren Bestimmung entziehen, Truchulzk.“

Es lag ein nicht zu überhörender Vorwurf in den Worten des Mannes, der mit Xaranth gekommen war und jetzt auf die goldene Tür deutete. Der Mann namens Truchulzk schwieg.

„Für unsere wahre Aufgabe kann Gylbax eine Hilfe, aber auch eine Gefahr sein“, erklärte Xaranth. „Wir können solche Entwicklungen nicht einfach dem Zufall überlassen. Ich werde nach Oot gehen.“ Nun erhob sich Truchulzk, stützte sich auf den Tisch und funkelte Xaranth böse an: „Noch nie hat ein Bewacher der Gruft Sindra verlassen.“

„Bisher war es auch noch nie notwendig“, erwiderte Xaranth leidenschaftslos. „Nichts ist wichtiger, als das Geheimnis zu bewahren.“

Truchulzk ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. 

Die Besprechung war beendet. Xaranth verspürte Erleichterung, dass er den Raum verlassen konnte. Es handelte sich um den einzigen Ort auf dem Kontinent, an dem er so etwas wie Unbehagen statt Überlegenheit empfand.

 

*

 

Der Weg nach Lohidan war nicht mit dem Weg zum Quaralpalast vergleichbar. Das ungleiche Paar wanderte auch nicht, sondern ritt schweigsam seinem Ziel entgegen. Dennoch konnte sich Unitor des Eindrucks nicht erwehren, von der Vergangenheit eingeholt worden zu sein. Die hochgewachsene, aristokratische Frau an seiner Seite mit ihrer hellgrauen Haut, den hohen Wangenknochen und dem wehenden, weißen Haar löste ein Wechselbad der Gefühle in ihm aus. Seine ständigen Seitenblicke waren ihr natürlich nicht verborgen geblieben. Auch ohne die geschärfte Wahrnehmungsgabe einer Kriegerin hätte sie sein ständig präsentes Interesse nicht übersehen können. Sie hatte sich nur noch keine klare Meinung darüber gebildet, ob dieses Interesse aus Argwohn entsprang oder aus einem anderen Beweggrund.

„Du denkst an Octora, nicht wahr?“, fragte sie geradeheraus.

Unitor schwieg und sah sichtlich verlegen zu Boden, während sein Pferd mit dem ihren Schritt zu halten versuchte.

„Vergiss sie!“, zischte Ardenastra, die sich nun Tritoria nannte. „Wenn unsere Mission beendet ist, werde ich dich töten. Bis dahin brauchst du mich nicht ständig im Auge zu behalten.“

Nach einer kurzen Pause kam von Unitor die Bemerkung, die Tritoria zu diesem Zeitpunkt am allerwenigsten erwartet hätte: „Du bist schön. Bitte verzeihe mir, dass ich dich so oft anstarre.“

Nun war es an ihr, verlegen zu Boden zu sehen, während die Pferde eine kleine Anhöhe erklommen. Nach dem Erreichen des Scheitelpunktes konnte man in der Ferne das Ostmeer und den Hafen von Lohidan erkennen. Zilch war bereits weit vorausgeflogen. Unitor und Tritoria verschärften das Tempo ihrer Pferde und tauchten in einen dichten Eschenhain ein, der sich auf beiden Seiten der Straße erstreckte, die zur größten Hafenstadt Lokhrits führte.

Tritoria trieb ihr schwarzbraunes Pferd zu einem leichten Galopp an. Ohne ersichtlichen Grund geriet es plötzlich ins Straucheln und stürzte. Geistesgegenwärtig zügelte Unitor sein Tier und sprang aus dem Sattel noch bevor es stand. Er stürzte, rollte über die Schulter ab und stand bereits im nächsten Augenblick wieder auf den Beinen. In der Rechten hielt er das rötlich schimmernde Schwert von Umbursk. Tritorias Pferd hatte die Vorderbeine ausgestreckt und versuchte, aufzustehen. Die Tochter des Herzogs selbst lag bewegungslos am Boden. Nun bemerkte Unitor auch das dünne Seil, das in Kniehöhe quer über den Weg gespannt war.

Acht Männer in abenteuerlichen Trachten traten aus dem Wald hervor. Vier von ihnen hielten Stiftlader auf Unitor gerichtet, die übrigen trugen Beile und Streitkolben in den Händen. Mit ihren verfilzten Haaren und Bärten und den wettergegerbten Gesichtern wirkten die Männer äußerst furchteinflößend. Unitor gewann zunächst den Eindruck, dass er es mit Wegelagerern zu tun hatte. Aber dann erinnerte er sich daran, wo er sich befand. Genauso gut konnte es sich um Seeleute handeln.

„Lass das Schwert fallen!“, kommandierte ein älterer, grauhaariger Kerl und vollführte eine drohende Bewegung mit seiner Streitaxt.

Unitor warf sein Schwert auf die sandige Straße. Womöglich hätte er mit dem „vernichtenden Blick“ des Eisgrafen die vier Männer mit den Stiftladern ausschalten und das Überraschungsmoment nutzen können. Aber das wäre äußerst riskant gewesen, zumal er befürchtete, dass noch weitere Männer im Unterholz neben der Straße verborgen sein könnten. Vor allem aber schreckte er davor zurück, Tritoria zu gefährden, falls sie überhaupt noch am Leben war.

Während der grauhaarige Mann mit dem Beil auf ihn zu schritt und das Schwert aufhob, sagte Unitor: „Was wollt ihr von uns? Ihr seid keine Räuber.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte der grauhaarige Mann.

„Ich weiß, dass die Seeleute von Lokhrit ehrliche Menschen sind“, erwiderte Unitor. „Ich bin ein Freund des Hafenmeisters.“ Ihm war bewusst, dass er ein gefährliches Spiel trieb. Er hatte den Hafenmeister noch nie persönlich kennengelernt. Aber im schlimmsten Fall bestand immer noch die Möglichkeit, seine Identität als Eisgraf zu offenbaren.

Das Gesicht des Grauhaarigen nahm einen etwas freundlicheren Ausdruck an, und er ließ das Beil in seiner Hand sinken. Die vier Stiftlader blieben jedoch weiterhin auf Unitor gerichtet.

„Der Hafenmeister ist tot“, gab der Lokhriter bekannt. „Er wurde von Fremden ermordet. Es soll ein Mann aus dem Norden dabei gewesen sein. Ihr seid Fremde. Und Sie sind ein Mann aus dem Norden. Ihr kommt zwar nicht aus der Stadt und wäret wohl lebensmüde, wenn ihr ihn ermordet hättet und jetzt in die Stadt zurückkehren wolltet. Es sei denn, ihr hättet dort etwas vergessen.“ Er trat zu der steif am Boden liegenden Tochter des Herzogs und betrachtete sie nachdenklich.

„Die Zogh sind die besten Freunde der Lokhriter“, erinnerte Unitor und zeigte auf Tritoria.

Der Grauhaarige schüttelte jedoch den Kopf: „Wir haben gehört, dass sich auch in Zogh offenbar einiges verändert hat. Es gibt einen neuen Herrscher in den Höhlen, und sie hier stammt unverkennbar aus den Höhlen.“ Er beugte sich zu Tritoria hinab. Nach einer Weile richtete er sich wieder auf und verkündete: „Sie lebt.“ Er gab zwei seiner Männer einen Wink und steckte Unitors Schwert in seinen Gürtel: „Wir werden euch nach Lohidan bringen. Ihr seid Gefangene des Volkes von Lokhrit bis geklärt ist, dass ihr wirklich nichts mit dem Tod des Hafenmeisters zu tun hattet.“

 

*

 

Das Essen war kalt geworden. Unschlüssig rührte Crandin mit dem großen Holzlöffel in dem von ihm zubereiteten Haferbrei herum, der erkennbar immer zäher wurde. Von außen betrachtet schien die Burganlage enorm groß, jedenfalls wenn man auch die zahlreichen Gärten hinter den hohen Mauern berücksichtigte. Crandin wusste, dass die Vernunft gebot, auf Siridindar zu warten anstatt sie in dieser unübersichtlichen, ihm völlig unbekannten Anlage auf gut Glück zu suchen. Dennoch nahm seine Ungeduld von Minute zu Minute beständig zu. Bisher hatte ihn nur der Gedanke zurückgehalten, dass sie sich wahrscheinlich verpassten, wenn er hier ziellos umherirren und dann womöglich auch noch Schwierigkeiten haben würde, in die Küche zurückzufinden.

Wieso Schwierigkeiten? dachte Crandin alarmiert. Als Spiritant hatte er auch in fremder Umgebung nie das geringste Problem gehabt, seinen Ausgangsort wieder aufzufinden. Bestürzt sprang er auf und eilte zum nächstgelegenen Fenster. Völlig verstört stellte er fest, dass auf der Burgmauer und in der Krone eines Baumes in dem kleinen Innenhof unterhalb der Küche mehrere Vögel saßen, die munter zwitscherten. Er hatte sie zuvor bereits gehört. Aber in seinem Kopf war eine völlige Leere. Er konnte die Vögel sehen, aber ihre Anwesenheit nicht spüren.

Unvermittelt fielen ihm Siridindars Worte ein: „Es ist ein Geben und Nehmen.“ Hatte die Liebe zu der überirdisch schönen Frau ihn all seine besonderen Fähigkeiten gekostet? Und nun hatte sie ihn wohl auch noch verlassen. „Wir müssen den letzten Teil unseres Weges zurücklegen.“

Mutlos kehrte Crandin in die Küche zurück und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Den Brei rührte er nicht an. Er fühlte sich plötzlich in dieser fremden Umgebung völlig verloren und hilflos. Der junge Priester benötigte zwei Stunden, um sich klarzumachen, dass das hier eigentlich keine fremde Umgebung für ihn sein durfte. Als Erbe Qaromars gehörte ihm die Burg. Damit hatte er auch die Verpflichtung übernommen, sie zu erkunden. Mühsam erhob er sich und ahnte, dass er nun wieder allein auf sich gestellt war. Ebenso krampfhaft wie erfolglos bemühte er sich, die Gedanken an Siridindar aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Mit schweren Schritten erklomm er die Treppe zur Galerie. Dort öffnete er die erste von sechs Türen. Dahinter führte eine Wendeltreppe zum nächsten Stockwerk. Crandin schloss diese Tür wieder und wandte sich der zweiten zu. Sie stellte den Eingang zu einem Korridor dar, dessen Ende im Dunkeln lag. Die nächsten beiden Türen gehörten zu einem an die Galerie anschließenden Raum, der mit allerlei Gerätschaften vollgestopft war, wie sie die Priester des Wissens für ihre Experimente verwendeten. Obgleich nirgendwo staubfreie Sauberkeit herrschte, vermittelten die Räume nicht den Eindruck als seien sie eine Ewigkeit nicht benutzt worden. Die fünfte Tür öffnete einen Gang, an dessen Ende sich der Ausgang zu einem kleinen Balkon befand. In der Hoffnung, einen Überblick über die Gartenanlagen gewinnen zu können, begab sich Crandin auf diesen Balkon. Von dort aus hatte er einen ungehinderten Blick nach Osten und Süden, wo in weiter Ferne das Meer zu erahnen war. Unterhalb des Balkons erstreckte sich eine eingefriedete Pflasterfläche. Crandin musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass dort fünf Skelette mit seltsam verrenkten Gliedern auf dem Boden lagen. Auf der Mauer daneben saß eine alte Frau, die geradewegs zu ihm hochblickte. In ihren weißen, leeren Augen konnte er weder Iris noch Pupillen erkennen. Ihr wettergegerbtes Gesicht war voller Falten. Sie trug ein schlichtes, sackartiges Jutegewand, das sie an der Taille mit einem einfachen Hanfstrick verknotet hatte. Graues, unordentlich verfranstes Haar hing ihr bis über die Schultern.

„Sie müssen der größte Narr von allen sein“, schalt sie Crandin mit kreischender Stimme. „Sie haben Udontroth und Siridindar befreit. Sorgen Sie jetzt wenigstens dafür, dass Murbolt in seinem Gefängnis bleibt!“

„Wer sind Sie? Und wer ist Murbolt?“, fragte Crandin erschrocken.

„Ich bin seine Frau“, erwiderte die Alte. „Verschwinden Sie jetzt!“

„Diese Burg gehört mir“, widersprach der junge Priester störrisch, was die Alte zu einem hässlichen Lachen nötigte.

„Sind Sie noch blinder als ich?“, kreischte sie. „Sehen Sie nicht, dass dies eine Stätte des Todes ist?“ Sie deutete auf die fünf Skelette und machte danach eine umfassende Handbewegung. „Verschwinden Sie solange Sie noch können!“ Standhaft stützte Crandin seine Hände auf die steinerne Balkonbrüstung zum Zeichen dafür, dass er nicht daran dachte, diesen Ort zu verlassen. Jedenfalls nicht jetzt, da er sich entschlossen hatte, das Erbe Qaromars doch anzutreten. Auf keinen Fall würde er sich von einer verrückten Alten vertreiben lassen. Er hatte keine Gelegenheit mehr, die Folgen seiner Weigerung in ihrer vollen Tragweite zu begreifen: Sie war endgültig. Er würde diesen Ort nie mehr verlassen.

Die Hand der alten Frau verschwand in einer Falte ihres sackartigen Kleides. Als sie sie wieder herauszog und hochhielt, konnte Crandin zwischen ihrem Daumen und ihrem Zeigefinger einen kleinen, flachen Stein erkennen. Er hatte die unscheinbare Form und graue Farbe eines gewöhnlichen Kieselsteins, aber selbst auf diese Entfernung waren die winzigen, etwas helleren Einschlüsse nicht zu übersehen, die im einfallenden Sonnenlicht glitzerten. Voll Entsetzen wandte sich der Erbe Qaromars ab.

 

*

 

Wo normalerweise ein geschäftiges Treiben in geordneten Bahnen stattfand, herrschte nun ein heilloses Durcheinander. Der größte Teil der Einwohner Lohidans schien in den Straßen der Stadt unterwegs zu sein, zumeist schreiend und ohne erkennbares Ziel. Die acht Lokhriter hatten trotz ihrer zur Schau getragenen Bewaffnung Schwierigkeiten, ihre beiden Gefangenen durch die Menge kreuz und quer eilender Menschen hindurch zu bugsieren. Als sie endlich das am zentralen Marktplatz gelegene Gebäude der Stadtwache erreichten, hatte Tritoria augenscheinlich immer noch nicht ihr Bewusstsein wiedererlangt.

Der grauhaarige Anführer des Trupps schob Unitor in einen rundum von Gebäudewänden und Mauern umgebenen Innenhof, wo bereits mehrere Gefangene gefesselt auf Stühlen warteten. Zwei Soldaten der Stadtwache mit leichten Kettenhemden kamen auf die Neuankömmlinge zu. Unitor bemerkte, dass die beiden Männer an ihren Gürteln jeweils zwei unterschiedliche Waffen trugen: Schlagstöcke für leichtere Einsätze und Breitschwerter für ernsthaftere Auseinandersetzungen.

Der Grauhaarige schilderte den beiden Stadtwachen die Umstände der Festnahme seiner Gefangenen. Zwei seiner Leute bemühten sich weiterhin um Tritoria. Da trat aus dem Hintergrund ein weiterer Soldat zu den beiden Wachen und zog den kleineren Mann mit dem Kettenhemd beiseite. Unitor maß dem keine Bedeutung bei, weil es hier anscheinend ebenso drunter und drüber ging wie draußen auf den Straßen.

„Das ist der Fürst zu Drinh. Ein Mann hat ihn erkannt“, raunte der Soldat seinem Kameraden mit gedämpfter Stimme zu, während sie sich in Richtung der östlichen Mauer bewegten.

Der andere fuhr herum.

„Der Fürst war an dem Attentat beteiligt!“ Keiner der Anwesenden ahnte, dass in Wahrheit Zallux, der ehemalige Fürst zu Drinh, die Verantwortung für den Mordanschlag auf den Hafenmeister trug und nicht Unitor, der nach der Entlarvung des falschen Fürsten unter dem Namen Pandor zu Drinh das Erbe seiner Vorväter angetreten hatte.

„Eben“, bestätigte der Mann, der Unitor verraten hatte. „Aber er ist ein Eisgraf. Wenn er bemerkt, dass wir ihn erkannt haben, wird er den „vernichtenden Blick“ einsetzen.“

Langsam wurde Unitor nervös. Er schielte zu Tritoria, die immer noch keine Anstalten machte, aus ihrer Bewusstlosigkeit zu erwachen. Er bemerkte nicht, wie ein Soldat mit einem Blecheimer scheinbar zufällig an ihm vorbeischlenderte. Plötzlich wurde Unitor von mehreren Personen gepackt. Ehe er sich versah, stülpte der nun hinter ihm stehende Soldat den Eimer über seinen Kopf. Der Eisgraf wurde zu Boden gerissen. Er fühlte wie mehrere Männer versuchten, ihm die lederne Tragschlaufe des Eimers um den Hals zu schlingen und seine Hände auf dem Rücken zusammenzubinden.

„Wir haben einen der Mörder!“, schrie einer der Soldaten. „Der Fürst zu Drinh wurde erkannt!“

„Ihr Idioten!“, gellte eine weibliche Stimme über den Hof. Tritoria war unbemerkt aufgesprungen. In ihrer rechten Hand lag ein Schnelllader. Mehrere Männer wälzten sich auf dem Boden, unter anderem der sich verzweifelt wehrende Unitor, den die Wachen immer noch zu überwältigen und zu fesseln suchten.

„Er hat den Hafenmeister nicht umgebracht!“, schrie Tritoria.

„Lügnerin!“, brüllte einer der Soldaten. „Tötet den Mörder!“ Mit diesen Worten riss er das Breitschwert aus seinem Gürtel, trat zu dem am Boden liegenden Eisgrafen und holte zum tödlichen Streich aus. Die drei noch auf der Erde kämpfenden Soldaten warfen sich zur Seite, um sich vor dem Schwerthieb in Sicherheit zu bringen. Aber es kam anders. Eine wabernde, schillernde Blase erfasste den Soldaten mit dem Schwert, und im nächsten Augenblick verschwand er. Zurück blieb nur ein winziges Häuflein Staub. Das Geschrei erstarb schlagartig. Sekundenlang herrschte atemlose Stille. Dann rief einer der Soldaten: „Sie ist eine Eisgräfin! Das ist Königin Octora!“

Tritoria trat mit einigen schnellen Schritten zu Unitor, riss ihm unsanft den Eimer vom Kopf, zerrte ihn hoch und stieß ihn in Richtung der Außenmauer.

Im nächsten Moment gähnte dort eine breite Bresche. Tritoria hatte erneut von ihrem „vernichtenden Blick“ Gebrauch gemacht. Nun hatte sich auch Unitor wieder gefasst. Mit ein paar mächtigen Sätzen rannte er zu dem etwas abseits stehenden Anführer der Seeleute, die ihn gefangengenommen hatten. Ehe dieser sich versah, entriss Unitor ihm das Schwert von Umbursk. Danach hastete er hinüber zu der Außenmauer des Gefängnishofs an die Stelle, wo Tritoria die Bresche geschaffen hatte. Ohne sich nochmals umzusehen tauchte er in das Menschengewühl auf der Straße ein. Tritoria folgte ihm.

„Wir müssen unsere Pferde finden“, keuchte sie.

„Wir sind schon auf dem Weg dahin“, erwiderte Unitor und deutete nach oben. Tritoria verstand sofort. Der graue Papagei flog in Richtung des nördlichen Stadtrandes. Mühsam folgten ihm die beiden Eisgrafen durch die Menschenmenge in den Straßen Lohidans. Je näher die beiden Flüchtenden den Außenbezirken kamen, desto mehr ebbte das Gedränge in den Straßen ab. Die gemauerten Stadthäuser wurden zunehmend von einfachen, überwiegend aus Holz errichteten Fischerhütten abgelöst, und die gepflasterten Straßen gingen in schmale, staubige Gassen über. Ein abgemagerter, schwarzer Hund folgte dem ungleichen Paar. Er blieb enttäuscht zurück als sie ihren Weg immer noch fortsetzten nachdem sie auch die letzten Behausungen hinter sich gelassen hatten. Ein angenehm milder Wind strich vom Meer her über die saftigen Wiesen, die teilweise durch hölzerne Koppelstangen begrenzt wurden. Eine kleine Herde von Kühen graste neben dem Wegesrand und ließ sich von den beiden vorbeieilenden Menschen nicht stören.

Unitor zeigte erneut zum Himmel, aber Tritoria hatte es bereits bemerkt. Zilch kreiste über dem kleinen Wäldchen, zu dem der Weg führte, auf dem sie sich gerade befanden. Die Zogh verhielt ihren Lauf und stieß einen leisen Fluch aus. Unitor blickte sie überrascht an: „Du meinst, dass sie uns bereits entdeckt haben?“

Diesmal deutete die Tochter des Herzogs auf den grauen Papagei. Nun blieb auch Unitor vor Schreck wie angewurzelt stehen. Der Flug des Vogels war ohne erkennbaren Grund unstet geworden. Er begann zu taumeln und wie ein Stein abzustürzen. Verzweifelt schlug er mit den Flügeln während er zwischen den Baumkronen verschwand.

„Los jetzt!“, fauchte Tritoria und setzte mit einem mächtigen Sprung über das Weidegatter neben dem Weg. Sie rannte auf den Wald zu und nutzte dabei das hohe Gras und die Holzstangen als Deckung so gut es ging. Unitor hatte große Mühe, ihr zu folgen. Niemand stellte sich ihnen jedoch entgegen, und so erreichten sie unangefochten den kleinen Wald. Sie hielten sich weiterhin seitlich des Weges im Schutz der Bäume während sie in den Wald vordrangen. Schon hinter der ersten Biegung stießen sie auf ihre Pferde. Sie waren neben dem Weg an zwei Bäumen angebunden. Unitor konnte keinen Menschen entdecken, aber ein graues Knäuel, das nicht weit entfernt unmittelbar neben dem Wegesrand lag. Sofort begab er sich zu dieser Stelle. Der graue Papagei war tot. Mit Tränen in den Augen untersuchte Unitor den leblosen Körper des Vogels. Er wies nirgendwo das geringste Anzeichen einer Gewalteinwirkung auf.

Ein schrecklicher Verdacht kroch wie ein lähmendes Gift in Unitor hoch: Crandin! Zwischen Zilch und dem jungen Priester des Wissens bestand eine ganz besondere Verbindung. War Crandin etwas zugestoßen?

„Wir müssen auf dem schnellsten Weg nach Rukumor!“, rief Unitor aufgeregt. Er sah kurz zum Himmel hoch, um sich zu orientieren. Dabei streifte sein Blick eine Baumkrone hinter der gegenüberliegenden Seite des Weges und erfasste eine beinahe unmerkliche Bewegung. Undeutlich erkannte er das Gesicht eines Mannes und eine Hand, die eine Bogensehne spannte. Der Pfeil war eindeutig auf Tritoria gerichtet. Mit einem hastigen Sprung warf Unitor sich vor die Tochter des Herzogs. Der genau gezielte Pfeil durchbohrte seine Schulter statt das Herz der Zogh. Tritoria hatte nur den Bruchteil einer Sekunde benötigt, um die Lage ebenfalls zu erfassen. Während sie Unitors Körper auffing, waberte die Blase ihres „vernichtenden Blicks“ zu dem im Baumwipfel verborgenen Schützen. Mitsamt dem umgebenden Geäst wurde er pulverisiert.

Unitor röchelte nur noch schwach als Tritoria ihn behutsam zu Boden gleiten ließ.

 

*

 

Obgleich er sich an einem der idyllischsten Orte des Kontinents befand und im Begriff stand, ein Bündnis von überragender Bedeutung zu schmieden, fühlte sich Saradur unbehaglich. Er wusste, dass es allein an diesem uralten Wesen lag, das dort drüben auf dem kleinen Inselchen drohend seine titanischen Äste zu recken schien. Der Eisbaum von Tidoa. Diesmal hatte es den Höchsten Priester höchste Überwindung gekostet, den von seinem Gesprächspartner vorgeschlagenen Treffpunkt zu akzeptieren. 

„Ist Ihnen unwohl?“ Zobirek war die Gemütsverfassung seines Gastes nicht verborgen geblieben.

„Ich bin nur etwas erkältet“, entgegnete Saradur leichthin und riss seinen Blick von dem gewaltigen Eisbaum los. Das einsame Gehöft am Waldesrand, das der Mörder des Herzogs als Ort ihres Zusammentreffens auserkoren hatte, lag malerisch unterhalb der südlichen Ausläufer des Aralt-Gebirges mit ihren schneegekrönten Gipfeln.

„Ihr Bote sagte, Sie könnten mir helfen“, nahm Zobirek das Gespräch wieder auf. „Ein solches Angebot ehrt mich. Aber wobei wollen Sie mir helfen?“

Saradur lehnte sich zurück. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er hasste es, wenn jemand glaubte, mit ihm Katz und Maus spielen zu können.

„Ich bin nicht annähernd so naiv wie Sie denken. Streben Sie die Herrschaft über ganz Zogh an oder nicht?“ Saradurs Frage stellte eine unverhohlene Provokation dar. Darauf war der Regent der Höhlen nicht vorbereitet. Offensichtlich scheute er eine direkte Antwort. Er wirkte sichtlich ungehalten, hielt sich aber im Zaum.

„Dann antworte ich eben für Sie“, stichelte Saradur weiter. „Natürlich wollen Sie das, schon weil das für Sie eine Frage des Überlebens ist.“ Bevor Zobirek aus der Haut fahren konnte, beschwichtigte ihn Saradur mit einer knappen Geste und den Worten: „Ich will das auch. Und wie ich bereits gesagt habe, bin ich hier, weil ich Ihnen dabei helfen kann.“

„Verraten Sie mir auch, weshalb Sie mir helfen wollen?“, erkundigte sich der Regent der Höhlen.

Saradur überging die Frage: „Früher oder später werden Octora und ihr Vater gegen Sie vorgehen. Den Heeren der Hochebenen und des Südens sind Sie weit unterlegen. Nur eine einzige Macht auf dem Kontinent könnte die Kräfteverhältnisse zu Ihren Gunsten ändern.“ Saradur sah Zobirek gespannt an. Die Antwort war jedoch dermaßen fernliegend, dass der Regent sie nicht erraten konnte. Deshalb musste der Höchste Priester selbst die Lösung bekanntgeben: „Die Pylax.“

Zobirek schluckte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Pylax mir helfen würden. Schon gar nicht nach der Niederlage von Clampp“, wandte er ein.

„Oder aber gerade deswegen“, widersprach Saradur. „Die Vernichtung der Schattenarmee hat den Stolz der Pylax verletzt, und sie war auch nur auf den eisigen Winter zurückzuführen. Glauben Sie mir: Die Pylax sind äußerst lernfähig. Ich habe einen Pakt mit dem Königlichen Verweser von Yacudac. Wenn ich ihn hierher rufe, wird er kommen.“

Zobirek konnte immer noch nicht glauben, dass ihm eine derart weitgehende Hilfe unentgeltlich zuteil werden sollte: „Was verlangen Sie als Gegenleistung?“, fragte er daher.

„Nichts“, lächelte Saradur. „Im Rahmen der Ereignisse werden zwangsläufig offene Rechnungen beglichen. Insbesondere werden Octora und der Marschall von Sandammon und Sokul getötet. Und genau das wollen Sie ja auch.“




Kapitel 6 – Begegnungen auf verschlungenen Wegen


Die politischen Wirren der letzten Jahre waren selbst an Lumbur-Seyth nicht ganz spurlos vorübergegangen. Wehmütig schaute Uggx durch die verrosteten Gitterstäbe zu dem einst so stolzen Anwesen. Dort hatte er viele unbeschwerte Jahre, ja sogar Jahrzehnte mit dem Mipf der Steppe verbracht, der inzwischen nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ausgerechnet jene Droge, die das Leben unbegrenzt verlängerte, war ihm letztlich zum Verhängnis geworden.

Die Steinplatten des Eingangswegs zu dem monumentalen Säulenportal wurden mittlerweile von Unkraut kniehoch überwuchert. Es hatte sich sogar auf den Kaminen angesiedelt und mit der Kraft seiner Wurzeln große Stücke herausgebrochen, die auf die Dachschindeln herabgefallen waren. Einige größere Brocken lagen in den beiden Vorgärten des kleinen Schlosses. Selbst in der Fassade hatte bereits eine Rissbildung eingesetzt, die an zerbrochenes Glas erinnerte.

Jetzt bereute der Shondo, dass er nach seiner langen Reise einen Umweg auf sich genommen hatte, um diesen Ort noch einmal zu sehen. Er gab seinem Pferd einen leichten Klaps und lenkte es zurück auf die breite, gepflasterte Allee. Der Herrscher des Urwaldes von Oot floh vor einem heruntergekommenen Gebäude, in dem unzählige Erinnerungen schlummerten. Niemand hätte dem riesigen Kerl mit seinem wilden Aussehen und den schwarzen, schulterlangen Zottelhaaren eine solche Feinfühligkeit zugetraut. Uggx selbst wusste am besten, dass er derartige Gefühle und die damit verbundene Verletzlichkeit niemals nach außen zeigen durfte.

Er durchquerte die halbe Stadt, die größte des Kontinents, bis der ehemalige Palast in Sichtweite kam. Von dort aus hatten die Könige von Surdyrien vor vielen Jahren das Nachbarland regiert. Jetzt war Lumbur-Seyth eine freie Hafenstadt. Auf dem Papier, dachte Uggx. Seit Schaddoch die Obesier verjagt und Gylbax nur ein ebenso kurzes wie grausames Gastspiel gegeben hat. Baron Schaddoch, der einzige noch lebende Sohn des letzten Königs, den die Obesier ermordet hatten, war nun der starke Mann. Ihm vertrauten die Einwohner von Lumbur-Seyth und Surdyrien gleichermaßen. 

Mit gemischten Gefühlen ritt Uggx in den Palastgarten. Dort erwartete ihn ein kleiner Mann mit stechenden Augen und wuscheligen Haaren. Baron Schaddoch hatte es abgelehnt, sich in dieser Residenz niederzulassen. Mit der Rolle als letzter Spross der surdyrischen Könige konnte er sich nicht zurechtfinden. In den Augen der Bevölkerung wollte er jeden Anschein vermeiden, aus seiner Geburt Herrschaftsansprüche herzuleiten. Der kleine Mann mit dem Wuschelkopf kannte dagegen in diesem Punkt keinerlei Zurückhaltung. Jahrelang war er als fliegender Händler in Lumbur-Seyth unterwegs gewesen bevor er diese Tätigkeit nur noch zur Tarnung ausübte. Unter dem Decknamen „Der Skorpion“ gehörte er zu den engsten Vertrauten des Barons. Uggx sprang von seinem Pferd und umarmte den ehemaligen Kampfgenossen: „Wurluwux, bei deinem Anblick strahlt die Sonne heller!“

Wurluwux befreite sich aus der Umarmung und schob Uggx zurück: „Komisch, davon merke ich gar nichts. Du bist noch genauso schwarz wie immer.“ Uggx lachte. Nicht ohne einen gewissen Ernst fügte Wurluwux hinzu: „In meinem Inneren bin ich immer noch ein fliegender Händler. Ich merke, wenn einer die Freundlichkeit übertreibt, um ein gutes Geschäft zu machen.“

Uggx sah ihn verwirrt an. Aber nun klopfte Wurluwux ihm auf den Rücken, lachte und forderte ihn auf: „Komm rein, ich werde mir anhören, was du willst. Alte Kampfgefährten haben immer etwas gut bei mir.“ Verschmitzt lächelnd setzte er hinzu: „Und du bist ja sehr alt.“

Uggx schüttelte den Kopf und folgte dem kleinen Mann, der zusammen mit Schaddoch und Shrogotekh die Geschicke zweier Länder maßgeblich beeinflusste, wenn nicht gar bestimmte. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Shondo, dass in geringer Entfernung zum Eingangsportal zwei Männer in einem angeregten Gespräch vertieft zu sein schienen. An ihrem Äußeren erkannte er, dass es sich um Pylax handelte. Das stimmte ihn äußerst nachdenklich. Unter Pylax gab es üblicherweise keine angeregten Gespräche.

Wurluwux führte Uggx in ein abgelegenes kleines Zimmer des Palasts, das ideale Voraussetzungen für eine vertrauliche Unterredung im engsten Kreis bot. Er setzte sich auf eines der drei Sofas und überließ es Uggx, sich selbst einen Platz auszusuchen.

„Ich weiß, dass du einen schwerwiegenden Grund hast, wenn du nach Lumbur-Seyth kommst“, vermutete der Vertraute Schaddochs. „Möchtest du wieder hier wohnen?“ Die Frage war als Scherz gemeint, aber Uggx erwiderte völlig überraschend: „Vielleicht.“ Wurluwux sah ihn prüfend an, aber in dem maskenhaft starren Gesicht des Shondo konnte er nicht die geringste Regung erkennen.

„Ich bin zunächst einmal hier, weil ich den Auftrag habe, das Erbe Senesia Sidas in Besitz zu nehmen“, eröffnete Uggx seinem ehemaligen Kampfgefährten.

„Bist du ihr Erbe?“, fragte Wurluwux verblüfft.

„Nein“, entgegnete Uggx. „Das Erbe fiel an ihren Vater Berion und nach dessen Tod an seine einzige verbliebene Tochter, Baradia. Von ihr habe ich den Auftrag.“

Die Züge des Mannes, der in der Unterwelt immer noch „Skorpion“ genannt wurde, bekamen plötzlich einen harten Ausdruck.

Seine Stimme klang ungewohnt kalt als er erwiderte: „Gylbax von Sindra hatte Senesia Sidas Besitz annektiert.“ Wurluwux war fest entschlossen, ein riesiges Vermögen, das ganze Schiffsflotten, Handelshäuser und vor allem zahlreiche Bergwerke, das Rückgrat des surdyrischen Wohlstands, umfasste, nicht einer Frau zu überlassen, die als eine der umstrittensten auf dem gesamten Kontinent galt.

„Das entbehrt jeglicher Rechtmäßigkeit“, hielt Uggx dagegen. „Gylbax ist der Mörder Senesia Sidas. Er wollte Surdyrien und Lumbur-Seyth unterjochen.“

„Ja, mit Hilfe Baradias“, erinnerte Wurluwux. „Sie hat die Schattenarmee wiedererweckt. Die Rechtslage ist zumindest ungeklärt. Ich werde das jedenfalls nicht entscheiden. Du solltest direkt zu Baron Schaddoch nach Dirtos gehen.“

Uggx war verärgert, obwohl er mit dieser Weigerung gerechnet hatte. Fast alle Ilumit-Minen Surdyriens hatten sich im Besitz Senesia Sidas befunden. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass Baron Schaddoch und seine Helfer diesen Schatz nicht ohne Weiteres freigeben würden. 

„Ich werde nach Dirtos gehen“, kündigte Uggx an. „Aber du solltest wissen, dass ich das als Oberhaupt aller Shondo tue.“ Die Drohung in seiner Stimme war unüberhörbar. In den letzten hundert Jahren konnte der Betrieb der Bergwerke Surdyriens nur mit Hilfe der Shondo aufrechterhalten werden. Für Wurluwux stand jedoch fest, dass Schaddoch sich keinen Drohungen beugen würde. Er würde sich weder durch eine Arbeitsniederlegung der Shondo in den Minen noch durch direkte Angriffe beeindrucken lassen. Das wusste aber auch Uggx. Und trotzdem war er entschlossen, nicht nachzugeben.

 

*

 

Drogunod erkannte den Eisgrafen Unitor sofort. Als er noch in Diensten des Beraters der Vereinten Nordlande stand, hatte er in dessen Auftrag Crandin mit der Leiche des Eisgrafen auf einem Schiff vom Quaralpalast zum Paradies der Küste befördert. Dort wurde er Zeuge der erstaunlichen Wiedererweckung Unitors. Mit einem geheimnisvollen Trank hatte ihn der Höchste Priester des Wissens ins Leben zurückgerufen.

Nach der Auflösung der Vereinten Nordlande kehrte Drogunod in seine Heimat Lokhrit zurück. Von seinen Ersparnissen kaufte er sich ein kleines Fischerhäuschen und ein Boot in der größten Küstenstadt des Landes.

Kurze Zeit nach der Ermordung Thulminths machten in Lohidan Gerüchte die Runde, dass der Fürst zu Drinh an der Ermordung des Hafenmeisters beteiligt gewesen sei. Da der ehemalige Steuermann die Verhältnisse im Norden bestens kannte, wurde er gebeten, sich bei der Stadtwache zu melden. Dort sollte er den Mörder identifizieren, falls dieser gefasst werden würde. Drogunod glaubte von vornherein nicht daran, dass der Eisgraf Unitor etwas mit dem Anschlag zu tun gehabt haben sollte. Umso erstaunter war er, als freiwillige Helfer der Stadtwache den gefangenen Eisgrafen anschleppten. Pflichtgemäß offenbarte er dem Kommandanten der Wache, dass es sich um den Fürsten zu Drinh handelte. Zurückgezogen beobachtete er das weitere Geschehen aus einer Ecke des großen Innenhofes.

Er sah wie die bewusstlos geglaubte Zogh plötzlich aufsprang und Unitor befreite. Dadurch verdichtete sich seine Einschätzung, dass Unitor nichts mit dem Mord an Thulminth zu tun gehabt hatte, zur Gewissheit. Die Zogh waren schon von jeher die besten Freunde des Hafenmeisters gewesen. Wenn es sich bei der Fremden tatsächlich um Königin Octora handelte, wie einer der Soldaten gerufen hatte, konnten die Gerüchte erst recht nicht stimmen.

Drogunod nutzte den Tumult nach der Befreiung der beiden Gefangenen und folgte ihnen unauffällig durch die Straßen Lohidans bis zu der Fischersiedlung, wo er sogar an seiner eigenen Hütte vorbeikam. Außerhalb der Stadt bereitete es ihm jedoch immer mehr Mühe, den beiden Fliehenden zu folgen. Schließlich verlor er sie aus den Augen. Nichtsdestoweniger setzte er verbissen seinen Weg bis zu dem kleinen Wäldchen fort. Schweratmend lehnte er sich an den ersten Baum und ruhte sich eine Weile aus. Dann nahm er die Verfolgung wieder auf. Schon kurze Zeit später traf er auf ein Pferd, angebunden an einen Baum neben dem Wegesrand. Einige Meter weiter lag der Eisgraf am Boden. Mit schnellen Schritten eilte Drogunod zu Unitor und beugte sich zu ihm hinab. Der Fürst zu Drinh stöhnte leise vor sich hin. Seine Augen waren geschlossen. Ein großer Blutfleck hatte sich unterhalb der linken Schulter ausgebreitet. Drogunod richtete sich auf und sah sich um, aber er konnte keine Menschenseele entdecken, auch nicht die Begleiterin des Eisgrafen. Der Lokhriter ließ sich neben Unitor nieder und öffnete vorsichtig dessen Hemd. Dabei stellte er fest, dass mehrere Lagen blutstillender Kräuter und Spinnweben die Wunde bedeckten. Dann fiel sein Blick auf die ledernen Stiefel einer Frau. Offensichtlich war sie völlig geräuschlos neben ihm aufgetaucht. In ihrer rechten Hand lag ein Schwert.

„Ich will nur helfen“, versicherte der ehemalige Steuermann rasch.

Die Zogh nickte: „Andernfalls würden Sie auch nicht mehr leben. Sie waren es aber, der den Eisgrafen bei der Stadtwache erkannt hat.“

„Das stimmt“, gab Drogunod zu. „Man sagt, er habe bei der Ermordung des Hafenmeisters mitgewirkt. Aber ich bin sicher, dass das nicht zutrifft.“ In kurzen Worten schilderte der Lokhriter, wie er seinerzeit geholfen hatte, Unitor nach dem Mordanschlag des ehemaligen Hüters der Flammen nach Oot zu bringen, wo er mit einem geheimnisvollen Mittel von Berion wiedererweckt worden war.

„Können Sie uns verstecken, bis er wieder kräftig genug zum Reiten ist?“, wollte Tritoria wissen.

„Ich besitze eine Fischerhütte ganz in der Nähe. Dort könnten wir ihn hinbringen bis er wieder genesen ist“, schlug Drogunod vor. „Die Wunde sieht schlimmer aus als sie ist. Der Eisgraf ist ein zäher Bursche.“

Tritoria sah geringschätzig auf Unitor hinab: „Das will ich hoffen, auch wenn er nicht so aussieht. Wir müssen nämlich so schnell wie möglich fort von hier.“

„Wo wollen Sie hin?“, fragte der ehemalige Steuermann. Als die Tochter des Herzogs zögerte, fügte er hinzu: „Ich habe ein kleines Schiff.“

Tritoria sah ihn überrascht an. Wahrscheinlich war dieser Mann vertrauenswürdiger als jeder andere in Lohidan. Daher entschloss sie sich, das Wagnis einzugehen: „Können Sie uns nach Rukumor bringen?“

 

*

 

Noch vor wenigen Jahrhunderten hatte er diese Frau geliebt, die er nun hasste. Er war sicher, dass sie ein falsches Spiel mit ihm trieb, aber bisher durchschaute er es noch nicht. Um seinen Zorn und seine Nervosität zu verbergen, verknotete er eine fingerdicke Metallstrebe, die er aus dem stählernen Gerippe eines der ehemaligen Gewächshäuser herausgerissen hatte. Inzwischen wurden die bogenförmigen Skelette von den unterschiedlichsten Pflanzen überwuchert, die der Orden ehedem hier kultiviert hatte. Aber für die morbide Schönheit dieses verwilderten Gartens mit den verfallenen Resten der einstigen Forschungsstätte hatte Udontroth keinen Blick übrig.

„Willst lieber du hierbleiben und auf die Alte aufpassen?“, fragte Siridindar provozierend.

„Du willst nicht wegen der Alten hierbleiben, sondern wegen des Erben Qaromars“, hielt Udontroth ihr vor.

Siridindar ging auf diesen Vorwurf nicht ein: „Sie ist die Einzige, die unsere jeweiligen Pläne durchkreuzen könnte. Aber wenn du dich nicht bald auf den Weg machst, können wir genauso gut in unsere Gefängnisse zurückkehren.“

Udontroth stand auf. Soll sie doch hierbleiben, dachte er. Dann kann sie mir auch nicht zuvorkommen. Sobald ich die Klinge und das Gewand habe, werden sich die Dinge grundlegend ändern.

Er schickte sich an, zu gehen.

Siridindars Stimme schnitt durch die Stille: „Udontroth!“ Als er sich umdrehte, erkannte er, dass sich ihr Gesicht für einen Augenblick zu einer entsetzlichen Fratze verzerrt hatte. Nun aber erschien wieder dieses unverschämte Grinsen bei den Worten: „Grüße Chrinodilh von mir!“

Wütend warf er die Metallstrebe weg und ballte seine Hand zur Faust. Anscheinend versuchte diese Frau erneut, ihn als Werkzeug zu benutzen. Irgendwann, hoffentlich bald, würde er sie töten. Zuerst aber musste er den Dunstein finden, den sie ihm einst gestohlen hatte. Vor seinem geistigen Auge erschien ein Bild: Charak Dun. Immer wieder war der Stein dorthin zurückgekehrt und hatte schicksalhafte Kämpfe ausgelöst. Dieses Mal würde er, Udontroth, den Kampf für sich entscheiden. Seine Feinde würden bei seinem Erscheinen vor den Mauern Charak Duns erzittern. Dieses Mal würde er gewappnet sein – und unbesiegbar!

 

*

 

Es gab keinen Grund, noch länger zu warten. Viele Male hatte Orhalura das kalte Metall der beiden Schlüssel in ihren Taschen gespürt. Die Schlüssel, die Roxolay von Qaromar erhalten und ihr gegeben hatte. Jetzt war es an der Zeit, sie zu benutzen.

Der vom kalten Schein des luminiszierenden Ralumon erhellte Gang war leer. Die Priester des Wissens hatten das selbstleuchtende Material an der Decke und den Wänden des Kellergeschoßes aufgetragen, sodass hier immer eine gleichförmige Helligkeit herrschte. An der gesuchten Tür angekommen, schob Orhalura die breiten Enden der beiden Schlüssel in die dafür vorgesehenen Schlitze und drehte sie gleichzeitig. Die Tür öffnete sich. Die ehemalige Rektorin betrat den staubigen und schmucklosen Raum. Vorsorglich schloss sie die Tür wieder bevor sie den Boden nach den beiden anderen Schlitzen abzusuchen begann. Schnell hatte sie die Vertiefungen gefunden. Sie löste die kleine Bodenplatte und schob sie zur Seite. Aus der nunmehr sichtbaren Mulde im Boden entnahm sie die Kassette und entriegelte sie. Behutsam hob Orhalura das Säckchen mit dem Stein heraus. Neugierig entknotete sie das von Crandin angebrachte Stoffband, um einen Blick auf den Dunstein zu werfen.

In diesem Augenblick trommelten Fäuste gegen die Tür.

„Öffnen Sie! Sofort!“, brüllte eine markige Stimme, die Orhalura bekannt vorkam. Die donnernden Schläge gegen die Tür wurden noch lauter. Die Priesterin stellte hastig die Kassette zurück in die Mulde und verschloss die Steinplatte. Dabei fiel der Dunstein auf den Boden. Nun hämmerten Äxte gegen die Tür. Eine Schneide durchbrach das splitternde Holz. Orhalura ergriff blitzschnell den Dunstein und ließ ihn in die rechte Tasche ihres kittelartigen Gewandes gleiten noch ehe ihr klar wurde, dass sie dort auch Xilu, den Mon’ghal, aufbewahrte.

Zwei Äxte vergrößerten krachend das Loch in der Tür. Orhalura hob flink das Aufbewahrungssäckchen des Dunsteins vom Boden auf, schob den Stein hinein und ließ beides in ihrer anderen Tasche wieder verschwinden. Nur einen Augenblick später zerbarst die Tür. Mit einem lauten Knall schlug ein Teil des gebrochenen Türblatts auf den Boden auf. Draußen im Korridor standen vier obesische Soldaten und ein Ducentron. Drei der Soldaten hatten noch die Äxte in den Händen, mit denen sie die Tür zertrümmert hatten. Der vierte hielt einen Stiftlader auf Orhalura gerichtet. Der Ducentron hatte sein Schwert gezückt. Jetzt erkannte die Priesterin auch den Rektor des Monasteriums einige Schritte hinter den Soldaten.

„Sie kommen mit!“, bestimmte der Ducentron, an die Priesterin gewandt. „Wenn Sie versuchen, sich zur Wehr zu setzen, müssen wir Sie töten.“

Die vormalige Rektorin von Bogogrant wusste, dass sie sich in einer ausweglosen Situation befand. Sie leistete keine Gegenwehr und protestierte nur schwach. Die obesischen Soldaten umringten sie und führten sie zum Zimmer des Rektors von Dunculbur.

Irgendetwas hatte sich für Xilu von einem Augenblick zum nächsten grundlegend verändert. Plötzlich bereute er, dass er gestern dem Mon’ghal des Ducentron den entscheidenden Hinweis gegeben hatte. Xilu ordnete seine Gedanken völlig neu: Vorgestern hatte Orhalura diese denkwürdige Begegnung mit dem grauen Papagei gehabt, der ihr eine Nachricht von Teralura überbracht hatte.

Orhalura hatte ihm daraufhin zur Mitteilung an ihre Zwillingsschwester anvertraut, dass sie heute den Dunstein zu holen gedachte. Gestern war Orhalura dann gezwungenermaßen der Einladung des Rektors gefolgt, der ihr den stellvertretenden Kommandanten des benachbarten Heerlagers der Obesier vorgestellt hatte. Xilu hatte sich gefreut, endlich einmal wieder die Anwesenheit eines Artgenossen spüren zu können.

Der Mon’ghal, der die Gedanken des Ducentrons kontrollierte, war mit Xilu auf die typisch lautlose Verständigungsweise der Mon’ghale in Kontakt getreten. Dies geschah mit Hilfe eines speziellen Organs, das Wellen erzeugte, die irgendwo im Bereich zwischen nicht mehr hörbarem Schall und gedanklichen Wellen lagen. Der Mon’ghal des Ducentron hatte Xilu äußerst beunruhigende Dinge mitgeteilt. Nach Auffassung des Rektors hegte Orhalura womöglich die Absicht, den Obesiern zu schaden. Xilu glaubte zwar nicht daran, aber andererseits fühlte er sich verpflichtet, Schaden von seiner Art abzuwenden. Deshalb hatte er dem anderen Mon’ghal das Vorhaben Orhaluras verraten. Auf diese Weise würden sie herausfinden, was die Priesterin wirklich beabsichtigte.

In dem kleinen Zimmer im Untergeschoß hatte sich Xilu tief in die Tasche von Orhaluras Gewand verkrochen. Dann erfolgte diese Berührung mit dem kalten Stein. Zuerst wollte sich Xilu fröstelnd zurückziehen. Dann aber spürte er, wie die Macht der Wahrheit, die von diesem Stein ausging, mit Gewalt über ihn hereinbrach. Wie von einem Blitz wurde Xilu von der Erleuchtung getroffen: Die Mon’ghale waren seine schlimmsten Feinde! Sie standen im Begriff, den Untergang allen Lebens auszulösen. Es sollte unbedingt eine Möglichkeit gefunden werden, ihnen Einhalt zu gebieten. In seinem Bewusstsein nahm eine alles überlagernde Botschaft klare Formen an: Seine Artgenossen mussten allesamt ausgerottet werden.

Der Ducentron legte jede ihm mögliche Strenge in seinen Blick. Trotz der Tatsache, dass er die Situation völlig im Griff hatte, fühlte er sich unwohl. Es bereitete ihm großes Unbehagen, eine Priesterin des Wissens vernehmen zu müssen, die als Mitglied des Inneren Zirkels auf eine ungeheure Machtbasis zurückgreifen konnte. Und bei ihrem Anblick musste er sich auch noch beherrschen, damit seine Strenge nicht dahin schmolz wie Eis in der Sonne.

„Wieso sind Sie in das Zimmer des Letzten Wanderpriesters eingebrochen, das nun im alleinigen Besitz seines Enkels steht?“, fragte er mit einer Stimmlage, die Härte ausstrahlen sollte.

Orhalura lehnte sich entspannt zurück: „Wieso eingebrochen? Haben Sie irgendwelche Beschädigungen an der Tür gesehen, bevor sie von ihren Freunden zerfetzt wurde?“ Sie zog die beiden Schlüssel aus der Tasche ihres Gewands und legte sie auf den Tisch: „Was glauben Sie, von wem ich die bekommen habe?“

Während der Ducentron noch unschlüssig auf die Schlüssel sah, erklang Xilus lautlose Anschuldigung, die nur für die Mon’ghale hörbar war: „Sie ist im Auftrag des Kollektivs hier. Cradok ist ein Verräter. Er hat sich das Erbe des Letzten Wanderpriesters angeeignet. Er steht unter dem Einfluss des Dunsteins und will uns alle vernichten. Ihr müsst ihn töten!“

Unvermittelt fuhren die obesischen Soldaten herum. Ihre Stiftlader richteten sich nun auf den völlig konsternierten Rektor. Ehe dieser sich rechtfertigen konnte, durchbohrten mehrere Stahlbolzen seine Brust.

Xilus Plan war aufgegangen. Der Ducentron und seine Männer hatten ein Mitglied des Inneren Zirkels getötet. Ein derart einmaliger Vorgang stellte eine Kriegserklärung an die Priester des Wissens dar und schrie nach Vergeltung. Das konnte den Anfang vom Ende der Mon’ghale bedeuten.

Orhalura ahnte von alledem nichts. Fassungslos starrte sie auf den aus seinem Sessel auf den Boden gerutschten Toten.

„Wir wissen, dass Sie vom Kollektiv beauftragt wurden, diesen Verräter zu entlarven“, erklärte der Ducentron. „Ich schlage vor, dass Sie sofort nach Modonos reisen und dem Kollektiv berichten, dass die Lage hier unter Kontrolle ist. Wir werden den Dunstein suchen und in Sicherheit bringen.“ Ohne zu wissen, was den plötzlichen Sinneswandel des Ducentron bewirkt hatte, beeilte sich Orhalura erleichtert, seinem Vorschlag nachzukommen. Erst auf ihrem Weg zur Pforte wurde ihr bewusst, dass sie den Dunstein berührt hatte. Noch fühlte sie keinerlei Auswirkungen. Aber der Gedanke an die Berührung ließ sie fortan nicht mehr los. Niedergeschlagen suchte sie das Stallgebäude auf und sattelte ihr Pferd. Der Befehl des Ducentrons, ihr ungefragt das Tor zu öffnen, war bei der Wachmannschaft bereits angekommen. Orhalura galoppierte unter dem Torbogen hindurch und entfernte sich schnell von diesem fluchbeladenen Ort ohne einen Blick zurück. Zehn Minuten später hatte sie das Versteck ihrer Zwillingsschwester erreicht.

Teraluras helle Freude über das Wiedersehen mit ihrer Schwester schwand schlagartig als sie in das bedrückte Gesicht Orhaluras sah. 

„Was ist geschehen?“, fragte sie, während ihre Schwester umständlich von ihrem Pferd kletterte.

„Ich habe den Dunstein berührt“, erwiderte Orhalura knapp. Dann setzte sie sich auf den Boden und weinte hemmungslos. Tröstend streichelte Teralura ihr über die Haare. Immer noch schluchzend schilderte Orhalura den Ablauf der Geschehnisse. Als sie geendet hatte, hingen die Zwillinge lange Zeit ihren Gedanken nach. 

Schließlich sagte Teralura: „Es ist doch gar nicht sicher, dass etwas Schlimmes mit dir vorgeht. Vielleicht sind wir Spiritanten immun gegen die Wirkungen des Steins.“ Orhalura sah sie mitleidig an: „Das solltest du dir nicht einreden. Wir müssen auf die geänderten Umstände reagieren. Ich bin zu einer Gefahr für dich, die Priester des Wissens und Rabenstein geworden. Du wirst den Dunstein allein dorthin bringen müssen.“

„Und was willst du tun?“, fragte daraufhin die Schwester.

„Ich werde nach Modonos gehen, in die Akademie“, offenbarte ihr Orhalura. „Ich will dort mit Leuten sprechen, die Qaromar gekannt haben und wissen, wie bei ihm der Wahnsinn angefangen hat. In der Akademie können sie mich am besten unter Kontrolle halten, sobald ich mich verändere. Außerdem kann ich in der Bibliothek nachsehen, ob es dort in den alten Schriften Abhandlungen über die Auswirkungen des Dunsteins gibt.“ Sie zog das unscheinbare Säckchen aus der Tasche ihres Kittels und überreichte es Teralura: „Pass bitte auf, dass nicht auch du ihn noch berührst.“

 

 

*

 

In Obesien trug das ausgedehnte Waldgebiet, das sich entlang der mithrischen Grenze bis fast nach Bogogrant erstreckte, die äußerst schlichte Bezeichnung „Nordwälder“. Anfangs hatte sich Quintora in diesen Wäldern wohlgefühlt, aber nun sehnte sie sich danach, sie endlich wieder verlassen zu können. Ihr fehlte der freie Blick, den sie an ihrer Geburtsstätte, der Doppelburg von Sokut, immer so sehr genossen hatte. Auch ihre einsilbigen Begleiter, die beiden Shondo Yruk und Drak, waren nicht gerade die Weggefährten, die entscheidend zur Aufhellung ihrer Stimmung hätten beitragen können. Andere Frauen hätten sich in der Gegenwart der beiden zurückhaltenden, schwarzen Hünen mit ihren silbrig schimmernden, riesigen Äxten vermutlich geborgen gefühlt. Da Quintora aber als Eisgräfin über die Gabe des „vernichtenden Blicks“ verfügte, war sie nach ihrer eigenen Einschätzung auf einen solchen Schutz auch in dieser gefährlichen Umgebung nicht angewiesen. Noch bevor sie die Wälder verlassen konnten, musste sie diese Einschätzung revidieren.

Yruk und Drak bereiteten das Nachtlager vor. Quintora durchstreifte wie jeden Abend die Umgebung des ausgewählten Ortes, um sicher zu gehen, dass keine unliebsamen Überraschungen im dichten Gehölz lauerten. Je weiter sie nach Osten vordrangen, desto gefährlicher wurde die Fauna des Waldes. Im hiesigen Gebiet nahe Bogogrant und der Quelle des Lokh lebten unter anderem die berüchtigten Waldwürger, eine riesige Schlangenart, deren Gift dem der Obesischen Viper in der schnellen und absolut tödlichen Wirkung kaum nachstand. Bisher waren die drei Reisenden von einer Begegnung mit dieser Gefährlichsten aller Schlangen verschont geblieben. Nun aber entdeckte Quintora im nahen Geäst mehrere leicht orangefarbene Flecken, die ein unerfahrener Beobachter für Baumfrüchte hätte halten können. Genau mit dieser tödlichen Täuschung pflegte aber die Schlange ihre Beutetiere anzulocken. Waldwürger verharrten stundenlang bewegungslos im Geäst, bis die Beute schließlich nahe genug herangekommen war, damit die Schlange sie packen konnte.

Sicherheitshalber zog Quintora ihr Schwert während sie sich näher an das gefährliche Reptil herantastete. Zentimeterweise bewegte sie ihren Kopf aus der sicheren Deckung eines Baumstammes, um das Tier besser sehen zu können. In einer völlig untypischen Haltung hing der Kopf der riesigen Schlange fast bis auf den Boden herab. Erst jetzt wurde die Königin auf das graugrüne Wesen aufmerksam, das unmittelbar hinter dem Schlangenkopf saß und sie aus mehreren Augen anstarrte. Ehe Quintora überhaupt einen Entschluss fassen konnte, verspürte sie einen leichten Schlag im Gesicht. Sekundenbruchteile später war ihr Kopf vollständig eingehüllt von einer faserigen Masse. Auch ihre Arme und Beine konnte sie nicht mehr bewegen.

Im Lager wurde Yruk langsam unruhig. Die Königin hätte eigentlich längst zurück sein müssen. Also beschloss er, sich auf die Suche nach ihr zu begeben. Drak wollte sich ihm anschließen, aber Yruk lehnte das ab. Einer von ihnen musste die Pferde und den Proviant bewachen.

Nicht weit vom Lager entfernt erspähte der Shondo die gleichen orangefarbenen Flecken, die auch Quintora zuvor gesehen hatte. Als Dschungelmensch kannte er sich jedoch naturgemäß wesentlich besser mit den Lebensgewohnheiten von Schlangen aus als die Königin aus dem kargen Norden, wo es solche Tiere überhaupt nicht gab.

Er begriff sofort, dass die hochgiftige Würgeschlange nicht mehr lebte. Die Eisgräfin konnte das nicht mit ihrem „vernichtenden Blick“ getan haben, nachdem der Körper des Reptils völlig unversehrt und auch nicht teilweise aufgelöst war. Aber welches unheimliche Tier sollte in der Lage sein, ein derartiges Monstrum zu töten? Dies stellte auch für den Mann aus den Urwäldern von Oot ein Rätsel dar. Als er sich der Schlange näherte, entdeckte er eine Schleifspur auf dem sandigen Waldboden. Vorsichtig folgte er dieser Spur und nutzte dabei jede Deckungsmöglichkeit aus. Wer einen Waldwürger töten und möglicherweise eine Eisgräfin verschleppen konnte, musste höchst gefährlich sein. 

Dann vernahm er unvermittelt Stimmen. Noch behutsamer und völlig lautlos schlich der schwarze Dschungelmann in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Als er schließlich einzelne Worte unterscheiden konnte, verhielt er seine Schritte und lauschte.

„Wenn Sie nicht im Magen meiner achtbeinigen Freundin landen wollen, sollten Sie mir nun endlich verraten, wer Sie sind und warum Sie den Lumburier verfolgen.“ Es schien sich um die etwas brüchige Stimme eines hochbetagten Mannes zu handeln.

„Ihr Alter und Ihre Fragerei lassen den Schluss zu, dass Sie taub oder schwerhörig sind. Ich sage Ihnen jetzt schon zum zweiten Mal, dass ich keinen Lumburier verfolge. Ich suche nach einem Priester des Wissens.“ Das war nun eindeutig die verärgerte Stimme der Königin.

„Ist der etwa auch auf dem Weg nach Oot?“, fragte der Mann. „Das hier ist jedenfalls genau der Weg, den der Lumburier genommen hat. Meine Freundin irrt nie in solchen Dingen.“ Yruk schob vorsichtig seinen Kopf über den dichten Strauch, hinter dem er sich verborgen hatte. Sein Blick erfasste ein unwirklich anmutendes Szenario. Quintora hockte auf dem Boden. Ihr gesamter Körper war mit grauen Fäden verschnürt. Neben ihr saß die „Freundin“ des Mannes, der mit der Königin gesprochen hatte: eine riesige, graugrüne Spinne. Der Sprecher selbst stand, auf einen Stock gestützt, nur fünf Schritte von dem Shondo entfernt und wandte ihm den Rücken zu. Yruk erkannte sofort, dass die Spinne ihn bemerkt hatte. Er reagierte blitzschnell, setzte mit einem mächtigen Satz über den Busch hinweg, packte den alten Mann mit dem linken Arm um den Hals und riss mit der Rechten sein Beil aus dem Gürtel.

„Rufen Sie sofort Ihre „Freundin“ zurück, sonst schlage ich Ihnen den Schädel ein!“, schrie der Shondo mit seiner kratzigen Stimme. Die Spinne erstarrte mitten in der Bewegung und rührte sich nicht. Nur ihre Augen funkelten unheilvoll.

„Sorgen Sie dafür, dass die Königin befreit wird!“, herrschte Yruk den Fremden an.

„Die Königin?“, fragte dieser verwundert.

„Ja“, bestätigte der Shondo. „Das ist Eisgräfin Quintora, die Königin von Mithrien.“

Der alte Mann zögerte nur einen Augenblick. „Gib die Eisgräfin frei!“, verlangte er dann von der Spinne. Diese näherte sich daraufhin behutsam der Königin und begann, mit Hilfe ihrer Tastwerkzeuge die Fäden aufzulösen. Erstaunt begriff der Shondo, dass die Spinne offensichtlich den Befehl des Mannes verstanden hatte. Er hielt ihn jedoch weiterhin fest umklammert.

„Sie können mich jetzt loslassen“, sagte der Fremde zu Yruk. „Wenn es sich um eine Eisgräfin handelt, ist sie jetzt wieder in der Lage, ihren „vernichtenden Blick“ anzuwenden. Der ist viel gefährlicher als Ihre Axt.“

Yruk vergewisserte sich, dass Quintoras Augen wieder frei waren, bevor er den Alten aus seiner Umklammerung entließ.

„Wer sind Sie?“, fragte der Shondo, der weiterhin argwöhnisch die riesige Spinne im Blick behielt. Naturgemäß sah er in dem monströsen Tier eine wesentlich größere Gefahr als in dem offenbar ziemlich gebrechlichen, alten Mann. Dieser antwortete: „Mein Name ist Korvinag. Ich bin auf der Suche nach einem Lumburier, der Ugudag genannt wird.“ Yruk kam der Name des alten Mannes irgendwie bekannt vor. Er konnte sich jedoch nicht daran erinnern, jemals mit ihm zusammengetroffen zu sein. Er wurde in seinen Gedanken von Quintora unterbrochen.

„Ugudag?“, rief sie aus. „Ugudag teket dru banir?“

Korvinag sah sie überrascht an: „So ist es. Kennen Sie ihn doch?“ Mit einem Schlag fiel ihr der seltsame Traum von Telimurs Verschwinden wieder ein. War es am Ende nicht nur ein Traum, sondern eine unterbewusste Wahrnehmung?

„Haben Sie ihn die ganze Zeit durch die Nordwälder verfolgt?“, forschte sie nach.

„Ja“, bestätigte Korvinag. „Nachdem er den Garth überquert hatte, ging er nach Rabenstein. Ich weiß nicht, was er dort gesucht hat. Dann floh er weiter durch die Nordwälder.“

„Wovor flieht er?“, wollte Quintora wissen.

„Er hat verschiedene Dinge in Lumburia gestohlen“, deutete Korvinag an.

Yruks Kopf fuhr ruckartig in die Höhe: „Der Grüne Kristall!“ Der Shondo erinnerte sich an seine Zeit in Lumburia, wo Telimur im Auftrag Senesia Sidas Rote Mondorchideen gezüchtet hatte, die benötigt wurden, um den Odem des Lebens zu gewinnen. Nach der Vertreibung aus Lumburia hatte Yruk Telimur nach Rabenstein begleitet. 

Das war es! „Er hat Telimur in Rabenstein gesucht“, rief der Shondo erregt. „Er hat den Grünen Kristall, und jetzt braucht er noch jemand, der die nötigen Kenntnisse hat, um den Odem des Lebens zu erzeugen.“

Quintora sprang auf: „Er hat ihn gefunden und entführt! Wir müssen sofort die Verfolgung aufnehmen!“

Korvinag schüttelte besonnen den Kopf: „Wir müssen erst einmal schlafen. Das war ein anstrengender Tag. Morgen können Sie sich uns anschließen. Meine Freundin hier …“ Er zeigte auf die Graue Riesenspinne „… wird Ugudag auf jeden Fall finden.“

 

*

 

Die Stadt befand sich immer noch in Aufruhr, aber niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten schlenderte Giirk gemächlich durch den weitläufigen Fischereihafen von Lohidan. Unbewusst schob er auf diese Weise den Beginn einer Reise hinaus, von der er wusste, dass sie ihn krank machen würde. Als Steppenmensch lag ihm das Reiten im Blut, aber die Seefahrt war ihm ein Gräuel.

Ein Lokhriter am Pier löste gerade die Leinen seines Bootes. Neben ihm standen zwei Menschen aus dem Norden, eine große, in ihrer äußeren Erscheinung beeindruckende Zogh mit wehenden weißen Haaren, die jedoch ziemlich grimmig dreinschaute, und ein freundlicher, blauäugiger Mithrier, der unter irgendwelchen Schmerzen zu leiden schien.

„Ich suche eine Schiffspassage nach Oot“, sprach Giirk den Fischer an. Der zeigte auf ein Schiff, das etwa zweihundert Meter entfernt an einem anderen Pier vertäut war: „Brosik Frangaard ist dort an Bord. Fragen Sie ihn.“ Während Giirk zu dem angegebenen Schiff spazierte, ging das seltsame nordische Pärchen an Bord des Fischerkahns.

 „Brosik 3“ lautete der etwas ausgebleichte Schriftzug am dunkelblauen Bug des Schiffes, den der Fischer dem Mivv gezeigt hatte. Ein stämmiger Mann war damit beschäftigt, Muscheln von dem über den Wasserspiegel hinausragenden Teil des Rumpfes abzukratzen. Giirk blinzelte in die tiefstehende Morgensonne und fragte den Mann nach Brosik Frangaard. Der Matrose deutete wortlos zur Landungsbrücke, wo sich zwei Personen unterhielten.

Giirk schlenderte hinüber zu den beiden Männern. Einer von ihnen hatte dunkelrote Augen, unverkennbar ein Priester des Wissens und damit nicht der Schiffseigner. Deshalb wandte sich Giirk an den anderen, einen älteren, von Wind und Wetter gebräunten Seemann mit schütterem Haar und ausgeprägten Muskeln. 

„Mein Name ist Giirk“, stellte sich der Mivv vor. „Sind Sie Brosik Frangaard?“

„Warum wollen Sie das wissen?“, brummte der wettergegerbte Seemann mit zusammengekniffenen Augen.

„Ich suche eine Passage nach Oot“, erklärte Giirk und stellte seinen Seesack ab.

Die Mine des Seemannes wurde daraufhin etwas freundlicher, obgleich er den Mivv weiterhin mit unverhohlenem Argwohn anschaute. Schließlich fragte er: „Und wo genau wollen Sie da hin?“

Giirk zuckte die Schultern. „Ich will zum Südlichen Gürtel. Sie können mich irgendwo an der Küste absetzen.“

Brosik Frangaard warf seinem vorherigen Gesprächspartner einen warnenden Blick zu. „Das würde zweihundert Khrit kosten. Im Voraus. Manchmal sind Steppenmenschen am Zielort nicht mehr in der Lage, zu zahlen.“ Giirk vermutete, dass der Schiffseigner auf die Unverträglichkeit einer Seereise für die meisten Mivv anspielte. Er erklärte sich daher mit der Forderung einverstanden. 

„Kommen Sie in zwei Stunden an Bord!“ wies ihn Brosik Frangaard an. Dann entfernte sich der Seemann in Richtung der Hafengebäude.

„Man merkt, dass er aus Borgoi stammt. Wie alle Piraten ist er ein Halsabschneider“, meinte der Mann mit den dunkelroten Augen kopfschüttelnd. „Von mir hat er auch schon zweihundert Khrit verlangt. Er wird Sie genau wie mich beim Paradies der Küste absetzen und kassiert dafür nun doppelt.“ Giirk wunderte sich, dass der Priester des Wissens schlichte Leinenkleidung trug statt der üblichen Ordenstracht. Er hatte ein schmales, kantiges Gesicht mit tiefen Falten. Besonders auffällig waren die grauen und weißen Strähnen, die sein ansonsten noch volles, dunkles Haar durchzogen. Er hielt Giirk die Hand hin: „Mein Name ist Saradur.“

 

*

 

„Kein Unbefugter hat es in den letzten viertausend Jahren gewagt, diesen Ort zu betreten, um ihn lebend wieder zu verlassen.“ Der hohle Hall verzerrte die sägende Stimme in nahezu unerträglicher Weise. Das Zwielicht der Gruft schimmerte schwach auf dem silbernen Gewand und der silbernen Mitra der hochgewachsenen Gestalt, vor allem aber auf der furchteinflößenden Klinge des sensenartigen Instruments, das sie in der Hand hielt.

„Ihr könnt mich immer noch töten, sobald Ihr Euch angehört habt, was ich Euch zu sagen habe“, entgegnete Selazidang unbeeindruckt.

„Sprecht!“, schnarrte die hässlich misstönende Stimme.

„Nulpir a Tomax hat in Kerdaris das Eidgewand von Yacudac gestohlen. Es wurde dort von einem Nachfahren der Hohepriester verwahrt“, berichtete Selazidang.

„Und weshalb kommt Ihr mit dieser Nachricht hierher?“, erkundigte sich Truchulzk ungnädig.

Der Gelehrte trat furchtlos zwei Schritte auf den Wächter der Gruft zu: „Weil ich weiß, dass es nicht nur Eure Aufgabe ist, die Leichname zu bewachen. In Wahrheit bewacht Ihr etwas, das hinter diesem Ort verborgen liegt. Ist es die Wurzel des Geflechts der alten Wesenheiten? Müsst Ihr nicht auch dafür sorgen, dass die historischen Strukturen bewahrt werden?“

Selazidang wusste, dass er soeben sein eigenes Todesurteil gesprochen hatte. Aber er hatte wenigstens erreicht, dass der Bewacher der Gruft kurz zögerte und ihn schließlich aufforderte: „Kommt mit!“

Der Wächter schritt mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den scheinbar ohne jede Ordnung kreuz und quer in dem riesigen Gewölbe verteilten Sarkophagen hindurch zu einem Rundbogen, von dem aus ein Gang weiterführte. Die Pechfackeln an den Wänden warfen ein gespenstisch flackerndes Licht auf die beiden Gestalten, die nach kurzer Zeit das Ende des Felskorridors erreicht hatten.

„Wartet hier!“, bestimmte Truchulzk mit seiner sägenden Stimme und schlug mit seinem Senseninstrument dreimal gegen die schwere Holztür, die den Abschluss des Ganges bildete. Selazidang bemerkte, dass die Tür keinerlei Griff oder Riegel an der Außenseite aufwies. 

Als sie sich öffnete, konnte er einen kurzen Blick in den Raum erhaschen, an dessen Rückseite sich eine auffällige, goldene Pforte befand. Neben der geöffneten Tür und hinter einem groben Holztisch standen zwei weitere Bewacher der Gruft. Nachdem Truchulzk in die schmucklose Kammer eingetreten war, schloss er die Tür von innen.

Selazidang musste fast eine Stunde warten. Dann wurde die Tür von innen geöffnet und Truchulzk trat in den Korridor. Wortlos schritt er voraus bis zu dem großen Gewölbe in der Nähe des Haupteingangs. Dort blieb er stehen und drehte sich zu Selazidang um.

„Wir werden uns um die Angelegenheit kümmern“, versprach der Bewacher der Gruft. Die gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen spiegelten keinerlei Emotionen als er fortfuhr: „Ihr wisst jedoch zu viel. Wir können nicht zulassen, dass so viel Wissen diesen Ort wieder verlässt.“

„Wie Ihr sagtet: Ich weiß zu viel“, entgegnete Selazidang gefasst. „Daher wusste ich schon im Voraus, dass ich die Gruft nicht wieder verlassen würde. Aber ich weiß nun ebenfalls, dass für meinen Schüler gesorgt ist. Deshalb kann ich nun beruhigt hierbleiben.“

Mit einem zischenden Geräusch sauste das sensenförmige Instrument durch die Luft.

 

*

 

Am ersten Tag der Seereise hatte sich Giirk mehrfach übergeben. Mit einer ungesunden Gesichtsfarbe lag er die meiste Zeit auf dem harten Bett in seiner winzigen Kajüte und hoffte, dass der Tag möglichst schnell zu Ende gehen möge. Schließlich überwand er aber seine Übelkeit, raffte sich auf und verließ die Kajüte. Er ertastete das dicke Seil neben der schmalen Holzstiege. Krampfhaft nutzte er jede Möglichkeit, sich festzuhalten, während er sich zum Deck hoch hangelte. Obgleich nur leichter Wellengang und ein angenehm frischer Wind herrschten, brauchte Giirk geraume Zeit, um gegen den immer wieder aufkommenden Brechreiz anzukämpfen. Dabei hatte er nicht bewusst wahrgenommen, dass sich der andere Passagier schon zuvor an Deck befunden hatte, kurz weggegangen war und sich nun wieder zu ihm gesellte.

Saradur hielt dem Mivv mehrere getrocknete Blätter hin und forderte ihn auf: „Kauen Sie das! Danach werden Sie sich besser fühlen.“ Giirk fühlte sich immer noch dermaßen elend, dass er das Angebot des Höchsten Priesters nicht hinterfragte. Stattdessen ergriff er die Blätter mit zittriger Hand. Sie fühlten sich rau und ledrig an. Als er sie zum Mund führte, nahm er einen ausgeprägt säuerlichen Geruch wahr. Dennoch schob er sie widerwillig zwischen den Zähnen hindurch und begann, darauf herumzukauen. Ein herber Bitterton breitete sich langsam in seinem Gaumen aus. Nur kurze Zeit später ging es dem Mivv aber tatsächlich deutlich besser.

„Was haben Sie mir da gegeben?“, fragte er nachdem er sich bei Saradur bedankt hatte. Auf dem hageren Gesicht des Priesters zeichnete sich ein breites Grinsen ab, das dort völlig fehl am Platz zu sein schien.

„Sie stammen nicht aus Oot“, stellte er fest. „Ich habe mir das gleich gedacht.“

„Wieso?“, fragte Giirk matt.

„Das waren Blätter des Tanahara-Strauches“, klärte ihn Saradur auf. „Diese Sträucher wachsen massenhaft an der Grenze der Steppe zum Buschland von Oot. Jeder einheimische Mivv kennt sie.“

„Da habe ich mich wohl jetzt verraten“, meinte Giirk. „Ich bin hier, weil ich die Heimat meiner Vorfahren kennenlernen will.“

„Sie kommen aus Surdyrien?“, wollte Saradur wissen.

„Ja“, antwortete der Mivv, der seine wahren Pläne und Absichten natürlich geheim zu halten gedachte. „Ich habe dort in den Minen gearbeitet.“

Saradurs Interesse an dem kleinen Steppenmenschen erwachte schlagartig: „Dann verstehen Sie also etwas vom Bergbau?“

„Könnte man so sagen“, bestätigte Giirk. „Ich habe von klein auf dort gearbeitet. Mein Vater war Aufseher in einer Ilumit-Mine.“

„Das ist ja wunderbar“, freute sich Saradur. „Vielleicht kommen wir ins Geschäft miteinander. Was haben Sie vor, wenn Sie Ihre Reise zum Steppenland beendet haben?“

„Wenn mein Geld aufgebraucht ist, werde ich nach Surdyrien zurückkehren und wieder dort arbeiten“, antwortete der Mivv.

Saradur lehnte sich mit dem Rücken an die Reling. Sein dreifarbiges Haar flatterte im frischen Seewind wirr um sein kantiges Gesicht.

„Die Priester des Wissens haben mehrere Minen in Surdyrien erworben“, erzählte er dem kleinen Mann. „Da könnte ich jemanden wie Sie gut gebrauchen. Ich habe noch etwas im Paradies der Küste zu erledigen. Wenn Sie wollen, kann ich Sie dahin mitnehmen, und danach könnten wir gemeinsam das Steppenland durchqueren und nach Surdyrien reisen.“

Giirk nahm das Angebot freudestrahlend an. Eine bessere Gelegenheit, unauffällig in das Paradies der Küste zu gelangen, hätte sich ihm kaum bieten können.

Die beiden nächsten Tage vergingen ereignislos auf hoher See. Giirk kämpfte mit den Blättern des Tanahara-Strauchs tapfer gegen die immer wieder aufkeimende Übelkeit an. Gelegentlich unterhielt er sich mit Saradur über die Techniken der Ilumit-Förderung in Surdyrien. Der Höchste Priester sog jede Information über die Organisation der Bergwerke wissbegierig in sich auf.

Schließlich erreichten sie eine idyllische Bucht mit kristallklarem Wasser. Im Hintergrund lag das Monasterium, welches „Paradies der Küste“ genannt wurde. Vor dem kleinen Frachter aus Lokhrit war bereits ein anderes Schiff in der Bucht vor Anker gegangen. An seinem Mast wehte die Flagge des Hochkönigs von Sindra. Verwundert beobachtete Giirk, wie die Mannschaft dieses Schiffes einen goldenen Sarg in ein Beiboot verlud, das anschließend von mehreren Männern an Land gerudert wurde.

 

*

 

Sogar von seinen eigenen Leuten wurde Senzidon wegen seiner Grausamkeit gefürchtet. Nicht diese Grausamkeit hatte jedoch Zobirek bewogen, ihn für die Suche nach der Tochter des Herzogs auszuwählen. Vielmehr schätzte er die sprichwörtliche Hartnäckigkeit seines engsten Vertrauten. Wenn Senzidon erst einmal eine Spur aufgenommen hatte, verhielt er sich wie ein Bluthund, der durch nichts mehr von dieser Witterung abzubringen war. 

Alle Personen, die im Dunstkreis des Herzogs der Höhlen verkehrten, wussten um den unversöhnlichen Groll seiner Tochter Ardenastra gegen den Fürsten zu Drinh. Daher bestanden auch keine Zweifel an dem Beweggrund, der sie in ihrer Sturheit veranlasst hatte, die Höhlen zu verlassen. Für Senzidon lag es somit nahe, ihr nach Drinh zu folgen, denn er ging davon aus, dass die Tochter des Herzogs den Fürsten dort aufzusuchen gedachte. Ihm war jedoch klar, dass eine Reise auf den Straßen Mithriens für ihn nicht in Frage kam. Acht Zogh wären dort zu auffällig gewesen. Deshalb entschloss er sich, den Weg durch die Dunstkuppeln unterhalb der Sümpfe von Lokhrit einzuschlagen. So weit kam er aber nicht. Bereits auf der Straße nach Sokul erlangte er die Kunde von der Ermordung des Hafenmeisters Thulminth und den Gerüchten, wonach der Fürst zu Drinh in das Attentat verwickelt gewesen sein sollte. Daraufhin beschloss Senzidon, sich nach Lohidan zu begeben. Wenn auch Ardenastra die Gerüchte gehört hatte, würde sie versuchen, den Fürsten dort aufzuspüren. So konnte Unitor, der Gejagte, die Häscher Zobireks zu seiner Verfolgerin führen. Bei diesem Gedanken musste Senzidon grinsen: Das mutmaßliche Opfer würde unbewusst seine Jägerin zur Strecke bringen. 

Der „Rote Hai“ war eine der dunkelsten und gefürchtetsten Kaschemmen im Hafenviertel von Lohidan. Sie stand in dem Ruf, dass dort überwiegend Gesetzlose und allerlei zwielichtige Gestalten verkehrten. Nur wenige davon wurden angezogen durch die Frauen, die dort in ihrer Hoffnungslosigkeit Hurendienste anboten. Für solche Vergnügungen gab es geeignetere Orte.

Der „Rote Hai“ galt als Umschlagplatz für illegale Waren, vor allem aber für Informationen. Hier trafen sich diejenigen, die nach etwas suchten, mit denen, die etwas wussten und dieses Wissen verkaufen wollten, oder zumindest jemand kannten, der etwas wusste. Senzidon schien dies der ideale Platz für seine weiteren Nachforschungen.

Als der breitschultrige Zogh mit drei seiner Begleiter die Kneipe betrat, verstummten für kurze Zeit alle Gespräche. Trotz des Halbdunkels und der Rauchschwaden hatten die meisten Anwesenden sofort erkannt, dass der stämmige Mann mit der offen zur Schau getragenen Doppelaxt kaum als wünschenswerter Kontrahent für einen Disput in Betracht kam. Umgekehrt verspürte aber auch Senzidon kein gesteigertes Bedürfnis, durch eine Auseinandersetzung aufzufallen. Er steuerte daher mit seinen Begleitern im Schlepptau auf einen der leeren Tische im Hintergrund des Raumes zu und ließ sich dort nieder.

Nachdem auch seine Begleiter Platz genommen hatten, erschien eine magere Frau mit geröteten Augen und fettigen, braunen Haaren. Als sie die neuen Gäste nach ihren Wünschen fragte, bemerkte Senzidon, dass mehrere Zähne in ihrem Gebiss fehlten. Ihr Geruch nach kaltem Rauch und abgestandenem Bier war kaum auszuhalten. Senzidon ahnte indes, dass er hier nur mit Freundlichkeit und Großzügigkeit weiterkommen würde. Er legte vier Kupferstücke auf den Tisch und wies die Frau an: „Bring jedem von uns ein Bier!“ Dann holte er ein Silberstück aus der Tasche, hielt es ihr vor die Nase und fügte hinzu: „Das wäre für dich, wenn du mir jemanden bringen könntest, der so viel wie möglich über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Ermordung des Hafenmeisters weiß. Insbesondere interessiert mich der Fürst zu Drinh.“

Wortlos entfernte sich die Frau. Aus den Augenwinkeln erkannte Senzidon, dass sich am übernächsten Tisch ein Mann beim Anblick des Silberstücks schnell erhob und die Wirtsstube verließ.

Eine Weile verging. Der Wirt selbst brachte das Bier an den Tisch der Zogh. Schließlich kehrte die Frau mit den braunen Haaren in Begleitung eines Mannes zurück, der seinem Äußeren nach ein lokhritischer Seemann sein musste, jedoch nicht wie ein solcher gekleidet war. Er trug schwarzes Leder, das entfernt an die Uniformen der obesischen Eliteeinheiten erinnerte. Sein sonnengebräuntes Gesicht wurde von einem Kranz grauer, kurz gestutzter Haare umrahmt.

„Sie können mir also etwas über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Ermordung des Hafenmeisters sagen“, meinte Senzidon. Es war eine Feststellung, und tatsächlich nickte der Mann auch. Senzidon schob der Frau das Silberstück zu, das diese hastig ergriff und in ihrer Tasche verschwinden ließ. Nachdem sie den Tisch verlassen hatte, schob Senzidon dem Fremden einen Stuhl hin und flüsterte ihm zu: „Erzählen Sie mir, was Sie über den Fürsten zu Drinh wissen, wo er ist und wo er hingeht.“

„Es heißt, dass sich der Fürst in Begleitung einer Zogh befand, als die Stadtwache von Lohidan ihn gefangen nahm. Er konnte jedoch fliehen“, erzählte der Fremde leise. Bei der Erwähnung der Zogh fuhr Senzidons Kopf in die Höhe.

„Offenbar weiß niemand, wo der Eisgraf sich derzeit aufhält“, erklärte der Fremde weiter. „Wenn er nicht an dem Attentat beteiligt war, wovon selbst die Stadtwache inzwischen ausgeht, ist er aus einem anderen Grund nach Lohidan gekommen. Ich würde hierherkommen, wenn ich nach einer Schiffspassage suchen würde. Der Eisgraf soll mit einem Priester des Wissens namens Crandin befreundet sein. Dem Vernehmen nach ist dieser Mann vor einiger Zeit mit einer auffälligen weißen Frau von hier aus nach Rukumor gesegelt. Lohidan bietet sich an als Ausgangspunkt für eine Fahrt auf die Insel.“ 

„Gibt es auf dieser Insel etwas Besonderes?“, erkundigte sich Senzidon unbedarft.

„Ja“, erwiderte der Fremde. „Kumor, die Hauptstadt der Insel, und eine seltsame Burg auf dem Berg Zwobulak, die die „Zinnburg“ genannt wird. In vergangener Zeit war sie wohl so etwas wie ein Äußerer Stützpunkt der Priester des Wissens. Jetzt ist sie nur noch ein unheimlicher Ort, der von den Menschen gemieden wird.“

Senzidon hatte genug gehört. Er schob dem Fremden drei Silberstücke hin. Dieser nahm sie an sich, stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ den Tisch. Der Zogh sah ihm gedankenverloren nach. Die Zinnburg. Sie musste das Ziel des Fürsten sein. Hastig schüttete Senzidon den Rest seines Bieres hinunter und bedeutete seinen Begleitern, es ihm gleichzutun. Anschließend verließen sie den „Roten Hai“.

Draußen wurden sie von einer grellen Sonne geblendet. Die Zogh beschatteten ihre Augen und stellten im gleichen Augenblick fest, dass sechs Gestalten mit Stiftladern nur wenige Schritte von ihnen entfernt standen. Noch ehe Senzidon die Hände heben konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Aus einer halb verfallenen Baracke im Hintergrund traten vier Zogh heraus und schossen von hinten auf die Männer, die Senzidons Gruppe angreifen wollten. Senzidon selbst kümmerte sich nicht weiter darum. Er hatte den Mann erspäht, der beim Anblick des Silberstücks am Nebentisch aufgestanden war. Er stand hinter einer eingefallenen Mauer und beobachtete die Geschehnisse. Blitzschnell riss Senzidon seine Doppelaxt aus dem Gürtel und schleuderte sie ansatzlos dorthin, wo der Mann stand. Dieser wurde dermaßen überrascht, dass er nicht mehr ausweichen konnte. Im Flug spaltete die Axt seine Stirn.

Inzwischen waren die Begleiter Senzidons mit ihren Schwertern und Kristallhämmern über die Banditen hergefallen. In einem kurzen, gnadenlosen Kampf erschlugen sie sämtliche Feinde. Nur einer der acht wurde leicht verletzt. Nicht umsonst galten die Zogh nach den Pylax als die gefährlichsten Kämpfer des Kontinents.

Senzidon dachte aber schon einen Schritt weiter. Ein Eisgraf war mit solchen Waffen kaum zu besiegen. Allenfalls aus dem Hinterhalt. 




Kapitel 7 – Das leere Verlies

 

Unitor warf seiner Begleiterin verstohlene Blicke zu, während sie scheinbar einträchtig nebeneinander durch ein Meer von Gräsern und Blumen wateten. Würde sie versuchen, ihn zu töten? Nachdenklich blieb er kurz stehen und schaute zum Berg Zwobulak hinüber, der wohl letzten Station auf ihrem gemeinsamen Weg. Tritoria hatte ihm unumwunden von dem Versprechen erzählt, das sie Rooll gegeben hatte. Sie sollte Unitor beschützen bis sie herausgefunden hatten, was in der Zinnburg vorging. Danach endete diese Verpflichtung, und es war nur noch wichtig, dass das Schwert von Umbursk nach Rabenstein gelangte, gleichgültig ob sein Blut an der Klinge haftete.

Auch Tritoria sah ihn gelegentlich von der Seite an. Sie erriet seine Gedanken. Aber würde sie auch stark genug sein, ihr Vorhaben zu Ende zu bringen und Vergeltung zu üben für den Tod ihres Bruders, den er verschuldet hatte? Zwischenzeitlich hatten sie sich wiederholt gegenseitig das Leben gerettet. Und da war noch etwas, eine undefinierbare, schwache Sympathie für den freundlichen, lebenslustigen Mithrier. Aber in den Höhlen von Zogh hatte sie gelernt, solche Schwächen zu überwinden. Sie richtete ihr Augenmerk wieder auf den Berg Zwobulak und versuchte, Einzelheiten der Zinnburg zu erkennen. Man würde sehen…

Tritoria und Unitor benötigten drei Stunden, um die bis zur fernen Erhebung reichende Blumenwiese zu überqueren und den Berg Zwobulak zu erklimmen. Das große Metalltor in der Festungsmauer der „Zinnburg“ stand offen, ebenso die mit einem schwarz-goldenen Wirbelrad verzierte, zweiflügelige Eingangstür zum ehemaligen Palas. Unitor und Tritoria schauten sich im Vorhof um. Niemand war zu sehen. In den Ritzen zwischen den Pflastersteinen sprießten Gras und hohe Nesseln. Die Burg machte einen verlassenen Eindruck.

Aufmerksam gingen die beiden Eisgrafen die weiße Marmortreppe hoch und warfen einen vorsichtigen Blick in den großen Speisesaal. Obwohl er leer war, schien es, als habe sich erst kürzlich noch jemand dort aufgehalten. Beim Eintreten bemerkten Unitor und Tritoria, dass der Hauch eines Geruches nach Speisezubereitung in der Luft hing. Auf mehreren Tischen standen Schüsseln mit verkrusteten Essensresten. Ein Blick in die Küche bestätigte Unitor jedoch, dass sich auch dort niemand aufhielt.

Tritoria deutete wortlos zu der Treppe, die auf die Galerie führte. Mit leisen Schritten stiegen beide die Treppe hoch und sahen sich dabei beständig um. Eine Stufe knarrte. Sie hielten inne, aber nichts geschah. Kein Laut war zu hören. Daraufhin setzten sie ihren Weg vorsichtig fort.

Auf der Galerie angelangt wandte sich Tritoria nach links und öffnete die nächstgelegene Tür. Sie gab einen kurzen Flur frei, an dessen Ende sich eine Wendeltreppe befand.

Die beiden Eisgrafen tasteten sich durch diesen Flur und erklommen die Wendeltreppe. Sie endete vor einer mit Intarsien reich verzierten Tür. Leise und behutsam öffnete Unitor diese Tür, blieb danach jedoch derart abrupt stehen, dass Tritoria auf ihn auflief. Sie wollte sofort losschimpfen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Mitten in dem Saal stand ein aufwändig gearbeiteter Sessel, auf dem ein Mann mit feuerroten Haaren saß. Sein Kopf hing auf die mit Blut besudelte Brust herab. Das Blut war aus einer Stichwunde ausgetreten und bereits vollständig eingetrocknet.

„Crandin!“, schrie Unitor und wollte zu der leblosen Gestalt rennen, gewahrte dabei aber eine Bewegung in einer der beiden offen stehenden Seitentüren des Raumes. Aus beiden Türöffnungen quollen große, grauhäutige Männer und stürzten sich auf die beiden Ankömmlinge. Einer der Männer stand im nächsten Augenblick bereits vor Tritoria und holte mit einer zweischneidigen Axt zum tödlichen Schlag aus. Die Tochter des Herzogs griff nach ihrem Schwert, aber diese Waffe hätte sie nicht mehr zu retten vermocht. War es der Schreck oder ihre Unerfahrenheit als Eisgräfin, dass sie sich im entscheidenden Moment nicht auf ihre Fähigkeit des „vernichtenden Blicks“ besann? Eher war es das Entsetzen als sie den Mann erkannte. Mitten in der Bewegung entrang sich der Kehle des Angreifers ein gurgelndes Geräusch. Aus seinem Hals trat eine dünne Speerspitze aus. Die Doppelaxt entglitt seiner kraftlosen Hand während er langsam vornüber kippte.

Mit drei ungestümen Schritten sprang Unitor zu Tritoria und stellte sich schützend vor sie, um den nächsten Angreifer abzuwehren. Dessen Schwert sauste herab, zersplitterte aber an der rötlichen Klinge von Umbursk. Sofort nutzte Unitor die Gelegenheit und stach zu. Aus den Augenwinkeln nahm er einen weißen Schatten wahr und große Männer, die wie Puppen durch den Raum flogen und gegen die Wände klatschten. 

Ein Kristallhammer schwirrte haarscharf an seinem Kopf vorbei. Tritoria hatte sich kurz weggeduckt und sprang nun den neuen Angreifer an. Beide stürzten zu Boden. Unitor trat gegen den Kristallhammer, der fast seinen Schädel zerschmettert hätte. Er wurde dem Mann aus der Hand gerissen und rollte in eine Ecke des Raumes. Tritoria gelang es, sich aus der Umklammerung zu befreien. Der Angreifer fasste nach dem Beil an seinem Gürtel, aber die Tochter des Herzogs handelte schneller und schnitt ihm mit dem Schwert die Kehle durch. Als sie aufsah, stellte sie fest, dass der Kampf zu Ende war. Nur wenige Schritte entfernt stand eine unbewaffnete Frau mit auffallend weißer Haut und goldenen Locken, die die Arme in die Höhe hielt zum Zeichen dafür, dass sie keine feindseligen Absichten hegte. Tritoria beachtete sie zunächst aber nicht, sondern trat zu dem Mann, der sie als Erster angegriffen und fast getötet hätte. 

Als könnte der Tote sie noch hören, schrie sie: „Senzidon, du weißt wer ich bin. Warum wolltest du mich umbringen?“

Durch die Stille drang ein leises Wimmern: „Herzogin!“

Einer der fünf Zogh, die mit zerschmetterten Gliedern ringsum neben den Wänden am Boden lagen, versuchte, mit letzter Anstrengung den Kopf zu heben und die Lippen zu bewegen. Tritoria kniete sich neben ihn und beugte sich zu ihm hinab. Stoßweise kamen die geflüsterten Worte: „Zobirek – hat – Euren – Vater – ermordet.“ Dann sank sein Kopf zurück auf den Fußboden. 

Tritoria erhob sich leicht schwankend. Ihre Augen starrten ins Leere und begannen feucht zu schimmern.

Die Frau mit den goldgelben Locken trat zu Unitor. „Mein Name ist Siridindar“, sagte sie. „Ich war Crandins Geliebte.“

Die Anspannung des Kampfes fiel mit einem Schlag von Unitor ab. Er schaute hinüber zu seinem toten Freund, und nun traten auch Tränen in seine Augen. Noch während sie über seine Wangen liefen, fasste er einen jähen Entschluss: „Ich bringe ihn nach Oot. Er hat mich wiedererweckt, jetzt werde ich das Gleiche für ihn tun.“ Damit ging er auf den Toten zu.

„Nicht anfassen!“, schnitten die Worte Siridindars durch den Saal. Blitzschnell trat sie zwischen die Leiche Crandins und Unitor. Sie ergriff den linken Arm des Toten am Ärmel seines Gewands und hielt ihn hoch. Am Puls war ein deutlicher, grün und blau unterlaufener Fleck zu erkennen. 

„Er hatte eine tödliche Krankheit“, erklärte Siridindar. „Sie ist so selten, dass sie nicht einmal einen Namen hat. In den letzten Tagen konnte er schon nicht mehr laufen. Er litt unter schrecklichen Schmerzen. Deshalb bin ich hiergeblieben und habe auch zugelassen, dass die Zogh ihn töteten. Seine Wiedererweckung würde nur dazu führen, dass er noch eine kurze Zeitspanne unvorstellbare Qualen leidet.“

„Woher hatte er diese Krankheit?“, fragte Unitor argwöhnisch.

„Dies ist ein Ort des Grauens“, erläuterte Siridindar und gab ihm ein Zeichen, ihr zum Fenster zu folgen. Dort deutete sie hinunter in einen kleinen Innenhof. Unitor sah die fünf verrenkten Skelette und die alte Frau mit den verfilzten, grauen Haaren. Teilnahmslos saß sie auf der Mauer und schien mit dem stumpfen Blick ihrer weißen Augen zu ihm hochzuschauen.

„Die Nachkommen der Menschen, die früher an diesem Ort lebten, sind allesamt tot bis auf diese alte Frau“, sagte Siridindar leise zu Unitor. „Sobald wir Crandin bestattet haben, muss ich herausfinden, was hier geschehen ist. Die Lösung werde ich jedoch hier nicht finden. Könnt ihr mich zum Festland mitnehmen, wenn ihr dorthin zurückkehrt?“

„Ja“, versprach Unitor und ging zurück in den Saal. Er stieg über Senzidons Leiche und blieb vor seinem toten Freund Crandin stehen. Erneut wurden seine Augen feucht. Da bemerkte er einen leichten Druck. Tritoria hatte mitfühlend ihren Arm um seine Schultern gelegt. 

„Er war mein bester Freund“, bekannte Unitor mit einem leichten Zittern in der Stimme.

„Auch ich habe jetzt alle Menschen verloren, die mir etwas bedeuteten“, murmelte Tritoria verbittert. Einem inneren Antrieb folgend drehte sich Unitor zu ihr um und umarmte sie. Einen Augenblick lang ließ sie es zu, dann löste sie sich wortlos aus seiner Umarmung und wandte sich ab.

„Ich werde Crandin in den Saal der Gebeine bringen“, erklärte Siridindar. „Er war der letzte Eigentümer dieser Burg, und hier hat seine irdische Reise geendet.“ Vorsichtig nahm sie die Leiche des jungen Priesters wie eine Stoffpuppe hoch und trug sie zur Treppe. Unitor und Tritoria folgten ihr.

Bei dem „Saal der Gebeine“ handelte es sich um eine Halle im Keller der Burg. Hinter einer kleinen Tür im Speisesaal führte eine Treppe hinab in das dunkle Geschoß. Durch einige schmale Schachtöffnungen fiel das Tageslicht ein und sorgte für eine diffuse Helligkeit. Unitor erkannte akribisch angeordnete Reihen schmuckloser Steinsärge, die meisten mit Steinplatten verschlossen. Einige standen allerdings noch offen und waren leer.

Siridindar bettete den Leichnam Crandins behutsam in einen der offenen Särge, ergriff den danebenstehenden Sargdeckel und hob die schwere Steinplatte auf das Unterteil als würde es sich um ein leichtes Holzbrett handeln. Schweigend standen Unitor und die beiden Frauen noch eine Weile vor der letzten Ruhestätte Crandins. 

Dann sagte Siridindar in gedämpftem Ton: „Wir müssen diesen Ort so schnell wie möglich verlassen, ehe auch uns noch diese rätselhafte Krankheit befällt.“

„Wie wollt Ihr herausfinden, was hier geschehen ist?“, fragte Unitor.

„Ich werde einen Mann aufsuchen“, antwortete Siridindar. „Sein Name ist Murbolt.“

Gemeinsam verließen sie den ungastlichen Ort, der einst für eine kleine Elite ein Symbol der Hoffnung auf eine bessere Zukunft darstellte. Beim Passieren des offenen Tores warf Unitor einen Blick zurück zu der seltsamen Zinnburg, auf der offenbar ein Fluch lag, und die zur Todesfalle für seinen besten Freund geworden war. Was hatte er ihm vor seinem Tod noch mitteilen wollen? Jetzt würde er nicht mehr erfahren, warum Crandin nach ihm geschickt hatte.

Tritorias Worte rissen ihn aus seinen Gedanken: „Ich werde nach Sandammon gehen und den Marschall bitten, mir gegen den Mörder meines Vaters beizustehen. Wenn du willst kannst du mitkommen. Es wurde genug Blut vergossen. Ich werde dich nicht töten. Die Höhlen von Zogh liegen ohnehin auf dem Weg nach Rabenstein.“

„Ich werde mit dir kommen“, versprach Unitor. Nichts hätte er lieber getan. 

 

*

 

Siimart gehörte zweifellos zu den schönsten Städten des Kontinents. Sie lag am nördlichen Ende der Halbinsel Beladint und schmiegte sich an die südöstlichen Ausläufer dreier Berghänge, die zum Ostmeer hin kaskadenförmig abfielen.

Drogunod, Unitor und Tritoria hatten Siridindar auf ihren Wunsch hin südlich der Stadt von Bord gehen lassen und danach ihre Fahrt in Richtung Sandammon fortgesetzt. 

Von ihrem Weg auf eine Anhöhe sah die Frau mit den goldenen Locken dem Fischerboot gelegentlich nach bis es in den Weiten des Ozeans verschwand. Es war ein schöner Tag. Die Sonne verwöhnte mit sanften, wärmenden Strahlen die üppige Vegetation. Kleine Eidechsen verharrten faul und bewegungslos auf den aufgeheizten Steinen und ließen sich von der einsamen Wanderin nicht stören. Über manchen der blühenden Sträucher schwirrten bunte Insekten in Scharen wie fliegende Edelsteine durch die Luft. Ein friedliches Bild, hinter dem sich dennoch tausendfacher Tod verbirgt, dachte Siridindar angesichts der fröhlich tschilpenden Vögel, die hie und da die kleinen, glitzernden Insekten jagten. Auch sie befand sich auf einem Weg, an dessen Ende der Tod stehen würde.

Fast hatte sie ihren Zielort erreicht. Zu ihren Füßen, in einer flachen Talsenke, lag ein verfallenes, von Kletterpflanzen überwuchertes Gemäuer. In einem ausgetrockneten Bachbett hing ein großes, teilweise angefaultes Mühlrad mit abgebrochenen Schaufeln schief in der Nabe. Nicht weit davon entfernt ragten die Reste eines Brunnenschachts aus den sanft wogenden Gräsern hervor, die den ehemaligen Hof der Mühle zurückerobert hatten.

Zielstrebig kletterte Siridindar den Hang hinab und ging zu der ausgetrockneten Zisterne. Etliche Mauersteine waren aus der runden Brüstung ausgebrochen und in den ehemaligen Brunnen hinein oder daneben gefallen. Die Frau mit der weißen Haut fand die beiden eisernen Haltegriffe, schwang sich in den Schacht und begann mit dem Abstieg. Sie gelangte zu einer Stelle, wo sich das kreisförmige Loch zu einer zwei Meter hohen, quadratischen Kammer erweiterte.

Der Boden des Schachts war mit Gesteinsbrocken übersät. Siridindar benötigte einige Sekunden bis sie in dem Geröll die aus ihrer verrosteten Verankerung gebrochene Metallleiter entdeckte. Für den Wiederaufstieg würde sie diese benötigen.

Dann fand sie auch eine Stelle, an der sie sich einigermaßen ungefährdet auf den Boden hinabfallen lassen konnte. Siridindar schwang mehrfach an den Haltegriffen hin und her bis sie genügend Schwung hatte, um in einem Bogen diese Stelle zu erreichen. Wie eine Katze flog sie durch die Luft und landete auf allen Vieren. Dann sah sie sich erneut um.

An einer Seite wies der quadratische Hohlraum eine mannshohe Öffnung auf. Als Mitbegründerin des Geheimen Bundes kannte sie diesen Ort, an den sich Murbolt zurückgezogen hatte. Sie erinnerte sich, dass dies früher der Wasserzulauf für den Brunnen war. Sie ging durch die Öffnung in den schmalen Kanal und erreichte bereits nach einigen Schritten ein schweres Metallgitter. Mit einem kräftigen Ruck riss sie es aus der Verankerung und lehnte es an die Wand. Wiederum wenige Schritte dahinter versperrte eine Mauer den weiteren Verlauf des Ganges. Mit Schlägen ihrer bloßen Fäuste und Fußtritten zertrümmerte Siridindar Steine bis die Mauer in sich zusammenfiel. Nun sah sie das zweite Gitter und die Gestalt, die dahinter auf dem Boden kauerte. 

Hier unten herrschte völlige Dunkelheit. Die durch den Brunnenschacht einfallenden Sonnenstrahlen reichten nicht aus, um den Gang zu erhellen. Für die Frau mit den gelben Augen war dies jedoch kein Hindernis. Sie sah in der Dunkelheit fast genauso gut wie am helllichten Tag. Dennoch zündete sie eine Kerze an, ein Zugeständnis an den Gefangenen. Die Gestalt erhob sich langsam und tastete sich mühevoll an der Wand entlang bis zu dem Gitter vor.

„Siridindar“, ertönte eine raue Stimme. 

„Sei gegrüßt, Murbolt“, antwortete sie.

„Es stimmt also doch, dass Qaromar einen der Gründer dazu ausersehen hat, die anderen zu bewachen“, murmelte Murbolt.

Siridindar ging auf diesen Vorhalt nicht ein: „Ich will wissen, was in der Zinnburg geschehen ist.“

„Das ist eine lange Geschichte“, warnte Murbolt.

„Ich habe Zeit“, gab Siridindar zurück.

In Murbolts Augen, die wie verlöschende Holzkohle glommen, trat ein herausforderndes Funkeln: „Wenn du mir schwörst, dass du mich aus diesem Loch befreien wirst, werde ich sie dir erzählen.“ Ohne das geringste Zögern erwiderte Siridindar: „Ich schwöre es.“

Murbolt nickte befriedigt. Er war davon überzeugt, dass die Weiße Frau ihr Versprechen einlösen würde, wenn er sich an seinen Teil der Abmachung hielt. Beim Geheimen Bund hatte er lange mit ihr zusammengearbeitet. Im Laufe seines Lebens hatte er gelernt, auf die leisesten Feinheiten der Stimme zu achten. In der Beurteilung der Körpersprache anderer Menschen hatte Murbolt es zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Als Einzigem war es ihm gelegentlich sogar gelungen, die Täuschungen Virkagons zu entlarven, des Mitbegründers, den sie den besten Schauspieler aller Zeiten nannten.

Daher erzählte er seine Geschichte: „Nachdem Qaromar den Dunstein gefunden hatte, studierte ich das „Buch der Vorzeit“ genauer, weil ich hoffte, einen Hinweis auf die Herkunft des Steins zu finden. Aber stattdessen habe ich etwas ganz anderes gefunden.“

„Was?“, fragte Siridindar begierig als Murbolt eine kurze Kunstpause machte. 

„Die Geschichte von Odandurk y Tan“, fuhr der alte Priester fort. „Odandurk war der Angehörige eines Volkes aus grauer Vorzeit. Er litt darunter, dass er schmächtig und schwach war. Aber er muss wohl sehr intelligent gewesen sein. Wahrscheinlich wegen seiner eigenen kleinen und schwächlichen Gestalt faszinierte ihn der Baum von Loxoterantos, eine riesige Ulme, viel größer und kräftiger als alle ihre Artgenossen. Der Beschreibung nach muss es sich bei Loxoterantos um das heutige Xotos handeln. Der Baum stand im Innenhof einer Festungsanlage der Dun. Das Monasterium von Porigunom und das Quartier des Fünften Landheers von Obesien wurden auf den Fundamenten solcher Anlagen errichtet. Jedenfalls beschloss Odandurk eines Tages, nach den Ursachen zu forschen, warum die Ulme von Loxoterantos viel größer war als andere Ulmen. Er begann, die Wurzeln freizulegen. Und dabei stieß er dieser Geschichte nach auf einen unscheinbaren Stein, der aber in einem bestimmten Licht betrachtet an das Himmelsgewölbe mit seinen vielen Sternen erinnert.“

Murbolt sah Siridindar erwartungsvoll an.

„Der Dunstein“, konstatierte sie.

„Genau das dachte ich auch“, erwiderte der alte Priester des Wissens. „Die Geschichte geht aber noch weiter. Odandurk nahm den Stein an sich und bedeckte wieder sorgfältig die Wurzeln des Baumes. Aber dennoch begann der Baum zu kränkeln. Odandurk dagegen hatte sein Ziel erreicht: Er wurde stärker und stärker. Und hier endet der erste Teil der Geschichte. Den zweiten Teil habe ich selbst geschrieben. In der Nähe eines kleinen Baches, der vormals die alte Mühle von Siimart antrieb, genau gesagt etwa einhundert Meter von hier entfernt, stand eine gigantische Linde. Sie war um einiges größer als die größte Linde, die ich zuvor jemals gesehen hatte. Ich habe bekanntlich die Mühle für den Geheimen Bund gekauft und dann habe ich damit begonnen, die Wurzeln des Baumes freizulegen. Errätst du, was ich gefunden habe?“ Siridindars schönes Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an: „Nicht noch einen Dunstein?“

„Das weiß ich nicht“, entgegnete Murbolt. „Auf jeden Fall aber handelte es sich um einen Stein, der zwar etwas kleiner als der uns bekannte Dunstein ist, aber genauso aussieht. Ich habe ihn mitgenommen nach Rukumor. Nachdem Qaromar den Dunstein gefunden und die Zinnburg erworben hatte, versammelte er dort die Mitglieder des Geheimen Bundes von Dunculbur. Ich habe ihm nie von diesem anderen Stein erzählt. Dann begannen die Experimente der Gründer mit dem Dunstein. Als ich bemerkte, dass er verheerende Auswirkungen auf die Menschen hat, die ihm zu nahekommen, habe ich den zweiten Stein in meiner Klause auf dem Burggelände versteckt. Später hat Qaromar mich hierhergelockt und mit Hilfe von Virkagon hier eingesperrt. Vermutlich hat Usgrit den zweiten Stein gefunden.“

„Weißt du etwas über die Wirkungen dieses zweiten Steines?“, fragte Siridindar.

„Nein“, erwiderte Murbolt. „Er stand für mich immer im Schatten des Dunsteins. Wie ihr alle habe ich gefühlt, dass der Dunstein gewaltige Kräfte in uns erweckte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Alles, was danach in der Zinnburg geschehen ist, muss jedenfalls mit den Steinen zusammenhängen. Mehr kann ich nicht sagen. Wirst du deinen Schwur jetzt einlösen?“

„Ja“, antwortete Siridindar und reichte Murbolt ihre Hand. Als er sie ergriff, zog sie ihn mit einem harten Ruck zu sich heran, sodass das schwere Stahlgitter aus der Verankerung gerissen wurde. Gesteinsbrocken polterten zu Boden. Sie vermochten jedoch weder Siridindar noch Murbolt Verletzungen zuzufügen. Der alte Priester lachte befreit auf. Er hatte gewusst, dass die Weiße Frau ihr Versprechen halten würde. Es war sein letztes Lachen. Er übersah den rötlichen Stahl in Siridindars linker Hand, der sein Herz durchbohrte. Immerhin starb er in Freiheit.

 

*

 

Tergald blickte verärgert zum Himmel hoch, wo Tralk übermütig krächzend seine Kreise zog. Selbst der alte Hengst Ibildag schien missmutig, dass er nun schon wieder eine Anhöhe erklimmen musste, statt endlich in befreitem Galopp über die Hochebenen fegen zu können.

Bereits zweimal hatte der Rabe verhindert, dass Tergald den Weg nach Norden einschlug. Als sie den gefährlichen Abstieg aus der Schneise von Delamunth hinter sich gelassen hatten, war Tralk aufgeregt vor Tergald und Ibildag herumgeflattert. Auf diese Weise hatte er schließlich durchgesetzt, dass der Lokhriter den Hengst nach Südosten lenkte, obwohl er überhaupt nicht dorthin wollte. Sein Weg führte nun durch ein hügeliges Land, die östlichen Ausläufer des mächtigen Aralt-Gebirges. Am Ende hatte Tergald die Geduld verloren und sein Pferd wieder nach Norden gerichtet. Aber dann hatte das gleiche Spiel von Neuem begonnen. Der Rabe setzte dem Lokhriter so stark zu, dass er wiederum nachgab. Obgleich er Tralk zugestand, dass der Vogel ihm vielleicht etwas zeigen wollte, was er aus der Luft gesehen hatte, beschloss Tergald dennoch, sich auf dieses Spiel nur noch eine begrenzte Zeit einzulassen.

Am Sonnenstand konnte der ehemalige Seemann ablesen, dass es früher Nachmittag war, als sie die Kuppe des höchsten Hügels weit und breit erreicht hatten. Ab da verflachte auch im Südosten der Schneise von Delamunth das Land zusehends. Es ging in eine schier endlose Ebene über, die im Osten bis zum Meer reichte und Zogh hinter dem Aralt geographisch in zwei Teile spaltete.

Tergald sah indes von seinem erhöhten Standort aus nicht nur die Ebene in der Ferne, sondern auch zwei größere Ansammlungen von Menschen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten. In einem breiten Tal östlich seines Standorts lag ein kleiner Weiler mit einigen verstreuten Hütten. Neben einem schnell dahinfließenden Gebirgsbach war außerdem ein größeres Zeltlager errichtet worden. Tergald konnte sogar die rote Standarte auf dem Größten der Zelte flattern sehen.

Die Schneise von Delamunth lag im Nordwesten. Das geübte Auge des Seemanns erspähte eine nicht enden wollende Reihe von Punkten, die sich in der Schneise bergab bewegten. Damit hatte er genug gesehen. Er trieb den alten Hengst die Böschung bis zur Talsohle hinunter. Von dort aus hielt er schnurgerade auf das Zeltlager zu. Bevor er es erreichte, tauchte eine kleine Gruppe von Zogh-Kriegern hinter der ersten Hütte des Weilers auf und versperrte ihm den Weg. Es handelte sich um groß gewachsene, verwegen aussehende Männer mit grauer Haut, die aber dunkler war als die der Höhlenbewohner, mit denen Tergald bereits eine unliebsame Bekanntschaft gemacht hatte.

„Bringt mich zu eurem Anführer!“, verlangte er unerschrocken. „Ich habe äußerst wichtige Nachrichten.“

Einer der Krieger bedeutete Tergald mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Die anderen umringten ihn, während sie zu dem Zeltlager ritten.

Dryd Drommidex, der Älteste der zehn Getreuen der Königin wirkte aufgrund seiner ungewöhnlichen Körpergröße hagerer als er in Wirklichkeit war. Die zahlreichen Narben in seinem Gesicht und an seinen Armen zeugten davon, dass er in Kämpfen stets die vorderste Front suchte. Nicht von ungefähr hatte ausgerechnet er sich für diese Aufgabe freiwillig gemeldet. Seit auf dem Kontinent nach den letzten kriegerischen Auseinandersetzungen Ruhe eingekehrt war, hatte das Leben für gestandene Draufgänger wie Drommidex erheblich an Reiz verloren. Aus schierer Langeweile hatte er sich auf diesen vorgeschobenen Beobachtungsposten gestürzt, weil es ansonsten nichts gab, was ein altes Kämpferherz auch nur andeutungsweise erfreuen konnte. Dabei hegte Drommidex keinerlei Zweifel daran, dass die Verstimmung zwischen der Königin und dem Herzog der Höhlen irgendwann überwunden sein würde. Ein Bruderkrieg war selbst für den alten Haudegen unvorstellbar. Aber trotzdem erschien ihm dieser lausige Beobachtungsposten nahe der Schneise von Delamunth immer noch erstrebenswerter als untätig in Knoist zu verweilen. Deshalb saß er nun mit seiner roten Standarte, einer Hundertschaft von Zogh-Kriegern, in einem winzigen Weiler, der bei den Einheimischen den Namen Trokclath trug.

Vor dem großen Zelt ihres Standartenführers zügelten die Zogh ihre Pferde und bedeuteten Tergald, ebenfalls abzusitzen. Während er sich vom Rücken seines Hengstes schwang, trat Drommidex aus seinem Zelt. Das Erste, was Tergald an ihm auffiel, war die riesige Doppelaxt in seinem Gürtel und der graue Schnauzbart, dessen Enden weit über das vorgeschobene Kinn herunterhingen.

„Das ist Dryd Drommidex, unser Anführer“, bemerkte einer von Tergalds Begleitern ehrerbietig, bevor er sich an den Dryd wandte: „Der Mann hier sagt, er habe wichtige Nachrichten für Sie.“

Drommidex musterte Tergald: „Sie sind ein Seemann aus Lokhrit. Also sollten Sie auch ein Freund der Zogh sein.“

„Nicht aller Zogh“, schränkte Tergald mutig ein. „Jedenfalls nicht derjenigen, die Herzog Torrgarath ermordet und mich in der Schneise von Delamunth in den Abgrund geworfen haben.“

„Waaas?“ In die herabhängenden Schnurrbartenden des alten Kämpen kam schlagartig Bewegung. Wenn der Kerl aus Lokhrit nicht log, waren die ruhigen Zeiten endlich zu Ende.

In einem kurzen Bericht fasste Tergald zusammen, was ihm in der Schneise von Delamunth widerfahren war. Am Schluss erwähnte er auch noch die große Streitmacht, die sich gerade im Begriff befand, von dort aus zum „Saum“ zu reiten. Als den „Saum“ bezeichneten die Zogh den hügeligen Geländestreifen am Fuß des Aralt-Gebirges. Während Drommidex darüber nachdachte, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, kam einer seiner Leute in gestrecktem Galopp auf einem braunen Bergpferd herangeprescht. Atemlos bekundete er, dass ein Heer aus den Höhlen sich genau auf den Weiler Trokclath zubewegte.

„Wie viele?“, wollte Drommidex wissen.

„Ich schätze, dass es mindestens fünfhundert sind“, antwortete der Kundschafter.

„Das ist eine zu große Übermacht“, gestand sich der Dryd zerknirscht ein und sah griesgrämig in die Richtung, wo sich die Schneise von Delamunth befand. „Die Königin würde mich zu Recht verbrennen, wenn ich ihre Leute sinnlos opferte. Wir müssen uns sofort zurückziehen und sie benachrichtigen.“ Dann sprach er den Kundschafter an: „Du bleibst mit fünfundzwanzig Leuten hier in der Nähe und beobachtest alle Bewegungen der Höhlen-Zogh. Aber kommt ihnen nicht zu nahe! Ich werde mit dem Rest der Männer nach Knoist reiten. Ich will über jeden Tag einen Bericht. Suche dir jetzt deine Leute aus!“

Wortlos ritt der Kundschafter zur Mitte des Lagers, wo sich die „Rote Standarte“ bereits sammelte.

„Darf ich mitkommen nach Knoist?“ fragte Tergald. „Schon als Kind habe ich davon geträumt, einmal in meinem Leben den „Gletscher am Ende der Welt“ zu sehen. Nicht einmal während meiner Zeit als Seemann war mir das vergönnt.“ Der Dryd betrachtete ihn einigermaßen wohlwollend: „Vielleicht sollten die Zogh der Hochebenen wiedergutmachen, was die Höhlen-Zogh verbrochen haben. Wie heißen Sie überhaupt?“

„Mein Name ist Tergald“, stellte sich der Lokhriter nun endlich vor.

„Sie sind uns willkommen, Tergald. Ich hoffe, Ihr Pferd hält den anstrengenden Ritt durch“, meinte Drommidex mit einem zweifelnden Blick auf den alten Hengst.

„Ibildag ist viel zäher als er aussieht“, entgegnete Tergald zuversichtlich.

Dryd Drommidex setzte sich an die Spitze seiner nur noch aus fünfundsiebzig Männern bestehenden Standarte. Fluchtartig verließen sie das Zeltlager und nahmen nur das Nötigste mit. Drommidex hasste es, sich zurückziehen zu müssen. Aber die Unterrichtung der Königin über die letzten Ereignisse war jetzt wichtiger als alles andere. Die Höhlen-Zogh würde er sich zu gegebener Zeit vorknöpfen.

 

*

 

Die schwülwarme Luft war erfüllt vom hässlichen Sirren und Brummen der ekelhaften kleinen Blutsauger. Aber keiner der Anwesenden hätte sich während der anstehenden Zeremonie die geringste Bewegung erlaubt oder auch nur mit der Wimper gezuckt. In ihren schlichten Leinengewändern wirkten die knapp dreihundert Männer und Frauen wie Angehörige eines Bettelordens. Kein mit den Verhältnissen nicht vertrauter Betrachter wäre auf den Gedanken gekommen, dass sich auf dem eingetrockneten Schlamm der zertrampelten Wiese die kampfstärkste Einheit des gesamten Kontinents eingefunden hatte, die in der Lage gewesen wäre, selbst die größten Heere zu vernichten.

Alle Teilnehmer der Versammlung blickten auf einen schmalen, hochgewachsenen Mann, der ein graues, halb durchsichtiges Gewand trug, das sich eng an seine Leinenkleidung anschmiegte und auch den Kopf völlig bedeckte, aber dennoch sein Gesicht erkennen ließ.

Die gleißende Sonne verstärkte die irisierenden Effekte des kunstvollen Gewebes. Der Mann stand vor einem dunkelroten Pfahl, auf dem ein farbenprächtiger Adler saß.

Aus der ersten Reihe der Anwesenden trat eine hagere Person mit einem rostfarbenen Kopftuch hervor, stellte sich neben den Pfahl und verlangte mit erhobener Stimme: „Begrüßt Nulpir a Tomax, den König der Pylax, der uns das Eidgewand von Yacudac zurückgebracht hat!“

Eine donnernde Beifallsbekundung, gemischt mit dem An- und Abschwellen dumpfer Laute, setzte ein und endete kurz darauf ebenso abrupt wie sie begonnen hatte.

Der Sprecher senkte in einer dramatischen Geste sein Haupt, um es danach gleich wieder zu erheben.

„Die Schande der Sklaverei ist von unserem Volk genommen“, verkündete er. „Das verdanken wir Nulpir a Tomax!“ Erneut brandete Applaus auf, wiederum vermischt mit dem dumpfen Singsang. Der König stand weiterhin völlig unbeweglich vor dem roten Pfahl.

„Er hat uns einen Neubeginn ermöglicht!“, schrie der Sprecher mit sich überschlagender Stimme, die sich dann jedoch zu einem unheilvollen Raunen senkte.

Die Anwesenden mussten sich trotz ihres überragenden Hörvermögens anstrengen, um seine Worte zu verstehen:

„Leider sind die Mitglieder unseres Volkes in alle Winde verstreut. Das verdanken wir der Sklaverei. Auch Nulpir a Tomax war ein gefügiger Sklave bevor er König wurde.“ Fast flüsternd fügte er hinzu. „Das ist ein schlechtes Omen.“ Dann erhob er seine Stimmen wieder und rief laut: „Sagran o Quastes!“

Ein anderer Mann aus der ersten Reihe trat neben Nulpir a Tomax und zog diesem das Kopfteil des schillernden Gewandes wie eine Kapuze in den Nacken. Dabei fiel der bereits abgetrennte Kopf des ehemaligen Verwesers von Yacudac auf den festgetretenen Lehmboden.

Mit einer schnellen, nicht mehr sichtbaren Bewegung zerschnitt Sagran o Quastes die Lederriemen, die die Arme des Königlichen Verwesers an den dunkelroten Pfahl gefesselt hatten. Auch dessen Rumpf fiel nun vornüber auf die staubige Erde.

„Sagran o Quastes!“, rief der Sprecher erneut. „Der erste freie König von Yacudac nach der Ära der Sklaverei!“ Begeisterter Jubel brach los.

Während der neue König seinen Untertanen zuwinkte, verschwand der Sprecher, um kurz darauf in Begleitung eines Sindriers zurückzukehren.

„Der Gesandte Yxistradojns“, stellte er den Mann vor. „Yxistradojn entstammt der Dynastie des Zitaxon. Auch wenn er nur Regent von Sindra ist, so steht er doch in der Tradition der Sklavenhalter.“

Nun ergriff der neue König das Wort.

„Es ist unsere historische Aufgabe, die Dynastie Zitaxons auszulöschen und die Einheit unseres Volkes wiederherzustellen.“

Der Gesandte Yxistradojns konnte nur noch ein kurzes Flimmern wahrnehmen. Sagran o Quastes schien sich plötzlich in einem Luftwirbel aufgelöst zu haben. Es folgten Augenblicke schrecklichen Schmerzes. Dann war für den Sindrier alles vorbei.

Die Pylax von Yacudac jubelten erneut. Sie fühlten sich aufgerufen, eine neue Ordnung in Sindra herzustellen. Keiner von ihnen ahnte, dass vor kurzer Zeit eine menschliche Legende in der Gruft von Kostondio ihr Leben geopfert hatte. Mit diesem Blutopfer war ein Schwur erzwungen worden. Der Schwur, die von den Pylax angestrebte neue Ordnung zu verhindern.

 

*

 

Angewidert und endlos traurig schaute Yxistradojn in den Holzkasten, den ein unbekannter Pylax im Palast von Doinat abgegeben hatte. Aus gebrochenen Augen starrte der Kopf des Gesandten seinen Regenten an. Daneben lag sein blutiges Herz.

Die Gedanken Yxistradojns schweiften von der grausigen Wirklichkeit ab. Deshalb bemerkte er den unheimlichen Besucher nicht, der aus einer zuvor verborgenen Öffnung der Wandvertäfelung in den Raum trat. Als die sägende Stimme erklang, fuhr Yxistradojn erschrocken zusammen.

„Ich bin Truchulzk“, vibrierten die Worte des Mannes mit dem silbernen Gewand und der hohen Mitra. „Fürchtet Euch nicht. Ich bin hier, um Euch zu retten. Folgt mir jetzt!“

Der Bewacher der Gruft verschwand wieder in der Wandöffnung, durch die er das Zimmer betreten hatte. Yxistradojn ahnte, dass er nur wenig Zeit hatte und schloss sich dem Bewacher, ohne zu zögern an. Obwohl er selbst in der Dunkelheit sehen konnte, entzündete Truchulzk eine Fackel. Nun konnte auch der Regent erkennen, dass die Wände des Ganges aus schwarzem, glatt poliertem Gestein bestanden. Anfangs fiel der Gang nur leicht ab, später wurde das Gefälle stärker. Der Felskorridor mündete schließlich in einem natürlichen Hohlraum der Schieferfelsen oberhalb des breiten, grünen Sindur, der nur wenige Meter tiefer träge dahinfloss. Am Ufer lag eine große Schaluppe vertäut, die kaum wahrnehmbar im Rhythmus des Flusses schaukelte.

„Ihr müsst vorübergehend fliehen“, eröffnete der Bewacher der Gruft dem Regenten. „Dieses Schiff bringt Euch nach Surdyrien. Hier in Sindra wird es zu Kämpfen kommen, und solange der neue König der Pylax das Eidgewand hat, kann ich Euch nicht schützen.“

Neben dem Ausgang der Grotte war ein Metallring in der Felswand verankert. Truchulzk zog unter seinem Gewand ein dünnes Seil hervor und verknotete es in dem Ring. Dann ließ er den Strick aus der Höhlenöffnung hinab bis zur Uferböschung. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und entschwand in den dunklen Tunnel.

„Danke!“, rief Yxistradojn ihm hinterher.

„Bedankt Euch bei Selazidang“, schallte es dumpf aus dem Gang zurück. 

Diese Bemerkung rief bei dem Regenten eine tiefe Verwirrung hervor. Er hatte Selazidang seit dessen Abreise nach Kerdaris nicht mehr gesehen. War der Gelehrte nach Sindra zurückgekehrt? Aber warum hatte er ihn dann nicht aufgesucht?

Nun entsann sich Yxistradojn plötzlich auch wieder der Erwähnung des Eidgewandes durch den Bewacher der Gruft. Demnach schien genau das eingetreten, was Selazidang hatte verhindern wollen, nämlich dass die Pylax den Besitz des Gewandes erlangten. Und wie der abgetrennte Kopf des Gesandten bewies, waren die schlimmsten Befürchtungen seines Lehrmeisters begründet. Die Erhebung der Pylax hatte bereits begonnen. Wenn selbst die Bewacher der Gruft dem Aufstand nicht Einhalt zu gebieten vermochten, konnte auch er nichts dagegen ausrichten. Durfte er sein Land in dieser schicksalhaften Stunde im Stich lassen? Oder war es umgekehrt sogar seine moralische Pflicht, zu fliehen, um ein Blutbad zu verhindern?

Immer noch in Gedanken versunken ergriff er das Seil und ließ sich zu der Flussböschung hinabgleiten, wo die Schaluppe darauf wartete, ihn außer Landes zu bringen.

 

*

 

Obwohl das Zimmer gemütlich eingerichtet und geräumig war, hatte es lange leer gestanden. Sogar Tokon, der im Allgemeinen nicht sonderlich zimperliche Ordenssprecher, zwang keinem seiner Bibliothekare die Benutzung dieser Räumlichkeit auf, in der sich fürchterliche Dinge zugetragen hatten. In der Akademie wurde diese Unterkunft hinter vorgehaltener Hand „das Zimmer des geschlachteten Schlächters“ genannt. Hier hatte vor nicht allzu langer Zeit ein Schreiber kleine Mädchen missbraucht und ermordet bis er schließlich eines Tages selbst mit zerschmetterten Gliedern und eingeschlagenem Schädel aufgefunden worden war.

Orhalura empfand es als Glücksfall, dass sie dieses völlig abgelegene Zimmer im Untergeschoß der Bibliothek bekommen hatte. Hier konnte sie in aller Ruhe ihren Studien nachgehen und musste auch nicht befürchten, ungewollt mit anderen Priestern des Wissens in Kontakt zu kommen. Nachdem sie den Dunstein berührt hatte, vermied sie Begegnungen mit fremden Menschen, soweit ihr dies möglich war. Sie lebte in ständiger Angst, weil sie keine Vorstellung davon hatte, wie sie sich selbst weiter entwickeln würde. 

Orhalura schlug das Buch zu, in dem sie gerade gelesen hatte. Es enthielt eine Abhandlung über die in Kristallen verborgenen Kräfte. Bei der Lektüre hatte sie schnell bemerkt, dass es nur um altbekannte Mineralien des Kontinents ging. Hier würde sie keine neuen Erkenntnisse zu der Thematik finden, die sie derzeit am meisten beschäftigte. Sie klemmte das Buch unter den Arm und trat hinaus auf den langen Korridor, der über mehrere Verzweigungen zu einem großen Lesesaal der Bibliothek führte. Dort befanden sich die Fachbücher über Gesteine und Metalle.

Die Priesterin beschloss, ihre Strategie zu ändern. Sie hatte inzwischen die Überzeugung gewonnen, dass es sich bei den Einschlüssen im Dunstein nicht um mineralische Kristalle handelte, sondern um etwas völlig anderes. Aber sie war sich noch nicht restlos schlüssig darüber, wie sie nun weiter vorgehen sollte.

Tief versunken in ihre Überlegungen nahm sie kaum die schmale Gestalt wahr, die sich in einem braun gestreiften Überwurf etwa zwanzig Schritte vor ihr ebenfalls in Richtung des Lesesaals bewegte. Eine Hilfskraft der Akademie, bei der wegen der braun gestreiften Mütze das Geschlecht nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Aber dem Körperbau nach musste es sich um eine Frau handeln.

Plötzlich blieb die Gestalt stehen und drehte sich langsam um. Überrascht verlangsamte Orhalura ihre Schritte. Sie sah nun in das absolut ebenmäßig geformte Gesicht einer Frau mit makellos weißer Haut. Unter der Mütze war der Ansatz goldgelber Haare zu erkennen. Zwei gelbe Augen mit schwarzen Sehschlitzen fixierten Orhalura mit gefährlichem Funkeln.

Erschrocken blieb die Priesterin des Wissens stehen. Wieso hatte sie als Spiritantin die Anwesenheit der Frau nicht spüren können? Erst jetzt wurde ihr diese Ungeheuerlichkeit bewusst. Gewiss, sie hatte die Frau gesehen. Aber sie konnte ihre Gegenwart nicht fühlen, wie sie dies bei allen anderen Menschen vermochte.

Die andere Frau schien einen Augenblick lang genauso entsetzt zu sein wie Orhalura. Ungläubig, als ob sie an ihren eigenen Worten zweifelte, sagte die Fremde mit ihrer wohlklingenden Stimme: „Du hast den Dunstein berührt.“ Orhalura starrte sie mit aufgerissenen Augen an. Die Hand der Fremden fuhr unter ihr Gewand. Während sie auf die Priesterin des Wissens losging, fiel die Kappe zu Boden und gab ihre goldgelbe Lockenpracht frei. Ein Messer mit rötlicher Klinge blitzte in ihrer rechten Hand auf. Mit der Linken packte sie Orhalura, um sie gegen die Wand zu schmettern. Das Messer schoss nach vorne in Richtung der Priesterin. Da traf ein harter Schlag das Handgelenk der Angreiferin. Der Cirrha-Dolch fiel scheppernd zu Boden. Orhalura packte die Frau und drückte sie gegen die Wand des Ganges.

„Das ist unmöglich“, stammelte die Fremde, während sie vergeblich versuchte, sich aus dem harten Griff zu befreien.

„Wer bist du? Warum willst du mich töten?“, fauchte Orhalura und presste wütend die Kehle der weißhäutigen Frau zusammen, dass diese kaum noch atmen konnte.

„Mein Name ist Siridindar“, stöhnte die Angreiferin. „Wenn du mich loslässt, werde ich dir alles erklären.“

Orhalura gab den Hals Siridindars frei, tauchte blitzschnell weg und ergriff den am Boden liegenden Dolch. Die weißhäutige Frau versuchte, die Gelegenheit zu nutzen, um zu fliehen. Aber die Priesterin packte sie an den langen, goldgelben Haaren und riss sie herum. Drohend fuchtelte sie mit dem Dolch und forderte die Frau im braun gestreiften Überwurf auf, mit ihr zu kommen. Siridindar zögerte nur kurz. Weniger aus Furcht als aus Neugierde entschloss sie sich, die Priesterin mit den unheimlichen Kräften zu begleiten. Orhalura wich ihr nicht von der Seite und behielt jede ihrer Bewegungen im Auge bis sie das „Zimmer des geschlachteten Schlächters“ erreicht hatten. Dort schob sie die Weiße Frau hinein und verriegelte die Tür.

Ehe Orhalura die beabsichtigten Fragen stellen konnte, ging mit Siridindar eine seltsame Veränderung vor. Ihre Augen und ihr Mund standen weit offen. Ihr ganzes Gesicht spiegelte maßlose Betroffenheit. Mit dem Rücken angelehnt rutschte sie an der Wand herab. Mühsam versuchte sie, ihre Fassung wiederzugewinnen als sie am Boden saß.

„Chrinodilh war hier“, flüsterte sie und empfand dabei als ob alles andere in der Welt, und sei es auch noch so fürchterlich, seinen Schrecken verloren habe. Für kurze Zeit durchlitt sie den größtmöglichen Zwiespalt aller Gefühle.

„Wer ist Chrinodilh?“, wollte Orhalura wissen. Aber Siridindar antwortete nicht. Ihr Blick war ins Leere gerichtet als sehe sie in eine andere Welt. Sie brauchte mehrere Minuten, um in die Realität zurückzufinden. Orhalura ließ ihr diese Zeit.

„Du hast den Dunstein berührt“, wiederholte Siridindar schließlich, nachdem sich ihr Blick wieder geklärt hatte.

„Das stimmt“, gab Orhalura zu.

„Was gedenkst du nun zu tun?“, fragte die Frau mit den goldenen Locken.

Orhalura zuckte die Schultern: „Ich weiß es nicht. Bisher kann ich keine Veränderung feststellen.“

„Da irrst du dich“, widersprach Siridindar. „Du hast meine Kräfte neutralisiert. Ich spüre zwar, dass du eine Spiritantin bist. Aber selbst Spiritanten können das nicht bewirken.“

„Warum willst du mich töten?“, wiederholte nun auch Orhalura ihre ursprünglich gestellte Frage.

„Weil es meine Aufgabe ist, Menschen zu töten, die den Dunstein berührt haben“, erklärte die Weiße Frau. „Deshalb bin ich nach Modonos gekommen.“

„Woher wusstest du, dass ich den Dunstein berührt habe?“, erkundigte sich Orhalura.

„Das wusste ich nicht als ich hierhergekommen bin“, klärte Siridindar sie auf. „Ich bin nicht deinetwegen gekommen.“

„Und weswegen sonst?“ Siridindar hatte das Misstrauen aus Orhaluras Worten herausgehört. Deshalb beschloss sie, der Priesterin des Wissens die Wahrheit zu sagen, jedenfalls soweit dies nötig schien: „Der Mann, dessentwegen ich gekommen bin, heißt Virkagon. Er war einer der Mitbegründer eines Geheimbundes und zugleich der Gefährlichste von allen. Sie nannten ihn den „Schauspieler“, weil er in alle Rollen schlüpfen und dadurch unerkannt bleiben konnte. Auch er hat den Dunstein berührt. Qaromar, ein alter Wanderpriester und Kopf des Geheimen Bundes von Dunculbur, sperrte Virkagon in ein Verlies, als er sich zu verändern begann. Inzwischen ist er so gefährlich, dass es nicht mehr zu verantworten wäre, wenn er eines Tages befreit würde.“

„Und wo befindet er sich?“, wollte Orhalura wissen.

„Ich war auf dem Weg zu ihm, als ich dich bemerkt habe“, erwiderte Siridindar.

„Dann gehen wir jetzt gemeinsam zu seinem Kerker“, bestimmte die ehemalige Rektorin. Dagegen hatte die weißhäutige Frau nichts einzuwenden. Auf diese Weise bot sich ihr vielleicht noch am ehesten eine Möglichkeit zur Flucht vor dieser unheimlichen Priesterin.

Beim Verlassen des Zimmers atmete Siridindar auf. Die Erinnerungen an Chrinodilh fielen von ihr ab wie das letzte Herbstlaub im ersten Sturm des Winters. Scheinbar einträchtig schritten die beiden Frauen Seite an Seite durch den Korridor, in dem sie noch vor kurzem einen Kampf auf Leben und Tod ausgetragen hatten. Sicherheitshalber hielt Orhalura jedoch die ganze Zeit über die Hand unter ihrem Gewand fest um den Griff des Dolches gelegt, bereit, ihn bei den ersten Anzeichen eines etwaigen Angriffs zu benutzen. Aber Siridindar machte nicht die geringsten Anstalten, ihre Begleiterin zu attackieren. 

Vor dem großen Lesesaal zweigte eine Rundbogentür ab, hinter der eine steile Wendeltreppe aus Sandstein in die Tiefen des Urgesteins führte, auf dem dieser Teil der Akademie errichtet worden war. Die Treppe mündete in einen unterirdischen Kanal.

Siridindar blieb plötzlich stehen. Wiederum nahmen ihr Gesicht und ihre Augen diesen entrückten Ausdruck an.

„Chrinodilh?“, fragte Orhalura spöttisch.

Siridindar schüttelte sich. Dann nickte sie: „Ja, Chrinodilh. Hier lebte sie.“

Gemeinsam gingen sie weiter durch den nassen, düsteren Kanal bis sie eine runde Öffnung in halber Höhe der Seitenwand erreichten. Hätte Siridindar keine weiße Haut gehabt, wäre sie erbleicht. So aber waren nur ihre Augen vor Bestürzung geweitet. Langsam fasste sie in das schmutzige Wasser am Boden des Abwasserkanals und tastete mit der Hand umher. Plötzlich hob sie ein kreisrundes Stahlgitter hoch, das die gleiche Größe wie die Wandöffnung hatte.

„Der Schauspieler ist ausgebrochen“, stellte sie atemlos fest. Sie zeigte auf die stark verrosteten Enden der Gitterstäbe und fügte hinzu: „Schon vor langer Zeit.“

„Was nun?“, fragte Orhalura.

Ich muss ihn finden“, erwiderte Siridindar. „Aber um ihn zu töten, brauche ich meinen Dolch.“

„Das ist mir zu gefährlich“, lehnte Orhalura ab. „Ich komme mit dir.“

 

*

 

Giirk warf den Seesack mit dem tödlichen Inhalt über die Bordwand des Ruderboots und hüpfte selbst hinterher. Endlich hatte er wieder festen Boden unter den Füßen. Er hätte Erleichterung empfinden müssen. Aber paradoxerweise rief ausgerechnet die Idylle im Hintergrund der malerischen Bucht die Erinnerung daran hervor, dass der gefährlichste Teil seiner Reise eben erst begonnen hatte. Freundlich winkte Giirk dem Steuermann der „Brosik 3“ zu, der sie mit dem Boot an den Strand gebracht hatte. Dann folgte er Saradur, der bereits voraus gegangen war. Am Beginn des Weges, der zum „Paradies der Küste“ führte, wurden sie von zwei Personen erwartet. Ein Paradies, das keines ist, rief sich Giirk die Worte seines Mentors Mulmok ins Gedächtnis. 

Saradur zeigte auf Giirk, der hören konnte, wie der Höchste Priester den beiden Männern erklärte: „Der junge Mann heißt Giirk. Er stammt aus Surdyrien. Ich habe ihn angeworben, damit er uns beim Betrieb unserer Minen unterstützt.“ Zu Giirk gewandt, der die kleine Gruppe inzwischen erreicht hatte, stellte er die beiden Männer aus dem Monasterium vor, einen Priester des Wissens und einen Shondo: „Das ist Tandras, ein Sohn Baradias, die das Monasterium leitet, und Agur, einer ihrer Leibwächter.“

„Führen Sie Waffen bei sich?“, fragte der grimmig dreinblickende Shondo den Neuankömmling.

„Nein“, erwiderte Giirk und fügte grinsend hinzu: „Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten.“

„Sehe ich aus als würde ich mich vor Ihnen fürchten?“, entgegnete der Shondo humorlos. „Darf ich einen Blick in Ihren Seesack werfen?“

Giirk wusste, dass es sich nicht um eine rein rhetorische Frage handelte, und dass es jetzt heikel werden würde. Er öffnete den Sack, so dass Agur den Inhalt sehen konnte: diverse Kleidungsstücke, ein Paar Lederstiefel, Landkarten und die beiden Metallbehälter.

Agur runzelte die Stirn: „Was ist in diesen beiden Dosen?“

Giirk fischte einen der Behälter aus dem Sack und öffnete ihn. Schwarzblaue Klumpen einer nicht definierbaren Substanz kamen zum Vorschein.

„Das sind getrocknete Belasint-Früchte, eine surdyrische Spezialität“, erklärte der Mivv, entnahm dem Behälter einen der Klumpen und hielt ihn dem Shondo vor die Nase: „Wollen Sie kosten? Das schmeckt hervorragend.“

Angewidert winkte Agur ab.

„Nein, danke. Sie können mitkommen.“ Während Giirk den Klumpen wieder behutsam verstaute schnappte er einen sonderbaren Blick Saradurs auf. Der aber lächelte sofort wieder und folgte den beiden Männern aus dem Monasterium. Auch der Mivv schloss sich ihnen an, nachdem er seinen Seesack über die Schulter geworfen hatte. Der Sandpfad durch die Dünen, der zum Paradies der Küste führte, verbreiterte sich bald zu einem sorgfältig gepflegten Kiesweg, der von niederen Sträuchern gesäumt wurde.

„In der Bucht liegt noch ein anderes Schiff vor Anker. Hat Baradia Besuch?“, erkundigte sich Saradur beiläufig bei Tandras.

„Das sind Leute aus Sindra. Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, wehrte Tandras ab.

Giirk war beeindruckt vom Anblick des Monasteriums. Es handelte sich um eine Ansammlung von großen, winkelförmigen Gebäuden mit quadratischen Türmen an den Enden der längeren Seiten. Zwischen den einzelnen Gebäuden erstreckten sich üppige Grünanlagen mit blühenden Büschen und einigen Bäumen.

Die Siedlung wurde überragt von einem außergewöhnlichen Baukörper, der aus mehreren aneinander gefügten, rechteckigen Türmen bestand, die zur Mitte hin immer höher wurden.

Tandras führte sie unter einem großen Steinbogen hindurch zum Portal des größten Gebäudes. Auf zwei schmalen, hohen Säulen ruhte ein dreieckiger Vries mit einer fremdartigen Inschrift. Darüber hatte sich wohl ehedem ein Relief befunden, das aber weggemeißelt worden war. 

Beim Betreten des Gebäudes verspürte Giirk sofort eine erheblich geringere Temperatur. In die dunklen Steinmauern hatten die Erbauer hohe, schmale Fenster mit Spitzbögen und dicken, fast undurchsichtigen Glasscheiben eingelassen. Überall hingen Gemälde mit den unterschiedlichsten Motiven. Die beiden Besucher wurden von Tandras in einen außergewöhnlich hohen Raum mit einer goldverzierten Gewölbedecke geleitet, wo sie von Baradia erwartet wurden. Die Rektorin schien um die vierzig Jahre alt zu sein. Aus den Schilderungen seines Mentors hatte Giirk aber erfahren, dass sie in Wahrheit etwa einhundertundsiebzig Jahre zählte. Sie trug ein blassgelbes, weit ausgeschnittenes Kleid und einen Orchideenkranz im Haar.

Tandras eilte zu seiner Mutter und flüsterte ihr etwas zu. Daraufhin begrüßte Baradia mit gespielter Höflichkeit die Ankömmlinge. Eine ungewöhnliche Anspannung war ihr jedoch dabei deutlich anzumerken. 

„Tandras, bringe unseren Gast aus Surdyrien auf sein Zimmer“, wies sie ihren Sohn an. „Ich habe wichtige Dinge mit dem Höchsten Priester zu besprechen, die keinen Aufschub dulden.“

Bis auf Baradia und Saradur verließen alle Personen den Raum. Statt der Rektorin ergriff jedoch sofort Saradur das Wort.

„Ich habe den Stein ins Rollen gebracht“, berichtete er. „Der Hafenmeister von Lohidan ist tot.“

Baradia hatte das Gefühl, dass eine schwere Bürde von ihr abfiel. Trotz ihrer Erleichterung meinte sie mit einer gewissen Bitterkeit: „Eigentlich ist das sehr traurig. Früher habe ich mich gut mit ihm verstanden. Warum ist es nur so weit gekommen?“

„Mach dir darüber jetzt keine Gedanken mehr“, tröstete sie der Höchste Priester. „In Zogh haben sich die Dinge ebenfalls positiv entwickelt. Zobirek hat den Herzog der Höhlen getötet, sodass ihm jetzt gar keine andere Wahl mehr bleibt, als sich gegen Octora und Par.Agdandall zu stellen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis wir auch den Marschall zur Strecke bringen.“

„Ich bin froh, wenn dieser Rachefeldzug endlich zu Ende ist und ich mich wieder auf das Leben konzentrieren kann“, seufzte Baradia. „Anscheinend sind uns die Mächte des Schicksals gewogen. Sie haben uns eine weitere Gelegenheit in die Hände gespielt.“ Saradur sah sie fragend an. „Die Sindrier haben die Leiche des Hochkönigs Gylbax hierhergebracht“, erklärte sie weiter. „Sie wollen, dass ich ihn wiedererwecke.“

Saradur ließ sich auf einen Stuhl sinken und strich sich nachdenklich durch sein dreifarbiges Haar.

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, sagte er schließlich. „Gylbax hatte ehrgeizige Pläne, die er äußerst rücksichtslos verfolgte. Er wäre kein Mann, den man als Werkzeug benutzen kann.“

„Da bin ich anderer Ansicht“, widersprach Baradia. „Man müsste es nur richtig anstellen.“

„Du kanntest ihn besser als ich“, gab der Höchste Priester zu. „Ich rate dir dennoch dringend davon ab. Lass mich aber wenigstens dabei sein, falls du es trotzdem tust.“

„Falls ich mich dazu entschließe, werde ich die weiteren Schritte vorher mit dir besprechen“, versprach Baradia. Saradur konnte man ansehen, dass er davon nicht überzeugt war.

 

*

 

Der uralte Ringwall, das letzte Überbleibsel eines ehemaligen Vulkankegels, schützte Sna-Snoot schon allein aufgrund seiner beeindruckenden Höhe und Stärke besser als jede von Menschenhand erbaute Mauer. An einer Stelle war er allerdings auf eine Breite von mehreren Metern eingebrochen. Dort führte ein schmaler, nach außen von einem Vorhang herabhängender Kletterpflanzen verdeckter Durchgang gleich einem schneisenartigen Hohlweg zu einem mächtigen Tor aus Bronze. Die Priester des Wissens hatten es einst für ihren Verbündeten, den Schnorst von Oot, gegossen. Früher residierte er zeitweise in der heiligen Stadt der Shondo. Wieder einmal hielt er sich nun aber im Auftrag Baradias und des Höchsten Priesters im fernen Surdyrien auf. Seine Gefolgsleute ahnten nicht, dass er dies tun musste, um seine Unsterblichkeit zu bewahren. Die meisten hielten ihm trotz seiner häufigen Abwesenheit die Treue. 

Erstmals war es einem Außenstehenden gelungen, eine Rebellion gegen den Schnorst von Oot anzuzetteln. Der Lumburier Ugudag hatte den Shondo Logg davon überzeugt, dass Uggx nicht im Interesse seines Volkes, sondern in seinem eigenen Interesse und demjenigen fremder Mächte handelte. Logg konnte sich der Folgerichtigkeit dieser Argumentation nicht entziehen, obwohl er wusste, dass letztlich auch Ugudag die Belange der Shondo gleichgültig waren. Aber sich selbst traute Logg die Fähigkeit zu, die unliebsamen Zustände im Dschungel von Oot grundlegend zu ändern.

Seine Rufe am Tor von Sna-Snoot blieben jedoch ungehört. Da die Shondo auf der anderen Seite die Bronzepforte nicht öffneten, wurde ihm klar, dass es nicht ohne Kampf abgehen würde. Während Logg noch lautstark das Öffnen des Tores forderte, schob Ugudag ihn einfach zur Seite. Er trat vor die Pforte und ließ die Cirrha-Spitze aus dem Wanderstab Qaromars gleiten. Dann begann er, ein kleines Loch in das Bronzetor zu schneiden. Die aus Kupfer und Zinn bestehende Legierung bot dem geheimnisvollen, rötlichen Material fast keinen Widerstand. Am Ende fiel eine fast kreisrunde Scheibe aus der Pforte heraus.

Durch das Loch erkannte der Ureinwohner, dass sich auf der anderen Seite des Tores mindestens fünfzig Shondo in einer Doppelreihe aufgestellt hatten. Ihre entspannte und nachlässige Haltung deutete an, dass sie mit einem erfolgreichen Eindringen der Rebellen nicht rechneten. Der Lumburier gab Logg das Zeichen zum Angriff. Der Anführer beorderte zwei seiner Männer zu der kleinen Öffnung im Tor. Diese begannen, in rascher Folge Giftpfeile aus ihren Blasrohren auf die Verteidiger abzuschießen. Zuerst begriffen die Shondo im Inneren des Vulkankraters überhaupt nicht, was hier vor sich ging. Sie wurden durch den verdeckten Angriff völlig überrascht und erkannten erst viel zu spät, dass sie aus ihrer ungeschützten Position keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergreifen konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Angreifer bereits etliche ihrer Widersacher niedergestreckt. Währenddessen schnitt Ugudag zwei weitere Löcher in die Pforte, sodass die Verteidiger nun von sechs Angreifern unter Beschuss genommen wurden. Daraufhin flohen die überlebenden Shondo der vordersten Verteidigungsreihe zu den Hütten von Sna-Snoot.

Ugudag trennte mit dem Wanderstab Schloss und Riegel aus dem Tor. Unter dem Ansturm der Rebellen schwang das gewaltige Tor auf.

Ein Teil der Dorfbewohner hatte unmittelbar vor den ersten Hütten eine zweite Verteidigungslinie gebildet. In fieberhafter Eile holten Frauen Gegenstände aus den Behausungen, die von den Bogenschützen als Deckung benutzt werden konnten.

An der Spitze der Angreifer stürmte der riesige Ugudag auf die Dorfbewohner zu. Unwillkürlich schossen die meisten Verteidiger ihre Pfeile auf ihn ab. Loggs Männer erkannten dies blitzschnell und schwärmten nach rechts und links aus. Noch flinker war Ugudag selbst. Aufgrund seiner zeitlich beschleunigten Sehfähigkeit konnte er die Flugbahn des ersten Pfeilhagels schon bestimmen noch lange bevor die Pfeile ihn erreichten. Die Shondo versuchten, ihn in Brusthöhe zu treffen. Ugudag rollte auf den Boden ab und sprang sofort wieder auf, nachdem die Pfeile wirkungslos über ihn hinweg gesurrt waren. Einigen Nachzüglern wich er seitlich aus.

Unterdessen begannen die Angreifer, die Kämpfer von Sna-Snoot mit ihren Blasrohren zu beschießen.

Der riesige Lumburier blieb kurz stehen, fing einen Pfeil in der Luft auf und hob ihn triumphierend hoch. Dann setzte er seinen Angriff auf die erste Verteidigungslinie der Shondo fort, wobei er nun unvermittelt eine monströse Machete schwang und wie ein Löwe brüllte.

Mit einem wuchtigen Schlag mähte er gleich zwei der Verteidiger nieder. Alle Shondo in seiner Nähe ergriffen die Flucht, offenbar mit dem Ziel, sich in ihren Hütten zu verschanzen. Logg und seine Krieger rückten gleichzeitig nach und griffen den Gegner von beiden Seiten an. Der Widerstand brach zusammen.

Ugudag überragte das übrige Kampfgetümmel mit seiner herumwirbelnden Machete. Keiner der Shondo kam nahe genug an ihn heran, um ihm eine ernsthafterletzung zufügen zu können. Als die Dschungelmenschen sich zur Flucht wandten, hatte der Lumburier eine Schneise des Todes in ihre Reihen geschlagen. Der Platz vor den Hütten war übersät mit Leichen, Verletzten und zertrümmerten Gegenständen. Der Ureinwohner verschnaufte einige Atemzüge, dann ging er in die nächstgelegene Hütte und zerrte eine Frau heraus.

„Sage allen, dass sie unbewaffnet herauskommen und sich ergeben sollen!“, verlangte er. „Wenn wir nachher die Hütten durchsuchen und auch nur einen einzigen Shondo finden, werden wir das gesamte Dorf niederbrennen und alle Bewohner in die Sklaverei verkaufen. Wenn ihr euch aber ergebt, könnt ihr alle hierbleiben, und es wird euch nichts geschehen. Darauf habt ihr mein Wort und das Wort von Logg, dem neuen Schnorst von Oot.“

Die Frau zog los, und es gelang ihr, sämtliche Dorfbewohner zur Aufgabe und Niederlegung der Waffen zu bewegen. Noch am gleichen Tag ordneten Ugudag und Logg den Bau eines kleinen Hüttendorfes am Ringwall neben der Obstplantage an, wo die Krieger Loggs und ihre Frauen untergebracht werden sollten.

Ugudag baute sich in unmittelbarer Nähe eine Hütte nach lumburischem Vorbild. Er beabsichtigte, dort eine Anzuchtstätte für Rote Mondorchideen einzurichten.

Nachdem der Kampf vorüber war, entsandte der Lumburier einen der Shondo-Krieger des neuen Schnorsts von Oot zu ihrem letzten Lagerplatz. Dort wartete ein gefesselter Priester des Wissens auf die Gelegenheit, einem irregeleiteten Ureinwohner zu entkommen, der sich immer tiefer in eine Wahnvorstellung verstrickte und auf seinem Weg in zunehmendem Maße Leichen zurückließ.

 

*

 

Die Sonne näherte sich ihrem höchsten Punkt als das Fischerboot Drogunods in den Hafen von Sandammon einlief. Tritoria und Unitor standen am Bug des kleinen Schiffes, während es an einer freien Pier anlegte. Beide verabschiedeten sich herzlich von ihrem Kapitän aus Lokhrit. Nachdem er die beiden Passagiere abgesetzt hatte, trat er die Rückkehr in seine Heimat an. 

Für Tritoria war es ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl, als Herzogin der Höhlen den Boden von Zogh zu betreten. Ihr Entschluss, das Erbe ihres Vaters anzutreten und seinen Mörder zur Rechenschaft zu ziehen, war ungebrochen. Unitor entdeckte an ihr immer mehr Wesenszüge, die sie Octora so ähnlich machten. 

Unerkannt bewegten sich die Herzogin der Höhlen und der Fürst zu Drinh durch das belebte Hafenviertel von Sandammon. In diesem geschäftigen Treiben schenkte niemand dem ungleichen Paar Beachtung. Um die Mittagszeit erreichten sie die „Residenz des Südens“, den Regierungssitz des Marschalls von Sandammon und Sokul. Zwei große Wachhäuser flankierten das schmiedeeiserne Tor mit den teilweise vergoldeten Stäben. An ihren Giebeln prangte das Pferdewappen des Marschalls. Aus jedem der beiden Häuser traten zwei schwerbewaffnete Posten, nachdem sie bemerkt hatten, dass Tritoria und Unitor auf das Portal zu schritten. Die Soldaten verstellten den beiden den Weg. Unitor hielt Tritoria am Arm zurück, ehe sie etwas sagen konnte.

„Melden Sie dem Marschall von Sandammon und Sokul, dass der Fürst zu Drinh ihn zu sprechen wünscht!“, verlangte Unitor.

Einer der Soldaten warf seinem Kollegen einen schnellen Blick zu.

„Sie müssen Ihre Waffen abgeben, bevor wir sie einlassen“, bestimmte er. Verwundert schaute Unitor ihn an, übergab ihm jedoch sein Schwert. Nach anfänglichem Zögern händigte auch Tritoria den Wachen ihr Schwert und ihren Kristallhammer aus, den die Männer mit misstrauischem Blick beäugten.

Tritoria hatte die etwas hellere Hautfarbe der Höhlen-Zogh, deren bevorzugte Waffe dieser Kristallhammer war. Aber dass eine Frau mit einer derartigen Bewaffnung den Marschall aufsuchen wollte, erschien den Wächtern doch recht sonderbar.

Sie öffneten das Tor und führten Tritoria und Unitor in den dahinter gelegenen Hof. Noch während die schmiedeeisernen Flügel ins Schloss fielen, stürzten sich die Wachen auf die Herzogin und den Fürsten. Diese wurden von dem Überfall derart überrascht, dass sie fast kampflos überwältigt werden konnten. Zwei Eisenringe schlossen sich um ihre Handgelenke, und die Schlösser schnappten zu. 

Offenbar hatten die Soldaten keine Ahnung, dass sie es mit zwei Eisgrafen zu tun hatten, denn sie trafen keinerlei Vorkehrungen zur Verhinderung des „vernichtenden Blicks“. Aber unabhängig voneinander beschlossen sowohl Tritoria als auch Unitor, diese außergewöhnliche Gabe vorläufig nicht einzusetzen. Widerstandslos ließen sie sich in einen Seitenflügel des mehr als dreihundert Meter breiten Gebäudes führen.

„Als ich mich das letzte Mal in Sandammon aufhielt, wurden die Gäste noch anders behandelt“, nörgelte Unitor. Die Soldaten ließen sich auf keine Diskussion ein und geleiteten ihre Gefangenen in ein geräumiges Zimmer, wo der Hauptmann der Palastwache sie bereits erwartete. Einer der Torwächter trat zu ihm, und die beiden tuschelten kurz. Tritoria und Unitor konnten kein Wort verstehen.

„Wenn Sie wirklich der Fürst zu Drinh sind, waren Sie in das Mordkomplott gegen den Hafenmeister von Lohidan verwickelt“, hielt der Hauptmann Unitor vor. „Aber, ehrlich gesagt, glaube ich, dass Sie ein Betrüger sind und einen Mordanschlag gegen den Marschall planen.“

„Vielleicht würde sich alles ganz schnell aufklären, wenn Sie den Marschall holen würden“, ätzte Tritoria.

„Ich werde den Marschall doch nicht mit Betrügern und Mördern behelligen“, lehnte der Hauptmann ab.

Unitor kam die rettende Idee: „Dann mache ich Ihnen einen anderen Vorschlag. Zeigen Sie dem Marschall einfach nur das Schwert, das Sie mir abgenommen haben. Dann kann er selbst entscheiden, ob er mich sehen will.“

Dieser Gedanke schien dem Hauptmann nach kurzer Bedenkzeit halbwegs akzeptabel. Er gab einem der Wächter einen Wink, woraufhin dieser sich mit dem Schwert Unitors entfernte. 

 

Zwanzig Minuten später betrat Par.Agdandall in Begleitung zweier Leibwächter das Zimmer des Hauptmanns. In seiner Rechten hielt er das Schwert von Umbursk. Als er die beiden Gefangenen sah, drückte sein Gesicht zunächst ungläubiges Erstaunen aus.

„Unitor! Ardenastra!“, stammelte er. Dann umarmte er zuerst den Eisgrafen und anschließend die Herzogin. „Nehmt ihnen sofort die Fesseln ab!“, befahl er seinen Soldaten. „Unitor ist ein Eisgraf. Er hätte euch töten können.“

Der Hauptmann beeilte sich, dem Befehl des Marschalls nachzukommen und öffnete die Eisenringe. Unitor und Tritoria rieben sich die Handgelenke.

„Kommt mit!“, forderte der Marschall sie auf und gab Unitor das Schwert von Umbursk zurück. „Ihr müsst mir erzählen, was euch hierhergeführt hat.“

Durch einen langen Korridor geleitete er seine Besucher in den Zentralbau der Residenz.

„Meine Soldaten sind äußerst nervös, seit wir die Nachricht erhalten haben, dass mein Freund Thulminth in Lohidan ermordet wurde“, entschuldigte sich der Herrscher des Südens. „Wir vermuten, dass Baradia dahintersteckt. Wenn dies zutrifft, bin ich das nächste Anschlagsziel, denn Thulminth und ich haben ihren Sohn getötet als er versuchte, mich zu vergiften. Es heißt, dass ein Mann, der sich als Fürst zu Drinh ausgegeben hat, an dem Attentat auf den Hafenmeister beteiligt gewesen sein soll. Der andere war wahrscheinlich ein Priester des Wissens aus dem Inneren Zirkel.“

„Dann könnte das auch ein Werk Saradurs gewesen sein“, vermutete Unitor. Inzwischen hatten sie das Arbeitszimmer des Marschalls erreicht. Er bot seinen Gästen Getränke an, schlug sich dabei aber plötzlich gegen die Stirn. „Wie konnte ich vergessen, dir mein Beileid auszusprechen, Ardenastra“, wandte er sich an die Herzogin. „Mir wurde berichtet, dass dein Vater bei einem Unfall in der Schneise von Delamunth ums Leben gekommen ist. Du hast vermutlich auch schon davon gehört.“

„Ich nenne mich jetzt Tritoria“, berichtigte ihn die Herzogin. „Es war kein Unfall. Zobirek hat meinen Vater ermordet.“

Par.Agdandall fuhr aus seinem Stuhl in die Höhe: „Was? Wer hat das behauptet?“

„Die gleichen Leute, die auch Tritoria auf Zobireks Geheiß umbringen sollten“, antwortete Unitor an Tritorias Stelle. „Senzidons Männer. Sie haben uns in Rukumor aufgelauert. Wir konnten sie nur mit Hilfe einer Frau besiegen, die anscheinend Zauberkräfte besitzt.“

Der Marschall ließ sich betroffen in seinen Stuhl zurückfallen. „Noch eine Verschwörung“, stöhnte er. „Hört das denn gar nicht mehr auf?“

Tritoria stützte ihre Hände auf die Tischplatte und sah ihn fordernd an: „Ich bin hier, weil ich dich bitten möchte, mir dabei zu helfen, den Mörder zu bestrafen und meinen rechtmäßigen Platz einzunehmen.“

Der Marschall sah Unitor hilfesuchend an: „Ein Bruderkrieg?“

Der Fürst zu Drinh schüttelte energisch den Kopf: „Nein! Eine Strafexpedition gegen einen Verräter!“

Der Marschall wirkte angesichts dieser Reaktion des Eisgrafen zunächst überrascht, dann schlich sich ein wissendes Lächeln auf sein gequältes Gesicht: „Ein Mithrier mit einer Schwäche für Frauen aus Zogh. Eine wahrlich seltene Krankheit. Aber durchaus reizvoll.“

Unitor errötete, während Tritoria ihn verständnissuchend anblickte.

„Den jungen Mann verbindet eine außergewöhnliche Freundschaft mit meiner Tochter“, klärte Par.Agdandall die Herzogin auf.

„Königin Octora?“, fragte Tritoria überflüssigerweise aufgrund ihres Erstaunens.

„Ich habe leider nur eine Tochter“, bestätigte der Marschall. Die zunehmende Verlegenheit des Eisgrafen war nicht zu übersehen. Par.Agdandall erkannte rasch seinen Fehler und beschloss, Unitor aus der Klemme zu helfen, in die er ihn gebracht hatte: „Das alles soll nur heißen, dass Eisgraf Unitor überaus hilfsbereit ist und dankenswerterweise die Menschen aus Zogh besonders schätzt.“ Langsam wich die Röte aus Unitors Gesicht, und der Marschall wandte sich erneut Tritoria zu.

„Du bist also jetzt die Herzogin der Höhlen, mein Kind“, stellte er fest. „Ich werde dir selbstverständlich helfen, deinen rechtmäßigen Platz einzunehmen. Aber ich wünsche, dass meine Tochter nicht in die Sache hineingezogen wird.“

„Aber dein Heer ist den Höhlen-Zogh zahlenmäßig unterlegen“, gab Tritoria zu bedenken.

„Das glaube ich nicht“, widersprach der Marschall. „Ich hoffe doch, dass die Mehrheit der Höhlen-Zogh zu dir überläuft. Auch die Unterstützung durch Eisgraf Unitor ist nicht zu unterschätzen. Viele sehen in ihm nach wie vor den wichtigsten Mann der Nordlande. Er hat zur richtigen Zeit die Allianz aufgelöst, aber er wäre meiner Meinung nach auch der Einzige, der sie wiederherstellen könnte.“

„Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht“, versicherte Unitor. „Nicht nur für dich, Tritoria. Auch und vor allem für deinen Bruder, der sein Leben für mich gegeben hat.“

Tritoria wandte sich ab und ging zum Fenster. In ihren Augen lag ein feuchter Schimmer.

 

*

 

Die schmale Bresche im Ringwall lag in vollkommener Dunkelheit. Nicht einmal das vertraute Funkeln der Sterne drang an dieser Stelle bis zum Boden herab. Korvinag hatte seine Hand auf den Chitinpanzer der Grauen Riesenspinne gelegt und sich von ihr führen lassen. Isquas sah selbst in dieser Schwärze noch verschwommene Umrisse, wenngleich sie auch andere Sinne einsetzen konnte, um sich zurechtzufinden. Für Yruk, Drak und Quintora war es eher ein Tasten und Hören als ein Sehen. Bewusst verhielt sich Korvinag beim Gehen nicht besonders leise und gab gelegentlich schwache Geräusche von sich, um die Eisgräfin und die beiden Shondo zu leiten.

Das beschädigte Bronzetor von Sna-Snoot stand einen Spalt offen. Dem „vernichtenden Blick“ Quintoras hätte es ohnehin nicht standgehalten. Die beiden Shondo stießen es weiter auf. Ungehindert drang die kleine Gruppe in die heilige Stadt der Dschungelmenschen ein. Innerhalb des Ringwalls spendeten einige weit entfernte Feuer und die Sterne des östlichen Sternenhimmels ein mattes Licht, das nun auch Quintora und den beiden Shondo eine bessere Orientierung ermöglichte.

Zielstrebig hielt Isquas auf den gegenüber liegenden Teil des kreisförmigen Kessels zu. Zwanzig Minuten später standen sie vor der von Ugudag und Logg errichteten kleinen Ansiedlung. Isquas kroch auf ein etwas größeres, mit Palmwedeln abgedecktes Holzgebäude zu, das ein wenig abseits der restlichen Hütten stand. In der großen Türöffnung erschien ein Schatten, der sie fast vollständig ausfüllte.

„Durch Verrat habt ihr mich also gefunden.“ Quintora erkannte die Stimme ihres ehemaligen Weggefährten.

„Ein Verräter wurde verraten“, gab Korvinag zurück. Quintora war überrascht von der metallischen Härte, die in der zittrigen Stimme des Einsiedlers plötzlich mitschwang als er den Lumburier ultimativ aufforderte: „Lass den Stab fallen!“ Erst jetzt wurde der Eisgräfin bewusst, dass der Ureinwohner den Wanderstab Qaromars in der Rechten hielt. Er machte jedoch keine Anstalten, der Aufforderung des Borthulers nachzukommen. Der sprach daraufhin nur ein Wort: „Isquas!“ Graue Fäden zuckten durch die Luft. Einen Moment lang ruderte der Lumburier verzweifelt mit den Armen. Dabei entglitt ihm der Wanderstab. Dann purzelte Ugudag wie ein riesiger Kokon die beiden Stufen vor dem Eingang seiner Hütte hinunter. Korvinag beachtete ihn nicht mehr, sondern ergriff sofort den am Boden liegenden Stab. Langsam richtete er sich auf, wobei er sich nunmehr auf diesen Stab statt auf seinen eigenen knorrigen Holzprügel stützte.

„Ich nehme an, dass Sie in dieser Hütte den Mann finden, den Sie suchen“, sagte er zu Quintora.

Die Königin ging achtlos an Ugudag vorbei in die Hütte. Die brennende Pechfackel in der Wandhalterung warf zuckende Lichtkringel auf Telimur, der an der hinteren Wand des Raumes saß. Eine lange, schmale Kette fesselte sein linkes Bein an einen in den Boden eingelassenen Stahlring.

„Teli!“, rief Quintora entsetzt und umarmte ihn, während er sich erhob.

„Die Zelle im Quaralpalast war schlimmer“, grinste der Priester des Wissens. Quintora wollte mit dem „vernichtenden Blick“ die Kette zerstören. Dabei hatte sie aber nicht bedacht, dass diese Fähigkeit in Anwesenheit eines Spiritanten versagte. Sie kam nicht mehr dazu, über eine andere Möglichkeit der Befreiung nachzudenken. Vor der Hütte setzte schlagartig ein ohrenbetäubender Lärm ein. Quintora riss die Fackel aus der Halterung und trat ins Freie. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr schier das Blut in den Adern gefrieren.

Der verstümmelte Körper eines Shondo klatschte gegen die Eingangstreppe als sie in der Türöffnung erschien. Korvinag stand reglos neben Yruk und Drak. Eine Horde Shondo unter der Führung von Logg wollte anscheinend gerade über die drei Männer herfallen. Plötzlich tauchte jedoch mitten unter ihnen eine weißhäutige Gestalt auf. Einige der hochgewachsenen, muskulösen Dschungelmenschen flogen wie Puppen durch die Luft. Andere wurden durch die Schläge des Weißhäutigen regelrecht zerfetzt. Kreischend vor Entsetzen flohen die wenigen Überlebenden.

Mitten in dieser unwirklichen Szenerie aus zerstückelten Leichen stand nun der schlanke junge Mann, dem das Blut der Getöteten von den Armen triefte. Sogar seine goldblonden Locken waren blutverschmiert.

„Da bin ich ja gerade noch zur rechten Zeit gekommen“, sagte er leichthin, wobei sich aber um seine Mundwinkel ein bösartiges Grinsen andeutete. Schneller als alle anderen hatte Isquas, die Spinne, erfasst, dass etwas höchst Bedrohliches von diesem Mann ausging. Ihre Aufgabe war es, Korvinag zu schützen. Blitzschnell bewegte sie sich auf den Fremden zu. Graue Fäden zischten durch die Luft.

Der Fremde zeigte sich jedoch völlig unbeeindruckt von diesem Angriff. Wie lästige Insekten fegte er die Spinnfäden zur Seite. Dann sauste seine Faust herab. Chitin splitterte. Im vorderen Körperteil der Spinne gähnte ein hässliches Loch. Bläuliches Blut und Innereien quollen heraus. Isquas knickte an den Gelenken ihrer langen Beine ein. Ihr Hinterkörper sackte auf den Boden. Zuckend versuchte sie noch einmal, sich aufzurichten. Dann war sie tot.

Scheinbar neugierig ging der unheimliche Mann mit langsamen Schritten an der leblosen Riesenspinne vorbei zu Ugudag, der hilflos in seinem Kokon aus grauen Fäden gefangen war.

„Ich danke dir, dass du mir den Stab gebracht hast“, sagte er, hob das rechte Bein und ließ den Fuß auf die Stelle herabsausen, wo sich Ugudags Brustkorb befand. Mit einem gräßlichen Knacken zerbarsten die Knochen.

Nun drehte sich der Weißhäutige zu den verbliebenen drei Männern um. Seine gelben Augen funkelten unheilvoll. 

„Jetzt hätte ich gerne den Stab“, verlangte er mit einer Stimme, die in keiner Weise bittend klang. Unwillkürlich hielt Quintora ihre Fackel so, dass das Licht nun auf Korvinag fiel. Im flackernden Widerschein des Feuers schien sich auf den Zügen des Alten ein diabolisches Lächeln abzuzeichnen.

„Hol ihn dir!“, forderte er den Weißhäutigen auf und richtete die rötlich funkelnde Spitze genau auf ihn. Das siegessichere Grinsen im Gesicht des Weißen Mannes erlosch. Seine gelblichen Augen waren nun weit aufgerissen. Für einen Augenblick stand ein unsägliches Grauen in seinen verzerrten Zügen. Dann rannte er davon als seien sämtliche Dämonen hinter ihm her.

Quintora starrte Korvinag an. Der deutete genüsslich auf die Cirrha-Spitze des Wanderstabs.

„Torr-barakt“, erklärte er. „So nannten die Altvorderen dieses Material: Die „Gefrorene Flamme“. Das ist kein Stahl. Ich empfehle Euch, das Buch der Vorzeit zu lesen. Ein ganz klein wenig von dessen Inhalt habe sogar ich verstanden.“ Der Alte lächelte vergnügt, wurde aber sofort wieder ernst und traurig als er die vielen Leichen und vor allem seine tote Begleiterin sah, die ihn bis hierhergeführt hatte.

„Sie müssen Telimur mit der „Gefrorenen Flamme“ befreien“, bat Quintora den Einsiedler. „Ugudag hat ihn angekettet.“ Korvinag betrat Ugudags letzte Behausung und zerschnitt mit der Cirrha-Klinge des Wanderstabs die Kettenglieder an Telimurs Fuß. Dann durchsuchte er den Raum bis er den Grünen Kristall in einer kleinen Holzkiste gefunden hatte. Nachdenklich betrachtete er den Zenesith, der als Baustein der Unsterblichkeit so vielen Menschen den Tod gebracht hatte. Vielleicht war es für die Menschheit am besten, wenn er dorthin zurückkehrte wo er hergekommen war. Auch wenn dieser Entschluss einen Wortbruch erforderte. Es gibt Situationen, in denen man zwangsläufig eine falsche Entscheidung treffen muss, weil eben nur falsche Entscheidungen zur Wahl stehen, dachte der alte Einsiedler. Quintora unterbrach seine Gedanken. „Werden Sie mit uns nach Rabenstein zurückkehren?“, wollte sie wissen.

„Ich werde Sie nur ein kurzes Stück des Weges begleiten können“, erwiderte er. „Mein vorläufiges Ziel liegt im Norden. Anschließend kehre ich dann nach Rabenstein zurück.“

„Dann könnten wir mit Ihnen gehen“, schlug Quintora vor. „Das wäre für Sie sicherer, nachdem Isquas tot ist.“

Korvinags Mundwinkel zuckten. „Mein Kind“, erwiderte er und versuchte dabei scheinbar, seiner zittrigen Stimme einen festen Klang zu geben. „Haben Sie wirklich den Eindruck, dass ich Hilfe benötige?“  

 

 

*

 

Es war eine Marotte des äußerst gutaussehenden Mannes, sich mit furchterregenden Gestalten zu umgeben, die seinen Gesprächspartnern allein schon durch ihren Anblick Respekt einflößten. Diesmal schien die Rechnung nicht aufzugehen. Der Besucher lächelte freundlich und ließ sich nicht abschrecken.

„Diesem ganzen Königsgesindel darf man kein Wort glauben“, tobte der narbengesichtige Hüne mit dem spitzen Räuberhut. „Ich weiß genau, dass er nur hier ist, um unsere Minen und das Kernstück unserer Armee für sich zu beanspruchen.“

Zornig stapfte der andere Mann mit seinem Holzbein auf. „Shrogotekh hat Recht“, zeterte er zustimmend und entblößte dabei sein unvollständiges Gebiss. „Das sind alles Heuchler und Lügner. Man sollte sie einfach in die Dyra schmeißen.“

Der Besucher lächelte weiterhin unbeeindruckt dem gutaussehenden Mann mit dem dunklen, welligen Haar hinter dem mächtigen Schreibtisch wohlwollend zu: „Wenn Sie sich zuerst untereinander abstimmen wollen, bin ich gerne bereit, so lange nach draußen zu gehen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich keine Forderungen gestellt habe, und deshalb auch nur ungern in die Dyra geworfen würde.“ Er wandte sich um und schritt auf die Tür zu.

Schon gleich als der Besucher das Zimmer betreten hatte, hatte Schaddoch den Eindruck gewonnen, dass er mit seinen bisherigen Mutmaßungen falsch lag. Dieser Mann war ihm auf den ersten Blick sympathisch gewesen.

„Bleiben Sie hier, Yxistradojn!“, rief er ihm nach. „Und entschuldigen Sie unsere kleine Schmierenkomödie.“

Grinsend wandte sich Yxistradojn um: „Na ja, so ganz unrecht haben Ihre Leute nicht.“

Sofort begannen Shrogotekh und Jalbik Truchardin wieder loszupoltern. Schaddoch unterbrach sie: „Ruhe! Ich will bestimmte Dinge jetzt ein für allemal klären. Und dazu brauche ich den Regenten. Setzten Sie sich, Yxistradojn!“

Der Sindrier ließ sich folgsam in einen Sessel sinken.

„Ich habe hier gerade einen weiteren Gast, der die Ilumit-Minen Senesia Sidas beanspruchen will, und zwar für Baradia aus Oot“, führte Schaddoch aus. „Diese Frau ist gefährlicher als eine Obesische Viper. Ich will sie hier nicht haben. Aber wenn ihre Ansprüche berechtigt wären, könnte ich sie schwerlich ablehnen. Surdyrien ist ein Land, in dem Recht und Gesetz gelten.“

„Und jetzt brauchen Sie mich“, folgerte der Sindrier scharfsinnig. „Gylbax hat die Minen beschlagnahmt. Dadurch ist der Besitzanspruch Senesia Sidas erloschen, zumal sie tot ist. Die Minen gehören nun Sindra. Aber wo liegt da Ihr Vorteil?“

Baron Schaddoch lehnte sich in seinem Sessel zurück, schwieg und blickte seinen Gast erwartungsvoll an.

Yxistradojn nickte verstehend: „Sie spekulieren darauf, dass ich Ihnen die Minen übereigne. Aber warum sollte ich das tun?  Welchen Vorteil hätte ich davon?“

Schaddoch sah ihn weiter unverwandt an, immer noch schweigend.

„Sie würden mir die Armee des Hochkönigs zurückgeben, die nach der Niederlage von Clampp zu Ihnen übergelaufen ist“, beantwortete der Regent von Sindra seine eigene Frage.

„Sie sind nicht nur ein sympathischer, sondern auch ein hochintelligenter Mann“, lobte Schaddoch. „Aber ich bin noch viel großzügiger als Sie denken. Ich werde Ihnen notfalls mit meiner eigenen Armee gegen die Pylax beistehen. Und ich werde die Königin von Gatya um Hilfe bitten.“

Yxistradojn warf dem Baron einen bewundernden Blick zu: „Nein, Sie sind nicht großzügig. Die Pylax aus Yacudac stellen auch für Sie eine Gefahr dar. Sie vertrauen darauf, dass sie zur Vernunft kommen und sich nicht gegenseitig umbringen, wenn wir die versprengten Reste ihrer Landsleute gegen sie führen. Deshalb Gatya. Sie sind viel schlauer als ich. Wozu brauchen Sie mich überhaupt?“

„Ich brauche absolut zuverlässige Verbündete“, erwiderte der Baron. „Das ist eine Überlebensfrage für den gesamten Kontinent. Ich werde Uggx jetzt unverrichteter Dinge zurückschicken. Sie dürfen in Surdyrien bleiben.“ 




Kapitel 8 – Bruderkriege und das kurze Leben eines Toten

 

Auf den Fluren und in den Gemeinschaftsräumen der Akademie von Modonos herrschte helle Aufregung. Allein Orhalura und ihre „Hilfskraft“ bewahrten ihren gemessenen Schritt. Allerdings waren sie wohl auch die Einzigen, die nicht wussten, was hier vorging. Letztlich konnte aber auch Orhalura ihre Neugierde nicht mehr im Zaum halten. Mit einer Handbewegung gebot sie einem einfachen Priester des Wissens, stehen zu bleiben. Unter normalen Umständen hätte dieser wohl einem Mitglied des Inneren Zirkels mehr Respekt gezollt, aber jetzt war ihm deutlich anzumerken, dass er nur widerwillig in seinem Lauf innehielt.

„Was hat dieser Aufruhr zu bedeuten?“, fragte Orhalura streng.

„Haben Sie es noch nicht gehört?“, erkundigte sich der Priester verwundert und atemlos. „Das Heer von Tirestunom marschiert auf Modonos zu!“

„Soll das ein Scherz sein?“, versicherte sich Orhalura.

„Nein“, bekräftigte der Priester. „Angeblich haben sie bereits das Hauptquartier der Garde überrannt.“

„Aber wie kann so etwas geschehen?“, hakte die Priesterin nach. „Die sind doch alle gleichermaßen beeinflusst“. Damit spielte sie auf die Kontrolle der obesischen Heere durch die Mon’ghale an, eine nicht einmal allen Mitgliedern des Inneren Zirkels bekannte Tatsache. Der verständnislose Blick des Priesters bewies, dass auch er davon nichts wusste. Daher nahm Orhalura einen erneuten Anlauf: „Das Heer von Modonos ist viermal so stark wie das von Tirestunom. Und dann sind da noch die Schildwache und die Garde.“

Der Priester schüttelte hektisch den Kopf: „Das Heer von Modonos hat weit mehr als die Hälfte seiner Soldaten im Krieg gegen Sindra verloren. Die Garde ist bereits gefallen, und auch die Schildwache wird sich nicht halten können, wenn Crescal den Ducarion von Modonos besiegt.“

Orhalura entließ den Priester durch eine Handbewegung. „Das müssen wir uns unbedingt ansehen“, sagte sie zu Siridindar.

„Es gibt zurzeit nichts Wichtigeres als den „Schauspieler“ zu finden“, erinnerte die weißhäutige Frau.

„Du weißt ja nicht einmal, wo du mit der Suche anfangen sollst“, hielt Orhalura ihr vor. „Wenn er so wichtig ist, liegt es nahe, dass er sich dort aufhält, wo entscheidende Dinge passieren. Und so etwas läuft gerade hier in Modonos ab.“

Widerwillig folgte Siridindar der Priesterin des Wissens.

Groxat war einer der Außenbezirke von Modonos. Der Vorort lag auf einem der acht Hügel, die die Hauptstadt umgaben. Von hier aus konnte man bis zur Quelle des Drurt sehen, der in einem weiten Bogen im Westen an der Stadt vorbeifloss. Um die Quelle herum hatte das Erste Landheer in Form eines Halbkreises seine Unterkünfte errichtet. Auf jeder Wand der flachen Gebäude prangte der Schwarze Bär, das Wappentier dieser Armee. Auf dem sichelförmigen Vorplatz flatterte an einem turmhohen Mast die Flagge Obesiens, ein schwarzes Schwert auf blutrotem Grund.

Mehr als fünftausend Fußsoldaten hatten in vier Blöcken Aufstellung bezogen, um dem heranrückenden Heer von Tirestunom entgegenzutreten. Flankiert wurde diese Streitmacht von zwei berittenen Brigaden.

Orhalura kniff die Augen zusammen, da sie von der tief stehenden Sonne geblendet wurde.

Crescal muss ein hervorragender Stratege sein, dachte sie. Er hat sowohl den Zeitpunkt des Angriffs als auch die Stoßrichtung mit Bedacht gewählt. Noch immer erschien ihr jedoch völlig schleierhaft, wieso ein obesischer Befehlshaber mit seinem Heer eine Armee seines eigenen Landes angriff. Orhalura kannte das Geheimnis der Mon’ghale. Weshalb kämpften sie gegeneinander?

Das Heer aus Tirestunom mit dem Wolfsbanner näherte sich von Süden her der Quelle des Drurt. Orhalura und Siridindar konnten beobachten, wie sich seine Formation ähnlich einem Blütenkelch auffächerte.

Anscheinend ist er doch kein so brillanter Stratege, überlegte die Priesterin nun. Mit dieser Schlachtordnung ermöglicht er dem Ducarion von Modonos, ihn auf breiter Front anzugreifen und seine zahlenmäßige Übermacht auszuspielen.

Umittelbar darauf erkannte sie erstmals, dass sich bei jedem der vorrückenden Stoßtrupps aus Tirestunom mindestens zehn Berittene in olivgrünen Gewändern befanden.

Priester des Wissens in einer Schlacht unter Obesiern? dachte Orhalura verstört. „Wir müssen näher heran!“, rief sie Siridindar zu, gab ihrem Pferd die Sporen und galoppierte den sanft abfallenden Hang am Hügel von Groxat hinunter. 

Khlogat, der Ducarion und Oberbefehlshaber des Heeres von Modonos, hatte in letzter Zeit viele unangenehme Erfahrungen durchleben müssen. Am schlimmsten wirkte die vernichtende Niederlage gegen den sindrischen Hochkönig Gylbax an der Pforte von Pleeth nach, bei der sein Heer um mehr als die Hälfte dezimiert worden war. Damals hatte er sich mit dem Gedanken getröstet, dass es nun wenigstens nicht mehr schlimmer kommen könnte. Jetzt erkannte er, dass er sich getäuscht hatte. Nie hätte er sich träumen lassen, dass der Tag kommen würde, an dem Obesier gegen Obesier kämpfen mussten. Nun war dieser Tag tatsächlich gekommen. Khlogat verfluchte Asiligan und Ares-3, dass sie diesem Verräter Crescal die Erhebung in den Stand eines Milesions angeboten hatten, anstatt ihn auf der Stelle hinzurichten.

Als der Ducarion mit der Hand seine Augen gegen die tief stehende Sonne abschirmte, musste er sich eingestehen, dass der Verräter ein gewiefter Taktiker war. Erst spät sah er die wehenden, olivgrünen Gewänder inmitten der aufgefächerten Formation. Das brachte ihn vollends aus der Fassung. Wie konnten diese verruchten Priester es wagen, sich einem Aufrührer anzuschließen? Wütend fuhr er herum als sein Stellvertreter ihn anrempelte. Sein Zorn verrauchte jedoch sofort wieder. Aufgeregt deutete der Milesion in die Richtung des vorgelagerten Außenbezirks Groxat. Von dort näherte sich eine Priesterin des Wissens im Ornat des Inneren Zirkels zusammen mit einer Hilfskraft der Akademie von Modonos im gestreckten Galopp.

„Bringen Sie sie sofort zu mir!“, befahl Khlogat seinem Stellvertreter und wandte sich wieder der Armee aus Tirestunom zu, die ihren Vormarsch verlangsamt hatte, offenbar weil sie den Angriff des Ducarions erwartete. Khlogat entschloss sich jedoch, zunächst die Frage zu klären, wieso sich Priester des Wissens erdreistet hatten, den Feind zu unterstützen. Orhalura war gerade erst in Hörweite des Ducarions gekommen, da zeigte er bereits auf die Angriffsspitzen des Heeres aus Tirestunom und brüllte: „Ihre Leute unterstützen einen Verräter! Das wird schlimme Folgen für die Priester haben!“

„Lassen Sie mich zu ihnen gehen!“, verlangte Orhalura. „Ich will versuchen, sie zur Vernunft zu bringen.“

Xilu fieberte vor Erregung. Er konnte die Anwesenheit tausender Artgenossen spüren. Artgenossen, die vernichtet werden mussten! Dies schien hierfür eine unwiederbringliche Gelegenheit zu sein. Wäre Xilu ein normaler Mon’ghal gewesen, hätte er die Gedanken Khlogats neu ordnen können. Dazu war er zwar nicht in der Lage, aber er konnte sich mit dem Mon’ghal des Ducarions verständigen. Und dies nutzte er nun zu einer hinterhältigen List.

„Das ist eine Falle!“, erklangen seine lautlosen Worte. „Der Feind fällt euch in den Rücken. Er hat sich in euer Lager eingeschlichen.“

Xilu konnte den Schreck und die Todesangst des anderen Mon’ghals körperlich fühlen. Der Ducarion fuhr herum und riss seinen Säbel in die Höhe.

„Umdrehen!“, brüllte er. „Wir müssen zuerst den Feind im Lager angreifen!“ 

Aus der Schlachtaufstellung des Heeres von Modonos lösten sich ein Cinquon und zehn Soldaten. Noch während sie auf Orhalura zupreschten, zogen sie bereits ihre Schwerter. Ein Ducentron des Bärenheeres hatte die Situation völlig missverstanden. Er war nicht imstande gewesen, das Gespräch zwischen Orhalura und dem Ducarion zu verstehen. Als Khlogat sein Pferd wendete und in Richtung des Lagers davongaloppierte, ging der Ducentron davon aus, dass der Oberbefehlshaber vor einem Angriff der Priesterin fliehen wollte. Sofort befahl er dem nächstbesten Cinquon, dem Ducarion mit zehn Soldaten zu Hilfe zu eilen und die Priesterin zu töten.

Orhalura wurde durch den Überfall der elf Soldaten völlig überrascht. Noch bevor sie ihr Schwert ziehen konnte, drängte sich Siridindar zwischen sie und die Soldaten und schlug mit bloßen Fäusten wild um sich. Einige Obesier wurden aus ihren Sätteln geschleudert, andere auf ihren Pferden erschlagen. Orhalura verfolgte das kurze Kampfgeschehen mit offenem Mund. Nachdem keiner der Angreifer mehr übrig war, schrie Siridindar: „Los, wir müssen sofort weg! Gleich wird hier ein Inferno losbrechen!“

Nun riss auch Orhalura ihr Pferd herum und schloss sich Siridindar an.

Mit ungläubigem Staunen verfolgte Crescal, wie sich das Heer von Modonos auf Befehl des Ducarions umwandte. Er erkannte aber auch sogleich die einzigartige Gelegenheit, die sich ihm dadurch bot. Obwohl er das Manöver nicht verstand, gab er sofort den Befehl zum Angriff. Seine beiden erhobenen Zeigefinger signalisierten den Priestern des Wissens und der Vorhut, dass die lang ersehnte Zeit ihres Einsatzes gekommen war. Sie galoppierten den sich zurückziehenden Obesiern hinterher. Statt Schwertern zogen sie dünne Röhrchen hervor und setzten sie an die Lippen. Ein langanhaltendes Pfeifen schrillte über das staubige Flachland hinweg noch bevor die Armee von Modonos den sichelförmigen Platz vor ihrem Lager erreicht hatte. Viele Soldaten blieben wie angewurzelt stehen, andere drehten sich um die eigene Achse, als wollten sie sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Tausende von Mon’ghalen zerplatzten.

„Verschont diejenigen, die sich ergeben!“, dröhnte die Stimme Crescals und übertönte das Pfeifen, während das Wolfsheer über die Armee mit dem Bärenbanner herfiel.

Eine Stunde dauerte die Schlacht. Auch nach dem Tod ihrer Mon’ghale empfanden immer noch viele Soldaten aus Modonos es als heilige Pflicht, gegen die Angreifer aus Tirestunom zu kämpfen. Dem Heer der Hauptstadt war jedoch jedwede Ordnung abhandengekommen, und infolge der Orientierungslosigkeit erlahmte auch der Kampfeswille. Nach und nach wurde der größte Teil der Soldaten bis ins eigene Lager zurückgedrängt. Crescal wurde nicht müde, in seiner schweren Stahlrüstung kreuz und quer über das Schlachtfeld zu reiten und die Männer mit dem Bärenwappen aufzufordern, ihre Waffen niederzulegen. Im Angesicht der drohenden Niederlage flohen Khlogat und sein Stellvertreter zum Hügel von Groxat. Sein zweiter Milesion, Corbunt, verblieb dagegen auf dem Schlachtfeld und versuchte, die Zahl der Opfer zu begrenzen, indem er zwischen den Gebäuden und Zelten des Heerlagers umherritt und seine Männer zur Aufgabe aufforderte. Langsam flauten die Kämpfe ab. Nur vereinzelt kam es noch zu Auseinandersetzungen.

Sobald Crescal erkannte, dass die Schlacht gewonnen war, ließ er zum Sammeln blasen. Nun begann der wichtigste Teil seines Feldzuges. Mit seinen berittenen Brigaden, den Priestern des Wissens und dem größten Teil seiner Fußsoldaten zog er in einem hastigen Marsch nach Modonos. Dort riegelte er in einer zangenförmigen Bewegung die Stadt vollständig ab, um eine Massenflucht zu verhindern.

Die Priester des Wissens und die Soldaten der Vorhut, die zuvor das Heerlager bei Groxat mit ihren Röhrchen durchkämmt hatten, drangen nun in die umzingelte Hauptstadt ein und zogen pfeifend durch die Straßen. Crescal ordnete eine gründliche Säuberung an. Kein Mon’ghal sollte überleben.

Noch während die von ihm veranlassten Maßnahmen andauerten ritt der Mann aus Tirestunom schon wieder zurück nach Groxat. Dort wurde er von seinem Gefährten Mesitaz und dem Milesion Corbunt erwartet. Alle Soldaten des Bärenheeres hatten inzwischen die Waffen niedergelegt. Crescal betrachtete das aber nur als Etappensieg. Er beabsichtigte, die Reste der Ersten Armee so schnell wie möglich wieder zu bewaffnen. Zunächst brauchte er sie, um die Schildwache auszuschalten. Sein eigentlicher Ehrgeiz bestand aber darin, als derjenige in die Geschichte einzugehen, der ausgezogen war, ganz Obesien von den Mon’ghalen zu befreien. Und die nächste Station auf diesem Weg sollte Dunculbur heißen. Nicht im Traum hätte er daran gedacht, dass ausgerechnet ein Mon’ghal ihm diesen Weg geebnet hatte. Und der Dunstein. Aber der Dunstein war mit einem Fluch beladen.

 

*

 

„Du hast mir das Leben gerettet“, stellte Orhalura fest als sie endlich ihr Pferd wieder in eine langsamere Gangart fallen lassen konnte. Siridindar antwortete nicht.

„Und das obwohl du mich eigentlich töten willst“, legte die Priesterin nach.

„Da bin ich mir gar nicht mehr so sicher“, entgegnete Siridindar.

Orhalura schaute sie forschend an: „Sagst du das nur, weil du deinen Dolch wiederhaben willst?“

Die Weiße Frau hielt dem Blick stand. „Hast du das Bedürfnis, Priester des Wissens zu töten?“ fragte sie.

„Du weichst mir aus“, hielt Orhalura ihr vor.

„Beantworte meine Frage!“, forderte Siridindar.

„Natürlich nicht!“, gab Orhalura zurück. „Ich meine: Selbstverständlich habe ich nicht die Absicht, Priester des Wissens zu töten.“

„Diese Absicht hättest du aber wenn du den Dunstein berührt hättest. Ich habe mich eben geirrt“, gab Siridindar zu und dachte: Wie konnte ich mich nur so täuschen? Nicht die Priesterin, sondern der verdammte Mon’ghal hat den Dunstein berührt. Aber der Mon’ghal ist mir gleichgültig. Dennoch war ihr Orhalura unheimlich. Noch nie zuvor hatte jemand ihren Kräften widerstehen können. Also blieb ihr keine andere Möglichkeit als sich mit der Priesterin gütlich zu einigen. Sie brauchte t