Prolog
 
Aus der erhitzten Schale stieg in schleierartigen Schwaden gelber Dampf auf, der sich bis zur Decke emporkräuselte. Die faltigen Hände der Wahrsagerin tasteten über einen bizarr geformten Kristall, der den Hochkönig an eine Eisscholle erinnerte, wie er sie einmal im hohen Norden gesehen hatte.
„Ich sehe, wie ein Vetter Seiner Himmlischen Majestät den Thron der Hochkönige besteigt und einen Mann aus einem fremden Land zum Statthalter von Doinat ernennt“, krächzte die Alte mit den zerzausten Haaren. Ihr abwesender Blick verlor sich in dem gelben Dampf. „Ich sehe den rechtmäßigen Hochkönig nicht mehr!“, rief sie anklagend. „Er ist verschwunden! Schande!“
Nur noch dünne Rauchfähnchen stiegen aus der Schale auf. Dann erstarben auch sie. Der Blick der Seherin klärte sich.
Der Hochkönig schien versteinert. Erst nach einer ganzen Weile bewegte er die Lippen, und sie formten nur ein Wort: „Schredostes.“
Eolyxi, die Wahrsagerin, nahm ihre Hände von dem Kristall weg. „Ich habe die Zukunft gesehen“, bekräftigte sie. „Genau so wird sie eintreten. Niemand kann das ändern.“ Furchtlos blickte sie dem Hochkönig in die dunklen Augen. Diese hielten ihrem Blick nicht stand.
Herundulurk, der sechste Nachfolger des Dynastiegründers Zitaxon, sah zur Decke empor, wo sich die letzten Überbleibsel des gelben Rauchs inzwischen verflüchtigt hatten. Er war ein großer Eroberer, aber er hatte Angst vor der Zukunft. 
„Ich werde dafür sorgen, dass diese Dinge nicht zu meinen Lebzeiten eintreten werden“, verkündete er. „Ich werde den Statthalter von Doinat ergreifen lassen und in die Verbannung schicken. Seine Stellung wird aber kein Fremder, sondern mein jüngster Sohn einnehmen.“
Eolyxi durchschaute die Absichten des großen Eroberers. Er würde seinen Vetter Schredostes auf einer winzigen Insel mitten in einem tückischen Sumpf aussetzen lassen. Da das Moor zudem an der Grenze zum Land der feindlichen Ureinwohner lag, war das keine Verbannung, sondern ein Todesurteil. Wenn Schredostes nicht den Tücken des Sumpfes zum Opfer fiel, würden ihn die riesigen Flachschädel erschlagen.
Die Seherin wollte nicht für den Tod eines Mannes die Verantwortung tragen, der als der Gütigste im ganzen Land galt und mit Sicherheit nicht die Absicht hatte, den Hochkönig zu stürzen. So beschloss Eolyxi, die Weiße Göttin aufzusuchen.
 
*
 
Dem Mann mit dem Federbusch auf dem Bronzehelm widerstrebte die Anordnung des Hochkönigs. Als Anführer der zehn Leibgardisten, die Schredostes nach Yacudac gebracht hatten, trug er jedoch die Verantwortung für die Ausführung des königlichen Befehls. Er stand am Rande des Moores und suchte nach einer Möglichkeit, die winzige Insel inmitten des Sumpfes zu erreichen. Die Entscheidung wurde ihm auf eine Weise abgenommen, mit der er nicht gerechnet hatte.
Aus dem Unterholz trat eine zierliche Frau mit blütenweißer Haut und goldenen Locken hervor. Unerschütterlich schritt sie auf die Gruppe der muskulösen, schwer bewaffneten Krieger zu und verlangte, sie sollten ihr den Gefangenen übergeben. Einer der Gardisten stellte sich ihr entgegen. Da ergriff ihn die Frau mit einer schnellen Bewegung und schleuderte ihn in hohem Bogen durch die Luft, dass er weit entfernt auf dem ausgetrockneten Boden hinter den Sümpfen aufschlug. Die anderen Soldaten starrten gebannt zu der Stelle, wo nach dem Aufprall ihres Gefährten eine Staubwolke hochstieg. Die Weiße Frau nahm Schredostes bei der Hand und führte ihn weg. Den restlichen Kriegern fehlte der Mut, die Frau anzugreifen. Später erzählten sie ihrem Hochkönig Herundulurk, dass sie seinen Vetter auf der Insel im Maar von Yacudac abgesetzt hätten.
Schredostes wurde von keinem Sindrier je wieder gesehen. Die Weiße Frau nahm ihn mit in ihr kleines Reich, eine weitläufige Höhle nahe dem See von Yacudac. Dort erfuhr er auch ihren Namen: Larradana.
Larradana verliebte sich in den ruhigen, gütigen, groß gewachsenen Sindrier. Sie zeugte mit ihm im Laufe der Zeit mehrere Kinder, die die schwarzen Augen ihres Vaters hatten, aber in ihren Bewegungen über eine unglaubliche Schnelligkeit verfügten. Schredostes wurde älter, Larradana nicht. Fast auf den Tag vierzig Jahre nachdem sie ihn befreit hatte, starb er in ihren Armen. Sie bestattete seine Gebeine in einer kleinen Felsenkammer. Unendlich traurig verließ sie die Höhlen von Yacudac und kehrte nie mehr zurück. Ihre Nachkommen aber blieben dort. Von den Sindriern wurden sie später „Pylax“ genannt.




Kapitel 1 – Vorbereitungen für entscheidende Kämpfe

 

Für die Verteidiger von Rabenstein begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Nur eine Handvoll Menschen hatte bisher erkannt, dass sich in der vorzeitlichen Festung Charak Dun voraussichtlich das weitere Schicksal des Kontinents entscheiden würde. Statt der Artefakte der Macht hatte der unheilschwangere Dunstein den Weg zu dem Ort gefunden, wo seinetwegen schon in der Vergangenheit immer wieder heftige Kämpfe stattgefunden hatten. Drei Mitbegründer des Geheimen Bundes von Dunculbur waren aus ihren Gefängnissen entkommen und richteten nun ihren Blick nach Rabenstein. Erneut stand der altehrwürdigen Stätte eine schicksalhafte Auseinandersetzung bevor. Aber dieses Mal hatten es die Verteidiger mit Feinden zu tun, die aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel unüberwindbar schienen.

Die Wirren der in Obesien tobenden Revolution und die Verfolgungsjagd nach dem Mörder des Herzogs der Höhlen banden zudem Kräfte, die bei der Verteidigung von Rabenstein dringend benötigt worden wären.

 

*

 

„Spürst du das auch?“, fragte der Mann und schaute hinunter zu dem schwarzen, raupenähnlichen Wesen auf seinem Handrücken.

„Es ist meine Stimme, die du hörst.“ Lautlose Worte, die erst im Kopf des Mannes zu einer sinnhaften Nachricht zusammengesetzt wurden. „Aber dennoch bin nicht ich es, was zu dir spricht. Es ist der Baum.“

Der Mann versuchte, die gewaltige Zeder mit seinen Blicken zu erfassen. Es gelang ihm nicht. Die Frühnebel hatten sich noch nicht vollständig gelichtet, und es hatte den Anschein als seien die obersten Äste des riesigen Baumes mit dem diesigen Himmel verwoben. 

„Bist du sicher, Schlaan?“, vergewisserte sich der Mann.

Der Mon’ghal reckte den vorderen Teil seines Raupenkörpers in die Höhe. Er wirkte nun wie eine angriffslustige Schlange, was jedoch angesichts seiner geringen Größe irgendwie lächerlich anmutete.

„Ich würde dich nie belügen.“ In den lautlosen Worten lag ein deutlicher Vorwurf. „Aber nun höre die Botschaft: Das Geflecht der alten Wesenheiten braucht einen neuen Vermittler. Es hat dich für diese Aufgabe ausersehen. Sie besteht darin, dass du den Menschen, die draußen in der Welt für das Geflecht handeln, den Willen der alten Wesenheiten übermittelst. Dafür bietet das Geflecht der alten Wesenheiten dir und mir seinen Schutz an. Ein fürchterlicher Sturm wird über Obesien hinwegfegen. Er hat bereits begonnen und könnte mit einer völligen Vernichtung der Mon’ghale enden. Wenn du jedoch die dir zugedachte Aufgabe annimmst, wird er dein Heer und meine Artgenossen jedenfalls hier an diesem Ort verschonen.“

Es entstand eine kurze Pause. Dann vernahm der Mann erneut die Stimme in seinem Kopf: „Bist du bereit für deinen ersten Auftrag?“

„Ja“, bestätigte der Ducarion ohne lange Überlegung.

Der Mon’ghal war wieder auf den Handrücken des Mannes zurückgesunken. Seine unhörbare Stimme erteilte dem neuen Vermittler die Anweisungen für dessen erste Mission: „Der Meister der Todeszeremonie, der bisher für das Geflecht gehandelt hat, kommt seinen Pflichten nicht mehr in dem erforderlichen Umfang nach. Stattdessen versucht er, eine Stätte zu verteidigen, die längst ihre Bedeutung verloren hat. Er muss abgelöst werden. Gehe zu den Höhlen von Tulumath! Dort triffst du einen Weißen Mann namens Tholulh. Er vertritt eine Macht, die noch stärker ist als das Geflecht. Du musst ihn bitten, dass er den alten Wesenheiten erlaubt, den Meister der Todeszeremonie zu ersetzen. Dafür werden aber zwei Personen benötigt.“

 

*

 

Weit mehr als andere Menschen wurde Saradur ständig von einer inneren Unruhe angetrieben. Aber selbst er konnte sich der mystischen Beschaulichkeit dieses Ortes nicht entziehen. Das kristallklare Wasser des Spiegelsees lag wie eine polierte Glasscheibe eingebettet zwischen den umgebenden Hügeln. Zwei riesige Weiden standen eng verflochten am Seeufer; aus der Ferne wirkten sie wie ein einziger Baum. Gleich den Kaskaden eines geronnenen Wasserfalls schmiegten sich die Gebäude des Monasteriums von Bogogrant an eine zum See hin abfallende Bergflanke.

Der Höchste Priester genoss diesen Anblick von einem hölzernen Steg aus, der einige Meter auf den See hinausführte. Bald gewann jedoch seine innere Unruhe wieder die Oberhand. Er schickte sich an, die restliche Wegstrecke zum Monasterium zurückzulegen.

Der gesamte Hang war bedeckt von einem Gewirr terrassenförmiger Gebäude und Gärten, in denen vorwiegend Wein, Obst und Oliven angebaut wurden. Auf seinem Weg durch diese Gärten eröffneten sich Saradur immer wieder Ausblicke auf den in der Sonne glitzernden Spiegelsee, die beiden riesigen Weiden und die verkarsteten Hügel, die in weiter Ferne mit dem Horizont verschmolzen.

In einem lauschigen Steinpavillon an der Hangseite eines winzigen Olivenhains wurde Saradur von Ilmin erwartet, dem Rektor des Monasteriums von Bogogrant. Der Nachfolger der Zwillinge Orhalura und Teralura, ein noch verhältnismäßig junger Mann von knapp über vierzig Jahren, war auf Veranlassung des Höchsten Priesters in dieses Amt eingesetzt worden. Er hatte ein breites, fröhliches Gesicht und einen deutlichen Bauchansatz. Jeder konnte sofort erkennen, dass dieser Mann die schiere Lebensfreude verkörperte. Obwohl Saradur wusste, dass die Vorstellungen und Lebensweise Ilmins deutlich von seinen eigenen abwichen, schien er ihm die richtige Wahl für Bogogrant. Der Höchste Priester hatte erfasst, dass auch eine gewisse Vielfalt für das Überleben des Ordens wichtig war. Vor allem aber versuchte er, Menschen an sich zu binden, die andernfalls zu unliebsamen Gegnern werden konnten. Weit weg von Modonos, dem Zentrum des Ordens, konnte ein Rektor nur wenig bewirken und daher auch nur wenig Schaden anrichten. Diese Einschätzung entsprach jedenfalls der Denkweise Saradurs, der jedoch wie alle anderen Menschen mit seinen Überlegungen auch nicht immer richtig lag.

Das Äußere des dritten Mannes, der zu der Zusammenkunft erschienen war, hätte sich kaum noch markanter von dem Ilmins unterscheiden können: hochgewachsen, mit pechschwarzem, fettigen Haar und unruhig flackernden Augen, unfähig, dem Blick seines Gesprächspartners längere Zeit standzuhalten. Sein olivgrüner Umhang wies ihn als einfachen Priester aus. Die dicke Staubschicht auf der Kleidung verriet, dass er gerade von einer längeren Reise eingetroffen war. 

„Seid willkommen in Bogogrant, Bruder Saradur“, begrüßte der Rektor den Höchsten Priester mit nachgerade überbordender Freundlichkeit und drückte ihm beide Hände. Nachdem sich der Höchste Priester artig für den herzlichen Empfang bedankt hatte, stellte der Rektor den anderen Gast vor: „Das ist Bruder Brodolap. Er kommt direkt aus Modonos und bringt leider schlimme Nachrichten.“ 

Ilmin unterstrich diese Worte mit einer auffordernden Geste in Richtung des einfachen Priesters, woraufhin dieser sich leicht vor Saradur verbeugte und die Geschehnisse in der Hauptstadt zusammenfasste: „Eminenz, das Heer von Tirestunom hat Modonos überfallen und sogar die Akademie abgeriegelt. Dem Ducentron Crescal ist es offenbar gelungen, sich dem Einfluss der Mon’ghale zu entziehen. Modonos ist gefallen. Sowohl die Reste des Heeres als auch die Schildwache sind zu Crescal übergelaufen. Die Garde wurde aufgelöst. Nur das Kollektiv und einige Mitglieder des Kriegsrats konnten fliehen.“

Nachdem er seinen ersten Schreck überwunden hatte, trat Saradur an die Brüstung des Pavillons und schaute nachdenklich auf das Land hinunter. Er ahnte, dass dieser Aufstand die bisherige Ordnung und damit auch den Priesterorden hinwegfegen konnte. Neben seinen persönlichen Kampf um die Unsterblichkeit und seinen weltanschaulichen Kampf gegen das Geflecht der alten Wesenheiten war nun auch noch ein Kampf um das reine Überleben getreten. Seine feingliedrigen Hände strichen über den rauen Sims der Brüstung, während in seinem Kopf ein Plan zu reifen begann.

Er wandte sich an den Rektor: „Wir können später die Lage und die weiteren Schritte in Ruhe erwägen. Ich werde ein paar Tage hier bleiben. Könnten Sie mir jetzt aber bitte den Mann aus dem Norden schicken?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Ilmin und verließ den Pavillon.

„Sie wissen, wo sich unser Äußerer Stützpunkt in Lokhrit befindet?“, fragte der Höchste Priester Brodolap, nachdem der Rektor gegangen war.

„Ja“, bestätigte der Mann aus Modonos.

Saradur nickte zufrieden: „Gut. Sie werden dorthin gehen und dem Rektor, Ulban, über die Lage in der Hauptstadt berichten. Dabei werden Sie aber mit keinem Wort erwähnen, dass dies auf mein Geheiß geschieht. Sagen Sie, Ilmin habe Sie darum gebeten. Der Mann aus dem Norden wird Sie begleiten. Sie werden sich strikt an dessen Anweisungen halten. Kann ich mich darauf verlassen?“

Brodolap ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken. Er wusste, dass mit dem Höchsten Priester nicht zu spaßen war. Daher bestätigte er beflissen, dass er den Auftrag wie verlangt ausführen würde.

„Sie werden gleich morgen aufbrechen“, entschied Saradur. „Gehen Sie jetzt und ruhen Sie sich aus!“

Brodolap entfernte sich schleunigst. Der Höchste Priester ließ sich auf der Sitzbank im Pavillon nieder, strich sich eine Haarsträhne aus den Augen und wartete auf den Mann, den er zusammen mit Brodolap nach Lokhrit zu entsenden gedachte.

Eine Weile später erschien dieser Mann. Er war untersetzt, stämmig und hatte die blauen Augen eines Mithriers. Saradur bot ihm einen Platz an.

„Wie geht es Ihnen, Zallux?“, erkundigte er sich.

„Die ganze Zeit ging es mir einigermaßen gut“, grantelte der ehemalige Fürst zu Drinh und Hüter der Flammen. „Aber wenn ich Sie sehe, weiß ich, dass es wieder einmal gefährlich für mich wird.“

„Diesmal ist es ein völlig harmloser Auftrag“, wiegelte der Höchste Priester ab. „Sie werden morgen mit einem Priester des Wissens namens Brodolap nach Tal Nakh aufbrechen. Das ist der Äußere Stützpunkt des Ordens in Lokhrit, am Oberlauf des Lokh, nicht allzu weit von hier entfernt.“

„Und was soll ich dort tun?“, wollte Zallux wissen.

„Das was Sie am besten können“, grinste Saradur hämisch. Er griff unter seine weiße Robe mit dem roten Kreis und dem blauen Kubus, zog einen nur fingergroßen Metallbehälter hervor und stellte ihn vor Zallux auf den runden Tisch.

„Das ist ein Extrakt aus Sumpfmohn und dem Gelben Tückling“, erklärte Saradur. „Es handelt sich um eine klare, völlig geruchs- und geschmacksfreie, etwas zähe Flüssigkeit. Sie brauchen nur die Hälfte des Inhalts. Sie wirkt schnell und sicher. Es wird wie der plötzliche Herztod aussehen.“

„Für wen ist das bestimmt?“, fragte Zallux lakonisch.

Der Höchste Priester ließ sich gegen die Lehne der Sitzbank zurücksinken: „Der Rektor des Äußeren Stützpunkts von Tal Nakh heißt Ulban. Finden Sie heraus, wer die wichtigste Person in seinem Leben ist. Für diese ist es bestimmt.“ Nach einer Weile ergänzte Saradur: „Brodolap darf von alledem nichts bemerken. Sobald der Auftrag erfüllt ist, verlassen Sie mit ihm Tal Nakh und schicken ihn hierher zu mir. Sie selbst reiten nach Dunculbur und warten dort auf mich.“

 

*

 

Tralk, der Rabe, hatte erkannt, dass Tergald im Begriff stand, mit Octora und ihren Gefolgsleuten das Aralt-Gebirge zu verlassen. Damit war für ihn der Zeitpunkt gekommen, sich neu zu orientieren. Er hatte sein ganzes Leben hier im Aralt verbracht und wusste, wo er auch in Notfällen noch Nahrung finden konnte. Deshalb entschied er sich dafür, eine Zeitlang Tritoria und Unitor zu folgen. Diese hatten nach dem Abstieg aus der Schneise von Delamunth am Fuß der Gebirgsausläufer den Weg nach Norden eingeschlagen.

Noch einmal ließ sich der Rabe in wildem Sturzflug auf Tergald herabfallen und krallte sich an seiner Schulter fest. Während seines lauten Gekrächzes zwickte er den Lokhriter plötzlich ins Ohr bevor er sich rasant in die Lüfte erhob, um dem erwarteten Schlag zu entgehen. Aber Tergald lachte nur. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, nach dem gefiederten Gefährten zu schlagen, der ihm das Leben gerettet hatte. Dann verstummte sein Lachen, und sein Gesicht bekam einen traurigen Ausdruck. Er hatte verstanden. Die eleganten Schleifen, die der Vogel nun flog, bedeuteten das Zeichen des Abschieds. Kurz hielt Tergald sein Pferd an und winkte ihm ein letztes Mal zu. Dann beeilte er sich, Octora und ihren Kriegern zu folgen, die bereits vorausgeritten waren. 

Unitor bemerkte bald, dass der einsame Rabe nun ihnen folgte. Deshalb zeigte er sich auch nicht verwundert, als Tralk am zweiten Tag der Reise unversehens auf seiner Schulter landete und dort eine Weile ausruhte. Der Eisgraf streichelte durch das Gefieder des Raben, der daraufhin behutsam an seinem Ohr knabberte. Dass Unitor darüber lachen konnte, bestätigte Tralk, dass er sich einen geeigneten Spielgefährten ausgesucht hatte.

„Du scheinst ja eine besondere Anziehungskraft auf hässliche Vögel auszuüben“, bemerkte Tritoria kratzbürstig.

Unitor grinste: „Mit solchen Sprüchen solltest du vorsichtiger umgehen. Schließlich bist du ja auch bei mir.“ 

„Falsch!“, giftete sie ihn an. „Du bist bei mir. Und ich ertrage dich nur gezwungenermaßen.“

„Ich bin zuversichtlich, dass sich das ändern wird“, gab der Mithrier gleichmütig zurück.

„Vergiss es“, keifte die Herzogin ärgerlich und trieb ihr Pferd so heftig an, dass es einen Satz machte und davonstob. Mit einem erschrockenen Krächzen flog der Rabe auf.

Am späten Nachmittag erreichten sie den „Schlund des Zusith“, den Eingang zum Höhlensystem, in dem sich die Schatzkammer der Herzöge befand. Der breite, tunnelartige Stollen führte tief in den Berg hinein. Der Untergrund war derart abgeschliffen, dass dieser Tunnel sogar bequem mit Ochsenkarren befahren werden konnte. Nach einer Viertelstunde beschrieb der Stollen eine Linkskurve. Auf der rechten Seite befand sich ein großer Durchbruch. Bei näherem Hinsehen erwies er sich als das Loch in der Wand eines zylinderförmigen, mehrere Meter durchmessenden Felskamins, dessen Boden etwa fünf Meter unterhalb des Tunnels lag. Einige im Gestein verankerte Metallleitern ermöglichten den Abstieg auf den Grund des Kamins.

„Du bleibst hier!“, kommandierte Tritoria und drückte Unitor die Zügel ihres Pferdes in die Hand. Ohne eine Antwort abzuwarten stieg sie eine der Leitern hinab.

Kaum hatte sie den Boden berührt, da verließen bereits zwei breitschultrige Zogh-Krieger das aus dem Felsen gehauene Wachhaus und eilten auf die Herzogin zu. In respektvoller Entfernung verhielten sie ihre Schritte und deuteten eine leichte Verbeugung an.

„Können wir behilflich sein, Hoheit?“, erkundigte sich einer der beiden.

„War Zobirek hier?“, fragte Tritoria, obgleich sie die Antwort bereits kannte. Ein kaum wahrnehmbares Blinken am Boden hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, ein kleiner Ring mit einem geschliffenen Edelstein.

„Ja, Hoheit“, bestätigte der Wächter. „Er sagte, es gebe Krieg und er müsse den Schatz der Herzöge in Sicherheit bringen.“

Zornig sah die Herzogin die beiden Krieger an und schlug sich zweimal mit der rechten Faust gegen die Stirn. Dabei wusste sie aber, dass sie den Wächtern keinen Vorwurf machen konnte. Nach den Gesetzen der Höhlen wäre es ihnen gar nicht möglich gewesen, den Raub durch ein Mitglied der herzoglichen Familie zu verhindern. Mit schnellen Schritten durchquerte sie die Grotte. Durch die Tür neben dem Wachhaus betrat sie die dahinter gelegenen Räume, in denen der Schatz der Herzöge aufbewahrt worden war. Überall auf dem Boden verstreut lagen wertvolle Gegenstände, die der Herzogsmörder und seine Kumpane in ihrer Eile achtlos zurückgelassen hatten. Tritoria wusste indes, dass es sich dabei nur um einen unbedeutenden Bruchteil der Sammlung handelte, die die Herzöge der Höhlen in Tausenden von Jahren zusammengetragen hatten. Wütend trat sie gegen einen silbernen Stirnreif mit einem kleinen Rubin. Während dieser noch klappernd über den Boden rollte, verflüchtigte sich bereits ihr Zorn und machte kühler Überlegung Platz. Nachdenklich folgte sie dem Reif, hob ihn auf und setzte ihn sich auf den Kopf. Dann ging sie zurück zu Unitor.

„Zobirek ist nicht nur ein Mörder und Verräter, sondern auch ein gemeiner Dieb“, verkündete sie. „Er hat tatsächlich den Schatz der Herzöge gestohlen.“

„Den größten Schatz der Herzöge hat er glücklicherweise zurückgelassen“, bemerkte Unitor und deutete auf Tritoria in dem Versuch, sie aufzumuntern. Er erreichte damit jedoch das Gegenteil. 

„Es gelingt dir immer wieder, mich mit deinen törichten Sprüchen in die Flucht zu schlagen. Vielleicht solltest du sie öfter bei deinen Feinden anwenden.“ Mit diesen Worten sprang sie in den Sattel und ritt den Tunnel zurück auf dem Weg, den sie gekommen waren. Unitor folgte ihr schnell und hielt sie am Arm fest.

„Hast du darüber nachgedacht, was Zobirek mit dem Schatz vorhaben könnte?“, fragte er.

Tritoria sah ihn an als ob sie an seinem Verstand zweifelte: „Ist das wirklich so schwierig zu erraten? Er will eine Söldnerarmee aufstellen. Allein mit meinen Soldaten kann er keine offene Feldschlacht gegen die Königin gewinnen. Außerdem werden meine Leute früher oder später erfahren, dass er den Herzog ermordet hat.“

„Genau das wird geschehen, wenn er den Aralt verlässt“, erwiderte Unitor. „Dann werden deine Leute zu dir überlaufen. Gegen die vereinten Heere der Königin, der Höhlen und des Marschalls könnte keine Söldnerarmee des Kontinents bestehen. Und weshalb sollte er überhaupt eine offene Feldschlacht wollen? In den Höhlen ist er sicherer als sonstwo in der Welt. Nein, da steckt etwas anderes dahinter, das wir unbedingt herausfinden müssen.“

Tritoria musste sich wider Willen eingestehen, dass seine Argumente überzeugend klangen.

„Vielleicht hast du recht“, räumte sie zerknirscht ein. „Wenn du nicht gerade dumme Sprüche machst, kommt manchmal auch etwas Vernünftiges heraus.“

Wie ein gewaltiger Torbogen öffnete der „Schlund des Zusith“ die Sicht in die Außenwelt. Dicke weiße und graue Wolken trieben träge am Himmel vorüber. Beim Verlassen des Tunnels fiel Unitors Blick zuerst auf Tralk, der sich auf einem kleinen Felskegel niedergelassen hatte. Tritorias Aufmerksamkeit galt hingegen Prandorak, der in seinen blauen Mantel gehüllt nur ein paar Schritte vom Stollenausgang entfernt wartete.

„Zobirek ist zum Kijanduk geritten“, berichtete der Herold.

„Was will er dort?“, überlegte Tritoria laut. „Es gibt dort keine Höhle, die groß genug wäre, das Heer aufzunehmen.“

„Die Sterzenburg“, erinnerte Prandorak die Herzogin.

„Die Sterzenburg?“, wiederholte sie, zunächst wenig überzeugt. „Die Festung ist ziemlich verfallen. Aber ja, es gibt dort fruchtbare Täler, die nur von der Burg aus zu erreichen sind. Man könnte ein Heer versorgen. Ein geeigneter Platz für eine Verteidigungsanlage. Das haben anscheinend schon die alten Sterzen erkannt.“

„Ich habe vor einigen Wochen gehört, dass an der Burg gebaut wird. Ich habe dieser Nachricht jedoch keine große Bedeutung beigemesssen. Damals schien die Welt noch in Ordnung zu sein“, erklärte Prandorak.

„Wir haben gefunden wonach wir gesucht haben“, stellte Unitor fest und fügte grinsend hinzu: „Und das war kein törichter Spruch.“

 

*

 

Die Menschen jubelten als Mesitaz mit dem Heer von Tirestunom die Hauptstadt verließ. War das die Freude über die Befreiung oder über den Abzug? Corbunt glaubte, die Antwort auf diese Frage zu kennen: Es war die Freude über beides.

Und auch Corbunt freute sich. Er fühlte sich nun als unumschränkter Herrscher über Modonos. Dabei konnte der äußere Schein nicht über offensichtliche Schönheitsfehler hinwegtäuschen. Aber die hätte der Milesion gern in einem anderen Licht gesehen.

„Wenn man den Menschen die Freiheit gibt, führt dies eben auch dazu, dass sie ihre Meinung bekunden“, dozierte er.

Die hübsche Frau mit den mandelförmigen Augen ließ diesen Einwand jedoch nicht gelten: „Hier geht es nicht um Meinungen. Eine Minderheit probt den Aufstand. Und wenn Sie das zulassen, werden wir hinweggefegt. Der Zorn des Volkes unterscheidet nicht zwischen Unterdrückern und Befreiern. Sie müssen diesem Zorn die Nahrung entziehen!“

Corbunt wirkte nun doch verunsichert. Seit er Tokon und seine Spießgesellen eingesperrt hatte, riefen die Priester des Wissens immer wieder zu Protestkundgebungen auf. Allmählich bekamen sie auch Zulauf aus den Reihen der Obesier, die sich nach der früheren Ordnung zurücksehnten.

Wie selbstverständlich hatte Tornantha die Stellung als Beraterin des Oberbefehlshabers eingenommen. Schon mit Rücksicht auf das Ansehen ihres ermordeten Gatten, der den Aufstand gegen die Mon’ghale ins Leben gerufen hatte, hätte der Milesion die Frau nicht zurückweisen können. Ehrlich genug gegenüber sich selbst gestand er sich ein, dass er sie aber ohnehin nicht zurückgewiesen hätte. Die attraktive Witwe übte eine fatale Anziehungskraft auf ihn aus. Das einzig Störende an ihr schien ihm dieser unbändige Hass auf die Mörder ihres Gemahls, der immer wieder aufflammte und sie nicht zur Ruhe kommen ließ. Aus diesem Grunde hatte Corbunt auch längst begonnen, darüber nachzudenken, wie er sich dieses Problems entledigen könnte.

„Sobald die Mörder hingerichtet sind, wird in der Stadt und in der Akademie wieder Ruhe einkehren“, beharrte sie. 

Nach der Ermordung Crescals waren acht Männer festgesetzt worden. Sie alle befanden sich nun im Kerker von Modonos: Tokon und zwei andere Priester des Wissens, Asiligan, ferner die ehemaligen Befehlshaber der Garde und der Schildwache sowie ein Milesion und ein Ducentron des Heeres von Modonos. Sie galten als Köpfe der Verschwörung gegen Crescal. Lediglich der Ducarion der Schildwache hatte mit dem Mordkomplott nichts zu tun. Dafür wurde die Rolle des eigentlichen Vollstreckers, eines gedungenen Mörders aus dem Norden, einfach totgeschwiegen.

„Und wie würden Sie vorgehen?“, fragte der Milesion seine selbsternannte Ratgeberin.

„Ein kurzes Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, jedoch mit drei Vertretern der Akademie und der Schildwache als Beobachter“, antwortete Tornantha sofort. Seit Tagen hatte sie in Gedanken immer wieder verschiedene Szenarien durchgespielt. Das Verfahren musste zu dem gewünschten Ergebnis führen, durfte aber auf keinen Fall großes Aufsehen erregen. Dennoch sollte zur Abschreckung am Ende das Ergebnis allgemein sichtbar sein. Entschlossen fügte sie hinzu: „Öffentliche Hinrichtung im Falle der Verurteilung. Anschließend sollten die Köpfe auf dem Platz der Einkehr zur Schau gestellt werden.“

„Das ist barbarisch“, verwahrte sich Corbunt.

„Aber wirksam“, widersprach die Witwe Crescals leidenschaftlich. „Das Volk muss sehen können, dass sie tot sind. Andernfalls leben sie in den Köpfen weiter. Außerdem haben sie das mit meinem Mann auch gemacht.“

Corbunt dachte lange nach, fand aber keinen Ausweg. „Wahrscheinlich gibt es wirklich keine andere Möglichkeit“, murmelte er wenig überzeugt.

„Ich werde die Vorbereitungen treffen“, erbot sich Tornantha bereitwillig.

Schon am übernächsten Tag fand das Tribunal statt. 

Das Gericht bestand aus lediglich drei Personen, nämlich Corbunt und zwei seiner Vertrauten aus der Heeresführung. Die Gefangenen wurden in Ketten aus dem Kerker in das provisorische Verhandlungszimmer des Gefängnisgebäudes geführt. Tornantha trat als Anklägerin auf. Mit Ausnahme Asiligans bestritten alle Angeklagten die ihnen zur Last gelegte Tat. Der ehemalige Befehlshaber der Äußeren Armee versuchte, die anderen Gefangenen zu retten, indem er alle Schuld auf sich nahm und behauptete, den Mord allein geplant und begangen zu haben. Das Gericht nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu einer Entscheidung zu kommen, die möglichst ausgewogen und überlegt wirken sollte. Einerseits sollte den Beobachtern verdeutlicht werden, dass man sich die Entscheidung nicht leicht machte; andererseits durfte aber auch nicht der Eindruck entstehen, es gebe die geringsten Zweifel an der Verantwortlichkeit der Angeklagten. Sie wurden allesamt schuldig gesprochen, selbst der ehemalige Ducarion der Schildwache, der in den Mord an Crescal nicht verwickelt war. Das Urteil lautete auf Enthauptung und wurde sogleich im Anschluss an die Verhandlung auf dem Gefängnishof vollstreckt. Danach wurden die Köpfe der Hingerichteten aufgespießt und mitten auf dem Platz der Einkehr unter strenger Bewachung durch Soldaten des Heeres von Modonos öffentlich zur Schau gestellt. In allen Winkeln der Stadt verkündeten Corbunts Männer das Urteil und dessen Vollstreckung.

Tornantha hatte ihr Ziel erreicht. Nun stand sie vor einer schwierigen Entscheidung. Sollte sie zu ihren Töchtern nach Surdyrien zurückkehren oder weiterhin an der Seite Corbunts gegen die Mon’ghale kämpfen? Letztlich gab aber weder Mutterliebe noch Freiheitsliebe den Ausschlag. Tornantha erlag der Versuchung der Macht.

 

*

 

„Es ziemt sich, dass ich dem Rektor mein Beileid ausspreche. Sie werden mich dabei begleiten.“

Brodolap fiel es schwer, seinen Ärger zu verbergen. Er hasste den Gedanken, nochmals nach Tal Nakh reiten zu müssen. Nach dem plötzlichen Tod seiner Gemahlin hatte Ulban fürchterlich lamentiert und war nicht mehr ansprechbar gewesen. Brodolap und Zallux hatten daraufhin den Äußeren Stützpunkt in Lokhrit überstürzt verlassen, ohne sich von dem Rektor zu verabschieden. Und jetzt sollte er Saradur dorthin begleiten! Von ehrlicher Trauer war bei dem Höchsten Priester nichts zu spüren. Wozu also diese geschäftsmäßige Beileidsbekundung?

Brodolap hatte jedoch keine andere Wahl. Die Anweisungen des Höchsten Priesters hatten innerhalb des Ordens gewissermaßen Gesetzesrang. Also schlich der Mann mit den fettig glänzenden Haaren unter einigen undeutlich vor sich hin gebrummten Worten aus dem Zimmer Saradurs, begab sich zu den Stallungen oberhalb des Spiegelsees und sattelte sein eigenes Pferd sowie den Rappen des Höchsten Priesters.

Eine Stunde später ritten Saradur und Brodolap auf der Heeresstraße zum Quellgebiet des Lokh. Auf sanften Hügeln hatten sich hier dunkle Tannenwälder ausgebreitet. Es herrschte ein merkwürdiges Zwielicht. Wolken schoben sich immer wieder vor die Sonne, und die Baumwipfel dämpften die verbleibenden Strahlen. Je tiefer die Priester in den Wald vordrangen, desto mehr schien sich die Welt zu verdunkeln. 

Auch der Himmel verfinsterte sich zusehends. Schwarze Wolken zogen aus dem Westen heran. Alsbald prasselten kräftige Regenschauer auf die beiden Reiter herab, die die Kapuzen ihrer Gewänder tief ins Gesicht gezogen hatten. Der unstete Blick Brodolaps traf die dunkelrot glühenden Augen des Höchsten Priesters.

„Wir sollten uns einen Unterstand suchen bis das Schlimmste vorüber ist“, schlug Saradur vor. Wie zur Bestätigung zischte ein greller Blitz auf den düsteren Wald herab, dem wenig später ein krachender Donner folgte. Die Schauer gingen in einen heftigen Dauerregen über. Die Straße begann, sich in einen Fluss zu verwandeln.

Ein wenig abseits der Straße überragten einige verkarstete Kalksteinfelsen die hohen Tannenwipfel. Saradur lenkte seinen Rappen durch das Gestrüpp am Wegesrand in den nunmehr etwas lichteren Wald. Als die Priester des Wissens die Felsen fast erreicht hatten, zuckte erneut ein Blitz herab. Nahezu gleichzeitig brandete ein bedrohlich rollender Donner in ohrenbetäubender Lautstärke auf.

Die bizarre Gesteinsformation bot einen kleinen Unterschlupf unterhalb eines mächtigen Felswürfels, der sich in einer Spalte verkeilt hatte. Mühsam zerrten die beiden Priester ihre Pferde in den geschützten Ort hinein. Während das Gewitter tobte, versuchten sie geduldig, die Tiere zu beruhigen, die aufgeregt schnaubten, mit den Hufen scharrten und immer wieder zu steigen versuchten.

Eine halbe Stunde später zeigte sich ein erster Silberstreif am Horizont. Mit der zunehmenden Helligkeit legte sich das Unwetter allmählich. Schließlich klarte der Himmel auf und der Regen ließ nach. Die Blitze blieben aus, und das Donnergrollen war nur noch wenige Male in weiter Ferne zu vernehmen.

Brodolap ging an Saradur vorbei, um einen Blick über den Felsvorsprung hinaus auf die mittlerweile fast vollständig abgezogenen Wolken zu werfen. Als er dem Höchsten Priester den Rücken zuwandte, verspürte er einen stechenden Schmerz im Genick. Das Schwert Saradurs hatte seinen Hals durchbohrt. Röchelnd kippte er vornüber. Sein Blut vermischte sich mit den Regenpfützen, die in dünnen Rinnsalen von dem felsigen Boden abflossen. Stumm bäumte sich der Priester ein letztes Mal auf. Dann sank er auf den Boden zurück und bewegte sich nicht mehr.

Saradur band beide Pferde an einen Baum. Er öffnete das olivgrüne Gewand Brodolaps und zog es von dem leblosen Körper ab. Dann warf er das Gewand in den hinteren, trockenen Teil des Unterstandes und zündete es an. Die Leiche des Priesters zerrte er von der Felsformation weg bis er sandigen Boden erreicht hatte. Dort verscharrte er sie notdürftig und bedeckte die betreffende Stelle mit Steinen, Ästen und Zweigen. Anschließend holte er die Pferde und ritt zur Heeresstraße zurück. Das Tier des toten Priesters trottete bereitwillig an einem Führstrick seitlich neben seinem Rappen her.

Saradur hatte keinen Gedanken daran verschwendet, ob ihn Brodolap tatsächlich mit der Mordtat in Tal Nakh in Verbindung gebracht hatte. Er konnte sich jedenfalls kein Risiko erlauben. Ulban war aufgrund seiner hohen wissenschaftlichen Kompetenz und seines ausgleichenden Wesens im Orden und insbesondere auch im Inneren Zirkel äußerst beliebt. Sich mit ihm und seinen Freunden anzulegen wäre auf keinen Fall ratsam gewesen.

Kurz bevor der Höchste Priester die Grenze zu Lokhrit erreichte, hielt er noch einmal an. Er nahm dem Pferd Brodolaps den Sattel ab und jagte es davon. Den Sattel selbst versteckte er im dichten Gebüsch, das sich seitlich entlang der Straße erstreckte.

Die Landschaft hatte sich unmerklich verändert. Laubbäume und hohe Sträucher gesellten sich zu den dunklen Tannen und zeigten an, dass der Lokh nicht mehr weit entfernt war. Hinter der Grenze begann das Flusstal. Die Wiesen zu beiden Seiten des Lokh wurden beständig breiter und bildeten schließlich eine weite Ebene. Dadurch wurde es Saradur möglich, zeitweise in gestrecktem Galopp seinem Ziel entgegen zu streben.

Kurz vor Einbruch der Abenddämmerung erblickte der Höchste Priester in der Ferne das Monasterium von Tal Nakh. Unmittelbar am Ufer des nun schon etwas breiteren Flusses umgab eine niedrige Mauer aus wabenförmigen Elementen eine Ansammlung von Gebäuden in völlig unterschiedlichen Formen und Farben.

Bei seinem Eintreffen fand Saradur das Tor in der Mauer unverschlossen vor. Er öffnete es und befand sich nun auf einer von schmalen Zypressen flankierten Allee, die als Hauptachse quer durch die Ansiedlung verlief. Sein Ziel stellte ein strahlend weißes Gebäude dar, dessen Wände ansatzlos in das kuppelförmige Dach übergingen: der Sitz des Rektors.

Saradur kletterte umständlich von seinem Rappen und band ihn an einer Holzstange fest. Noch wirkte das Monasterium wie ausgestorben, obgleich seine Ankunft nicht unbemerkt geblieben sein konnte. Beinahe körperlich verspürte der Höchste Priester die Ablehnung, die gegen seine Person in der Luft zu liegen schien. Offenbar fiel es Ulban schwer, ihn überhaupt zu empfangen. Sicherlich war dies nicht nur auf den noch nicht verarbeiteten Trauerfall zurückzuführen. Die Priester von Tal Nakh hatten noch nie viel für die hierarchischen Strukturen des Ordens übrig gehabt. Seit Saradur zum Höchsten Priester aufgestiegen war, hatte diese Abneigung eher noch zugenommen. Es handelte sich um ein offenes Geheimnis, dass auf die Bewohner dieses Äußeren Stützpunktes die Freizügigkeit abgefärbt hatte, die in ihrem Gastland herrschte.

Saradur wartete geduldig. Er hatte gute Gründe, es nicht auf einen Streit ankommen zu lassen. Nach einer ganzen Weile erschien endlich ein junger Priester, um das Ordensoberhaupt abzuholen. Ulban empfing Saradur in seinem Arbeitszimmer. Der Rektor von Tal Nakh war ein kleiner, rundlicher Mann mit schütterem Haar, das teilweise noch seinen ursprünglichen Braunton bewahrt hatte, an manchen Stellen aber bereits weiße Übergänge aufwies. Die Tränensäcke unter seinen Augen und die kleinen Nasenflügel waren deutlich gerötet. Seine Bewegungen wirkten fahrig und unkonzentriert. Sein gesamtes Auftreten unterschied sich deutlich von demjenigen, das der Höchste Priester in Erinnerung hatte.

Die Strecke von der Tür zum Arbeitstisch des Rektors legte Saradur in wenigen Schritten zurück. Kumpelhaft fasste er Ulban mit dem Arm um die Schultern.

„Ich möchte Sie meines aufrichtigen Beileids versichern, lieber Bruder“, erklärte er in einer für ihn ungewohnten Lautstärke. „Ich hielt mich zufällig gerade in Bogogrant auf und bin sofort hierher geeilt, als ich von diesem schrecklichen Unglücksfall gehört habe.“

Ulban betrachtete ihn mit einer Mischung aus Unsicherheit und Argwohn. Dann holte ihn die Trauer um seine verstorbene Gattin wieder ein. 

„Ich bin nicht sicher, dass es sich um ein Unglück handelte. Alles geschah so plötzlich“, stammelte er mit zittriger Stimme. „Es hat fast ausgesehen wie eine – wie eine Vergiftung.“ Er raufte sich mit beiden Händen die Haare. „Aber setzen Sie sich doch!“

Obgleich Saradur unterstellte, dass diese Aufforderung nur einer erzwungenen Höflichkeit entsprang, griff er sie dankbar auf und ließ sich in einen der gepolsterten Sessel sinken.

„Ich bin soeben nicht ganz ehrlich gewesen“, gestand er.

Trotz der Trauer, die der Rektor empfand, glaubte Saradur, aus seinen Augen die Worte herauslesen zu können: „Etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.“ Daher redete er schnell weiter: „Ich bin nicht nur hier, um mein Beileid auszusprechen, sondern auch, um zu helfen.“

Nun schien der fragende Blick des Rektors die Worte auszudrücken: „Wie wollen ausgerechnet Sie mir helfen?“ Saradur beugte sich vor, fixierte Ulban wie eine Schlange ihr gelähmtes Opfer und beschwor ihn: „Glauben Sie mir, dass Sie meine Hilfe nicht ablehnen werden, wenn Sie erst einmal wissen, worin diese besteht. Aber zuvor möchte ich sichergehen, dass wir offen miteinander reden können.“ Dem Höchsten Priester war klar, dass diese Andeutung für den Rektor erst einmal ein Rätsel darstellen musste. Deshalb fuhr er fort: „Sie versuchen, ein Geheimnis zu bewahren. Aber im Orden sickert alles durch. Sie haben eine wegweisende Erfindung gemacht. Glauben Sie mir, ich will diese Erfindung nicht für mich. Aber sicherlich haben auch Sie hier in Lokhrit schon davon gehört, was sich derzeit in Modonos abspielt. Nicht nur die Akademie ist in Gefahr, sondern der gesamte Orden.“

Nun wusste Ulban, was der Höchste Priester von ihm verlangen würde.

„Es ist nicht die Aufgabe der Priester des Wissens, Kriege zu führen“, hielt er Saradur vor. „Die Erfindung, von der Sie sprechen, würde den Kontinent verändern, und nicht zum Besseren!“

Für den Höchsten Priester schien nun der Zeitpunkt gekommen, seinen Trumpf auszuspielen. Auf eine andere Weise würde er den Rektor niemals überzeugen können.

„Ich biete Ihnen einen Tausch an“, schlug er vor.

„Einen Tausch?“, echote der Rektor verwirrt.

„Ja, einen Tausch“, bekräftigte Saradur. „Ihre Erfindung gegen das Leben Ihrer Gemahlin.“

Ulban sah ihn befremdet an: „Meine Frau ist tot.“ Dann wurde seine Stimme gleichzeitig ungehalten und schrill: „Ich verbiete Ihnen, darüber Scherze zu machen.“

Saradur schüttelte ernst den Kopf und entgegnete: „Das ist kein Scherz, Bruder Ulban.“ Er griff in sein weißes Gewand, zog eine Schriftrolle hervor und warf sie auf den Tisch: „Und das ist die Rezeptur, mit der die Schattenarmee des Hochkönigs von Sindra wiedererweckt wurde.“

Ulban starrte lange auf die Schriftrolle. Ihm dämmerte, dass sie echt sein musste. Einen Betrug von solcher Tragweite hätte sich der Höchste Priester gegenüber einem anderen Mitglied des Inneren Zirkels nicht leisten können. Schließlich fiel ihm nur die Frage ein: „Wie sind Sie an dieses Dokument gekommen? Es heißt, dass es sich im Besitz von Schwester Baradia befand.“

„Sagen wir: Es war auch ein Tausch“, erwiderte der Höchste Priester und stand auf. „Also, wie lautet Ihre Entscheidung? Und bedenken Sie bitte, dass nicht meine eigenen Interessen auf dem Spiel stehen, sondern die des Ordens, dem Sie sich als Mitglied des Inneren Zirkels in besonderer Weise verpflichtet haben.“

„Daran brauchen Sie mich nicht zu erinnern“, gab Ulban verstimmt zurück. „Das, was Sie wollen, wird von uns „Droklorr“ genannt.“

Da wusste Saradur, dass er gewonnen hatte. Schnell erhob er sich aus seinem Sessel. Dabei trieb ihn die Befürchtung, der Rektor könnte sich seine Entscheidung noch einmal anders überlegen. 

„Zeigen Sie mir diese Wunderwaffe!“, forderte er Ulban auf. „Das ist eine überragende wissenschaftliche Leistung. Seit ich zum ersten Mal davon gehört habe, konnte ich sie nicht mehr aus meinen Gedanken verdrängen. Seit Jahren kommen die genialsten Erfindungen des Ordens aus Tal Nakh. Wie machen Sie das nur?“

Auch der Rektor stand nun auf, murmelte etwas Unverständliches und ging zur Tür. Auf einem schmalen Weg, der an mehreren farbenprächtigen Gebäuden vorbeiführte, gelangten sie zu einer Grünanlage. An ihrer hinteren Ecke, unmittelbar vor der Außenmauer, stand ein auffallend schlichtes Gebäude mit ungewöhnlich dicken Mauern und einem provisorischen Strohdach. Ulban schob einen gewebten Stoffvorhang an der Vorderseite des Bauwerks zur Seite und betrat das Innere. Saradur folgte ihm.

In dem kaum mit Möbelstücken ausgestatteten Innenraum saß ein junger Priester des Wissens auf einem einfachen Holzschemel, vertieft in die Lektüre eines Buches. Als er aufschaute und das Symbol auf der Brustfläche von Saradurs Gewand erblickte, erhob er sich rasch und verbeugte sich leicht. Der Rektor gab ihm einen Wink, woraufhin der junge Priester sofort den Raum verließ. Dann trat Ulban zu einer eisernen Truhe und öffnete die Verriegelung. Er brachte eine kleine Kapsel zum Vorschein, die er dem Höchsten Priester vor das Gesicht hielt. Saradur erkannte, dass es sich um eine Metallhülse handelte.

Es ist ein sehr dünnes Metall“, erklärte Ulban. „Droklorr ist eine äußerst instabile Substanz, die sich unter Druck stark ausdehnt. Wenn das Metall verformt wird, explodiert das Droklorr. Diese kleine Hülse reicht aus, um alles in einem Umkreis von vier Metern zu zerstören.“

Saradur war beeindruckt. Er nahm vorsichtig die Kapsel zwischen die Finger und gab sie dann schnell an Ulban zurück.

„Sie haben die Hülse so konstruiert, dass sie mit Hilfe von Stiftladern abgeschossen werden kann“, stellte der Höchste Priester fest.

„Das stimmt“, nickte Ulban. „Man kann natürlich auch größere Behältnisse herstellen und diese beispielsweise mit Hilfe von Katapulten oder Rohren abschießen. Die Sprengkraft ist dann verheerend. Ich hoffe, dass wir damit nicht das Tor zur Gruft der Dämonen geöffnet haben.“

Saradur schüttelte den Kopf: „Ganz im Gegenteil. Wir werden damit die Dämonen der Vernichtung aufhalten. Sorgen Sie dafür, dass ich die Rezeptur bekomme! Wir müssen die Akademie retten.“

 

*

 

In Brondiks Blick lag eine eisige Kälte. Dieser Blick war auf den schwarzen Mon’ghal gerichtet, der auf der Schulter des anderen Ducarions saß. Zwischen den beiden Männern schwelte schon seit Jahren eine unausgesprochene Feindschaft, obwohl sie beide dem obesischen Kriegsrat angehörten. Diese Feindschaft ging noch wesentlich tiefer als die Abneigung, die den Mitgliedern der Geheimen Schar aufgrund ihrer elitären Stellung üblicherweise von allen anderen Soldaten der obesischen Heere entgegengebracht wurde. Das besondere Problem der beiden Gesprächspartner bestand nämlich darin, dass jeder von ihnen sich selbst für das wichtigste Mitglied der militärischen Führungsriege hielt. Tatsächlich ließen sich für jede der beiden Sichtweisen gewichtige Gründe anführen.

„Sie reden nicht mit Schlaan, sondern mit mir“, stellte der andere Ducarion klar.

„Wer ist Schlaan?“, fragte Brondik, der Ducarion der Geheimen Schar.

„Der Mon’ghal, den Sie die ganze Zeit anstarren“, erwiderte der Mann mit den kurzgeschnittenen, grauen Haaren. „Er unterhält sich gerade mit Ihrem Mon’ghal. Wir sollten deshalb die Gelegenheit nutzen, etwas klarzustellen. Der Aufstand von Tirestunom ist nun auch schon in Modonos angekommen. Ich weiß, dass Sie an meiner Meinung nicht interessiert sind, aber ich werde sie Ihnen trotzdem sagen: Ich bin der Einzige, der verhindern kann, dass die Mon’ghale vollständig ausgerottet werden.“

„Sie?“ Brondik brach in ein gekünsteltes Gelächter aus und schlug sich in affektierter Weise auf die Oberschenkel.

„Natürlich ich“, bekräftigte der Grauhaarige unbewegt. „Sie haben ja bereits versagt. Aber ich habe mächtige Verbündete, deren Möglichkeiten Sie sich nicht einmal vorstellen können.“

Zornig sprang der Ducarion der Geheimen Schar auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Ich habe alles im Griff!“, schrie er. „Dieser Aufstand wird niedergeschlagen werden. Die Armeen des Ostens werden das Wolfsheer zermalmen.“

Plötzlich trat ein glasiger Blick in die Augen Brondiks. Seine Erregung legte sich schlagartig. Kraftlos wie ein Kartoffelsack fiel er in seinen Stuhl zurück. Es handelte sich um die untrüglichen Zeichen, dass sein Geist von einem fremden Wesen ausgeschaltet wurde. 

Nach einer Weile sagte er ruhig, mit völlig ausdruckslosen Gesichtszügen: „Schlaan behauptet, Sie hätten eine Zusage vom Geflecht der alten Wesenheiten, dass unsere Art erhalten wird. Er konnte aber nicht erklären, worum es sich bei diesem Geflecht der alten Wesenheiten handelt.“

„Das kann ich leider auch nicht“, räumte der Ducarion mit dem Bürstenschnitt ein. „Wir wurden beauftragt, die Höhlen von Tulumath aufzusuchen, die früher die „Welt der Belohnungen“ genannt wurden. Dort sollen wir einem Weißen Mann namens Tholulh eine Botschaft des Geflechts überbringen. Als Gegenleistung hat man mir versprochen, dass Ihre Art zumindest im Bereich meines Heeres vom Geflecht der alten Wesenheiten geschützt wird.“

Brondik nickte nachdenklich: „Nach den Ereignissen der letzten Zeit sollten wir jede Möglichkeit nutzen, die sich uns bietet, um unser Überleben zu sichern. Aber der Zugang zur „Welt der Belohnungen“ wurde auf unerklärliche Weise versiegelt. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, die Felswand zu durchbrechen. Ich weiß nicht einmal, ob dies überhaupt möglich ist.“ 

„Ich werde mir das ansehen“, beschloss der Grauhaarige. „Sorgen Sie dafür, dass ich zu dem früheren Eingang gebracht werde.“

Brondik nickte und rief einen Centron herbei. Der geleitete den Besucher zu einem würfelförmigen Gebäude, in dem sich der Zugang zu einem Höhlensystem befand, das früher als die „Welt der Belohnungen“ eine mystische Bekanntheit genossen hatte. In dieser schaurigen Unterwelt waren arglose Menschen an die riesige Stammmuter der Mon’ghale verfüttert worden. Man hatte sie mit dem Versprechen geködert, dass in den Tiefen Tulumaths die exotischsten Freuden und Erlebnisse auf die Besucher warteten. Königin Quintora hatte diesem Treiben ein Ende bereitet, indem sie die „Böse Mutter“ getötet hatte. Nun lebte nur noch Tholulh, einer der Weißen Menschen, in dieser unterirdischen Welt.

Der Centron hatte den Befehl seines Ducarions widerspruchslos ausgeführt, obwohl er den Sinn nicht verstand. Seit Jahren gab es keinen Zugang mehr zu dem Labyrinth von Tulumath. Am Fuß der Treppe, deren Einstieg in dem würfelförmigen Gebäude lag, würde eine geschlossene, undurchdringliche Felswand auf den Besucher warten. Der Centron hatte sich jedoch getäuscht. Nur mit Mühe konnte er einen Ausruf des Erstaunens unterdrücken. 

Der Besucher hingegen, der die früheren örtlichen Verhältnisse nicht kannte, betrat mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit den bogenförmigen Durchgang, der zuvor dort nicht vorhanden war. Mit einem Wink bedeutete er dem Centron, dass dieser sich zurückziehen sollte. Erleichtert darüber, dass er diese unheimliche Welt nicht betreten musste, machte sich der Soldat schleunigst auf den Rückweg.

Der grauhaarige Besucher schritt dagegen tiefer in das Labyrinth hinein. Mit einer untrüglichen Gewissheit, die ihn sogar selbst unheimlich anmutete, lenkte er seine Schritte zielsicher durch das Gewirr der unterirdischen Gänge und Räume bis er eine lichtdurchflutete Kammer erreichte. Dort erwartete ihn ein schlanker, junger Mann, dessen auffälligste Kennzeichen in seiner schneeweißen Haut, einer goldenen Lockenpracht und seltsamen gelben Augen mit schwarzen Sehschlitzen bestanden.

„Ich bin Tholulh“, stellte er sich überflüssigerweise vor. „Sie sind also der neue Vermittler des Geflechts.“

Der grauhaarige Ducarion hatte sich das Staunen mittlerweile längst abgewöhnt.

„So ist es“, bestätigte er. „Und ich bin hier, um Ihnen eine Bitte des Geflechts der alten Wesenheiten vorzutragen. Der Meister der Todeszeremonie vernachlässigt seine Pflichten. Die alten Wesenheiten bitten nun darum, zwei neue Vollstrecker bestimmen zu dürfen.“

„Es mag sein, dass der Meister der Todeszeremonie derzeit gezwungen ist, seine Pflichten gegenüber den alten Wesenheiten zu vernachlässigen“, gestand Tholulh zu. „Aber die Geschehnisse, die ihn davon abhalten, sind auch für das Geflecht von äußerst weitreichender Bedeutung. Da dem Meister also kein Vorwurf zu machen ist, bleibt er unantastbar. Unter den besonderen Gegebenheiten, wie sie gegenwärtig herrschen, erlauben die Schöpfer dem Geflecht, für einen vorübergehenden Zeitraum zwei andere Vollstrecker zu bestimmen. Diese Ausnahme gilt jedoch nur bis der Meister der Todeszeremonie seine eigentlichen Aufgaben wieder wahrnehmen kann.“

„Wer sind die Schöpfer?“, fragte der Besucher unbedarft.

„Das ist die Macht, dem das Geflecht der alten Wesenheiten, dem auch ich angehöre, seine Existenz verdankt“, antwortete Tholulh bereitwillig. „Wenngleich sie aber auch über allem steht, darf sie in die Abläufe dieser Welt nur in der gleichen Weise eingreifen wie ein einzelner Mensch mit seinen beschränkten Fähigkeiten dies tun darf. So lautet ein Kernsatz des Ehernen Gesetzes, dem sich die Schöpfer selbst unterworfen haben. Wird diese Regel verletzt, bricht alles zusammen.“

 

*

 

Der lange Winter im Aralt-Gebirge warf seine Schatten voraus. In den vergangenen Tagen hatte die Kälte bereits fühlbar zugenommen. Der Aufstieg zum Kijanduk-Pass war schon bis in die unteren Regionen überwiegend zugeschneit. Unitor, Tritoria und Prandorak kamen mit ihrem Gefolge nur sehr langsam voran. Sie hatten sich in ihre Pelze eingehüllt und sprachen oft stundenlang kein Wort, während sich die zähen Bergpferde mühsam den gefährlich steilen Pfad empor quälten. Auf halber Höhe öffnete sich eine weite Fläche mit nur geringem Gefälle. Dahinter begann der Aufstieg zum Gipfel. Aufgrund der tückischen Schneeverwehungen war für die beiden Eisgrafen mit ihren Begleitern aber auch die Überwindung dieser Hochgebirgsebene eine Herausforderung. Als sie schließlich das Ende des schrägen Plateaus erreicht hatten, begann es im Westen bereits zu dämmern. Unitor hatte inzwischen feststellen müssen, dass hier oben die Nächte sehr schnell hereinbrachen. Er war daher etwas erstaunt, dass Tritoria nicht den Befehl gab, das Nachtlager aufzuschlagen. 

Als er sie darauf ansprach, erwiderte sie: „Es wird erst in einer halben Stunde dunkel. Danach leuchtet uns der Mond. Der kommende Teil unseres Aufstiegs ist nicht ganz so steil und breiter als der bisherige. In zwei Stunden werden wir ein kleines Höhlensystem erreichen, wo wir sicherer lagern können als hier. Ich befürchte, dass Zobirek den Pass überwachen lässt. Er könnte versuchen, uns hier zu überfallen. Auf diesem Plateau kann er eine zahlenmäßige Übermacht wirksamer einsetzen als auf dem verwinkelten Anstieg. Prandorak wird mit drei Männern vorausreiten und die Lage erkunden.“

Der Herold brach sofort auf. Mit eisernem Griff hielt er das Banner der Herzöge in seiner Rechten. Dieses schien ihm ein besserer Schutz als jede Waffe. Die vier Reiter preschten mit einer Geschwindigkeit los, die der ortsunkundige Unitor zuvor für undenkbar gehalten hätte.

Fast genau zwei Stunden später erreichten die beiden Eisgrafen mit dem Rest der Hundertschaft den Eingang eines kleinen Höhlensystems, das von den Zogh „Kijanduk-2“ genannt wurde. Prandorak erwartete sie bereits. Tritoria sah zu ihm hinüber, und er zuckte die Schultern. Es bedurfte keiner Worte.

Tritoria stieg von ihrem Pferd ab. „Das gefällt mir ganz und gar nicht“, sagte sie zu Unitor. „Keine Wachen am Pass.“

„Dich bedrückt, dass er sich offenbar sehr sicher fühlt“, stellte der Fürst zu Drinh scharfsinnig fest. Tritoria nickte und runzelte die Stirn.

„Ich kenne ihn“, grübelte sie. „Er ist gerissen und sehr vorsichtig. Er weiß ganz genau, dass ich ihn jage und er weiß sicherlich auch, dass ich inzwischen über den „vernichtenden Blick“ verfüge. Wenn er verhindern will, dass wir über ihn herfallen, hätte er uns auf dem Pass in einen Hinterhalt locken müssen. Wenn wir erst einmal die Sterzenburg erreicht haben, ist es für ihn zu spät. Wir werden mit dem „vernichtenden Blick“ eine Bresche öffnen und mit dem Banner der Herzöge eindringen. Die Krieger werden sich nicht gegen mich stellen, sobald sie mich erkennen. Irgendetwas stimmt nicht.“

Unitors Miene ließ erkennen, dass er ihr beipflichtete: „Uns bleibt dennoch nichts anderes übrig als unseren Weg fortzusetzen. Wir müssen eben ganz besonders auf der Hut sein.“

Sie führten ihre Pferde in die geräumige Höhle, die mit zwei weiteren Grotten durch schmale Durchgänge verbunden war. Es handelte sich jedoch um ein abgeschlossenes System, das ansonsten keinerlei Verbindungen zu anderen Höhlen oder nach draußen aufwies. Hier schlugen sie ihre Zelte auf und begaben sich zur Ruhe. Jeweils zehn von Prandoraks Kriegern bewachten abwechselnd den Eingang während dieser kurzen, aber letztlich auch ereignislosen Nacht.

In aller Frühe blies Prandorak in sein Büffelhorn, das Zeichen zum Aufbruch. Das tiefe Dröhnen des Horns schallte weithin hörbar durch die stille und einsame Gebirgswelt. Das Echo hallte lange nach. Jeder Zogh-Krieger kannte diesen Klang. Prandorak rechnete damit, dass keiner den Mut haben würde, ihn anzugreifen. Die Herzogin war dagegen noch stärker beunruhigt, da sie insgeheim auf den Versuch eines nächtlichen Überfalls durch Zobirek gehofft hatte. Dies hätte klare Verhältnisse geschaffen; so aber blieb die Verunsicherung.

Der Herold bildete erneut mit seinen drei Männern die Vorhut. Tritoria, Unitor und der Rest der Krieger folgten in sicherem Abstand. Auch auf dieser Etappe des Weges ereignete sich nichts. Kein Zogh ließ sich blicken. Die in der tiefen Wintersonne kalt glitzernden Gipfel des Kijanduk und einiger benachbarter Gebirgsmassive, die majestätisch in allen Blickrichtungen aufragten, wirkten zwar lebensfeindlich aber dennoch unendlich friedvoll. In gleichem Maße wie die Luft dünner wurde, schien die Weitsicht zuzunehmen. Tritoria und Unitor nahmen beides nicht bewusst wahr. Ihr Augenmerk war stur auf das Ende des Passweges gerichtet, und was sie dort schließlich erwartete verschlug ihnen den Atem.

Tritoria hatte vor Jahren einmal mit ihrem Vater die uralte Burg der Sterzen besucht. Seinerzeit hatte sie ehrfürchtig über die riesige Anlage mit den ungeheuer dicken Mauern aus Granitquadern gestaunt, die in dieser Hochgebirgseinöde auf einem Bergrücken thronte. Die grob behauenen Quader wiesen deutliche Fugen auf. An einigen Stellen waren die Mauern auch eingestürzt. Damals hatte Tritoria noch gerätselt, wem es möglich gewesen sein sollte, solche Mauern zum Einsturz zu bringen. Jetzt rätselte sie, wer es vermocht hatte, sie in so kurzer Zeit und in dieser völlig veränderten Weise wieder aufzubauen.

Das eigentlich Verstörende lag nämlich darin, dass die jetzigen Mauern keine Ähnlichkeit mehr mit den ihr bekannten aufwiesen. Sie waren mehr als dreißig Meter hoch und ließen keinerlei Fugen erkennen, nicht einmal die geringsten Haarrisse. 

Die Sonne stand tief und beleuchtete ein unwirkliches Szenario. Tritoria, Unitor und Prandorak, die die Hundertschaft anführten, sahen sich drei riesigen Reitern gegenüber: ihren eigenen, durch ein ausgeklügeltes Sytem aus Kristalllinsen stark vergrößerten Spiegelbildern auf der blankpolierten Eismauer der ehemaligen Sterzenburg.

Keiner von ihnen fand sich in der Lage, ein Wort hervorzubringen. Tritoria brauchte nicht um die Burg herum zu reiten, um zu wissen, dass sie über keinen Eingang verfügte. Zobirek hatte wieder einmal bewiesen wie gerissen und vorsichtig er war. Vor diesen verspiegelten Mauern versagten die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Eisgrafen. Mit einem Schlag wurde Tritoria auch klar, wieso sich der Mörder des Herzogs nicht die Mühe gemacht hatte, sie zu überfallen.

 

*

 

Atarco und Jobork waren wie Geschwister aufgewachsen. Nach dem frühen Tod von Joborks Eltern hatte ihn sein Onkel Ulban wie einen Sohn aufgenommen. Atarco, der leibliche Sohn des Rektors von Tal Nakh, war nur ein Jahr älter als Jobork. Sehr zum Leidwesen Ulbans wurde das Verhältnis der Vettern eher von wissenschaftlichem Wettstreit und respektvoller Distanz als von Herzlichkeit geprägt. Bereits unmittelbar nach Eintritt seiner Volljährigkeit eröffnete Atarco seinem Vater, dass er die Absicht hatte, zur Akademie von Modonos zu gehen. Dort wollte er seine Studien über ein außergewöhnliches Überlebensexperiment fortsetzen, das von der Natur selbst veranstaltet wurde:

Der Silsenkäfer, ein harmloser Pflanzenfresser, ernährte sich hauptsächlich von der Silse, einer dickblättrigen Krautart. Diese gedieh überall in den gemäßigten Breiten des Kontinents. Der schlimmste Feind des Silsenkäfers war der Schwarze Grocher, eine Echsenart. Wenn der Schwarze Grocher männliche Exemplare des Silsenkäfers fraß, wurde er schlagartig aufgebläht und regelrecht zerrissen. Da die Käfer keine für die Echse unterscheidbaren Geschlechtsmerkmale aufwiesen, bedeutete der Verzehr seiner Lieblingsbeute für den Schwarzen Grocher stets ein tödliches Risiko. Auf diese Weise sicherte die Natur die Bestände beider Tierarten. Atarco fand nach langwierigen Beobachtungen heraus, dass die männlichen Silsenkäfer im Gegensatz zu den weiblichen nicht nur frische, sondern auch angefaulte Blätter der Silse verzehrten. Diese Erkenntnis hatte ihn auf die Spur eines Vorgangs geführt, der für den Kontinent schicksalhafte Bedeutung erlangen sollte: die Entstehung einer Substanz, die von den Priestern in Lokhrit später als „Druckmittel Droklorr“ bezeichnet wurde. Atarco vermischte den Saft frischer und fauliger Silsenblätter und fügte eine Substanz hinzu, die der Magensäure des Schwarzen Grocher entsprach. So entstand eine Verbindung, die vor allem wegen der Faulgase äußerst instabil war und schon bei geringem Druck mit einer gewaltigen Detonation verpuffte.

Nun hatte der Sohn des Rektors seinen Plan, nach Modonos zu gehen, aufschieben müssen. Ohne dass irgendwelche Anzeichen zuvor darauf hindeuteten, war plötzlich seine Mutter verstorben. Und als ob dieser Schicksalsschlag nicht schon schlimm genug gewesen wäre, geriet auch sein Vater, der seine Frau abgöttisch geliebt hatte, völlig außer Tritt. Erst nach dem Besuch des Höchsten Priesters hatte er sich wieder einigermaßen gefasst und neue Hoffnung geschöpft. Aber der Preis war hoch gewesen. Atarco ahnte, dass sein Vater dem Höchsten Priester die bisher streng geheim gehaltene  Rezeptur des gefährlichen Druckmittels Droklorr gegeben hatte.

Der Sohn und der Neffe hätten sich nicht vorzustellen vermocht, dass sie Ulban noch fassungsloser antreffen könnten als nach dem Tod seiner geliebten Gattin. Aber nun war es geschehen. Obwohl er den Trank der Wiedererweckung strikt nach der schriftlichen Anweisung hergestellt und angewandt hatte, blieb er entgegen den Zusicherungen des Höchsten Priesters wirkungslos. Die Gemahlin des Rektors war auch Stunden nach der Verabreichung nicht ins Leben zurückgekehrt.

„Er hat mich betrogen!“, schrie Ulban verzweifelt. „Ich hätte es wissen müssen.“

Atarco war selbst ebenso verbittert wie sein Vater. Dennoch versuchte er, ihn zu trösten. „Vielleicht liegen besondere Umstände vor“, gab er zu bedenken, jedoch ohne innere Überzeugung. „Weshalb sollte Saradur uns betrügen? Damit schadet er auch sich selbst.“

Plötzlich erhob sich Ulban, und eine seltsame Veränderung ging mit ihm vor.

„Du kannst das herausfinden“, sagte er zu Atarco und übergab ihm eine Papierrolle. „Die Verantwortung für den gesamten Kontinent liegt nun bei uns dreien. Droklorr lässt sich nicht mehr länger geheim halten. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es in die richtigen Hände gelangt. Du wolltest ja sowieso nach Modonos gehen. Gib diese Herstellungsanleitung für das Druckmittel dem Rektor der Akademie. Damit wird das Gleichgewicht der Macht wieder hergestellt. Wir können nicht zulassen, dass Saradur mit den Armeen von Bogogrant und Dunculbur die Hauptstadt zerstört. Meinetwegen kannst du ihn dir danach selbst vornehmen und wegen des Betrugs zur Rede stellen.“ Zornig warf er eine andere Schriftrolle auf den Tisch vor Atarco: „Das ist die angebliche Rezeptur der Wiedererweckung. Saradur hat das Original. Erzwinge einen Vergleich!“

Sodann wandte er sich an Jobork und übergab auch ihm eine Papierrolle mit den Worten: „Mein Sohn, das ist eine exakte Abschrift der Herstellungsanleitung für Droklorr. Du musst diese Rolle nach Sandammon bringen. Der Hafenmeister von Lokhrit ist tot. Eigentlich sollte er sie bekommen. Aber der Marschall von Sandammon und Sokul war sein bester Freund. Er ist nun derjenige Mensch auf der Welt, dem ich nach euch beiden und Roxolay am meisten vertraue. Wenn die Zogh das Droklorr haben, wird hoffentlich niemand auf dem Kontinent es wagen, einen Krieg zu entfesseln.“

 

*

 

Tegolith empfing den Höchsten Priester im Park seiner Villa, die in den sanften Hügeln hinter Bogogrant lag, unmittelbar neben dem Heerlager. Selbst für einen Ducarion handelte es sich um eine völlig ungewöhnliche Wohnsituation. Insbesondere galt dies für die aufwändig gestalteten und gepflegten Gärten mit den umgeleiteten Flussläufen und kleinen Teichen. Dennoch wagte niemand, sich mit dem Befehlshaber des Vierten Landheers und ältesten Mitglied des Kriegsrats anzulegen.

„Sie haben hier ja ein richtiges kleines Paradies“, schmeichelte Saradur.

„Sie übertreiben“, wiegelte der Ducarion ab. „Aber die Gärten sind tatsächlich sehr schön und sollen den Menschen zeigen wie erhaltenswert unsere Heimat ist.“

Heuchler, dachte Saradur. Welche Menschen bekommen das wohl zu sehen?

Als hätte Tegolith die Gedanken des Höchsten Priesters erraten, setzte er hinzu: „Wir machen jede Woche eine Führung für ausgewählte Besucher aus dem ganzen Land.“

Also darum geht es, dachte Saradur. Eines dieser Projekte des Kollektivs, mit denen die Menschen beeindruckt werden sollen. Er brummte aber gleichzeitig nur: „Mhm, beeindruckend“ und nickte anerkennend.

„Setzen Sie sich doch bitte“, schlug Tegolith vor und deutete auf eine kleine Parkbank. „Eine Erfrischung kommt sofort. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?“

Der Höchste Priester nahm dankend Platz und erläuterte dem Ducarion den Grund seines Kommens: „Ich bin hier, weil ich hoffte, aus erster Hand einen Bericht über die Lage im Land zu bekommen, bevor ich nach Dunculbur und Modonos weiterreise.“

Der Ducarion blies die Backen auf und atmete geräuschvoll aus. „Es gibt da nicht viel Erfreuliches zu berichten“, sagte er gequält. „Die Aufrührer Corbunt und Mesitaz halten nach wie vor Modonos mit dem Ersten und Sechsten Landheer besetzt. Als die Armeen aus Gladunos und Dunculbur angerückt sind, haben sie deren Abzug mit der Drohung erzwungen, die Akademie in Schutt und Asche zu legen und Tokon mitsamt allen Priestern der Akademie hinzurichten. Die Garde von Modonos wurde aufgelöst, und die Schildwache ist zu den Verrätern übergelaufen. Das Kollektiv ist aus Modonos geflohen, ebenso die verbliebenen Mitglieder des Kriegsrats.“

„Das sieht ja noch schlimmer aus als ich befürchtet habe“, meinte Saradur.

„Ja, und auch andernorts steht nicht alles zum Besten“, jammerte Tegolith weiter. „In Dunculbur beispielsweise hat der neue Rektor, Zyrkol, die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem dortigen Heer beendet. Er hat einfach alle Übereinkünfte außer Kraft gesetzt, die im Laufe der letzten Jahrzehnte dort geschlossen worden waren.“

Saradur nickte verdrossen: „Ich kenne Zyrkol aus seiner Zeit als Bibliotheksleiter. Er ist kein Mann, dem man vertrauen kann. Eigentlich hatte ich die Absicht, nach Dunculbur zu gehen. Aber ich denke, dass ich jetzt umplanen muss. Wie steht es mit Ihnen? Wären Sie bereit, mit Ihrem Heer gegen Modonos zu ziehen?“

„Wenn es der Sache dient: ja“, betonte der Ducarion entschlossen. „Aber ich befürchte, dass der Stier dort allein nichts ausrichten kann.“ Der Stier war das Wappentier des Heeres von Bogogrant, das unter Tegoliths Befehl stand.

„Ich könnte Sie mit einer Waffe versorgen, von der Sie bisher nicht einmal zu träumen gewagt haben“, gab der Höchste Priester bekannt, zog eine Schriftrolle aus seinem Umhang und wedelte damit in der Luft herum. „Wie ich bereits sagte, hatte ich die Absicht, diese Waffe in Dunculbur herstellen zu lassen, weil insoweit dort die besten Voraussetzungen gegeben sind. Aber ich muss Ihnen zustimmen: Zyrkol ist für uns alle ein Risiko. Ich werde daher notgedrungen versuchen, den Kampfstoff im Monasterium von Bogogrant fertigen zu lassen. Jedoch muss ich mich darauf verlassen können, dass Sie im ganzen Land die alte Ordnung wieder herstellen.“

Tegolith nahm eine Haltung ein, die aus seiner Sicht Entschlossenheit ausstrahlen sollte. Dann bückte er sich, riss ein paar unscheinbare Unkräuter aus der Rasenfläche und warf sie Saradur ostentativ vor die Füße. Dabei verkündete er mit feierlicher Stimme: „Sie haben sich an den richtigen Mann gewandt.“

 



Kapitel 2 – Dämmerung in Dunculbur

 
Es fühlte sich an wie ein Donnerschlag, der durch seinen Kopf hallte. Roxolay wachte mitten in der Nacht auf. Etwas Schreckliches war geschehen. Als Meister der Todeszeremonie konnte Roxolay sogar die Anwesenheit von Lebewesen spüren, die aufgrund ihrer Andersartigkeit für andere Spiritanten nicht zu erfassen waren. Aber nun fehlte diese Empfindung für einen der beiden Menschen, die ihm zuletzt am nächsten gestanden hatten. Da beide jedoch anderen Rassen angehörten, konnte er nicht bestimmen, um welchen von ihnen es sich handelte. Rasch sprang er aus seinem Bett und streifte sich sein Leinengewand über. Dann schlüpfte er in die schweren Lederstiefel. Er wusste, dass er sich in jedem Falle außerhalb der Mauern Rabensteins begeben musste, hinaus in den dunklen Wald Timbur. Es kamen nur zwei Ziele in Betracht. Aber welches sollte er zuerst aufsuchen?
Roxolay zwang sich zur Ruhe, setzte sich an den Tisch und ordnete seine Gedanken. Rooll oder Mulmok? Der Weiße Mann war unverwundbar. Also musste es sich um Mulmok handeln. Geschwind wickelte sich der alte Meister der Todeszeremonie in seinen dicken Wollmantel und zog eine Fellmütze über den Kopf. Das Jahr war weit vorangeschritten. Die Nächte in Rabenstein waren frostig geworden.
Ein eisiger Ostwind empfing Roxolay als er den Turm verließ. Er musste seine Mütze festhalten, damit sie nicht fortgeweht wurde. Die noch verbliebenen Blätter in den Bäumen rauschten, während die alten Gemäuer schwarz und dräuend in ihrer stillen Reglosigkeit dem Heulen des Windes widerstanden. In diesem Augenblick traf den einsamen Mann die Erkenntnis: Es entsprach der Bestimmung dieses Ortes, den Stürmen der Zeiten standzuhalten.
Mit hastigen Schritten begab sich Roxolay zu dem schweren Tor. Der einzige Wächter auf den Zinnen hatte den alten Mann bereits erkannt und beeilte sich, ihm das Tor zu öffnen. Unmittelbar dahinter begann die hölzerne Rampe, die von der höher gelegenen Burg zum Wald Timbur hinabführte.
Der Himmel war fast sternenklar. Im fahlen Licht des nur gelegentlich durch vorbeitreibende Schleierwolken kurzzeitig verdüsterten Mondes folgte Roxolay dem breiten Weg, der genau nach Süden verlief. Nachdem er knapp eine Meile zurückgelegt hatte, zweigte ein schmaler, kaum erkennbarer Pfad ab. Dieser schlängelte sich durch dichtes Gebüsch und zwischen bemoosten Felsen hindurch ehe er eine halbe Meile später vor der Hütte des Ureinwohners endete. Die nach lumburischem Vorbild errichtete Behausung mit dem umlaufenden Lichtspalt unterhalb des Strohdachs lag inmitten einer kleinen Lichtung ruhig und friedlich in der Dunkelheit.
Mit einer Kraft, die dem alten Mann niemand zugetraut hätte, hämmerte er gegen das Holz der verschlossenen Tür, bis sie kurz darauf geöffnet wurde. Die riesige Gestalt des Ureinwohners füllte den großen Türrahmen fast vollständig aus.
„Mulmok?“, rief Roxolay verwundert und erleichtert zugleich.
„Wen hast du denn erwartet?“, fragte der aus dem Schlaf gerissene Lumburier säuerlich.
Roxolay schob ihn sanft zur Seite, trat in die Hütte ein und zog die Tür hinter sich zu.
„Ich glaube, dass Rooll tot ist“, murmelte der alte Mann.
Mulmok war schlagartig hellwach. Er sah Roxolay mit aufgerissenen Augen an. Der Meister der Todeszeremonie war ein Günstling des Geflechts der alten Wesenheiten. Für viele Eingeweihte galt er deshalb als der mächtigste Mann auf dem Kontinent. Was konnte einen solchen Mann derart aus der Fassung bringen?
„Du weißt, dass man Rooll nicht töten kann“, versuchte ihn der Lumburier zu beruhigen.
Roxolay aber schüttelte energisch den Kopf: „Wir müssen sofort zu seiner Höhle. Ich kann ihn nicht mehr spüren seit der Knall des Todes erklang.“
Mulmok ergriff seinen Fellumhang und warf ihn sich über.
„Also gut, gehen wir“, sagte er gepresst. Er kannte die Fähigkeiten des Alten. Aber die Ermordung eines unsterblichen „Weißen Mannes“ überstieg sein Vorstellungsvermögen.
Seite an Seite eilten die beiden ungleichen Männer durch den dunklen Wald zu der Höhle Roolls. Sie befand sich in einem kleinen, dicht von Bäumen und Sträuchern zugewucherten Hügel. Kein mit der Örtlichkeit nicht vertrauter Mensch wäre in der Lage gewesen, den versteckten Eingang zu entdecken. Aber Roxolay und Mulmok kannten den Ort. Der Lumburier ging voran, bog Äste weg und schob Zweige zur Seite. Plötzlich blieb er stehen und zeigte auf einen armdicken, herabhängenden Ast eines Baumes.
„Eine frische Bruchstelle“, knurrte er. „Wenn Rooll nicht weggegangen ist, treffen deine Befürchtungen wohl zu.“
Sie beschleunigten ihre Schritte und erreichten wenig später den Zugang zur Höhle. Drinnen war es stockfinster. Der „Weiße Mann“ brauchte keine Beleuchtung, da er auch im Dunkeln sehen konnte. Roxolay zündete eine Kerze an. Sie warf ein flackerndes Licht in einen Bogengang mit sorgfältig geglätteten Wänden. Die Besucher ersparten es sich, nach dem Bewohner zu rufen. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten bemerkte Rooll stets, wenn jemand seine Höhle betrat. Leise und unsicher tasteten sich der Lumburier und der Priester des Wissens durch den kurzen Gang bis sich vor ihnen der eigentliche Wohnraum auftat. Der Widerschein des Kerzenlichts reichte nicht aus, um auch die Ecken des Raumes auszuleuchten. Das war aber auch nicht erforderlich. Roxolay spürte, dass sich außer ihm und Mulmok kein lebendes Wesen im Raum aufhielt, obgleich er eine dritte Person sehen konnte. Zusammengesunken saß Rooll in einem Holzstuhl neben einem steinernen Tisch und kehrte ihnen den Rücken zu. In diesem Augenblick wurde der schreckliche Verdacht zur entsetzlichen Gewissheit. Rooll atmete nicht mehr. Roxolay trat von der Seite an ihn heran und bemerkte sofort den Schnitt, der die Kehle des „Weißen Mannes“ durchtrennt hatte.
Das Blut war teilweise bereits auf seinem schlichten Leinenhemd eingetrocknet. Reglos hing seine Arme herab, in denen bis vor kurzem noch unvorstellbare Kräfte geschlummert hatten.
Die beiden Besucher sahen sich längere Zeit nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Schließlich war es Mulmok, der sich ganz entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten weigerte, das Offensichtliche zu akzeptieren. Die Worte „Das ist unmöglich“ durchbrachen die Stille.
Roxolay berührte den Toten am Hals. Er fühlte sich kalt an. Und diese Kälte schien plötzlich auf den Meister der Todeszeremonie übergegangen zu sein. In seinen Augen lag ein Glitzern, das der Lumburier zuvor noch nie gesehen hatte. Die Züge des Alten verhärteten sich, und er ballte eine Hand zur Faust.
„Das kann nur einer der Gründer getan haben“, sagte er mit einer völlig veränderten Stimme. „Er wird versuchen, auch uns zu töten, um den Dunstein zu bekommen. Wir müssen Rabenstein sofort verlassen und den Dunstein mitnehmen. Auch Teralura ist in Gefahr; sie ist eine Spiritantin.“
„Wohin willst du gehen?“, fragte Mulmok.
„Zuerst nach Modonos, dann zu den Dunstkuppeln, nach Siimart und schließlich nach Rukumor“, zählte Roxolay auf. „Dort sind die Gefängnisse der Gründer. Ich muss herausfinden, wer von ihnen frei ist.“

*

„Die Ruhe vor dem Sturm“, dachte Saradur während sein Blick über die sanften Hügel schweifte und schließlich am Spiegelsee hängenblieb. Die beiden riesigen, verflochtenen Weiden erinnerten ihn an die Eisbäume des Nordens, die er so sehr hasste. Diese Bäume verkörperten etwas Unerklärliches und damit etwas Unheimliches, aus Sicht des Höchsten Priesters zugleich etwas höchst Bedrohliches. Saradur fürchtete sich unterschwellig vor sämtlichen Dingen, die er nicht erklären konnte. Nachdem er die alten Schriften gelesen hatte, war er von der Existenz des Geflechts der alten Wesenheiten überzeugt. Er wusste zwar nicht genau, was sich dahinter verbarg, dennoch glaubte er, dass es bekämpft werden musste.
Aber jetzt schien nicht die Zeit, sich mit Eisbäumen zu beschäftigen. Es gab viel näher liegende Probleme, die gelöst werden mussten. Saradur glaubte, das Zauberwort für die Lösung dieser Probleme gefunden zu haben. Es lautete „Droklorr“. Dieser Kampfstoff würde die Art der Kriegsführung und das Angesicht des Kontinents grundlegend verändern. Und vielleicht konnte diese Waffe dann ja auch später einmal eingesetzt werden, um die Macht des Nordens zu brechen.
Endlich war es dem Rektor von Bogogrant gelungen, das Laboratorium fertigzustellen, in dem das Droklorr hergestellt werden sollte. Schwierigkeiten bereitete aber immer noch die Konstruktion der Geschoße, in die der hochexplosive Stoff eingefüllt werden musste.
„Ein junger Mann aus Tal Nakh wünscht Sie zu sprechen, Eminenz.“ Die Worte rissen den Höchsten Priester aus seinen Gedanken. Er hatte den Mann nicht einmal kommen hören, obwohl seine Schritte auf dem Kiesweg eigentlich nicht zu überhören sein sollten. Begann sein Gehör schwächer zu werden?
„Bringen Sie ihn zu mir!“, befahl Saradur. Er wird sich wegen der Wiedererweckung seiner Mutter bedanken wollen, dachte er, während sich der Priester aus Bogogrant wieder entfernte. Noch einmal wandte sich das Oberhaupt des Ordens um und versank erneut in die Betrachtung der idyllischen Landschaft bis er nun doch das Knirschen von Schritten auf dem Kiesweg hörte.
Saradur hatte richtig geraten. Der Besucher war Atarco, der leibliche Sohn des Rektors von Tal Nakh. Aber bei dessen Gesichtsausdruck wurde der Höchste Priester stutzig.
Atarco hatte die Anweisungen seines Vaters missachtet. Als er unterwegs erfuhr, dass Saradur noch in Bogogrant weilte, entschloss er sich, ihn schon vor seiner geplanten Weiterreise nach Modonos aufzusuchen und zur Rede zu stellen.
Der junge Mann bemühte sich erst gar nicht, zu verbergen, dass er in höchstem Maße erregt und zornig war. Seine Worte bestätigten dies. „Sie haben uns betrogen“, warf er dem Höchsten Priester unverblümt vor.
„Mäßigen Sie Ihren Ton!“, fuhr Saradur ihn an. „Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden.“
„Doch!“, widersprach Atarco. „Das wissen Sie sehr wohl. Mein Vater hat Ihnen die Rezeptur einer Erfindung gegeben, die die Welt verändern wird. Für ein wertloses Stück Papier!“
Wütend warf er die Pergamentrolle auf den kleinen, runden Tisch in der Mitte des Pavillons.
Saradur erkannte die Rolle. Es war die von ihm gefertigte Kopie des Originals.
„Ich hatte Ihrem Vater nicht zugesagt, ihm das Original auszuhändigen“, erklärte Saradur kalt. „Es ging immer nur darum, Ihre Mutter wiederzuerwecken.“
„Sie ist tot. Die Rezeptur ist wertlos“, hielt Atarco ihm vor und beobachtete ihn dabei scharf. Die Mimik des Höchsten Priesters drückte Ratlosigkeit und Erstaunen aus.
Er ist ein verdammt guter Schauspieler, dachte der junge Priester. Aber das wird ihm nichts nützen. Die Hand unter seinem Gewand strich unauffällig über den Knauf seines Kurzschwerts.
„Sie müssen entweder einen Fehler beim Mischen der Substanz oder bei der Anwendung gemacht haben“, mutmaßte Saradur.
„Mein Vater ist Rektor eines Monasteriums und Mitglied des Inneren Zirkels“, entgegnete Atarco. „Glauben Sie ernsthaft, er sei nicht fähig, eine Rezeptur getreu einer Anleitung herzustellen und anzuwenden? Außerdem haben mein Bruder und ich ihm persönlich assistiert.“
Saradurs Züge wurden starr. Er lehnte sich schwer gegen einen Pfosten des Pavillons, griff in sein Gewand und warf nun ebenfalls eine Schriftrolle auf den Tisch.
„Baradia hat mich getäuscht“, murmelte er und deutete auf die Rolle. „Das ist mein Original. Vergleichen Sie es mit der Kopie! Ich bin der Höchste Priester. Ich bin in der Lage, ein Dokument wortgetreu abzuschreiben.“
„Woher soll ich wissen, ob dies wirklich das Original ist?“, fragte Atarco misstrauisch.
„Das ist nicht das Original“, erwiderte Saradur völlig überraschend und fügte erklärend hinzu: „Baradia hat mir eine Fälschung untergeschoben. Sie ist nach wie vor im Besitz des Originals.“
Dem Höchsten Priester dämmerte die Erkenntnis, dass Tandras keineswegs so feige und dämlich war wie er angenommen hatte. Tandras musste seiner Mutter vom Diebstahl des Schlüssels zum Aufbewahrungsraum des Wiedererweckungselixiers berichtet haben. Baradia hatte die richtigen Schlüsse gezogen und die Herstellungsanleitung gegen eine gefälschte vertauscht. Gegenüber dem Priester aus Tal Nakh verschwieg Saradur natürlich bewusst, dass er das Dokument gestohlen hatte. Atarco sah ihn verunsichert an, was den Höchsten Priester zu dem Hinweis veranlasste: „Glauben Sie etwa wirklich, es wäre meinem Leumund zuträglich, wenn ein Mitglied des Inneren Zirkels herumerzählen würde, ich hätte ihn betrogen?“
Zum ersten Mal während dieses Gesprächs gewann der Sohn des Rektors von Tal Nakh den Eindruck, dass er vielleicht doch nicht belogen wurde. Er entrollte die beiden Dokumente und begann, sie zu vergleichen.
Saradur trat neben ihn und sah ihm über die Schulter. Er brauchte jedoch nicht zu lesen, um zu wissen, dass die beiden Rezepturen absolut identisch waren. Diese Schlange aus Oot hatte also Vorsorge getroffen! Trotzdem hegte er keine Rachegelüste. Aber das echte Dokument würde er sich doch noch auf irgendeine Weise beschaffen müssen. Das war er Ulban schuldig. Außerdem gehörte eine derart herausragende Erfindung in den Besitz des Ordens und nicht in den Besitz einer unberechenbaren Hexe. Saradur ging selbstverständlich davon aus, dass ER den Orden verkörperte. Daher zweifelte er keine Sekunde daran, dass sein Anspruch berechtigt war. Ihm leuchtete allerdings auch ein, wie schwer dieser Anspruch durchzusetzen sein würde.
Atarco hatte zwischenzeitlich seine Prüfung beendet und sah auf: „Und was soll jetzt geschehen?“
„Sagen Sie Ihrem Vater, dass ich mein Versprechen einlösen werde“, versicherte der Höchste Priester. „Aber zuerst muss ich dafür sorgen, dass im ganzen Land die Ordnung wiederhergestellt wird. Ich habe veranlasst, dass das Heer von Bogogrant mit Droklorr ausgerüstet wird. Dann kann es gemeinsam mit dem Heer von Dunculbur Modonos zurückerobern.“
Der an sich stark zur Verschlossenheit und Verschwiegenheit neigende Saradur hatte gehofft, durch die Bekanntgabe seiner Pläne das Vertrauen des jungen Priesters aus Lokhrit zurückgewinnen zu können. Das war ein schwerer Fehler. Er hatte Atarco völlig falsch eingeschätzt.

*

Von der Veranda des Landsitzes aus konnte der schmale, hochgewachsene Mann mit seinen fast schwarzen Augen in der Ferne eine kleine Gruppe von vier Reitern erkennen. Die zierliche Frau in dem hochlehnigen Stuhl hatte sie noch nicht bemerkt. Ihre Aufmerksamkeit galt dem kleinen Kind, das zu ihren Füßen auf den Holzdielen spielte.
„Ihr bekommt Besuch, Majestät, und ich glaube, Ihr werdet Euch sehr freuen“, meinte der Mann, nachdem er die beiden vordersten Reiter erkannt hatte.
„Nennt mich nicht mehr Majestät“, verlangte die Frau. „Ich habe abgedankt.“
„Ihr seid aber immer noch die Königin von Sindra“, widersprach der Mann.
„Nur auf dem Papier und auch nicht mehr lange“, stellte die Frau klar. Ein glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, nachdem sie nun ebenfalls die beiden vorderen Reiter erkannt hatte.
„Ich hätte nie erwartet, diese beiden Menschen jemals so einträchtig beisammen zu sehen“, rief sie begeistert aus, sprang auf und lief zum Aufgang der Veranda. Das Kind sah ihr erstaunt nach.
Noch bevor die Pferde zum Stehen gekommen waren, schwangen sich die beiden Männer aus ihren Sätteln, eilten zu der ehemaligen Königin von Gatya und umarmten sie. Dann erspähte Baron Schaddoch das Kind.
„Ist das dein Sohn?“, fragte er überflüssigerweise.
„Ja“, bestätigte Duotora. „Er heißt Valkon.“
„Valkon?“, fragte der Baron überrascht.
„Ich nehme an, das ist der Geburtsname des Eisgrafen Novotor“, vermutete Yxistradojn.
Duotora sah ihn erstaunt an: „Ihr habt recht. Ihr seid nicht nur der bescheidenste, sondern auch der intelligenteste Mensch, den ich kenne.“
„Das war nicht schwierig“, wiegelte Yxistradojn ab. „Auch ich hätte ihm übrigens nicht den Namen seines Vaters gegeben.“ Damit hatte der Regent von Sindra eine heikle Sache angesprochen, denn Hochkönig Gylbax war sein Vetter gewesen.
Deshalb wechselte Duotora geschwind das Thema und fragte Schaddoch: „Wie stehen die Dinge in Surdyrien?“
„Nachdem die neue Verfassung und die Verwaltungsreform eingeführt sind, kann das Land jetzt wieder auf eigenen Füßen stehen“, erklärte der Baron. „Derzeit gibt es Unruhen in den Minen, weil die Shondo auf Betreiben von Uggx die Arbeit niedergelegt haben. Aber das sind Probleme, die das Land selbst lösen muss.“
Zwischenzeitlich waren auch die beiden Begleiter Schaddochs zu der Veranda gekommen, nachdem sie die Pferde angebunden hatten. Der Baron stellte sie mit den Namen Kamgadroch und Iplokh vor.
Duotora erinnerte sich, dass sie zu dem engsten Führungskreis des Barons gehört hatten als dieser noch im Untergrund, als Verbrecherkönig getarnt, den Aufstand gegen die obesische Besatzungsmacht vorbereitet hatte.
„Und was wirst du tun, nachdem du jetzt als Königin von Gatya abgedankt hast?“, wollte Schaddoch von Duotora wissen. „Du bist immer noch die designierte Hochkönigin von Sindra.“
„Nicht mehr lange“, entgegnete die Eisgräfin und verschwand kurz im Inneren ihres Hauses. Als sie zurückkehrte, hielt sie ein zusammengerolltes Pergament in der Hand, das sie Yxistradojn überreichte. Dazu erklärte sie:
„Ich gehöre hierher nach Gatya. Der Eisbaum von Orondinur hat mich mit dem „vernichtenden Blick“ ausgestattet. Das ist eine Ehre und Verpflichtung zugleich. Ich habe sämtliche Pylax nach Yacudac zurückgeschickt. Nur Argo a Narga wollte unbedingt hier bleiben.“ Sie warf ihrem treuen Leibwächter einen dankbaren Blick zu. „Die Soldaten aus Sindra sind ebenfalls bereits zurückgekehrt. Ich verzichte auf das Vermächtnis meines verstorbenen Ehemannes. Nun ist der Weg endlich frei. Sindra braucht einen Mann wie Sie, Yxistradojn, als Hochkönig. Einen Mann, der aus der Dynastie des Zitaxon stammt, das Land kennt und seine Bewohner besser versteht als ich.“
Zögernd ergriff der Angesprochene die Pergamentrolle.

*

Drei Tage waren vergangen seit Tritoria gemeinsam mit Unitor die Residenz der Herzöge aufgesucht hatte. Große und kleine, üppig ausgestattete Gewölberäume auf verschiedenen Ebenen im Berg Tarklath vermittelten den Eindruck, sich in einer Burg zu befinden. Es fehlten lediglich Fenster, die einen Blick nach draußen ermöglichten. Deshalb hatte insbesondere Unitor häufig das Bedürfnis, die Höhlen zu verlassen und in der märchenhaften Kulisse dieser gravitätischen Gebirgswelt umherzustreifen. Tritoria bemerkte, dass er sich in der herzoglichen Residenz nicht wohlfühlte und nur ihr zuliebe blieb. Ganz allmählich ließ sie zu, dass sich ihre Gefühle ihm gegenüber zum Positiven veränderten. Erstmals hatte sie ihm versprochen, ihn auf einem seiner Spaziergänge zu begleiten. Allerdings hegte sie dabei auch den Hintergedanken, dass dies eine gute Gelegenheit sein könnte, nochmals in aller Ruhe das weitere strategische Vorgehen gegen Zobirek, den Mörder ihres Vaters, zu besprechen. Seit dieser sich in der anscheinend uneinnehmbaren, eisverspiegelten Sterzenburg im Kijanduk-Massiv verschanzt hatte, empfand ihn die Herzogin wie einen Stachel in ihrem Fleisch.
Bevor die beiden Eisgrafen jedoch zu ihrer geplanten Wanderung aufbrechen konnten, wurde ein Besucher angemeldet, der angeblich von weit her angereist war. Es handelte sich um einen alten, gebeugten Mann, der sich schweratmend auf einen Stock stützte und in der Linken einen an einer Schnur befestigten Filzbeutel trug.
„Ich danke Euch vielmals, dass Ihr mich empfangen habt, Hoheit“, sagte der offensichtlich äußerst erschöpfte Greis mit schwacher Stimme.
„Ihr seid kein Mann aus dem Norden“, stellte Tritoria fest. „Deshalb bin ich auch nicht Eure Herzogin. Nennt mich also einfach Tritoria. Wie kann ich Euch helfen?“
„Ich bin nicht ganz so hilflos wie Ihr vielleicht glaubt“, erwiderte der alte Mann. „Ich bin auch nicht gekommen, um Hilfe zu erbitten. Vielmehr bin ich gekommen, um Euch etwas zurückzugeben, was von Rechts wegen Euch gehört. Leider muss ich dafür ein Versprechen brechen. Aber das ist nicht das erste Mal in meinem langen Leben.“
Er stellte das Filzsäckchen vor Tritoria auf den Tisch. Zögernd näherte sie sich dem Geschenk. Als sie neugierig das Säckchen öffnete entfuhr ihr ein Ausruf des Erstaunens. Ein grünes Leuchten schien sich im ganzen Raum auszubreiten.
Der Grüne Kristall!
„Wo habt Ihr den her?“, erkundigte sich die Herzogin nachdem sie ihre Überraschung überwunden hatte.
„Von einem Mann aus Lumburia“, antwortete der Alte. „Und einem anderen Ureinwohner habe ich versprochen, ihn nach Lumburia zurückzubringen. Aber der Kristall gehörte Euren Vorfahren, und damit seid Ihr jetzt die rechtmäßige Eigentümerin. Alles muss seine Ordnung haben. Das ist wichtiger als ein Versprechen.“
„Die Ureinwohner werden Euch dafür zur Rechenschaft ziehen“, mischte sich Unitor ein.
„Lasst das nur ruhig meine Sorge sein“, erwiderte der alte Mann gleichmütig, wobei ein seltsames Funkeln in seine Augen trat.
„Ich möchte nicht für Euren Tod verantwortlich sein“, stellte die Herzogin klar.
„Habt keine Angst um mich“, brummte der alte Mann und wollte sich zum Gehen anschicken. Da griff Unitor mit einer blitzschnellen Bewegung nach einem Messer, das auf dem Tisch lag, und schleuderte es nach dem Alten. Ansatzlos zuckte dessen rechte Hand nach oben und hielt den Messergriff umklammert noch ehe der Wanderstab, den er dafür losgelassen hatte, auf den Boden polterte.
Unitor grinste.
Der Alte sah erstaunt auf seine Hand. Die Klinge des Messers zeigte nicht auf seine Brust, sondern auf den Werfer.
„Ihr wolltet mich nicht töten“, murmelte er. „Natürlich nicht. Ihr hättet es mit dem „vernichtenden Blick“ viel einfacher tun können.“ Er nickte verstehend. Der Eisgraf hatte ihn überlistet.
„Den „vernichtenden Blick“ hätte ich nicht anwenden können“, widersprach Unitor lächelnd. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber jetzt weiß ich wenigstens, dass Ihr nicht derjenige seid, der zu sein Ihr vorgebt. Ich wollte Tritoria nur beweisen, dass wir uns anscheinend wirklich keine Sorgen um Euch zu machen brauchen. Aber meidet dennoch die Ureinwohner. Sie sind wesentlich gefährlicher als Ihr vielleicht glaubt.“
„Wahrscheinlich kenne ich sie besser als jeder andere“, gab der Alte zurück. Das Messer entglitt seiner Hand und fiel scheppernd auf den Boden. Ächzend bückte er sich und hob mühsam seinen Wanderstab auf.
Unitor lachte: „Ihr seid mir ja ein rechter Schauspieler!“
Der alte Mann erstarrte in der Bewegung. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er den Eisgrafen an.
„Bei allen Dämonen, sagt so etwas nicht!“, verlangte er mit stockender Stimme und fügte unmittelbar darauf erklärend hinzu: „So nannten sie einen der Gründer des Geheimen Bundes von Dunculbur. Er war der Gefährlichste von allen und sogar dazu in der Lage, Weiße Menschen zu töten.“

*

Yxistradojn fröstelte. Die kühlen Temperaturen des Nordens machten dem Mann aus dem tiefen Süden des Kontinents zunehmend zu schaffen. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und tat sich noch schwer damit, dem Land das Licht eines neuen Tages zu spenden. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, und es begann zu schneien. Das Vordach über der Veranda hielt die Flocken von den drei Männern fern, die sich in aller Frühe hier versammelt hatten, bereit zum Aufbruch. Kamgadroch und Iplokh, die beiden surdyrischen Begleiter des Barons, kauten auf dem harten Brot herum, das vom Vorabend übriggeblieben war. Yxistradojn wärmte sich die Hände mit einem heißen Getränk, das er sich in der Küche der ehemaligen Königin von Gatya aufgegossen hatte.
„Diese elende Kälte macht mich krank“, grummelte Iplokh vor sich hin.
„Sie sollten mit mir nach Sindra kommen“, schlug Yxistradojn vor. „Dort ist es warm, und ich kann gute Leute gebrauchen.“
„Das ist ein nettes Angebot“, meinte Iplokh. „Aber keiner von uns würde den Baron im Stich lassen.“
„Das brauchen Sie vielleicht auch nicht“, mutmaßte Yxistradojn. „Ich werde ohnehin den Baron fragen, ob er mit mir kommen will. Er hat erwähnt, dass er seine Aufgaben in Surdyrien als erledigt ansieht.“
„Vielleicht wird er aber auch hierbleiben“, grinste Kamgadroch und entblößte dabei seine gelben Zähne.
„Dann können Sie erst recht mit mir kommen, weil er Sie hier am allerwenigsten gebrauchen könnte“, gab der Regent von Sindra ironisch zurück. „Baron Schaddoch wird jedoch nicht hierbleiben. Er ist ein rastloser Abenteurer, der wie ich daran glaubt, die Welt verbessern zu können. Und eine solche Gelegenheit kann ich ihm bieten. Hier könnte er nur den Sohn meines verstorbenen Vetters beaufsichtigen. Aber möglicherweise kommt die Königin ja auch mit uns.“
„Nein, das wird sie nicht tun“, gab Duotora, die die letzten Worte des künftigen Hochkönigs gehört hatte, unter der geöffneten Eingangstür ihres Landsitzes bekannt. Schaddoch stand neben ihr und hatte seinen rechten Arm um ihre Hüfte gelegt. „Mein Platz ist hier“, erklärte die Eisgräfin. „Und ich möchte, dass auch mein Sohn hier aufwächst.“
Schaddoch trat zu dem hölzernen Geländer, das die Veranda abgrenzte, und versuchte, den genauen Stand der Sonne hinter den dunklen Wolken zu erkennen.
„Wir müssen aufbrechen“, sagte er zu Duotora. „Wir haben einen langen Ritt vor uns.“
„Vor allem wenn wir bis nach Sindra reiten“, bemerkte Yxistradojn.
Schaddoch sah ihn fragend an: „Was sollen wir in Sindra?“
„Ich habe die Absicht, Doinat zu dem weltgrößten Zentrum der Künste und Wissenschaften auszubauen. Ich werde dort zu Ehren meines Lehrers Selazidang eine Akademie gründen nach dem Vorbild der Akademie von Modonos. Dazu brauche ich jedoch einen tatkräftigen Menschen, der mir dabei hilft. Ich werde ihn zum Statthalter von Doinat ernennen.“ Er trat neben Schaddoch an das Holzgeländer, legte ihm einen Arm auf die Schulter und erklärte weiter: „Du würdest mir eine große Ehre erweisen, wenn du dieses Angebot annehmen würdest. Du bleibst völlig frei und könntest jederzeit wieder gehen, wann immer du willst. Gemeinsam könnten wir dem ganzen Kontinent ein gutes Beispiel geben.“
Schaddoch dachte lange nach. Schließlich meinte er: „Ich habe viele Jahre gekämpft. Ich habe dabei geholfen, Surdyrien eine neue Ordnung und ein neues Gepräge zu geben. Vielleicht ist jetzt wirklich die Zeit gekommen, mich einer gänzlich neuen Aufgabe zuzuwenden. Künste und Wissenschaften, das klingt gut. Es klingt nach Frieden, Freiheit und Wohlstand. Ich werde dir helfen, obwohl ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass der Kampf schon vorbei ist.“
Er ging hinüber zu Duotora, die immer noch am Türpfosten lehnte, zog sie zu sich heran und küsste sie.
„Wirst du mich in Doinat besuchen?“, fragte er.
„Das muss sie“, bestimmte Yxistradojn. „Denn sie kann ja wohl schlecht die Einladung zu meiner Krönungszeremonie ablehnen.“
Als Duotora stumm nickte, glänzten ihre Augen feucht. Insgeheim hatte sie gehofft, dass Schaddoch bleiben würde. Aber wer wusste besser als eine Eisgräfin, dass es Menschen gab, die die Verpflichtung empfanden, ihre eigenen Wünsche hinter das Gemeinwohl zurückzustellen.
Mittlerweile war auch Argo a Narga erschienen, um den vier Männern Lebewohl zu sagen. Sehnsüchtig blickte er ihnen hinterher als sie nach Süden davonritten. Auch er litt unter der Kälte. Aber das Schicksal hatte ihn hierher verschlagen, und für seine Königin war er sogar bereit, diese Kälte zu ertragen.

*

Die Äste der meisten Laubgehölze ragten bereits kahl in die frostklare Luft. Nur wenige hatten noch einige vertrocknete rote, gelbe und braune Blätter in die letzte Jahreszeit hinüberretten können. Im frühen Winter wurde das Bild des Timbur-Waldes um Rabenstein vom dunklen Grün hoher Tannen und Fichten beherrscht.
Weithin hörbar erscholl das Klappern von Pferdehufen auf der hölzernen Rampe als die drei Frauen und Männer den sanften Anstieg zum Wall der ehemaligen Burg hoch ritten. Das Tor war bereits weit geöffnet. Gerkas Marandia, ein Mann aus der größten Küstenstadt des Nordens, hatte längst die meisten der Ankömmlinge erkannt: den Neugründer der Schule, die beiden Shondo, Orhalura und die Königin von Mithrien. Nur die weißhäutige Frau mit den goldenen Locken hatte er noch nie gesehen.
Gerkas Marandia hatte jahrelang dem Fürsten Taldin in der schwarzen Burg als Mauerwächter gedient und dabei die Eigenheit entwickelt, ständig Bücher zu lesen. Der gebildete und gutmütige Fürst hatte dies stillschweigend geduldet, da die Zeiten, in denen Marandia der Bedrohung durch Seeräuber ausgesetzt war, längst der Vergangenheit angehörten. Auf diese Weise hatte Gerkas auch von der neu gegründeten Schule am Ort der uralten Kultstätte Charak Dun erfahren. Der Wunsch, diese Einrichtung aufzusuchen, war schließlich übermächtig geworden, sodass Gerkas um seine Entlassung aus den Diensten des Fürsten ersuchte. Der gewährte dem belesenen Wächter schweren Herzens dessen Willen. Nach seiner Ankunft in Rabenstein übernahm der Mithrier auch hier die Aufgaben des Torwächters als ob es sich um eine Selbstverständlichkeit handeln würde. Die äußerst umfangreiche Bibliothek der Schule führte schnell dazu, dass Gerkas die Mauer nur noch selten verließ, zumeist nur, um den Nachschub an Büchern sicherzustellen.
Im strahlenden Licht der Nachmittagssonne wirkten die fröhlichen Farben des bunten Pflasterbelags in dem großen, sauber gefegten Vorhof noch intensiver als sonst.
Die sechs Ankömmlinge schwangen sich von ihren Pferden und führten sie zu den nahe gelegenen Stallungen. Währenddessen schloss Gerkas Marandia das Tor. Als Telimur den Stall wieder verließ, begrüßte ihn der Mithrier überschwänglich. Deutliche Erleichterung sprach aus seiner Mimik.
„Ich würde gerne gleich Roxolay aufsuchen“, bat Telimur.
„Das geht leider nicht“, erwiderte der Mithrier. „Der Rektor ist bereits am frühen Morgen weggeritten.“
„Wann kommt er zurück?“, fragte der Priester des Wissens.
„Ich glaube, das weiß niemand“, meinte Gerkas. „Mulmok ist ebenfalls weg. Anscheinend ist etwas Schlimmes geschehen. Sie sollten vielleicht mit Dolugon sprechen.“
„Wer ist Dolugon?“, fragte Telimur verwundert.
„Er ist vor einiger Zeit aus Borthul hierhergekommen“, erklärte der Torwächter. „Er gehörte zeitweise der dortigen Kongregation an.“
„Wieso kenne ich ihn dann nicht?“, hakte Telimur nach.
„Er wohnte nicht in Rabenstein, sondern als Aufseher unserer Landwirtschaft im Nordwesten“, erläuterte Gerkas. „Roxolay hat nach ihm geschickt bevor er weggeritten ist. Dolugon ist erst vor einer Stunde hier eingetroffen. Ich nehme an, dass er sich in Roxolays Turmzimmer aufhält.“
„Ich werde ihn finden“, glaubte Telimur und wandte sich an die beiden Shondo: „Ihr kennt euch hier aus. Sorgt bitte dafür, dass unsere Begleiterinnen angemessene Unterkünfte erhalten. Die Königin wird in meinen Gemächern im Ostturm wohnen.“
Er winkte Quintora kurz zu und eilte dann zu dem Turm, in dem sich das Zimmer Roxolays befand. Dort stieg er die hohen Stufen der steinernen Wendeltreppe hinauf bis er die Holztür aus geschwärzten Eichenbohlen erreichte. Laut klopfte er gegen das Türblatt mit dem Rundbogen. Die Stimme, die ihn zum Eintreten aufforderte, hatte einen unverkennbar südländischen Akzent. Telimur betrat das bescheiden ausgestattete Zimmer des alten Meisters. Tatsächlich traf er dort einen älteren Mann an, der dem Aussehen nach eindeutig aus Borthul stammte.
„Mein Name ist Telimur“, stellte sich der junge Priester vor. „Sind Sie Dolugon?“
Der Mann aus Borthul schien ebenso erleichtert wie zuvor Gerkas Marandia.
„Ja, ich bin Dolugon“, antwortete er. „Und ich bin sehr froh, dass Sie hier sind. Es ist etwas Schreckliches geschehen, und vermutlich befindet sich die Schule in höchster Gefahr. Ich hätte das allein nicht regeln können.“
Der Mann war äußerst erregt. Als Spiritant spürte Telimur seinen Gefühlszustand und gab ihm die nötige Zeit, sich zu beruhigen. Nach einer Weile sprach Dolugon das Unfassbare aus: „Rooll wurde getötet.“
Telimur erstarrte. Schließlich stieß er hervor: „Unmöglich. Niemand kann einen Weißen Menschen töten.“ Noch während er dies aussprach erinnerte er sich plötzlich an die Erzählung Quintoras, wonach Udontroth aus Sna-Snoot geflohen war, weil ihn der alte Landsmann Dolugons mit der Cirrha-Klinge des Wanderstabs bedroht hatte.
Der Borthuler schüttelte den Kopf: „Roxolay glaubt wohl, dass es einer der Gründer gewesen sein könnte, ein Mann namens Virkagon. Das jedenfalls hat mir sein Bote mitgeteilt.“
Telimur ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Auf dem Tisch entdeckte er einen Brief. Auf dem Umschlag stand sein Name. Es war die Schrift Roxolays, aber in Eile hingekritzelt, nicht in jener verschnörkelten Schönschrift, wie sie den Gepflogenheiten des Meisters der Todeszeremonie entsprach. Telimur öffnete den Umschlag.
Bei den ebenfalls hastig heruntergeschriebenen Zeilen handelte es sich um die nur für Spiritanten lesbare Geheimschrift. Der Verfasser verwischte dabei durch Berührung mit seinen Händen die noch nicht eingetrocknete, pflanzliche Tinte. Dadurch floss sein Gemütszustand in die Kleckse ein, die dann für einen normalen Betrachter nur als sinnlose Flecken erschienen. Einem anderen Spiritanten war es jedoch möglich, den Gemütszustand des Verfassers durch Berühren der Flecken zu ertasten und auf diese Weise die Schriftzeichen in ihrer ursprünglichen Anordnung zu erkennen. Telimur las:
„Mein Junge, ich hoffe es geht dir gut. Leider ist Rabenstein in höchster Gefahr. Rooll wurde ermordet, und ich muss befürchten, dass sein Mörder auch Mulmok, Teralura und mich töten will, um den Dunstein an sich zu bringen. Deshalb sind wir aus der Schule geflohen. Hüte dich vor den Gründern des Geheimbundes von Dunculbur! Ich glaube, dass ein Mann namens Virkagon am ehesten als Täter in Betracht kommt. Er ist ein Borthuler, der seine äußere Erscheinung bis zur Unkenntlichkeit verändern kann. Aber für dich sind alle anderen Gründer genauso gefährlich. Sie werden schon bei der ersten Begegnung versuchen, dich zu töten. Jetzt können wir nur noch auf ein Wunder hoffen. Tue stets das Richtige! Roxolay“
Telimur schaute nachdenklich auf. Der alte Mann hatte sich zum ersten Mal geirrt seit er ihn kannte. Siridindar gehörte zu den Gründern. Sie hatte ihn nicht getötet, obwohl sie längst die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Und sie hatte sich einmal mehr bereit erboten, die Verteidigung der uralten Kultstätte Charak Dun, die nun Rabenstein hieß, zu leiten.

*

Die Wachen ließen die Stiftlader sinken. Der Ankömmling, dem sie soeben das Tor geöffnet hatten, stellte offensichtlich keine Gefahr dar. Er war einem körperlichen Zusammenbruch wesentlich näher als einer feindseligen Handlung. Sein Pferd dampfte von den Anstrengungen eines scharfen Ritts. Das olivgrüne Gewand des Mannes, das ihn als einfachen Priester des Wissens auswies, war schweißverklebt, und von seinem Gesicht troff es in Strömen. Als er aus seinem Sattel glitt, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Einer der Wachhabenden eilte spontan zu ihm hin, fing ihn auf und stützte ihn.
„Ich muss sofort den Rektor sprechen“, keuchte der Ankömmling. „Mein Name ist Atarco. Ich bin der Sohn des Rektors von Tal Nakh in Lokhrit.“
Der junge Mann begann erneut zu schwanken. Ein weiterer Priester des Wissens musste ihm zu Hilfe eilen. Er griff ihn mit dem Arm unter der Achsel und geleitete ihn zu der rückwärtigen Tür des Vorhofs. Dahinter lag der ringförmige Korridor des Kriegsmonasteriums, das sein Gesicht in den letzten Monaten so sehr verändert hatte.
Da die beiden Wachen bezweifelten, dass Atarco fähig sein würde, bis zum Arbeitszimmer des Rektors zu gehen, brachten sie ihn in den nächstgelegenen Aufenthaltsraum. Einer der beiden holte ein Gefäß mit kaltem Trinkwasser, der andere verständigte Zyrkol. Atarco trank das kalte Wasser in gierigen Zügen. Allmählich gewann sein stoßweises Atmen wieder eine gewisse Regelmäßigkeit. Als der Rektor den Aufenthaltsraum betrat, gelang es dem jungen Mann aus Tal Nakh sogar, sich aus eigener Kraft aus dem Liegesessel zu erheben. Aber Zyrkol winkte ab und forderte ihn auf, sich wieder zu setzen. Der Rektor zog sich einen Stuhl heran und setzte sich Atarco gegenüber.
„Ich kenne Ihren Vater aus Modonos“, erinnerte sich Zyrkol und lächelte. „Ich schätze ihn sehr, auch wenn er einer der Männer war, die mir das hier…“ Er machte eine allumfassende Geste: „…eingebrockt haben“.
„Er hat mir viel von Ihnen erzählt“, erwiderte Atarco. „Er sagt, Sie seien der belesenste Mann des Ordens und glaubt, dass Sie eines der wenigen vertrauenswürdigen Mitglieder des Inneren Zirkels sind. Deshalb bin ich auch hier.“
„Hat er Sie geschickt?“, erkundigte sich Zyrkol.
„Nein“, entgegnete der Priester aus Tal Nakh. „Ich bin aus freien Stücken gekommen.“
„Erzählen Sie!“, forderte der Rektor ihn auf.
„Die Vierte Armee aus Bogogrant ist auf dem Weg hierher“, berichtete Atarco. „Tegolith will sein Heer mit dem von Dunculbur vereinigen und anschließend nach Modonos ziehen, um die Hauptstadt zurückzuerobern.“
„Das war abzusehen“, meinte Zyrkol. „Man kann nur hoffen, dass es den Armeen von Modonos und Tirestunom gelingt, sie abzuwehren.“
Aus den Worten des Rektors sprach eine entwaffnende Offenheit. Er ist genauso geradlinig wie mein Vater behauptete, dachte Atarco und sagte laut: „Auch ich würde mir das wünschen, aber ohne Hilfe werden sie es nicht schaffen.“ „Und wer sollte ihnen helfen?“, fragte Zyrkol. „Die Surdyrier?“
„Nein“, erwiderte Atarco und schaute den Rektor eindringlich an: „Sie!“
„Ich?“ Ungläubig dehnte Zyrkol das Wort. „Und wie sollte ich das bewerkstelligen?“
„Hiermit“, antwortete Atarco, zog eine Schriftrolle unter seinem Gewand hervor und legte sie gewichtig auf den Tisch: „Droklorr.“
Zyrkol beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf: „Ist das diese geheimnisvolle Substanz, um die sich die wildesten Gerüchte ranken?“
„Es ist die Substanz, die die hässliche Fratze des Krieges noch hässlicher machen wird“, stellte der junge Priester klar.
„Dann darf sie nie eingesetzt werden!“, forderte Zyrkol.
„Dazu ist es schon zu spät“, widersprach Atarco. „Tegolith hat sie bereits. Er hat sie von Saradur bekommen und er wird sie auch einsetzen.“

*

Zallux hatte genug gehört.
Es war nicht das sanfte, geheimnisvolle Rascheln der Blätter des riesigen Ölbaums in der lauen, abendlichen Brise. Für Geräusche solcher Art hatte der falsche Fürst zu Drinh nicht das geringste Empfinden. Eigentlich hatte er sich in den runden Innenhof begeben, weil er langsam ungeduldig wurde und den Drang hatte, sich zu bewegen. Saradur hätte längst hier sein müssen. Irgendetwas schien wohl nicht so gelaufen zu sein wie er es sich erhofft hatte.
Der untersetzte Mann aus Mithrien war einst durch eine Intrige der Priester des Wissens auf den Fürstenthron von Drinh und durch eine Intrige Saradurs sogar bis in den Quaralpalast gelangt und zum Hüter der Flammen aufgestiegen. Nachdem ihn die Eisgrafen von dort verjagt hatten, war sein Fall noch tiefer als sein Aufstieg hoch gewesen war. Nun arbeitete er als gedungener Mörder für den Höchsten Priester, und nicht einmal der Innere Zirkel des Ordens durfte davon Kenntnis erlangen. Für Zyrkol stellte er nur einen Gast dar, dessen vorübergehende Beherbergung der Höchste Priester in einem von ihm gesiegelten Dokument gewünscht hatte.
Rein zufällig war Zallux aufgefallen, dass in einem Aufenthaltsraum im Erdgeschoß des Monasteriums von Dunculbur eine ungewöhnliche Betriebsamkeit herrschte. Durch das offene Fenster konnte er einen kurzen Blick in den Raum erhaschen, in den die Priester einen Fremden geführt hatten. Dabei stellte er fest, dass sich sogar der Rektor persönlich in diesem Raum aufhielt. Dies veranlasste ihn, sich unauffällig näher an die Wand heranzupirschen bis er in Hörweite gelangte. Er nutzte die Deckung der dunkelgrün belaubten Rhododendren und kauerte sich unterhalb des offenen Fensters an die Wand. Auf diese Weise belauschte er das gesamte Gespräch zwischen Zyrkol und Atarco. Wenn es ihm gelingen würde, dem Höchsten Priester den Inhalt der Unterredung mitzuteilen, roch das nach einer saftigen Belohnung.
Aber wo hielt sich Saradur auf?
Die Unkenntnis dieses Umstandes veranlasste ihn schließlich zu einer Planänderung. Er würde nach Bogogrant reiten und dem Ducarion des Vierten Landheeres die Nachricht übermitteln.
Für die Mon’ghale hatte ein Kampf um Leben und Tod begonnen.
Eine Belohnung durch Tegolith sollte deshalb noch großzügiger ausfallen als eine solche durch den Höchsten Priester. Zallux entschloss sich, aus seinem Wissen rücksichtslos Kapital zu schlagen. Das war jetzt sein neues Leben.
Er ging zum Stall und sattelte in aller Eile seinen Falben. Den Wächtern in der „Schleuse“ gaukelte er vor, lediglich einen abendlichen Ausritt zu beabsichtigen. Sie öffneten ihm ohne weitere Nachfrage das große Tor.
Eine riesige, rote Kugel sandte die letzten Strahlen des Tages vom westlichen Himmel und schickte sich langsam an, hinter dem in glühenden Farben leuchtenden Meer aus Sand und Steinen zu versinken. Es waren die gleichen Farben, mit denen die Kamine im Flammensaal des Quaralpalasts während der kalten Wintermonate eine behagliche Wärme verbreiteten. Die Erinnerungen an diesen Ort hoch oben im Norden hatte der falsche Fürst jedoch längst verdrängt. Und auch für Naturschönheiten fehlte ihm jegliches Gespür. Die untergehende Sonne stand nun in seinem Rücken. Er hatte auf der alten Heeresstraße den Weg nach Bogogrant eingeschlagen.

*

Krampfhaft versuchte sich Mesitaz vorzustellen, was Crescal an seiner Stelle getan hätte. Viel zu spät war ihm die Gefahr bewusst geworden, die schon von der schieren räumlichen Nähe des Hauptquartiers der Geheimen Schar in Tulumath ausging. Zwar lag Tulumath von seinem Standort aus betrachtet hinter Dunculbur, der Festung des Dritten Landheeres. Aber Brondik, der Ducarion der Geheimen Schar, galt als der am besten informierte Mann in ganz Obesien, vielleicht mit Ausnahme des Höchsten Priesters. Sicherlich wusste er längst, dass die Armee von Tirestunom bis auf dreißig Meilen an Dunculbur herangerückt war. Es bedurfte keines besonderen strategischen Geschicks, sie zu umgehen und von hinten anzugreifen, während das Landheer von Dunculbur frontal anrücken würde. Wenn Brondik diesen Plan verfolgte, saß Mesitaz in der Falle. Was also hätte Crescal an seiner Stelle getan: Tulumath angegriffen oder auf ein Wunder gehofft? Crescal hätte gewiss Tulumath angegriffen. Mesitaz entschied sich mit einer naheliegenden Begründung für die fern liegende Lösung. Er war nicht Crescal. Also würde er warten und auf ein Wunder hoffen.
*
Die Atmosphäre in Modonos hatte sich irgendwie verändert. Und das lag nicht nur daran, dass die Anwesenheit der Soldaten mit dem Bären im Wappen allgegenwärtig schien. Roxolay hatte das Gefühl, dass ihn die Leute auf der Straße mit einem gewissen Argwohn beäugten. Inzwischen bezweifelte er, dass es eine gute Idee gewesen war, die blauen Gewänder mit den roten Kreisen anzulegen, die ihn und Teralura als Mitglieder des Inneren Zirkels der Priester des Wissens auswiesen. Der ehemalige Rektor von Duculbur konnte sich sogar des Eindrucks nicht erwehren, dass ihnen beiden eine größere Aufmerksamkeit zuteilwurde als dem riesigen Ureinwohner, der sie begleitete.
Dass die Blicke der Obesier feindselig wirkten, vor allem gegenüber Fremden, war für Roxolay nichts Neues. Aber nun lag eine Wachheit in diesen Blicken, die er so zuvor noch nie wahrgenommen hatte.
„Keine Mon’ghale“, flüsterte Teralura ihm zu.
Roxolay sah sie überrascht an. Das musste die Lösung sein! Eigentlich hätte er es selbst bemerken müssen. Wahrscheinlich war er zu sehr in seinen Gedanken abgetaucht. Angestrengt versuchte er nun zu begreifen, was wohl hier geschehen sein mochte. Es gelang ihm jedoch nicht einmal ansatzweise.
Der alte Mann spürte, wie sich eine innere Unruhe seiner bemächtigte und trieb sein Pferd an. Dabei ahnte er, dass ihn in der Akademie die Lösung des Rätsels erwartete. Aber er ahnte nicht, dass sie zugleich ein noch viel größeres für ihn bereithielt.
Ein großer, kreisförmiger Bau kam in Sichtweite.
„Reiten wir nicht zum Hauptportal?“, fragte Teralura.
Roxolay schüttelte den Kopf: „Ich will kein Aufsehen erregen.“
„Aber am Inneren Zirkel gibt es keinen eigenen Zugang“, beharrte die rotblonde Priesterin.
„Tatsächlich?“, fragte der Alte mit einem ironischen Grinsen. Da wurde ihr plötzlich wieder bewusst, dass sie sich an der Seite des ehemaligen Meisters der Todeszeremonie befand. Augenblicklich korrigierte sie ihre Gedanken: Wieso eigentlich „ehemaligen“? Nach einer Legende im „Buch der Vorzeit“ wurde der Meister der Todeszeremonie auf Lebenszeit berufen.
Roxolay lenkte sein Pferd zu einem niedrigen Stallgebäude, das an einer staubigen Straße schräg gegenüber der Außenwand des „Inneren Zirkels“ lag. Er kletterte aus dem Sattel, öffnete den Riegel des großen Scheuertors und führte sein Pferd durch einen kleinen Vorraum in eine der drei Stallgassen. Teralura und Mulmok folgten ihm. Auf Anweisung des ehemaligen Rektors schloss der Lumburier das Holztor.
„Ihr könnt die Pferde einfach in einen Unterstand eurer Wahl einstellen“, erklärte Roxolay. „Sie werden dann von den Stallburschen versorgt.“
„Gehört dieser Stall zur Akademie?“, fragte Teralura.
„Nein“, erwiderte der alte Priester. „Er gehört mir.“
Nachdem sie die Pferde untergestellt hatten, führte Roxolay sie in eine Vorratskammer mit weiß gekalkten Wänden. An einer Wand standen mehrere mannshohe Schränke. Roxolay öffnete einen von ihnen und entnahm den dort aufgehängten Sattel und das Zaumzeug. Als er gegen die Aufhängevorrichtung drückte, erklang ein knackendes Geräusch im benachbarten Raum. Der alte Priester führte seine beiden Begleiter in diesen Raum, an dessen Rückwand eine große Pferdedecke hing. Er entfernte sie, sodass eine verborgene Tür zum Vorschein kam, die bereits spaltbreit offenstand. Roxolay klappte sie unter lautem Quietschen vollständig auf. Sie bildete den Abschluss eines schmalen Ganges, der bereits nach drei Metern in eine nach unten führende Treppe überging.
„Du wirst wohl hier warten müssen“, bedeutete Roxolay dem Lumburier, da der Durchgang offensichtlich für den massigen Ureinwohner viel zu schmal war.
Der Meister der Todeszeremonie nahm eine der Kerzen vom Boden auf, entzündete sie und ging voran. Teralura tat es ihm gleich und folgte. Dreißig Stufen führten in die Tiefe. Anschließend verlief der Gang wieder waagrecht ehe er vor einer weiteren Treppe endete, die jedoch diesmal nach oben führte. Teralura hatte längst begriffen. Der Gang verlief vom Stallgebäude aus unter der Straße hindurch in den „Inneren Zirkel“ der Akademie. Sie war gespannt, wo sie dort herauskommen würden.
Hinter der obersten Treppenstufe befand sich eine dicke Holztür mit breiten Eisenbeschlägen. Roxolay öffnete das Schloss. Sie betraten einen großen, behaglich eingerichteten Wohnraum.
„Hier halte ich mich auf, wenn ich mich nicht hier aufhalte“, lächelte der Alte sibyllinisch. Teralura hatte verstanden. Es handelte sich um einen geheimen Wohnraum des Meisters.
„Es gibt aber natürlich auch noch einen Aufenthaltsraum, der mein Namensschild trägt“, erläuterte er weiter. „Dort wohne ich, wenn ich mich offiziell hier aufhalte.“
Teralura hatte bisher keinen Ausgang feststellen können. Roxolay ging zu der hölzernen Wandvertäfelung auf der gegenüberliegenden Seite und klappte eine der gerahmten Zierkassetten auf. Darunter befand sich ein Griff, mit dessen Hilfe der alte Priester ein türgroßes Wandelement zur Seite schob. Sie betraten durch diese Öffnung ein weiteres Zimmer, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem vorherigen Raum aufwies. Allerdings befanden sich an zwei Wänden deckenhohe Bücherregale, die mit Büchern vollgestopft waren.
„Das ist das Zimmer mit meinem Namen an der Tür“, lächelte Roxolay und schob die Wandverkleidung in ihre Ausgangsposition zurück. Teralura schien klar, dass sich auch auf dieser Seite eine getarnte Kassette befinden musste, mit deren Hilfe der geheime Zugang wieder geöffnet werden konnte.
Durch die Vordertür mit dem Namensschild Roxolays verließen die beiden Mitglieder des Inneren Zirkels das Zimmer des Meisters. Sie betraten den breiten, prunkvollen Korridor mit den tiefen, blauen Teppichen, der an den Aufenthaltsräumen der übrigen Zirkelmitglieder und an zwei Verköstigungssälen vorbeiführte. An einer Tür mit der Aufschrift „Datiban“ verhielt Roxolay seinen Schritt und erklärte seiner Begleiterin:
„Datiban ist einer meiner engsten Vertrauten. Er ist der Rektor eines völlig unbedeutenden Äußeren Stützpunkts in Surdyrien. Zeitweise hat er sich sogar als Ausgestoßener getarnt und für mich sozusagen als Spion gearbeitet. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, Kontakte bis in die höchsten Kreise der Organisation Baron Schaddochs zu knüpfen, der damals noch als Verbrecherkönig im Untergrund tätig war.“
Roxolay klopfte in einem seltsamen Takt gegen die Tür. Wenige Augenblicke später wurde sie geöffnet. Für einen Rektor erschien Datiban noch außergewöhnlich jung. Die beiden Männer umarmten sich wortlos, bevor Roxolay dem Rektor aus Surdyrien seine Begleiterin vorstellte.
„Ich habe viel von Ihnen und Ihrer Zwillingsschwester gehört“, sagte Datiban anerkennend. „Der aufgeklärte Teil der Priesterschaft betrachtet Sie als Legende.“
„Das wollten wir nie sein“, wehrte Teralura ab. „Uns ging es stets nur um eine Erweiterung der Sicht, nicht um einen Aufstand gegen die innere Ordnung des Ordens.“
Während sie sich noch wunderte, wieso sie gerade das Wort „Aufstand“ gebraucht hatte, griff Datiban bereits dieses Stichwort auf: „Was wissen Sie über den Aufstand?“
Aus den ratlosen Mienen der Besucher schloss er, dass sie nichts darüber wussten. Daher bot er ihnen einen Platz an und begann mit seinem langen Bericht über Crescal und dessen Ermordung, die Vernichtung der Mon’ghale in Modonos, die Hinrichtung Tokons und den Marsch der Sechsten Armee auf Dunculbur. Mit den Worten: „Es sieht danach aus als stünden wir am Beginn einer neuen Zeitrechnung“ schloss er seine Ausführungen.
Nach einer Weile nickte Roxolay bedächtig. „Ja, so mag es scheinen“, meinte er. „Aber das betrifft nur die Zeitrechnung in Obesien. Der Kontinent hat jedoch ein wesentlich größeres Problem. Und deswegen bin ich hier.“
Teralura bemerkte ein unruhiges Flackern in den Augen Datibans, und als Spiritantin fühlte sie auch ganz deutlich seine innere Erregung.
„Das habe ich mir schon gedacht“, bekannte der Priester aus Surdyrien mit spröder Stimme. „Er ist verschwunden.“
Der alte Mann fuhr in die Höhe als hätte man ihn mit einer glühenden Zange angefasst. „Verschwunden? Wie konnte das geschehen?“, schrie er mit sich überschlagender Stimme.
Datiban stand da wie ein mit Eiswasser übergossener Hund. Er zitterte, weil er erst jetzt die Tragweite seiner eigenen Feststellung erkannt hatte.
„Ich weiß es nicht“, erklärte er zerknirscht. „Es muss bereits vor langer Zeit geschehen sein. Die Gitterstäbe waren an den Bruchstellen stark verrostet.“ Roxolay ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken.
„Also treibt er schon lange sein Unwesen mitten unter uns“, stellte er resigniert fest. „Warum wurde ich hierüber nicht früher unterrichtet?“
„Ich habe es festgestellt als ich vor drei Tagen hierhergekommen bin“, antwortete Datiban.
„Niemand hat in all den Jahren das Gefängnis überprüft“, stöhnte Roxolay. „Welch ein Zeugnis der Ignoranz und Unfähigkeit.“
Während er noch verzweifelt den Kopf schüttelte, wagte Teralura einen zaghaften Vorstoß: „Würde mir freundlicherweise jemand sagen, worum es geht?“
„Es geht um Virkagon, einen Mann, den sie den „Schauspieler“ nennen“, erklärte Datiban. „Einer der Gründer des Geheimen Bundes von Dunculbur.“
„Er ist der Mann, der Rooll getötet hat“, fügte Roxolay niedergeschlagen hinzu. „Niemand sonst kann es getan haben. Und das ist erst der Anfang. Wenn ihm niemand Einhalt gebietet, wird er den gesamten Kontinent mit Hilfe des Dunsteins unterjochen. Leider befürchte ich, dass niemand in der Lage ist, ihm Einhalt zu gebieten.“
Für einige Minuten breitete sich eine lähmende Stille im Raum aus. Dann fragte Teralura: „Und warum hat er so lange gewartet?“
Die Gesichter der beiden Männer spiegelten Verblüffung.
„Ja, warum?“, bekräftigte schließlich Datiban die Frage der Priesterin.
Roxolay erkannte, dass von ihm eine Erklärung erwartet wurde. Aber er hatte keine.
„Viele Raubtiere warten in aller Ruhe ab, bis ihre Beute wehrlos ist. Auch Ungeheuer können äußerst geduldig sein.“ Ein schwacher Erklärungsversuch, der ihn letztlich selbst nicht vollends überzeugte. Teraluras Frage war durchaus berechtigt gewesen.
„Wir werden die Antwort selbst finden müssen“, betonte er schließlich. „Dazu müssen wir als Nächstes eine Höhle in den Dunstkuppeln aufsuchen.“

*

Obgleich in der äußeren Erscheinung des Monasteriums von Dunculbur fast keine sichtbaren Veränderungen erkennbar waren, hatte mit Zyrkol ein völlig anderer Geist Einzug gehalten. Eine strikt abgeschottete Forschungsanlage für Kriegszwecke hatte sich in eine offene Einrichtung gewandelt. Das Monasterium erhielt Zulauf aus allen Landesteilen, sodass zuletzt sogar das Gästehaus erweitert werden musste. Mit besonderem Stolz erfüllte den Rektor die Anwesenheit eines Gastes aus einem traditionell mit Obesien verfeindeten Land, den es auf Umwegen nach Dunculbur verschlagen hatte. Er war vor der Kälte des Nordens und wohl noch mehr vor sich selbst geflohen. Der Mann stammte aus Sindra, hieß Ziskal i Dunn und war hochintelligent. Bei besonders kritischen Missionen hatte er ehemals dem verblichenen Hochkönig Gylbax XII. als Botschafter gedient.
Zyrkol hatte viel über die Pylax gehört und gelesen. Aber dieser Mann verhielt sich nicht wie ein gefährlicher Krieger, eher wie ein gelehriger Schöngeist. Er interessierte sich brennend für wissenschaftliche Forschungen, vermied aber stets jeden militärischen Bezug. Anfänglich ermangelte ihm wie allen anderen männlichen Pylax die Fähigkeit des Lesens. Stattdessen führte er stundenlange Gespräche mit Priestern des Wissens und wohnte ihren Experimenten bei. Schließlich gelang es ihm innerhalb kürzester Zeit, das Lesen zu erlernen. Ab diesem Zeitpunkt vertiefte er sich zunehmend in wissenschaftliche Literatur.
Der Rektor von Dunculbur erwies sich bei aller Toleranz auch als bedachtsamer Mann. Bei der von Atarco geleiteten Herstellung des gefährlichen Sprengstoffs Droklorr hatte er den Pylax nicht mit einbezogen. Aber nun, da es um die Anwendung des Druckmittels ging, war er dankbar, dass er auf die Erfahrungen eines Mannes zurückgreifen konnte, der einige Kriege miterlebt hatte. Schließlich hatten die Priester des Wissens noch nie selbst eine Schlacht geschlagen, und so sollte es auch bleiben.
Zu dem entscheidenden Gespräch über das weitere Vorgehen in den bevorstehenden Auseinandersetzungen hatte der Rektor seine vier Freunde aus Modonos sowie Atarco und den Pylax gebeten. Die Unterredung fand außerhalb des Monasteriums statt, weil Atarco den Beteiligten die verheerende Wirkung von Droklorr vorführen wollte. Er benutzte dafür lediglich eine kleine Kapsel, die er gegen einen mannshohen Steinkegel schleuderte. Das Sprengmittel detonierte mit donnerndem Getöse und zerfetzte den Felsblock. Die Priester des Wissens erschraken genauso wie Ziskal i Dunn. Die sich anschließende, heftige Debatte beendete Zyrkol mit einer gebieterischen Handbewegung. Nachdem er sich auf diese Weise Gehör verschafft hatte, gab er bekannt, dass von ihm als Späher ausgesandte Priester den Lagerplatz des Landheeres von Tirestunom etwa dreißig Meilen westlich von Dunculbur ausgemacht hatten.
„Wenn die Männer aus Tirestunom gleichzeitig von den Armeen aus Dunculbur und Bogogrant angegriffen werden, und ihnen vielleicht auch noch die Geheime Schar in den Rücken fällt, werden sie völlig aufgerieben“, meinte Atarco. „In diesem Falle nutzt ihnen auch das Droklorr nichts, zumal wir damit rechnen müssen, dass Saradur inzwischen das Heer Tegoliths damit ausgerüstet hat.“
„Da stimme ich zu“, bestärkte ihn Lerd. „Unser einziger Trumpf ist, dass sie nicht wissen, dass auch wir Droklorr besitzen.“
„Das bringt uns aber angesichts der Kräfteverhältnisse keinen entscheidenden Vorteil“, warf Halom skeptisch ein.
„Doch“, widersprach der Pylax. „Wenn Sie nämlich den Überraschungseffekt gezielt ausnutzen.“ Als alle ihn fragend ansahen, fuhr er fort: „Sie können nur gewinnen, wenn Sie die beiden Landheere und Tulumath einzeln angreifen bevor sie sich vereinigen oder strategische Vorteile nutzen können.“ Auf den Gesichtern der anderen zeichnete sich maßlose Betroffenheit ab.
„Sie meinen doch wohl nicht, dass wir, die Priester des Wissens, die Armee von Dunculbur hier in ihrem Stützpunkt angreifen sollen?“, versicherte sich Zyrkol, der als Erster seine Sprachlosigkeit überwunden hatte.
„Doch“, bekräftigte Ziskal i Dunn. „Und zwar weil Sie das mit vor Ort verankerten Geschützen tun könnten.“
„Die Obesier werden uns vernichten, wenn wir ihre Armeen angreifen“, zeterte Halom.
„Nicht wenn Sie den Krieg gewinnen“, gab der Pylax kalt zurück. „Aber es ist ihre Entscheidung. Wenn Sie nicht so vorgehen, wird das Heer von Tirestunom vollständig hinweggefegt werden. Anschließend wird Tegolith Modonos zurückerobern. Und dann werden die Mon’ghale eine Schreckensherrschaft errichten, um zu verhindern, dass ein solcher Aufstand jemals wieder erfolgt.“
„Das ist genau meine Meinung“, pflichtete Atarco dem Pylax bei. „Ich habe Ihnen das Droklorr nicht gegeben, damit Sie sich hier im Wüstensand verkriechen und warten, bis der Sturm vorüber ist. Sie können diesen Sturm verhindern, aber wenn Sie ihn zulassen, werden Sie ihn nicht überleben, gleichgültig wo Sie sich verkriechen.“
Zyrkol kratzte sich im Genick und verzog den Mund. Seine guten Freunde kannten diese Geste. Sie erfolgte stets, wenn der Rektor eine Entscheidung bereits getroffen hatte und nur noch überlegte, wie er sie anderen am geschicktesten beibringen könnte.
„Wir müssen diesen Weg zu Ende gehen“, verkündete er schließlich. „Es ist kein Krieg gegen Obesien, sondern gegen die Mon’ghale. Da dieser Entschluss aber zutiefst in das Schicksal jedes Einzelnen eingreift, werde ich jedem Priester in Dunculbur freistellen, das Monasterium zu verlassen.“
Atarco wandte sich an den Pylax: „Werden Sie uns helfen?“ Diese Frage hätte eigentlich Zyrkol stellen müssen. Aber der junge Mann aus Tal Nakh wusste, dass der Rektor zu anständig war, um Ziskal i Dunn in Verlegenheit zu bringen.
„Wenn Sie dies wünschen: ja“, erwiderte der Pylax. „Ich habe zurzeit nicht viel zu tun. Ich könnte die Bewachung der Geschoße übernehmen, die zum Heer von Tirestunom gebracht werden müssen.“
„Ich werde die Herstellung der Katapulte und ihre Ausrichtung überwachen“, erbot sich Atarco. Zyrkol lächelte über diese Anmaßung, die ihm aber gerade recht kam.
„Ich reite zu Mesitaz. Ich werde ihn bitten, hierher zu kommen“, meldete sich Lerd. „Wir müssen die weiteren Schritte mit ihm abstimmen, insbesondere den Angriff auf Tulumath.“


 


Kapitel 3 – Der Funke von Serfetras’gor

 
Nahezu dreitausend Fußsoldaten, aber nur knapp vierhundert Berittene hatten Bogogrant verlassen und zogen auf der Straße nach Modonos in Richtung Dunculbur. Die außergewöhnliche Zusammensetzung des Vierten Landheers erklärte sich daraus, dass es aufgrund seines Standorts und seiner Zielsetzung eigentlich der Grenzverteidigung zu dienen bestimmt war. Kein Mitglied des Kriegsrats von Obesien hätte jemals auch nur in seinen kühnsten Gedanken in Betracht gezogen, dass dieses Heer einst ins Landesinnere gegen eigene Armeen in den Krieg ziehen würde. Sehr zum Leidwesen des Ducarions Tegolith und des Höchsten Priesters kam diese Streitmacht nur sehr langsam voran. Seit Tagesanbruch hatte sie gerade einmal zehn Meilen auf der staubigen Straße zurückgelegt, obgleich die Witterung zu dieser Jahreszeit in idealer Weise lange Märsche begünstigte. Der Himmel war leicht bewölkt, aber es herrschte Trockenheit wie zumeist in diesem Teil Obesiens. Die Temperaturen blieben bis in die frühen Nachmittagsstunden angenehm kühl. Auf einem kleinen Hügel in der Ferne erschien ein einsamer Reiter, der in gestrecktem Galopp auf das Heer zustrebte.
„Erwarten Sie einen Boten?“, fragte Tegolith den Höchsten Priester und runzelte dabei die Stirn.
„Eigentlich nicht“, erwiderte Saradur. „Aber es sieht in der Tat so aus, als wollte uns dieser Mann etwas mitteilen.“
Widerwillig gab der Ducarion das Zeichen zum Anhalten, da der Reiter unbeirrt mit unverminderter Geschwindigkeit näherkam. Saradur kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
„Das ist Zallux“, brummte er schließlich.
„Wer?“, fragte Tegolith.
„Dieser Mann herrschte einstmals als Hüter der Flammen über die Vereinten Nordlande“, erklärte Saradur. „Jetzt arbeitet er als Kundschafter für mich.“ Der Ducarion zeigte sich beeindruckt. Er wäre es sicher auch gewesen, wenn der Höchste Priester ihm wahrheitsgemäß offenbart hätte, dass die Tätigkeit des einstigen Hüters eher der eines gedungenen Mörders denn derjenigen eines Kundschafters entsprach.
Der ehemalige Hüter war völlig außer Atem als er das Vierte Landheer erreichte.
„Ich bin die letzte Nacht durchgeritten“, keuchte er, und zu Saradur gewandt fügte er hinzu: „Es ist gut, dass ich Sie hier antreffe.“ Das war gelogen, aber der Höchste Priester bemerkte dies aufgrund seiner Anspannung nicht.
„Verdammt, sprechen Sie, Zallux!“, forderte er den abgehetzten Mann auf. „Was gibt es so Wichtiges, dass Sie uns hier aufhalten?“
„Zyrkol hat das Droklorr“, hechelte Zallux. „Er hat es von Atarco bekommen. Er wird es womöglich gegen die eigenen Leute einsetzen.“
Saradur machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Das glaube ich nicht.“
„Dann lassen Sie es bleiben!“, rief Zallux ärgerlich. „Glauben Sie, ich nehme diese Strapazen auf mich, um Ihnen ein Ammenmärchen zu erzählen?“
Obwohl er es gerne in Abrede gestellt hätte, ahnte der Höchste Priester, dass der ehemalige Hüter mit seiner Vermutung wohl richtig lag.
Tegolith hatte ebenfalls bereits die strategische Bedeutung dieser Nachricht erkannt. „Was ist nun?“, drängte er Saradur.
„Gehen Sie davon aus, dass es stimmt“, räumte der Höchste Priester unwillig ein.
Der Ducarion rieb sich die Nase. Kurze Zeit später fasste er seine Überlegungen zusammen: „Wenn ich an der Stelle der Aufrührer wäre, würde ich das Dritte Landheer und die Geheime Schar angreifen bevor wir Dunculbur erreichen.“
„Dazu ist das Heer von Tirestunom nicht stark genug“, gab Saradur zu bedenken.
„Sie vergessen das Droklorr“, widersprach der Ducarion. „Kein Heerführer würde warten bis er von drei Armeen gleichzeitig angegriffen wird. Es ist seine einzige Chance.“
Der Höchste Priester nickte bedächtig: „Also müssen wir unsere Verbündeten warnen. Wir werden Boten nach Dunculbur und Tulumath schicken und das Dritte Landheer und die Geheime Schar auffordern, sich aus ihren Festungen zurückzuziehen.“
„So ist es“, stimmte Tegolith zu. „Und sie dürfen auf keinen Fall angreifen bevor wir vor Ort sind.“
„Ich werde Zyrkol vernichten“, schwor sich Saradur. Er ahnte, dass ihm in Gestalt des Rektors von Dunculbur ein ernst zu nehmender Gegner erwachsen war. Er hatte nicht sein ganzes Leben lang auf das höchste Amt im Orden hingearbeitet, um es sich nun von einem abtrünnigen Emporkömmling entreißen zu lassen. Er griff in sein Gewand, wo er einen mit Münzen gefüllten Lederbeutel spürte. Es handelte sich um Geld des Ordens, den es nun zu verteidigen galt. Er zeigte Zallux den Beutel und warf ihn ihm zu. Der ehemalige Hüter fing ihn geschickt auf.
„Ihr Auftrag lautet Zyrkol“, erklärte der Höchste Priester. „Ich will ihn nicht mehr sehen, wenn ich in Dunculbur eintreffe. Und unterrichten Sie den Ducarion des Dritten Landheers über die Ereignisse.“
Mit einem fahrigen Handzeichen bekundete Zallux, dass er verstanden hatte. Er wendete sein Pferd und ritt dahin zurück, wo er erst kurz zuvor hergekommen war.
Während sich der ehemalige Hüter vom Vierten Landheer entfernte, wählte Tegolith bereits die Boten aus, die er zur Benachrichtigung der Geheimen Schar zu entsenden gedachte.

*

Allmählich begann Mesitaz diese Verantwortung zu hassen, die er sich nach Crescals Tod selbst aufgebürdet hatte. Noch kürzlich hätte er sich wohl über dieses neue Wundermittel gefreut, das sein Heer vielleicht in die Lage versetzen konnte, sich eines übermächtigen Gegners zu erwehren. Nun betrachtete er aber mit gemischten Gefühlen, die auf das Lager der Dritten Armee ausgerichteten Katapulte im Innenhof des Monasteriums von Dunculbur und die hinter den Fenstern des Obergeschoßes versteckten Rohre. Ihre Bestimmung lag darin, Tod und Verderben auf völlig unvorbereitete Menschen zu spucken. Diese Menschen waren eigentlich seine Brüder. Deshalb widerstrebte es ihm, an diesem Vorhaben teilzunehmen. Er drehte sich zu den beiden Priestern des Wissens um. Auch sie musste er letztlich als Brüder ansehen. Im Verhältnis zu ihnen bestand jedoch ein gewisser Unterschied, eine Distanz, die sich bereits in Äußerlichkeiten offenbarte.
„Ich kann das nicht“, bekannte Mesitaz freimütig. „Ich werde mich nicht daran beteiligen, nichtsahnende Menschen massenweise in den Tod zu schicken.“
Während Zyrkol verständnisvoll nickte, zeichnete sich auf dem Gesicht Atarcos Enttäuschung und Ärger ab.
„Glauben Sie etwa, dass uns das Freude bereitet?“, warf der junge Mann aus Tal Nakh dem Rebellenführer zornig vor. „Sollen wir vielleicht erst die Dritte Armee von dem bevorstehenden Angriff verständigen, damit sie sich zur Wehr setzen und möglichst viele unserer Leute umbringen kann? Sie müssen hier doch gar nichts tun. Wir erledigen die Drecksarbeit für Sie, und das alles nur, um Ihre Männer vor dem sicheren Tod zu bewahren.“
„Sie verlangen aber von mir, dass ich Tulumath angreife. Das ist letztlich dasselbe“, hielt Mesitaz dagegen.
Wütend schlug Atarco mit der Faust auf die Tischplatte. „Sollen wir etwa auch das noch für Sie erledigen?“, schrie er den Anführer der Sechsten Armee an. „Sind Sie ein Soldat oder ein feiger Hund, der den Schwanz einkneift wenn es gefährlich wird?“
„Hüten Sie Ihre Zunge!“, fuhr Mesitaz den jungen Priester an. „Noch bin ich der Oberbefehlshaber des Heeres von Tirestunom.“
„Dann handeln Sie gefälligst auch so!“, raunzte Atarco unbeeindruckt zurück und stampfte dabei mit dem Fuß auf dem Boden auf.
„Mesitaz hat recht“, fuhr Zyrkol dazwischen. „Es ist nicht unser Krieg. Schließlich sind nicht wir es, die von den Mon’ghalen versklavt werden.“
„Die Mon’ghale und Saradur werden aber diesen Krieg ohne Gnade führen und alle zur Rechenschaft ziehen, wenn sie ihn gewinnen“, schimpfte Atarco. „Das betrifft auch uns. Davor können wir nicht einfach die Augen verschließen.“
„Das mag wohl so sein“, gestand der Rektor zu. „Aber dennoch habe ich weder das Recht noch die Mittel, den Centron zu irgendetwas zu zwingen.“
„Ich werde das Heer von Tirestunom nach Modonos zurückführen und mich dort mit Corbunt und Tornantha beraten“, entschied Mesitaz. In versöhnlichem Ton fragte er Atarco: „Werden Sie uns die Rezeptur für das Droklorr geben?“
„Nein“, bestimmte der junge Priester mit hochrotem Kopf. „Ich reite selbst nach Modonos.“
„Dann verlieren Sie keine Zeit“, mahnte Zyrkol.
Gemeinsam, aber gekränkt und schweigend, verließen Mesitaz und Atarco das Arbeitszimmer des Rektors von Dunculbur. Ohne sich wechselseitig eines Blickes zu würdigen, begaben sie sich zu den Stallungen, wo sie ihre Pferde sattelten. Seite an Seite ritten sie durch das Tor des Monasteriums zu der alten Heeresstraße und schlugen den Weg zu dem dreißig Meilen entfernten Wolfsheer ein, das auf seinen Befehlshaber wartete. Der würde jedoch nie dort ankommen.
Hinter der ersten Wegbiegung beschleunigte Mesitaz die Gangart seines Pferdes. Er beschloss, Atarco hinter sich zu lassen. Der Mann aus Tal Nakh war dagegen nicht bereit, einfach aufzugeben.
„Ich werde nicht zulassen, dass Sie das Leben Tausender von Männern aufs Spiel setzen“, rief er dem Centron zu. Das Pferd des jungen Priesters hatte Schwierigkeiten, mit dem Pferd des Soldaten Schritt zu halten. Allmählich fiel es zurück. „Halten Sie an und reden Sie mit mir!“ brüllte Atarco Mesitaz nach. Der jedoch drehte sich nicht einmal mehr um. So sah er auch nicht wie Atarco schließlich sein Pferd anhielt und einen Stiftlader aus der Satteltasche zog. Er zielte, wie er es während der Experimente in Tal Nakh unzählige Male getan hatte. Der Bolzen mit der kleinen, aufgesetzten Hülse zischte aus der Mündung des Geräts. Er traf Mesitaz am rechten Schulterblatt. In einer heftigen Detonation wurde der Oberkörper des Centrons zerrissen.
Atarco hatte nicht die Absicht, jetzt schon nach Modonos zu reiten. Wozu sollten die Hauptstadt und die Akademie gefährdet werden, wenn man die Möglichkeit hatte, den Feind hier in Dunculbur aufzuhalten?
Die Wachen waren erstaunt, den Priester aus Tal Nakh bereits nach kurzer Zeit wiederzusehen. Sie nahmen jedoch wortlos sein Pferd entgegen und führten es in den Stall, während Atarco zum Zimmer des Rektors eilte.
Zyrkol sah überrascht von einem Stapel Papiere auf.
„Sie sind aber schnell zurück. Was ist geschehen?“, fragte er ahnungslos.
„Es gab eine Auseinandersetzung. Ich habe Mesitaz getötet“, gestand Atarco unverblümt.
Der Rektor sprang entsetzt auf: „Was? Wie konnten Sie das tun?“
„Es war eine Frage des Überlebens“, erklärte Atarco zweideutig. „Nicht nur für mich, sondern auch für das Heer von Tirestunom und die Priester des Wissens. Ich habe das getan, weil ich es tun musste. Offenbar ist es meine Bestimmung, immer das tun zu müssen was andere nicht tun wollen.“
Zyrkol starrte ihn fassungslos an.
„Wir müssen sofort das Dritte Landheer angreifen“, fuhr Atarco ungerührt fort. „Danach müssen Sie den Oberbefehl über die Armee von Tirestunom übernehmen und die Geheime Schar aus Tulumath vertreiben.“
Zyrkol ließ sich in seinen Arbeitssessel fallen. „Ich bin ein Priester des Wissens, kein Feldherr“, stellte er klar und deutete zur Tür: „Gehen Sie jetzt. Sie stehen unter Arrest. Sie werden Ihr Zimmer erst wieder verlassen, wenn ich das erlaube.“
Mit dieser Reaktion hatte Atarco nicht gerechnet. Er war zwar davon ausgegangen, dass der Rektor die Ermordung des Centrons missbilligen würde; aber er hatte auch fest daran geglaubt, dass Zyrkol die Notwendigkeit der Tat schließlich einsehen und im Interesse der gemeinsamen Sache handeln würde. Enttäuscht verließ er das Zimmer des Rektors und begab sich weisungsgemäß zu seinem eigenen. Auf seinem Weg dahin begegnete er einem untersetzten Mann, den er noch aus Tal Nakh kannte. Obwohl es sich um einen Abgesandten Ilmins, des von ihm geschätzten Rektors von Bogogrant handelte, hatte er den Mann nie gemocht. Er grüßte ihn nur knapp und vermied ein Gespräch.
Nur wenig später lag Atarco auf seinem Bett und grübelte. Die Dunkelheit hatte sich bereits über das Monasterium herabgesenkt als er endlich zu einem Entschluss kam. Wenn er den Orden retten wollte, musste er weiterhin konsequent handeln. Entgegen seiner Einschätzung hatte sich der angeblich so fortschrittliche Rektor als Hindernis erwiesen. Und Hindernisse mussten beseitigt werden, auch wenn dies im Einzelfall noch so schwerfiel. Atarcos Faust umschloss den drahtbespannten Griff des langen Dolches als er entgegen der Weisung Zyrkols sein Zimmer verließ. Der Rektor würde ihm keine Weisungen mehr erteilen.
Im Allgemeinen schlief Zyrkol ruhig und tief. In dieser Nacht aber wälzte er sich unruhig in seinem Bett hin und her. Ihn plagten schlechte Träume von riesigen Mon’ghalen, die ihn mit stumpfen Augen anklagend anglotzten. Sein Atem ging stoßweise. Schweißgebadet erwachte er und erschrak. In dem fahlen Lichtschein, der aus dem Innenhof durch die großen Fensteröffnungen einfiel, schien eine Gestalt vor seinem Bett zu stehen. Noch ein Albtraum, schoss es Zyrkol durch den Kopf ehe er gewahrte, dass seine Augen geöffnet waren, und die Gestalt sich bewegte. Sie kam schnell auf ihn zu und holte mit der linken Hand weit aus. In dieser Hand schimmerte eine Klinge.
Instinktiv warf sich der Rektor zur Seite. Die Hand mit der Klinge hing jedoch immer noch in der Luft als die Gestalt langsam vornüberkippte und neben Zyrkol auf das Bett aufschlug. Da der Rektor sich bereits halb aufgesetzt hatte, konnte er erkennen, dass es sich um einen breitschultrigen, untersetzten Mann handelte. Aus seinem Rücken ragte der drahtbespannte Griff eines Dolches. Und dahinter stand eine andere, ihm wohlbekannte Person, die er inzwischen sogar in dem schwachen Licht erkannte, das durch die Fenster hereinfiel.
„Ich hatte nicht vor, Ihren Weisungen zuwider zu handeln“, erklang die Stimme Atarcos. „Aber in diesem Fall war es wohl ausnahmsweise richtig, einer Eingebung zu folgen. Ein altes Sprichwort besagt: Der Feind schläft nie. Daran musste ich denken, nachdem ich heute in der Dämmerung diesem Mann begegnet bin. Er war auch in Tal Nakh anwesend als meine Mutter überraschend verstorben ist.“
Atarco hatte gelogen. Er hatte das Zimmer Zyrkols durch die bereits geöffnete Tür in der Absicht betreten, den Rektor zu töten. Aber dann sah er den Rücken des Mannes, der mit seiner Mordwaffe bereits zum tödlichen Stich ausgeholt hatte. Atarco handelte in dieser Situation blitzschnell, ohne nachzudenken. Aber auch wenn er in der Lage gewesen wäre, sein Handeln abzuwägen, hätte er dasselbe getan. Denn es schien höchst unwahrscheinlich, dass der Mörder dem Lager der Freiheitskämpfer zuzurechnen war.
„Sie haben mir das Leben gerettet“, stellte der Rektor fest. „Ich danke Ihnen dafür. Ihr Arrest ist aufgehoben. Durch diesen Anschlag ist mir nun auch klar geworden, dass wir gemeinsam und konsequent unsere Feinde bekämpfen müssen.“
Er ergriff den Kopf des Meuchelmörders an dem schütteren Haarkranz und hob ihn an, sodass er das Gesicht sehen konnte. Damit bestätigte sich nur, was er ohnehin bereits gewusst hatte. Er sah in die gebrochenen Augen des ehemaligen Fürsten zu Drinh, den er erst kürzlich aufgrund eines Empfehlungsschreibens des Höchsten Priesters in seinem Monasterium beherbergt hatte. Somit glaubte er auch zu wissen, wer als Auftraggeber hinter diesem Komplott stand.
„Wir greifen gleich morgen früh im Morgengrauen an“, bestimmte der Rektor ebenso zornig wie entschlossen.
Atarco war erleichtert. Nun erfüllte dieser Mann doch noch seine Erwartungen. Wenn sein Plan aufging, würde Zyrkol der Retter des Ostens sein, und er selbst konnte sich endlich einen langgehegten Traum erfüllen und unbeschwert nach Modonos gehen. Dort würde man ihn als den Mann empfangen, der die ins Stocken geratene Rebellion neu belebt hatte.

*

Die Aufmerksamkeit der beiden Männer galt zwei völlig unterschiedlichen Vorgängen. Während Atarco gebannt auf die Explosionen schaute, die in einer akkuraten Linie das Heerlager in der Oase Serfetras’gor erschütterten, verfolgte Zyrkol fasziniert die nahezu unsichtbaren Bewegungen des Pylax, der die Katapulte schneller nachlud als die Priester des Wissens sie abschießen konnten. Gemeinsam standen sie auf der Plattform des kleinen Turmes, der im Auftrag des Rektors an das Monasterium angebaut worden war. Der eigentliche Zweck dieses Turms bestand in der Überwachung des Bereichs vor und hinter dem Eingangstor des Monasteriums. Nun aber bot er die einzigartige Gelegenheit, den ersten Einsatz des hochexplosiven Kampfstoffs Droklorr im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung zu beobachten.
Auf den Katapulten waren Zeichen angebracht worden, die die Spannweite der Abschussvorrichtung unterteilten. Diese Maßnahme ermöglichte, die Reichweite der Geschosse so auszuwählen, dass sie jeweils vierzig Meter hinter den vorangegangenen einschlugen. Die obesischen Soldaten wurden auf diese Weise gezwungen, sich immer weiter zurückzuziehen. Als die dritte Salve erneut in einer exakten Linie detonierte, begannen die Priester, von den Fensteröffnungen aus mit ihren Rohren die Mauer unter Beschuss zu nehmen, die sie erst vor kurzer Zeit selbst errichtet hatten, um den Zugang vom Heerlager zum Monasterium zu unterbinden. Durch die Wucht der Druckwellen wurde die Mauer auf eine Breite von zwanzig Metern eingerissen. Priester des Wissens aus dem Monasterium sickerten durch diese Bresche mit dünnen Röhrchen in das Heerlager von Dunculbur ein. Sie fächerten zu einer breiten Reihe auf und folgten den Einschlägen der Geschosse in angemessenem Abstand mit einem ohrenbetäubenden Pfeifen, das trotz der lauten Detonationen noch zu hören war.
Völlig verwirrte Soldaten des Dritten Landheers, die den rechtzeitigen Rückzug verpasst hatten, irrten zwischen rauchenden Trümmern umher. Das schrille Pfeifen zerstörte die empfindlichen Sinnesorgane ihrer Mon’ghale, mit denen diese sich gegenseitig verständigten. Die winzigen Blasen wurden derart stark aufgebläht, dass sie den Vorderteil der raupenartigen Wesen zum Platzen brachten. Nach dem Ausfall ihrer Mon’ghale erlangten die obesischen Soldaten schlagartig ihr eigenes Bewusstsein zurück. Sie fanden sich in einer aus ihrer Sicht völlig unwirklichen, schauerlichen Umgebung wieder. Das Heerlager lag überwiegend in Schutt und Asche. Verwundete und verkohlte Leichen von Soldaten, die sich nicht rechtzeitig hatten in Sicherheit bringen können, lagen zwischen eingestürzten Gebäuden.
Die Obesier hatten nicht die geringste Vorstellung, was hier geschehen war, und zeigten sich deshalb eher dankbar als sie von nachrückenden Priestern des Wissens aufgegriffen und weggebracht wurden. Viele folgten den Priester sogar freiwillig.
Nach der zwölften Salve des Beschusses war das Heerlager von Dunculbur weitgehend verwüstet. Fette Qualmwolken trieben über der Oase Serfetras’gor. Die Überreste der vormals grünen Pflanzen waren rußgeschwärzt. Ein großer Teil der Armee hatte sich vor den Explosionen in den hintersten Bereich des Lagers zurückgezogen, wo es jedoch keinerlei Deckungsmöglichkeiten gab. Nach und nach erkannten die obesischen Soldaten die Sinnlosigkeit der Gegenwehr gegen einen Feind, der eine übermächtige Waffe besaß. Zum Zeichen der Kapitulation legten sie ihre eigenen Waffen nieder.
Zallux hatte es versäumt, vor seinem Mordanschlag auf Zyrkol den Ducarion von Dunculbur über die neuesten Entwicklungen zu verständigen. Das hatte beide das Leben gekostet.

*

Rauchsäulen stiegen von dem Ort auf, wo Roxolay das Heerlager von Dunculbur vermutete. Zwei in Staubwolken gehüllte Reiter kamen ihnen von einem Hügel herab in schnellem Galopp entgegen geritten. Der Meister der Todeszeremonie erkannte die braunen, wehenden Umhänge, die von einem Teil der Soldaten der obesischen Armee getragen wurden. Beim Näherkommen der Soldaten stellte er fest, dass auf diesen Umhängen und den Halbhelmen ein Wüstenskorpion prangte, das Emblem des Dritten Landheers von Dunculbur.
Roxolay versperrte ihnen den Weg und breitete die Arme aus, um sie zum Anhalten zu veranlassen. Erst als sie die kleine Gruppe fast erreicht hatten, zügelten die beiden Soldaten widerwillig ihre Pferde, wohl vor allem aus Respekt vor der hünenhaften Gestalt des Lumburiers.
„Dieser Rauch“, rief Roxolay ihnen zu und zeigte auf die Rauchsäulen in ihrem Rücken. „Er steigt aus Serfetras‘gor auf. Was ist geschehen?“
„Das Heerlager wird angegriffen“, erwiderte einer der beiden. „Lasst uns vorbei, wir sind in Eile!“
Roxolay machte jedoch keine Anstalten, den Weg freizugeben. „Wer greift an?“, wollte er stattdessen wissen.
„Wir wissen es nicht“, schnauzte ihn der andere an und legte seine Hand auf den Säbel an seiner rechten Seite. „Ihr könnt ja nachsehen.“
Der alte Priester gab Teralura und Mulmok das Zeichen, den Weg freizugeben. Auch er selbst trieb sein Pferd auf die Seite.
Wie von wilden Dämonen gehetzt jagten die beiden Soldaten in Richtung Modonos davon.
„Sie werden nicht weit kommen“, meinte Mulmok und spielte damit auf das Sechste Landheer aus Tirestunom an, das sich nur wenige Meilen entfernt zu beiden Seiten der Heeresstraße verschanzt hatte.
„Gehen wir nachsehen!“, rief Roxolay und galoppierte zu der Anhöhe. Seine beiden Begleiter konnten ihm nur mühsam folgen. Vom Hügelkamm aus hatte man freie Sicht bis nach Dunculbur. Nun erlangte der alte Priester die Gewissheit, dass der Rauch aus dem Heerlager der Dritten Armee aufstieg.
„Wir müssen nachsehen, was dort geschehen ist“, bestimmte er.
„Nein“, widersprach Mulmok. „Nichts ist so wichtig wie unsere Mission. Wir dürfen nicht riskieren, dass sie gefährdet wird, indem wir uns selbst einer unnötigen Gefahr aussetzen.“
„Du kannst hierbleiben“, schlug Roxolay dem Ureinwohner vor. „Ich werde dorthin reiten.“
Er wendete sein Pferd. Da spürte er die schwere Hand des Lumburiers auf seiner Schulter.
„Nein, das wirst du nicht“, sagte Mulmok mit einer plötzlich völlig veränderten Stimme.
Roxolay hielt wie vom Blitz getroffen inne. Er konnte zwar mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten die Anwesenheit des Lumburiers spüren. Für den winzigen Augenblick der Berührung hatte er nun aber auch den völlig fremdartigen Geist des Ureinwohners wahrnehmen können, was ihm zuvor noch nie gelungen war. Mulmok zog seine Hand sofort wieder zurück. Roxolay starrte ihn unverwandt an, unfähig, ein Wort zu sagen.
„Du bist ein Spiritant“, murmelte Mulmok. „Ich weiß, was du gesehen hast. Die Ureinwohner sind keine Menschen wie du sie gewohnt bist. Wir sind eben anders. Aber das bedeutet nicht, dass uns das Schicksal der Menschen und der anderen Wesen auf dem Kontinent gleichgültig ist.“
Der Meister der Todeszeremonie rang immer noch um Fassung. In seinem langen Leben hatte er fast unendlich viel gesehen. Aber noch nie etwas dermaßen Fremdartiges, das auch durch die andere Wesensart der Lumburier nicht ansatzweise erklärbar erschien. Dabei sprach Mulmok jedoch seltsamerweise die Wahrheit. Roxolay hatte auch kurz die tiefe Sorge um das Wohlergehen aller Wesen in dieser Welt spüren können. Und der alte Mann wusste allzu genau, dass der Lumburier recht hatte. Sie durften nichts riskieren, was ihre Mission gefährden konnte. Womöglich hing das Schicksal aller Menschen davon ab.
Wortlos nickte der Meister der Todeszeremonie. Sie ritten weiter auf der Heeresstraße, an Dunculbur vorbei, ohne sich um die dortigen Vorgänge zu kümmern. Ihr nächstes Ziel lag in den Togaloides, den Dunstkuppeln.

*

Obwohl sie vor seiner Leiche standen, weigerten sich die Anwesenden insgeheim, den Tod des Weißen Mannes zu akzeptieren. Roxolay hatte den Körper Roolls auf seiner Liegestatt bis zum Hals mit einem Tuch abgedeckt, sodass man die hässliche Wunde nicht sehen konnte. Sein Antlitz war völlig unverändert. Es hatte den Anschein, als würde er nur schlafen.
Siridindar spürte, dass sich die Blicke der anderen vier Anwesenden unbewusst auf sie gerichtet hatten. Zunächst fand sie jedoch nicht die geeigneten Worte.
Nach einer Weile des Schweigens sagte sie schließlich: „Wie ihr seht, kann man auch uns töten. Die ihr die „Weißen Menschen“ nennt, sind keine Götter, sondern Menschen wie ihr.“
„Ihr verfügt aber über besondere Kräfte“, warf Telimur ein.
„Wir sind sehr, sehr alt“, erklärte Siridindar. „Wenn ein Mensch versucht, einen schweren Felsbrocken anzuheben, wird er ihn vielleicht um keine Haaresbreite bewegen können. Nimmt er aber den richtigen Hebel zu Hilfe, kann er ihn mit wenig Kraftaufwand verschieben. So haben wir über die Zeiten gelernt, unsere Kräfte zu vervielfachen. Wir selbst nennen uns „Replicas“ und wir wissen genauso wenig wie ihr, wo wir herkommen. Aber wir wissen, dass wir nach dem gleichen Bauplan erschaffen wurden wie ihr, und dass es unsere Aufgabe ist, euch vor Schaden zu bewahren.“
„Und wieso werdet ihr so viel älter als wir?“, hakte Telimur nach.
„Elith“, antwortete Siridindar bereitwillig. „Ihr nennt es Ilumit.“
„Kannst du dir vorstellen, wer den Weißen Mann getötet hat?“, wollte Orhalura wissen.
„Meiner Meinung nach kommen nur zwei Personen in Betracht“, erwiderte die Replica, entfernte sich von der Lagerstatt des Toten, trat unter den Ausgang der Höhle und rief laut in den Wald hinaus: „Berla!“ Sekunden später erschien eine Gans, die wesentlich größer war als alle Gänse, die in Borthul und in der Landwirtschaft von Rabenstein gezüchtet wurden. Im Gegensatz zu diesen hatte sie einen weißen Schnabel, der aus rauem, brüchigem Kalk zu bestehen schien. Siridindar trat zu dem Tier und öffnete ihm den Schnabel, sodass ihre Gefährten zwei umlaufende Reihen kleiner, messerscharfer Zähne erkennen konnten.
„Das ist Berla, eine Grindgans“, erläuterte Siridindar. „Sie ist die Letzte ihrer Art. Grindgänse suchen sich selbst den Menschen aus, den sie bewachen. Sie können spüren, wenn jemand etwas Böses im Schilde führt. Jeden Menschen umgibt eine Aura aus Gerüchen, verdunsteten Körperflüssigkeiten und auch Ausstrahlungen seiner Gedanken. Berla hatte sich Rooll ausgesucht. Sie muss irgendwie gespürt haben, dass jemand darauf aus war, ihn zu töten. Sie hätte den Mörder erkannt, hätte geschnattert und ihn angegriffen. Rooll wäre gewarnt gewesen.“
„Vielleicht hat er sie nicht gehört“, wandte Quintora ein.
„Habt Ihr jemals eine Grindgans schnattern hören?“, fragte Siridindar die Königin und beantwortete sogleich ihre Frage selbst: „Natürlich nicht. Man hätte sie bis Rabenstein gehört. Und glaubt mir: Roolls Ohren waren noch wesentlich empfindsamer als die euren. Nein, Berla hat versagt. Und das war nur bei zwei Menschen möglich.“
„Wer sind diese?“, forschte Dolugon.
„Udontroth, denn er hat keine Aura, und der Mann, der die Grindgänse gezüchtet hat“, erwiderte die Replica.
„Und wer ist der Züchter?“, wollte Telimur wissen.
„Ein Mann namens Virkagon“, erklärte Siridindar. „Eingeweihte nennen ihn den „Schauspieler“, weil er sein Äußeres bis zur Unkenntlichkeit verändern kann. Er ist nach meiner Einschätzung noch viel gefährlicher als Udontroth.“
Orhalura, Siridindar, Quintora, Telimur und Dolugon verließen die Höhle, in der Rooll zuletzt gelebt hatte und getötet worden war. Sie machten sich auf den Rückweg nach Rabenstein. Die Grindgans folgte Siridindar.

*

Zyrkol war sich darüber im Klaren, dass er in der beschaulichen Oase Serfetras’gor einen Funken entzündet hatte, der unweigerlich in ganz Obesien zu einem Flächenbrand mit ungewissem Ausgang führen würde. Er hatte nicht nur den Sprengstoff Droklorr eingesetzt, sondern auch als erster Priester des Wissens die Führung eines Heeres übernommen. Die weitaus überwiegende Zahl der obesischen Soldaten von Dunculbur hatte sich ihm angeschlossen, nachdem ihnen erläutert worden war, dass es in diesem Krieg um die Befreiung von den Mon’ghalen ging.
Nur ein verschwindend geringer Teil des verbliebenen Heeres, darunter allerdings die gesamte Führungsspitze, hatte sich gegen den Rektor ausgesprochen. Das reichte jedoch aus, um ihn zu einer Änderung seiner Pläne zu zwingen. Soldaten einzusperren hätte die hehren Ziele seines Befreiungskampfes in Frage gestellt. Daher entließ Zyrkol den Führungsstab mit seinen wenigen Anhängern notgedrungen in die Freiheit und stellte ihnen anheim, nach Modonos oder zu Tegolith abzuziehen. Da Modonos von den Gegnern der Mon’ghale besetzt war, musste er natürlich davon ausgehen, dass sich die Männer aus Dunculbur dem Ducarion von Bogogrant anschließen würden. Dadurch wurde für ihn aber die Zeit knapp. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht beschloss er, mit Hilfe des verbliebenen Heeres von Dunculbur sofort den Stützpunkt der Geheimen Schar in Tulumath anzugreifen, ohne sich zuvor mit dem Landheer von Tirestunom zu vereinigen.
Im Schutze der Nacht zog Zyrkol mit Halom und Ziskal i Dunn an der Spitze von zweitausendfünfhundert Männern nach Tulumath. Obwohl das doppelt so viele waren wie die Geheime Schar aufbieten konnte, hätte er diese am besten gesicherte Militäranlage in Obesien niemals mit Aussicht auf Erfolg angreifen können, wenn ihm nicht derart außergewöhnliche Mittel wie Droklorr und der Pylax zur Verfügung gestanden hätten.
Nachdem vor einiger Zeit fremde Feinde in Tulumath eingedrungen waren und die Mutter der Mon’ghale getötet hatten, sah sich der Ducarion der Geheimen Schar genötigt, zusätzliche Wehranlagen und Wachtürme errichten zu lassen. Jetzt wurde die Festungsanlage durch ein hohes Stahlgitter und eine mächtige Mauer sowie eine Vielzahl von Wachtürmen im Bereich zwischen Mauer und Gitter gesichert.
Zyrkol verteilte seine Soldaten und wartete bis zum Beginn der Morgendämmerung. Bereits bei den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne stellte er fest, dass die Anlage einen seltsam verlassenen Eindruck machte. Der Rektor hatte eine erkennbare Anwesenheit von Soldaten auf den Türmen und eine waffenstrotzende Bewachung des Geländestreifens zwischen Gitter und Mauer erwartet. Nirgendwo konnte er jedoch Anzeichen für das Vorhandensein von Personen feststellen.
„Das könnte eine Falle sein“, warnte der Pylax den Rektor. „Sprengen Sie ein Loch in das Gitter und in die Mauer. Ich werde dann nachsehen.“
Aus sicherer Entfernung schossen die Soldaten mit dem Wappen des Wüstenskorpions Droklorr-Bolzen sowohl gegen den Stahlzaun als auch gegen das Mauerwerk, das den Innenbereich der Festungsanlage umgab. Unter heftigen Detonationen wurden Gitterfetzen und Steinbrocken durch die Luft gewirbelt. Es entstanden zwei Breschen mit einer jeweiligen Breite von mehr als zehn Metern. Noch immer gab es jedoch keine Anzeichen dafür, dass sich die Besatzung des Hauptquartiers der Geheimen Schar zur Wehr zu setzen gedachte.
Nachdem sich der durch die Explosionen verursachte Staub verflüchtigt hatte, setzte Ziskal i Dunn zum „Lauf der Pylax“ an. Schon nach wenigen Minuten kehrte er zurück.
„Die Festung ist tatsächlich leer“, berichtete er. „Die Geheime Schar wurde gewarnt.“
„Es können nicht die Männer gewesen sein, die ich freigelassen habe“, überlegte Zyrkol laut. „Sie wären erst kurz vor uns hier eingetroffen, sodass Brondik die Zeit nicht gereicht hätte, um das Lager rechtzeitig zu räumen. Also hat es einen Verräter gegeben.“ Er hatte nicht die geringste Vorstellung, wie er nun mit dieser völlig unerwarteten Situation umgehen sollte. Daher fragte er den Pylax: „Was empfehlen Sie mir?“
Ziskal i Dunn hatte einen schrecklichen Verdacht. Aber er traute sich nicht, mit Zyrkol darüber zu reden. Der Rektor war ein hochgebildeter Mann, aber eben kein Feldherr, der in einer nahezu aussichtslosen Lage die richtigen Entscheidungen treffen würde. Das Gesicht des Pylax zeigte nicht die geringsten Anzeichen seiner inneren Erregung. Kein Muskel zuckte, und die schwarzen Augen wirkten völlig ausdruckslos als er erwiderte: „Ich schlage vor, dass Sie mit der Hälfte der Männer vorläufig hierbleiben und die Mauer und das Gitter instandsetzen, damit Sie Tulumath gegen den Ducarion von Bogogrant verteidigen können. Ich werde mit dem Rest der Soldaten nach Westen reiten und versuchen, den Befehl über das Heer von Tirestunom zu übernehmen. Dazu müssten Sie mir allerdings Halom und eine entsprechende Vollmacht mitgeben.“
Zyrkol zögerte. Es war bereits eine absolute Ungeheuerlichkeit, dass ein Priester des Wissens den Befehl über ein obesisches Heer übernommen hatte. Aber ein Mann aus einem fremden, und noch dazu mit Obesien verfeindeten Land war in einer derartigen Position völlig undenkbar. Andererseits wusste der Rektor, dass es für diese Aufgabe niemand Geeigneteren gab als den Pylax. In der zwangsläufig bevorstehenden Schlacht gegen das Heer von Bogogrant konnte er der ausschlaggebende Faktor sein, der über Sieg oder Niederlage entscheiden würde. Und Ziskal i Dunn erschien ihm uneingeschränkt vertrauenswürdig. Das gab letztlich den Ausschlag.
Zyrkol tat das, wovon er aufgrund seiner Befähigungen am meisten verstand. Er griff zu Papier und Tinte.
Nachdem der Pylax die vom Rektor ausgestellte Vollmacht in Händen hielt, tat nun er, wovon er aufgrund seiner Befähigungen am meisten verstand.

*

Fast zur gleichen Zeit als Zyrkol aus seinem Monasterium aufbrach, verließ Brondik fluchtartig mit all seinen fast zwölfhundert Elitesoldaten das Hauptquartier der Geheimen Schar in Tulumath.
Nur zwei Stunden zuvor hatte ihm ein Abgesandter des Ducarions von Bogogrant berichtet, dass die Priester des Monasteriums von Dunculbur in den Besitz einer neuen Waffe gelangt waren, mit deren Hilfe man durch Druckwellen sogar ganze Gebäude zerstören konnte. Der Bote hatte von den Befürchtungen Tegoliths berichtet, wonach die Priester von Dunculbur womöglich mit Hilfe des Aufrührers Mesitaz sowohl das dortige Heerlager als auch die Festung Tulumath angreifen könnten. Für einen Moment spielte Brondik mit dem Gedanken, der Wolfsarmee in den Rücken zu fallen. Dann hatte er jedoch eine wesentlich bessere Idee. Er schlug den Weg nach Westen ein, umging mit seiner Streitmacht im Schutze der Nacht in einem weiten Bogen das Monasterium von Dunculbur und stieß zur Rückseite des zerstörten Heerlagers in der Oase Serfetras’gor vor. Die dortigen Mauern waren zwar durch den Droklorr-Angriff nicht beschädigt worden, aber es bereitete seinen geübten Soldaten auch keine Schwierigkeiten, sie mit Sturmleitern zu überwinden. Das Lager, das überwiegend einem Trümmerfeld glich, war völlig verlassen. Die in Dunculbur verbliebenen Priester des Wissens hatten sich in ihr Monasterium zurückgezogen.
Die Soldaten des Ducarions brauchten nicht lange, um trotz der nächtlichen Stunde die Lücke in der Mauer zwischen dem Heerlager und dem Monasterium zu entdecken. Brondik befahl vierhundert Männern, in das Monasterium einzudringen, sämtliche Priester gefangen zu nehmen und ihm den Rektor oder seinen Stellvertreter vorzuführen.
Die meisten Priester wurden in ihren Betten überwältigt. Lediglich in dem Hof hinter dem Eingangstor kam es zu einem kurzen Scharmützel mit den bewaffneten Wachen. Crimrac, ein Centron, dem Brondik die Durchführung des Überfalls anvertraut hatte, ging mit äußerster Grausamkeit und Brutalität vor. Die erste Welle seiner Leute drang mit Stiftladern in den Hof ein.
Sie nahmen die Wachen der Priester des Wissens sofort ohne Vorwarnung unter Beschuss. Drei Priester wurden von Stahlbolzen getroffen und getötet. Die nachrückenden Soldaten der Geheimen Schar erschlugen mit ihren Schwertern drei weitere Wachen. Die restlichen wurden in einer Ecke des Innenhofs zusammengetrieben. Obwohl sie sich ergaben, ließ Crimrac sie allesamt mit Stiftladern erschießen. Dann befahl er seinen Leuten, die Leichen in einer Ecke des Innenhofs auf einen Haufen zu werfen. Anschließend ließ er sämtliche Gefangenen aus den Gebäuden des Monasteriums in den Innenhof treiben.
Lerd, von Zyrkol zum stellvertretenden Rektor des Monasteriums bestimmt, hatte einen Teil des kurzen Massakers noch mit ansehen müssen. Dann war er selbst ebenfalls überwältigt und in den Hof gebracht worden, wo die Priester nun von den Schergen Brondiks zusammengepfercht wurden.
Crimrac trat zwischen den Stiftschützen heraus und fragte mit lauter Stimme: „Wer ist der Rektor dieses Monasteriums? Ich werde einen Priester nach dem anderen exekutieren lassen, bis er sich zu erkennen gibt.“
Lerd bahnte sich sofort einen Weg durch seine Schicksalsgefährten, obgleich er befürchten musste, ebenfalls auf der Stelle erschossen zu werden. Aber offenbar hatten sie etwas anderes mit ihm vor. Crimrac gab zwei kräftigen Soldaten einen Wink. Diese nahmen Lerd in die Mitte und führten ihn ab. Der Stellvertreter Zyrkols ergab sich in sein Schicksal. Eigentlich ist es gleichgültig, ob man zwei Minuten früher oder später erschossen wird, dachte er. Die beiden Soldaten geleiteten ihn durch die Bresche in der Mauer, an deren Entstehung er selbst maßgeblich mitgewirkt hatte. Brondik, der Ducarion der Geheimen Schar, hatte sich mittlerweile in einem der wenigen unbeschädigten Gebäude eingerichtet.
„Ich bin der Ducarion der Geheimen Schar“, erklärte er, was Lerd bereits an den Rangabzeichen und dem Emblem der Obesischen Viper erkannt hatte. „Manche Leute behaupten, ich sei ein sehr ungeduldiger Gesprächspartner. Wie ist Ihr Name?“
„Mein Name ist Lerd“, antwortete der Priester des Wissens.
„Sie sind nicht der Rektor des Monasteriums,“ stellte Brondik fest, was wegen des olivgrünen Gewandes keiner besonderen Scharfsinnigkeit bedurfte.
„Nein, ich bin sein Stellvertreter. Der Rektor weilt derzeit nicht im Monasterium“, erklärte Lerd wahrheitsgemäß.
„Und wo weilt er?“, hakte der Ducarion nach.
Der Stellvertreter des Rektors ahnte, dass es geschickter war, den Ducarion nicht zu belügen. Vermutlich wusste er ohnehin, was Zyrkol vorhatte. Daher räumte er ein: „Der Rektor ist mit dem Dritten Landheer nach Tulumath gezogen.“
Brondik nickte befriedigt. „Weil Sie ehrlich waren, biete ich Ihnen eine Überlebenschance. Sie werden sofort mit den anderen Priestern die Herstellung von Droklorr aufnehmen. Ich dulde keinerlei Verzögerungen. Dafür sind Sie mir persönlich verantwortlich. Sobald ich den Eindruck gewinne, dass irgendjemand Sabotage betreibt, wird der Betreffende sofort gepfählt. Und das Gleiche gilt auch für Sie.“
Lerd kannte diese schrecklichste aller Hinrichtungsarten. Aber obwohl er kreidebleich wurde, überwand er seine Furcht und sagte mit fester Stimme. „Zur Herstellung von Droklorr brauche ich die Rezeptur. Mir ist nicht bekannt, wo der Rektor sie verwahrt.“
Brondik sprang wütend auf und langte nach seinem Säbel. Aber dann besann er sich eines Besseren.
„Sie haben genau eine halbe Stunde Zeit“, erklärte er mit eisiger Stimme. „Wenn Sie bis dahin die Rezeptur nicht gefunden haben, sind Sie der Erste, der gepfählt wird.“

*

Von der Talaue aus führte ein gewundener Weg hinauf zu der weithin sichtbaren Herberge auf dem Scheitelpunkt des Hügels, der wie eine halb versunkene Kugel vor den Dunstkuppeln lag. Die Lokhriter nannten ihn „Tommont Krolkhrat“, den Helm des Riesen. Der Sage nach hatte ein Riese den Geliebten seiner treulosen Frau bis in die Sümpfe von Lokhrit verfolgt. Die beiden Riesen kämpften sogar dann noch verbissen weiter, als sie bereits zu versinken begannen. In seinem rasenden Zorn schlug der gehörnte Ehemann seinem Widersacher den Helm vom Kopf, dass er bis vor die Dunstkuppeln flog und nun hier zur Warnung vor den Tücken der Sümpfe diente.
Hinter dem „Helm des Riesen“ breiteten sich die sanft abgerundeten Rücken der Bergkegel aus, die den Beginn des Hügellandes markierten. In diesem Teil der Togaloides war noch nichts von den Dunstschwaden zu bemerken, die weiter östlich von den Sümpfen herüberzogen und dem flachen Mittelgebirge seinen Namen gegeben hatten.
Joborks Maultier erklomm mit traumwandlerischer Sicherheit den schmalen Pfad zur Herberge. Trallak war schon fast zwanzig Jahre alt. Er verkörperte das letzte Geschenk, das der junge Priester des Wissens aus Tal Nakh noch als Kind von seinem Vater bekommen hatte, ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter. Nur wenig später war auch sein Vater verstorben, und Ulban, sein Onkel und Rektor des Monasteriums von Tal Nakh, hatte ihn bei sich aufgenommen.
Eine hölzerne Stiege führte zu einer schmalen Terrasse, die die Herberge auf zwei Seiten umschloss. An einer Seite, gegen einen Pfosten der Überdachung gelehnt, stand ein nicht besonders großer, drahtiger Mann, der zu den Togaloides hinübersah. Als er den Neuankömmling gewahrte, drehte er sich zu ihm um. Er sah neugierig zu wie Jobork sein Maultier festband, blieb jedoch stumm und spuckte lediglich etwas, auf dem er herumgekaut hatte, über das Geländer hinweg.
„Sind Sie der Wirt hier?“, fragte ihn Jobork. Wortlos deutete der Mann zur Eingangstür, die aus dunklen, mit Stahlbändern zusammengehaltenen Holzbrettern gezimmert war. Der junge Priester öffnete den schweren Riegel und betrat einen kleinen Eingangsbereich, in dem eine Tranlampe brannte. In der hinteren Ecke des Raumes erhob sich ein älterer Mann aus einem Liegestuhl, dessen Sitzfläche aus einem bereits stark abgewetzten Gewebe bestand. Die ursprüngliche Farbe des Stoffs war praktisch nicht mehr erkennbar.
„Haben Sie noch ein Zimmer frei?“, fragte Jobork.
„Sie sind seit zwei Wochen der erste Gast“, erwiderte der Alte.
„Und der Mann draußen auf der Terrasse?“, wunderte sich der junge Priester.
„Brinngulf Sterndek gehört gewissermaßen zum Inventar“, klärte ihn der alte Mann auf. „Er ist Fremdenführer und wohnt die meiste Zeit des Jahres hier.“
„Führt er Reisende durch die Dunstkuppeln?“, erkundigte sich Jobork mit erwachtem Interesse.
„Ja“, bestätigte der Wirt. „Er kennt die Togaloides so gut wie ich mein Wirtshaus. In diesen Zeiten sind Leute wie er wichtig, weil das Räubergesindel in den Hügeln überhand nimmt. Selbst die Patrouillen der Zogh sind mittlerweile machtlos gegen diese Flut von Strauchdieben.“
Jobork nickte.
„So etwas habe ich unterwegs auch schon gehört.“ Er nahm die Zimmerschlüssel entgegen, trug die Packtasche die schmale Treppe hoch und verstaute sie in dem ihm zugewiesenen Zimmer.
Anschließend begab er sich wieder nach unten, um den Fremdenführer aufzusuchen. Brinngulf Sterndek lehnte immer noch an dem Pfosten und kaute immer noch auf einer Speckschwarte herum. Irgendwie strahlte er eine unerschütterliche Ruhe aus. Als Jobork sich ih