Prolog
 
Der schwarze Wirbel wurde langsam aber unaufhaltsam immer größer. Lodrigur wusste, dass sich dieser Vorgang in Wirklichkeit mit einer atemberaubenden Schnelligkeit abspielte. Die Angst kroch ihm durch alle Glieder. Niemand konnte jetzt noch etwas gegen das Unvermeidliche unternehmen. Eine hochzivilisierte Rasse, die in ihrer Vermessenheit geglaubt hatte, das Universum verändern zu können, raste ihrem Untergang entgegen. Oder war das vielleicht nicht der endgültige Untergang?
Lodrigur tröstete sich kurzzeitig mit dem Gedanken, dass das Leben auf seinem Planeten ohnehin keine Zukunft gehabt hätte. Er hatte jedoch nicht die geringste Vorstellung davon, was ihn und den Rest seines Volkes erwartete. Eine substanzlose, unendliche Leere? Ewige Schmerzen gar? Oder würde er einfach aus einem Traum erwachen? Fragen über Fragen, die seine Vorstellungskraft überstiegen, aber zunehmend drängender wurden, je mehr sich der schwarze Wirbel näherte. Lodrigur schloss die Augen und lehnte sich in seinem Schalensessel zurück. Er näherte sich dem schwarzen Wirbel, nicht umgekehrt. Krampfhaft versuchte er, die immer stärker aufkommende Panik zu unterdrücken. Unwillkürlich tastete seine Hand nach der Gürtelschnalle, in der sich ein kleines Kraftwerk verbarg. Es hätte Lodrigurs Zellen noch lange Zeit mit Energie versorgen können. Aber bei dem, was ihm nun unweigerlich bevorstand, vermochte ihn auch diese Energieversorgung nicht zu retten.
Alarmsirenen heulten los. Der Außendruck wurde zu stark und überlastete die Systeme. Der Anfang vom Ende.
„Vielleicht ein neuer Anfang“, redete sich Lodrigur verzweifelt ein. Dann war es soweit. Der Druck wurde übermächtig. Die Alarmsirenen verstummten schlagartig. Eine bodenlose Schwärze umgab Lodrigur.
Der schwarze Wirbel hatte einen beachtlich großen Planeten eingefangen. Er spuckte einen winzigen, grauen Stein wieder aus.
 
*
 
„Das gleiche Signal!“ Gont-24 deutete auf einen kleinen, roten Punkt, der auf dem raumhohen Kontrollbildschirm beständig blinkte.
„Holen Sie das näher heran!“, befahl Vred-03.
Das Blinken nahm eine rechteckige Form an, die auf dem Bildschirm heranzoomte. Die roten Leuchtlinien umschlossen die dreidimensionale Darstellung eines unregelmäßigen, grauen Gegenstandes.
„Halt!“, rief Vred-03. „Aktivieren Sie die Bio-Taster!“
Gont-24 ließ seine Finger über die Sensorplatten des Kontrollpults gleiten und meldete Vollzug. Auf dem grauen Gegenstand wurden glitzernde Einschlüsse erkennbar.
„Das gibt es doch gar nicht“, murmelte Vred-03.
Der 24. Bordwissenschaftler bestätigte jedoch das Unmögliche: „Bio-energetisch aktive Einschlüsse in einer unglaublich dichten, geologischen Masse. Wollen Sie die genauen Daten?“
Der 3. Kommandant schüttelte seinen überdimensional großen Kopf: „Nein, die haben wir bereits.“ Er deutete auf den durchsichtigen Kunststoffzylinder, der in einer Mulde seiner Arbeitskanzel verankert war. Darin befand sich ein unscheinbarer, grauer Stein mit glitzernden Einschlüssen.
„Holen Sie das Objekt herein!“, ordnete Vred-03 an. „Danach schalten Sie alle Fernsuchgeräte auf volle Leistung. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass wir in diesem Raumsektor noch mehr solcher Steine finden werden. Oder was immer das auch ist. Sammeln Sie alle auf, halten Sie sie aber unter strikter Quarantäne. Ich werde jetzt an Bord der Fähre zurückkehren.“
„Wie lange sollen wir in diesem Sektor bleiben?“, fragte Udil-17.
„Vier Wochen“, bestimmte der 3. Kommandant. Er justierte seinen Fortbewegungsapparat und schwebte zur Luftschleuse des Observatoriums.

 



Kapitel 1 – Der Beginn der Reinigung


 

Unbemerkt vom Leben an der Oberfläche breitete sich in den Tiefen des Kontinents ein verhängnisvoller Strudel immer weiter aus. Seinen Ursprung hatte er ausgerechnet dort, wo die Fäden des eigentlich zum Schutze der Menschen geknüpften Netzes zusammenliefen. Versehentlich war das Geflecht der alten Wesenheiten von denen zerrissen worden, die es bewahren sollten.

Inmitten der im Geheimen tobenden Kämpfe sahen sich die Menschen des Kontinents plötzlich fremden, ihnen bisher vorenthaltenen Dingen gegenüber. Den Mächten, die diese Dinge hervorgebracht hatten, erschien die Bevölkerung des Kontinents noch nicht reif genug, um damit umgehen zu können. Das hatte verheerende Folgen. In ihrem Forscherdrang stießen Einzelne immer weiter vor und durchbrachen schließlich Schranken, welche die Vergangenheit von der Zukunft trennen sollten. Der Versuch, den Anfängen zu wehren, scheiterte. Die ersten der uralten Wesenheiten waren bereits den ungestümen Vorstößen zum Opfer gefallen. Unbewusst hatten sich die Menschen damit selbst geschadet.

Sogar durch die Gruppe der Eingeweihten verlief eine tiefe Spaltung. Ehemalige Weggefährten standen sich unvermittelt als unversöhnliche Feinde gegenüber. Larradana, die letzte der künstlich erschaffenen Frauen, setzte sich an die Spitze derjenigen, die die Fenster aufreißen wollten, um Licht ins Dunkel zu bringen. Auch sie hatte jedoch keine genaue Vorstellung von der gesamten Tragweite der schrecklichen Vorkehrungen, die darauf warteten, genau dies zu verhindern.

 

*

 

Setasch-Silgin stand auf seiner Heimatinsel in dem Ruf, der erfahrenste Grabenfischer zu sein. Silgin gehörte zu einer Inselgruppe, dem „Gatyschen Kap“, die dem Festland im äußersten Nordwesten des Kontinents einige Seemeilen vorgelagert war.

Setasch segelte zumeist allein hinaus auf die Weiten des Ozeans bis zu der Stelle, wo der „tiefe Graben“ verlief. Selbst die geübtesten Taucher unter den Fischern des Gatyschen Kaps kannten die tatsächliche Tiefe dieses Meeresgrabens nicht. Aber sie wussten, dass es hier die größten Vorkommen des Roten Schlundlings gab, des mit Abstand teuersten Fisches. Dabei beruhte sein hoher Preis nicht etwa nur auf seiner überdurchschnittlichen Schmackhaftigkeit und den schwierigen Fangbedingungen, sondern vorwiegend auf der unglaublich langen Haltbarkeit seines Fleischs. Diese besondere Eigenart ging auf das Zusammenwirken bestimmter Körpersubstanzen zurück, die wochenlang die Fäulnis hinauszögerten. So konnte dieser bis zu zwei Meter lange Fisch auch in die entlegensten Gegenden des Kontinents verkauft werden.

Setasch-Silgin hatte die mehr als einhundert Meter lange Angelleine mit einem Köderfisch in die Tiefe hinabgelassen und hoffte nun auf Beute, obgleich das Wetter für einen Fang nicht sonderlich günstig schien.

Vereinzelte, ausladende Nebelschwaden hingen an diesem frühen Morgen nahezu bewegungslos über einem Ozean, dessen endlose, graue Oberfläche wie erstarrtes Blei anmutete. Kein Lufthauch regte sich, der in der Lage gewesen wäre, eine Welle zu erzeugen. Selbst der erfahrene Fischer von Silgin konnte sich der seltsamen Stimmung, die diese unwirkliche Szenerie hervorrief, nicht entziehen.

So kam es auch, dass er schon von weitem den langen Einbaum mit den sieben Gestalten sah. Mit völlig gleichmäßigen Ruderschlägen trieben sie ihr Boot dem Festland entgegen, das in weiter Ferne zwischen den Dunstschleiern nur als winzige, gekrümmte Linie erkennbar war. Setasch lief ein Schauer über den Rücken. Die glatt herabhängenden, glänzend schwarzen Haare verrieten die Herkunft der Bootsinsassen.

Auf Deltong, der kleinsten und abgeschiedensten Insel des Gatyschen Kaps, lebte eine kleine Gruppe von Menschen, die einander wie ein Ei dem anderen glichen. Da sie sich von jeher völlig abgesondert hatten und den Rest der Insulaner wie eine ansteckende Seuche mieden, führte man ihr gleichartiges Äußeres auf Inzest zurück. Niemand bekam sie unter normalen Umständen je zu Gesicht. Man wusste nicht einmal, wie viele von ihnen die winzige Insel bevölkerten, die sie praktisch nie verließen. Auf Deltong gab es keine Häfen und auch keine natürlichen Anlegestellen für Schiffe.

Setasch erschrak. Wieso hatten diese Deltongs ihre Insel verlassen? Und er erschrak sogleich noch heftiger, als er feststellte, dass sie den Kurs ihres Einbaums geändert hatten. Sie hielten nun genau auf ihn zu.

Mühsam zwang sich der Fischer von Silgin zur Ruhe. Er konnte dennoch nicht verhindern, dass sich ein Gefühl lähmender Angst in ihm ausbreitete. Es gab keine verlässlichen Berichte, wonach die Deltongs jemals schlimme Missetaten begangen hätten. Gewiss rankten sich die wildesten Gerüchte um diese Menschen, die jedoch offensichtlich aus reiner Unkenntnis herrührten. Da die anderen Insulaner nicht wussten, wie die Bewohner von Deltong dauerhaft auf ihrer kargen Insel überleben konnten, wurden Stimmen laut, die sie als Strandräuber einschätzten. Mit falschen Leuchtfeuern würden sie Schiffe in die Irre locken, die dann an den Klippen zerschellten, sodass sie von den Deltongs ausgeplündert werden konnten. Nie hatte es jedoch auch nur eine einzige Bestätigung für derartige Schauergeschichten gegeben. Gerüchte sind eben Gerüchte, weil es keine Beweise für sie gibt; und sie werden zumeist von Menschen verbreitet, die in ihrer Einfalt nicht in der Lage sind, zutreffende Erklärungen zu finden.

Wie an einem Strick gezogen kam das Boot der Deltongs immer näher. Setasch konnte bereits ihre bleichen, ausdruckslosen Gesichter erkennen, zu denen das unruhige Rot ihrer Augen nicht passen wollte. Einer Eingebung folgend beschloss er, dass Freundlichkeit am ehesten geeignet sein würde, eine konfliktfreie Verständigung zu ermöglichen. Er erhob sich in seinem Boot und winkte den schwarzhaarigen Männern zu.

„Seid gegrüßt, Brüder aus Deltong!“, rief er den Insassen des Einbaums mutig entgegen. Die stur geradeaus gerichteten Blicke der unheimlichen Inselbewohner schienen Feuer zu versprühen. Dies verdeutlichte Setasch, dass das Wort „Brüder“ eigentlich verfehlt war. Die Menschen aus Deltong hatten nicht die für Gatyer typischen, grünen Augen.

Der Einbaum glitt längsseits am Boot des Fischers von Silgin vorbei. Die Insassen blieben völlig stumm und schienen Setasch nicht beachten zu wollen. Plötzlich sprang einer der Deltongs auf und schlug sein Ruder mit voller Wucht gegen den Kopf des Fischers. Setasch wurde von den Füßen gerissen und flog in hohem Bogen aus seinem Boot. Mehrere Meter entfernt klatschte er auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Bewusstlos versank er im „tiefen Graben“ an der Nahtstelle zwischen dem nördlichen und dem westlichen Ozean.

Einem Roten Schlundling rettete dies das Leben. Für andere Wesen auf dem Kontinent bedeutete es dagegen den Auftakt zu einem Todeskampf.

 

*

 

Septimors Augen glänzten feucht, als er Brinngulf Sterndek ein letztes Mal umarmte. Wiederum übermannten ihn Schmerz und Trauer um die ermordete Geliebte. Die beiden ungleichen Männer hatten beschlossen, dass sich ihre Wege nun trennen mussten. Mit der Vernichtung von Tanneas Mörder war ihnen das Unfassbare gelungen. Die wirkliche Tragweite der scheinbar geglückten Vergeltung blieb ihnen jedoch verborgen. 

Jedesmal wenn Septimor den Mann aus Borgoi anschaute, übermannte ihn zunächst die schmerzhafte Erinnerung an dessen Schwester, danach eine lähmende Kälte. Und auch tief im Inneren von Brinngulf Sterndek hatte sich eine gefühllose Leere ausgebreitet, nachdem er zuerst das Vertrauen der alten Wesenheiten und danach auch noch Tannea verloren hatte. Zeit ihres Lebens waren sie ein Gespann gewesen, sogar während der rauen und bewegten Zeiten als Freibeuter an Bord eines Piratenschiffes, als Fremdenführer und Wegelagerer in den Dunstkuppeln, als gemeinsame Vollstrecker des Geflechts der alten Wesenheiten und schließlich auch in ihrem letzten Kampf gegen das Geflecht.

Septimor hatte beschlossen, nach Kerdaris zurückzukehren, zu seinem Zwillingsbruder in die geheimnisumwitterte Burg ihrer Vorväter. Brinngulf Sterndek beabsichtigte, vorübergehend in Rabenstein zu bleiben. An diesem Ort hatte er die größten Aussichten, einen neuen Lebensinhalt zu finden.

Unitor, Ardenastra und Elovia sahen ihrem Gefährten aus besseren Tagen traurig nach, während er die hölzerne Rampe von Rabenstein zum Wald Timbur hinunterritt. Gemeinsam hatten sie einst als Eisgrafen die Geschicke des Nordens maßgeblich mitgestaltet. Nun kämpfte jeder nur noch um sein eigenes Überleben.

Septimor winkte den Kriegern aus Zogh zu, die eigens zu seiner Verabschiedung unter dem Befehl Dryd Salmanks am Fuß der Rampe Aufstellung nahmen. Dann verschwand der Eisgraf im dunklen Wald, der längst die einstmals gerodete Ebene zurückerobert hatte. Nur kurze Zeit später erreichte er die denkwürdige Weggabelung. An dieser Stelle war er mit Brinngulf Sterndek auf den schmalen Pfad abgebogen, der zur Hütte des Lumburiers Mulmok führte. Noch immer steckte Septimor das Grauen in den Gliedern, das ihn bei der Vollendung seiner Rache befallen hatte. Der Gedanke an den Anblick jenes unendlich fremdartigen Wesens ließ ihn auch jetzt noch erschaudern. Welch entsetzliches Geheimnis verbarg sich hinter der Gestalt des Lumburiers Mulmok und des Ritters mit der goldenen Rüstung?

Der eher zufällig auf den Pfad gerichtete Blick des Eisgrafen blieb an einem Reiter hängen, der bewegungslos zwischen den Bäumen verharrte. Septimors Hand glitt in die Satteltasche, wo er zu seiner Beruhigung den Griff des dort verborgenen Schnellladers fühlte. Seit den Erzählungen seiner Gefährten aus dem Norden konnte er nicht mehr sicher sein, dass ihm der „vernichtende Blick“, die besondere Gabe der Eisgrafen, auf Dauer erhalten bleiben würde. Der Reiter im Wald schien jedoch keine feindseligen Absichten zu hegen. Er hob die Hände zum Zeichen seiner Friedfertigkeit, lenkte sein Pferd auf den schmalen Pfad und näherte sich betont langsam. Der Mann befand sich bereits im vorgerückten Alter, hatte weiße Haare und das freundliche Gesicht eines Borthulers.

„Darf ich mich Ihnen weiter nähern, Eisgraf Septimor?“, rief er. „Ich möchte nur mit Ihnen reden. Den Schnelllader werden Sie nicht benötigen.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich einen Schnelllader besitze?“, fragte der Eisgraf verblüfft.

„Was sonst sollte ein Mann mit Ihren Fähigkeiten zu seiner Verteidigung in der Satteltasche ergreifen wollen?“, gab der Borthuler scharfsinnig mit einem angedeuteten Lächeln zurück.

„Wer sind Sie?“, wollte Septimor wissen.

„Mein Name ist Grakinov“, antwortete der Borthuler. „Sie haben die Absicht, nach Kerdaris zu reiten, nicht wahr?“

„Sie scheinen Gedanken lesen zu können“, meinte der Eisgraf.

Grakinov lachte. „Davon bin ich weit entfernt“, widersprach er. „Ich habe in meinem langen Leben vielmehr gelernt, aus unscheinbaren Beobachtungen Schlüsse zu ziehen. Darf ich mich Ihnen anschließen? Ich habe das gleiche Ziel wie Sie.“

„Was wollen Sie in Kerdaris?“, wunderte sich Septimor.

„Das werde ich Ihnen gerne sagen“, erwiderte der Borthuler. „Aber ich würde mir wünschen, dass Sie alle weiteren Fragen zurückstellen, bis wir dort sind.“

Der Eisgraf sah ihn verständnislos an. Dann gab er sich einen Ruck. Warum sollte er nicht die Geduld aufbringen können, weitere Fragen zurückzustellen? Wahrscheinlich war das Anliegen des Borthulers ohnehin eher banaler Natur.

„Einverstanden“, gestand Septimor zu. „Also: Was führt Sie nach Kerdaris?“

Der Alte grinste: „Ich will sehen, wie viel Staub sich auf der goldenen Rüstung des Ahnherrn befindet.“

Der Eisgraf erstarrte. Jetzt bereute er, das Versprechen gegeben zu haben.

 

*

 

„Welche Bewandtnis hat es mit diesen Sachen?“

„Woher stammen die Bruchstücke?“

„Wieso wurde ein derartiger Aufwand getrieben, um ihren Aufbewahrungsort geheim zu halten?“

Larradana beantwortete keine einzige dieser Fragen. Sie kniff die Lippen zusammen und schwieg hartnäckig. Seit etlichen Stunden streifte sie mit ihren Begleitern kreuz und quer durch die riesigen Hohlräume unterhalb der Gruft von Kostondio. Noch immer konnte man in ihrem Gesicht die Enttäuschung darüber ablesen, dass sie nicht gefunden hatte, wonach sie suchte. Die „Splitter einer vergangenen Zukunft“ waren ein eindeutiger Hinweis darauf, dass der Gegenstand, dem ihre Suche galt, irgendwo in diesem unterirdischen Labyrinth versteckt gehalten wurde. Aber es gelang ihr nicht, auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu finden. Schließlich beendete die Weiße Frau entnervt die Untersuchung der Kavernen.

„Irgendetwas haben wir übersehen“, stellte sie unzufrieden fest.

Schaddoch verzog das Gesicht und schaute Yxistradojn an, der stumm mit einem hilflosen Achselzucken antwortete. Beide empfanden den unterschwelligen Vorwurf als ungerecht. Wie konnte man etwas übersehen, wenn man nicht einmal wusste, worin das Ziel der Nachforschungen überhaupt bestand? Sie beschwerten sich jedoch nicht. Vielleicht hatte Larradana gute Gründe, ihnen etwas vorzuenthalten. Dennoch fehlte dem Baron die Bereitschaft, eine derartige Behandlung einfach hinzunehmen.

„Fast hätte ich etwas zu erwähnen vergessen“, sagte er beiläufig im Plauderton. „Ich habe zwei Dunsteine.“

Die Replica fuhr herum und funkelte ihn zornig an. „Wieso rücken Sie erst jetzt damit heraus?“, fragte sie ungehalten.

„Manchmal vergisst man, etwas zu erzählen, dem man keine besondere Bedeutung beimisst“, erwiderte der Baron hintergründig. Dann grinste er sie offen an und fügte hinzu: „Sie haben ja auch zu erwähnen vergessen, wonach wir hier überhaupt suchen.“

Larradana überging den Vorwurf geflissentlich und forderte stattdessen: „Zeigen Sie mir die Steine!“

Schaddoch breitete bedauernd die Arme aus: „Tut mir leid. Sie befinden sich in Doinat.“

Larradana sog geräuschvoll den Atem ein. Ihr weißes Gesicht bekam den Anflug eines leichten Rottons. Der rötliche Schimmer des Zorns entwich jedoch sogleich wieder aus ihren Zügen. Sie zwang sich zur Ruhe.

„Die Dunsteine erzählen uns vom Preis der Barmherzigkeit“, erklärte sie mit trauriger Stimme. „Sie zeigen uns die Grenzen zwischen dem Streben nach Wohltätigkeit und einer Natur auf, in der die Menschen nur völlig unbedeutende Bestandteile sind. Die Schöpfung verfolgt ihre eigenen Ziele, die den Menschen oftmals verborgen bleiben. Diese Ziele liegen manchmal jenseits von Chaos und Grausamkeit, die wir vordergründig sehen. Die Natur duldet manchmal nicht, dass wir gegen Chaos und Grausamkeit aufbegehren und dadurch ihre Ziele gefährden. Diejenigen, die sich die Schöpfer nennen, aber selbst nur ein Produkt der Schöpfung sind, haben geglaubt, in die Natur eingreifen und sie verbessern zu können. Die Dunsteine sind der Beleg ihres Scheiterns.“

Diese Worte der Weißen Frau waren das Ergebnis jahrtausendelangen Denkens und Beobachtens. Sie bildeten zugleich den Beweggrund für die Entscheidung, die sie getroffen hatte. Selbst Yxistradojn und die vier Surdyrier ahnten nichts von dieser Entscheidung. 

„Wir sollten nach Doinat gehen“, schlug Larradana vor. „Ich will die Dunsteine sehen.“

 

*

 

Die Fingerkuppen Zyrkols näherten sich dem Buch mit einer Vorsicht und Behutsamkeit, als handele es sich um eine glühende Ofenplatte. Dabei hatte er bis vor wenigen Minuten noch darin geblättert und gelesen. Ungläubig und andächtig strich er über den abgegriffenen Einband, auf dem die Worte „Das Buch der Vorzeit“ kaum noch erkennbar waren. Ratlos blickte er in die hübschen Gesichter seiner beiden Besucherinnen.

„Was ist geschehen?“, fragten Orhalura und Teralura gleichzeitig. Sie konnten deutlich spüren, dass die aufwallende Erregung des Rektors von Dunculbur seine sonst so ausgeprägte Gelassenheit vollständig hinweggefegt hatte.

„Die Fälschungen sind verschwunden“, murmelte er mit dumpfer Stimme. „Das ist das Original.“

Er schlug das Buch an einer Stelle auf, die mit einem Buchzeichen aus geschmeidigem Leder und einer aus goldenen Fäden gewirkten Quaste gekennzeichnet war.

„Das ist aber noch nicht alles“, ergänzte er. „Ich habe das zuvor nicht vorhandene Buchzeichen an dieser Stelle vorgefunden. Sie handelt von der Entstehung und dem Ahnherrn von Kerdaris. Hört euch das an!“

Der Rektor von Dunculbur lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann zu lesen:

„Stolz zeigte der Ahnherr dem Abgesandten seines Volkes das Werk, das er vollbracht hatte. Kerdaris sollte der Ort der Wacht über die verlorenen Seelen sein. Alles hatte nun seine Ordnung. Dem Ritter mit der goldenen Rüstung war es gelungen, die verlorenen Seelen dieser Welt mit den verlorenen Seelen zusammenzuführen, die sein Volk hierher gebracht hatte. Der Abgesandte zeigte sich jedoch nicht zufrieden. Er deutete zu den Sternen und sagte: „Du weißt selbst, dass jede Ordnung aus dem Gleichgewicht geraten kann. Welche Vorkehrungen hast du dagegen getroffen?“ Der Ahnherr musste zugeben, dass er keine Vorsorge getroffen hatte. Daraufhin sprach der Abgesandte: „Du wirst eine Garde von Helfern erschaffen und eine Gilde der Seelenlosen. Die Garde der Helfer wird die Seelen beschützen und dir dabei helfen, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Sollte es aber je geschehen, dass die Ordnung ins Wanken gerät und zusammenbricht, wird die Gilde der Seelenlosen auf den Plan treten und alles zerstören, was jemals von uns geschaffen wurde oder auf unsere Anwesenheit hindeuten könnte.“ Nachdem der Abgesandte Kerdaris verlassen hatte, tat der Ritter mit der goldenen Rüstung, wie ihm geheißen. Aus den Bausteinen des Lebens schuf er zuerst die Garde der Helfer. Danach schuf er aus den Bausteinen des Todes die Gilde der Seelenlosen, obgleich dies seinem eigentlichen Streben zuwiderlief. Durch eine List glaubte er, verhindern zu können, dass die Seelenlosen jemals zum Einsatz kämen. Er legte fest, dass das Gleichgewicht so lange gegeben war wie er selbst lebte und für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen konnte.“

Zyrkol klappte das Buch zu und legte es beiseite. Nachdenklich betrachtete er noch eine Weile den schweren Ledereinband. Dann sah er die Zwillinge an, die sich inzwischen an der gegenüberliegenden Seite des Tisches niedergelassen hatten.

„Was haltet ihr davon?“, wollte er wissen.

Orhalura und Teralura saßen wie versteinert da. In ihren Augen stand blankes Entsetzen. Schließlich griff Teralura wortlos in die Seitentasche ihres kurzen Kittels, zog vier kleine Gegenstände hervor und legte sie vorsichtig auf die Tischplatte. Sie waren oval geformt und bestanden aus einem mattschwarzen, fremdartigen Material. An etlichen Stellen der Oberfläche befanden sich kleine, runde Punkte, die wie farbiges Glas wirkten.

Orhalura förderte ein zusammengerolltes Schreiben zutage und öffnete die Banderole, die es zusammengehalten hatte. Die Zwillinge verständigten sich mit einem kurzen Blick, dann sagte Teralura: „Der Ritter mit der goldenen Rüstung ist tot. Die Apokalypse hat begonnen.“

Zyrkol zog den Brief zu sich heran und las:

„Orhalura und Teralura, euer Schicksal ist eng verwoben mit den verflochtenen Weiden von Bogogrant. Die Zwillingsweide ist ein Baum der Seelen. Ich bitte euch, sie vor der Invasion des Bösen zu beschützen, die über den Kontinent hereinbrechen wird. Dafür benötigt ihr die vier Gegenstände, die diesem Brief beigefügt sind. Geht nach Bogogrant und vergrabt sie rund um die verflochtenen Weiden in einer Tiefe von mindestens zwei Metern. Sie sollen ein Quadrat bilden und von der Zwillingsweide einen Abstand von mindestens achtzig Metern haben. Ein grässliches Wesen wird kommen, um den Baum und den Stein der Seelen zu vernichten. Haltet euch von ihm fern! Es hat keine Seele und wurde allein dazu geschaffen, Tod und Verderben zu bringen. Ihr erkennt es an seinem fahlen Gesicht und den glänzend schwarzen Haaren. Möget ihr dem Untergang entgehen!“ 

Der Brief trug keine Unterschrift.

Wie zuvor die Zwillinge, erkannte Zyrkol auf Anhieb den grausigen Zusammenhang zwischen der Textstelle im „Buch der Vorzeit“ und dem soeben gelesenen Brief. Seine Gedanken schweiften ab nach Dunculbur. Schon immer hatte er den Verdacht gehegt, dass es sich auch bei dem riesigen Ölbaum im Innenhof des Monasteriums um einen Baum der Seelen handelte. Musste er nicht auch geschützt werden? Dann aber wurde dem Rektor schlagartig klar, dass die Zweige des Baumes bis in den umlaufenden Wandelgang hingen. Die Entfernung des Stammes zu den Wänden betrug nicht annähernd achtzig Meter.

 

*

 

„Wir sind nun in Kerdaris“, stellte Septimor überflüssigerweise fest und deutete auf die Bergkuppe mit den weißen Türmen, Kuppeln und Brücken.

„Ich habe es bemerkt“, lächelte Grakinov, der den Grund für die Äußerung des Eisgrafen natürlich sofort durchschaut hatte, aber nicht darauf einging.

„Sie haben versprochen, mir jetzt Fragen zu beantworten“, beharrte Septimor.

„Sie haben mich missverstanden“, widersprach der weißhaarige Einsiedler. „Ich werde Ihnen Ihre Fragen in der Krypta beantworten. Erst wenn ich den Raum betreten kann, werde ich Gewissheit haben.“

„Sie haben das Wort eines Eisgrafen“, protestierte Septimor.

„Darum geht es nicht“, stellte Grakinov klar. „Ich zweifle nicht daran, dass Sie mir den Zutritt ermöglichen. Aber erst wenn ich in der Krypta bin und die notwendigen Feststellungen treffen kann, werde ich überhaupt in der Lage sein, Ihnen die gewünschten Auskünfte zu geben.“

Inzwischen waren die beiden Männer am Tor der einstigen Tempelanlage angelangt, die nun dem Fürsten zu Kerdaris als Herrschaftssitz diente. Die Torwächter hatten Septimor bereits erkannt und zogen das Fallgitter hoch. Ächzend und rasselnd glitten die eisenbeschlagenen Holzbohlen des Gatters an den Ketten in die Höhe und gaben den Zugang zum ersten Turm frei.

Septimor und Grakinov saßen von ihren Pferden ab und übergaben die Zügel zwei herbeigeeilten Dienern. Der Eisgraf schritt voran und geleitete seinen eigentümlichen Gast über mehrere Brücken und durch mehrere Türme in einen der großen Kuppelbauten. Grakinov folgte dem Zwillingsbruder des Fürsten auf dem Fuß. Unter normalen Umständen hätte er sicherlich die kunstfertigen Stuckarbeiten und die fremdartig anmutenden Wasserspeier bewundert, aus denen überall in den Korridoren Fontänen und Wasserstrahlen in Marmorbecken und Abflussrinnen plätscherten. Derzeit schenkte er aber all diesen Dingen keine Beachtung, weil seine innere Anspannung ins Unermessliche stieg, obgleich er sich äußerlich nichts anmerken ließ.

Vor der Pforte der Krypta mit den Schwertwappen verhielt Septimor seine Schritte.

„Ich muss den Schlüssel holen“, erklärte er knapp und schickte sich an, die Gemächer seines Zwillingsbruders aufzusuchen. „Sie können hier warten.“

„Die Tür ist offen“, entgegnete Grakinov, ohne dass er die Pforte überhaupt berührt hatte. Septimor starrte ihn verwirrt an und überlegte, ob er auf diese Bemerkung tatsächlich eingehen sollte. Fast unwillkürlich ergriff er den Riegel. Der erwartete Widerstand blieb aus. Die Pforte schwang leise knirschend auf. Trotz des trüben Dämmerlichts im Inneren der Krypta konnte man die goldene Rüstung des Ahnherrn deutlich erkennen. Der Eisgraf fühlte einen innerlichen Stich. Aufgrund seiner Begegnung mit dem falschen Mulmok war er felsenfest davon überzeugt gewesen, den Harnisch hier nicht mehr vorzufinden. Zögernd betrat er den großen, kühlen Raum. Auch Grakinov trat ein. Septimor schloss die Pforte. Die Kerzen in den Wandlaternen flackerten unruhig. Zuckende Lichtkegel schienen der Rüstung ein gespenstisches Leben einzuhauchen. Selbst der durch zahlreiche außergewöhnliche Ereignisse abgebrühte Eisgraf fühlte sich plötzlich in diesem Raum unbehaglich.

Grakinov ging mit langsamen Schritten zu der goldenen Rüstung und umrundete sie. Dabei ließ er sich viel Zeit. Sein Blick schien jede Einzelheit aufsaugen zu wollen. Der Eisgraf stand unentschlossen daneben und ließ ihn gewähren. Schließlich trat der Borthuler zur Seite und richtete seinen Blick auf Septimor. Weder seine Augen noch seine Stimme spiegelten seine innere Erregung als er leise feststellte: „Die goldene Rüstung ist stark angestaubt. Sie wurde lange Zeit nicht benutzt.“

Die beiden Männer maßen sich mit abschätzenden Blicken. Grakinov bemerkte das Misstrauen in den Augen des anderen.

„Nicht diese Rüstung hat der Mann getragen, den Sie getötet haben“, hallten seine Worte durch die Krypta. „Um es mit Ihren Worten zu sagen: Seine Rüstung war ein Trugbild.“

Septimors Verblüffung kannte keine Grenzen, als er die Tragweite dieser Aussage begriff. Woher wusste Grakinov von der Tötung jenes rätselhaften Wesens? Er schob diese Frage jedoch beiseite.

„Ich habe die Rüstung gesehen“, beharrte er.

„Sie haben nur ein Abbild dieser Rüstung gesehen“, widersprach Grakinov. „Blendwerk! Genauso wie Sie auch nur das Abbild eines Lumburiers gesehen haben.“

Septimor hielt den Atem an. Dann stieß er hervor: „Wer sind Sie?“

Grakinov breitete hilflos die Arme aus und schüttelte den Kopf. „Ich bin nur ein Einsiedler“, versicherte er. „Ich habe jedoch während meines langen Lebens tiefe Einblicke in das Geflecht der alten Wesenheiten gewonnen. Sie sollten mir einfach vertrauen. Nur wenn Sie das tun, kann ich Ihnen helfen.“

Der Eisgraf erkannte sofort, dass sich hinter den Worten des Einsiedlers viel mehr verbarg als er zu sagen bereit war. Dennoch entschloss er sich, ihm zu vertrauen. Grakinov lächelte, während ihm Septimor seine Überlegungen und seinen Entschluss unumwunden mitteilte.

„Gut“, sagte er. „Dann werde ich Ihnen jetzt einige Antworten geben. Das Wesen, das Sie getötet haben, sollte in dieser Welt eine wichtige Aufgabe erfüllen. Sein Tod wird unweigerlich eine Welle der Vernichtung auslösen. Die Bäume der Seelen werden die ersten Ziele des zerstörerischen Werkes sein. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Gehen Sie nach Gatas und beschützen Sie den dortigen Eisbaum gegen das Böse! Ich werde nach Orondinur gehen.“

„Was geschieht mit dem Eisbaum von Kerdaris?“, fragte Septimor sofort.

„Er ist sicher“, versprach Grakinov.

„Woher wollen Sie das wissen?“, zweifelte der Eisgraf.

„Sie sollten bemerkt haben, dass ich verhältnismäßig viel weiß“, wies ihn der Einsiedler zurecht. „Und Sie haben versprochen, mir zu vertrauen.“

 

*

 

„Wir schaffen das nicht!“, schrie der Steuermann aus Leibeskräften. Obwohl Jalbik Gisildawain unmittelbar neben ihm stand, konnte er ihn kaum verstehen. Die Worte Tornanthas hörte er überhaupt nicht. Er sah lediglich, wie sich ihre Lippen bewegten. Die „Brüllenden Lüfte“ machten ihrem Namen alle Ehre.

Der Mast des Großsegels bog sich gefährlich, obgleich die Takelung gerefft war. Ein Schwall von Regen ergoss sich erneut über die drei Personen auf dem Oberdeck der Galeere. Die Knöchel an den nassen Händen des Steuermanns traten weiß hervor. Unter Aufbietung aller Kräfte versuchte er, das Ruder gegen die Gewalt der Strömung zu behaupten.

„Umkehren!“, brüllte Jalbik Gisildawain.

Tornantha versuchte erneut, sich verständlich zu machen. Der Freibeuter winkte resigniert ab und kämpfte sich gegen den Orkan zum Einstieg ins Unterdeck durch. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Aufgeplusterte, dunkelgraue Wolken zogen mit beängstigender Geschwindigkeit am Himmel vorüber. Der Orkan entfesselte Naturgewalten, denen das Schiff auf Dauer nicht standhalten konnte. Das gefährliche Wendemanöver erschien noch als das geringere Übel. Die „Todesnaht“ zwischen dem südlichen und dem westlichen Ozean erwies sich in dieser Jahreszeit einmal mehr als unüberwindliches Hindernis.

Jalbik Gisildawain fluchte. Wieso hatte er dieser Frau erlaubt, an Deck zu kommen? Ständig musste sie sich in alles einmischen. Am liebsten hätte er zugelassen, dass das Meer sie über Bord spülte. Die Macht des Mitleids überwog jedoch. Er schickte drei seiner Matrosen zum Oberdeck, um die Drahtzieherin des „dämonischen Pentagramms“ von Nord-Obesien in Sicherheit bringen zu lassen.

Tornantha zitterte vor Kälte, als die Seeleute sie die Stiege hinabführten. Unter ihrer völlig durchnässten Kleidung zeichneten sich die weiblichen Rundungen ab, die die Männer in Verzückung versetzten. Jalbik Gisildawain hatte dafür aber keinen Blick übrig. Er warf ihr seinen schweren Mantel zu, drehte sich um und stapfte wortlos zu seiner Kajüte.

Das Wendemanöver hatte begonnen. Eine Woge der Ruhe erfasste den Freibeuter. Die Angst um das Schicksal der schlummernden Ovaria verflog. Sie hatte selbst dafür gesorgt. Der Mon’ghal in der Tasche des Kapitäns hatte ihr dabei geholfen.

Tornantha stand nicht unter dem Einfluss eines Mon’ghals. Niemand vermochte ihre Furcht zu lindern. Sie sorgte sich weiterhin um das riesige Raupenwesen, das sie noch kurz zuvor gejagt hatte und töten wollte. Weder die derzeit widrigen Umstände noch Zweifel am Gelingen des Kurswechsels plagten die heimliche Herrscherin Obesiens. Jalbik Gisildawain war einer der erfahrensten Freibeuter Borgois und damit einer der besten Seeleute auf den vier Meeren. Aber was kam danach? Der Kurswechsel bedeutete, dass die Galeere durch die Straße von Ludoi segeln musste, um ihr Ziel in Lumburia zu erreichen. Wie würde der Hafenmeister von Dukhul darauf reagieren? Tornantha wusste nicht einmal, wer dieses Amt zurzeit bekleidete, nachdem der vormalige Amtsinhaber Jekisebek einer Mordtat zum Opfer gefallen war.

Das Schiff aus Borgoi entfernte sich immer weiter von der „Todesnaht“ und gelangte in ruhigeres Fahrwasser. Die „Brüllenden Lüfte“ verstummten. Die schlimmen Vorahnungen der Obesierin blieben jedoch. Lauerte in Sindra eine noch größere Bedrohung?

 

*

 

Es zählte nicht zu den üblichen Erfahrungen des hoch aufragenden Mannes, dass jemand bei seinem Anblick gefasst blieb. Der athlethische Jüngling mit der auffälligen Amtskette sah ihm jedoch unerschrocken entgegen, eher sogar mit einer gewissen Neugierde. 

„Haben Sie meinen Vorgänger umgebracht?“, fragte der neue Hafenmeister von Dukhul.

„Nein. Mein Name ist Kataraxas.“ Die Stimme des Mannes mit der silbernen Mitra klang wie eine kreischende Säge. „Ich komme in Frieden.“ Die Misstöne in seiner Aussprache schienen den Inhalt seiner Aussage Lügen strafen zu wollen. Den jungen Hafenmeister konnte aber auch dies nicht erschüttern.

„Und was wollen Sie von mir?“, erkundigte er sich, wobei er seinen Platz hinter dem wuchtigen Schreibtisch wieder einnahm.

„Dunkle Wolken ziehen am Horizont herauf“, verkündete Kataraxas. „Ein schrecklicher Sturm wird über das Land fegen. Wir stehen an der Schwelle gewaltiger Umwälzungen. Wenn Sindra diese Zeiten überstehen will, braucht es einen starken Hochkönig. Yxistradojn ist zu schwach.“

„Ist es den Bewachern der Gruft nicht untersagt, sich in die Angelegenheiten der lebenden Hochkönige einzumischen?“, wunderte sich der Hafenmeister.

„Die alten Regeln gelten nicht mehr“, erwiderte Kataraxas. „Wir sind nicht länger Bewacher der Gruft. Meine Brüder und ich haben einer Macht die Treue geschworen, die es nicht mehr gibt. Stattdessen stehen wir nun einem Feind gegenüber, der stark genug ist, Sindra und den Rest des Kontinents zu vernichten. Ab jetzt muss jeder so handeln, wie er es selbst für richtig hält. Lunalto, du hast bewiesen, dass du der Retter Sindras sein kannst. Du stammst aus der Blutlinie des Zitaxon, und du hast dich gegen deinen Onkel durchgesetzt.“

Nun erbleichte der Jüngling zum ersten Mal. Was wusste der ehemalige Bewacher der Gruft? Lunalto und seinem Onkel standen von der Abstammung her als Einzigen nach dem Tod Jekisebeks das Amt des Hafenmeisters zu, nachdem Lunaltos Vater zwölf Jahre zuvor einer der heimlichen Säuberungsaktionen Jekisebeks zum Opfer gefallen war. Der frühere Hafenmeister hatte mit Hilfe gedungener Mörder jeden ausgeschaltet, den er als Gefahr für sein Machtstreben ansah. Nach dem Tod seines Vaters tauchte Lunalto in den Wäldern nahe der Provinz Yacudac unter, um sich vor den Nachstellungen Jekisebeks in Sicherheit zu bringen. Während dieser Zeit gewöhnte er sich allmählich daran, unerbittlich mit Bedrohungen umzugehen und rücksichtslos um das eigene Überleben zu kämpfen. Als sich ihm schließlich die Gelegenheit bot, nach der Ermordung des bisherigen Amtsinhabers zum drittstärksten Mann Sindras aufzusteigen, nutzte er sie mit der ihm inzwischen eigenen Skrupellosigkeit. Im Gegensatz zu Jekisebek brauchte er keine gedungenen Mörder, um sich seines Onkels zu entledigen. In den Wäldern bei Yacudac hatte er gelernt, solche Dinge eigenhändig zu erledigen und alle Spuren zu verwischen. Nach dem Ableben des Onkels ließen die alten Gesetze Sindras dem Hochkönig keine andere Wahl, als Lunalto zum Hafenmeister von Dukhul zu ernennen.

Mit der Ernennung Baron Schaddochs zum Statthalter von Doinat hatte Yxistradojn bereits einmal gegen diese Gesetze verstoßen. Er rechtfertigte dies mit der uralten Prophezeiung einer legendären Seherin. Das einfache Volk hatte er damit zunächst überzeugt. In der Oberschicht des Landes griff jedoch zusehends Unzufriedenheit um sich. Dass ein ungeliebter Fremder, der zudem nur selten im Land weilte, eine Schlüsselposition der Macht innehatte, rief Neid und Misstrauen hervor. Diese Ablehnung wog schwerer als eine alte Prophezeiung, deren Richtigkeit inzwischen ohnehin bezweifelt wurde. Zunehmend wurden Stimmen laut, die die Ankündigung der Seherin in das Reich der Fabel verwiesen und behaupteten, Yxistradojn selbst habe sie erfunden. Im Stillen begann sich Widerstand gegen den Hochkönig zu regen. Noch verhinderte seine Freundschaft mit dem König von Yacudac, vor allem aber die Tatsache, dass kein würdigerer Regent in Sicht war, einen Aufstand. 

Durch die Mitteilung Larradanas kannten die einstigen Bewacher der Gruft die unvorstellbare Welle der Bedrohung, die auf den Kontinent zurollte. Kataraxas beschloss, entweder unterzugehen oder aus dem endgültigen Kampf als Sieger hervorzutreten und die Dynastie des Zitaxon durch seine eigene Dynastie zu ersetzen. Sein Spiel begann in diesem Augenblick. Er wusste genau, dass das Machtstreben des Hafenmeisters keine Grenzen kannte. Zu lange hatte sich der junge Mann unter den widrigsten Bedingungen in der Wildnis der Wälder durchgeschlagen. Jetzt schien er bereit, diese Erfahrungen in einen Kampf auf höchster Ebene einzubringen. Einen besseren Verbündeten konnte sich Kataraxas nicht vorstellbar. Den eigentlichen Ausschlag gab dabei aber nicht etwa eine Eigenschaft, die mit Stärke oder Durchsetzungsvermögen zusammenhing, sondern eine Schwäche, die der Hafenmeister wohlweislich nach außen zu verbergen suchte.

Lunalto ahnte nicht, dass er dazu missbraucht werden sollte, als Werkzeug zu dienen. Er stellte lediglich eine Figur in einem Spiel dar, das Kataraxas nicht nur gegen einen übermächtigen Feind, sondern zugleich auch noch gegen seine beiden verbliebenen Brüder zu gewinnen gedachte. In seltenem Eivernehmen hatten er und Truchulzk nach der Botschaft Larradanas sofort gehandelt. In dem Wissen, dass das gesamte Geflecht der alten Wesenheiten und damit auch sie selbst in höchstem Maße bedroht waren, hatten sie die unterirdische Welt von Kostondio fluchtartig verlassen. Auf ihrem Weg nach draußen kamen sie an ihrem Bruder Quosimanga vorbei, der entweder bewusstlos oder tot am Boden lag. Sie nahmen sich nicht die Zeit, genauere Feststellungen zu treffen. Seite an Seite eilten sie zum Ausgang der Gruft. Dort trennten sie sich aber bereits an der Pforte, und jeder ging seinen eigenen Weg. Sie ahnten, dass ein Wettlauf begonnen hatte, ein Wettlauf um Leben und Tod. Denn die Pläne, die jeder für sich selbst geschmiedet hatte, waren nicht miteinander vereinbar.

„Die „Brüllenden Lüfte“ haben Euch ein Geschenk geschickt“, eröffnete Kataraxas dem Hafenmeister von Dukhul. „Sie sind schon immer die besten Verbündeten der Hafenmeister gewesen. Aber dieses Mal übertrifft ihr Geschenk alles bisher Dagewesene. Sendet Schiffe aus, die die Meerenge im Norden und im Süden abriegeln! Das Schiff eines Freibeuters von Borgoi ist in der Straße von Ludoi unterwegs. Bringt es auf! Ihr könnt jeden an Bord töten, auf keinen Fall aber die Frau aus Obesien und das riesige Raupenwesen. Mit ihrer Hilfe werdet Ihr den Kontinent erobern.“

 

*

 

Atarco drehte sich um die eigene Achse, ohne das Rohr mit den Glaslinsen vom Auge abzusetzen.

„Es war eine Fehlentscheidung!“, schrie er schließlich Jalbik Gisildawain an und hielt ihm vorwurfsvoll das Rohr vor die Nase. „Wir werden alle sterben, weil Sie die Lage falsch eingeschätzt haben!“

„Beruhige dich!“, forderte Tornantha den jungen Priester auf. „Wer weiß schon, was geschehen wäre, wenn wir den Hafenmeister tatsächlich um eine Durchfahrtsgenehmigung ersucht hätten. Wir haben doch alle die Hoffnung gehabt, unbemerkt durch die Meerenge zu gelangen.“

Sie sah in die Richtung, wo sich die größte Hafenstadt Sindras befinden musste. Dukhul befand sich noch nicht in Sichtweite, dafür aber umso deutlicher die Küstenlinie des Festlandes auf der Steuerbordseite der Galeere. Auch ohne das Rohr mit den Glaslinsen konnte man mit bloßem Auge in der Ferne zwölf Segel erkennen. Das Bedrohliche dieser Entdeckung lag darin, dass sich jeweils sechs der Schiffe von vorne und von hinten der Galeere Jalbik Gisildawains annäherten und die Durchfahrt durch die Meerenge nach beiden Seiten versperrten.

„Steuern Sie sofort die Küste an!“, befahl Tornantha dem Freibeuter. 

„Was hast du vor?“, wollte Atarco wissen.

„Sobald wir angelegt haben, werden Stilpin und Jalbik mit der Kutsche fliehen und versuchen, die Ovaria auf dem Festland zu verstecken“, erklärte Tornantha. „Wir beide werden uns zu dem Hafenmeister von Dukhul begeben und mit ihm verhandeln.“

„Worüber willst du mit ihm verhandeln?“, fragte Atarco ungehalten. „Wir haben gegen die Gesetze Sindras verstoßen. Außerdem haben wir nichts in der Hand, was wir ihm anbieten könnten. Vergiss nicht, dass uns die Sindrier immer noch als traditionelle Feinde ihres Landes ansehen.“

„Wir gehören der Riege der Freiheit an“, erinnerte Tornantha. „Nicht einmal der Hochkönig selbst könnte es sich leisten, fremde Würdenträger nicht mit der gebührenden Höflichkeit zu empfangen. Nach den ungeschriebenen Regeln des Kontinents ist die Unantastbarkeit gleich- oder höherrangiger Persönlichkeiten aus anderen Ländern stets zu achten. Andernfalls würde die Grundordnung des Kontinents zusammenbrechen, auf der das Zusammenleben der Völker beruht.“

Atarco musste sich eingestehen, dass diese Frau ihn immer wieder überraschte. Er wäre weniger beeindruckt gewesen, wenn er den Denkfehler in ihren Darlegungen bemerkt hätte: Regeln galten nur für Menschen, die auch bereit waren, sie einzuhalten. Der Priester des Wissens und die Witwe Crescals wussten aber noch nicht einmal, wer inzwischen das Amt des Hafenmeisters von Dukhul bekleidete.

Während der Diskussion hatte das Schiff des Freibeuters bereits seinen Kurs geändert. Es hielt nun direkt auf einen tiefen Einschnitt in der sindrischen Küstenlinie zu, eine Flussmündung. Jalbik Gisildawain kannte diese Stelle und wusste, dass sie die Eigenschaften eines natürlichen Hafens aufwies. Dort konnte die Galeere gefahrlos anlegen.

Mittlerweile schrumpfte die Entfernung zu den sindrischen Schiffen in beängstigender Geschwindigkeit. Bald würde sich die Galeere in Reichweite ihrer Geschütze befinden. Der Freibeuter hoffte inständig, dass die Sindrier nicht ohne Vorwarnung mit dem Angriff beginnen würden. Nicht ehe die Kutsche mit der Ovaria das Schiff verlassen konnte.

Noch während des Einlaufens in die Flussmündung schafften die obesischen Soldaten über eine nachträglich eingebaute Holzrampe das Gefährt und die Pferde zum Oberdeck. Ein Ruck ging durch das Schiff. Knarrend und ächzend kam es zum Stillstand. Halteseile wurden über Bord geworfen. Die Männer aus Gladunos schleppten eine breite Landungsbrücke herbei, die sie vom Oberdeck aus zum Festland hinabließen. Die kleine Flotte des Hafenmeisters befand sich nun bereits in Schussweite, aber sie eröffnete das Feuer immer noch nicht.

Die Kutschpferde trappelten unruhig. Nur mit Mühe gelang es dem Kutscher, sie zurückzuhalten. Stilpin sprang neben ihn auf den Kutschbock. Jalbik Gisildawain riss den Schlag auf und hüpfte hinein zu der schlummernden Ovaria. Ein Augenlid des riesigen Wesens hob sich unmerklich, sank aber sogleich wieder zurück. Jalbik warf die Tür zu. Unmittelbar danach machte die Kutsche einen Satz und polterte über den Landungssteg. Eine Staubfahne stieg auf, als sie sich über das vertrocknete Rietgras zwischen Inseln aus hohem Schilf holpernd von der Galeere entfernte. Die Geschütze auf den sindrischen Schiffen schwiegen immer noch.

Tornantha und Atarco standen neben dem Heckruder und sahen zu, wie eine schlanke Karavelle mit der Flagge des Hochkönigs längsseits an der Galeere des Freibeuters festmachte. Die Flussmündung wurde inzwischen von den Begleitschiffen der Karavelle abgeriegelt. Mit Hilfe einer Enterbrücke stellte die Besatzung des Sindriers eine Verbindung zwischen der Karavelle und der Galeere her. Wenig später erschien dort ein breitschultriger Mann, dessen roter Überwurf mit den goldenen Stickereien ihn als den Befehlshaber der kleinen Flotte auswies.

„Wer führt das Kommando an Bord Ihres Schiffes?“, rief er Atarco zu.

„Ich!“, behauptete Tornantha.

Für einen Moment schien der sindrische Kapitän verdutzt. Dann fragte er: „Sind Sie Tornantha aus Modonos?“

Nun fühlte sich die Witwe Crescals doch merklich verunsichert. Woher hatte er sein Wissen? Sie fing sich jedoch schnell wieder und berichtigte: „Ich bin Tornantha aus Tirestunom. Aber das macht letztlich keinen Unterschied. Was wollen Sie von uns?“

„Der Hafenmeister von Dukhul wünscht, Sie zu sprechen. Aber unter vier Augen!“, erklärte der Kapitän. Tornantha warf Atarco einen triumphierenden Blick zu. Es war das letzte Mal, dass sich ihre Blicke kreuzten.

„Bitte kommen Sie zu mir an Bord und befehlen Sie Ihren Leuten, hier zu warten und die Galeere nicht zu verlassen!“, rief der sindrische Kapitän der Frau aus Obesien zu.

„Niemand verlässt das Schiff!“, bestätigte Tornantha mit lauter Stimme, ehe sie den Verbindungssteg zwischen den beiden Schiffen betrat. Atarco sah ihr ratlos nach. Er entschied sich jedoch dagegen, in dieser angespannten Situation ein Wagnis einzugehen. Der Freibeuter aus Borgoi hatte nicht nur durch die unerlaubte Benutzung der Straße von Ludoi die Gesetze Sindras verletzt, sondern sicherlich war auch seine Flucht mit der Kutsche bemerkt worden.

Während die Karavelle von der Galeere ablegte und Fahrt aufnahm, verschwand Tornantha mit dem Kapitän aus Dukhul unter Deck. Atarco konnte sich weiterhin zu keinem Entschluss durchringen. Drohend lagen immer noch fünf der zwölf sindrischen Schiffe in der Ausfahrt des Naturhafens. Die Karavelle wurde beständig kleiner, bis sie schließlich auch durch das Rohr mit den Glaslinsen nur noch als winziger Punkt am Horizont zu erkennen war.

Dann begann der Beschuss. Von allen fünf Schiffen der Sindrier wurden gleichzeitig sämtliche Katapulte abgefeuert. Schwere Stahlkugeln und riesige Speere mit brennenden Arandi-Mänteln rissen Löcher in den Schiffsrumpf und das Oberdeck der Galeere. Die Masten stürzten ein und überall schlugen Flammen zwischen zerborstenen Holzplanken hervor. 

Zwei der obesischen Soldaten aus Gladunos versuchten, über die Landungsbrücke ans Festland zu fliehen. Sofort setzte ein Hagel von Brandpfeilen aus dem nahe gelegenen Wald ein. Dort hatten sich Reitersoldaten des Hafenmeisters von Dukhul verschanzt, die inzwischen die Anlegestelle des fremden Schiffes erreicht hatten. Von Pfeilen durchsiebt brachen die beiden Obesier noch auf der Holzbrücke zusammen. Unterdessen dauerte der Beschuss durch die Katapulte der sindrischen Kriegsschiffe mit unverminderter Heftigkeit an. Die brennende Galeere begann zu sinken.

Die Rauchfahne, die wie ein letztes Signal aus dem zerfetzten Schiff des Freibeuters von Borgoi aufstieg, konnte Tornantha nicht mehr sehen. Die sindrische Karavelle hatte längst Kurs auf Dukhul genommen.

 

*

 

Mit weit aufgerissenen Augen stierte Schaddoch gleichermaßen fassungslos und ungläubig auf die Trümmer einer steinernen Truhe, die er bis dahin für unzerstörbar gehalten hatte.

„Das war ein Fehler“, stellte Larradana nüchtern fest.

Aus den fragenden Blicken Yxistradojns und Schaddochs konnte die Weiße Frau entnehmen, dass die beiden Männer nicht begriffen, was sie meinte.

„Wo hätte ich die Dunsteine sonst verstecken sollen?“, fragte der Baron aufgebracht.

„Das war nicht als Vorwurf gedacht“, klärte Larradana ihn auf. „Ich habe nicht das Versteck gemeint. Der Dieb hat eine Spur hinterlassen, ohne die ich nie auf ihn gekommen wäre.“

Aus ihrer Stimme sprach jedoch keine Genugtuung. Zuerst hatte die Replica ein Gefühl von Wut empfunden. Dieses schlug aber sehr schnell in Trauer und Verzweiflung um. Ihr wurde klar, dass ihr genau die Entscheidung bevorstand, vor der sie sich ihr gesamtes, unglaublich langes Leben gefürchtet hatte.

Yxistradojn spürte ihre Stimmung. Aber er wusste zu wenig, um die Hintergründe begreifen und sie trösten zu können.

„Möchtest du uns aufklären?“ In der Stimme des Hochkönigs lag kein Tadel und keine Forderung. Es handelte sich um eine schlichte Bitte. Larradana erkannte dies sofort. Sie nahm Yxistradojn an der Hand, um ihn zur Tür zu führen. Dann hielt sie kurz inne und ergriff auch die Hand Schaddochs. 

„Wir müssen zurück nach Zitaxon“, erklärte sie. 

Wenig später verließen sie den Palast von Doinat, in dem Yxistradojn als Statthalter residiert hatte, bevor er sich als neuer Hochkönig gezwungen sah, in die ungeliebte Hauptstadt überzusiedeln. Jedes Mal, wenn er den idyllischen Ort am Zusammenfluss der beiden großen Ströme verlassen musste, hatte er das Gefühl, dass sein Herz zurückblieb.

In Zitaxon angekommen, wussten die beiden Männer schon nach kurzer Zeit, wo das Ziel der Weißen Frau lag. Gleich einer aus Stein errichteten Warnung vor dem Betreten einer anderen Welt überragte das mächtige, aus fünf Kuppeln bestehende Gebäude über der Gruft von Kostondio den schaurigsten Vorort der uralten Metropole. Das Ziel Larradanas lag dieses Mal aber nicht innerhalb der Gruft, sondern daneben. Sie ging auf dem schmalen Kiesweg voran, der seitlich eng an den Kuppeln vorbeiführte, und dem Hochkönig und seinen jeweiligen Begleitern vorbehalten sein sollte. So gelangten sie zu der weltberühmten Statue „Die Kämpfenden“. Der Anblick des rätselhaften Werkes, dessen Herkunft niemand kannte, erschütterte jede der drei Personen gleichermaßen.

Yxistradojn und Schaddoch hatten „Die Kämpfenden“ zuletzt in einer Pose gesehen, die den Angriff eines vorgeschichtlichen Kriegers auf einen Kontrahenten darstellte. Als Larradana zuletzt diesen Ort verließ, hing dort auch noch Dorothon in der Luft. Jetzt lag einer der Krieger am Boden, den zur Abwehr erhobenen Schild immer noch hochgereckt. Der Angreifer hatte ebenfalls eine völlig andere Haltung eingenommen. Er führte nunmehr das Schwert mit beiden Händen in dem Versuch, seinem Gegner endgültig den Todesstoß zu versetzen. Dorothon war verschwunden.

Trotz ihrer Bewegungslosigkeit strahlte die Statue jene sonderbare Lebendigkeit aus, die sie weltberühmt gemacht hatte. Aber nicht die dieser Szenerie merkwürdigerweise innewohnende Vitalität löste die Bestürzung der beiden Männer aus. Stattdessen fragten sie sich, wie es zu dieser grundlegenden Veränderung der Darstellung kommen konnte. 

Bei Larradana keimte sogar Entsetzen auf, obwohl sie bereits mit diesem Anblick gerechnet hatte. An die veränderte Körperhaltung der Kämpfenden verschwendete sie dabei keinen einzigen Gedanken. Sie vermisste vielmehr die Veränderung, die sie selbst herbeigeführt hatte: Dorothon. 

Der Weiße Mann hatte einen Fehler begangen, der sie auf seine Spur gebracht hatte. Unter den Lebenden wäre niemand außer ihm, Tholulh und Chrinodilh in der Lage gewesen, Schaddochs Steintruhe mit einem einzigen Schlag zu zertrümmern.

Larradanas eigener Fehler wog aber noch viel schwerer. Nun rächte sich ihre Unbekümmertheit. Sie hielt es immer noch für richtig, dass sie Dorothon nicht getötet hatte. Aber seine Söhne hätte sie nicht verschonen dürfen! Es stand außer Frage, dass einer der Bewacher der Gruft den Weißen Mann aus seinem Gefängnis befreit hatte. Und sie wusste auch, was dies bedeutete.

„Schredostes zu retten war einfach“, sagte sie und ergriff beide Hände des Hochkönigs. „Ich werde alles tun, um auch dich zu retten. Aber voraussichtlich werde ich dieses Mal scheitern. Bitte vergib mir!“

„Lasst uns die Dunsteine suchen!“, verlangte Baron Schaddoch in der Hoffnung, dass wichtige Aufgaben manchmal das beste Mittel sind, um trübselige Gedanken zu verscheuchen.

 

*

 

Einst gehörte er einer unbesiegbaren Kriegerkaste an. Er konnte sich schneller bewegen als das menschliche Auge zu sehen vermochte. Die eisigen Winter des Nordens hatten ihn noch stärker gemacht. Auch die Kälte konnte ihm inzwischen nichts mehr anhaben. Aber nun sah er sich einem Gegner gegenüber, gegen den all seine Fähigkeiten versagten. 

Schützend stellte er sich vor die zierliche Frau, die ihn schon längst nicht mehr nur als Leibwächter betrachtete, sondern als Freund. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass er nichts gegen den Mann ausrichten konnte, der auf rätselhafte Weise die verschlossene Tür geöffnet hatte.

Als der Fremde über die Schwelle trat, musste er sich ducken, um nicht mit dem Kopf gegen den Türsturz zu stoßen. Anschließend richtete er sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Obgleich er statt seines Jahrtausende alten Gewandes und der silbernen Mitra einen Mantel aus Bärenfell und eine Pelzmütze trug, konnte er den Pylax nicht über seine wahre Herkunft täuschen. Seine Größe, die gelben Augen und die sensenartige Waffe in seiner Rechten verrieten ihn.

„Gegen ihn kann ich Euch nicht schützen, Herrin“, flüsterte Argo a Narga. „Ihr müsst Eure Gabe einsetzen.“

Der Fremde breitete die Arme aus, um den Pylax und die Frau zu beschwichtigen. Angesichts der Salastra in seiner Hand wirkte diese Geste jedoch eher bedrohlich.

„Dazu besteht kein Anlass.“ Die Stimme hörte sich an wie ein hartes Sägeblatt, das weicheres Metall durchtrennt. „Ich bin hier, um Euch zu helfen.“

Duotora schob sich an Argo a Narga vorbei.

„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?“, verlangte sie zu wissen.

„Mein Name ist Truchulzk“, antwortete der Bewacher der Gruft mit seiner misstönenden Stimme. „Ich möchte Euch nach Hause bringen. Nur dort seid Ihr und der künftige Hochkönig vorläufig in Sicherheit.“

„Mein Zuhause ist hier“, stellte die Eisgräfin klar. „Mein Sohn wird nie Hochkönig von Sindra sein. Ich habe zugunsten von Yxistradojn auf den Thron verzichtet, und diese Entscheidung war richtig und endgültig.“

Truchulzk schüttelte energisch den Kopf und widersprach: „Es sind Dinge geschehen, die alle einmal getroffenen Entscheidungen in Frage stellen. Eine Walze der Zerstörung wurde ausgelöst. Die Gilde der Seelenlosen ist ausgezogen, um das Geflecht der alten Wesenheiten vom Angesicht der Erde zu tilgen. Diese Bedrohung betrifft auch Euren Eisbaum und mich. Auch wir sind Teil des Geflechts der alten Wesenheiten. Der Eisbaum wird bereits in den nächsten Stunden vernichtet werden.“ 

Plötzlich beugte der Bewacher der Gruft sein Knie und senkte demütig seinen Kopf. Diese Zeichen der Unterwürfigkeit galten jedoch nicht Duotora, sondern einem kleinen Knaben, der unbemerkt das Zimmer betreten hatte und Truchulzk neugierig ansah.

„Eure Hohe Majestät“, kreischte die Stimme des Bewachers. „Ich werde Euch mit meinem Leben beschützen.“

„Steht auf!“, verlangte Duotora unwirsch. „Valkon ist noch ein Knabe. Wir sind hier nicht in Sindra.“

Der Bewacher der Gruft erhob sich.

„Wieso seid Ihr sicher, dass der Eisbaum von Orondinur bedroht wird?“, erkundigte sich die Eisgräfin.

„Das Geflecht der alten Wesenheiten verfügt über Möglichkeiten der Verständigung, von denen die Sterblichen nichts ahnen“, entgegnete Truchulzk. „Ihr müsst so schnell wie möglich nach Sindra fliehen.“

„Ich werde meinen Baum nicht im Stich lassen“, entschied die Eisgräfin und wandte sich an den Pylax: „Hole die Schutzgarde von Orondinur! Wir treffen uns am Standort des Baumes.“

„Gegen die Gilde der Seelenlosen seid Ihr machtlos“, beschwor der Bewacher der Gruft die zierliche Gatyerin. „Auch der „vernichtende Blick“ wird Euch nichts nützen.“

„Meine Entscheidung ist gefallen“, beharrte Duotora.

„Dann lasst mich wenigstens hier bleiben, um den künftigen Hochkönig zu beschützen“, bat Truchulzk.

Die Eisgräfin warf ihm einen zornigen Blick zu. Anscheinend wollte der Fremde nicht begreifen, dass sie entschlossen war, ihren Sohn mit allen Mitteln aus den Machtspielen um den Thron von Sindra herauszuhalten. Andererseits empfand sie eine gewisse Beruhigung bei der Vorstellung, dass der hünenhafte Mann mit seiner schrecklichen Waffe und seinen geheimnisvollen Fähigkeiten während ihrer Abwesenheit ihren Sohn behüten würde.

 

*

 

Lunalto trug lediglich einen Lendenschurz. Seine gebräunte Haut hatte er mit Öl eingerieben, sodass sein muskulöser Körper glänzte. Auf diese Weise hatte er im Wald bei Yacudac jahrelang überlebt. Aber das war heute nicht der Grund für seine Aufmachung. Gespannt sah er zur Tür, die gerade von zwei Leibgardisten geöffnet wurde. Sie schoben eine völlig unbekleidete Frau vor sich her und gaben ihr einen leichten Schubs. Während die Frau in den Raum taumelte, verschlossen die Gardisten von außen die Tür.

„Willkommen in Dukhul!“, begrüßte der Hafenmeister die Frau, wobei ein anzügliches Lächeln auf seinen Lippen erschien.

„Diese Behandlung verstößt gegen jegliche Regeln“, schimpfte die Frau. „Dafür werden Sie sich verantworten müssen!“

„Sie irren gleich mehrfach“, widersprach Lunalto. „Niemand hat die Macht, mich zur Rechenschaft zu ziehen. Aber Sie werden sich verantworten müssen, denn Sie haben in schwerwiegender Weise gegen die Gesetze Sindras verstoßen. Jeder Fremde, der durch die Straße von Ludoi segeln will, braucht die Erlaubnis des Hafenmeisters von Dukhul. Und dass Sie hier nackt vor mir stehen, entspricht den uralten Gebräuchen unserer Dynastie. Personen, die als Feinde Sindras gelten, müssen unbekleidet vor dem Hochkönig erscheinen, damit bewaffnete Anschläge ausgeschlossen werden können. Und überdies …“ Erneut schlich sich ein süffisantes Lächeln auf seine Lippen. „… spüren Frauen auf diese Weise am besten ihre Hilflosigkeit. Das macht sie gehorsamer.“

Tornantha schäumte vor Wut und hätte sich am liebsten sofort auf den Hafenmeister gestürzt und mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen. Seine straffen Muskeln verdeutlichten ihr jedoch, dass dies ein vergebliches Unterfangen gewesen wäre, bei dem sie den Kürzeren gezogen hätte. Daher keifte sie nur: „Sie sind nicht der Hochkönig!“

„Noch nicht“, gestand Lunalto ruhig mit unbewegtem Gesicht zu. „Aber bald. Und zwar dank Ihrer Hilfe.“

Tornanthas Menschenkenntnis sagte ihr, dass das Selbstbewusstsein des Hafenmeisters nicht von ungefähr kam. Er schien überzeugt von seiner Ankündigung. Und dafür musste es einen Grund geben.

Langsam begann sie, ihn mit anderen Augen zu betrachten. Es war kein Wunder, dass ihm scharenweise die Frauen zu Füßen lagen. Seine kräftige Gestalt harmonierte in idealer Weise mit den schönen, wenngleich auch etwas zu harten Gesichtszügen. Unbewusst kämpfte die Witwe Crescals gegen eine langsam einsetzende Schwäche an. Umgekehrt konnte sich auch Lunalto dem Reiz ihrer Erscheinung nicht völlig entziehen. Kataraxas hatte ihn ausführlich über die Gefangene aufgeklärt. Nun verstand der Hafenmeister auch, weshalb selbst junge Männer der Ausstrahlung dieser reifen Frau verfielen.

„Warum glauben Sie, dass ich Ihnen helfe, obgleich Sie mir das hier antun?“, fragte Tornantha und deutete mit einer entsprechenden Geste an, dass sie ihre Nacktheit meinte. Die Angriffslust war jedoch bereits weitgehend aus ihrer Stimme verschwunden.

„Sie sind eine außergewöhnlich schöne Frau“, schmeichelte Lunalto. „Es wäre eine Schande, diese Schönheit zu verhüllen.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte er: „Ich will jedoch ehrlich zu Ihnen sein. Ein wichtiges Druckmittel ist das Schiff, mit dem Sie gereist sind, und das ich jederzeit mitsamt der Besatzung vernichten könnte. Außerdem haben wir die seltsame Ladung, die Sie transportiert haben. Ich nehme an, Sie wollen nicht, dass Ihren Leuten oder der Ladung etwas zustößt.“

„Und was wollen Sie?“, erkundigte sich Tornantha, der nun immer klarer wurde, dass sie sich völlig in der Hand des Hafenmeisters befand. 

„Kommen Sie!“, forderte er sie auf und trat zu einem großen Fenster, von dem aus man einen Teil der riesigen Festungsanlage, die beiden Häfen und die westlichen Bezirke der Hafenstadt überblicken konnte. Wegen des klaren Wetters hatte man sogar freie Sicht über die Meerenge bis zu der großen Insel Ludoi. Es war ein herrliches Bild, voller landschaftlicher Schönheiten und beeindruckender Gebäude.

„Möchten Sie dazu beitragen, dass dies alles erhalten bleibt oder dass es zerstört wird?“, forschte Lunalto. Tornantha sah ihn fragend an, worauf er erklärte: „Ich weiß aus einer sicheren Quelle, dass eine Gruppe monströser Dämonen entfesselt wurde, um wesentliche Teile des Kontinents zu vernichten. Sie werden weder vor Obesien noch vor Sindra haltmachen. Wir brauchen eine mächtige Allianz, wenn wir das alles überstehen wollen. Nord-Obesien muss sich wieder mit dem Süden und mit uns verbünden. Sie sind die Einzige, die das bewerkstelligen kann.“

„Dann werde ich aber nach Modonos zurückkehren müssen“, hielt ihm die unbekleidete Witwe vor.

„Das sollen Sie auch“, bestätigte Lunalto. „Ich werde Ihnen sogar einen mächtigen Beschützer mitgeben, der Sie sicher in Ihr Land geleiten wird. Er heißt Kataraxas und weiß über die Monstren Bescheid, die als die „Gilde der Seelenlosen“ bezeichnet werden. Kataraxas wird Ihnen dabei helfen, die Allianz zu schmieden, die uns allen das Überleben sichern soll.“

Tornantha brauchte nicht lange nachzudenken. Der Ovaria durfte nichts geschehen. Und sie selbst konnte in Modonos mehr bewirken als in Sindra. 

„Ich bin einverstanden“, stimmte sie zu.

„Gut!“, freute sich der Hafenmeister. „Dann werden wir jetzt unseren Pakt entsprechend dem alten Brauch der Hochkönige besiegeln.“ Er trat zu Tornantha, ergriff sie am Oberarm und führte sie zu einer Sitzgruppe in der Raumecke. Auf dem Tisch lag ein schwarzes Tuch. Lunalto faltete es zu einem handbreiten Streifen zusammen und schlang es der Obesierin über die Augen. Scheinbar willenlos ließ sie ihn gewähren. Ihm Widerstand zu leisten, wäre zwecklos gewesen. Vor allem war sie aber äußerst gespannt, was nun folgen würde.

Lunalto zwang sie, sich auf die Sitzfläche eines Sessels zu knien. Dann beugte er ihren Oberkörper nach vorn. Allmählich begriff Tornantha, was ihr bevorstand. Weil sie jedoch nur die halbe Wahrheit ahnte, leistete sie weiterhin keinen Widerstand. Das schwarze Tuch half ihr dabei, das Bild des muskulösen Körpers und des ausdrucksstarken Gesichts vor ihrem inneren Auge zu bewahren. Die alten Hochkönige hatten es verstanden, auch die feinsten Saiten der Vorstellungskraft zum Klingen zu bringen. Als Lunalto die Schenkel Tornanthas leicht auseinander schob und sie zwischen den Beinen befühlte, stellte er fest, dass sie leicht zitterte und feucht geworden war.

Dann trat er lautlos drei Schritte zurück. Wie aus dem Nichts tauchte neben ihm eine große, hagere Gestalt auf. Inzwischen wusste der Hafenmeister, wie sie in den Raum gelangen konnte. Die offene Geheimtür in der Wandvertäfelung war nicht zu übersehen.

Mit wenigen schnellen, panthergleichen Schritten trat Kataraxas hinter Tornantha. Sein silbernes Gewand fiel geräuschlos zu Boden. Mit seinem hoch aufgerichteten, harten Glied drang er tief in die Witwe Crescals ein. Lustvoll stöhnte sie auf. Vor ihrem inneren Auge stand immer noch das Bild des kräftigen Hafenmeisters mit dem jugendhaften Gesicht. Vor dem inneren Auge des ehemaligen Gruftwächters zeichnete sich dagegen ein völlig anderes Wunschbild ab: ein kleines Wesen, das eine neue Dynastie begründen sollte.

 

*

 

Verwundert beobachtete der hochbetagte Mann den gänzlich in schwarz gekleideten Reiter, der sich ihm näherte. Längst fühlte er sich bereits viel zu alt, um Todesangst zu empfinden. Dennoch beschlich ihn ein leiser Schauder. Sowohl in den Augen des Reiters wie in den Augen seines pechschwarzen Pferdes schienen Flammen zu lodern. Der Fremde mit den langen, glänzenden Haaren trug über der Hose lediglich ein dünnes Hemd, das angesichts der bitterkalten Temperaturen im Spätherbst Gatyas völlig unpassend wirkte.

Der alte Mann fröstelte nun noch mehr und zog seinen ausgefransten Fellumhang enger um den Körper. Für kurze Zeit wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem riesigen Eisbaum zu, dessen Blätter in unterschiedlichen Rotschattierungen vom Herannahen des Winters kündeten. Der seltsame Reiter schien den Baum nicht zu beachten. Er hielt genau auf den alten Mann zu. Sein bleiches Gesicht blieb völlig ausdruckslos, und kein Wort kam über seine schmalen, zusammengepressten Lippen, als er unmittelbar vor dem Alten sein Pferd zum Stehen brachte. Er schwang sich aus dem Sattel und legte die wenigen Schritte bis zu dem einsamen Gatyer ohne Hast zurück. Seine Augen flackerten unruhig, gerade so, als ob das Feuer in ihnen den alten Mann verzehren wollte. Der aber stand völlig unbewegt, obgleich er das herannahende Unheil körperlich spürte. Was hätte er auch schon dagegen tun können?

Völlig übergangslos lag ein schwerer Streitkolben in der Hand des Fremden. Der greise Gatyer wunderte sich, wo die klobige Waffe plötzlich hergekommen und wie sie in die Hand des Schwarzgekleideten gelangt war. Es wirkte fast wie Zauberei. Seine Gedanken wurden jäh beendet. Der Hammer sauste herab und zermalmte den Schädel des alten Mannes.

Völlig ungerührt drehte sich der schwarzgekleidete Fremde um und schritt zu dem Eisbaum. Der Streitkolben in seiner Hand verformte sich zu einer Schaufel. In der Nähe des Baumstamms begann er, die Erde aufzugraben. In einer Tiefe von zwei Metern stieß er auf einen kleinen, grauen Stein.

Im schwachen Licht der herbstlichen Sonne des Nordens glitzerten winzige Einschlüsse, die sich über die gesamte Oberfläche des Steins erstreckten und wie der Sternenhimmel an einem grauen Firmament anmuteten. Der schwarzhaarige Mann schob den Stein in den Mund und verschluckte ihn. Fast zwanzig Minuten lang stand er wie eine leblose Statue unter dem Eisbaum von Orondinur. Gelegentlich schwebten einige vertrocknete Blätter zu Boden, die ersten Vorboten des kommenden Winters. Der stumme Mann nahm sie genauso wenig wahr wie die zwölf Reiter, die zuerst am Horizont erschienen und sich nun bis auf Rufweite annäherten.

Das Feuer in den Augen des Fremden erlosch. Unversehens verspürte er Kälte. Etwas benommen ging er mit unsicheren Schritten zu dem erschlagenen Mann, dessen zertrümmerter Schädel den Boden in seiner unmittelbaren Umgebung mit Blut getränkt hatte. Er legte den Spaten zur Seite, wickelte die Leiche aus dem Fellmantel und zog sich den Mantel über. Danach ergriff er wieder den Spaten. Beim Aufstehen blickte er in ein Gesicht, das anscheinend aus dem Nichts aufgetaucht war.

„Du hast einen wehrlosen, alten Mann umgebracht“, lautete der Vorwurf. „Warum hast du das getan?“

Den Fremden überkam der Eindruck, aus einer geordneten, analytischen Welt herausgerissen zu werden. Die Aufgaben, die er zu erledigen hatte, lagen allerdings immer noch klar vor ihm. An seinem folgerichtigen Denken hatte sich nichts verändert. Aber plötzlich war da noch etwas anderes, ein verworrener Wust von Empfindungen, wo zuvor nur Leere geherrscht hatte. Er beschloss kurzerhand, dieses Chaos einfach außer Acht zu lassen.

Blitzartig ordnete er seine Kenntnisse. Die dunklen Augen, die gebogene Nase und die kurzen, schwarzen Haare verrieten ihm, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen Pylax handelte, einen gefährlichen Krieger, der über einen außergewöhnlich schnellen Bewegungsablauf verfügte. Im gleichen Augenblick gewahrte er auch die Frau und die zehn weiteren Reiter. Sie hatten grüne Augen – Gatyer. Ohne dass ihm dies wirklich klar zu Bewusstsein kam, hatte er bereits die Vorgehensweise festgelegt: Der Pylax war am gefährlichsten. Er musste zuerst ausgeschaltet werden, dann die zehn bewaffneten Reiter und zuletzt die zierliche, harmlose Frau.

Der immer noch in seiner Hand liegende Spaten verwandelte sich in ein kurzes Rohr mit einigen sonderbaren, leuchtenden Ausbuchtungen.

Argo a Narga starrte in die Mündung des aus dem Spaten entstandenen Rohrs. Geistesgegenwärtig warf er sich zur Seite. Ein Lichtbündel zuckte auf und hinterließ ein hässliches, rundes Loch mit verkohlten Rändern in der Schulter des Pylax. Während er zu Boden stürzte, flammte die Waffe erneut in schneller Folge auf und erfasste mit tödlicher Präzision einen der Reiter nach dem anderen.

Dann geschah etwas Unvorhergesehenes.

Duotora hatte zunächst nicht begriffen, was vor ihren Augen ablief. Ein völlig in schwarz gekleideter Mann verharrte während ihrer Annäherung bewegungslos wie ein Standbild nahe dem Stamm des Eisbaums von Orondinur. Dann lief er mit einer Schaufel in der Hand wie ein Traumwandler zu einem leblosen Körper, der einige Meter abseits am Boden lag. Für die Eisgräfin hatte es zunächst den Anschein, als ob ein in Trauer versunkener Mensch einen geliebten Toten bestatten wollte. Argo a Narga hatte sich dagegen nicht von Mutmaßungen leiten lassen. Ihm klangen immer noch die warnenden Worte des Bewachers der Gruft im Ohr nach. Er stürmte sofort zu der Stelle, wo der Tote am Boden lag. Duotora konnte die Worte des Pylax nicht hören. Dann warf sich Argo a Narga zur Seite. Aus einem seltsamen Gerät in der Hand des Fremden blitzten Lichtstrahlen auf. Die Schaufel war verschwunden. Erst als weitere Blitze aufzuckten, und die Stadtgardisten aus Orondinur von ihren Pferden stürzten, begriff die Eisgräfin, dass der Fremde eine ihr völlig unbekannte Waffe betätigte.

Die Mündung dieser Waffe zeigte nun auf Duotora. Der Lichtstrahl, der sich daraus löste, wurde jedoch in einer zuerst wabernden, dann grell aufleuchtenden Blase erstickt. Duotora hatte den „vernichtenden Blick“ zur gleichen Zeit eingesetzt, als der Fremde den Abzug seiner Waffe erneut betätigte. Ein heftiger Schreck durchzuckte den Schwarzgekleideten. Die Waffe in seiner Hand zerfiel plötzlich zu Staub. Aber letztlich war es nicht dieser Vorgang, der ihn sekundenlang lähmte. Das Gefühl des Erschreckens selbst hatte ihn überwältigt, denn er hatte noch nie zuvor irgendetwas empfunden.

Ein nicht minder großer Schock fuhr der Eisgräfin in die Glieder. Ihre besondere Gabe hatte zwar die Waffe des Fremden zerstört; an ihm selbst perlten die Wellen des „vernichtenden Blicks“ dagegen wie Wasser ab. Dass Duotoras gesamtes Leben wie dasjenige aller anderen Menschen von einer Abfolge aus vertrauten Gefühlen begleitet wurde, zu denen auch das Erschrecken gehörte, verschaffte ihr den entscheidenden Vorsprung. Noch im gleichen Augenblick hatte sie verstanden, dass den Fremden etwas umgab, das sie auch mit dem „vernichtenden Blick“ nicht zu zerstören vermochte.

Während der Schwarzhaarige die von ihm fälschlicherweise als harmlos eingestufte Frau noch betroffen anstarrte, wendete die Eisgräfin bereits ihr Pferd ab und stob davon. Der Fremde sah sich demgegenüber nicht zu einer sinnvollen Reaktion imstande. Zuerst musste er den logischen Grund für seine Fehleinschätzung finden und daraus das weitere Vorgehen ableiten.

Von einer Anhöhe in einer knappen Meile Entfernung beobachtete ein einsamer Reiter den Ablauf der Geschehnisse. Zerknirscht musste er sich eingestehen, dass er zu spät gekommen war, um das Verderben noch aufhalten zu können. Unschlüssig wartete er ab.

Der Fremde mit dem bleichen Gesicht und den schwarzen Haaren hob langsam den Kopf. Er hatte nun Klarheit. Die zierliche Frau musste eine Eisgräfin sein. Damit gehörte sie als eine Helferin des Geflechts der alten Wesenheiten zu den Personen, die es zu beseitigen galt. Er hielt Ausschau nach seinem Pferd. In diesem Moment blendete ihn ein kurzer Lichtreflex von der entfernten Anhöhe. Der Blick des Fremden fiel auf die Kuppe, und er erspähte den Reiter, dessen goldene Rüstung weithin sichtbar in der Sonne schimmerte. Der goldene Ritter bemerkte, dass er entdeckt worden war. Hastig ritt er nach Osten davon.

Die Denkabläufe des Schwarzhaarigen gerieten erneut ins Stocken. Den Ritter mit der goldenen Rüstung durfte es auf dieser Welt nicht mehr geben! Wieso standen seine Beobachtungen im Gegensatz zu den unumstößlichen Tatsachen? Mit ungewohnter Verzögerung entschied er, diesem unerklärbaren Phänomen auf den Grund zu gehen. Die Beseitigung der Eisgräfin konnte warten. Der Eisbaum von Orondinur war dem Tod geweiht. Dadurch würde die ehemalige Königin zweier Länder sowieso ihre besondere Fähigkeit verlieren. Sie stellte keine Bedrohung mehr dar.

Das Schicksal des schwer verwundeten Pylax kümmerte den bleichen Mann nicht. Mit neu erwachtem Elan nahm er die Verfolgung des Ritters mit der goldenen Rüstung auf. Während auch er im Osten verschwand, brach Duotora zornig ihre Flucht ab und kehrte an den Ort des Geschehens zurück.

Seit ihrer Reise von Sindra nach Oot vor vielen Jahren stand Argo a Narga schützend an ihrer Seite. Und jetzt, da er ein einziges Mal ihre Hilfe benötigt hätte, war sie geflohen. Dass sie einem offenbar übermächtigen Gegner gegenüber gestanden hatte, entschuldigte Duotoras Verhalten in ihren eigenen Augen nicht.

Die Umgebung des sterbenden Eisbaums wirkte verlassen. Elf Leichen lagen verstreut umher, ferner ein schwerverletzter Pylax. Den elf Toten konnte niemand mehr helfen, wohl aber dem Krieger aus Zitaxon mit der rätselhaften Brandwunde.




Kapitel 2 – Die Mitteilung des letzten Überlebenden

 

Jalbik Gisildawain sah sich gehetzt um.

„Fürs Erste sind wir den Häschern des Hafenmeisters entkommen“, beruhigte ihn Stilpin.

Die Kutsche stand nun abseits der ohnehin unbelebten Straße auf einer Lichtung in einem nur schwer zugänglichen Waldstück. Der Kutscher hatte all seine Fertigkeiten aufbieten müssen, um diese von Stilpin ausgekundschaftete Stelle zu erreichen.

Mittlerweile hatten sie auch längst die Hauptverkehrsader zwischen Dukhul und Zitaxon verlassen. Dort schien die Entdeckungsgefahr einfach zu groß. Ein weiterer Grund lag darin, dass Stilpin und der Freibeuter beschlossen hatten, nach Borthul zu fliehen. Zwar widerstrebte ihnen der Gedanke, dorthin zurückzukehren, wo sie erst unlängst hergekommen waren; andererseits bot sich aber voraussichtlich nur in Lodumon oder Flagant die Gelegenheit, mit Hilfe eines Schiffes die Ovaria an einen möglichst sicheren Ort zu bringen. Insgeheim schwebte Stilpin das Paradies der Küste in Oot als Zielort vor. Dort würde er sich endlich auch seinen eigenen Traum erfüllen können.

„Wir können uns nicht ewig hier verstecken“, nörgelte Jalbik Gisildawain.

„Das habe ich auch nicht vor“, entgegnete der Priester des Wissens. „Ich werde den weiteren Verlauf des Weges erkunden. Danach können wir aufbrechen.“

Ohne die Zustimmung seiner beiden Reisegefährten abzuwarten, ging Stilpin zu einem der ausgeschirrten Kutschpferde und legte ihm einen Sattel auf. Sodann schwang er sich auf den Rücken des Pferdes und verschwand zwischen den dicht stehenden Bäumen am Rande der Lichtung.

Jalbik Gisildawain und der Kutscher harrten unschlüssig neben der Kutsche aus und hingen ihren Gedanken nach. Mit einer schwebenden Leichtigkeit entfernten sich diese Gedanken von ihrer derzeit misslichen Lage. Immerhin waren die Beschützer des Raupenwesens in einem feindlichen Land gestrandet und einer gnadenlosen Verfolgung ausgesetzt. Die Ausstrahlung der Ovaria ließ sie diese bedrohliche Lage aber vorübergehend vergessen.

Zwei Stunden mussten seit dem Aufbruch Stilpins bereits vergangen sein. Zunehmend begann eine körperliche Unruhe, die heitere Stimmung der beiden Männer zu verdrängen. In Wahrheit näherte sich ein Schatten, der den Einfluss der Ovaria überlagerte. Zwischen den Bäumen standen unvermittelt zwei Gestalten.

Das ist doch nicht möglich!, dachte der Freibeuter und sprang entsetzt auf. Bei dem größeren der beiden Ankömmlinge handelte es sich augenscheinlich um den Fremden, den er im Privatkerker seines Landsitzes auf der Insel Borgoi gefangen gehalten und später gegen den Höchsten Priester ausgetauscht hatte. War er gekommen, um sich zu rächen? Die furchterregende, sensenartige Waffe in seiner Hand mutete wie eine aus Stahl geschmiedete Bestätigung dieser Befürchtung an.

Jalbik Gisildawain riss das Schwert aus seinem Gürtel. Der Kutscher, der während der ganzen Zeit das Verhalten des Freibeuters beobachtet hatte, tat es ihm gleich. Völlig unbeeindruckt näherten sich die beiden Ankömmlinge. Die Männer aus Borgoi und Obesien konnten nun deutlich die gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen erkennen. Obwohl die äußere Erscheinung der beiden Fremden ansonsten kaum unterschiedlicher hätte sein können, hatten sie die gleichen Augen.

„Willst du mich töten, obgleich ich dir das Leben gerettet habe?“, fragte der Freibeuter den weitaus größeren der beiden Männer. Unverkennbar schwangen Angst und Unsicherheit in seiner Stimme mit. Dennoch übersah er nicht den kurzen, erstaunten Blick, den sich die beiden Fremden zuwarfen.

„Ich bin nicht der, den du wiederzuerkennen glaubst“, antwortete der Mann mit der sensenartigen Waffe. Jalbik Gisildawain wusste in seiner Verwirrtheit gar nicht, was er glauben sollte. Der hässliche, sägende Klang der Worte war ihm durchaus vertraut. Genau so hatte sich die Stimme des Unbekannten angehört, mit dem er stundenlange Gespräche geführt hatte, nachdem er ihn aus dem tosenden Meer vor der Tasche von Derkh gefischt und anschließend in seinem Kerker auf dem Hügel Karadastak gefangen gehalten hatte.

„Steckt die Waffen weg!“, verlangte nun der Kleinere der beiden Fremden, ein zierlicher Mann mit schneeweißer Haut und goldenen Locken. „Wir wollen euch nicht töten. Aber wenn es sein muss, werden wir es tun.“

Er bückte sich und hob einen schweren Felsbrocken wie eine Feder empor. Der Freibeuter aus Borgoi wäre nicht in der Lage gewesen, diesen Felsen auch nur um Haaresbreite zu bewegen. Der zierliche, weiße Mann brach den Stein jedoch wie ein morsches Stück Holz in der Mitte entzwei und ließ die beiden Stücke zu Boden fallen. Zögernd steckten Jalbik Gisildawain und der Obesier nach dieser Machtdemonstration ihre Schwerter wieder weg.

„Mein Name ist Dorothon“, erklärte der Weiße Mann. „Und das ist mein Sohn Quosimanga. Wir werden die Ovaria an einen sicheren Ort bringen.“

 

*

 

Der Eisgraf atmete auf. Offensichtlich kam er nicht zu spät. Die Blätter des Eisbaums leuchteten in ihrer herbstlichen Farbenpracht. Mit einer unglaublichen Kaskade von Rottönen verabschiedete sich der Baum von dem allmählich zu Ende gehenden Jahr. In Kürze würde in diesem Teil Gatyas der bitterkalte Winter des Nordens Einzug halten, und alles Leben würde vorübergehend unter einer dicken Schneedecke versinken. Septimor hatte das Gefühl, an der Wiege der Menschheit zu stehen. Hier in Bregunzides kündeten die ältesten Zeugen des Kontinents vom frühesten Zusammenleben in einer Ansiedlung: die dicken Mauern dieser Anlage waren lange Zeit vor dem Beginn geschichtlicher Überlieferungen entstanden. Ihre Errichtung wurde den Ur-Sterzen zugeschrieben, einem Volk, dessen Herkunft sich im Dunkel der Vorgeschichte verlor.

Die Schnurrbartenden des Eisgrafen wippten in einer leichten Brise, die von Gatas herüberwehte, der Hauptstadt des nordwestlichsten Landes. Das leise Rascheln der angetrockneten Blätter zeigte Septimor, dass sich der Lebenssaft des Baumes bereits auf dem Rückzug befand. Dies entsprach jedoch der regelmäßigen Entwicklung im Ablauf der Jahreszeiten. Sollte Grakinovs Sorge unbegründet gewesen sein? Septimor konnte nichts erkennen, was das ruhige und friedliche Bild an diesem ältesten Ort der Zivilisation zu trüben vermochte. Selbst der mäßige Wind war wieder vollständig abgeflaut. Der Eisgraf setzte sich auf eine der ungewöhnlich dicken Mauern, die den mutmaßlichen Hof der vorzeitlichen Festungsanlage begrenzten. Er wartete, ohne zu wissen worauf.

Wie den meisten Menschen bereitete das Warten auch dem Mann aus Kerdaris keine Freude. Zu ereignisreich war sein Leben verlaufen, als dass er am Müßiggang hätte Gefallen finden können. An einem Ort wie Bregunzides galten jedoch andere Gesetzmäßigkeiten.

In unmittelbarer Nähe von Eisbäumen wurden die Eisgrafen stets von einer ganz besonderen Stimmung ergriffen. Es fühlte sich an, als ob die Seele auf einer Woge in einem Meer unbeschwerter Empfindungen dahintreiben würde. Die Zeit wurde bedeutungslos bei diesem Bad in der Glückseligkeit.

Das Licht und vor allem die Wärme der herbstlichen Sonne büßten auf ihrem Weg zum Horizont rasch an Kraft ein. Septimors entrücktes Bewusstsein kehrte jäh in die raue Wirklichkeit zurück. Das lag jedoch weniger an der allmählich einsetzenden Kälte. Vielmehr zeichnete sich im Westen gegen den Abendhimmel ein Reiter ab, der genau auf die vorgeschichtliche Sterzenfestung zuhielt. Es handelte sich um einen Mann mit langen, glatten, schwarz glänzenden Haaren und schwarzer Kleidung auf einem pechschwarzen Rappen. Selbst der Älteste und Erfahrenste der Eisgrafen konnte sich eines Gefühls der Beklemmung nicht erwehren, als er die flammenden Augen des Reiters und seines Pferdes gewahrte. Das waren unverkennbar keine Wesen, die der Kontinent hervorgebracht hatte!

Mit einem Satz schwang sich der schwarz gekleidete Mann aus dem Sattel und landete federnd auf dem Boden. Wortlos setzte er sich in Richtung des Eisgrafen in Bewegung. Septimor spürte körperlich die Bedrohung, die von dem Fremden ausging. Unwillkürlich, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden, setzte er den „vernichtenden Blick“ ein. Die wabernde Blase erfasste den Fremden, erlosch aber sogleich wieder. Der schwarzhaarige Mann setzte seinen Weg unbeirrt fort.

Septimors Hand krampfte sich um den Schwertgriff an seiner Seite, obwohl er bereits ahnte, dass auch diese Waffe der unheimlichen Gestalt keinen Einhalt gebieten konnte. Dann lösten sich jedoch schlagartig die feurigen Augen vom Gesicht des Eisgrafen und schauten nun in eine andere Richtung. Der Fremde schritt unmittelbar an Septimor vorbei, durch eine eingefallene Bresche im Verteidigungswall des Innenhofs zu den Überresten eines dahinter gelegenen Gebäudes. Der Eisgraf folgte ihm mit seinen Blicken und erstarrte. Zwischen den breiten Pfosten einer ehemaligen Türöffnung stand eine riesenhafte Gestalt in einer goldenen Rüstung.

„Halt!“, dröhnte die Stimme des goldenen Ritters. „Keinen Schritt weiter!“

Der Fremde blieb abrupt stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Der Ritter mit der goldenen Rüstung trat zwei Schritte zur Seite und öffnete seine zur Faust geballte Hand. Sie hatte einen kleinen Metallwürfel umschlossen, aus dem ein kurzer Stift herausragte. Nun legte er diesen Würfel auf den Sockel einer abgebrochenen Säule und ging anschließend mehrere Schritte rückwärts.

Das Feuer in den Augen des Schwarzhaarigen loderte beim Anblick des seltsamen Gegenstandes noch stärker auf. Wie von einem Zwang getrieben trat er an den Würfel heran und griff danach. Das war der Augenblick, in dem er den Mann mit der goldenen Rüstung nicht im Blick behalten konnte. Der Ritter riss mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung sein riesiges, reich verziertes Schwert aus der Scheide, holte blitzartig aus und ließ es auf den Fremden herabsausen. Noch bevor die Klinge den Schwarzgekleideten berührte, schien sie sich in eine Flammenzunge zu verwandeln. Als sie auftraf, wurde sie von einem Mantel hüpfender Funken eingehüllt.

„Jetzt, Septimor!“, donnerte die Stimme des Ritters mit der goldenen Rüstung.

Der Eisgraf hatte sofort begriffen, was von ihm erwartet wurde. Ein leichtes Prickeln breitete sich in seinem Genick aus, während er von seiner besonderen Gabe erneut Gebrauch machte. Eine wabernde Blase erstickte die tanzenden Funken schlagartig. Dieses Mal entfaltete der „vernichtende Blick“ tatsächlich seine vernichtende Wirkung. Als die Blase in sich zusammenfiel, verschwand auch der unheimliche Fremde. Ein wenig Staub rieselte vor dem Sockel der abgebrochenen Säule zu Boden. Der goldene Ritter schritt achtlos über den verwehenden Staub hinweg, ergriff den eigenartigen Metallwürfel und ließ ihn wieder in dem Panzerhandschuh verschwinden, der seine mächtige Faust umschloss.

 Dann sagte er zu Septimor: „Du hast den letzten Eisbaum Gatyas gerettet, vorläufig. Das Wesen, das du getötet hast, gehörte zur Gilde der Seelenlosen. Es war jedoch noch unfertig. Der Seelenlose hingegen, der den Eisbaum von Orondinur vernichtet hat, kann nicht mehr besiegt werden. Dennoch müssen wir den Kampf fortsetzen, wenn wir uns nicht feige in unser Schicksal ergeben wollen. Gehe nach Rabenstein und sage Unitor, dass er sofort seinen Eisbaum in Drinh aufsuchen soll. Die Gilde der Seelenlosen wird versuchen, auch diesen Baum zu zerstören. Helfe Unitor, ihn zu verteidigen! Mit dem Schwert von Umbursk könnt ihr den Feind besiegen, solange er den Baum noch nicht erreicht hat.“

Septimor erkannte schon an der Stimme, die keinen Widerspruch duldete, dass es keines weiteren Wortes bedurfte. Obgleich ihn bohrende Fragen beschäftigten, hob er die Hand für einen kurzen Abschiedsgruß. Er ahnte, dass er den Mann mit der goldenen Rüstung wiedersehen würde. Und ebenso ahnte er, dass er ihm zuvor schon einmal begegnet war, wenngleich auch in anderer Gestalt. 

Der Eisgraf wandte sich ab und ging zu seinem Pferd, das auf einer nahegelegenen Wiese friedlich graste. Er musste schnellstens Rabenstein erreichen, um den Tod eines weiteren Eisbaums zu verhindern. Während er in der Ferne verschwand, begab sich der Ritter mit der goldenen Rüstung zu dem geretteten Eisbaum.

„Das Geflecht der alten Wesenheiten muss sofort den Krieg gegen seine Beschützer und Verbündeten einstellen“, verlangte er. „Andernfalls wird die Gilde der Seelenlosen alles, was auf die Schöpfer hindeutet, vom Angesicht dieser Welt tilgen. Sorge dafür, dass diese Kunde alle erreicht, die hiervon betroffen sind. Es gibt bereits einen Seelenlosen, der zum Seelenträger geworden und im Kampf selbst mit meiner Hilfe nicht mehr zu besiegen ist.“

Anschließend lief er zu dem rabenschwarzen Pferd des Seelenlosen, das immer noch wie angewurzelt an der gleichen Stelle stand, wo sein getöteter Besitzer es abgestellt hatte. Er schwang sich auf den Rücken des Rappen. Ohne den geringsten Widerstand gehorchte das Pferd seinem neuen Besitzer. Dessen eigenes Pferd schloss sich ihnen wenig später an. Der goldene Ritter ritt einige Meilen in westlicher Richtung. Dann wendete er nach Süden ab und ließ ein paar Stunden später sein eigenes Pferd frei. So konnte er sicher sein, den Seelenträger, der ihn verfolgte, in die Irre zu führen. Er würde seine Spur verlieren und auch nicht nach Bregunzides reiten.

 

*

 

Sicherlich entsprang die Entscheidung, den „Elefantenbuckel“ zu erklimmen, einem Gefühl der Hilflosigkeit. Von dieser Anhöhe am nordöstlichen Zipfel der Ebene von Pleeth hatte man einen der am weitesten reichenden Panoramablicke auf dem gesamten Kontinent. Dennoch durfte die kleine Gruppe natürlich nicht die Hoffnung hegen, das fieberhaft gesuchte Gefährt zu sichten. Außer Chrinodilh wusste niemand, wie die Nachricht übermittelt worden war. Trotzdem zweifelte keine der vier anderen Personen ernsthaft daran, dass sie zutraf. Eine Flotte des Hafenmeisters von Dukhul hatte das Schiff des Freibeuters Jalbik Gisildawain auf seinem Weg durch die Straße von Ludoi zum Anlanden gezwungen. Danach verlor sich die Spur der Kutsche mit der Ovaria in Sindra.

Dass selbst Larradana, von der die Mitteilung stammte, über den Aufenthaltsort der „Schlummernden“ nichts Näheres wusste, gab Chrinodilh zu denken. Noch bedenklicher erschien ihr aber die Tatsache, dass sich die Weiße Frau an der Suche nicht beteiligte, sondern stattdessen in Zitaxon ausharrte, um den Hochkönig zu beschützen. Es musste sich schon um äußerst gefährliche Bedrohungen handeln, wenn die Mutter der Pylax glaubte, in der Hauptstadt unentbehrlich zu sein.

Ilyris ging unruhig auf und ab und ließ dabei ihr Schwert kreisen. Sestor schliff die Schneide seines Dolches nach. Wie immer hingen dabei seine schwarzen Haare herab, sodass sein Gesicht nicht zu erkennen war. Ilkir schnitzte am Federkiel eines Pfeiles, und Chrinodilh stand am Kuppenrand des Elefantenbuckels. Sie wippte auf den Fußspitzen und versuchte anscheinend, über den Horizont hinauszusehen. Tergald lag lang ausgestreckt am Boden und hatte die Augen geschlossen.

„Es muss doch eine Möglichkeit geben, die Kutsche aufzuspüren“, sinnierte Ilyris.

„In vielen Teilen Sindras gibt es unwegsame Waldgebiete, wo man sich lange versteckt halten kann, ohne entdeckt zu werden“, meinte Sestor.

„Die Gilde der Seelenlosen ist bereits unterwegs.“ Die Stimme Chrinodilhs klang düster und überhaupt nicht kindlich. „Das Geflecht der alten Wesenheiten wurde aufgeschreckt. Ganz Sindra sucht nach der Ovaria. Sie wird gefunden werden. Leider aber nicht von einfachen Menschen.“

Stille trat ein. Dann öffnete Tergald die Augen und setzte sich auf.

„Im Buch der Vorzeit gibt es eine Geschichte, die von der Prophezeiung eines Mannes namens Brigaltio handelt“, berichtete er. „Brigaltio lebte zur Zeit der frühen Hochkönige. Mir ist eine Stelle seiner Prophezeiung wörtlich in Erinnerung geblieben. Sie lautet: „Durch die Unterdrückung der Menschen säen die Hochkönige den Hass. Der Widerstand wird sich an einer verborgenen Brutstätte des Zorns sammeln und gedeihen. Wenn das Verderben seinen Lauf nimmt, wird sich die Brut der Wut erheben und die Dynastie zerschmettern“. Das sind die einzigen Worte, die von Brigaltio im „Buch der Vorzeit“ überliefert sind. Sein Hauptwerk mit dem Titel „Die Proklamation des Umsturzes“ ist verschollen.“

Tergald legte eine kurze Pause ein, dann fuhr er fort: „Ich glaube nicht, dass Brigaltio wirklich ein Prophet war. Er muss ein Mensch gewesen sein, dem die Hochkönige großes Unrecht angetan haben. Niemand außer ihm hat im alten Sindra je gewagt, den Herrschenden derart offene Worte der Missbilligung entgegenzuschleudern. Entweder wurde er gevierteilt, oder es ist ihm gelungen, unterzutauchen und im Verborgenen weiterzuwirken. Wenn die Hochkönige ihn ergriffen und bestraft hätten, wäre das als Abschreckung gegen aufrührerische Bestrebungen gewiss überliefert worden. Keiner der alten Kriegerkönige hätte solche Worte geduldet. Folglich muss man davon ausgehen, dass stattdessen tatsächlich eine geheime Brutstätte des Zorns entstanden ist, eine Ansiedlung der Verfemten, die über die Zeiten darauf gewartet haben, die Dynastie in einem geeigneten Augenblick zu stürzen. Nach den Worten ihres Propheten ist dieser Augenblick gekommen, sobald „das Verderben seinen Lauf nimmt“. Jahrtausendelang wurde die „Brut der Wut“ nicht entdeckt. Jetzt aber, da sich die Gilde der Seelenlosen angeschickt hat, Tod und Verderben über den Kontinent zu bringen, liegt es nahe, dass die Verfemten ihr Versteck verlassen und sich gegen die alte Ordnung erheben.“

„Was hat das mit der Ovaria zu tun?“, stellte Sestor die naheliegende Frage.

„Wenn die Ovaria vom Geflecht der alten Wesenheiten aufgespürt wurde, werden ihre Beschützer sie an einen Ort bringen wollen, den möglichst niemand findet“, mutmaßte der Lokhriter. „Falls es die Brutstätte des Zorns tatsächlich geben sollte, wäre dies der am Besten getarnte Ort auf dem ganzen Kontinent. Denn obwohl er seit Jahrtausenden existieren würde, hat kein Außenstehender je von ihm gehört.“

„Wenn wir diesen Faden weiterspinnen, frage ich mich, was wir gewonnen haben“, maulte Sestor. „Statt einer gut versteckten Kutsche suchen wir einen noch besser versteckten Ort.“

Tergald sah zu Chrinodilh. Das Mädchen mit den goldenen Locken nickte ihm zu. Sie hatte verstanden.

„Es gibt sogar zwei Unterschiede“, belehrte sie den Eisgrafen. „Eine Ansiedlung ist viel größer als eine Kutsche, und sie befindet sich nicht in ständiger Bewegung. Deshalb ist sie trotz allem leichter zu finden.“

Ilyris hatte bemerkt, dass Tergald mit seinen Vermutungen noch nicht am Ende war. Sie liebte die scharfsinnigen Gedankengänge des Lokhriters.

„Wo – glaubst du – ist dieser Ort?“, fragte sie.

„Jedenfalls nicht in Sindra“, erwiderte er. „Im unmittelbaren Machtbereich der Hochkönige wäre ein solches Widerstandsnest längst entdeckt worden. Es gibt hierzulande zu viele Spione und Menschen, die den Hochkönigen wohlgesonnen sind, weil sie selbst von der Herrschaft über den gesamten Kontinent träumen. Andererseits will die „Brut der Wut“ sicherlich schnell zur Stelle sein, wenn sich das nahende Ende der Dynastie abzeichnet. Man wird also wohl annehmen müssen, dass sich der Ort in einem Nachbarland befindet. Lumburia scheidet aus, weil die Ureinwohner von jeher keine Fremden in ihrem Dschungel geduldet haben. Surdyrien lag schon immer im Machtbereich Obesiens. Die Obesier sehen die Sindrier als Feinde an, wobei es für sie gleichgültig ist, ob jemand der Dynastie wohlgesonnen ist oder nicht. Also bleibt nur Borthul übrig.“

„Müssten Wüteriche nicht befürchten, gerade dort am ehesten aufzufallen?“, wandte Sestor ein. „Borthul ist ein friedliches Land, das seine Nachbarn mit Nahrungsmitteln versorgt.“

„Deshalb ist es ja auch am besten als Unterschlupf für Menschen geeignet, die es von jeher verstanden haben, sich anzupassen“, erklärte Tergald. „Wir dürfen nicht nach einem außergewöhnlichen Ort suchen, wo sich offensichtlich gefährliche Menschen zusammengerottet haben.“

„Vielleicht wird es genau die Stadt sein, die am friedlichsten erscheint“, stimmte Chrinodilh zu.

„Das wäre aber auch auffällig“, meldete sich Ilkir zu Wort. Alle sahen ihn überrascht an. Sein Einwand zeugte von einer unabweisbaren Logik. Bisher hatte jeder den Mivv nur für einen blutrünstigen Jäger gehalten, der sich allein von seinen Sinnen leiten ließ.

„Wer sagt uns, dass es diese Siedlung wirklich gibt?“, zweifelte Sestor erneut.

„Gehen wir nach Borthul und finden es heraus!“, beendete Ilyris die Debatte. Sie steckte ihr Schwert weg und ging zu ihrem Schimmel. Damit war die Entscheidung gefallen.

 

*

 

Er hatte die Karte detailgetreu vor seinem inneren Auge. Deshalb kannte er die genaue Entfernung zur Senke, obwohl er sie noch nicht sehen konnte. Er entschloss sich, den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Seit er das kleine Eiland verlassen hatte, waren drei Wochen vergangen.

Einen „Deltong“ nannten ihn die auf dem Gatyschen Kap beheimateten Menschen. So lautete auch der Name der Insel, auf der er seit unvordenklichen Zeiten gewartet hatte, ohne zu wissen, ob seine Dienste jemals benötigt würden. Gewiss, er hätte die Zeitspanne des Wartens auf die Sekunde genau angeben können. Aber solche Dinge besaßen für ihn keinerlei Bedeutung. Einheiten der Zeit erschienen erst in einem Kampf wichtig. Ein solcher hatte nun jedoch begonnen. Der seit dem Verlassen der Insel verstrichenen Zeitspanne maß er deshalb eine Bedeutung bei, weil er daraus Rückschlüsse auf den Informationsstand seiner Gegner ziehen konnte. Sie als Opfer zu bezeichnen, wäre vielleicht zutreffender gewesen. Aber die eiskalte Logik des Deltong sagte ihm auch, dass sie erst mit ihrer Vernichtung zu Opfern wurden. Bis dahin waren sie seine Gegner. Und diese Gegner wussten inzwischen wahrscheinlich über den Beginn der Säuberungsarbeiten Bescheid.

Seine Schöpfer hatten die genaue Vorgehensweise festgelegt und in seinen biologischen Schaltkreisen verankert. Zuerst musste er sich den Seelenstein an der Wurzel eines Riesenbaumes beschaffen. Dieser Stein würde ihn unbesiegbar machen. Danach musste er alle Gegenstände und alte Wesenheiten auslöschen, die Rückschlüsse auf die einstige Anwesenheit der Schöpfer zuließen. Zuletzt, nach der Erledigung all dieser Aufgaben, durfte er sich selbst zerstören.

Das Signal, das die Deltongs veranlassen sollte, ihr winziges Eiland zu verlassen, war ausgelöst worden. Dies bedeutete, dass es keinen Schöpfer mehr auf der großen Insel gab, die die Menschen als „Kontinent“ bezeichneten.

In seinen schwarzen Stiefeln näherte sich der Deltong der Senke von Tarrda, der Heimstatt des Eisbaums von Kerdaris. Bald konnte er die schwarzen Ränder des weitläufigen Lochs erkennen. Die Schöpfer hatten den Deltong mit allen Kenntnissen ausgestattet, die im Zusammenhang mit seiner Aufgabe von Belang sein konnten. Daher wusste er, dass vor Millionen von Jahren ein großer Gesteinsbrocken vom Himmel herabgefallen und an dieser Stelle aufgetroffen war. Die Schöpfer bezeichneten ihn als einen „Meteoriten“. Seine glühende Hülle hatte den Boden derart verbrannt und verglast, dass mit Ausnahme des Eisbaums seither keine Pflanze mehr in der Senke wuchs.

Der Seelenlose verließ sich nicht ausschließlich auf seine eigenen Sinne, die man durchaus mit denen der Menschen vergleichen konnte. Er zog ein kleines Gerät aus einer Tasche seiner weiten, schwarzen Hose. Es gehörte zu der Ausstattung, mit der ihn die Schöpfer versehen hatten. Dieses Gerät verfügte über eine Reihe kleiner Knöpfe, mit deren Hilfe es sich in unterschiedliche Gegenstände verwandeln konnte. Die Schöpfer hatten sie als „Realprojektionen“ bezeichnet. Der Kern des Geräts, den sie „Energieprojektor“ nannten, blieb dabei stets unverändert erhalten.

Der Deltong betätigte einen der Knöpfe. Das Gerät veränderte sich nicht, zeigte dem schwarzgekleideten Mann aber an, was er mit seinen eigenen Sinnen bereits wahrgenommen hatte: weit und breit gab es kein lebendes Wesen, das von seiner Gestalt her als möglicher Gegner in Betracht gekommen wäre. Der Deltong empfand bei dieser Erkenntnis keine Erleichterung oder Befriedigung. Zu Gefühlen war er nicht fähig, noch nicht. Er steckte das Gerät wieder weg und bewegte sich weiter auf den Rand der Senke zu. Der Auftrag konnte nun zügig erledigt werden.

Das Instrument der Schöpfer eignete sich nicht nur dazu, das Vorhandensein lebender Wesen in einem bestimmten Umkreis festzustellen. Der Benutzer konnte sich damit auch noch ganz andere Dinge anzeigen lassen. Dafür bestand jedoch nach der berechnenden Logik des Deltong keine Veranlassung. Die auf dem Kontinent lebenden Menschen lagen in ihrer Entwicklung unendlich weit hinter den Schöpfern zurück. Und die Schöpfer selbst hatten den Kontinent verlassen. Folglich konnte es nichts geben, das den schwarzhaarigen Mann in irgendeiner Weise hätte gefährden können. 

Sein Gang zur Senke von Tarrda endete abrupt und völlig unvorhergesehen. Für den Deltong fühlte es sich an, als sei er gegen ein engmaschiges Netz aus glühenden Fasern gelaufen. Blitze zuckten knisternd im gesamten Bereich seines Körpers auf. Funken sprühten nach allen Seiten. Winzige, rote Quadrate bedeckten seine Kleidung und fraßen sich in seinen Körper. Mit zunehmender Tiefe verdichteten sie sich und versengten seine inneren Organe.

Seine unbestechliche Logik wurde dem Deltong zum Verhängnis. Er war von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Den Fehler in dieser Rechnung hatten aber nicht einmal die Schöpfer selbst vorausahnen können.

Hätte der Seelenlose die Wurzel des Eisbaums erreicht, wäre er nicht mehr aufzuhalten gewesen. Stattdessen tappte er unmittelbar vor seinem Ziel in eine Falle. Seine letzten Gedankengänge wurden erneut von einer unumstößlichen Folgerichtigkeit geprägt: Offenbar musste jemand auf dem Kontinent mit der Denkweise der Schöpfer und ihrer Geschöpfe bestens vertraut sein. Oder stammte die Falle noch aus einer längst vergangenen Zeit und galt jemand anderem? Aber wem? Für die Menschen war sie offensichtlich unschädlich, denn sie reagierte auf eine Ausstattung, die kein Mensch besaß.

 

*

 

„Dies ist eine Begegnungsstätte, die zu einer friedlichen Verständigung der Völker beitragen soll“, erklärte Telimur eindringlich. „Selbst wenn wir Sie unterstützen wollten, hätten wir nicht die dafür notwendigen Mittel.“

Damit gaben sich die beiden Besucher jedoch nicht zufrieden.

„Wir sind von sehr weit hergekommen, um Ihre Hilfe zu erbitten“, appellierte der Kapitän aus Lokhrit. „Mir ist durchaus bewusst, dass Sie uns keine Armee zur Verfügung stellen können. Darum geht es aber auch nicht. Immerhin haben Sie mächtige Freunde.“ Er deutete mit einer vielsagenden Geste zur Tür, durch die gerade Ardenastra und Unitor eintraten.

„Worum geht es?“, wollte die Herzogin wissen.

In kurzen Worten schilderte der lokhritische Seefahrer, der sich in Begleitung eines Shondo befand, seine Geschichte zum zweiten Mal: „Ich habe zusammen mit vier anderen Schiffen der lokhritischen Flotte eine Sklaven-Galeere aufgebracht, die für den Schnorst von Oot Shondo nach Surdyrien transportieren sollte. Mein Begleiter hier war einer dieser Gefangenen. Er hat mir berichtet, dass Baradia und Uggx gemeinsam mit einem Schiffsbesitzer aus Lumbur-Seyth einen Seehafen oberhalb des Paradieses der Küste bauen, der vorwiegend diesem Sklavenhandel dienen soll. Baradia hat ihr Monasterium zu einer riesigen Befestigungsanlage umbauen lassen. Uggx hat ein Heer aus Shondo aufgestellt, mit dessen Hilfe er den Hafen und das Monasterium schützt, um weiterhin ungestört seinen Sklavenhandel betreiben zu können. Die Sklaverei verstößt gegen die Grundsätze der Menschlichkeit. Außerdem vertritt der Hafenmeister von Lohidan die Meinung, dass das Heer der Shondo eine Bedrohung für Lokhrit darstellt.“

„Ich kenne Uggx“, erklärte Unitor und dachte an die Zeit zurück, in der er an der Seite des Shondo gegen die Obesier gekämpft hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er eine Bedrohung für Ihr Land darstellt.“

„Seit Berion nicht mehr lebt, hat sich der Schnorst von Oot verändert“, warf der Begleiter des Lokhriters ein. „Meine Leute behaupten, dass er schon immer hauptsächlich seine eigenen Ziele verfolgt hat. Das muss damit zusammenhängen, dass er und Baradia nicht altern. Es gibt anscheinend einen Pakt zwischen dem Schnorst von Oot und der „Gütigen Frau“. Nicht nur mein eigenes Volk, sondern auch die Steppenmenschen werden von den beiden verraten und unterjocht. Wir müssen sie aufhalten, bevor es in Oot zu einem schrecklichen Krieg kommt.“

„Es tut mir leid“, wiederholte Telimur. „Wir können euch nicht helfen.“

„Vielleicht können wir das doch“, meinte Unitor. „Wir haben zwar keine Armee, aber möglicherweise können wir euch bei dem Versuch unterstützen, eure Schwierigkeiten selbst zu lösen. Einem meiner Vorfahren, Gundur zu Drinh, ist es gelungen, allein mit der Macht des Wortes die drei Nordlande zu vereinen. Es gibt Novizen in Rabenstein, die ich aufgrund ihrer Lebenserfahrung und ihrer Belesenheit für fähig genug halte, in Oot etwas zu bewirken.“

„Du denkst an Yruk und Drak“, erriet Telimur.

„Ja. Als Abkömmlinge von Eingeborenen wären sie die erste Wahl“, bestätigte Unitor. „Es entspricht doch der Tradition dieser Schule, dass die Novizen eine Aufgabe erledigen müssen, um zu vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft von Rabenstein aufzusteigen. Yruk und Drak brennen schon lange darauf, sich zu bewähren. Schicke sie nach Oot!“

Telimur griff den Gedanken seines Freundes sofort auf. Auch er traute den beiden Shondo zu, in Oot eine Wendung zum Besseren bewirken zu können. Wenn es ihnen gelänge, die sittlichen Maßstäbe dort wieder ins Lot zu bringen, würden sie dadurch wahrscheinlich einen Krieg verhindern.

Zur gleichen Zeit befand sich jedoch ein weiterer Mann auf dem Weg nach Oot. Seine Haut war nicht schwarz wie die der Shondo, wohl aber seine Haare und seine Kleidung. Er strebte auch keine Veränderung der sittlichen Maßstäbe an. Er hatte nicht einmal eine Vorstellung davon, worum es sich bei sittlichen Werten überhaupt handelte. Dafür hatte er umso genauere Vorstellungen davon, was dort zerstört werden musste.

 

*

 

Ein kurzer Ruck verriet Eftian, dass ein Fisch angebissen hatte. Da er einen Gefleckten Pilgrim als Köderfisch benutzte, handelte es sich bei dem Fang mit Sicherheit um einen der großen, schmackhaften Flusskarpfen. Es kostete den Fischer einen erheblichen Kraftaufwand, die Angel festzuhalten. Die mehr als fingerdicke Rute aus einem Stämmchen des Sorkar-Strauchs bog sich bereits gefährlich durch.

Der hagere Mann stellte sich auf einen langwierigen Zweikampf mit dem armlangen Karpfen ein, der gewiss mehr als ein Drittel von Eftians eigenem Gewicht wog. Die dünne Tegkhra-Leine würde zweifellos halten. Aber galt das auch für die Sorkar-Rute, deren Krümmung nochmals verdächtig zugelegt hatte?

Aus den Augenwinkeln erfasste der Fischer die zierliche Gestalt, die neben ihm mit zwei schnellen Schritten in das seichte Wasser des Uferbereichs trat und die Angelleine ergriff. Der schwere Fisch sprang zappelnd aus dem träge dahinfließenden Gewässer, während der Fremde zurück zur Uferböschung lief und die Leine hinter sich her zog. Das geschah so entspannt, als würde kein riesiger Karpfen am Haken verbissen um sein Leben kämpfen. Bewegungslos und bass erstaunt sah Eftian zu, wie der weißhäutige Mann mit den goldenen Locken den Fisch scheinbar ohne Kraftaufwand unbeirrt aus dem Wasser zog. Mit einem eleganten Schwung warf er ihn dem Angler vor die Füße.

Ein kurzer Blick bestätigte Eftian, dass es sich um ein kapitales Exemplar handelte. Dann nahm er sich die Zeit, den Fremden genauer anzuschauen. Obgleich der Fischer angesichts der gelben Augen mit den schwarzen Sehschlitzen so etwas wie einen inneren Schlag verspürte, blieb er äußerlich völlig gelassen. 

Eftians ausgebleichte, abgewetzte Kleidung war an etlichen Stellen nur notdürftig zusammengeflickt. Er ging barfuß, und das leicht angerostete Fischmesser, mit dem er seinen Fang tötete und ausnahm, schien sein einziger nennenswerter Besitz zu sein. In seinen dunklen Augen lag jedoch ein wacher und aufmerksamer Ausdruck.

„Bist du Eftian, der die Versammlungen der Flussfischer leitet?“, fragte der Weiße Mann.

„Ja, das bin ich“, antwortete der Fischer. „Und wer bist du?“

„Mein Name ist Dorothon“, entgegnete der Fremde mit den goldenen Locken. „Ich habe eine Bitte.“

Eftian lächelte und sah an sich herab: „Ich wüsste nicht, was ich dir geben könnte.“

„Ich befinde mich zusammen mit drei Gefährten auf der Flucht“, erklärte der Weiße Mann. „Wir mussten Sindra verlassen und sind nun hier in einem fremden Land, das uns völlig unbekannt ist. Meine Begleiter stammen aus Sindra, Borgoi und Obesien. Wir suchen nach einem Ort, an dem wir uns vorübergehend verstecken können.“

„Fische und Gastfreundschaft sind die einzigen Güter, die wir Fremden anbieten können“, erwiderte Eftian. „Die meisten von uns besitzen nichts weiter als das eigene Leben. Ist es in Gefahr, wenn wir euch verstecken?“

Dorothon sah ihn nachdenklich an.

„Ich glaube, du hast dir diese Frage schon selbst beantwortet“, orakelte er. „Wir sind auf der Flucht vor mächtigen Feinden. Falls ihr uns versteckt, und sie uns finden, ist auch euer Leben bedroht. Aber wir suchen nur für kurze Zeit einen Unterschlupf. Wir wollen herausfinden, wo der Ort liegt, der in den alten Schriften die „Brutstätte des Zorns“ genannt wird. Dort wollen wir Zuflucht und Schutz suchen. Kannst du uns helfen?“

Eftian runzelte die Stirn.

„Die armen Menschen, die die Flussniederungen besiedeln, sind keine Schriftgelehrten“, stellte er klar. „Von dem Ort, den du genannt hast, habe ich noch nie gehört. Aber ich kann mit den anderen Flussfischern besprechen, ob sie bereit sind, euch vorübergehend Gastfreundschaft zu gewähren.“

Dorothon atmete auf.

Er hatte gehört, dass Eftians Stimme großes Gewicht bei den bettelarmen Bewohnern der Niederungen hatte, die sich selbst die „freien Menschen der Flüsse“ nannten. Wenn es ihm gelang, seine Schicksalsgenossen zu überzeugen, sollte er mit seinen Begleitern und ihrer außergewöhnlichen Fracht wenigstens vorübergehend in Sicherheit sein. Die „freien Menschen der Flüsse“ lebten tief im Wald an allen fischreichen Nebenflüssen westlich des Tephral. Trotz der erheblichen Ausdehnung ihres Siedlungsgebiets hatten sie wegen ihrer Armut und der landwirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit der sumpfigen, unwegsamen Waldgebiete kaum Kontakte zur restlichen Bevölkerung Borthuls. Zumindest für eine gewisse Zeitspanne erschienen Dorothon daher die Flussniederungen westlich des Tephral ein gutes Versteck zu sein. Dennoch war er enttäuscht, dass sich seine Hoffnung, mit Eftians Hilfe die „Brutstätte des Zorns“ zu finden, zerschlagen hatte.

Der Weiße Mann führte den Flussfischer zu einem dicht bewachsenen Hügel, wo die Kutsche mit der Ovaria stand. Jalbik Gisildawain und der obesische Kutscher hatten sie zusätzlich mit Zweigen und Rankgewächsen abgedeckt.

Beim Anblick Quosimangas fuhr Eftian zusammen. Dorothon führte das darauf zurück, dass seine Söhne allein schon durch ihre ungewöhnliche Erscheinung die Menschen in Angst versetzten.

„Er wird dir nichts tun“, versprach der Replica. „Er ist mein Sohn.“

Der einfache Fischer verstand auf Anhieb die Gefühle des Vaters. „Es tut mir leid“, murmelte er. „Vielleicht liegt es daran, dass wehrlose Menschen besonders schreckhaft sind. Nicht der Anblick deines Sohnes hat diese Furcht in mir ausgelöst, sondern der Anblick seiner entsetzlichen Waffe.“

Dorothon sah Eftian forschend an. „Ich habe keine Waffe“, stellte er fest.

Der Fischer sah betreten zu Boden. Dorothon hatte offenbar seinen Gemütszustand genauestens ergründet. Vor dem Weißen Mann fürchtete sich Eftian noch weit mehr als vor dem Bewacher der Gruft, was jedoch durch Äußerlichkeiten und Waffen nicht erklärbar war. Das gab Dorothon zu denken.

 

*

 

Scharfe Windböen pfiffen in kurzen Abständen über die Hügel von Groch. Auf dem höchsten Punkt einer dieser Erhebungen hatte der Deltong sein Pferd angehalten. Die schwarzen, langen Haare flatterten um den bleichen Kopf des Mannes mit der schwarzen Kleidung. Sein Blick richtete sich hinab zur Surdyrischen Tiefebene.

Er hatte das Gefühl, dass die Durchführung seiner Aufgaben nicht leichter geworden war. Eigentlich wunderte er sich schon darüber, dass er überhaupt etwas fühlte. Genau genommen handelte es sich aber nicht um ein Gefühl, sondern um Empfindungen etlicher Völker, die er mit dem Dunstein in sich aufgenommen hatte.

Die Verfolgung des Ritters mit der goldenen Rüstung hatte er aufgeben müssen. Nach langen Irrwegen hatte er endlich dessen Pferd aufgestöbert; der Reiter blieb jedoch verschwunden. Jetzt galt es zu entscheiden, ob ihn sein nächster Weg nach Modonos oder nach Zitaxon führen sollte. Am Fuß des Hügels gabelte sich die Straße. Bis dahin musste die Entscheidung gefallen sein.

Nun sah der Deltong auch den kleinen Punkt neben der Weggabelung: ein Mensch, der sich nicht von der Stelle rührte. Seine kalten Berechnungen verrieten dem Schwarzgekleideten, dass er erwartet wurde. Von einem Opfer. Jetzt gab es für ihn keine Gegner mehr. Er lenkte sein Pferd zum Fuß des Hügels. An der Straßengabelung stand ein Mann mit weißer Haut und goldenen Locken und sah ihm ruhig entgegen.

„Du bist zu mir gekommen, obgleich du weißt, dass ich dich beseitigen muss?“, wunderte sich der Deltong. Es waren seine allerersten Worte.

„Nachdem die Schöpfer gegangen sind, hat das Eherne Gesetz seine Bedeutung verloren“, entgegnete Tholulh. „Ich bin hier, um den letzten Befehl der Schöpfer auszuführen.“

„Was ist der letzte Befehl?“, fragte der Deltong.

Mit unbewegtem Gesicht erklärte Tholulh: „Er lautet folgendermaßen; Falls der Tag kommen sollte, an dem die Gilde der Seelenlosen den Kontinent von all unseren Hinterlassenschaften reinigen muss, haben auch die Replicas ihr Leben verwirkt. Sie müssen jedoch den Seelenlosen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben helfen, wenn es Schwierigkeiten irgendwelcher Art geben sollte. Alle Unregelmäßigkeiten müssen gemeldet werden, so lautete der letzte Befehl der Schöpfer an die Weißen Menschen. Das Geflecht der alten Wesenheiten hat mir berichtet, dass die Quelle von Tirk Modon verschwunden ist. Ich bin hier, um dir dies mitzuteilen, weil keiner der Seelenlosen diese Quelle finden kann. Du bist bisher der einzige Seelenträger. Nur du kannst sie finden.“

Der Deltong bewertete den Wahrheitsgehalt dieser Aussage und befand, dass sie zutreffend sein musste. Der ehemalige Bewahrer des Ehernen Gesetzes war unfähig, zu lügen. Er opferte sich nun sogar freiwillig, wie ihm dies die Schöpfer aufgetragen hatten. 

Nicht einmal mit seiner überragenden Logik erkannte der Seelenträger die wahre Absicht des Weißen Mannes. Tholulh wollte ihn davon abhalten, bereits jetzt nach Sindra zu gehen. Damit gewann das Geflecht der alten Wesenheiten allerdings nur ein wenig Zeit. Es schien ein geringer Preis für das Leben eines Weißen Menschen. Tholulh sah dies jedoch anders. Es ging ihm nicht um sein eigenes Leben, sondern um das Überleben vieler anderer. Ein kleiner Zeitgewinn vermochte sie zwar nicht zu retten, vor allem nicht vor einem Seelenträger. Den einstigen Bewahrer des Ehernen Gesetzes hatten jedoch zwischenzeitlich einige verstörende Berichte erreicht. Darunter befanden sich Nachrichten, die selbst ihm unheimlich vorkamen. Er hatte den Eindruck gewonnen, dass auf dem Kontinent im Verborgenen eine ihm völlig unbekannte Lebensform in die Geschehnisse eingegriffen hatte. Der Weiße Mann klammerte sich an diesen winzigen Hoffnungsfunken. Vielleicht gab es wirklich eine dem Geflecht der alten Wesenheiten nicht feindlich gesonnene Macht.

Tholulh hatte nicht gelogen. Der „letzte Befehl“ der Schöpfer war ihm tatsächlich erteilt worden. Den Sinn und Zweck ihres Vernichtungswerks hatte er aber nicht verstehen können. Deshalb hatte er den „letzten Befehl“ auch nicht an die anderen Replicas weitergegeben.

Auch das Verschwinden der Quelle von Tirk Modon entsprach der Wahrheit. Diese Tatsache hatte er dem Seelenträger nur ungern verraten. Er hatte jedoch keine andere Möglichkeit gefunden, um den Deltong von seinem Weg nach Sindra abzubringen.

In der Hand des Seelenträgers lag nun eine stabförmige Waffe, gleichsam die Herausforderung zu einem Zweikampf. Tholulh zog jedoch keine Sekunde in Erwägung, sich zu verteidigen. Er wusste, dass er dem Tod ohnehin nicht entgehen konnte. Gegenwehr hätte nur seine Aussagen unglaubwürdig erscheinen lassen. Daher verharrte er reglos an Ort und Stelle. Der gleißende Strahl zuckte auf und durchbohrte seine Brust. Als der Weiße Mann auf dem Boden auftraf, war er bereits tot. Der Seelenträger nahm eine andere Einstellung an der Waffe vor und betätigte sie erneut. Ein aufgefächertes Lichtfeld ergoss sich über die Leiche und löste sie vollständig auf. Von dem einstigen Bewahrer des Ehernen Gesetzes blieb nichts übrig.

Der Seelenträger wählte den Weg nach Modonos. Tholulhs letzter Plan war aufgegangen.

 

*

 

Für den an Luxus gewöhnten Freibeuter stellte es ein Rätsel dar, wie Menschen unter derartigen Umgebungsbedingungen leben konnten. Ein ständiger Geruch nach Fäulnis hing in der Luft, und der feuchte Schlamm schien allgegenwärtig. Angeekelt versuchte Jalbik Gisildawain, sich diesem Umfeld anzupassen. Er hatte seine Hose über den Knien abgeschnitten und verzichtete auf jede Art von Fußbekleidung. Er empfand es als Erleichterung, wenn der Mon’ghal seinen Geist ausfüllte und alle widrigen Umstände ausblendete. Aber zuletzt waren diese Zeitspannen immer kürzer geworden. Trotz der nahen Ovaria versiegte offenbar zusehends die Kraft des kleinen Raupenwesens.

Der Freibeuter wunderte sich nun auch nicht mehr darüber, dass die restliche Bevölkerung von Borthul keinerlei Interesse am westlichen Landesteil und den „freien Menschen der Flüsse“ hatte.

Die Zuflucht in der ärmlichen Ansiedlung erschien ihm wegen der damit verbundenen Widrigkeiten sicherer als jedes andere Versteck. Daher konnte er nicht begreifen, warum Dorothon und Quosimanga unbedingt die „Brutstätte des Zorns“ finden wollten. Allerdings versuchte er auch nicht, ihnen dies auszureden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendein Ort auf der Welt schlimmer sein könnte als ihr derzeitiger Aufenthaltsort mit den armseligen, halb vermoderten Hütten in den diesigen Schlammniederungen der Nebenflüsse des Tephral. So hoffte er auch weiterhin, dass der Weiße Mann und sein Sohn möglichst bald Anhaltspunkte entdecken würden, die sie zu ihrem eigentlichen Ziel führen konnten.

Selbst Dorothon und Quosimanga litten unter dem Schmutz und dem ewig feuchten, ungesunden Klima, obgleich sie gegen Krankheiten jedweder Art gefeit waren. Der ehemalige Bewacher der Gruft benahm sich ungeduldiger als sein Vater und drängte darauf, notfalls auf eigene Faust weiterzuziehen und die „Brutstätte des Zorns“ auf gut Glück zu suchen. Dorothon lehnte dagegen grundsätzlich jedwede aus Verzweiflung geborene Entschlüsse ab und hoffte weiterhin, durch Eftian oder einen der anderen Flussfischer den entscheidenden Hinweis auf den gesuchten Zielort zu erlangen. Sein Standpunkt wurde jedoch immer schwerer zu verteidigen, nachdem auch Jalbik Gisildawain und der obesische Kutscher nachdrücklich für Quosimanga Partei ergriffen, wenngleich ihnen dieser Mann alles andere als sympathisch war.

Dann erkrankte der Kutscher. Sein an die Trockenheit Süd-Obesiens gewöhnter Körper vertrug die dampfende Schwüle der schlammigen Flussniederungen am wenigsten von allen. Ein heftiges Fieber ergriff ihn. Trotz der warmen Temperaturen zitterte er vor Kälte. Dorothon und Eftian betteten ihn auf die hölzerne Liege der kargen Behausung, die ihm die Fischer zur Verfügung gestellt hatten. Nachdem der Weiße Mann den Obesier mit seiner Jacke zugedeckt hatte, verließ er die Hütte, um mit Quosimanga das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Eftian blieb bei dem Kutscher zurück, denn er wusste, dass dieser den Tag voraussichtlich nicht überleben würde. Das gefürchtete Tephral-Fieber raffte die Erkrankten, die es befallen hatte, in kürzester Zeit dahin. Da die „freien Menschen der Flüsse“ von Natur aus, eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen das tödliche Fieber besaßen, hatten sie es bisher nicht für nötig befunden, nach einem Mittel zur Bekämpfung der Krankheit zu forschen. Eftian betrachtete es als seine Aufgabe, seinen Gast mit Wasser zu versorgen und ihm die letzten Stunden zu erleichtern, so gut es eben unter diesen Umständen ging.

In seinen Fieberträumen wälzte sich der in Schweiß gebadete Obesier stöhnend auf seiner Liegestatt hin und her. Dorothons Jacke fiel dabei zu Boden. Der Fischer hob sie wieder auf und legte sie erneut behutsam auf den Kutscher, der nun langsam zur Ruhe kam und nur noch leise wimmerte.

Eftian stutzte. Auf dem Boden lagen zwei kleine, graue Kieselsteine, die sich zuvor dort nicht befunden hatten. Sie mussten aus Dorothons Jacke herausgefallen sein. Erstaunt hob er einen der Steine hoch. Weshalb trug der Weiße Mann zwei unscheinbare Kiesel mit sich herum? Eftian hielt den Stein gegen die Sonnenstrahlen, die durch das kleine Fenster ins Innere der Hütte fielen. Auf den ersten Blick konnte er nichts Besonderes feststellen. Erst als er den etwas kleineren Kiesel genauer betrachtete, fiel ihm das Blinken eines einzelnen, winzigen Lichtpunktes auf. Mit bloßem Auge konnte man ihn fast kaum erkennen.

„Ich habe den Wächter des Großen Sumpfbaums gefunden“, erklang es in Eftians Kopf.

 Vor Schreck hätte der Fischer den Stein beinahe fallen lassen. Dann gewann er aber schnell seine Fassung zurück. Stimmen in seinem Kopf waren für ihn keine neue Erfahrung.

„Wer bist du, und warum hast du nach mir gesucht?“, fragte er leise.

„Ich bin eine verlorene Seele“, erscholl die Stimme erneut in Eftians Kopf. „Als ich noch einen Körper besaß, trug ich den Namen Lodrigur. Bald werde ich endgültig sterben. Seit einer geraumen Weile suche ich nach einem geeigneten Menschen, dem ich vor meinem Tod die Geschichte der Seelensteine erzählen kann.“

Stumm konzentrierte sich der Flussfischer auf die unhörbaren Worte.

 

 „Ich wohnte auf einer Welt, die unvorstellbar weit von hier entfernt ist. Eines Tages wurde diese Welt von einem riesigen schwarzen Wirbel angesaugt und auf die Größe des Steins zusammengedrückt, den du nun in deiner Hand hältst. Dabei wurden alle Körper der Lebewesen dieser Welt zerstört. Ihre Seelen wurden jedoch in diesem Stein eingeschlossen. Vielleicht wären auch sie nur noch für die kurze Zeit erhalten geblieben, die ihrer restlichen Lebensspanne entsprochen hätte. Nachdem aber der schwarze Wirbel den Stein auf seiner entgegengesetzten Seite ausgespuckt hatte, wurde er von einem fremden Volk entdeckt, das mit Sternenfähren die unendlichen Weiten zwischen den Himmelskörpern bereist. Dieses Volk, das von seinen Geschöpfen auf dieser Welt „die Schöpfer“ genannt wird, hat unsere Seelen erhalten. Das geschah mit Hilfe von Kräften, die als „Lebensenergie“ bezeichnet werden. Ich weiß, dass du dir darunter nichts vorstellen kannst. Einige der Welten, die das gleiche Schicksal ereilte wie die meine, wurden ebenfalls in ihrer zusammengepressten Form hierhergebracht und im Wurzelbereich alter Bäume vergraben. Auf diese Weise haben die Schöpfer den alten Bäumen ermöglicht, den Seelen jener Welten eine Heimstatt zu geben. Die alten Bäume haben die Zeiten überdauert, weil sie die in kleinen Würfeln gespeicherte Lebensenergie empfangen konnten. Solange die Seelensteine bei ihren Bäumen geblieben sind, lebten sie mit den Seelen dieser Welt in Einklang. Sobald sie jedoch entfernt wurden, trat eine Störung des Gleichgewichts auf. Die Seelen in den Steinen haben dann versucht, die Körper ganzer Völker zu zerstören, um sich auf einer höheren Ebene an deren Seelen zu klammern und auf diese Weise die zu ihrem Fortbestand notwendige Energie zu erlangen. Das alles mag dir unverständlich erscheinen. Wichtig ist jedoch, dass nun für diese Welt eine Entscheidung getroffen werden muss: Wollt ihr weiterhin versuchen, die für euch fremden Seelen zu beherbergen und mit ihnen in Einklang zu leben, was für eure Entwicklung vorteilhaft, aber auch höchst gefährlich wäre? Oder soll nun alles zerstört werden, wie die Schöpfer dies vorgesehen haben? Das Werk der Vernichtung wurde bereits begonnen. Du kannst dich ihm entgegenstellen oder es geschehen lassen.“

Eftian war erschüttert. Verzweiflung lag in seiner Stimme, als er flüsterte: „Ich bin doch nur ein völlig unbedeutender Fischer. Wie soll ich eine solche Entscheidung treffen?“

Lodrigurs Antwort erfolgte jedoch sofort und unerbittlich: „Du bist ein Spiritant, und du bist keineswegs unbedeutend. In dir leben Generationen von Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Verhältnisse in dieser Welt zu verändern. Jeder Einzelne von ihnen ist an den widrigen Umständen seiner Zeit gescheitert und musste die hochfliegenden Pläne seiner Vorfahren begraben. Du bist nun der Erste, dem es tatsächlich vergönnt ist, eine Veränderung herbeiführen zu können, wie immer diese auch aussehen mag. Wer also könnte geeigneter sein als du, um die Entscheidung zu treffen, die getroffen werden muss?“

„Der Blick meiner Vorfahren richtete sich allein auf Sindra“, wandte Eftian zögerlich ein.

„Dann wirst du eben deinen Blick erweitern müssen“, entgegnete Lodrigur. „Auch ich musste das tun. Nachdem der Würfel ausgefallen war, der meinen Baum mit Lebensenergie versorgte, überlebte meine Seele bis jetzt durch eine eigene Energiequelle, die ich bei der Katastrophe zufällig an meinem Körper trug. Nun erlischt auch sie. Aber sie hat es mir ermöglicht, dich noch rechtzeitig zu finden. Sollte das alles umsonst gewesen sein?“

Die Stimme erstarb. Als Eftian den kleinen Stein erneut gegen das Licht hielt, konnte er den winzigen, blinkenden Punkt nicht mehr erkennen. Traurig schob er die beiden zusammengepressten Welten, aus denen nun endgültig alles Leben gewichen war, wieder in Dorothons Jacke zurück. In der kleinen, armseligen Hütte wurde es ganz still. Ein kurzer Blick genügte Eftian für die Feststellung, dass der Kutscher aus Obesien nicht mehr atmete. Der Glanz in seinen Augen war erloschen. Eftian schloss ihm die Lider.

Danach machte sich ein bettelarmer Flussfischer aus den Niederungen des Tephral auf den Weg, der ihm soeben bestimmt worden war. Schwer lastete die Bürde auf seinen Schultern, die ihm ein Mensch aus einer anderen Welt und aus einer längst vergessenen Zeit auferlegt hatte.

 

*

 

Aus Respekt vor dem Toten hatten sich seine engsten Mitstreiter um seine Urne versammelt. Das Treffen fand in dem Zimmer des Verstorbenen in einem abgelegenen Bereich des Inneren Zirkels statt. Genaugenommen handelte es sich um ein doppeltes Zimmer, von dem Roxolay einen Teil jahrzehntelang vor der Außenwelt abgeschirmt hatte.

Mitglieder des Inneren Zirkels wurden üblicherweise in der Akademie von Modonos beigesetzt. In einem an den unterirdischen Teil der Bibliothek angrenzenden Saal türmten sich kleine Steinladen, in denen die sterblichen Überreste der eingeäscherten Priester aufbewahrt wurden. Außer einer Inschrift mit dem Namen und der Stellung des Verstorbenen gab es keinerlei Zierrat.

Roxolay hatte sich in den letzten Jahren seines Lebens vom Orden weitgehend losgesagt. Er betrachtete stattdessen Rabenstein als sein Lebenswerk. Daher hatte er in einem Schreiben an Datiban, seinen engsten Vertrauten, verfügt, dass die Urne mit seiner Asche in Rabenstein bestattet werden sollte. Orhalura und Teralura, die Zwillinge aus Bogogrant, hatten sich bereiterklärt, den letzten Wunsch des entschlafenen Meisters der Todeszeremonie zu erfüllen und die Urne nach Rabenstein zu bringen. Sie waren gerade erst aus Bogogrant zurückgekehrt, wo sie den Anweisungen des unbekannten Briefeschreibers entsprechend die seltsamen schwarzen Gegenstände mit den bunten Punkten nahe der riesigen Zwillingsweide vergraben hatten. Dem fürchterlichen Wesen, vor dem der Verfasser des Briefes gewarnt hatte, waren sie dabei glücklicherweise nicht begegnet.

Jobork und Datiban fassten den Entschluss, in Modonos zu bleiben. Der Höchste Priester hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass Tornantha in Begleitung eines Bewachers der Gruft von Kostondio in die Hauptstadt Obesiens zurückkehrte. Sein Vetter Atarco galt als verschollen. Für Jobork stand damit fest, dass er die „Riege der Freiheit“ im Auge behalten musste. Datiban erschien ihm genau der richtige Mann zu sein, um ihn dabei zu unterstützen. Der Rektor von Albiros seinerseits fand dagegen noch wichtiger, dass sich jemand um die Überwachung des geheimen Raumes in der Ruinenstadt Derfat Timbris kümmerte.

Allein Zyrkols Entscheidung war noch nicht gefallen. Eigentlich erschien seine Anwesenheit in Dunculbur dringend erforderlich, obgleich er mit seinem Freund und Vertrauten Lerd einen stellvertretenden Rektor bestimmt hatte, dem er die reibungslose Führung des Monasteriums durchaus zutraute. Allerdings zeichnete sich im Ostteil Obesiens mittlerweile immer deutlicher eine Besorgnis erregende Zunahme von Schmuggler- und Räuberbanden ab. Die Ducarions von Dunculbur und Bogogrant beäugten sich eifersüchtig, weil jeder von ihnen befürchtete, der jeweils andere könne das derzeitige Machtvakuum zu seinem Vorteil ausnutzen und die alleinige Herrschaft über diesen Landesteil an sich reißen. Damit lähmten sie sich gegenseitig bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung.

Aus persönlichen Gründen neigte Zyrkol dennoch eher dazu, sich den Zwillingen aus Bogogrant anzuschließen und sie auf ihrer Reise nach Rabenstein zu begleiten. Ihn faszinierten dabei nicht nur die beiden ausnehmend hübschen Damen, sondern auch die Überlegungen, die hinter dem Umbau der ehemaligen Festung Charak Dun zu einer Begegnungsstätte und Schule standen. Insgeheim hatte er bereits mit dem Gedanken gespielt, sein Monasterium in Dunculbur nach dem Vorbild Rabensteins zu verändern.

Vorläufig zur Unterstützung Joborks und Datibans in Modonos zu bleiben, zog der Rektor von Dunculbur nicht in Betracht. Seine Aufgabe in der Akademie konnte als erledigt angesehen werden. Das echte Buch der Vorzeit war unter mysteriösen Umständen wiederaufgetaucht. Es schien nun auch klar, dass der geheimnisvolle Fremde, der sich hinter der äußeren Erscheinung Mulmoks verborgen hatte, für die Fälschungen verantwortlich war. Nur er hatte über die für Menschen des Kontinents nicht vorstellbaren Mittel verfügt, derartige Manipulationen zu bewerkstelligen. Inzwischen unterlag es keinem Zweifel mehr, dass er dies getan hatte, um Nachforschungen zu behindern. Begebenheiten, die tief in der Vergangenheit verborgen lagen, sollten dort begraben bleiben. Auch Zyrkol begann zu glauben, dass der rätselhafte Fremde dadurch die Menschheit beschützen wollte.

Letztlich besann sich der Rektor von Dunculbur auf seine Wurzeln. Er war ein Priester des Wissens, kein Feldherr. Im Grunde seines Herzens strebte er nicht nach weltlicher Macht, sondern nach Glück und Weisheit. Dies gab den Ausschlag zugunsten der Zwillinge und der Schule von Rabenstein. Dunculbur konnte warten, und der Osten würde sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen.

Zum letzten Mal reichten sich die fünf Priester des Wissens die Hände und bildeten einen Kreis um die Urne Roxolays. Die Zwillinge aus Bogogrant verständigten sich mit einem Blick. Teralura ergriff die Urne und verabschiedete sich mit einem leichten Kopfnicken stumm von Jobork und Datiban. Orhalura und Zyrkol folgten ihr.

„Brauchst du meine Hilfe in Modonos, Bruder Jobork?“, erkundigte sich Datiban. 

„Ich weiß, dass du in Derfat Timbris nach dem Rechten sehen willst“, erwiderte der Höchste Priester. „Aber vielleicht kannst du noch bis morgen damit warten. Ich habe für die zweite Stunde nach Mittag ein Treffen mit Tornantha und dem Mann aus Sindra vereinbart. Ich wäre sehr froh, wenn du mich zu diesem Treffen begleiten würdest. Der Mann aus Sindra, der zu den geheimnisvollen Bewachern der Gruft von Kostondio gehört, gilt als sehr gefährlich, und scheint etwas im Schilde zu führen. Bis vor kurzem hat noch nie einer dieser unheimlichen Männer Zitaxon verlassen. Nun scheinen sie sich sogar plötzlich in die Angelegenheiten fremder Länder einzumischen. Wenn wir den Orden vor Schaden bewahren wollen, müssen wir herausfinden, welches Vorhaben ihn nach Modonos geführt hat.“